Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band

Part 31

Chapter 313,613 wordsPublic domain

»Allüberwinder, Allerkenner bin ich, Von allen Dingen ewig abgeschieden, Verlassend alles, lebenswahngeläutert, Durch mich allein belehrt, wen kann ich nennen?

»Kein Lehrer hat mich aufgeklärt, Kein Wesen giebt es, das mir gleicht, Die Welt mit ihren Göttern hat Nicht Einen Ebenbürtigen.

»Denn ich bin ja der Herr der Welt, Der höchste Meister, der bin ich, Ein einzig Allvollendeter, Vollkommen Wahnerloschener.

»Der Wahrheit Reich erricht’ ich nun Und wandre zur Benāresstadt: Erdröhnen soll in finstrer Welt Die Trommel der Unsterblichkeit.«

›So glaubst du also, Bruder, dass du der Heilige bist, der Unumschränkte Sieger?‹

»Mir gleich, ja, werden Siegende, 457 Ist Wahnvertilgung ausgeübt: Besiegt hab’ ich das Sündige, Bin darum Sieger, Upako.«

»Auf diese Worte, Königsohn, erwiderte Upako der Nackte Büßer: ›Wenn’s nur wäre, Bruder!‹, schüttelte das Haupt, schlug einen Seitenweg ein und entfernte sich.

»Und ich zog nun, Königsohn, von Ort zu Ort nach Benāres, kam zum Seherstein, in den Wildpark, wo die Fünf verbündeten Mönche weilten. Da erblickten mich, Königsohn, die Fünf verbündeten Mönche von ferne herankommen, und als sie mich gesehn bestärkte einer den anderen: ›Da kommt, Bruder, jener Asket Gotamo heran, der Ueppige, der von der Askese abgefallen ist und sich der Ueppigkeit ergeben hat: wir wollen ihn weder begrüßen, noch uns erheben um ihm Mantel und Schaale abzunehmen, aber ein Sitz sei zugewiesen; wenn er will, mag er sich setzen.‹ Je mehr ich mich aber, Königsohn, näherte, desto weniger vermochten die Fünf verbündeten Mönche bei ihrem Entschluss zu verharren: einige kamen entgegen und nahmen mir Mantel und Schaale ab, einige baten mich Platz zu nehmen, einige machten ein Fußbad zurecht, und sie gingen mich mit dem Namen und dem Bruderworte an. Da sagte ich, Königsohn, zu den Fünf verbündeten Mönchen:

›Nicht gehet, ihr Mönche, den Vollendeten mit dem Namen und 458 dem Bruderworte an: heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten euch offenbar machen, verwirklichen und erringen.‹

»Auf diese Worte, Königsohn, erwiderten mir die Fünf verbündeten Mönche: ›Selbst durch deine so harte Buße, o Bruder Gotamo, durch deine Kasteiung, durch deine Schmerzensaskese hast du das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit nicht errungen: wie magst du nun jetzt, wo du üppig geworden, von der Askese abgefallen bist, der Ueppigkeit dich ergeben hast, das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit besitzen?‹ Auf diese Worte, Königsohn, erwiderte ich den Fünf verbündeten Mönchen:

›Nicht ist, ihr Mönche, der Vollendete üppig geworden, von der Askese abgefallen, der Ueppigkeit ergeben: heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten euch offenbar machen, verwirklichen und erringen.‹

»Und zum zweiten Mal nun, Königsohn, erwiderten mir die Fünf verbündeten Mönche: ›Selbst durch deine so harte Buße, o Bruder Gotamo, durch deine Kasteiung, durch deine Schmerzensaskese hast du das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit nicht errungen: wie magst du nun jetzt, wo du üppig geworden, 459 von der Askese abgefallen bist, der Ueppigkeit dich ergeben hast, das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit besitzen?‹ Und zum zweiten Mal nun, Königsohn, erwiderte ich den Fünf verbündeten Mönchen:

›Nicht ist, ihr Mönche, der Vollendete üppig geworden, von der Askese abgefallen, der Ueppigkeit ergeben: heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten euch offenbar machen, verwirklichen und erringen.‹

»Und zum dritten Mal nun, Königsohn, erwiderten mir die Fünf verbündeten Mönche: ›Selbst durch deine so harte Buße, o Bruder Gotamo, durch deine Kasteiung, durch deine Schmerzensaskese hast du das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit nicht errungen: wie magst du nun jetzt, wo du üppig geworden, von der Askese abgefallen bist, der Ueppigkeit dich ergeben hast, das überirdische, reiche Heilthum der Wissensklarheit besitzen?‹ Auf diese Worte, Königsohn, sagte ich zu den Fünf verbündeten Mönchen:

›Entsinnet ihr euch, ihr Mönche, dass ich je zuvor also gesprochen hätte?‹

›Nein, o Herr!‹

›Heilig, ihr Mönche, ist der Vollendete, der vollkommen Erwachte. Leihet Gehör, ihr Mönche, die Unsterblichkeit ist gefunden. Ich führe ein, ich lege die Lehre dar. Der Führung folgend werdet ihr in gar kurzer Zeit jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten 460 euch offenbar machen, verwirklichen und erringen.‹

»Und es gelang mir, Königsohn, den Fünf verbündeten Mönchen meine Erkenntniss mitzutheilen. Erst trug ich, Königsohn, zweien Mönchen die Lehre vor, drei Mönche gingen um Almosenspeise, und was die drei Mönche an Almosenspeise brachten, das theilten wir in sechs Theile und lebten davon. Dann trug ich, Königsohn, dreien Mönchen die Lehre vor, zwei Mönche gingen um Almosenspeise, und was die zwei Mönche an Almosenspeise brachten, das theilten wir in sechs Theile und lebten davon.

»Und die Fünf verbündeten Mönche, Königsohn, von mir also belehrt, also eingeführt, hatten sich da gar bald jenes Ziel, um dessen willen edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten offenbar gemacht, verwirklicht und errungen.«

Nach dieser Rede wandte sich Bodhi der Königsohn also an den Erhabenen:

»Wie lange braucht wohl, o Herr, ein Mönch, der den Vollendeten zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu verwirklichen und zu erringen?«

»Da will ich dir nun, Königsohn, eben hierüber eine Frage stellen: wie es dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was meinst du wohl, Königsohn: ist dir die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken genau bekannt?«

»Gewiss, o Herr, genau ist mir die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken bekannt.«

»Was meinst du wohl, Königsohn: da käme ein Mann herbei: ›Bodhi der Königsohn versteht die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken; bei ihm will ich diese Kunst erlernen.‹ Aber er 461 hätte kein Zutrauen, was man durch Zutrauen erreichen kann, das erreichte er nicht. Aber er wäre kränklich, was man durch Rüstigkeit erreichen kann, das erreichte er nicht. Aber er wäre listig und gleißnerisch, was man durch Ehrlichkeit und Offenheit erreichen kann, das erreichte er nicht. Aber er wäre feig, was man durch Tapferkeit erreichen kann, das erreichte er nicht. Aber er wäre blöde, was man durch Witz erreichen kann, das erreichte er nicht. Was meinst du wohl, Königsohn: könnte da nun dieser Mann die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken bei dir erlernen?«

»Und hätte, o Herr, dieser Mann auch nur eine solche Eigenschaft, so könnt’ er die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken bei mir nicht erlernen, geschweige mit fünf solchen Eigenschaften!«

»Was meinst du wohl, Königsohn: da käme ein Mann herbei: ›Bodhi der Königsohn versteht die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken; bei ihm will ich diese Kunst erlernen.‹ Aber er hätte Zutrauen, was man durch Zutrauen erreichen kann, das erreichte er. Aber er wäre rüstig, was man durch Rüstigkeit erreichen kann, das erreichte er. Aber er wäre ehrlich und offen, was man durch Ehrlichkeit und Offenheit erreichen kann, das erreichte er. Aber er wäre tapfer, was man durch Tapferkeit erreichen kann, das erreichte er. Aber er wäre witzig, was man durch Witz erreichen kann, das erreichte er. Was meinst du wohl, Königsohn; könnte da nun dieser Mann die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken bei dir erlernen?« 462

»Und hätte, o Herr, dieser Mann auch nur eine solche Eigenschaft, so könnt’ er die Kunst Elephanten zu besteigen und zu lenken bei mir erlernen, geschweige mit fünf solchen Eigenschaften!«

»Ebenso nun, Königsohn, giebt es auch hier fünf Kampfeseigenschaften: welche fünf? Da hat, Königsohn, der Mönch Zutrauen, er traut der Wachheit des Vollendeten, so zwar: ›Das ist der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene.‹ Rüstig ist er und munter, seine Kräfte sind gleichmäßig gemischt, weder zu kühl noch zu heiß, den mittleren Kampf zu bestehn. Ehrlich ist er und offen und giebt sich der Wahrheit gemäß dem Meister oder erfahrenen Ordensbrüdern zu erkennen. Muth hat er und Kraft unheilsame Dinge zu verleugnen und heilsame Dinge zu erringen, er dauert stark und standhaft aus, giebt den heilsamen Kampf nicht auf. Witzig ist er, mit der Weisheit begabt, die Aufgang und Untergang sieht, mit der heiligen, durchdringenden, die zur völligen Leidensversiegung führt. Das sind, Königsohn, die fünf Kampfeseigenschaften. Mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt, Königsohn, mag ein Mönch, der den Vollendeten zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu verwirklichen und zu erringen, sieben Jahre brauchen.

»Sei es, Königsohn, um die sieben Jahre: mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt mag ein Mönch, der den Vollendeten zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom 463 Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu verwirklichen und zu erringen, sechs Jahre, fünf Jahre, vier Jahre, drei Jahre, zwei Jahre, ein Jahr brauchen.

»Sei es, Königsohn, um das Jahr: mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt mag ein Mönch, der den Vollendeten zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu verwirklichen und zu erringen, sieben Monate, sechs Monate, fünf Monate, vier Monate, drei Monate, zwei Monate, einen Monat brauchen.

»Sei es, Königsohn, um den Monat, sei es um den halben Monat, sei es um sieben Tage, um sechs Tage, um fünf Tage, um vier 464 Tage, um drei Tage, sei es, Königsohn, um zwei Tage: mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt mag ein Mönch, der den Vollendeten zum Lenker hat, um jenes Ziel, warum edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit ziehn, die höchste Vollendung der Heiligkeit noch bei Lebzeiten sich offenbar zu machen, zu verwirklichen und zu erringen, einen Tag brauchen.

»Sei es, Königsohn, um einen Tag: mit diesen fünf Kampfeseigenschaften begabt kann ein Mönch, der den Vollendeten zum Lenker hat, am Abend eingeführt am Morgen den Ausgang finden, am Morgen eingeführt am Abend den Ausgang finden.«

Auf diese Worte wandte sich Bodhi der Königsohn also an den Erhabenen:

»O herrlich Erwachter, o herrliche Wahrheit, o herrlich verkündete Wahrheit, wo da einer am Abend eingeführt am Morgen den Ausgang finden kann, am Morgen eingeführt am Abend den Ausgang finden kann!«

Da meinte Sañjikāputto, der es gehört, der junge Brāhmane, sich an Bodhi den Königsohn wendend:

»So hat eben hier Herr Bodhi nur gesagt ›O herrlich Erwachter, o herrliche Wahrheit, o herrlich verkündete Wahrheit‹, aber nicht gesagt, dass er bei Ihm, dem Herrn Gotamo Zuflucht nehme, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft.«

»Nicht also rede, bester Sañjikāputto, nicht also rede, bester Sañjikāputto! Von meinem Mütterchen selber, bester Sañjikāputto, hab’ ich Folgendes erfahren, aus ihrem Munde vernommen. Es war einmal, bester Sañjikāputto, da weilte der Erhabene zu Kosambī, im Stiftungsgarten. Und das Mütterchen, schwanger mit mir, begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun mein Mütterchen also zum 465 Erhabenen: ›Was ich da, o Herr, im Leibe trage, das Knäblein oder das Mägdlein, das nimmt beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger mög’ es der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.‹ Es war einmal, bester Sañjikāputto, da weilte der Erhabene eben hier, im Bhagger-Lande, bei Suṃsumāragiram, im Forste des Bhesakaḷā-Waldes. Und meine Amme nahm mich zu Hüften[177], und begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und stellte sich seitwärts hin. Seitwärts stehend sprach nun meine Amme also zum Erhabenen: ›Dieser Bodhi, o Herr, der Königsohn, nimmt beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei den Jüngern: als Anhänger möge ihn der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.‹ Und so nehm’ ich denn, bester Sañjikāputto, zum dritten Mal beim Erhabenen Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«[178]

86.

Neunter Theil Sechste Rede

AṈGULIMĀLO

Erstes Bruchstück

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Um diese Zeit nun lebte im Reiche König Pasenadis von Kosalo ein Räuber, Aṉgulimālo[179] genannt, grausam und blutgierig, an Mord und Todtschlag gewohnt, ohne Mitleid gegen Mensch 466 und Thier. Der machte die Dörfer undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich. Er brachte die Leute um und hing sich die Fingerlein um den Hals.[180]

Und der Erhabene, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und begab sich nach Sāvatthī um Almosenspeise. Und als der Erhabene, von Haus zu Haus tretend, Almosen erhalten, kehrte er zurück und nahm das Mahl ein; dann brach er das Lager ab und ging, mit Mantel und Schaale versehn, des Weges hin, nach der Gegend wo Aṉgulimālo der Räuber hauste.

Es sahn aber Hirten und Landleute den Erhabenen des Weges hingehn, nach der Gegend wo Aṉgulimālo der Räuber hauste; und als sie den Erhabenen gesehn sprachen sie also zu ihm:

»Nicht dahin, Asket, wolle gehn! In jener Gegend, Asket, haust ein Räuber, Aṉgulimālo genannt, grausam und blutgierig, an Mord und Todtschlag gewohnt, ohne Mitleid gegen Mensch und Thier. Der macht die Dörfer undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich. Er bringt die Leute um und hängt sich die Fingerlein um den Hals. Nach jener Gegend, Asket, sind ja zehn Mann, und zwanzig Mann, und dreißig Mann, und vierzig Mann vereint ausgezogen, sind aber alle in die Gewalt Aṉgulimālo des Räubers gerathen!«

Also angeredet schritt der Erhabene schweigend weiter.

Und ein zweites Mal, und ein drittes Mal sprachen Hirten und 467 Landleute den Erhabenen also an: aber schweigend schritt der Erhabene weiter.

Und Aṉgulimālo der Räuber sah den Erhabenen von ferne herankommen, und als er ihn gesehn gedacht’ er bei sich: ›Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es! Auf diesem Wege sind ja zehn Mann, und zwanzig Mann, und dreißig Mann, und 468 vierzig Mann vereint ausgezogen und sind alle in meine Gewalt gerathen: und dieser Asket da kommt einzeln, allein, wie ein Eroberer heran! Wie, wenn ich nun diesem Asketen den Garaus machte?‹

Und Aṉgulimālo der Räuber nahm Schwerdt und Schild, hing Bogen und Köcher um und ging dem Erhabenen Schritt um Schritt nach.

Da ließ nun der Erhabene eine magische Erscheinung von solcher Art erscheinen, dass Aṉgulimālo der Räuber den Erhabenen, der gelassen dahinschritt, mit aller Macht laufend nicht einholen konnte. Und Aṉgulimālo der Räuber gedachte bei sich: ›Wunderbar, wahrlich, außerordentlich ist es! ich habe ja früher einen flüchtigen Elephanten überrascht und erreicht, ein flüchtiges Ross überrascht und erreicht, einen flüchtigen Wagen überrascht und erreicht, ein flüchtiges Reh überrascht und erreicht: aber diesen Asketen da, der gelassen dahingeht, kann ich mit aller Macht laufend nicht einholen!‹ Und er blieb stehn und rief dem Erhabenen zu:

»Stehe, Asket! Stehe, Asket!«

»Ich stehe, Aṉgulimālo: steh’ auch du.«

Da kam nun Aṉgulimālo dem Räuber der Gedanke: ›Diese Asketen des Sakyersohnes reden die Wahrheit, bekennen die Wahrheit: gleichwohl aber sagt dieser Asket, der da wandelt, ‚Ich stehe, Aṉgulimālo: steh’ auch du.‘ Wie, wenn ich nun diesen Asketen fragte?‹ Und Aṉgulimālo der Räuber sprach den Erhabenen mit dem Spruche an:

»Du wandelst, Büßer, wähnst dich aber stetig, Und mich, der stetig ist, mich wähnst du wandelnd; Ich frage dich, o Büßer, gieb mir Kunde: Wie bist du stetig denn, wie bin ich unstet?«

Der Herr:

»Beständig immerdar, Aṉgulimālo. 469 Bin ich, der keinem Wesen Leides anthut; Doch du hast wild gewüthet gegen Wesen: So bin ich stetig denn, so bist du unstet.«

* * * * *

Zweites Bruchstück

Aṉgulimālo:

Schon lang ist’s her, als einst der hohe Meister, Der Mönch erschienen mir in Waldes Mitte: Da rief ich aus: »Entsagen tausend Sünden Will ich um eines Wortes deiner Wahrheit!«

Ein Räuber war ich, ja, war Mord und Marter, War grausam, grässlich wie die Höllengründe: Zu Füßen lag der Räuber dem Willkommnen, Den Auferwachten fleht’ er an um Weihe.

Und Er, der auferwacht ist, mild und heilig, Der Herr der Welt mit allen ihren Göttern, »So komm’, o Jünger!« sprach zu mir der Meister, Nahm also auf mich in den Jüngerorden.

* * * * *

Drittes Bruchstück

Und der Erhabene begab sich nun, gefolgt vom ehrwürdigen Aṉgulimālo, auf die Wanderung nach Sāvatthī, von Ort zu Ort wandernd näherte er sich der Stadt.

Zu Sāvatthī weilte nun der Erhabene, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Um diese Zeit nun hatte sich vor dem Palaste König Pasenadis von Kosalo eine große Menschenmenge angesammelt, die laut lärmte und schrie:

»Ein Räuber, o König, lebt in deinem Lande, Aṉgulimālo genannt, grausam und blutgierig, an Mord und Todtschlag gewohnt, ohne Mitleid gegen Mensch und Thier. Der macht die Dörfer undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich. Er bringt die Leute um und hängt sich die Fingerlein um den Hals. Den soll der König unschädlich machen!«

Da brach denn König Pasenadi von Kosalo mit fünfhundert Reitern von Sāvatthī auf und kam noch am Nachmittag bis an den Garten 470 hin. So weit gefahren als man fahren konnte, stieg er vom Wagen ab und ging dann zu Fuße dorthin wo der Erhabene weilte, bot ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich seitwärts nieder. Und an König Pasenadi von Kosalo, der da zur Seite saß, wandte sich nun der Erhabene also:

»Was ist dir, großer König: hat etwa Magadhās König, Seniyo Bimbisāro, gedroht, oder Vesālīs Licchavier-Fürsten, oder andere deiner Mitherrscher?«

»Nicht hat mir, o Herr, Magadhās König, Seniyo Bimbisāro, gedroht, noch auch Vesālīs Licchavier-Fürsten oder andere meiner Mitherrscher: ein Räuber, o Herr, lebt in meinem Lande, Aṉgulimālo genannt, grausam und blutgierig, an Mord und Todtschlag gewohnt, ohne Mitleid gegen Mensch und Thier. Der macht die Dörfer undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich. Er bringt die Leute um und hängt sich die Fingerlein um den Hals. Den will ich, o Herr, unschädlich machen.«

»Wenn du aber, großer König, Aṉgulimālo sähest, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen, dem Tödten entfremdet, dem Stehlen entfremdet, dem Lügen entfremdet, zufrieden mit einer Mahlzeit, keusch wandelnd, tugendrein, edelgeartet; was würdest du da mit ihm machen?«

»Wir würden ihn, o Herr, ehrerbietig begrüßen, uns vor ihm erheben und ihn zu sitzen einladen, ihn bitten Kleidung, Speise, Lager und Arzenei für den Fall einer Krankheit anzunehmen, würden ihm wie sich’s gebührt Schutz und Schirm und Obhut angedeihen lassen: wie aber sollte, o Herr, ein so arger, bösartiger Mensch eine solche Tugendläuterung erfahren?« 471

Nun saß eben damals der ehrwürdige Aṉgulimālo nicht fern vom Erhabenen. Und der Erhabene wies mit dem rechten Arme hin und sprach also zu König Pasenadi von Kosalo:

»Der ist, großer König, Aṉgulimālo.«

Da kam nun den König Pasenadi von Kosalo Furcht an, Entsetzen an, seine Haare sträubten sich. Und der Erhabene sah den König Pasenadi von Kosalo erschreckt und erschüttert, mit gesträubtem Haar, und sprach also zu ihm:

»Sei unbesorgt, großer König, sei unbesorgt, großer König: da droht dir keine Gefahr.«

Und König Pasenadi von Kosalo wurde wieder beruhigt und beschwichtigt; und er trat an den ehrwürdigen Aṉgulimālo heran und sprach also zu ihm:

»Ist es denn, Herr, Aṉgulimālo?«

»Ja, großer König.«

»Welchem Stamme, Herr, gehörte des Ehrwürdigen Vater, welchem die Mutter an?«

»Gaggo war, großer König, mein Vater, Mantāṇī meine Mutter.«

»Mög’ es, Herr, der ehrwürdige Gaggo, der Sohn der Mantāṇī, zufrieden sein: ich will dafür Sorge tragen, dass der ehrwürdige Gaggo, der Sohn der Mantāṇī, mit Kleidung und Speise, Lager und Arzenei für den Fall einer Krankheit versehn sei.«

Aber jetzt war der ehrwürdige Aṉgulimālo Waldeinsiedler geworden, Brockenbettler, Fetzenträger, hatte drei Kleidungstücke. Und der ehrwürdige Aṉgulimālo sprach also zu König Pasenadi von Kosalo:

»Genug, großer König, schon hab’ ich mein Dreiwams.«

Da ging denn König Pasenadi von Kosalo wieder zum Erhabenen hin, bot ehrerbietigen Gruß dar und setzte sich seitwärts 472 nieder. Seitwärts sitzend sprach nun König Pasenadi von Kosalo zum Erhabenen also:

»Wunderbar, o Herr, außerordentlich, o Herr, ist es, wie da, o Herr, der Erhabene Unbändige bändigt, Unstillbare stillt, Unaussöhnliche aussöhnt! Denn ihn, o Herr, den wir weder mit Strafe noch Schwerdt bezwingen konnten, den hat der Erhabene ohne Strafe und Schwerdt bezwungen. -- Wohlan, o Herr, jetzt wollen wir aufbrechen: manche Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«

»Wie es dir nun, großer König, belieben mag.«

Und König Pasenadi von Kosalo stand von seinem Sitze auf, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, ging rechts herum und entfernte sich.

* * * * *

Viertes Bruchstück

Und der ehrwürdige Aṉgulimālo, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und ging nach Sāvatthī um Almosenspeise. Da sah der ehrwürdige Aṉgulimālo, als er auf der Straße von Haus zu Haus um Almosen stand, irgend ein Weib: die hatte eine Frühgeburt, eine Fehlgeburt gethan. Als er das gesehn gedacht’ er bei sich: ›Uebel steht es, wahrlich, um die Wesen, übel steht es, wahrlich, um die Wesen!‹ -- Und als der ehrwürdige Aṉgulimālo, von Haus zu Haus tretend, Almosen erhalten, kehrte er zurück, nahm das Mahl ein und begab sich dann dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun der ehrwürdige Aṉgulimālo zum Erhabenen also: