Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band

Part 29

Chapter 293,640 wordsPublic domain

»Gut, gut, großer König: es ist gut, großer König, dass du so denkst, und gut auch, dass du es von den Heiligen gehört hast. Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein Priester, es sei da ein Bürger, es sei da ein Diener kein Mörder und Dieb, kein Wüstling, Lügner, Verleumder, kein Zänker und Schwätzer, nicht begehrlich, nicht gehässig, recht gesinnt; mag der, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte gerathen, in himmlische Welt, oder nicht so, oder wie denkst du darüber?«

»Ein Priester, o Kaccāno, ein Bürger, ein Diener, der da kein Mörder und Dieb ist, kein Wüstling, Lügner, Verleumder, kein Zänker und Schwätzer, nicht begehrlich, nicht gehässig, recht gesinnt, der mag wohl, bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte gerathen, in himmlische Welt: so denk’ ich darüber, und so hab’ ich es auch von den Heiligen gehört.«

»Gut, gut, großer König: es ist gut, großer König, dass du so denkst, und gut auch, dass du es von den Heiligen gehört hast. Was meinst du wohl, großer König: ist es also, sind da diese 427 vier Kasten einander gleich, oder sind sie es nicht, oder wie denkst du darüber?«

»Allerdings, o Kaccāno, ist es also, da sind diese vier Kasten einander gleich, und ich kann hierbei keinerlei Unterschied merken.«[162]

»Darum soll man es eben, großer König, je nach dem Umstand beurtheilen, ob es bloßes Gerede ist unter den Leuten: ›Die Priester nur sind höchste Kaste, verworfen andere Kaste; die Priester nur sind helle Kaste, dunkel andere Kaste; die Priester nur können rein werden, nicht Unpriester; die Priester sind Brahmās Söhne, von ächter Abstammung, aus dem Munde geboren, in Brahmā gezeugt, in Brahmā gebildet, Erben Brahmās.‹ Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein Krieger, der breche in Häuser ein, oder raube fremdes Gut, oder stehle, oder betrüge, oder verführe Ehefrauen; und wenn deine Leute ihn fassten und dir brächten: ›Hier, o König, ist ein Räuber, ein Verbrecher: was du ihm bestimmst, diese Strafe gebiete!‹; was würdest du da mit ihm machen?«

»Wir würden ihn, o Kaccāno, hinrichten, oder ächten, oder bannen, oder je nach dem Falle züchtigen lassen.«

»Und warum das?«

»War er da, o Kaccāno, als Krieger bekannt, so hat er nun diesen Namen verloren: Räuber wird er schlechthin geheißen.«

»Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein Priester, sei da ein Bürger, sei da ein Diener, der breche in Häuser ein, oder raube fremdes Gut, oder stehle, oder betrüge, oder verführe Ehefrauen; und wenn deine Leute ihn fassten und dir brächten: ›Hier, o König, ist ein Räuber, ein Verbrecher: was du ihm bestimmst, diese Strafe gebiete!‹; was würdest du da mit ihm machen?«

»Wir würden ihn, o Kaccāno, hinrichten, oder ächten, oder bannen, oder je nach dem Falle züchtigen lassen.«

»Und warum das?«

»War er da, o Kaccāno, als Priester, oder als Bürger, oder als Diener bekannt, so hat er nun diesen Namen verloren: Räuber 428 wird er schlechthin geheißen.«

»Was meinst du wohl, großer König: ist es also, sind da diese vier Kasten einander gleich, oder sind sie es nicht, oder wie denkst du darüber?«

»Allerdings, o Kaccāno, ist es also, da sind diese vier Kasten einander gleich, und ich kann hierbei keinerlei Unterschied merken.«

»Darum soll man es eben, großer König, je nach dem Umstand beurtheilen, ob es bloßes Gerede ist unter den Leuten: ›Die Priester nur sind höchste Kaste, verworfen andere Kaste; die Priester nur sind helle Kaste, dunkel andere Kaste; die Priester nur können rein werden, nicht Unpriester; die Priester sind Brahmās Söhne, von ächter Abstammung, aus dem Munde geboren, in Brahmā gezeugt, in Brahmā gebildet, Erben Brahmās.‹ Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein Krieger, der habe sich Haar und Bart abgeschoren, das fahle Gewand angelegt, sei aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen, habe das Tödten verleugnet, das Stehlen verleugnet, das Lügen verleugnet, zufrieden mit einer Mahlzeit, keusch wandelnd, tugendrein, edelgeartet; was würdest du da mit ihm machen?«

»Wir würden ihn, o Kaccāno, ehrerbietig begrüßen, uns vor ihm erheben und ihn zu sitzen einladen, ihn bitten Kleidung, Speise, Lager und Arzenei für den Fall einer Krankheit anzunehmen, würden ihm wie sich’s gebührt Schutz und Schirm und Obhut angedeihen lassen.«[163]

»Und warum das?«

»War er da, o Kaccāno, als Krieger bekannt, so hat er nun diesen Namen verloren: Asket wird er schlechthin geheißen.«

»Was meinst du wohl, großer König: es sei da ein Priester, sei da ein Bürger, sei da ein Diener, der habe sich Haar und Bart abgeschoren, das fahle Gewand angelegt, sei aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen, habe das Tödten verleugnet, das Stehlen verleugnet, das Lügen verleugnet, zufrieden mit einer Mahlzeit, keusch wandelnd, tugendrein, edelgeartet: was würdest du da mit ihm machen?«

»Wir würden ihn, o Kaccāno, ehrerbietig begrüßen, uns vor ihm 429 erheben und ihn zu sitzen einladen, ihn bitten Kleidung, Speise, Lager und Arzenei für den Fall einer Krankheit anzunehmen, würden ihm wie sich’s gebührt Schutz und Schirm und Obhut angedeihen lassen.«

»Und warum das?«

»War er da, o Kaccāno, als Priester, oder als Bürger, oder als Diener bekannt, so hat er nun diesen Namen verloren: Asket wird er schlechthin geheißen.«[164]

»Was meinst du wohl, großer König: ist es also, sind da diese vier Kasten einander gleich, oder sind sie es nicht, oder wie denkst du darüber?«

»Allerdings, o Kaccāno, ist es also, da sind diese vier Kasten einander gleich, und ich kann hierbei keinerlei Unterschied merken.«

»Darum soll man es eben, großer König, je nach dem Umstand beurtheilen, oh es bloßes Gerede ist unter den Leuten: ›Die Priester nur sind höchste Kaste, verworfen andere Kaste; die Priester nur sind helle Kaste, dunkel andere Kaste; die Priester nur können rein werden, nicht Unpriester; die Priester sind Brahmās Söhne, von ächter Abstammung, aus dem Munde geboren, in Brahmā gezeugt, in Brahmā gebildet, Erben Brahmās.‹«

Nach diesen Worten wandte sich König Madhuro von Avanti also an den ehrwürdigen Mahākaccāno:

»Vortrefflich, o Kaccāno, vortrefflich, o Kaccāno! Gleichwie etwa, o Kaccāno, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder ein Licht in die Finsterniss hielte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch ist von Herrn Kaccāno die Lehre gar vielfach gezeigt worden. Und so nehm’ ich bei Herrn Kaccāno Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich 430 Herr Kaccāno betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«

»Nicht bei mir, großer König, wolle du Zuflucht nehmen: sondern bei Ihm, dem Erhabenen, nimm Zuflucht, bei dem ich Zuflucht genommen.«

»Wo aber, o Kaccāno, weilt Er jetzt, der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte?«

»Erloschen ist Er nun, großer König, der Erhabene, der Heilige, vollkommen Erwachte.«

»Wenn wir da hörten, o Kaccāno, Er, der Erhabene, sei dreißig Meilen fern, so würden wir eben dreißig Meilen wandern, Ihn, den Erhabenen zu sehn, den Heiligen, vollkommen Erwachten. Wenn wir da hörten, o Kaccāno, Er, der Erhabene, sei sechzig Meilen fern, sei neunzig Meilen, hundertzwanzig Meilen, hundertfünfzig Meilen fern, so würden wir eben hundertfünfzig Meilen wandern, Ihn, den Erhabenen zu sehn, den Heiligen, vollkommen Erwachten. Und wenn wir da hörten, o Kaccāno, dreihundert Meilen sei Er, der Erhabene, fern, so würden wir eben dreihundert Meilen wandern, Ihn, den Erhabenen zu sehn, den Heiligen, vollkommen Erwachten. Weil nun aber, o Kaccāno, Er, der Erhabene, erloschen ist, so nehmen wir eben bei Ihm, dem Erhabenen, der erloschen ist, unsere Zuflucht, und bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich Herr Kaccāno betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«[165]

85.

Neunter Theil Fünfte Rede

BODHI DER KÖNIGSOHN

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene im Lande der Bhagger, bei der Stadt Suṃsumāragiram, im Forste des Bhesakaḷā-Waldes.

Damals nun hatte Bodhi der Königsohn eben erst ein Landhaus, 431 Lotusrose genannt, sich erbauen lassen, und niemand noch hatte darin gewohnt, kein Asket und kein Priester noch irgendein menschliches Wesen.

Da nun wandte sich Bodhi der Königsohn also an Sañjikāputto den jungen Brāhmanen:

»Komm’, bester Sañjikāputto, und geh’ zum Erhabenen hin und bring’ dem Erhabenen zu Füßen meinen Gruß dar und wünsche Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein: ›Bodhi‹, sage, ›o Herr, der Königsohn, bringt dem Erhabenen zu Füßen Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein;‹ und füge hinzu: ›möge, o Herr‹, lässt er sagen, ›der Erhabene Bodhi dem Königsohne die Bitte gewähren, morgen mit den Mönchen bei ihm zu speisen!‹«

»Jawohl, Herr!« entgegnete da gehorsam Sañjikāputto der junge Brāhmane Bodhi dem Königsohne. Und er begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, tauschte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich seitwärts nieder. Seitwärts sitzend sprach nun Sañjikāputto der junge Brāhmane zum Erhabenen also:

»Bodhi, o Gotamo, der Königsohn, bringt Herrn Gotamo zu Füßen Gruß dar und wünscht Gesundheit und Frische, Munterkeit, Stärke und Wohlsein; und er lässt sagen: ›Möge, o Herr‹, sprach er, ›der Erhabene Bodhi dem Königsohne die Bitte gewähren, morgen mit den Mönchen bei ihm zu speisen!‹«

Schweigend gewährte der Erhabene die Bitte.

Als nun Sañjikāputto der junge Brāhmane der Zustimmung des Erhabenen gewiss war, stand er auf, begab sich zu Bodhi dem Königsohne zurück und sprach also zu ihm:

»Ausgerichtet haben wir Herrn Gotamo euere Botschaft: und Herr 432 Gotamo hat angenommen.«

Da ließ nun Bodhi der Königsohn am nächsten Morgen in seiner Behausung ausgewählte feste und flüssige Speise auftragen und den Boden in seinem Landhause Lotusrose mit weißen Geweben bespreiten, bis zur untersten Treppenstufe herab.[166] Dann befahl er Sañjikāputto dem jungen Brāhmanen:

»Eile dich, bester Sañjikāputto, geh’ hin zum Erhabenen und melde: ›Es ist Zeit, o Herr, das Mahl ist bereit.‹«

»Jawohl, Herr!« entgegnete da gehorsam Sañjikāputto der junge Brāhmane Bodhi dem Königsohne. Und er begab sich dorthin wo der Erhabene weilte, und gab dem Erhabenen Meldung:

»Es ist Zeit, o Gotamo, das Mahl ist bereit.«

Und der Erhabene rüstete sich beizeiten, nahm Mantel und Almosenschaale und begab sich zur Wohnung Bodhi des Königsohns. Um diese Zeit aber stand Bodhi der Königsohn vor dem Eingange seines Hauses, den Erhabenen erwartend. Und Bodhi der Königsohn sah den Erhabenen von ferne herankommen, und als er ihn gesehn schritt er ihm entgegen, bot ehrerbietigen Gruß dar, ließ den Erhabenen vorangehn und geleitete ihn zu der Lotusrose Landhaus. An die unterste Treppenstufe gelangt blieb der Erhabene stehn. Und Bodhi der Königsohn lud den Erhabenen ein: 433

»Möge, o Herr, der Erhabene die Gewebe beschreiten, möge der Willkommene die Gewebe beschreiten, auf dass es mir lange zum Wohle, zum Heile gereiche!«

Also eingeladen schwieg der Erhabene still. Und zum zweiten Male sprach Bodhi der Königsohn zum Erhabenen also; und zum zweiten Male schwieg der Erhabene still. Und zum dritten Male wandte sich Bodhi der Königsohn an den Erhabenen:

»Möge, o Herr, der Erhabene die Gewebe beschreiten, möge der Willkommene die Gewebe beschreiten, auf dass es mir lange zum Wohle, zum Heile gereiche!«

Da blickte nun der Erhabene auf den ehrwürdigen Ānando zurück. Und der ehrwürdige Ānando sprach also zu Bodhi dem Königsohne:

»Lass’ die Gewebe, Königsohn, fortschaffen; nicht will der Erhabene über Teppiche schreiten: auf die Nachfolger hat der Vollendete zurückgeblickt.«

Und Bodhi der Königsohn ließ die Gewebe fortschaffen und auf dem Söller der Lotusrose die Stühle bereit stellen. Und der Erhabene stieg die Terrasse empor und nahm mit den Mönchen auf den dargebotenen Sitzen Platz. Und Bodhi der Königsohn bediente und versorgte eigenhändig den Erwachten und seine Jünger mit ausgewählter fester und flüssiger Speise.

Nachdem nun der Erhabene gespeist und das Mahl beendet hatte, nahm Bodhi der Königsohn einen von den niederen Stühlen zur Hand und setzte sich zur Seite hin. Zur Seite sitzend sprach nun Bodhi der Königsohn zum Erhabenen also:

»Ich hab’ es, o Herr, bei mir bedacht: ›Man kann nicht Wohl um 434 Wohl gewinnen: um Wehe lässt sich Wohl gewinnen.‹«[167]

»Auch ich hab’ es, Königsohn, noch vor der vollen Erwachung, als unvollkommen Erwachter, Erwachung erst Erringender, bei mir bedacht: ›Man kann nicht Wohl um Wohl gewinnen: um Wehe lässt sich Wohl gewinnen.‹ Und da bin ich, Königsohn, nach einiger Zeit, noch in frischer Blüthe, glänzend dunkelhaarig, im Genusse glücklicher Jugend, im ersten Mannesalter[168], gegen den Wunsch meiner weinenden und klagenden Eltern, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen.

»Also Pilger geworden, das wahre Gut suchend, nach dem unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, begab ich mich zu Āḷāro Kālāmo und sprach zu ihm: ›Ich möchte, Bruder Kālāmo, in dieser Lehre und Ordnung das Asketenleben führen.‹ Hierauf, Königsohn, erwiderte mir Āḷāro Kālāmo: ›Bleibt, Ehrwürdiger! Solcherart ist diese Lehre, dass ein verständiger Mann, sogar binnen kurzem, sich die eigene Meisterschaft begreiflich und offenbar machen und ihren Besitz erlangen kann.‹ Und ich begriff, Königsohn, binnen kurzem, sehr bald diese Lehre. Ich lernte nun soviel, Königsohn, als Lippen und Laute mitzutheilen vermögen, das Wort des Wissens und das Wort der älteren Jünger, und ich und die anderen wussten: ›Wir kennen und verstehn es.‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Āḷāro Kālāmo verkündet nicht die ganze Lehre nach seinem Glauben ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ 435 ich in ihrem Besitze‘, sicher kennt Āḷāro Kālāmo diese Lehre genau.‹ Ich ging nun, Königsohn, zu Āḷāro Kālāmo hin und sprach also: ›Inwiefern, Bruder Kālāmo, erklärst du, dass wir diese Lehre begriffen, uns offenbar gemacht und ihren Besitz erlangt haben?‹ Hierauf, Königsohn, stellte Āḷāro Kālāmo das Reich des Nichtdaseins dar.[169] Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Zuversicht, ich aber habe Zuversicht; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Standhaftigkeit, ich aber habe Standhaftigkeit; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Einsicht, ich aber habe Einsicht; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Selbstvertiefung, ich aber habe Selbstvertiefung; nicht einmal Āḷāro Kālāmo hat Weisheit, ich aber habe Weisheit. Wie, wenn ich nun diese Lehre, von welcher Āḷāro Kālāmo sagt ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem Besitze‘, mir anzueignen suchte, damit sie mir völlig klar würde?‹ Und binnen kurzem, sehr bald, Königsohn, hatte ich diese Lehre begriffen, mir offenbar gemacht und ihren Besitz erlangt. Ich ging nun, Königsohn, wieder zu Āḷāro Kālāmo hin und sprach also: ›Ist diese Lehre, Bruder Kālāmo, insofern von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt worden?‹ -- ›Insofern, o Bruder, ist diese Lehre begriffen, offenbar gemacht und erlangt worden.‹ -- ›Ich habe nun, Bruder Kālāmo, diese Lehre insofern begriffen, mir offenbar gemacht und 436 erlangt.‹ -- ›Beglückt sind wir, o Bruder, hoch begünstigt, die wir einen solchen Ehrwürdigen als ächten Asketen erblicken! So wie ich die Lehre verkünde, so hast du sie erlangt; so wie du sie erlangt hast, so verkünde ich die Lehre. So wie ich die Lehre kenne, so kennst du die Lehre. So wie du die Lehre kennst, so kenne ich die Lehre. So wie ich bin, so bist du; so wie du bist, so bin ich. Komm’ denn, Bruder: selbander wollen wir diese Jüngerschaar lenken.‹ So, Königsohn, erklärte Āḷāro Kālāmo, mein Lehrer, mich, seinen Schüler, als ihm ebenbürtig und ehrte mich mit hoher Ehre. Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Nicht diese Lehre führt zur Abkehr, zur Wendung, zur Auflösung, zur Aufhebung, zur Durchschauung, zur Erwachung, zur Erlöschung, sondern nur zur Einkehr in das Reich des Nichtdaseins.‹ Und ich fand diese Lehre, Königsohn, ungenügend; und unbefriedigt von ihr zog ich fort.

»Ich begab mich nun, Königsohn, das wahre Gut suchend, nach dem unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, zu Uddako, dem Sohne des Rāmo, und sprach zu ihm: ›Ich möchte, Bruder Rāmo, in dieser Lehre und Ordnung das Asketenleben führen.‹ Hierauf, Königsohn, erwiderte mir Uddako Rāmaputto: ›Bleibt, 437 Ehrwürdiger! Solcherart ist diese Lehre, dass ein verständiger Mann, sogar binnen kurzem, sich die eigene Meisterschaft begreiflich und offenbar machen und ihren Besitz erlangen kann.‹ Und ich begriff, Königsohn, binnen kurzem, sehr bald diese Lehre. Ich lernte nun soviel, Königsohn, als Lippen und Laute mitzutheilen vermögen, das Wort des Wissens und das Wort der älteren Jünger, und ich und die anderen wussten: ›Wir kennen und verstehn es.‹ Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Rāmo hat nicht die ganze Lehre nach seinem Glauben ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem Besitze‘ verkündet, sicher hat Rāmo diese Lehre genau gekannt.‹ Ich ging nun, Königsohn, zu Uddako, dem Sohne Rāmos, hin und sprach also: ›Inwiefern, Bruder, hat Rāmo diese Lehre als von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt erklärt?‹ Hierauf, Königsohn, stellte Uddako, der Sohn Rāmos, das Reich der Gränze möglicher Wahrnehmung dar.[170] Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Nicht einmal Rāmo hatte Zuversicht, ich aber habe Zuversicht; nicht einmal Rāmo hatte Standhaftigkelt, ich aber habe Standhaftigkeit; nicht einmal Rāmo hatte Einsicht, ich aber habe Einsicht; nicht einmal Rāmo hatte Selbstvertiefung, ich aber habe Selbstvertiefung; nicht einmal Rāmo hatte Weisheit, ich aber habe Weisheit. Wie, wenn ich nun diese Lehre, von welcher Rāmo sagte ‚Mir selbst begreiflich und offenbar gemacht verweil’ ich in ihrem Besitze‘, mir anzueignen suchte, damit sie mir völlig klar würde?‹ Und binnen kurzem, sehr bald, Königsohn, hatte ich diese Lehre begriffen, mir offenbar gemacht und ihren Besitz erlangt. Ich ging nun, 438 Königsohn, wieder zu Uddako, dem Sohne Rāmos, und sprach also: ›Ist diese Lehre, Bruder, der Darlegung Rāmos gemäß insofern von uns begriffen, offenbar gemacht und erlangt worden?‹ -- ›Insofern, Bruder, hat Rāmo diese Lehre als begriffen, offenbar gemacht und erlangt dargestellt.‹ -- ›Ich habe nun, Bruder, diese Lehre insofern begriffen, mir offenbar gemacht und erlangt.‹ -- ›Beglückt sind wir, o Bruder, hoch begünstigt, die wir einen solchen Ehrwürdigen als ächten Asketen erblicken! So wie Rāmo die Lehre verkündet hat, so hast du die Lehre erlangt; so wie du sie erlangt hast, so hat Rāmo die Lehre verkündet. So wie Rāmo die Lehre gekannt hat, so kennst du die Lehre; so wie du die Lehre kennst, so hat Rāmo die Lehre gekannt. So wie Rāmo war, so bist du; so wie du bist, so war Rāmo. Komm’ denn, o Bruder: sei du das Haupt dieser Jüngerschaar.‹ So, Königsohn, belehnte Uddako Rāmaputto, mein Ordensbruder, mich mit der Meisterschaft und ehrte mich mit hoher Ehre. Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Nicht diese Lehre führt zur Abkehr, zur Wendung, zur Auflösung, zur Aufhebung, zur Durchschauung, zur Erwachung, zur Erlöschung, sondern nur zur Einkehr in das Reich der Gränze möglicher Wahrnehmung.‹ Und ich fand diese 439 Lehre, Königsohn, ungenügend; und unbefriedigt von ihr zog ich fort.

»Ich wanderte nun, Königsohn, das wahre Gut suchend, nach dem unvergleichlichen höchsten Friedenspfade forschend, im Māgadhā-Lande von Ort zu Ort und kam in die Nähe der Burg Uruvelā. Dort sah ich einen entzückenden Fleck Erde: einen heiteren Waldesgrund, einen hell strömenden Fluss, zum Baden geeignet, erfreulich, und rings umher Wiesen und Felder. Da kam mir, Königsohn, der Gedanke: ›Entzückend, wahrlich, ist dieser Fleck Erde! Heiter ist der Waldesgrund, der Fluss strömt hell dahin, zum Baden geeignet, erfreulich, und rings umher liegen Wiesen und Felder. Das genügt wohl einem Askese begehrenden edlen Sohne zur Askese.‹ Und ich setzte mich nun, Königsohn, dort nieder: ›Das genügt zur Askese.‹

»Da sind mir nun, Königsohn, drei Gleichnisse aufgeleuchtet, naturgemäße, nie zuvor gehörte.

»Gleichwie etwa, Königsohn, wenn ein feuchtes, leimiges Holzscheit ins Wasser geworfen würde; da träte ein Mann hinzu, mit einem Reibholz versehn: ›Ich will Feuer erwecken, Licht hervorbringen.‹ Was meinst du nun, Königsohn: könnte wohl dieser Mann, mit dem Reibholz das feuchte, leimige, ins Wasser geworfene Holzscheit reibend, Feuer erwecken, Licht hervorbringen?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Jenes Holzscheit, o Herr, ist ja feucht, leimig und überdies noch ins Wasser geworfen! Alle Plage und Mühe des Mannes wäre 440 vergeblich.«

»Ebenso nun auch, Königsohn, steht es mit jenen Asketen oder Priestern, die des Körpers nicht, nicht der Wünsche entwöhnt sind, die was bei ihren Wünschen Wunscheswille, Wunschesleim, Wunschestaumel, Wunschesdurst, Wunschesfieber ist, die das nicht innerlich ausgetrieben, ausgeglüht haben: wenn da jene lieben Asketen und Priester herantretende schmerzliche, brennende, bittere Gefühle erfahren, so sind sie unfähig zum Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung; und auch wenn jene lieben Asketen und Priester keine herantretenden schmerzlichen, brennenden, bitteren Gefühle erfahren, so sind sie auch dann unfähig zum Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung. Dieses Gleichniss nun, Königsohn, war das erste mir aufleuchtende, das naturgemäße, nie zuvor gehörte.

»Und hierauf ist mir nun, Königsohn, ein zweites Gleichniss aufgeleuchtet, ein naturgemäßes, nie zuvor gehörtes. Gleichwie etwa, Königsohn, wenn ein feuchtes, leimiges Holzscheit fern vom Wasser ans Land geworfen würde; da träte ein Mann hinzu, mit einem Reibholz versehn: ›Ich will Feuer erwecken, Licht hervorbringen.‹ Was meinst du nun, Königsohn: könnte wohl dieser Mann, mit dem Reibholz das feuchte, leimige, fern vom Wasser ans Land geworfene Holzscheit reibend, Feuer erwecken, Licht hervorbringen?«

»Gewiss nicht, o Herr!«

»Und warum nicht?«

»Jenes Holzscheit, o Herr, ist ja feucht, leimig, und wenn es auch außerhalb des Wassers am Lande liegt, alle Plage und Mühe des Mannes wäre vergeblich.«

»Ebenso nun auch, Königsohn, steht es mit jenen Asketen oder 441 Priestern, die des Körpers, die auch der Wünsche entwöhnt sind, die aber was bei ihren Wünschen Wunscheswille, Wunschesleim, Wunschestaumel, Wunschesdurst, Wunschesfieber ist, die das nicht innerlich ausgetrieben, ausgeglüht haben: wenn da jene lieben Asketen und Priester herantretende schmerzliche, brennende, bittere Gefühle erfahren, so sind sie unfähig zum Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung; und auch wenn jene lieben Asketen und Priester keine herantretenden schmerzlichen, brennenden, bitteren Gefühle erfahren, so sind sie auch dann unfähig zum Wissen, zur Klarsicht, zur unvergleichlichen Erwachung. Dieses Gleichniss nun, Königsohn, war das zweite mir aufleuchtende, das naturgemäße, nie zuvor gehörte.

»Und hierauf ist mir nun, Königsohn, ein drittes Gleichniss aufgeleuchtet, ein naturgemäßes, nie zuvor gehörtes. Gleichwie etwa, Königsohn, wenn ein trockenes, ausgedörrtes Holzscheit fern vom Wasser ans Land geworfen würde; da träte ein Mann hinzu, mit einem Reibholz versehn: ›Ich will Feuer erwecken, Licht hervorbringen.‹ Was meinst du nun, Königsohn: könnte wohl dieser Mann, mit dem Reibholz das trockene, ausgedörrte, fern vom Wasser ans Land geworfene Holzscheit reibend, Feuer erwecken, Licht hervorbringen?«

»Freilich, o Herr!«

»Und warum das?«

»Jenes Holzscheit, o Herr, ist ja trocken und ausgedörrt und 442 liegt fern vom Wasser am Lande.«