Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band
Part 27
»Nicht üben wir, o Schwestern, Kasteiung um Huldinen.«
»Schwestern hat uns der edle Gemahl, Raṭṭhapālo genannt!« schrien sie und fielen da bewusstlos zu Boden.
Und nun wandte sich der ehrwürdige Raṭṭhapālo also an seinen Vater:
»Soll, Hausvater, Atzung gereicht werden, so reiche sie: lass’ 396 uns nicht länger quälen.«
»Bediene dich, Raṭṭhapālo, bereit ist das Mahl.«
Und des ehrwürdigen Raṭṭhapālo Vater bediente und versorgte eigenhändig den ehrwürdigen Raṭṭhapālo mit ausgewählter fester und flüssiger Speise.
Nachdem nun der ehrwürdige Raṭṭhapālo gespeist und das Mahl beendet hatte, ließ er, schon erhoben, folgende Weise verlauten:
»Schau’ wie der Balg ist aufgeputzt, Der ganz aus Wunden doch besteht, Der siech ist, voll von Willensdrang, Der dauerlos erstirbt, verstiebt.
»Schau’ wie der Leib ist aufgeputzt, Rubinbehangen, goldgeschmückt, Das hautverbrämte Beingerüst, Im Glanze seiner Kleiderpracht!
»Das rothbelackte Füßlein da, Der Lippe Purpur, Lippe Duft: Verblendet blinzelt schon der Thor, Doch keiner, der die Küste sucht.
»Das achtgetheilte Haargezöpf, Die schwanken Wimpern, schwarz gefärbt: Verblendet blinzelt schon der Thor, Doch keiner, der die Küste sucht.
»Gleichwie man Wände neu bemalt Betünchen sie den faulen Leib: Verblendet blinzelt schon der Thor, Doch keiner, der die Küste sucht.
»Die Schlinge warf ein Wildrer aus, Das Wild verbarg sich, floh den Bast, Genoss das Futter, fing sich nicht Und ließ den Wildrer lauern nur.«
Als dann der ehrwürdige Raṭṭhapālo, schon erhoben, diese Weise gesagt hatte, ging er hinweg und begab sich zu König Koravyos[149] Jagdgelände. Dort saß er am Fuß eines Baumes nieder, bis Abend zu verweilen.
Aber König Koravyo hatte den Wildmeister zu sich befohlen:
»Sorge dafür, guter Wildmeister, dass mein Jagdgelände, der 397 Wildgarten, sauber sei: wir wollen eine Ausfahrt machen, in die schöne Umgebung hinaus.«
»Wohl, o König!« entgegnete da gehorsam der Wildmeister dem Herrscher. Und er ließ das Jagdgelände säubern und sah den ehrwürdigen Raṭṭhapālo am Fuß eines Baumes tagüber sitzen. Und er ging zum Herrscher zurück und sprach also zu ihm:
»Sauber, o König, ist das Jagdgelände; doch weilt Raṭṭhapālo darin, ein junger Edelmann, der Erbe eines der ersten Adelsgeschlechter eben hier von Thūlakoṭṭhitam, den du oft gepriesen hast: der hat sich am Fuß eines Baumes über den Tag hingesetzt.«
»So sei es denn, guter Wildmeister, um die heutige Gartenfahrt: wir wollen dann eben diesen Herrn Raṭṭhapālo aufsuchen.«
Und König Koravyo befahl: »Was an Speise und Trank da vorgesorgt war, das soll alles vertheilt werden«; und er ließ viele prächtige Wagen bespannen, bestieg selbst einen solchen und fuhr also mit überaus reichem königlichen Gepränge aus der Stadt hinaus, den ehrwürdigen Raṭṭhapālo zu besuchen. So weit gefahren als man fahren konnte, stieg er vom Wagen ab und ging dann zu Fuße, während er das Gefolge zurückbleiben hieß, dorthin wo der ehrwürdige Raṭṭhapālo weilte. Bei ihm angelangt wechselte er höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte und stellte sich seitwärts hin. Seitwärts stehend sprach nun König Koravyo also zum ehrwürdigen Raṭṭhapālo:
»Möge Herr Raṭṭhapālo sich hier auf die Schabracke hinsetzen!«
»Schon gut, großer König: du setze dich hin; ich bleibe auf 398 meinem Platze.«
Da setzte sich König Koravyo auf den dargebotenen Sitz. Und er sprach also zum ehrwürdigen Raṭṭhapālo:
»Vier Arten giebt es, o Raṭṭhapālo, von Verderbniss, wo da mancher, davon betroffen, sich Haar und Bart abscheert, das fahle Gewand anlegt und aus dem Hause in die Hauslosigkeit zieht: welche vier? Alterverderbniss, Krankheitverderbniss, Besitzverderbniss, Verwandtenverderbniss. Was ist aber, o Raṭṭhapālo, Alterverderbniss? Da ist einer, o Raṭṭhapālo, alt und greis geworden, hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt. Der überlegt bei sich: ›Ich bin jetzt alt geworden und greis und hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt; nicht wohl, freilich, geht es an, dass ich noch nicht erworbenen Besitz mir erwerbe, oder den erworbenen Besitz mehre. Wie, wenn ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹ Und weil er also von Alterverderbniss betroffen ist, scheert er sich Haar und Bart ab, legt das fahle Gewand an und zieht aus dem Hause in die Hauslosigkeit. Das heißt man, o Raṭṭhapālo, Alterverderbniss. Aber Herr Raṭṭhapālo steht jetzt in frischer Blüthe, glänzend dunkelhaarig, im Genusse glücklicher Jugend, im ersten Mannesalter: fremd ist Herrn Raṭṭhapālo jene Alterverderbniss. Was hat Herr Raṭṭhapālo erfahren oder gesehn oder gehört, und ist aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen?
»Und was ist, o Raṭṭhapālo, Krankheitverderbniss? Da ist einer, 399 o Raṭṭhapālo, siech, leidend, schwerkrank. Der überlegt bei sich: ›ich bin jetzt siech, leidend, schwerkrank; nicht wohl, freilich, geht es an, dass ich noch nicht erworbenen Besitz mir erwerbe, oder den erworbenen Besitz mehre. Wie, wenn ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹ Und weil er also von Krankheitverderbniss betroffen ist, scheert er sich Haar und Bart ab, legt das fahle Gewand an und zieht aus dem Hause in die Hauslosigkeit. Das heißt man, o Raṭṭhapālo, Krankheitverderbniss. Aber Herr Raṭṭhapālo ist ja gesund und munter, seine Kräfte sind gleichmäßig gemischt, weder zu kühl noch zu heiß: fremd ist Herrn Raṭṭhapālo jene Krankheitverderbniss.[150] Was hat Herr Raṭṭhapālo erfahren oder gesehn oder gehört, und ist aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen?
»Und was ist, o Raṭṭhapālo, Besitzverderbniss? Da ist einer, o Raṭṭhapālo, reich, mit Geld und Gut mächtig begabt; und er büßt seinen Besitz nach und nach ein. Der überlegt bei sich: ›Ich bin ehedem reich gewesen, mit Geld und Gut mächtig begabt; und ich habe meinen Besitz nach und nach eingebüßt. Nicht wohl, freilich, geht es an, dass ich noch nicht erworbenen Besitz mir erwerbe, oder den erworbenen Besitz mehre. Wie, wenn ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹ Und weil er also von Besitzverderbniss betroffen ist, scheert er 400 sich Haar und Bart ab, legt das fahle Gewand an und zieht aus dem Hause in die Hauslosigkeit. Das heißt man, o Raṭṭhapālo, Besitzverderbniss. Aber Herr Raṭṭhapālo ist eben hier zu Thūlakoṭṭhitam Erbe eines der ersten Adelsgeschlechter: fremd ist Herrn Raṭṭhapālo jene Besitzverderbniss. Was hat Herr Raṭṭhapālo erfahren oder gesehn oder gehört, und ist aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen?
»Und was ist, o Raṭṭhapālo, Verwandtenverderbniss? Da hat einer, o Raṭṭhapālo, viele Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern; und diese Sippen sterben ihm nach und nach aus. Der überlegt bei sich: ›Einst hatte ich viele Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern; und diese Sippen sind mir nach und nach ausgestorben. Nicht wohl, freilich, geht es an, dass ich noch nicht erworbenen Besitz mir erwerbe, oder den erworbenen Besitz mehre. Wie, wenn ich nun, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewande bekleidet, aus dem Hause in die Hauslosigkeit hinauszöge?‹ Und weil er also von Verwandtenverderbniss betroffen ist, scheert er sich Haar und Bart ab, legt das fahle Gewand an und zieht aus dem Hause in die Hauslosigkeit. Das heißt man, o Raṭṭhapālo, Verwandtenverderbniss. Aber Herr Raṭṭhapālo hat eben hier zu Thūlakoṭṭhitam viele Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern: fremd ist Herrn Raṭṭhapālo jene Verwandtenverderbniss. Was hat Herr Raṭṭhapālo erfahren oder gesehn oder gehört, und ist aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen? -- Das sind, o Raṭṭhapālo, die vier Arten von Verderbniss, wo da mancher, davon betroffen, sich 401 Haar und Bart abscheert, das fahle Gewand anlegt und aus dem Hause in die Hauslosigkeit zieht: fremd sind diese Herrn Raṭṭhapālo. Was hat Herr Raṭṭhapālo erfahren oder gesehn oder gehört, und ist aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen?«
»Es sind, großer König, von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, vier Lehrsätze dargelegt worden; die hab’ ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen: welche vier? ›Aufgerieben wird die Welt, verweslich‹: so lautet, großer König, der erste Lehrsatz, der von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommem Erwachten, dargelegt wurde; den hab’ ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen. ›Hülflos ist die Welt, ohnmächtig‹: so lautet, großer König, der zweite Lehrsatz, der von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, dargelegt wurde; den hab’ ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen. ›Uneigen ist die Welt, alles verlassend muss man gehn‹: so lautet, großer König, der dritte Lehrsatz, der von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, dargelegt wurde; den hab’ ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen. ›Bedürftig ist die Welt, nimmersatt, durstverdungen‹: so lautet, großer König, der vierte Lehrsatz, der von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, dargelegt wurde; den hab’ ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause 402 in die Hauslosigkeit gezogen. Das sind, großer König, die vier Lehrsätze, die von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, dargelegt wurden; die hab’ ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen.«
»‚Aufgerieben wird die Welt, verweslich‘, hat Herr Raṭṭhapālo gesagt: wie aber soll man, o Raṭṭhapālo, den Sinn dieser Worte verstehn?«
»Was meinst du wohl, großer König: bist du mit zwanzig oder mit fünfundzwanzig Jahren imstande gewesen Elephanten zu bändigen, Rosse zu reiten, Wagen zu lenken, Bogen zu spannen, Schwerdter zu schwingen? Bist du stark in den Schenkeln, stark in den Armen gewesen, tauglich genug zum Kampfe?«
»Ich bin, o Raṭṭhapālo, mit zwanzig oder mit fünfundzwanzig Jahren imstande gewesen Elephanten zu bändigen, Rosse zu reiten, Wagen zu lenken, Bogen zu spannen, Schwerdter zu schwingen, bin stark in den Schenkeln, stark in den Armen gewesen, tauglich genug zum Kampfe. Zuweilen fühlt’ ich, o Raṭṭhapālo, fast Ueberkraft in mir: nicht hab’ ich an Stärke meines Gleichen gekannt.«
»Was meinst du wohl, großer König: bist du auch jetzt ebenso stark in den Schenkeln und Armen, tauglich genug zum Kampfe?«
»Das nicht, o Raṭṭhapālo: jetzt bin ich alt und greis geworden, hochbetagt, dem Ende nahe, ausgelebt, stehe im achtzigsten Jahre. Zuweilen will ich, o Raṭṭhapālo, den Fuß dahinsetzen, und setze ihn dorthin.«
»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Aufgerieben wird die Welt, verweslich‹; das hab’ ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause in 403 die Hauslosigkeit gezogen.«
»Wunderbar, o Raṭṭhapālo, außerordentlich ist es, o Raṭṭhapālo, wie Er da so richtig gesagt hat, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, ›Aufgerieben wird die Welt, verweslich‹: denn aufgerieben wird, o Raṭṭhapālo, die Welt, verweslich. -- Versehn ist, o Raṭṭhapālo, meine Königsburg mit Kriegselephanten, mit Reiterei, mit Streitwagen, mit Fußtruppen, die uns in Noth und Gefahr zu Schutz und Trutz gereichen. ›Hülflos ist die Welt, ohnmächtig‹, hat Herr Raṭṭhapālo gesagt: wie aber soll man, o Raṭṭhapālo, den Sinn dieser Worte verstehn?«
»Was meinst du wohl, großer König: leidest du an irgend einem andauernden Uebel?«
»Ich leide, o Raṭṭhapālo, an dem Uebel der andauernden Gicht. Zuweilen, o Raṭṭhapālo, stehn meine Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern um mich herum und reden: ›Diesmal wird König Koravyo sterben! Diesmal wird König Koravyo sterben!‹«
»Was meinst du wohl, großer König: erlangst du das bei deinen Freunden und Genossen, Verwandten und Vettern: ›Kommt heran, ihr lieben Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern! Alle, die ihr da seid, mögt diesen Schmerz unter euch theilen, damit ich den Schmerz minder empfinde!‹, oder aber musst du den Schmerz allein erdulden?«
»Nicht kann ich das, o Raṭṭhapālo, bei meinen Freunden und Genossen, Verwandten und Vettern erlangen: ›Kommt heran, ihr lieben Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern! Alle, die ihr da seid, mögt diesen Schmerz unter euch theilen, damit ich den Schmerz minder empfinde!‹, sondern ich muss den Schmerz allein erdulden.«
»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Hülflos ist die Welt, ohnmächtig‹: das hab’ ich 404 erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen.«
»Wunderbar, o Raṭṭhapālo, außerordentlich ist es, o Raṭṭhapālo, wie Er da so richtig gesagt hat, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, ›Hülflos ist die Welt, ohnmächtig‹: denn hülflos ist, o Raṭṭhapālo, die Welt, ohnmächtig. -- Es findet sich, o Raṭṭhapālo, in meiner Königsburg reichlich Gold und Geschmeide vor, heimlich vergraben und offen aufgestellt. ›Uneigen ist die Welt, alles verlassend muss man gehn‹, hat Herr Raṭṭhapālo gesagt: wie aber soll man, o Raṭthapālo, den Sinn dieser Worte verstehn?«
»Was meinst du wohl, großer König: wie du hienieden mit dem Besitz und Genuss der fünf Begehrungen begabt bist, kannst du auch jenseit erlangen: ›Ebenso will ich mit eben diesem Besitz und Genuss der fünf Begehrungen begabt sein!‹, oder aber wird dieser Reichthum auf andere übergehn, und wirst du je nach den Thaten wandeln?«
»Nicht kann ich, o Raṭṭhapālo, wie da hienieden mit dem Besitz und Genuss der fünf Begehrungen begabt, auch jenseit erlangen: ›Ebenso will ich mit eben diesem Besitz und Genuss der fünf Begehrungen begabt sein!‹, sondern auf andere wird dieser Reichthum übergehn, und ich werde je nach den Thaten wandeln.«
»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Uneigen ist die Welt, alles verlassend muss man gehn‹; das hab’ ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen.«
»Wunderbar, o Raṭṭhapālo, außerordentlich ist es, o Raṭṭhapālo, 405 wie Er da so richtig gesagt hat, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, ›Uneigen ist die Welt, alles verlassend muss man gehn‹: denn uneigen ist, o Raṭṭhapālo, die Welt, alles verlassend muss man gehn.[151] -- ›Bedürftig ist die Welt, nimmersatt, durstverdungen‹, hat Herr Raṭṭhapālo gesagt: wie aber soll man, o Raṭṭhapālo, den Sinn dieser Worte verstehn?«
»Was meinst du wohl, großer König: gedeiht dir herrlich in Ueberfluss dein Kurūland?«
»Gewiss, o Raṭṭhapālo, gedeiht mir herrlich in Ueberfluss mein Kurūland.«
»Was meinst du wohl, großer König: wenn da ein Mann zu dir herkäme, von den östlichen Gränzen, glaubwürdig, vertrauenswürdig; und er träte zu dir und spräche also: ›O großer König, dass du es weißt: ich komme von den östlichen Gränzen her! Da hab’ ich ein mächtiges Reich gesehn, blühend, gedeihend, volkreich, von vielen Menschen bewohnt: da giebt es viel Kriegselephanten und Reiterei, Streitwagen und Fußtruppen, viel Elphenbein und Felle, viel Gold und Geschmeide, roh und bearbeitet, da giebt es viel Weibergesinde! Und man kann es mit einer gewissen Streitmacht erobern: erobere es, großer König!‹ Was würdest du da thun?«
»Wir würden es, o Raṭṭhapālo, eben erobern und beherrschen.«
»Was meinst du wohl, großer König: wenn da ein Mann zu dir herkäme, von den westlichen Gränzen, und von den nördlichen Gränzen, und von den südlichen Gränzen, und von jenseit des Ozeans, glaubwürdig, vertrauenswürdig; und er träte zu dir und spräche also: ›O großer König, dass du es weißt: ich komme von jenseit des Ozeans her! Da hab’ ich ein mächtiges Reich gesehn, blühend, gedeihend, volkreich, von vielen Menschen bewohnt: 406 da giebt es viel Kriegselephanten und Reiterei, Streitwagen und Fußtruppen, viel Elphenbein und Felle, viel Gold und Geschmeide, roh und bearbeitet, da giebt es viel Weibergesinde! Und man kann es mit einer gewissen Streitmacht erobern: erobere es, großer König!‹ Was würdest du da thun?«
»Wir würden es, o Raṭṭhapālo, eben auch erobern und beherrschen.«
»Daran aber, großer König, hat Er gedacht, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, als er gesagt hat: ›Bedürftig ist die Welt, nimmersatt, durstverdungen‹; das hab’ ich erfahren und gesehn und gehört, und bin aus dem Hause in die Hauslosigkeit gezogen.«
»Wunderbar, o Raṭṭhapālo, außerordentlich ist es, o Raṭṭhapālo, wie Er da so richtig gesagt hat, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte, ›Bedürftig ist die Welt, nimmersatt, durstverdungen‹: denn bedürftig ist, o Raṭṭhapālo, die Welt, nimmersatt, durstverdungen.«
* * * * *
Also sprach der ehrwürdige Raṭṭhapālo. Und nachdem er also geredet sprach er ferner noch dies:
»Ich sehe Menschen mächtig sein, gewaltig, Und reich und thörig keine Gabe geben: Begierig häufen an sie Gut an Güter Und haschen lüstern nach erneuten Lüsten.
»Und hätt’ ersiegt ein König sich die Erde, Und herrscht’ er weithin, bis zum Meere herrlich: Des Meeres Gränze grämt’ ihn ungesättigt, Nach neuen Siegen sehnt’ er sich hinüber.
»Der König und gar viele gehn entgegen Mit ungestilltem Durste düsterm Tode, Vergeblich abgenutzt stirbt nur der Leib hin: Denn keiner in der Welt wird satt an Süchten.
»Verwandte weinen, raufen sich die Locken Und rufen ›Wehe, weh’ uns, dass wir leben!‹ In weißes Linnen wickeln sie den Leichnam 407 Und schichten Scheite, schüren an die Lohe.
»Nun röstet er am Roste, rauh gerüttelt, Ein einzig Tüchlein deckt ihn, das ist alles: Der Abgelebte findet keine Zuflucht, Geliebte, Freunde nicht und nicht Genossen.
»Die Erben reißen sich um seinen Reichthum, Sein Wesen aber wandelt nach den Werken: Am Hingeschiednen haftet keine Habe, Nicht Weib und Kind, nicht Geld und Gut und Lande.
»Um Geld erkauft sich keiner langes Leben, Und Schätze schützen elend vor dem Alter: ›Gar kurz ist‹, künden Denker, ›unser Dasein, Und unbeständig, unstet, ohne Dauer.‹
»An Reiche rührt, an Arme rührt Berührung, Und wie der Thor, berührt wird auch der Weise; Doch Thoren reißt Berührung rasend nieder, An Weise rührend kann sie nimmer regen.
»So gilt wohl mehr als Geld und Güter Weisheit, Da sie Vollendung sälig uns entbietet: Unsälig stehn ja Wirre starr gebunden An Sein und Wiedersein und wirken Böses.
»Man keimt in Schooßen, keimt in andern Welten Und kehrt im Wandelkreise hin und wieder, Ergiebt sich gern dem Wahne der Gewohnheit: Und keimt in Schooßen, keimt in andern Welten.
»Gleichwie der Räuber, den die Falle festhält, Durch eigne That sich richtet, der Verruchte, So wird in andern Welten der Verwesne Durch eigne That gerichtet, der Verruchte.
»Wie launisch locken uns Begierden gaukelnd hin, Das Herz zerhämmernd, heftig, ungeheuer! Erkannt hab’ ich den Kummer der Begehrung, Bin darum Büßer nun, o König, Bettler.
»Der Mensch fällt, wie die Frucht vom Baume fällt herab, Noch unreif, oder reif, in raschem Sturze; So bin ich denn, o König, gern ein Bettler: Gewisse Pilgerschaft, sie dünkt mich besser.«[152]
83.
Neunter Theil Dritte Rede
MAKHADEVO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 408 Mithilā, im Mangohaine Makhadevos.[153] Und der Erhabene ließ, an einer bestimmten Stelle weilend, ein Lächeln sehn. Und der ehrwürdige Ānando gedachte da: ›Was ist wohl der Grund, was ist die Ursach, dass der Erhabene ein Lächeln gezeigt hat? Nicht ohne Anlass lächeln Vollendete.‹ Und der ehrwürdige Ānando schlug den Oberrock um die eine Schulter, faltete die Hände gegen den Erhabenen und sprach also:
»Was ist wohl, o Herr, der Grund, was ist die Ursach, dass der Erhabene ein Lächeln gezeigt hat? Nicht ohne Anlass lächeln Vollendete.«
»Einst war, Ānando, eben hier zu Mithilā, ein König gewesen, Makhadevo mit Namen, ein gerechter und wahrer König, auf dem Rechte ruhend, ein großer König, der das Recht zur Geltung brachte bei Priestern und Hausvätern, bei Bürgern und Bauern, der den Feiertag feierte bei Vollmond und Neumond und beiden Vierteln.[154]
»Und König Makhadevo, Ānando, wandte sich einst, als viele Jahre, viele Jahrhunderte, viele Jahrtausende vergangen waren, an seinen Bader:
›Wann du, bester Bader, auf meinem Haupte graue Haare wahrnimmst, dann sag’ es mir.‹[155]
›Wohl, o König!‹ entgegnete da gehorsam der Bader dem Herrscher.
Und der Bader, Ānando, nahm, als viele Jahre, viele Jahrhunderte, viele Jahrtausende vergangen waren, auf dem 409 Haupte des Herrschers graue Haare wahr; und als er sie wahrgenommen sprach er also zu ihm:
›Gemeldet haben sich beim Könige Götterboten: auf dem Haupte sind graue Haare erschienen.‹
›Wohlan denn, bester Bader, so nimm diese grauen Haare mit einer Zange zart heraus und leg’ sie mir auf die Hand.‹
›Wohl, o König!‹ entgegnete da gehorsam der Bader dem Herrscher, nahm diese grauen Haare mit einer Zange zart heraus und legte sie dem Herrscher auf die Hand. Und König Makhadevo, Ānando, gab dem Bader ein Dorf zu eigen, und er ließ den Kronprinzen, seinen ältesten Sohn, zu sich berufen und sprach also zu ihm:
›Gemeldet haben sich bei mir, theurer Prinz, Götterboten: auf dem Haupte sind graue Haare erschienen. Genossen hab’ ich ja die menschlichen Wonnen: es ist Zeit an himmlische Wonnen zu denken.[156] Komme, theurer Prinz, übernimm du diese Königsmacht: denn ich will mir Haar und Bart abscheeren, das fahle Gewand anlegen und aus dem Hause in die Hauslosigkeit wandern. Und so magst auch du, theurer Prinz, wann sich dir auf dem Haupte graue Haare gezeigt haben, deinem Bader ein Dorf zu eigen geben, deinen ältesten Sohn, den Kronprinzen, mit der Königsmacht treulich betrauen, dir Haar und Bart abscheeren, das fahle Gewand anlegen und aus dem Hause in die Hauslosigkeit ziehn.[157] Wie dieser gesegnete Wandel von mir gewiesen mögst du ihm nachkommen, auf dass du nicht mein letzter Nachkomme seiest. In einem Weltalter, theurer Prinz, wo der also gesegnete Wandel gebrochen wird, da wird der letzte 410 der Nachkommen sein. Darum hab’ ich dir, theurer Prinz, also gerathen: Wie dieser gesegnete Wandel von mir gewiesen mögst du ihm nachkommen, auf dass du nicht mein letzter Nachkomme seiest.‹