Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band
Part 21
»Er ist nun Pilger geworden und hat die Ordenspflichten der Mönche auf sich genommen. Lebendiges umzubringen hat er verworfen, Lebendiges umzubringen liegt ihm fern: ohne Stock, ohne Schwerdt, fühlsam, voll Theilnahme, hegt er zu allen lebenden Wesen Liebe und Mitleid. Nichtgegebenes zu nehmen hat er verworfen, vom Nehmen des Nichtgegebenen hält er sich fern: Gegebenes nimmt er, Gegebenes wartet er ab, nicht diebisch gesinnt, rein gewordenen Herzens. Die Unkeuschheit hat er verworfen, keusch lebt er: fern zieht er hin, entrathen der Paarung, dem gemeinen Gesetze. Lüge hat er verworfen, von Lüge hält er sich fern: die Wahrheit spricht er, der Wahrheit ist er ergeben, standhaft, vertrauenswürdig, kein Häuchler und Schmeichler der Welt. Das Ausrichten hat er verworfen, vom Ausrichten hält er sich fern: was er hier gehört hat erzählt er dort nicht wieder, um jene zu entzweien, und was er dort gehört hat erzählt er hier nicht wieder, um diese zu entzweien; so einigt er Entzweite, festigt Verbundene, Eintracht macht ihn froh, Eintracht freut ihn, Eintracht beglückt ihn, Eintracht fördernde Worte spricht er. Barsche Worte hat er verworfen, von barschen Worten hält er sich fern: Worte, die frei von Schimpf sind, dem Ohre wohlthuend, liebreich, zum Herzen dringend, höflich, viele erfreuend, viele erhebend, solche Worte spricht er. Plappern und Plaudern hat er verworfen, von Plappern und Plaudern hält er sich fern: zur rechten Zeit spricht er, den Thatsachen gemäß, auf den Sinn bedacht, der Lehre und Ordnung getreu, seine Rede ist reich an Inhalt, gelegentlich mit Gleichnissen geschmückt, klar und bestimmt, ihrem Gegenstande angemessen.
»Sämereien und Pflanzungen anzulegen hat er verschmäht. Einmal des Tags nimmt er Nahrung zu sich, nachts ist er nüchtern, fern liegt es ihm zur Unzeit zu essen. Von Tanz, Gesang, Spiel, Schaustellungen hält er sich fern. Kränze, Wohlgerüche, Salben, Schmuck, Zierrath, Putz weist er ab. Hohe, prächtige Lagerstätten verschmäht er. Gold und Silber nimmt er nicht an. Rohes Getreide nimmt er nicht an. Rohes Fleisch nimmt er nicht an. Frauen und Mädchen nimmt er nicht an. Diener und Dienerinen nimmt er nicht an. Ziegen und Schaafe nimmt er nicht an. Hühner und Schweine nimmt er nicht an. Elephanten, Rinder und Rosse nimmt er nicht an. Haus und Feld nimmt er nicht an. Botschaften, Sendungen, Aufträge übernimmt er nicht. Von Kauf und Verkauf hält er sich fern. Von falschem Maaß und Gewicht hält er sich fern. Von den schiefen Wegen der Bestechung, 346 Täuschung, Niedertracht hält er sich fern. Von Raufereien, Schlägereien, Händeln, vom Rauben, Plündern und Zwingen hält er sich fern.
»Er ist zufrieden mit dem Gewande, das seinen Leib deckt, mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Wohin er auch pilgert, nur mit dem Gewande und der Almosenschaale versehn pilgert er. Gleichwie da etwa ein beschwingter Vogel, wohin er auch fliegt, nur mit der Last seiner Federn fliegt, ebenso auch ist der Mönch mit dem Gewande zufrieden, das seinen Leib deckt, mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Wohin er auch wandert, nur damit versehn wandert er.
»Durch die Erfüllung dieser heiligen Tugendsatzung empfindet er ein inneres fleckenloses Glück.
»Erblickt er nun mit dem Gesichte eine Form, so fasst er keine Neigung, fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth, böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gesichtes verweilt, befleißigt er sich dieser Bewachung, er hütet das Gesicht, er wacht eifrig über das Gesicht.
»Hört er nun mit dem Gehöre einen Ton,
»Riecht er nun mit dem Geruche einen Duft,
»Schmeckt er nun mit dem Geschmacke einen Saft,
»Tastet er nun mit dem Getaste eine Tastung,
»Erkennt er nun mit dem Gedenken ein Ding, so fasst er keine Neigung, fasst keine Absicht. Da Begierde und Missmuth, böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gedenkens verweilt, befleißigt er sich dieser Bewachung, er hütet das Gedenken, er wacht eifrig über das Gedenken.
»Durch die Erfüllung dieser heiligen Sinnenzügelung empfindet er ein inneres ungetrübtes Glück.[93]
»Klar bewusst kommt er und geht er, klar bewusst blickt er hin, blickt er weg, klar bewusst regt und bewegt er sich, klar bewusst trägt er des Ordens Gewand und Almosenschaale, klar bewusst isst und trinkt, kaut und schmeckt er, klar bewusst entleert er Koth und Harn, klar bewusst geht und steht und sitzt er, schläft er ein, wacht er auf, spricht er und schweigt er.
»Treu dieser heiligen Tugendsatzung, treu dieser heiligen Sinnenzügelung, treu dieser heiligen klaren Einsicht sucht er einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Nach dem Mahle, wenn er vom Almosengange zurückgekehrt ist, setzt er sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Er hat weltliche 347 Begierde verworfen und verweilt begierdelosen Gemüthes, von Begierde läutert er sein Herz. Gehässigkeit hat er verworfen, hasslosen Gemüthes verweilt er, voll Liebe und Mitleid zu allen lebenden Wesen läutert er sein Herz von Gehässigkeit. Matte Müde hat er verworfen, von matter Müde ist er frei; das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst, läutert er sein Herz von matter Müde. Stolzen Unmuth hat er verworfen, er ist frei von Stolz; innig beruhigten Gemüthes läutert er sein Herz von stolzem Unmuth. Das Schwanken hat er verworfen, der Ungewissheit ist er entronnen; er zweifelt nicht am Guten, vom Schwanken läutert er sein Herz.[94]
»Er hat nun diese fünf Hemmungen aufgehoben, hat die Schlacken des Gemüthes kennen gelernt, die lähmenden; gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen lebt er in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames 522 Recht erwirken.
»Weiter sodann, Sandako: nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens gewinnt der Mönch die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames Recht erwirken.
»Weiter sodann, Sandako: in heiterer Ruhe verweilt der Mönch gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so gewinnt er die Weihe der dritten Schauung.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames Recht erwirken.
»Weiter sodann, Sandako: nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erreicht der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames Recht erwirken.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die erinnernde Erkenntniss früherer Daseinsformen. So kann er sich an manche verschiedene frühere Daseinsform erinnern, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein‹: so 348 erinnert er sich mancher verschiedenen früheren Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames Recht erwirken.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss des Verschwindens-Erscheinens der Wesen. So kann er mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er kann erkennen wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige Welt‹: so kann er mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen sehn, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er kann erkennen wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames Recht erwirken.
»Solchen Gemüthes, innig, geläutert, gesäubert, gediegen, schlackengeklärt, geschmeidig, biegsam, fest, unversehrbar, richtet er das Gemüth auf die Erkenntniss der Wahnversiegung. ›Das ist das Leiden‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Leidensentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Leidensauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist der Wahn‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Wahnentwicklung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist die Wahnauflösung‹ erkennt er der Wahrheit gemäß. ›Das ist der zur Wahnauflösung führende Pfad‹ erkennt er der Wahrheit gemäß.
»Also erkennend, also sehend wird da sein Gemüth erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn, erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteht er da.
»Bei einem Meister aber, Sandako, wo der Jünger so ausgezeichnete Eigenschaft erwirbt, da mag ein verständiger Mann sicherlich Askese üben und, übt er sie, Aechtes, heilsames Recht erwirken.«
»Und wer da nun, o Ānando, ein heiliger Mönch ist, ein Wahnversieger, Endiger, der das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss erlöst hat: mag der Wünsche genießen?«
»Wer da, Sandako, ein heiliger Mönch ist, ein Wahnversieger, 523 Endiger, der das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss erlöst hat, der kann nicht mehr in einen der fünf Fälle gerathen: es kann nicht der wahnversiegte Mönch wissentlich ein Wesen des Lebens berauben; es kann nicht der wahnversiegte Mönch Ungegebenes, was man Diebstahl nennt, sich nehmen; es kann nicht der wahnversiegte Mönch der Paarung pflegen; es kann nicht der wahnversiegte Mönch wissentlich eine Lüge sagen; es kann nicht der wahnversiegte Mönch gemächlich Wünsche genießen wie etwa einst im Hause. Wer da, Sandako, ein heiliger Mönch ist, ein Wahnversieger, Endiger, der das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss erlöst hat, der kann nicht mehr in einen dieser fünf Fälle gerathen.«
»Und wer da nun, o Ānando, ein heiliger Mönch ist, ein Wahnversieger, Endiger, der das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss erlöst hat: hat der, ob er eben geht oder steht, schläft oder wacht, jederzeit die gesammte Wissensklarheit gegenwärtig: ›Versiegt ist mein Wahn‹?«
»Da lasse denn, Sandako, ein Gleichniss dir geben: auch durch Gleichnisse wird da manchem verständigen Manne der Sinn einer Rede klar. Gleichwie etwa, Sandako, einem Manne, dem Hand und Fuß abgehauen ist, ob er eben geht oder steht, schläft oder wacht, jederzeit wohl Hand und Fuß gänzlich abgehauen ist, aber weil er es da betrachtet weiß er: ›Abgehauen ist mir Hand und Fuß‹: ebenso nun auch, Sandako, ist einem heiligen Mönche, der Wahnversieger, Endiger ist, der das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss erlöst hat, ob er eben geht oder steht, schläft oder wacht, jederzeit wohl der Wahn gänzlich versiegt, aber weil er es da betrachtet weiß er: ›Versiegt ist mein Wahn.‹«
»Wieviele Vollender giebt es aber, o Ānando, in dieser Lehre und Ordnung?«
»Nicht giebt es. Sandako, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Vollender in dieser Lehre und Ordnung.«
»Wunderbar, o Ānando, außerordentlich ist es, o Ānando, dass da keiner die eigene Lehre anpreisen und die Lehre anderer schmähen mag, in einem Orden wo sich ja so viele Vollender zur Darlegung der Lehre finden lassen, während jene Nackten Büßer 524 sohnloser Mutter Söhne sind[95], sich selber anpreisen und andere schmähen, und doch nur drei Vollender anführen, nämlich Nando Vaccho, Kiso Saṉkicco und Makkhali Gosālo.«
Und nun wandte sich Sandako der Pilger an seine eigene Schaar:
»Gehet, ihr Lieben! Beim Asketen Gotamo ist ächte Asketenschaft. Mir selbst will es jetzt nicht leicht fallen, Almosen, Ehre und Ruhm dahinzugeben.«
* * * * *
Also ermunterte da Sandako der Pilger seine eigene Schaar, beim Erhabenen in Askese zu treten.
77.
Achter Theil Siebente Rede
SAKULUDĀYĪ
-- I --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei S 310 T Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen. Um diese Zeit nun hielten sich gar viele wohlbekannte, wohlangesehne Pilger im Pilgerhaine auf, am Pfauenhügel[96], und zwar Pilger wie Anubhāro[97], Varataro und Sakuludāyī, und noch andere wohlbekannte, wohlangesehne Pilger. Und der Erhabene, zeitig 311 gerüstet, nahm Mantel und Schaale und wanderte gegen Rājagaham, um Almosenspeise. Und es gedachte der Erhabene: ›Allzu früh ist’s noch, in der Stadt um Almosenspeise zu stehn; wie, wenn ich nun zum Pilgergarten, nach dem Pfauenhügel ginge, Sakuludāyī den Pilger besuchen?‹ Und der Erhabene begab sich zum Pilgergarten, nach dem Pfauenhügel hin.
Um diese Zeit aber war Sakuludāyī der Pilger, im weiten Kreise der Pilgerschaar sitzend, in lebhaftem Gespräche begriffen; und sie machten lauten Lärm, großen Lärm, und unterhielten sich über allerhand gemeine Dinge, als wie über Könige, über Räuber, über Fürsten und Soldaten, über Krieg und Kampf, über Speise und Trank, über Kleidung und Bett, über Blumen und Düfte, über Verwandte, über Fuhrwerk und Wege, über Dörfer und Burgen, über Städte und Länder, über Weiber und Weine, über Straßen und Märkte, über die Altvorderen und über die Veränderungen, über Volksgeschichten und Seegeschichten, über dies und das und dergleichen mehr.
Und Sakuludāyī der Pilger sah den Erhabenen von ferne herankommen, und als er ihn gesehn mahnte er die Umsitzenden zur Ruhe:
»Seid nicht so laut, ihr Lieben, macht keinen Lärm, ihr Lieben: da kommt der Asket Gotamo heran! Und er liebt nicht lauten Lärm, dieser Ehrwürdige, Ruhe preist er; vielleicht mag ihn der Anblick einer lautlosen Versammlung bewegen seine Schritte hierher zu lenken.«
Und so schwiegen denn diese Pilger still. Und der Erhabene kam näher zu Sakuludāyī dem Pilger heran. Und Sakuludāyī der Pilger sprach also zum Erhabenen:
»Es komme, o Herr, der Erhabene, gegrüßt sei, o Herr, der 312 Erhabene! Lange schon, o Herr, hat der Erhabene hoffen lassen, mich einmal hier zu besuchen. Möge sich, o Herr, der Erhabene setzen: dieser Sitz ist bereit.«
Es setzte sich der Erhabene auf den dargebotenen Sitz. Sakuludāyī aber, der Pilger, nahm einen von den niederen Stühlen zur Hand und setzte sich an die Seite. Und zu Sakuludāyī dem Pilger, der an der Seite saß, wandte sich nun der Erhabene mit den Worten:
»Zu welchem Gespräche, Udāyī, seid ihr jetzt hier zusammengekommen, und wobei habt ihr euch eben unterbrochen?«
»Sei es, o Herr, um jenes Gespräch, warum wir hier beisammen sind: schwerlich, o Herr, wird dem Erhabenen etwas entgehn, wenn es auch später zur Sprache kommt. -- Die vergangenen Tage, o Herr, vor einiger Zeit, haben sich mancherlei Büßer, Asketen und Priester, in der Volkshalle zu einer Sitzung eingefunden und unter einander also zu reden begonnen: ›Gesegnet, wahrlich, ist Bengālen und Magadhā, hochgesegnet, wahrlich, sein Volk, da diese Asketen und Priester, die von zahlreichen Jüngern und Anhängern umschaarten Häupter der Schulen, die bekannten, gefeierten Bahnbrecher, die viel bei den Leuten gelten, sich entschlossen haben in Rājagaham über die Regenzeit zu bleiben! Da ist ja Pūraṇo Kassapo, den zahlreiche Jünger und Anhänger als Haupt ihrer Schule umschaaren, ein bekannter, gefeierter Bahnbrecher, der viel bei den Leuten gilt: auch der hat sich entschlossen in Rājagaham über die Regenzeit zu bleiben. Da ist auch Makkhali Gosālo, da ist auch Ajito Kesakambalo, da ist Pakudho Kaccāyano, und Sañjayo Belaṭṭhaputto, und 313 Nigaṇṭho Nāthaputto, da ist auch der Asket Gotamo: ein jeder von zahlreichen Jüngern und Anhängern als Haupt der Schule umschaart, ein bekannter, gefeierter Bahnbrecher, der viel bei den Leuten gilt, und jeder will in Rājagaham über die Regenzeit bleiben. Welcher von diesen lieben Asketen und Priestern wird da im Kreise der Jünger werthgehalten, hochgeschätzt, geachtet und geehrt? Und wen[98], den sie werthhalten, hochschätzen, haben sie ihres Vertrauens gewürdigt?‹ Da sagten nun einige: ›Dieser Pūraṇo Kassapo hat zahlreiche Jünger und Anhänger um sich, ist das Haupt einer Schule, ein bekannter, gefeierter Bahnbrecher, der viel bei den Leuten gilt: aber er wird von den Jüngern nicht werthgehalten, nicht hochgeschätzt, nicht geachtet, nicht geehrt; nicht Pūraṇo Kassapo ist es, den die Jünger werthhalten, hochschätzen, ihres Vertrauens würdigen. Eines Tages trug Pūraṇo Kassapo einer vielhundertköpfigen Schaar seine Lehre vor. Da ließ sich einer der Jünger Pūraṇo Kassapos also vernehmen: ›Nicht soll, ihr Lieben, Pūraṇo Kassapo darum befragt werden: er weiß das nicht. Wir wissen es: uns mögt ihr darum befragen, wir werden es euch Lieben erklären.‹ Und Pūraṇo Kassapo rang da vergeblich die Hände und rief: ›Beruhigt euch, ihr Lieben! Redet, ihr Lieben, nicht so laut! ihr Lieben seid nicht gefragt worden, uns hat man gefragt! Wir wollen es ihnen klar machen.‹ Und viele der Jünger haben dann Pūraṇo Kassapo das Wort entwunden und sind 314 von ihm abgefallen: ›Nicht du kennst diese Lehre und Ordnung: ich kenne diese Lehre und Ordnung! Was wirst du diese Lehre und Ordnung verstehn? Auf falscher Fährte bist du: ich bin auf rechter Fährte. Mir ist’s gelungen: dir misslungen. Was vorher zu sagen ist hast du nachher gesagt: was nachher zu sagen ist hast du vorher gesagt. Deine Behauptung[99] ist umgestürzt, dein Wort dir entwunden worden: gebändigt bist du, gieb deine Rede verloren, oder widersteh’ wenn du kannst!‹ Und so wird Pūraṇo Kassapo von den Jüngern nicht werthgehalten, nicht hochgeschätzt, nicht geachtet, nicht geehrt; und nicht Pūraṇo Kassapo ist es, den die Jünger werthhalten, hochschätzen, ihres Vertrauens würdigen. Und erzürnt ist Pūraṇo Kassapo vom Zorn der Lehre.‹ -- Andere wieder sagten: ›Da ist auch Makkhali Gosālo, auch Ajito Kesakambalo, auch Pakudho Kaccāyano, und Sañjayo Belaṭṭhaputto, und Niganṭho Nāthaputto: ein jeder hat zahlreiche Jünger und Anhänger um sich, ist das Haupt einer Schule, ein bekannter, gefeierter Bahnbrecher, der viel bei den Leuten gilt[100]: aber keiner wird von den Jüngern werthgehalten und hochgeschätzt, keiner geachtet und geehrt; und keiner ist es, den die Jünger werthhalten, hochschätzen, 315 ihres Vertrauens würdigen. Und erzürnt sind sie alle vom Zorn der Lehre.‹ -- Wieder andere sagten: ›Dieser Asket Gotamo hat zahlreiche Jünger und Anhänger um sich, ist das Haupt einer Schule, ein bekannter, gefeierter Bahnbrecher, der viel bei den Leuten gilt: und er wird von den Jüngern werthgehalten, hochgeschätzt, geachtet und geehrt; der Asket Gotamo ist es, den die Jünger werthhalten, hochschätzen, ihres Vertrauens würdigen. Eines Tages trug der Asket Gotamo einer vielhundertköpfigen Schaar seine Lehre vor. Da ließ einer der Jünger des Asketen Gotamo ein Räuspern hören. Und einer der Ordensbrüder streifte ihn mit dem Knie an: ›Nicht so laut, Ehrwürdiger, bitte! Möge der Ehrwürdige sich leise verhalten: unser Meister, der Erhabene legt die Lehre dar.‹ Zu einer Zeit 316 wo der Asket Gotamo einer vielhundertköpfigen Schaar die Lehre darlegt, zu einer solchen Zeit hört man eben bei den Jüngern des Asketen Gotamo nicht einmal das Geräusch des Nießens oder Sichräusperns, und die ganze Schaar blickt erwartungsvoll auf zu ihm: ›Was uns der Erhabene wird lehren, dem wollen wir lauschen.‹[101] Gleichwie etwa wenn ein Mann auf
dem Hauptplatze Honig, süßen, gereinigten, auspresste, und es stände eine große Schaar Menschen erwartungsvoll rings um ihn her: ebenso nun auch sind sie um den Asketen Gotamo geschaart, wann er vielen Hunderten die Lehre darlegt; und da hört man bei den Jüngern des Asketen Gotamo nicht einmal das Geräusch des Nießens oder Sichräusperns, und die ganze Schaar blickt erwartungsvoll auf zu ihm: ›Was uns der Erhabene wird lehren, dem wollen wir lauschen.‹ Selbst jene Jünger des Asketen Gotamo, die sich den Ordensbrüdern angeschlossen hatten, dann die Askese aufgaben, um zur Gewohnheit zurückzukehren, auch die preisen das Lob des Meisters, preisen das Lob der Lehre, preisen das Lob der Jüngerschaft, tadeln sich selber nur, tadeln nicht andere: ›Wir nur sind unsälig, wir haben Schuld, die wir, in eine also wohlverkündete Lehre und Ordnung eingetreten, nicht imstande waren zeitlebens das vollkommene, vollendete Asketenleben zu führen.‹ Und sie leben auf dem Lande, oder leben als Anhänger, und halten an ihren fünf Grundsätzen fest.[102] So wird der Asket Gotamo von den Jüngern werthgehalten, hochgeschätzt, geachtet und geehrt; und der Asket Gotamo ist es, den die Jünger werthhalten, hochschätzen, ihres Vertrauens würdigen.‹« 317
»Was für Eigenschaften aber, Udāyī, merkst du an mir, warum mich die Jünger werthhalten, hochschätzen, achten und ehren und auch des Vertrauens würdigen?«