Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band
Part 17
»‚Drei Wissen weiß der Asket Gotamo‘: also redend, Vaccho, würde man eben meine Worte gebrauchen und mich nicht mit Unrecht anführen und der Lehre gemäß reden, so dass sich kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen könnte. Denn nach Belieben, Vaccho, erinnere ich mich an manche verschiedene frühere Daseinsform, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen. ›Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein.‹ So erinnere ich mich mancher verschiedenen früheren Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen. Und nach Belieben, Vaccho, seh’ ich mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich erkenne wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. ›Diese lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, gelangen sie abwärts, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige Welt.‹ So seh’ ich mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, ich erkenne wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren. Und ich habe, Vaccho, den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten mir offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. ‚Drei Wissen weiß der Asket Gotamo‘: also redend, Vaccho, würde man eben meine Worte gebrauchen und 483 mich nicht mit Unrecht anführen und der Lehre gemäß reden, so dass sich kein entsprechender Folgesatz als ungehörig erweisen könnte.«
Nach diesen Worten sprach Vacchagotto der Pilger zum Erhabenen also:
»Giebt es nun wohl, o Gotamo, irgend einen Hausgewohnten, der ohne die häuslichen Bande gelassen zu haben, bei der Auflösung des Körpers, dem Leiden ein Ende macht?«
»Nicht giebt es, Vaccho, irgend einen Hausgewohnten, der, ohne die häuslichen Bande gelassen zu haben, bei der Auflösung des Körpers, dem Leiden ein Ende macht.«
»Giebt es aber, o Gotamo, irgend einen Hausgewohnten, der, ohne die häuslichen Bande gelassen zu haben, bei der Auflösung des Körpers, in himmlische Welt gelangt?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr Hausgewohnte, die, ohne die häuslichen Bande gelassen zu haben, bei der Auflösung des Körpers, in himmlische Welt gelangen.«
»Und giebt es, o Gotamo, irgend einen Nackten Büßer, der, bei der Auflösung des Körpers, dem Leiden ein Ende macht?«
»Nicht giebt es, Vaccho, irgend einen Nackten Büßer, der, bei der Auflösung des Körpers, dem Leiden ein Ende macht.«
»Doch giebt es, o Gotamo, irgend einen Nackten Büßer, der, bei der Auflösung des Körpers, in himmlische Welt gelangt?«
»Von heute, Vaccho, zurück bis zum einundneunzigsten Weltalter, dessen ich gedenke, weiß ich von keinem Nackten Büßer, der in himmlische Welt gelangt wäre, einen ausgenommen: der aber glaubte an eigene That und eigenes Handeln.«
»So ist freilich, o Gotamo, jenes Büßerthum eitel, sogar um in himmlische Welt zu gelangen?«
»So ist freilich, Vaccho, jenes Büßerthum eitel, sogar um in himmlische Welt zu gelangen.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich Vacchagotto der Pilger über das Wort des Erhabenen.[66]
72.
Achter Theil Zweite Rede
VACCHAGOTTO
-- II --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.
Da nun begab sich Vacchagotto der Pilger dorthin wo der 484 Erhabene weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun Vacchagotto der Pilger also zum Erhabenen:
»Wie doch wohl, o Gotamo: ‚Ewig ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Ewig ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Wie dann, o Gotamo: ‚Zeitlich ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Zeitlich ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Und wie nun, o Gotamo: ‚Endlich ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Endlich ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Wie dann, o Gotamo: ‚Unendlich ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Unendlich ist die Welt; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Und wie nun, o Gotamo: ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Wie dann, o Gotamo: ‚Anders ist das Leben und anders der Leib; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Anders ist das Leben und anders der Leib; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Und wie nun, o Gotamo: ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Wie dann, o Gotamo: ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Und wie nun, o Gotamo: ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Der Vollendete 485 besteht und besteht nicht nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Und wie nun, o Gotamo: ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes‘: hegt Herr Gotamo solche Ansicht?«
»Nicht heg’ ich, Vaccho, solche Ansicht: ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode; dies nur ist Wahrheit, Unsinn anderes.‘«
»Wie denn nun, o Gotamo: zu keiner dieser Ansichten bekennst du dich! Was findet wohl Herr Gotamo für arg daran, um sich also dieser Anschauungen gänzlich zu begeben?«
»‚Ewig ist die Welt‘: das ist, Vaccho, eine Gasse der Ansichten, Höhle der Ansichten, Schlucht der Ansichten, ein Dorn der Ansichten, Hag der Ansichten, Garn der Ansichten, voll von Leid und Quaal, Verzweiflung und Jammer, führt nicht zur Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung, nicht zur Aufhebung, nicht zur Durchschauung, nicht zur Erwachung, nicht zur Erlöschung. ‚Zeitlich ist die Welt‘, ‚Endlich ist die Welt‘, ‚Unendlich ist die Welt‘, ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe‘, ‚Anders ist das Leben und anders der Leib‘, ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode‘, ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‘, ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode‘, ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‘: das ist, Vaccho, eine Gasse der 486 Ansichten, Höhle der Ansichten, Schlucht der Ansichten, ein Dorn der Ansichten, Hag der Ansichten, Garn der Ansichten, voll von Leid und Quaal, Verzweiflung und Jammer, führt nicht zur Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung, nicht zur Aufhebung, nicht zur Durchschauung, nicht zur Erwachung, nicht zur Erlöschung. Das find’ ich, Vaccho, für arg daran, um mich also dieser Anschauungen gänzlich zu begeben.«
»Bekennt nun aber Herr Gotamo irgend eine Ansicht?«
»‚Eine Ansicht‘, Vaccho, die kommt dem Vollendeten nicht zu. Denn der Vollendete, Vaccho, hat es gesehn: ›So ist die Form, so entsteht sie, so löst sie sich auf: so ist das Gefühl, so entsteht es, so löst es sich auf; so ist die Wahrnehmung, so entsteht sie, so löst sie sich auf; so sind die Unterscheidungen, so entstehn sie, so lösen sie sich auf; so ist das Bewusstsein, so entsteht es, so löst es sich auf.‹ Darum, sag’ ich, ist der Vollendete durch aller Meinungen und aller Vermuthungen, durch aller Ichheit und Eigenheit und Dünkelsucht Versiegung, Abweisung, Aufhebung, Ausrodung, Entäußerung ohne Hangen erlöst.«[67]
»Und ein also gemütherlöster Mönch, o Gotamo, wo ersteht der auf?«
»‚Auferstehn‘, Vaccho, das trifft nicht zu.«
»Dann also, o Gotamo, ersteht er nicht auf?«
»‚Nichtauferstehn‘, Vaccho, das trifft nicht zu.«
»Dann also, o Gotamo, ersteht er auf und nicht aufersteht er?«
»‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, Vaccho, das trifft nicht zu.«
»Dann also, o Gotamo, ersteht er weder auf, noch ersteht er nicht auf?«
»‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, Vaccho, das trifft nicht zu.«
»So giebst du mir nun, o Gotamo, auf meine Fragen immer die Antwort: ›Das trifft nicht zu.‹ Jetzt bin ich, o Gotamo, in 487 Unwissenheit gerathen, bin jetzt in Verwirrung gerathen, und was ich da bei dem früheren Gespräche mit Herrn Gotamo an Vertrauen gewonnen hatte, das ist mir nun wieder verloren gegangen.«[68]
»Genug denn, Vaccho, deiner Unwissenheit, genug der Verwirrung! Gar tief ist, Vaccho, diese Lehre, schwer zu entdecken, schwer zu gewahren, still, erlesen, unbekrittelbar, innig, Weisen erfindlich: die wirst du schwer verstehn ohne Deutung, ohne Geduld, ohne Hingabe, ohne Anstrengung, ohne Lenkung. So will ich dir, Vaccho, eben darüber Fragen stellen: wie es dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was meinst du wohl, Vaccho: wenn da vor dir ein Feuer brennte, wüsstest du: ›Hier brennt ein Feuer vor mir‹?«
»Wenn da vor mir, o Gotamo, ein Feuer brennte, wüsst’ ich: ›Hier brennt ein Feuer vor mir‹.«
»Wenn dich nun, Vaccho, jemand fragte: ›Dieses Feuer, das da vor dir brennt, wodurch brennt es?‹ Also gefragt, Vaccho, würdest du was antworten?«
»Wenn mich, o Gotamo, jemand fragte: ›Dieses Feuer, das da vor dir brennt, wodurch brennt es?‹, würd’ ich auf solche Frage also antworten: ›Dieses Feuer, das da vor mir brennt, das brennt indem es durch Heu und Holz unterhalten wird‹.«
»Wenn da, Vaccho, dieses Feuer vor dir ausginge, wüsstest du: ›Dieses Feuer vor mir ist ausgegangen‹?«
»Wenn da, o Gotamo, dieses Feuer vor mir ausginge, wüsst’ ich: ›Dieses Feuer vor mir ist ausgegangen.‹«
»Wenn dich nun, Vaccho, jemand fragte: ›Dieses Feuer, das da vor dir ausgegangen ist, wo ist es hingegangen, nach welcher Richtung, nach Osten oder nach Westen, nach Norden oder nach Süden?‹ Also gefragt, Vaccho, würdest du was antworten?«
»Das trifft nicht zu, o Gotamo, weil ja das Feuer, o Gotamo, das durch Heu und Holz unterhalten brannte, dieses verzehrt hat und, nicht weiter genährt, eben ohne Nahrung ausgegangen heißt.«
»Ebenso nun auch ist, Vaccho, jede Form, durch welche man den Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, vom Vollendeten überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht worden, so dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann: von der Art der Form abgelöst, Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu erforschen, gleichwie etwa der Ozean: ‚Auferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu. Jedes Gefühl, 488 durch welches man den Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, ist vom Vollendeten überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht worden, so dass es nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann: von der Art des Gefühls abgelöst, Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu erforschen, gleichwie etwa der Ozean; ‚Auferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu. Jede Wahrnehmung, durch welche man den Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, ist vom Vollendeten überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht worden, so dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann: von der Art der Wahrnehmung abgelöst, Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu erforschen, gleichwie etwa der Ozean; ‚Auferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu. Jede Unterscheidung, durch welche man den Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, ist vom Vollendeten überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht worden, so dass sie nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann: von der Art der Unterscheidungen abgelöst, Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu erforschen, gleichwie etwa der Ozean; ‚Auferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu. Jedes Bewusstsein, durch welches man den Vollendeten bezeichnend bezeichnen wollte, ist vom Vollendeten überstanden, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht worden, so dass es nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann: von der Art des Bewusstseins abgelöst, Vaccho, ist der Vollendete, tief, unermesslich, schwer zu erforschen, gleichwie etwa der Ozean; ‚Auferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn und Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu, ‚Auferstehn so wenig wie Nichtauferstehn‘, das trifft nicht zu.«
* * * * *
Nach dieser Rede sprach Vacchagotto der Pilger zum Erhabenen also:
»Gleichwie etwa, o Gotamo, wenn sich da in der Nähe eines Dorfes oder einer Stadt ein großer Kronbaum befände, und vergänglich wechselnd fielen Blätter und Zweiglein von ihm ab, fiele Geäst und Rinde und Grünholz ab, so dass er späterhin, frei von Blättern und Zweiglein, frei von Geäst und Rinde, frei von Grünholz, rein aus Kernholz bestände: ebenso nun auch ist hier des Herrn Gotamo Darstellung, frei von Blättern und Zweiglein, frei von Geäst und Rinde, frei von Grünholz, rein aus Kernholz bestanden. -- Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder ein Licht in die Finsterniss hielte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat 489 Herr Gotamo die Lehre gar vielfach gezeigt. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«
73.
Achter Theil Dritte Rede
VACCHAGOTTO
-- III --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen.
Da nun begab sich Vacchagotto der Pilger dorthin wo der Erhabene weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun Vacchagotto der Pilger also zum Erhabenen:
»Seit langem pfleg’ ich mit Herrn Gotamo Gespräch. O wohl, wenn mir Herr Gotamo in Kürze das Gute und das Böse darlegen möchte!«
»In Kürze kann ich dir, Vaccho, das Gute und das Böse darlegen, und ausführlich kann ich dir, Vaccho, das Gute und das Böse darlegen; aber ich will es dir, Vaccho, in Kürze künden, das Gute und das Böse: das höre und achte wohl auf meine Rede.«
»Ja, Herr!« erwiderte da aufmerksam Vacchagotto der Pilger dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:
»Sucht ist, Vaccho, das Böse: Suchtlosigkeit das Gute. Hass ist, Vaccho, das Böse: Hasslosigkeit das Gute. Irre ist, Vaccho, das Böse: Irrlosigkeit das Gute. So sind hier, Vaccho, drei Dinge bös und drei Dinge gut. Tödten ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung des Tödtens das Gute. Stehlen ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung des Stehlens das Gute. Ausschweifen ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung des Ausschweifens das Gute. Lüge ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung der Lüge das Gute. Verleumdung ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung der 490 Verleumdung das Gute. Barsche Rede ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung barscher Rede das Gute. Schwätzen ist, Vaccho, das Böse: Ueberwindung des Schwätzens das Gute. Gier ist, Vaccho, das Böse: Gierlosigkeit das Gute. Wuth ist, Vaccho, das Böse: Wuthlosigkeit das Gute. Falsche Erkenntniss ist, Vaccho, das Böse: rechte Erkenntniss das Gute. So sind hier, Vaccho, zehn Dinge bös und zehn Dinge gut. Wenn da nun, Vaccho, ein Mönch den Lebensdurst verleugnet, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht hat, so dass er nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann, dann ist er ein heiliger Mönch, ein Wahnversieger, Endiger, hat das Werk gewirkt, die Bürde abgelegt, das Heil errungen, die Daseinsfesseln zerstört, ist in vollkommener Weisheit erlöst.«
»Sei es Herr Gotamo: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur einen Mönch als Jünger, der den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen hat?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Mönche, die als meine Jünger den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen haben.«
»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur eine Nonne als Jüngerin, die den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen hat?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Nonnen, die als meine Jüngerinen den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen haben.«
»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche, seien es die Nonnen: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur einen Anhänger als Jünger, der, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln emporsteigt, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Anhänger, die als meine Jünger, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln emporsteigen, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt.« 491
»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche, seien es die Nonnen, seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur einen Anhänger als Jünger, der, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, ordensgetreu ist, der Belehrung zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken, keinem anderen trauend, in erfahrener Zuversicht zum Orden des Meisters verweilt?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Anhänger, die als meine Jünger, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, ordensgetreu sind, der Belehrung zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken, keinem anderen trauend, in erfahrener Zuversicht zum Orden des Meisters verweilen.«
»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche, seien es die Nonnen, seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur eine Anhängerin als Jüngerin, die, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln emporsteigt, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Anhängerinen, die als meine Jüngerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln emporsteigen, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt.«
»Sei es Herr Gotamo, seien es die Mönche, seien es die Nonnen, seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend, seien es die Anhänger, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, seien es die Anhängerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, keusch entsagend: giebt es aber bei Herrn Gotamo auch nur eine Anhängerin als Jüngerin, die im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, ordensgetreu ist, der Belehrung zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken, keinem anderen trauend, in erfahrener Zuversicht zum Orden des Meisters verweilt?«
»Nicht giebt es, Vaccho, nur etwa hundert oder zweihundert oder dreihundert oder vierhundert oder fünfhundert sondern noch mehr der Anhängerinen, die als meine Jüngerinen, im Hause lebend, weiß gekleidet, Wünsche genießend, ordensgetreu sind, der Belehrung zugänglich, zweifelentronnen, ohne Schwanken, keinem anderen trauend, in erfahrener Zuversicht zum Orden des Meisters verweilen.«