Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band
Part 11
»Während ich da, o Herr, einsam zurückgezogen sann, kam mir folgender Gedanke in den Sinn: ›Es giebt da manche Ansichten, die der Erhabene nicht mitgetheilt, gemieden, zurückgewiesen hat, als wie ‚Ewig ist die Welt‘ oder ‚Zeitlich ist die Welt‘, ‚Endlich ist die Welt‘ oder ‚Unendlich ist die Welt‘, ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe‘ oder ‚Anders ist das Leben und anders der Leib‘, ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode‘ oder ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‘ oder ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode‘ oder ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‘. Das hat mir der Erhabene nicht mitgetheilt. Und dass es mir der Erhabene nicht mitgetheilt hat, das gefällt mir nicht, das behagt mir nicht. So will ich denn zum Erhabenen gehn und ihn darum befragen. Wenn es mir der Erhabene mittheilen kann, so will ich beim Erhabenen das Asketenleben führen: wenn es mir aber der Erhabene nicht mittheilen kann, so werd’ ich die Askese aufgeben und zur Gewohnheit zurückkehren.‹ Wenn der Erhabene weiß ‚Ewig ist die Welt‘, so soll mir der Erhabene mittheilen ‚Ewig ist die Welt‘; wenn der Erhabene weiß ‚Zeitlich ist die Welt‘, so soll mir der Erhabene mittheilen ‚Zeitlich ist die Welt‘: wenn aber der Erhabene nicht weiß, ob die Welt ewig ist oder zeitlich ist, so geziemt es eben einem, der das nicht weiß und nicht sieht, nur ehrlich zu sagen: ‚Ich weiß es nicht, ich seh’ es nicht.‘ Wenn der Erhabene weiß ‚Endlich ist die Welt‘, so soll mir der Erhabene mittheilen ‚Endlich ist die Welt‘; wenn der Erhabene weiß ‚Unendlich ist die Welt‘, so soll mir der Erhabene mittheilen ‚Unendlich ist die Welt‘: wenn aber der Erhabene nicht weiß, ob die Welt endlich ist oder unendlich ist, so geziemt es eben einem, der das nicht weiß und nicht sieht, nur ehrlich zu sagen: ‚Ich weiß es nicht, ich seh’ es nicht.‘ Wenn der Erhabene weiß ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe‘, so soll mir der Erhabene mittheilen ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe‘; wenn der Erhabene weiß ‚Anders ist das Leben und anders der Leib‘, so soll mir der Erhabene mittheilen ‚Anders ist das Leben und anders der Leib‘: wenn aber der Erhabene nicht weiß, ob Leben und Leib ein und dasselbe oder das Leben anders und anders der Leib ist, so geziemt es eben einem, der das nicht weiß und nicht sieht, nur ehrlich zu sagen: ‚Ich weiß es nicht, ich seh’ es nicht.‘ Wenn der Erhabene weiß ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode‘, so soll mir der Erhabene mittheilen ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode‘; wenn der Erhabene weiß ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‘, so soll mir der Erhabene mittheilen ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‘: wenn aber der Erhabene nicht weiß, ob der Vollendete nach dem Tode besteht oder nicht besteht, so geziemt es eben einem, der das nicht weiß und nicht sieht, nur ehrlich zu sagen: ‚Ich weiß es nicht, ich seh’ es nicht‘ Wenn der Erhabene weiß ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode‘, so soll mir der 428 Erhabene mittheilen ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode‘; wenn der Erhabene weiß ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‘, so soll mir der Erhabene mittheilen ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‘: wenn aber der Erhabene nicht weiß, ob der Vollendete nach dem Tode besteht und nicht besteht oder weder besteht noch nicht besteht, so geziemt es eben einem, der das nicht weiß und nicht sieht, nur ehrlich zu sagen: ‚Ich weiß es nicht, ich seh’ es nicht.‘«
»Wie, hab’ ich denn, Māluṉkyāputto, also zu dir gesprochen: ›Komm’, o Māluṉkyāputto, führe bei mir das Asketenleben: ich will dir mittheilen, ob die Welt ewig ist oder zeitlich ist, ob die Welt endlich ist oder unendlich ist, ob Leben und Leib ein und dasselbe oder anders das Leben und anders der Leib ist, ob der Vollendete nach dem Tode besteht oder nicht besteht oder besteht und nicht besteht oder weder besteht noch nicht besteht‹?«
»Das nicht, o Herr!«
»Oder hast etwa du also zu mir gesprochen: ›Ich will, o Herr, beim Erhabenen das Asketenleben führen: der Erhabene wird mir mittheilen, ob die Welt ewig ist oder zeitlich ist, ob die Welt endlich ist oder unendlich ist, ob Leben und Leib ein und dasselbe oder anders das Leben und anders der Leib ist, ob der Vollendete nach dem Tode besteht oder nicht besteht oder besteht und nicht besteht oder weder besteht noch nicht besteht‹?«
»Das nicht, o Herr!«
»So ist klar, Māluṉkyāputto, dass weder ich dergleichen zu dir gesagt habe, noch auch du dergleichen zu mir gesagt hast. Ist es also, eitler Mann, wer bist du und wen bezichtigst du? -- Wer da, Māluṉkyāputto, also spräche: ›Nicht eher will ich beim Erhabenen das Asketenleben führen, bis mir der Erhabene mitgetheilt haben wird, ob die Welt ewig ist oder zeitlich ist, ob die Welt endlich ist oder unendlich ist, ob Leben und Leib ein und dasselbe, oder anders das Leben und anders der Leib ist, ob der Vollendete nach dem Tode besteht oder nicht besteht oder besteht und nicht besteht oder weder besteht noch nicht besteht‹, dem könnte, Māluṉkyāputto, der Vollendete nicht genug mittheilen: denn jener stürbe hinweg.[40] 429
»Gleichwie etwa, Māluṉkyāputto, wenn ein Mann von einem Pfeile getroffen wäre, dessen Spitze mit Gift bestrichen wurde, und seine Freunde und Genossen, Verwandte und Vettern bestellten ihm einen heilkundigen Arzt; er aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich nicht weiß, wer jener Mann ist, der mich getroffen hat, ob es ein Krieger oder ein Priester, ein Bürger oder ein Bauer ist‹; er aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich nicht weiß, wer jener Mann ist, der mich getroffen hat, wie er heißt, woher er stammt oder hingehört‹; er aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich nicht weiß, wer jener Mann ist, der mich getroffen hat, ob es ein großer oder ein kleiner oder ein mittlerer Mensch ist‹; er aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich nicht weiß, wer jener Mann ist, der mich getroffen hat, ob seine Hautfarbe schwarz oder braun oder gelb ist‹; er aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich nicht weiß, wer jener Mann ist, der mich getroffen hat, in welchem Dorf oder welcher Burg oder welcher Stadt er zuhause ist‹; er aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich den Bogen nicht kenne, der mich getroffen hat, ob es der kurze oder der lange gewesen‹; er aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich die Sehne nicht kenne, die mich getroffen hat, ob es eine Saite, ein Draht oder eine Flechse, ob es Schnur oder Bast war‹; er aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich den Schaft nicht kenne, der mich getroffen hat, ob er aus Rohr oder Binsen ist‹; er aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich den Schaft nicht kenne, der mich getroffen hat, mit was für Federn er versehn ist, ob mit Geierfedern oder Reiherfedern, mit Rabenfedern, Pfauenfedern oder Schnepfenfedern‹; er aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich den Schaft nicht kenne, der mich getroffen hat, mit was für Leder er umwickelt ist, mit Rindleder oder Büffelleder, mit Hirschleder oder Löwenleder‹; er aber spräche: ›Nicht eher will ich diesen Pfeil herausziehn bevor ich die Spitze nicht kenne, die mich getroffen hat, ob sie gerade oder krumm oder hakenförmig ist[41], oder ob sie wie ein Kalbzahn oder wie ein Oleanderblatt aussieht‹: nicht genug 430 könnte, Māluṉkyāputto, dieser Mann erfahren: denn er stürbe hinweg.
»Ebenso nun auch, Māluṉkyāputto, ist es wenn einer da spricht: ›Nicht eher will ich beim Erhabenen das Asketenleben führen, bis mir der Erhabene mitgetheilt haben wird, ob die Welt ewig ist oder zeitlich ist, ob die Welt endlich ist oder unendlich ist, ob Leben und Leib ein und dasselbe oder anders das Leben und anders der Leib ist, ob der Vollendete nach dem Tode besteht oder nicht besteht oder besteht und nicht besteht oder weder besteht noch nicht besteht‹; nicht genug könnte, Māluṉkyāputto, der Vollendete einem solchen mittheilen: denn er stürbe hinweg.
»›Wenn die Ansicht ‚Ewig ist die Welt‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: das gilt nicht. ›Wenn die Ansicht ‚Zeitlich ist die Welt‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: auch das gilt nicht. Ob die Ansicht ‚Ewig ist die Welt‘, Māluṉkyāputto, besteht oder die Ansicht ‚Zeitlich ist die Welt‘: sicher besteht Geburt, besteht Alter und Tod, besteht Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, deren Zerstörung ich schon bei Lebzeiten kennen lehre.
»›Wenn die Ansicht ‚Endlich ist die Welt‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: das gilt nicht. ›Wenn die Ansicht ‚Unendlich ist die Welt‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: auch das gilt nicht. Ob die Ansicht ‚Endlich ist die Welt‘, Māluṉkyāputto, besteht oder die Ansicht ‚Unendlich ist die Welt‘: sicher besteht Geburt, besteht Alter und Tod, besteht Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, deren Zerstörung ich schon bei Lebzeiten kennen lehre.
»›Wenn die Ansicht ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: das gilt nicht. ›Wenn die Ansicht ‚Anders ist das Leben und anders der Leib‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: auch das gilt nicht. Ob die Ansicht ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe‘, Māluṉkyāputto, besteht oder die Ansicht ‚Anders ist das Leben und anders der Leib‘: sicher besteht Geburt, besteht Alter und Tod, besteht Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, deren Zerstörung ich schon bei Lebzeiten kennen lehre.
»›Wenn die Ansicht ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: das gilt nicht. ›Wenn die Ansicht ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: auch das gilt nicht. Ob die Ansicht ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode‚, Māluṉkyāputto, besteht oder die Ansicht ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‘: sicher besteht Geburt, besteht Alter und Tod, besteht Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, deren Zerstörung ich schon bei Lebzeiten kennen 431 lehre.
»›Wenn die Ansicht ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: das gilt nicht. ›Wenn die Ansicht ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‘‹, Māluṉkyāputto, ›besteht, kann Asketenthum bestehn‹: auch das gilt nicht. Ob die Ansicht ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode‘, Māluṉkyāputto, besteht oder die Ansicht ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‘: sicher besteht Geburt, besteht Alter und Tod, besteht Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, deren Zerstörung ich schon bei Lebzeiten kennen lehre.
»Darum also, Māluṉkyāputto, mögt ihr was ich nicht mitgetheilt als nicht mitgetheilt, und was ich mitgetheilt als mitgetheilt halten.
»Was aber, Māluṉkyāputto, hab’ ich nicht mitgetheilt? ›Ewig ist die Welt‹, Māluṉkyāputto, hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Zeitlich ist die Welt‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Endlich ist die Welt‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Unendlich ist die Welt‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Leben und Leib ist ein und dasselbe‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Anders ist das Leben und anders der Leib‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Der Vollendete besteht nach dem Tode‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode‹ hab’ ich nicht mitgetheilt, ›Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‹ hab’ ich nicht mitgetheilt. Und warum hab’ ich das, Māluṉkyāputto, nicht mitgetheilt? Weil es, Māluṉkyāputto, nicht heilsam, nicht urasketenthümlich ist, nicht zur Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung, nicht zur Aufhebung, nicht zur Durchschauung, nicht zur Erwachung, nicht zur Erlöschung führt: darum hab’ ich das nicht mitgetheilt.
»Was aber, Māluṉkyāputto, hab’ ich mitgetheilt? ›Das ist das Leiden‹, Māluṉkyāputto, hab’ ich mitgetheilt, ›Das ist die Leidensentwicklung‹ hab’ ich mitgetheilt, ›Das ist die Leidensauflösung‹ hab’ ich mitgetheilt. ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ hab’ ich mitgetheilt. Und warum hab’ ich das, Māluṉkyāputto, mitgetheilt? Weil es, Māluṉkyāputto, heilsam, weil es urasketenthümlich ist, weil es zur Abkehr, Wendung, Auflösung, Aufhebung, Durchschauung, Erwachung, zur Erlöschung führt: darum hab’ ich das mitgetheilt.
»Darum also, Māluṉkyāputto, mögt ihr was ich nicht mitgetheilt als nicht mitgetheilt, und was ich mitgetheilt als mitgetheilt 432 halten.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige Māluṉkyāputto über das Wort des Erhabenen.
64.
Siebenter Theil Vierte Rede
DER SOHN DER MĀLUṈKYĀ
-- II --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»Wisst ihr noch, Mönche, was ich euch als die fünf niederzerrenden Fesseln gezeigt habe?«
Auf diese Worte sprach der ehrwürdige Māluṉkyāputto zum Erhabenen also:
»Ich weiß, o Herr, was der Erhabene als die fünf niederzerrenden Fesseln gezeigt hat.«
»Inwiefern aber weißt du, Māluṉkyāputto, was ich als die fünf niederzerrenden Fesseln gezeigt habe?«
»Den Glauben an Persönlichkeit, o Herr, weiß ich, hat der Erhabene als niederzerrende Fessel gezeigt; den Zweifel, o Herr, weiß ich, hat der Erhabene als niederzerrende Fessel gezeigt; das Klammern an Tugendwerk, o Herr, weiß ich, hat der Erhabene als niederzerrende Fessel gezeigt; die Begehrlichkeit, o Herr, weiß ich, hat der Erhabene als niederzerrende Fessel gezeigt; die Gehässigkeit, o Herr, weiß ich, hat der Erhabene als niederzerrende Fessel gezeigt. Also weiß ich, o Herr, wie der Erhabene die fünf niederzerrenden Fesseln gezeigt hat.«
»Wer hat dir nur, Māluṉkyāputto, weisgemacht, dass ich die fünf niederzerrenden Fesseln also gezeigt hätte? Könnten da nicht, Māluṉkyāputto, andersfährtige Pilger mit einem Gleichnisse vom Kindlein als Gegner entgegentreten? Denn ein zarter Knabe, Māluṉkyāputto, ein unvernünftiger Säugling, weiß ja nichts von Persönlichkeit: woher sollte ihn gar der 433 Glaube an Persönlichkeit versehren? Aber es haftet ihm eben der Hang an, Persönlichkeit zu glauben. Denn ein zarter Knabe, Māluṉkyāputto, ein unvernünftiger Säugling, weiß ja nichts von den Dingen: woher sollte ihn gar der Zweifel an den Dingen versehren? Aber es haftet ihm eben der Hang an, zu zweifeln. Denn ein zarter Knabe, Māluṉkyāputto, ein unvernünftiger Säugling, weiß ja nichts von Tugend: woher sollte ihn gar das Klammern an Tugendwerk versehren? Aber es haftet ihm eben der Hang an, an Tugendwerk sich zu klammern. Denn ein zarter Knabe, Māluṉkyāputto, ein unvernünftiger Säugling, weiß ja nichts von Begierden: woher sollte ihn gar die Begehrlichkeit der Begierden versehren? Aber es haftet ihm eben der Hang an, Begierden zu fröhnen. Denn ein zarter Knabe, Māluṉkyāputto, ein unvernünftiger Säugling, weiß ja nichts von Mitwesen: woher sollte ihn gar die Gehässigkeit gegen Mitwesen versehren? Aber es haftet ihm eben der Hang an, zu hassen. Könnten da nicht, Māluṉkyāputto, andersfährtige Pilger mit diesem Gleichnisse vom Kindlein als Gegner entgegentreten?«[42]
Auf diese Worte sprach der ehrwürdige Ānando zum Erhabenen also:
»Da ist es, Erhabener, Zeit, da ist es, Willkommener, Zeit, dass der Erhabene die fünf niederzerrenden Fesseln zeige: des Erhabenen Wort werden die Mönche bewahren.«
»Wohlan denn, Ānando, so höre und achte wohl auf meine Rede.«
»Gewiss, o Herr!« erwiderte da aufmerksam der ehrwürdige Ānando dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:
»Da hat einer, Ānando, nichts erfahren, ist ein gewöhnlicher Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen Lehre unkundig, der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich. Der Glaube an Persönlichkeit hat sein Herz umsponnen, hat sein Herz umzogen, und wie man dem sehrenden Glauben an Persönlichkeit entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß; dem ist dieser Glaube an Persönlichkeit, weil er ihn erstarken lassen, nicht aufgelöst hat, zur niederzerrenden Fessel geworden. Der Zweifel hat sein Herz umsponnen, hat sein Herz umzogen, und 434 wie man dem sehrenden Zweifel entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß; dem ist dieser Zweifel, weil er ihn erstarken lassen, nicht aufgelöst hat, zur niederzerrenden Fessel geworden. Das Klammern an Tugendwerk hat sein Herz umsponnen, hat sein Herz umzogen, und wie man dem sehrenden Klammern an Tugendwerk entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß; dem ist dieses Klammern an Tugendwerk, weil er es erstarken lassen, nicht aufgelöst hat, zur niederzerrenden Fessel geworden. Die Begehrsucht hat sein Herz umsponnen, hat sein Herz umzogen, und wie man der sehrenden Begehrsucht entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß; dem ist diese Begehrsucht, weil er sie erstarken lassen, nicht aufgelöst hat, zur niederzerrenden Fessel geworden. Die Gehässigkeit hat sein Herz umsponnen, hat sein Herz umzogen, und wie man der sehrenden Gehässigkeit entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß; dem ist diese Gehässigkeit, weil er sie erstarken lassen, nicht aufgelöst hat, zur niederzerrenden Fessel geworden.
»Doch der erfahrene heilige Jünger, Ānando, merkt das Heilige, ist der heiligen Lehre kundig, der heiligen Lehre wohlzugänglich, merkt das Edle, ist der Lehre der Edlen kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich. Der Glaube an Persönlichkeit hat sein Herz nicht umsponnen, hat sein Herz nicht umzogen, und wie man dem sehrenden Glauben an Persönlichkeit entgehn könne, daran denkt er der Wahrheit gemäß; dem schwindet dieser Glaube an Persönlichkeit haltlos hinweg. Der Zweifel hat sein Herz nicht umsponnen, hat sein Herz nicht umzogen, und wie man dem sehrenden Zweifel entgehn könne, daran denkt er der Wahrheit gemäß; dem schwindet dieser Zweifel haltlos hinweg. Das Klammern an Tugendwerk hat sein Herz nicht umsponnen, hat sein Herz nicht umzogen, und wie man dem sehrenden Klammern an Tugendwerk entgehn könne, daran denkt er der Wahrheit gemäß; dem schwindet dieses Klammern an Tugendwerk haltlos hinweg. Die Begehrsucht hat sein Herz nicht umsponnen, hat sein Herz nicht umzogen, und wie man der sehrenden Begehrsucht entgehn könne, daran denkt er der Wahrheit gemäß; dem schwindet diese Begehrsucht haltlos hinweg. Die Gehässigkeit hat sein Herz nicht umsponnen, hat sein Herz nicht umzogen, und wie man der sehrenden Gehässigkeit entgehn könne, daran denkt er der Wahrheit gemäß; dem schwindet diese Gehässigkeit haltlos hinweg.
»Dass einer, Ānando, hat er den Weg, hat er den Pfad nicht betreten, der aus den fünf niederzerrenden Fesseln entführt, diese kennen oder sehn oder ihnen entgehn kann: das ist unmöglich. Gleichwie man etwa, Ānando, bei einem großen, kernig dastehenden Baume, hat man die Rinde, hat man das Grünholz nicht weggeschnitten, unmöglich das Kernholz ausschneiden kann: ebenso nun auch, Ānando, ist es unmöglich, dass einer, hat er den Weg, hat er den Pfad nicht betreten, der aus den fünf niederzerrenden Fesseln entführt, diese kennen oder sehn oder ihnen entgehn kann.
»Dass aber einer, Ānando, hat er den Weg, hat er den Pfad betreten, der aus den fünf niederzerrenden Fesseln entführt, 435 diese kennen oder sehn oder ihnen entgehn kann: das ist möglich. Gleichwie man etwa, Ānando, bei einem großen, kernig dastehenden Baume, hat man die Rinde, hat man das Grünholz weggeschnitten, wohl das Kernholz ausschneiden kann: ebenso nun auch, Ānando, ist es möglich, dass einer, hat er den Weg, hat er den Pfad betreten, der aus den fünf niederzerrenden Fesseln entführt, diese kennen oder sehn oder ihnen entgehn kann.
»Gleichwie etwa, Ānando, wenn der Gangesstrom, voll von Wasser, bis zum Rande reicht, Krähen schlürfbar; und es käme ein schwächlicher Mann herbei; ›Ich werde diesen Gangesstrom queer mit dem Arme durchkreuzen und heil an das andere Ufer gelangen‹; der könnte nicht den Gangesstrom queer mit dem Arme durchkreuzen und heil an das andere Ufer gelangen: ebenso nun auch, Ānando, ist da ein jeder, dessen Gemüth sich beim Darlegen der Auflösung der Persönlichkeit nicht angeregt, nicht erheitert, nicht beruhigt, nicht erleichtert fühlt, etwa jenem schwächlichen Manne zu vergleichen.
»Gleichwie etwa, Ānando, wenn der Gangesstrom, voll von Wasser, bis zum Rande reicht, Krähen schlürfbar; und es käme ein kräftiger Mann herbei: ›Ich werde diesen Gangesstrom queer mit dem Arme durchkreuzen und heil an das andere Ufer gelangen‹; der könnte den Gangesstrom queer mit dem Arme durchkreuzen und heil an das andere Ufer gelangen: ebenso nun auch, Ānando, ist da ein jeder, dessen Gemüth sich beim Darlegen der Auflösung der Persönlichkeit angeregt, erheitert, beruhigt, erleichtert fühlt, etwa jenem kräftigen Manne zu vergleichen.[43]
»Was ist das aber, Ānando, für ein Weg, was für ein Pfad, der aus den fünf niederzerrenden Fesseln entführt? Da gewinnt, Ānando, ein Mönch, weil er dem Anhaften ausweicht, weil er die unheilsamen Dinge meidet, weil er die groben körperlichen Regungen gänzlich beschwichtigt hat, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen die sinnend gedenkende ruhegeborene sälige Heiterkeit, die Weihe der ersten Schauung. Und was dabei noch formbar, fühlbar, wahrnehmbar, unterscheidbar, bewusstbar ist, solche Dinge sieht er als wandelbar, wehe, siech, bresthaft, schmerzhaft, übel, gebrechlich, ohnmächtig, hinfällig, eitel, als nichtig an. Und von solchen Dingen säubert er sein Herz. Und hat er sein Herz von solchen Dingen gesäubert, so lenkt er es zu ewiger Artung hin: ›Das ist die 436 Ruhe, das ist das Ziel: dieses Aufgehn aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung.‹ Und dahin gekommen erlangt er die Wahnversiegung. Erlangt er aber die Wahnversiegung nicht, so wird er eben bei seiner Begier nach Wahrheit, bei seinem Genusse der Wahrheit die fünf niederzerrenden Fesseln vernichten und emporsteigen, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt. Das ist aber, Ānando, der Weg, das ist der Pfad, der aus den fünf niederzerrenden Fesseln entführt.
»Weiter sodann, Ānando: nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens gewinnt der Mönch die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung -- die Weihe der dritten Schauung -- die Weihe der vierten Schauung. Und was dabei noch formbar, fühlbar, wahrnehmbar, unterscheidbar, bewusstbar ist, solche Dinge sieht er als wandelbar, wehe, siech, bresthaft, schmerzhaft, übel, gebrechlich, ohnmächtig, hinfällig, eitel, als nichtig an. Und von solchen Dingen säubert er sein Herz. Und hat er sein Herz von solchen Dingen gesäubert, so lenkt er es zu ewiger Artung hin: ›Das ist die Ruhe, das ist das Ziel: dieses Aufgehn aller Unterscheidung, die Abwehr aller Anhaftung, das Versiegen des Durstes, die Wendung, Auflösung, Erlöschung.‹ Und dahin gekommen erlangt er die Wahnversiegung. Erlangt er aber die Wahnversiegung nicht, so wird er eben bei seiner Begier nach Wahrheit, bei seinem Genusse der Wahrheit die fünf niederzerrenden Fesseln vernichten und emporsteigen, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückzukehren nach jener Welt. Das ist aber, Ānando, der Weg, das ist der Pfad, der aus den fünf niederzerrenden Fesseln entführt.