Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band
Part 10
»Und hast du, Rāhulo, eine That begangen, so sollst du dir eben diese That betrachten: ›Weil ich nun diese That begangen habe, beschwert sie mich da selber, oder beschwert sie etwa andere, oder beschwert sie alle beide? Ist es eine unheilsame That, die Leiden aufzieht, Leiden züchtet?‹ Wenn du, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Diese That, die ich da begangen habe, die beschwert mich selber, oder sie beschwert andere, oder beschwert alle beide: es ist eine unheilsame That, die Leiden aufzieht, Leiden züchtet‹, so hast du, Rāhulo, eine derartige That dem Meister oder erfahrenen Ordensbrüdern anzugeben, aufzudecken, darzulegen; und hast du sie angegeben, aufgedeckt, dargelegt, dich künftighin zu hüten. Wenn du aber, Rāhulo, bei 417 der Betrachtung merkst: ›Diese That, die ich da begangen habe, die beschwert weder mich selber, noch beschwert sie andere, beschwert keinen von beiden: es ist eine heilsame That, die Wohl aufzieht, Wohl züchtet‹, so hast du, Rāhulo, eben diese sälig heitere Uebung im Guten Tag und Nacht zu pflegen.
»Was immer du, Rāhulo, für ein Wort sprechen willst, eben dieses Wort sollst du dir betrachten: ›Wie, wenn dieses Wort, das ich da sprechen will, mich selber beschwerte, oder andere beschwerte, oder alle beide beschwerte? Das wär’ ein unheilsames Wort, das Leiden aufzieht, Leiden züchtet.‹ Wenn du, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieses Wort, das ich da sprechen will, das kann mich selber beschweren, kann andere beschweren, kann alle beide beschweren: es ist ein unheilsames Wort, das Leiden aufzieht, Leiden züchtet‹, so hast du, Rāhulo, ein derartiges Wort sicherlich zu lassen. Wenn du aber, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieses Wort, das ich da sprechen will, das kann weder mich beschweren, noch kann es andere beschweren, kann keinen von beiden beschweren: es ist ein heilsames Wort, das Wohl aufzieht, Wohl züchtet‹, so hast du, Rāhulo, ein derartiges Wort zu sprechen.
»Und während du, Rāhulo, ein Wort sprichst, sollst du dir eben dieses Wort betrachten: ›Weil ich nun dieses Wort spreche, beschwert es mich da selber, oder beschwert es etwa andere, oder beschwert es alle beide? Ist es ein unheilsames Wort, das Leiden aufzieht, Leiden züchtet?‹ Wenn du, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieses Wort, das ich da spreche, das beschwert mich selber, oder es beschwert andere, oder beschwert alle beide: es ist ein unheilsames Wort, das Leiden aufzieht, Leiden züchtet‹, so hast du, Rāhulo, einem derartigen Worte Einhalt zu thun. Wenn du aber, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieses Wort, das ich da spreche, das beschwert weder mich selber, noch beschwert es andere, beschwert keinen von 418 beiden: es ist ein heilsames Wort, das Wohl aufzieht, Wohl züchtet‹, so hast du, Rāhulo, ein derartiges Wort zu fördern.
»Und hast du, Rāhulo, ein Wort gesprochen, so sollst du dir eben dieses Wort betrachten: ›Weil ich nun dieses Wort gesprochen habe, beschwert es mich da selber, oder beschwert es etwa andere, oder beschwert es alle beide? Ist es ein unheilsames Wort, das Leiden aufzieht, Leiden züchtet?‹ Wenn du, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieses Wort, das ich da gesprochen habe, das beschwert mich selber, oder es beschwert andere, oder beschwert alle beide: es ist ein unheilsames Wort, das Leiden aufzieht, Leiden züchtet‹, so hast du, Rāhulo, ein derartiges Wort dem Meister oder erfahrenen Ordensbrüdern anzugeben, aufzudecken, darzulegen; und hast du es angegeben, aufgedeckt, dargelegt, dich künftighin zu hüten. Wenn du aber, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieses Wort, das ich da gesprochen habe, das beschwert weder mich selber, noch beschwert es andere, beschwert keinen von beiden: es ist ein heilsames Wort, das Wohl aufzieht, Wohl züchtet‹, so hast du, Rāhulo, eben diese sälig heitere Uebung im Guten Tag und Nacht zu pflegen.
»Was immer du, Rāhulo, für einen Gedanken hegen willst, eben diesen Gedanken sollst du dir betrachten: ›Wie, wenn dieser Gedanke, den ich da hegen will, mich selber beschwerte, oder andere beschwerte, oder alle beide beschwerte? Das wär’ ein unheilsamer Gedanke, der Leiden aufzieht, Leiden züchtet.‹ Wenn du, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieser Gedanke, den ich da hegen will, der kann mich selber beschweren, kann andere beschweren, kann alle beide beschweren: es ist ein unheilsamer Gedanke, der Leiden aufzieht, Leiden züchtet‹, so hast du, Rāhulo, einen derartigen Gedanken sicherlich zu lassen. Wenn du aber, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieser Gedanke, den ich da hegen will, der kann weder mich beschweren, noch kann er andere beschweren, kann keinen von beiden beschweren: es ist ein heilsamer Gedanke, der Wohl aufzieht, Wohl züchtet‹, so 419 hast du, Rāhulo, einen derartigen Gedanken zu hegen.
»Und während du, Rāhulo, einen Gedanken hegst, sollst du dir eben diesen Gedanken betrachten: ›Weil ich nun diesen Gedanken hege, beschwert er mich da selber, oder beschwert er etwa andere, oder beschwert er alle beide? Ist es ein unheilsamer Gedanke, der Leiden aufzieht, Leiden züchtet?‹ Wenn du, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieser Gedanke, den ich da hege, der beschwert mich selber, oder er beschwert andere, oder beschwert alle beide: es ist ein unheilsamer Gedanke, der Leiden aufzieht, Leiden züchtet‹, so hast du, Rāhulo, einem derartigen Gedanken Einhalt zu thun. Wenn du aber, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieser Gedanke, den ich da hege, der beschwert weder mich selber, noch beschwert er andere, beschwert keinen von beiden: es ist ein heilsamer Gedanke, der Wohl aufzieht, Wohl züchtet‹, so hast du, Rāhulo, einen derartigen Gedanken zu fördern.
»Und hast du, Rāhulo, einen Gedanken gehegt, so sollst du dir eben diesen Gedanken betrachten: ›Weil ich nun diesen Gedanken gehegt habe, beschwert er mich da selber, oder beschwert er etwa andere, oder beschwert er alle beide? Ist es ein unheilsamer Gedanke, der Leiden aufzieht, Leiden züchtet?‹ Wenn du, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieser Gedanke, den ich da gehegt habe, der beschwert mich selber, oder er beschwert andere, oder beschwert alle beide: es ist ein unheilsamer Gedanke, der Leiden aufzieht, Leiden züchtet‹, so hast du dann, Rāhulo, vor diesem Gedanken Grauen, Entsetzen, Abscheu zu fassen; und hast du Grauen, Entsetzen, Abscheu gefasst, dich künftighin zu hüten. Wenn du aber, Rāhulo, bei der Betrachtung merkst: ›Dieser Gedanke, den ich da gehegt habe, der beschwert weder mich selber, noch beschwert er andere, beschwert keinen von beiden: es ist ein heilsamer Gedanke, der Wohl aufzieht, Wohl züchtet‹, so hast du, Rāhulo, eben diese sälig heitere Uebung im Guten Tag und Nacht zu pflegen.
»Denn wer immer auch, Rāhulo, von den Asketen oder den 420 Priestern in vergangenen Zeiten seine Thaten geläutert, seine Worte geläutert, seine Gedanken geläutert hat, ein jeder hat also und also betrachtend und betrachtend seine Thaten geläutert, betrachtend und betrachtend seine Worte geläutert, betrachtend und betrachtend seine Gedanken geläutert. Und wer immer auch, Rāhulo, von den Asketen oder den Priestern in künftigen Zeiten seine Thaten läutern, seine Worte läutern, seine Gedanken läutern wird, ein jeder wird also und also betrachtend und betrachtend seine Thaten läutern, betrachtend und betrachtend seine Worte läutern, betrachtend und betrachtend seine Gedanken läutern. Und wer immer auch, Rāhulo, von den Asketen oder den Priestern in der Gegenwart seine Thaten läutert, seine Worte läutert, seine Gedanken läutert, ein jeder läutert also und also betrachtend und betrachtend seine Thaten, betrachtend und betrachtend läutert er seine Worte, betrachtend und betrachtend läutert er seine Gedanken.
»Darum merke hier, Rāhulo: ›Betrachtend und betrachtend wollen wir unsere Thaten läutern, betrachtend und betrachtend wollen wir unsere Worte läutern, betrachtend und betrachtend wollen wir unsere Gedanken läutern‹: so habt ihr euch, Rāhulo, wohl zu üben.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige Rāhulo über das Wort des Erhabenen.[36]
62.
Siebenter Theil Zweite Rede
RĀHULOS ERMAHNUNG
-- II --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Und der Erhabene, zeitig gerüstet, nahm Mantel und Schaale und ging nach Sāvatthī um Almosenspeise. Und auch der ehrwürdige Rāhulo nahm, zeitig gerüstet, Mantel und Schaale und folgte dem 421 Erhabenen Schritt um Schritt nach. Und der Erhabene wandte den Blick und sprach den ehrwürdigen Rāhulo an:
»Was es auch, Rāhulo, für eine Form sei, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe: alle Form ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also anzusehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹«
»Nur etwa die Form, Erhabener, nur etwa die Form, Willkommener?«
»Die Form, Rāhulo, und das Gefühl, Rāhulo, und die Wahrnehmung, Rāhulo, und die Unterscheidungen, Rāhulo, und das Bewusstsein, Rāhulo.«
Und der ehrwürdige Rāhulo sagte sich nun: ›Wer wird wohl heute, vom Erhabenen selbst mit einer Ansprache angeredet, unter die Leute um Almosen gehn?‹ Und er kehrte um und ging zurück und setzte sich am Fuß eines Baumes nieder, mit verschränkten Beinen, den Körper gerade aufgerichtet, und pflegte der Einsicht.
Es sah aber der ehrwürdige Sāriputto wie der ehrwürdige Rāhulo dort saß, am Fuße eines Baumes, mit verschränkten Beinen, den Körper gerade aufgerichtet, der Einsicht pflegend, und als er ihn gesehn wandte er sich zu ihm:
»Bedachtsam übe, Rāhulo, Ein- und Ausathmung: Ein- und Ausathmung, bedachtsam geübt und gepflegt, Rāhulo, lässt hohen Lohn erlangen, hohe Förderung.«[37]
Als nun der ehrwürdige Rāhulo gegen Abend die Gedenkensruhe beendet hatte, begab er sich dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Rāhulo also zum Erhabenen:
»Wie muss da bedachtsam, o Herr, Ein- und Ausathmung geübt, wie gepflegt werden, auf dass sie hohen Lohn, hohe Förderung verleihe?«
»Was sich irgend, Rāhulo, innerlich einzeln fest und hart dargestellt hat, als wie Kopfhaare, Körperhaare, Nägel, Zähne, Haut, Fleisch, Sehnen, Knochen, Mark, Nieren, Herz, Leber, Zwerchfell, Milz, Lunge, Magen, Eingeweide, Weichtheile, Koth, oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln fest und hart dargestellt hat: das nennt man, Rāhulo, innerliche Erdenart. Was es nun da an innerlicher Erdenart und was es an äußerlicher Erdenart giebt, ist Erdenart. Und: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so ist das der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit anzusehn. Hat man das 422 also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit erkannt, wird man der Erdenart satt, löst den Sinn von der Erdenart ab.
»Was ist nun, Rāhulo, die Wasserart? Die Wasserart mag innerlich sein oder äußerlich. Was ist aber, Rāhulo, die innerliche Wasserart? Was sich innerlich einzeln flüssig und wässerig dargestellt hat, als wie Galle, Schleim, Eiter, Blut, Schweiß, Lymphe, Thränen, Serum, Speichel, Rotz, Gelenköl, Harn, oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln flüssig und wässerig dargestellt hat: das nennt man, Rāhulo, innerliche Wasserart. Was es nun da an innerlicher Wasserart und was es an äußerlicher Wasserart giebt, ist Wasserart. Und: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so ist das, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit anzusehn. Hat man das also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit erkannt, wird man der Wasserart satt, löst den Sinn von der Wasserart ab.
»Was ist nun, Rāhulo, die Feuerart? Die Feuerart mag innerlich sein oder äußerlich. Was ist aber, Rāhulo, die innerliche Feuerart? Was sich innerlich einzeln flammig und feurig dargestellt hat, als wie wodurch Wärme erzeugt wird, wodurch man verdaut, wodurch man sich erhitzt, wodurch gekaute Speise und geschlürfter Trank einer vollkommenen Umwandlung erliegen, oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln flammig und feurig dargestellt hat: das nennt man, Rāhulo, innerliche Feuerart. Was es nun da an innerlicher Feuerart und was es an äußerlicher Feuerart giebt, ist Feuerart. Und: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so ist das, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit anzusehn. Hat man das also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit erkannt, wird man der Feuerart satt, löst den Sinn von der Feuerart ab.
»Was ist nun, Rāhulo, die Luftart? Die Luftart mag innerlich sein oder äußerlich. Was ist aber, Rāhulo, die innerliche Luftart? Was sich innerlich einzeln flüchtig und luftig dargestellt hat, als wie die aufsteigenden und die absteigenden Winde, die Winde des Bauches und Darmes, die Winde, die jedes Glied durchströmen, die Einathmung und die Ausathmung: dies, oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln flüchtig und luftig dargestellt hat, das nennt man, Rāhulo, innerliche Luftart. Was es nun da an innerlicher Luftart und was es an äußerlicher Luftart giebt, ist Luftart. Und: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so ist das, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit anzusehn. Hat man das also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit 423 erkannt, wird man der Luftart satt, löst den Sinn von der Luftart ab.
»Was ist nun, Rāhulo, die Raumart? Die Raumart mag innerlich sein oder äußerlich. Was ist aber, Rāhulo, die innerliche Raumart? Was sich innerlich einzeln räumlich und örtlich dargestellt hat, als wie die Ohrhöhle, die Nasenhöhle, die Mundöffnung, wodurch man gekaute Speise und geschlürften Trank einnimmt, wo gekaute Speise und geschlürfter Trank sich aufhält, wodurch gekaute Speise und geschlürfter Trank unten abgeht, oder was sich irgend sonst noch innerlich einzeln räumlich und örtlich dargestellt hat, das nennt man, Rāhulo, innerliche Raumart. Was es nun da an innerlicher Raumart und was es an äußerlicher Raumart giebt, ist Raumart. Und: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so ist das, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit anzusehn. Hat man das also, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit erkannt, wird man der Raumart satt, löst den Sinn von der Raumart ab.
»Der Erde gleich, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, der Erde gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm oder unangenehm berührt, nicht erregt werden. Gleichwie man da, Rāhulo, auf die Erde Reines hinwirft und Unreines hinwirft, Kothiges hinwirft und Harniges hinwirft, Schleimiges hinwirft und Eiteriges hinwirft und Blutiges hinwirft, aber die Erde sich davor nicht entsetzt, empört oder sträubt: ebenso nun auch, Rāhulo, sollst du der Erde gleich Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, der Erde gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm oder unangenehm berührt, nicht erregt werden.
»Dem Wasser gleich, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, dem Wasser gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm oder unangenehm berührt, nicht erregt werden. Gleichwie man da, Rāhulo, im Wasser Reines wäscht und Unreines wäscht, Kothiges wäscht und Harniges wäscht, Schleimiges wäscht und Eiteriges wäscht und Blutiges wäscht, aber das Wasser sich davor nicht entsetzt, empört oder sträubt: ebenso nun auch, Rāhulo, sollst du dem Wasser gleich Uebung üben: denn übst du, 424 Rāhulo, dem Wasser gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm oder unangenehm berührt, nicht erregt werden.
»Dem Feuer gleich, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, dem Feuer gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm oder unangenehm berührt, nicht erregt werden. Gleichwie da, Rāhulo, das Feuer Reines brennt und Unreines brennt, Kothiges brennt und Harniges brennt, Schleimiges brennt und Eiteriges brennt und Blutiges brennt, aber das Feuer sich davor nicht entsetzt, empört oder sträubt: ebenso nun auch, Rāhulo, sollst du dem Feuer gleich Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, dem Feuer gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm oder unangenehm berührt, nicht erregt werden.
»Der Luft gleich, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, der Luft gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm oder unangenehm berührt, nicht erregt werden. Gleichwie da, Rāhulo, die Luft Reines anweht und Unreines anweht, Kothiges anweht und Harniges anweht, Schleimiges anweht und Eiteriges anweht und Blutiges anweht, aber die Luft sich davor nicht entsetzt, empört oder sträubt: ebenso nun auch, Rāhulo, sollst du der Luft gleich Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, der Luft gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm oder unangenehm berührt, nicht erregt werden.
»Dem Raume gleich, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, dem Raume gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm oder unangenehm berührt, nicht erregt werden. Gleichwie da, Rāhulo, der Raum durch nichts begränzt wird, ebenso nun auch, Rāhulo, sollst du dem Raume gleich Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, dem Raume gleich Uebung, so kann dein Gemüth, angenehm oder unangenehm berührt, nicht erregt werden.
»Liebreich, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, liebreich Uebung, so wird was da Hass ist vergehn. Erbarmend, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, erbarmend Uebung, so wird was da Wuth ist vergehn. Freudig, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, freudig Uebung, so wird was da Unlust ist vergehn. Gleichmüthig, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, gleichmüthig Uebung, so wird was da Widerstreit ist vergehn.
»Des Ekels eingedenk, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, des Ekels eingedenk Uebung, so wird was da Reiz ist vergehn.
»Der Vergänglichkeit eingedenk, Rāhulo, sollst du Uebung üben: denn übst du, Rāhulo, der Vergänglichkeit eingedenk Uebung, so 425 wird was da Dünkel der Ichheit ist vergehn.
»Bedachtsam übe, Rāhulo, Ein- und Ausathmung: Ein- und Ausathmung, bedachtsam geübt und gepflegt, Rāhulo, lässt hohen Lohn erlangen, hohe Förderung. Wie muss aber bedachtsam, Rāhulo, Ein- und Ausathmung geübt, wie gepflegt werden, auf dass sie hohen Lohn, hohe Förderung verleihe? Da begiebt sich, Rāhulo, der Mönch ins Innere des Waldes oder unter einen großen Baum oder in eine leere Klause, setzt sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Bedächtig athmet er ein, bedächtig athmet er aus. Athmet er tief ein, so weiß er ›Ich athme tief ein‹, athmet er tief aus, so weiß er ›Ich athme tief aus‹; athmet er kurz ein, so weiß er ›Ich athme kurz ein‹, athmet er kurz aus, so weiß er ›Ich athme kurz aus‹. ›Den ganzen Körper empfindend will ich einathmen‹, ›Den ganzen Körper empfindend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Diese Körperverbindung besänftigend will ich einathmen‹, ›Diese Körperverbindung besänftigend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Heiter empfindend will ich einathmen‹, ›Heiter empfindend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Sälig empfindend will ich einathmen‹, ›Sälig empfindend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Die Gedankenverbindung empfindend will ich einathmen‹, ›Die Gedankenverbindung empfindend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Diese Gedankenverbindung besänftigend will ich einathmen‹, ›Diese Gedankenverbindung besänftigend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Die Gedanken empfindend will ich einathmen‹, ›Die Gedanken empfindend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Die Gedanken ermunternd will ich einathmen‹, ›Die Gedanken ermunternd will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Die Gedanken einigend will ich einathmen‹, ›Die Gedanken einigend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Die Gedanken lösend will ich einathmen‹, ›Die Gedanken lösend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Die Vergänglichkeit wahrnehmend will ich einathmen‹, ›Die Vergänglichkeit wahrnehmend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Die Reizlosigkeit wahrnehmend will ich einathmen‹, ›Die Reizlosigkeit wahrnehmend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Die Ausrodung wahrnehmend will ich einathmen‹, ›Die Ausrodung wahrnehmend will ich ausathmen‹, so übt er sich. ›Die Entfremdung wahrnehmend will ich einathmen‹, ›Die Entfremdung wahrnehmend will ich ausathmen‹, so übt er sich.
»Also muss da, Rāhulo, Ein- und Ausathmung geübt, also gepflegt werden, auf dass sie hohen Lohn, hohe Förderung verleihe. Bei also geübter, Rāhulo, also gepflegter Ein- und 426 Ausathmung gehn auch die letzten Athemzüge bewusst aus, nicht unbewusst.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige Rāhulo über das Wort des Erhabenen.[38]
63.
Siebenter Theil Dritte Rede
DER SOHN DER MĀLUṈKYĀ
-- I --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.
Da kam nun dem ehrwürdigen Māluṉkyāputto, während er einsam zurückgezogen sann, folgender Gedanke in den Sinn: ›Es giebt da manche Ansichten, die der Erhabene nicht mitgetheilt, gemieden, zurückgewiesen hat, als wie ‚Ewig ist die Welt‘ oder ‚Zeitlich ist die Welt‘, ‚Endlich ist die Welt‘ oder ‚Unendlich ist die Welt‘, ‚Leben und Leib ist ein und dasselbe‘ oder ‚Anders ist das Leben und anders der Leib‘, ‚Der Vollendete besteht nach dem Tode‘ oder ‚Der Vollendete besteht nicht nach dem Tode‘ oder ‚Der Vollendete besteht und besteht nicht nach dem Tode‘ oder ‚Weder besteht noch besteht nicht der Vollendete nach dem Tode‘.[39] Das hat mir der Erhabene nicht mitgetheilt. Und dass es mir der Erhabene nicht mitgetheilt hat, das gefällt mir nicht, das behagt mir nicht. So will ich denn zum Erhabenen gehn und ihn darum befragen. Wenn es mir der Erhabene mittheilen kann, so will ich beim Erhabenen das Asketenleben führen: wenn es mir aber der Erhabene nicht mittheilen kann, so werd’ ich die Askese aufgeben und zur Gewohnheit zurückkehren.‹
Als nun der ehrwürdige Māluṉkyāputto gegen Abend die 427 Gedenkensruhe beendet hatte, begab er sich dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßte er den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Māluṉkyāputto also zum Erhabenen: