Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, zweiter Band
Part 1
Anmerkungen zur Transkription #############################
In diesem Text werden fortlaufend Seitenzahlen aus zwei verschiedenen Ausgaben anderer Autoren angegeben. Diese Verweise werden hier am rechten Rand außerhalb des laufenden Textes wiedergegeben.
Kursive Passagen im Original werden von Unterstrichen umgeben (_kursiv_), gesperrter Text dagegen von Tilden (~gesperrt~). Hochgestellte Symbole werden durch ein vorangehendes Caret-Zeichen (^) repräsentiert; mehrere Zeichen werden dabei in geschweiften Klammern gruppiert. Tiefgestellte Zeichen werden in geschweifte Klammern gesetzt und mit Hilfe eines vorangestellten Unterstriches versinnbildlicht.
Die Wortformen, die in der Vorrede und einigen Fußnoten einem Wurzelzeichen folgen, stellen die Wortwurzel der erklärten Begriffe dar. Diese wurden im Original kursiv gesetzt, in dieser Version werden diese jedoch in normalem Schriftschnitt beispielhaft folgendermaßen wiedergegeben: √(ruh).
Der vorliegende Text wurde anhand der 1921 erschienenen Buchausgabe erstellt; Interpunktionsfehler wurden dabei stillschweigend korrigiert. Die Rechtschreibung des Originals wurde beibehalten, sofern es sich nicht um offensichtliche Fehler handelt. Der Fußnotenanker [264] fehlt in dieser Ausgabe und wurde an der in den Fassungen von 1919 und 1922 vorgesehenen Position eingefügt.
Die folgenden Stellen wurden korrigiert:
S. 354: ‚Versamlung‘ → ‚Versammlung‘ S. 430: ‚Kāccāno‘ → ‚Kaccāno‘ S. 462: ‚Sahampatin‘ → ‚Sahampati‘ S. 479: ‚Mantānī‘ → ‚Mantāṇī‘ S. 490: ‚Nāḷijāṉgho‘ → ‚Nāḷijaṉgho‘ S. 594: ‚Bhāradvāyo‘ → ‚Bhāradvājo‘ S. 597 (Fußnotenanker): ‚[259]‘ → ‚[249]‘ S. 734 (So viel trau’ ich Herrn Gotamo zu): ‚285; 83‘ → ‚285, 288‘ S. 738 (letzter Begriff): ‚Aḷāro‘ → ‚Āḷāro‘
DIE REDEN GOTAMO BUDDHOS
AUS DER MITTLEREN SAMMLUNG MAJJHIMANIKĀYO DES PĀLI-KANONS
ZUM ERSTEN MAL ÜBERSETZT VON KARL EUGEN NEUMANN
ZWEITE AUFLAGE
ZWEITER BAND MITTLERES HALBHUNDERT
MÜNCHEN 1921 * R. PIPER & CO.
ALLE RECHTE VORBEHALTEN COPYRIGHT 1921 BY R. PIPER & CO. / G. M. B. H. / MÜNCHEN
INHALT
Seite
VORREDE IX
DIE MITTLERE SAMMLUNG DER REDEN GOTAMO BUDDHOS
ZWEITER BAND
MITTLERES HALBHUNDERT
SECHSTER THEIL
BUCH DER HAUSVÄTER
51. Rede: Kandarako 3
52. „ Der Bürger von Aṭṭhakam 20
53. „ Die Schritte des Kämpfers 25
54. „ Potaliyo 34
55. „ Jīvako 49
56. „ Upāli 54
57. „ Der Hundelehrling 79
58. „ Abhayo der Königsohn 87
59. „ Viel der Gefühle 94
60. „ Fraglosigkeit 101
SIEBENTER THEIL
BUCH DER MÖNCHE
61. Rede: Rāhulos Ermahnung (I) 131
62. „ Rāhulos Ermahnung (II) 140
63. „ Der Sohn der Māluṉkyā (I) 148
64. „ Der Sohn der Māluṉkyā (II) 157
65. „ Bhaddāli 166
66. „ Das Gleichniss von der Wachtel 181
67. „ Vor Cātumā 196
68. „ Vor Naḷakapānam 206
69. „ Gulissāni 218
70. „ Vor Kīṭāgiri 224
ACHTER THEIL
BUCH DER PILGER
71. Rede: Vacchagotto (I) 241
72. „ Vacchagotto (II) 246
73. „ Vacchagotto (III) 254
74. „ Dīghanakho 266
75. „ Māgandiyo 272
76. „ Sandako 290
77. „ Sakuludāyī (I) 314
78. „ Der Sohn der Samaṇamuṇḍikā 344
79. „ Sakuludāyī (II) 353
80. „ Vekhānaso 367
NEUNTER THEIL
BUCH DER KÖNIGE
81. Rede: Ghaṭīkāro 377
82. „ Raṭṭhapālo 390
83. „ Makhadevo 415
84. „ Madhuro 428
85. „ Bodhi der Königsohn 438
86. „ Aṉgulimālo 473
87. „ Was einem lieb ist 485
88. „ Der Ueberwurf 494
89. „ Wahre Denkmale 502
90. „ Am Zwieselstein 512
ZEHNTER THEIL
BUCH DER PRIESTER
91. Rede: Brahmāyu 527
92. „ Selo 543
93. „ Assalāyano 554
94. „ Ghoṭamukho 569
95. „ Caṉkī 587
96. „ Esukārī 605
97. „ Dhanañjani 614
98. „ Vāseṭṭho 627
99. „ Subho 638
100. „ Saṉgāravo 655
ANMERKUNGEN 661
NACHWEISE. Vom Herausgeber 715
REGISTER 725
Alle Namen haben, wie bisher, nominative Endung beibehalten; zur Aussprache Seite VIII des ersten Bandes.
VORREDE
Wie schon in der Einführung zum ersten Bande, Seite XIX-XXIII, aus Inschriften des dritten vorchristlichen Jahrhunderts nachgewiesen, ist die älteste Gestalt des Kanons nicht in einem _Tipiṭakam_ oder _Dvipiṭakam_ sondern im _Piṭakam_ schlechthin, nämlich im _Suttapiṭakam_, erhalten. Hieraus darf man schließen, wie dort begründet, auch das _Vinayapiṭakam_, wie später das _Abhidhammapiṭakam_, sei aus dem einen Kanon theils ausgeschieden, theils weiter entwickelt worden. Das vorliegende Mittlere Halbhundert des zweiten Bandes bestätigt diese Folgerungen noch genauer. Wir finden hier eine ganze Reihe von Reden, die reinen _vinayo_ darlegen, sich bis zu den letzten Verzweigungen mit der Ordenszucht befassen, und zwar in ächter, ursprünglicher Weise, die dem wirklichen Leben entspricht, nicht mit jenen kasuistischen Erfindungen, die dem _Vinayapiṭakam_ eignen und dessen überwiegend fingierten Charakter ausmachen. Gleich die Eröffnungsrede liefert ein klassisches Muster: klassisch, weil sie wiederum zunächst die Tugendsatzung mit aller Ausführlichkeit vorträgt, was auch im ersten Bande bei passender Gelegenheit immer geschieht. In diesem Betracht sind ja die zahlreichen Wiederholungen der Reden erklärlich, da fast jede, wie sie eben gesprochen wurde, _dhammo_ und _vinayo_, Lehre und Zucht, als untrennbares Ganze giebt. Hier lässt sich nichts kürzen oder beschränken oder zusammenziehn ohne den gehörigen Zusammenhang zu verlieren: die Rede ist an eine oder an mehrere bestimmte Personen gerichtet gewesen, auf einen besonderen Anlass hin, doch im höheren Sinne allgemein gültig, hat weder zu viel noch zu wenig gesagt, sondern ihren Gang gerade eingehalten. Der Orden hatte daher bei Lebzeiten des Meisters wohl keinerlei andere Regel als die in den Reden verkündete, und diese Regel, gar verschieden von den später lawinenartig angewachsenen Korollarien, war eine ungemein einfache; so einfach, dass der Meister nicht selten einem Aufnahmesuchenden, im Gegensatze zu den nachmaligen umständlichen Vorbereitungen, sogleich und bloß mit den Worten »Komm’, o Mönch!« die Ordensweihe verlieh: sogar einem berüchtigten Mörder, nach dessen plötzlicher Umkehr, in der sechsundachtzigsten Rede. Gotamo selbst hat diese ursprüngliche Einfachheit vollkommen klar zugestanden, gegen Ende der fünfundsechzigsten Rede. Da fragt ein Mönch, woher es nur komme, dass es früher weniger Ordensregeln gegeben als jetzt, worauf ihm der greise Meister antwortet, Ordensregeln seien eben erst dann vonnöthen, wann die wahre Lehre untergehe, wann der Orden Größe und Ansehn und späte Jahre erreicht habe.
Vernehmen wir also in den Reden oft und oft des Meisters eigene Worte, rein erhalten wie sie gesprochen, so ist auch Fremdes zu merken und giebt sich meist unverhohlen kund; so schon die Umrahmung, die allerdings nur die Namen der Orte, der Personen und sonstige sachgemäße Mittheilungen bietet. Es hat aber doch hie und da Sagenhaftes Eingang gefunden, spätere Zuthat, z. B. in die dreiundachtzigste Rede. Dann sind es zuweilen upanischadartige und yogaverwandte Darlegungen, die uns begegnen, wie etwa in der siebenundsiebzigsten, bez. dreiundsiebzigsten. Gewisse Gleichnisse aus den alten Upanischaden, e. g. das in der achtundsechzigsten Rede, gewisse Uebungen des alten Yogas, besonders in der zweiundsechzigsten und zehnten behandelt, hat freilich schon Gotamo, wohlbewusst, übernommen, ausgebildet, vertieft. Der Meister behauptet ja niemals, seine Lehre widerspreche allem bisher Dagewesenen, sondern: »Wovon die Weisen erklären ‚Es ist nicht in der Welt‘, davon sage auch ich ‚Es ist nicht‘; wovon die Weisen erklären ‚Es ist in der Welt‘, davon sage auch ich ‚Es ist‘.«[*] Wie großartig der Meister zumal vedische Lehren vollendet hat, zeigt u. a. die fünfundfünfzigste Rede. Weil es aber bei mündlicher Ueberlieferung kaum anders möglich, wird auch der oder jener Jünger, nach des Meisters Tode, diesen oder jenen fremden Satz wissentlich oder unwissentlich mit überliefert haben, aus vedischen oder aus yogischen Kreisen, je nach dem gewohnten Schwergewichte. Sehr lehrreich sind hierfür die Lieder der Mönche, deren Gedanken durchaus nach dem Meister weisen, im Einzelnen aber noch subjektive Züge bewahren. Wenn sich nun, trotz der wachsenden Größe des Ordens, bis etwa in die Zeit Asoko des Großen kein tiefergehender Verfall entwickelt hat, was bei den anderen indischen Geistesdenkmalen in der Regel eher geschah, so ist das erstaunlich und kein geringer Beweis für die ungewöhnliche, andauernde Wirkung einer Persönlichkeit wie es die Gotamos war.[**] Diese Wirkung hat übrigens nicht bloß die Jüngerschaft gewaltig ergriffen, sie hat sich, wie bekannt, auf ganz Indien und weiter erstreckt; und insbesondere ist sie den Verfassern der späteren Upanischaden, des _Yoga-_ und des _Sāṃkhyaśāstram_, und Barden und Dichtern, bis auf des Tul’sīdās [***] noch heute in Palast und Hütte, von Fürst und Bettler gesungenes _Rāmcaritmānas_ herab[†], ausgiebig zustatten gekommen, ob sie es selber zwar nicht recht wissen, gleichwohl durch, oft wörtliche, Paraphrase der Meisterworte unschwer errathen lassen. Hat also Gotamo, und dann mancher der Jünger, vom Geiste der Zeit einiges benutzt, so haben die Späteren erheblich mehr von Gotamo und den Seinen gelernt, sich zu eigen gemacht und weitergegeben, bis es allmälig indisches Gemeingut geworden.
Nur indisches? Es hat den Anschein als ob jene Gedanken auch bei uns langsam, langsam merkbar würden, zu wirken begännen, kraft ihres unzerstörbaren Gehaltes. Eine gesammte Umwandlung altererbter Ueberzeugungen und Ansichten wird nun sicherlich kein Teleolog von ihnen erwarten, sowenig wie etwa unsere Missionare dergleichen beim braven Chinesen gewärtigen dürfen. Tausendjährigen Kulturen, und wären sie noch so morsch und überlebt, kann man nicht so leicht mit geistigen Mitteln beikommen, nicht von einem Jahrhundert zum anderen, wie dem Papste, schon den Untergang voraussagen: sie altern gern und wohlgemuth weiter. Aber die Gedanken haben keine Eile, langsam, langsam wirken sie durch unermessliche Zeiten und Räume, in ewiger Jugend. -- Einst fragte mich der Gesandte von Siam am Berliner Hofe, Seine Exzellenz Phya Nond Buri, ob sich denn wirklich, wie man ihm erzählt habe, bereits buddhistische Einflüsse in Europa wahrnehmen ließen: ich entgegnete, ich hätte nicht eben viel davon gemerkt; da lächelte er in seiner feinen Weise und sagte, auf ein buddhistisches Volkswort anspielend: »Nun, wir haben ja Zeit, noch fünftausend Jahre.« -- Wir haben mehr Zeit und weniger. Mehr, weil uns die Erde geduldig trägt; weniger, weil wir heute den Worten eines Meisters lauschen können, die aus der Welt des Unschönen und Schönen hinübergeleiten, wo es keinen Schein giebt. »Willkommen sei mir ein verständiger Mann«, sagt Gotamo, gegen Ende der achtzigsten Rede, »kein Häuchler, kein Gleißner, ein gerader Mensch; ich führ’ ihn ein, ich lege die Satzung dar. Der Führung folgend wird er in gar kurzer Zeit eben selber merken, selber sehn, dass man also ganz von der Fessel befreit wird, nämlich von der Fessel des Nichtwissens.«
* * * * *
Ohne einen Strich hinzu- oder hinwegzuthun, mit wohlgeprüften, -verglichenen, -gesicherten Lesarten, ist auch dieses Mittlere Halbhundert, das _Majjhimapaṇṇāsam_, schlicht und unangetastet übersetzt worden, bis auf den Titel und Punkt: so mag der Text in genauester Form, wenn es etwa noch weiter gelungen, in identischem Ausdrucke Zeuge sein. Die Zahlen am Rande geben die Seiten der Trenckner’schen Lesung an, so weit diese reicht: nach der sechsundsiebzigsten Rede die Seiten der siamesischen Ausgabe.
~Wien~, Ende 1899.
/KARL EUGEN NEUMANN./
SECHSTER THEIL
BUCH DER HAUSVÄTER
51.
Sechster Theil Erste Rede
KANDARAKO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 339 Campā, am Gestade des Gaggarā-Sees, mit einer großen Schaar von Mönchen.
Da nun begab sich Pesso, der Sohn eines Elephantenlenkers, und Kandarako, ein Pilger, dorthin wo der Erhabene weilte. Dort angelangt begrüßte Pesso, der Sohn des Elephantenlenkers, den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich seitwärts nieder; während Kandarako, der Pilger, mit dem Erhabenen höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte tauschte und sich dann seitwärts hinstellte. Seitwärts stehend blickte da Kandarako der Pilger über die lautlose, stille Schaar der Mönche hin und sprach nun zum Erhabenen also:
»Wunderbar, o Gotamo, außerordentlich ist es, o Gotamo, wie da Herr Gotamo so richtig die Jüngerschaft gewiesen hat! Die da früher, o Gotamo, in vergangenen Zeiten Heilige, vollkommen Erwachte waren, haben auch diese Erhabenen ebenso richtig ein solches Ziel den Jüngern gewiesen, gleichwie da jetzt Herr Gotamo die Jünger richtig gewiesen hat? Und die da später, o Gotamo, in künftigen Zeiten Heilige, vollkommen Erwachte sein werden, werden auch diese Erhabenen ebenso richtig ein solches Ziel den Jüngern weisen, gleichwie da jetzt Herr Gotamo die Jünger richtig gewiesen hat?«
»So ist es, Kandarako, so ist es, Kandarako. Die da früher, Kandarako, in vergangenen Zeiten Heilige, vollkommen Erwachte waren, auch diese Erhabenen haben ebenso richtig ein solches Ziel den Jüngern gewiesen, gleichwie da jetzt von mir die Jünger richtig gewiesen sind; und die da später, Kandarako, in künftigen Zeiten Heilige, vollkommen Erwachte sein werden, auch diese Erhabenen werden ebenso richtig ein solches Ziel den Jüngern weisen, gleichwie da jetzt von mir die Jünger richtig gewiesen sind.
»Denn es giebt, Kandarako, Mönche unter diesen Jüngern, die Heilige, Wahnversieger, Endiger sind, die das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss erlöst haben. Und es giebt, Kandarako, Mönche unter diesen Jüngern, die Kämpfer sind, tapfer in Tugend, tapfer im Wandel, gewitzigt sind, witzig im Wandel; die haben ihr Gemüth auf die vier Pfeiler der Einsicht gegründet; auf welche vier? Da wacht, 340 Kandarako, ein Mönch beim Körper über den Körper, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns; wacht bei den Gefühlen über die Gefühle, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns; wacht beim Gemüthe über das Gemüth, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns; wacht bei den Erscheinungen über die Erscheinungen, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns.«
Auf diese Worte wandte sich Pesso, der Sohn des Elephantenlenkers, also an den Erhabenen:
»Wunderbar, o Herr, außerordentlich ist es, o Herr, wie so deutlich, o Herr, der Erhabene die vier Pfeiler der Einsicht gezeigt hat, die da zur Läuterung der Wesen, zur Ueberwältigung des Schmerzes und Jammers, zur Zerstörung des Leidens und der Trübsal, zur Gewinnung des Rechten, zur Verwirklichung der Erlöschung führen! Denn auch wir, o Herr, als Hausleute, weiß gekleidet, haben von Zeit zu Zeit unser Gemüth auf die vier Pfeiler der Einsicht gegründet: da wachen wir, o Herr, beim Körper über den Körper, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns; wachen bei den Gefühlen über die Gefühle, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns; wachen beim Gemüthe über das Gemüth, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns; wachen bei den Erscheinungen über die Erscheinungen, unermüdlich, klaren Sinnes, einsichtig, nach Verwindung weltlichen Begehrens und Bekümmerns. Wunderbar, o Herr, außerordentlich ist es, o Herr, wie genau, o Herr, der Erhabene, wo die Menschen so heimlich, wo die Menschen so verhohlen[1], wo die Menschen so häuchlerisch sind, weiß, was den Wesen frommt und was ihnen nicht frommt! Denn heimlich wie die Höhle, o Herr, ist der Mensch, und offen wie die Ebene, o Herr, ist das Thier. Ja, ich kann mich, o Herr, an einen Elephantenhengst erinnern: so oft der auch durch die Straßen von Campā gehn und kommen mag, wird er jedesmal all seine List und Tücke, Launen und Ränke offenbaren. Was da aber, o Herr, unsere Knechte und Söldner und Werkleute sind, die gehn anders an die Arbeit, und anders reden sie, und wiederum anders denken sie. Wunderbar, o Herr, außerordentlich ist es, o Herr, wie genau, o Herr, der Erhabene, wo die Menschen so heimlich, wo die Menschen so verhohlen, wo die Menschen so häuchlerisch sind, weiß, was den Wesen frommt und was ihnen nicht frommt. Denn heimlich wie die Höhle, o Herr, ist der Mensch, und offen wie die Ebene, o Herr, ist das Thier.«
»So ist es, Pesso, so ist es, Pesso: heimlich wie die Höhle, 341 Pesso, ist ja der Mensch, und offen wie die Ebene, Pesso, ist ja das Thier. -- Vier Arten von Menschen, Pesso, finden sich hier in der Welt vor: welche vier? Da ist, Pesso, einer ein Selbstquäler, ist der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben; da ist wieder, Pesso, einer ein Nächstenquäler, ist der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben; da ist, Pesso, einer ein Selbstquäler, ist der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben, und er ist ein Nächstenquäler, ist der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben; und da ist, Pesso, einer weder ein Selbstquäler, ist nicht der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben, noch ist er ein Nächstenquäler, ist nicht der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben: ohne Selbstquaal, ohne Nächstenquaal ist er schon bei Lebzeiten ausgeglüht, erloschen, kühl geworden, fühlt sich wohl, heilig geworden im Herzen. Welcher ist es, Pesso, von diesen vier Menschen, der deinem Sinne zusagt?«
»Jener Mensch, o Herr, der ein Selbstquäler, der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben ist, der sagt meinem Sinne nicht zu; und auch jener Mensch, o Herr, der ein Nächstenquäler, der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben ist, auch der sagt meinem Sinne nicht zu; und auch jener Mensch, o Herr, der ein Selbstquäler, der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben ist, und ein Nächstenquäler, der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben ist, auch der sagt meinem Sinne nicht zu; aber jener Mensch, o Herr, der weder ein Selbstquäler, nicht der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben ist, noch ein Nächstenquäler, nicht der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben ist: der ohne Selbstquaal, ohne Nächstenquaal schon bei Lebzeiten ausgeglüht, erloschen, kühl geworden ist, sich wohlfühlt, heilig geworden im Herzen: der sagt meinem Sinne zu.«
»Warum aber, Pesso, sagen jene drei Menschen deinem Sinne nicht zu?«
»Jener Mensch, o Herr, der ein Selbstquäler, der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben ist, der lässt sich selber, der Wohl begehrt und Wehe verabscheut, Quaal und Pein erleiden: darum sagt jener Mensch meinem Sinne nicht zu; und jener Mensch, o Herr, der ein Nächstenquäler, der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben ist, der lässt den Nächsten, der Wohl begehrt und Wehe verabscheut, Quaal und Pein erleiden: darum sagt jener Mensch meinem Sinne nicht zu; und jener Mensch, o Herr, der ein Selbstquäler, der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben ist, 342 und ein Nächstenquäler, der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben ist, der lässt sich wie den Nächsten, die Wohl begehren und Wehe verabscheuen, Quaal und Pein erleiden: darum sagt jener Mensch meinem Sinne nicht zu; aber jener Mensch, o Herr, der weder ein Selbstquäler, nicht der Uebung der Selbstquaal eifrig ergeben ist, noch ein Nächstenquäler, nicht der Uebung der Nächstenquaal eifrig ergeben ist: der ohne Selbstquaal, ohne Nächstenquaal schon bei Lebzeiten ausgeglüht, erloschen, kühl geworden ist, sich wohlfühlt, heilig geworden im Herzen: dieser Mensch sagt meinem Sinne darum zu. -- Wohlan denn, jetzt, o Herr, wollen wir gehn: manche Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«
»Wie es dir nun, Pesso, belieben mag.«
Und Pesso, der Sohn des Elephantenlenkers, durch des Erhabenen Rede erfreut und befriedigt, stand von seinem Sitze auf, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig, schritt rechts herum und ging fort.
Da wandte sich nun der Erhabene, bald nachdem Pesso, der Sohn des Elephantenlenkers, fortgegangen war, also an die Mönche:
»Weise, ihr Mönche, ist Pesso, der Sohn des Elephantenlenkers, wissensmächtig, ihr Mönche, ist Pesso, der Sohn des Elephantenlenkers. Wäre Pesso, ihr Mönche, der Sohn des Elephantenlenkers, noch eine Weile geblieben, bis ich ihm diese vier Arten von Menschen ausführlich erklärt hätte, großen Gewinn hätt’ er mit sich genommen. Aber, ihr Mönche, auch so schon hat Pesso, der Sohn des Elephantenlenkers, viel gewonnen.«
»Da ist es, Erhabener, Zeit, da ist es, Willkommener, Zeit, dass der Erhabene diese vier Arten von Menschen ausführlich erkläre: des Erhabenen Wort werden die Mönche bewahren.«
»Wohlan denn, ihr Mönche, so höret und achtet wohl auf meine Rede.«
»Gewiss, o Herr!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also: