Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, erster Band

Part 7

Chapter 73,336 wordsPublic domain

»Gleichwie etwa, Mönche, wenn der Färber ein Kleid nähme, das besudelt und voller Flecken ist, und tauchte es in eine Farbenlösung, in diese oder in jene, in eine blaue oder in eine gelbe, in eine rothe oder in eine violette, da könnt’ es nur schlechte, nur unreine Färbung gewinnen, und warum? Weil das Kleid, ihr Mönche, nicht rein ist: -- Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist bei besudeltem Herzen ein schlechter Ausgang zu erwarten.

»Gleichwie etwa, Mönche, wenn der Färber ein Kleid nähme, das sauber und rein ist, und tauchte es in eine Farbenlösung, in diese oder in jene, in eine blaue oder in eine gelbe, in eine rothe oder in eine violette, da könnt’ es nur gute, nur reine Färbung gewinnen, und warum? Weil das Kleid, ihr Mönche, rein ist: -- Ebenso nun auch, ihr Mönche, ist bei unbesudeltem Herzen ein guter Ausgang zu erwarten.

»Was ist nun, ihr Mönche, Trübung des Herzens? Verderbte Selbstsucht ist Trübung des Herzens, Bosheit ist Trübung des Herzens, Zorn ist Trübung des Herzens, Niedertracht ist Trübung des Herzens, Häuchelei ist Trübung des Herzens, Neid ist Trübung des Herzens, Eiferung ist Trübung des Herzens, Eigensucht ist Trübung des Herzens, Trug ist Trübung des Herzens, Tücke ist Trübung des Herzens, Starrsinn ist Trübung des Herzens, Ungestüm ist Trübung des Herzens, Dünkel ist Trübung des Herzens, Uebermuth ist Trübung des Herzens, 37 Lässigkeit ist Trübung des Herzens, Leichtsinn ist Trübung des Herzens.

»Ein Mönch nun, ihr Mönche, der eingesehn hat, dass verderbte Selbstsucht Trübung des Herzens sei, der verleugnet die verderbte Selbstsucht, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Bosheit Trübung des Herzens sei, der verleugnet die Bosheit, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Zorn Trübung des Herzens sei, der verleugnet den Zorn, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Niedertracht Trübung des Herzens sei, der verleugnet die Niedertracht, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Häuchelei Trübung des Herzens sei, der verleugnet die Häuchelei, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Neid Trübung des Herzens sei, der verleugnet den Neid, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Eiferung Trübung des Herzens sei, der verleugnet die Eiferung, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Eigensucht Trübung des Herzens sei, der verleugnet die Eigensucht, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Trug Trübung des Herzens sei, der verleugnet den Trug, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Tücke Trübung des Herzens sei, der verleugnet die Tücke, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Starrsinn Trübung des Herzens sei, der verleugnet den Starrsinn, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Ungestüm Trübung des Herzens sei, der verleugnet den Ungestüm, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Dünkel Trübung des Herzens sei, der verleugnet den Dünkel, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Uebermuth Trübung des Herzens sei, der verleugnet den Uebermuth, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Lässigkeit Trübung des Herzens sei, der verleugnet die Lässigkeit, die Trübung des Herzens; der eingesehn hat, dass Leichtsinn Trübung des Herzens sei, der verleugnet den Leichtsinn, die Trübung des Herzens.

»Hat nun, ihr Mönche, ein Mönch die verderbte Selbstsucht als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Bosheit als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Zorn als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Niedertracht als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Häuchelei als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Neid als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Eiferung als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Eigensucht als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Trug als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Tücke als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Starrsinn als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Ungestüm als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Dünkel als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Uebermuth als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, die Lässigkeit als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet, den Leichtsinn als Trübung des Herzens erkannt und verleugnet; so ist seine Liebe zum Erwachten erprobt, derart zwar: ›Das ist der Erhabene, Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene‹; ist seine Liebe zur Wahrheit erprobt: ›Wohl kundgethan ist vom Erhabenen die Wahrheit, die ersichtliche, zeitlose, anregende, einladende, den Verständigen von selbst verständlich‹; ist seine Liebe zu den Jüngern erprobt: ›Wohl vertraut ist beim Erhabenen die Jüngerschaar, ehrlich vertraut ist beim Erhabenen die Jüngerschaar, recht vertraut ist beim Erhabenen die Jüngerschaar, geziemend vertraut ist beim Erhabenen die Jüngerschaar, und zwar vier Paare der Menschen, nach acht Arten von Menschen: das ist des Erhabenen Jüngerschaar, die Opfer und Spende, Gabe und Gruß verdient, heiligste Stätte der Welt ist‹. Die Rücksicht aber hat er abgethan, abgelegt, abgelöst, verleugnet, verworfen.

»‚Meine Liebe zum Erwachten ist erprobt‘: also gewinnt er Verständniss des Sinnes, Verständniss der Wahrheit, verständnissreife Wahrheitwonne. Diese Wonne besäligt ihn. Des Besäligten Körper wird still. Der Körpergestillte fühlt Heiterkeit. Des Heiteren Herz wird einig.

»‚Meine Liebe zur Wahrheit ist erprobt‘: also gewinnt er Verständniss des Sinnes, Verständniss der Wahrheit, verständnissreife Wahrheitwonne. Diese Wonne besäligt ihn. Des Besäligten Körper wird still. Der Körpergestillte fühlt Heiterkeit. Des Heiteren Herz wird einig.

»‚Meine Liebe zu den Jüngern ist erprobt‘: also gewinnt 38 er Verständniss des Sinnes, Verständniss der Wahrheit, verständnissreife Wahrheitwonne. Diese Wonne besäligt ihn. Des Besäligten Körper wird still. Der Körpergestillte fühlt Heiterkeit. Des Heiteren Herz wird einig.

»‚Und die Rücksicht, die hab’ ich abgethan, abgelegt, abgelöst, verleugnet, verworfen‘: also gewinnt er Verständniss des Sinnes, Verständniss der Wahrheit, verständnissreife Wahrheitwonne. Diese Wonne besäligt ihn. Des Besäligten Körper wird still. Der Körpergestillte fühlt Heiterkeit. Des Heiteren Herz wird einig.

»Ein Mönch nun, ihr Mönche, dem solche Tugend, solche Wahrheit, solche Weisheit eignet, mag auch Almosenspeise genießen, die aus gesichtetem Reis schmackhaft und würzig bereitet ist, und es schadet ihm nicht. Gleichwie etwa, Mönche, ein Kleid, das besudelt und voller Flecken ist, in klarem Wasser gewaschen sauber und rein wird, oder im Schmelztiegel gesottenes Gold gediegen und lauter wird: ebenso nun auch, ihr Mönche, mag ein Mönch, dem solche Tugend, solche Wahrheit, solche Weisheit eignet, auch Almosenspeise genießen, die aus gesichtetem Reis schmackhaft und würzig bereitet ist, und es schadet ihm nicht.

»Liebevollen Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem.

»Erbarmenden Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit erbarmendem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem.

»Freudevollen Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit freudevollem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem.

»Unbewegten Gemüthes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit unbewegtem Gemüthe, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem.

»‚So ist es‘, versteht er, ‚Gemeines ist da und Edles ist da, und es giebt eine Freiheit, höher als diese sinnliche Wahrnehmung‘. Und in solchem Schauen, in solchem Anblicke wird sein Herz erlöst vom Wunscheswahn, erlöst vom Daseinswahn, erlöst vom Nichtwissenswahn. ›Im Erlösten ist die Erlösung‹, diese Erkenntniss geht auf. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteht er da. Den nennt man, ihr Mönche, einen Mönch, gebadet 39 im inneren Bade.«

Zu jener Zeit aber hatte der Brāhmane Sundariko Bhāradvājo in der Nähe des Erhabenen Platz genommen. Da wandte sich nun der Brāhmane Sundariko Bhāradvājo an den Erhabenen und sprach:

»Geht wohl Herr Gotamo in die Bāhukā baden?«

»Was ist’s mit der Bāhukā, Brāhmane, was soll die Bāhukā?«

»Läuterung glaubt man, o Gotamo, wirke die Bāhukā, Heiligung glaubt man, o Gotamo, wirke die Bāhukā, in den Wellen der Bāhukā wasche man seine Schuld ab.«

Da wandte sich nun der Erhabene an den Brāhmanen Sundariko Bhāradvājo und sagte in Sprüchen:

»Die Bāhukā, die Adhikā, Die Gayā, selbst die Sundarī, Sarasvatī, Payāgos Strom Und Bāhumatīs rasche Fluth Spült nimmer weg gewirkte Schuld, Und wüsch’ auch einer ewig sich.

»Was frommte da wohl die Sundarī, Des Payāgos Woge, die Bāhukā? Den argen, verruchten Frevelmann Wäscht die Welle nicht rein von der Sündenthat.

»Dem Reinen lächelt steter Mai, Dem Reinen steter Feiertag, Dem Reinen, der nur Reines wirkt, Ist allezeit der Wunsch gewährt.

»So bade nur hier dich, Geistlicher: Alles Lebendige lass’ dir behütet sein.

»Hast abgesagt dem Lügenwort, Verletzest keine Wesenheit Und nimmst nichts Ungeschenktes du, Der Selbstverleugnung standhaft treu, Was willst du dann zur Gayā gehn? Nur Wasser gilt die Gayā dir.«

Nach diesen Worten sprach der Brāhmane Sundariko Bhāradvājo zum Erhabenen also:

»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, als ob man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre von vielen Seiten beleuchtet. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: möge mir Herr Gotamo Aufnahme gewähren, die Ordensweihe ertheilen!«

Es wurde der Brāhmane Sundariko Bhāradvājo vom Erhabenen aufgenommen, wurde mit der Ordensweihe belehnt.

Nicht lange aber war der ehrwürdige Bhāradvājo in den Orden 40 aufgenommen, da hatte er, einsam, abgesondert, unermüdlich, in heißem, innigem Ernste gar bald was edle Söhne gänzlich vom Hause fort in die Hauslosigkeit lockt, jenes höchste Ziel des Asketenthums noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ verstand er da. Auch einer war nun der ehrwürdige Bhāradvājo der Heiligen geworden.

8.

Erster Theil Achte Rede

LEDIGUNG

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.

Als nun der ehrwürdige Mahācundo gegen Abend die Gedenkensruhe beendet hatte, begab er sich zum Erhabenen, begrüßte den Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Mahācundo zum Erhabenen also:

»Von den vielen verschiedenen Lehren, o Herr, die da in der Welt auftauchen und sich bald mit der Betrachtung des Selbst, bald mit der Betrachtung der Welt befassen, braucht ein Mönch wohl nur den Anfang, o Herr, zu kennen, um sie zu verwerfen, um sie zu verleugnen?«

»Von den vielen verschiedenen Lehren, Cundo, die da in der Welt auftauchen und sich bald mit der Betrachtung des Selbst, bald mit der Betrachtung der Welt befassen, gilt überall wo sie auftauchen, aufsteigen, auftreten das wahrheitgemäße, vollkommen weise Urtheil: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst‹: so werden sie verworfen, so werden sie verleugnet.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, die sinnend gedenkende ruhegeborene sälige Heiterkeit, die Weihe der ersten Schauung erwirkt habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt, sichtbares Wohl wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach Vollendung 41 des Sinnens und Gedenkens die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung erwirkt habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt, sichtbares Wohl wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch in heiterer Ruhe verweile, gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, und ein Glück im Körper empfinde, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so habe er die Weihe der dritten Schauung erwirkt und denke nun: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt, sichtbares Wohl wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommen reinen vierten Schauung erwirkt habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt, sichtbares Wohl wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach völliger Ueberwindung der Formwahrnehmungen, Vernichtung der Gegenwahrnehmungen, Verwerfung der Vielheitwahrnehmungen in dem Gedanken ›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten Raumes gewonnen habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt, sälige Ruhe wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach völliger Ueberwindung der unbegränzten Raumsphäre in dem Gedanken ›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des unbegränzten Bewusstseins gewonnen habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt, sälige Ruhe wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach völliger Ueberwindung der unbegränzten Bewusstseinsphäre in dem Gedanken ›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins gewonnen habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt, sälige Ruhe wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Es mag schon sein, Cundo, dass da ein Mönch nach völliger Ueberwindung der Nichtdaseinsphäre die Gränzscheide möglicher Wahrnehmung gewonnen habe und nun denke: ›Ledigung wirk’ ich.‹ 42 Doch das wird, Cundo, im Orden des Heiligen nicht Ledigung genannt, sälige Ruhe wird das im Orden des Heiligen genannt.

»Aber hier, Cundo, sollt ihr Ledigung üben: ›Die anderen werden in Wuth gerathen, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden das Leben rauben, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden Nichtgegebenes nehmen, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden unkeusch leben, wir keusch‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden lügen, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden heimliche Rede führen, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden rohe Rede gebrauchen, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden Geschwätze pflegen, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden selbstsüchtig sein, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden gehässig sein, wir nicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falsche Erkenntniss pflegen, wir rechte Erkenntnis‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falsche Gesinnung pflegen, wir rechte Gesinnung‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falsche Rede pflegen, wir rechte Rede‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falschen Handel pflegen, wir rechten Handel‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falschen Wandel pflegen, wir rechten Wandel‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falsches Mühn pflegen, wir rechtes Mühn‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falsche Einsicht pflegen, wir rechte Einsicht‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falsche Vertiefung pflegen, wir rechte Vertiefung‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falsches Wissen pflegen, wir rechtes Wissen‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden falsche Erlösung pflegen, wir rechte Erlösung‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden sich von matter Müde beschleichen lassen, wir aber werden matte Müde verscheuchen‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden sich brüsten, wir aber werden dehmüthig bleiben‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden hin und her schwanken, wir aber werden unserer Sache gewiss sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden zürnen, wir aber werden nicht zürnen‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden zwieträchtig sein, wir aber werden einträchtig sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die 43 anderen werden häucheln, wir aber werden nicht häucheln‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden neiden, wir aber werden nicht neiden‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden eifern, wir aber werden nicht eifern‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden eigennützig sein, wir aber werden nicht eigennützig sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden listig sein, wir aber werden nicht listig sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden gleißnerisch sein, wir aber werden nicht gleißnerisch sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden störrisch sein, wir aber werden nicht störrisch sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden eitel sein, wir aber werden nicht eitel sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden ungestüm sein, wir aber werden sanft bleiben‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden Freunde des Schlechten sein, wir aber werden Freunde des Guten sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden sich gehn lassen, wir aber werden unermüdlich sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden Misstrauen hegen, wir aber werden Vertrauen hegen‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden unverschämt sein, wir aber werden uns schämen‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden gewissenlos sein, wir aber werden gewissenhaft sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden unerfahren sein, wir aber werden vielerfahren sein‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden nachgeben, wir aber werden ausharren‹, so ist Ledigung zu üben. ›Den anderen wird sich die Einsicht trüben, uns aber wird die Einsicht klar bleiben‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden thöricht sein, wir aber weise‹, so ist Ledigung zu üben. ›Die anderen werden nur für das vor Augen Liegende Sinn haben, mit beiden Händen zugreifen, sich schwer abweisen lassen, wir aber werden nicht nur für das vor Augen Liegende Sinn haben, nicht mit beiden Händen zugreifen, uns leicht abweisen lassen‹, so ist Ledigung zu üben.

»Die Herzensentschließung zum Guten nenn’ ich ja, Cundo, wichtig: was soll da erst von Geboten des Thuns und Redens gesagt werden! Darum also, Cundo: ›Die anderen werden in Wuth gerathen, wir aber wollen nicht in Wuth gerathen‹: dieser Herzensentschluss ist zu erzeugen. ›Die anderen werden übel fahren, wir aber wollen wohl fahren‹: dieser Herzensentschluss ist zu erzeugen. ›Die anderen werden nur für das vor Augen Liegende Sinn haben, mit beiden Händen zugreifen, sich schwer abweisen lassen, wir aber wollen nicht nur für das vor Augen Liegende Sinn haben, nicht mit beiden Händen zugreifen, uns leicht abweisen lassen‹: dieser Herzensentschluss ist zu erzeugen.

»Gleichwie etwa, Cundo, wenn da ein ungangbarer Weg wäre und ein gangbarer Weg führte um ihn herum; oder gleichwie etwa, Cundo, wenn da eine ungangbare Furth wäre und eine gangbare Furth führte um sie herum: ebenso nun auch, Cundo, kann wer zur 44 Heftigkeit neigt auf dem Pfade der Milde herumkommen, wer zur Uebelfahrt neigt auf dem Pfade der Wohlfahrt herumkommen, wer niederen Sinn hegt, mit beiden Händen zugreift, sich schwer abweisen lässt, auf dem Pfade des höheren Sinnes, des Anstandes und der Gelassenheit herumkommen.

»Gleichwie da, Cundo, jedwedes Schlechte wieder zu niederer Wesenheit führt, jedwedes Gute wieder zu höherer Wesenheit führt: ebenso nun auch, Cundo, kann wer zur Heftigkeit neigt durch Milde höhere Wesenheit gewinnen, wer zur Uebelfahrt neigt durch Wohlfahrt höhere Wesenheit gewinnen, wer niederen Sinn hegt, mit beiden Händen zugreift, sich schwer abweisen lässt, 45 durch höheren Sinn, Anstand und Gelassenheit höhere Wesenheit gewinnen.

»Dass aber, Cundo, einer, der selber sumpfversunken ist, einen anderen Sumpfversunkenen herausziehn kann, ein solcher Fall findet sich nicht. Dass aber, Cundo, einer, der selber nicht sumpfversunken ist, einen anderen Sumpfversunkenen herausziehn kann, ein solcher Fall findet sich. Und dass, Cundo, einer, der selber nicht bezwungen, nicht verneint, nicht wahnerloschen ist, einen anderen zur Bezwingung, zur Verneinung, zur Wahnerlöschung bringen kann, ein solcher Fall findet sich nicht. Und dass, Cundo, einer, der selber bezwungen, verneint, wahnerloschen ist, einen anderen zur Bezwingung, zur Verneinung, zur Wahnerlöschung bringen kann, ein solcher Fall findet sich: