Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, erster Band
Part 6
»Die bösen, verderblichen Sinnesrichtungen, Bruder, die versteht man unter dem Begriffe der Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn ich mich vergangen habe, so brauchen die anderen nicht zu wissen: ‚Er hat sich vergangen‘‹. Möglich, Bruder, dass sie erfahren: ›Er hat sich vergangen.‹ Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Sie wissen es, dass ich mich vergangen habe!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn ich mich vergangen habe, so sollen mir’s die Brüder im Geheimen verweisen, nicht vor den anderen Mönchen‹. Möglich, Bruder, dass sie ihn öffentlich zurechtweisen, nicht im Geheimen. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Oeffentlich weisen sie mich zurecht, nicht vertraulich!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn ich mich vergangen habe, so mag mich ein Freund zurechtweisen, kein anderer Mönch.‹ Möglich, Bruder, dass ihn ein anderer Mönch zurechtweist, kein Freund. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer Mönch weist mich zurecht, der mir ferne steht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Ach möchte doch der Meister in Wechselrede mit mir den Mönchen die Lehre darlegen, nicht in Wechselrede mit einem anderen Mönche!‹ Möglich, Bruder, dass der Meister mit einem anderen Mönch in Wechselrede die Lehre darlegt, nicht mit diesem Mönche. 28 Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Mit einem anderen Mönch in Wechselrede legt der Meister den Mönchen die Lehre dar, nicht mit mir!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Die Mönche sollten beim Gang nach dem Dorfe um Almosenspeise mich an die Spitze stellen, keinen anderen!‹ Möglich, Bruder, dass sie einen anderen Mönch vorangehn lassen, nicht diesen. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Einen anderen stellen sie voran, nicht mich!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn doch bei der Mahlzeit der beste Sitz, das beste Wasser, der beste Bissen keinem anderen zufiele als mir!‹ Möglich, Bruder, dass der beste Sitz, das beste Wasser, der beste Bissen einem anderen Mönche zufällt und nicht diesem. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer hat den besten Sitz, das beste Wasser, den besten Bissen erhalten, nicht ich!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn nur ich und kein anderer bei der Mahlzeit satt werden kann!‹ Möglich, Bruder, dass ein anderer und nicht er bei der Mahlzeit satt werde. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer wird satt und ich nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn die Mönche den Garten besuchen, soll es nur meine Sache und nicht die eines anderen sein, ihnen die Lehre darzulegen.‹ Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch den im Garten versammelten Mönchen die Lehre vorträgt, nicht dieser Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer 29 trägt den Mönchen die Lehre vor, nicht ich!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn die Nonnen den Garten besuchen, soll es nur meine Sache und nicht die eines anderen sein, ihnen die Lehre darzulegen‹. Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch den im Garten versammelten Nonnen die Lehre vorträgt, nicht dieser Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer trägt den Nonnen die Lehre vor, nicht ich!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Wenn Anhänger und Anhängerinen den Garten besuchen, soll es nur meine Sache und nicht die eines anderen sein, ihnen die Lehre darzulegen‹. Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch den im Garten versammelten Anhängern und Anhängerinen die Lehre vorträgt, nicht dieser Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Ein anderer trägt den Anhängern und Anhängerinen die Lehre vor, nicht ich!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Mich, wahrlich, sollten die Mönche hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht einen anderen!‹ Möglich, Bruder, dass die Mönche einen anderen Mönch hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht diesen Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Einen anderen schätzen die Mönche hoch, halten ihn werth, achten und ehren ihn, mich aber nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Mich, wahrlich, sollten die Nonnen hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht einen anderen!‹ Möglich, Bruder, dass die Nonnen einen anderen Mönch hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht diesen Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Einen anderen schätzen die Nonnen hoch, halten ihn werth, achten und ehren ihn, mich aber nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Mich, wahrlich, sollten die Anhänger und Anhängerinen hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht einen anderen!‹ Möglich, Bruder, dass die Anhänger und Anhängerinen einen anderen Mönch hochschätzen, werthhalten, achten und ehren, nicht diesen Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Einen anderen schätzen die Anhänger und Anhängerinen hoch, halten ihn werth, achten und ehren ihn, mich aber nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Man sollte doch mir eine auserlesene Kutte zukommen lassen, nicht einem anderen!‹ Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch eine auserlesene Kutte 30 erhält, nicht dieser. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Einem anderen geben sie auserlesene Kleidung und mir nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Möglich, Bruder, dass da einem Mönche in den Sinn kommt: ›Man sollte doch mir auserlesene Bissen, auserlesene Lagerstatt, auserlesene Arzeneien für den Fall einer Krankheit zukommen lassen, nicht einem anderen!‹ Möglich, Bruder, dass ein anderer Mönch auserlesene Bissen, auserlesene Lagerstatt, auserlesene Arzeneien für den Fall einer Krankheit erhält, nicht dieser Mönch. Da wird er erbittert und missvergnügt: ›Einem anderen geben sie auserlesene Bissen, auserlesene Lagerstatt, auserlesene Arzeneien für den Fall einer Krankheit, mir aber nicht!‹ Diese Erbitterung, Bruder, und dieses Missvergnügen: beides ist Schuld. -- Das aber, Bruder, sind die bösen, verderblichen Sinnesrichtungen, die man unter dem Begriffe der Schuld versteht.
»Ein Mönch, Bruder, bei dem sich diese bösen, verderblichen Sinnesrichtungen ungeschwächt zeigen und äußern, und wäre er auch ein abgeschiedener Waldeinsiedler, ein stummer Brockenbettler, bekleidet mit der selbstgeflickten Fetzenkutte, der wird von seinen Ordensbrüdern nicht hochgeschätzt, nicht werthgehalten, nicht geachtet, nicht geehrt: und warum nicht? Weil sich ja bei dem Ehrwürdigen jene bösen, verderblichen Sinnesrichtungen ungeschwächt zeigen und äußern. Gleichwie etwa, Bruder, wenn da eine messingerne Schüssel wäre, am Markte oder beim Kupferschmidte erstanden, blank und rein, und die Eigner füllten sie mit Schlangenaas oder mit Hundeaas oder mit Menschenaas, deckten eine andere Schüssel darüber und gingen damit auf den Markt. Diese Schüssel sähe einer und sagte: ›Freund, was birgst du darin und entziehst es dem Auge?‹ Und er höbe den Deckel ab, legte die Schüssel bloß, spähte hinein: und bei dem Anblicke stiege ihm Widerwille, Ekel und Abscheu auf, und selbst Hungrigen verginge die Esslust, geschweige Gesättigten: ebenso nun auch, Bruder, wird da ein Mönch, bei dem sich jene bösen, verderblichen Sinnesrichtungen ungeschwächt zeigen und äußern, und wäre er auch ein abgeschiedener Waldeinsiedler, ein stummer Brockenbettler, bekleidet mit der selbstgeflickten Fetzenkutte, von seinen Ordensbrüdern nicht hochgeschätzt, nicht werthgehalten, nicht 31 geachtet, nicht geehrt: und warum nicht? Weil sich eben bei dem Ehrwürdigen jene bösen, verderblichen Sinnesrichtungen ungeschwächt zeigen und äußern.
»Ein Mönch, Bruder, bei dem sich jene bösen, verderblichen Sinnesrichtungen nicht mehr zeigen, nicht mehr äußern, und wäre er auch ein Landpilger, ein Ausgespeister, bekleidet mit einer geschenkten Kutte, der wird von seinen Ordensbrüdern hochgeschätzt, werthgehalten, geachtet und geehrt: und warum das? Weil sich ja bei dem Ehrwürdigen jene bösen, verderblichen Sinnesrichtungen nicht mehr zeigen, nicht mehr äußern. Gleichwie etwa, Bruder, wenn da eine messingerne Schüssel wäre, am Markte oder beim Kupferschmidte erstanden, blank und rein, und die Eigner füllten sie mit einem saftigen, würzigen Gerichte aus gekochtem gesichteten Reis, deckten eine andere Schüssel darüber und gingen damit auf den Markt. Diese Schüssel sähe einer und sagte: ›Freund, was birgst du darin und entziehst es dem Auge?‹ Und er höbe den Deckel ab, legte die Schüssel bloß, spähte hinein: und bei dem Anblicke stiege ihm Behagen auf, kein Ekel, kein Abscheu, und selbst bei Gesättigten regte sich Esslust, geschweige bei Hungrigen: ebenso nun auch, Bruder, wird da ein Mönch, bei dem sich jene bösen, verderblichen Sinnesrichtungen nicht mehr zeigen, nicht mehr äußern, und wäre er auch ein Landpilger, ein Ausgespeister, bekleidet mit einer geschenkten Kutte, von seinen Ordensbrüdern hochgeschätzt, werthgehalten, geachtet und geehrt: und warum das? Weil sich eben bei dem Ehrwürdigen jene bösen, verderblichen Sinnesrichtungen nicht mehr zeigen, nicht mehr äußern.«
Auf diese Worte wandte sich der ehrwürdige Mahāmoggallāno an den ehrwürdigen Sāriputto und sprach:
»Ein Gleichniss, Bruder Sāriputto, leuchtet mir auf.«
»Es leuchte dir auf, Bruder Moggallāno.«
»Einst weilte ich, Bruder, auf der Bergeshalde bei Rājagaham. Und ich erhob mich frühmorgens, nahm Mantel und Schaale und ging zur Stadt um Almosenspeise. Zu jener Zeit aber war Samiti, der Sohn eines Wagenbauers, damit beschäftigt eine Radscheibe abzuhobeln, und Paṇḍuputto, ein Nackter Büßer, der vorher Wagner gewesen, stand dabei. Da kam nun der ehemalige Wagner, der Nackte Büßer Paṇḍuputto auf folgende Gedanken: ›O dass doch der Wagnersohn Samiti seinem Rade diese Rille und diesen Bug und diesen Knoten abhobeln möchte: dann würde das Rad, befreit von Rillen, Bügen und Knoten, aus reinem Kernholz bestehn‹. Und während, Bruder, dem Nackten Büßer Paṇḍuputto, dem früheren 32 Wagner, Gedanke um Gedanke erschien, hobelte der Wagnersohn Samiti seinem Rade Rille um Rille, Bug um Bug, Knoten um Knoten ab. Da ließ der Nackte Büßer Paṇḍuputto, der frühere Wagner, freudig bewegt den frohen Ruf ertönen: ›Wie aus dem Herzen heraus hobelt er mir!‹ --: Ebenso nun auch, Bruder, giebt es da Leute, die unwillig, aus Nothdurft, nicht aus Zuversicht vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen sind, Häuchler, Gleißner, Scheinheilige, aufgeblasene Windbeutel, geschäftige Schwätzer und Plauderer, schlechte Hüter der Sinnesthore, ohne Rückhalt beim Mahle, der Wachsamkeit abgeneigt, gleichgültig gegen das Asketenthum, lässig in der Ordenspflicht, anspruchsvoll, aufdringlich, vor allem Gesellschaft suchend, Einsamkeit als lästige Last fliehend, matte, schwache Herzen, verworrene, unklare Köpfe, unbeständige, zerstreute Geister, Beschränkte und Stumpfe: diesen hat der ehrwürdige Sāriputto mit seiner Darstellung wie aus dem Herzen heraus gehobelt. Es giebt aber auch edle Söhne, die aus Zuversicht vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen sind, keine Häuchler, keine Gleißner, keine Scheinheiligen, keine aufgeblasenen Windbeutel, keine geschäftigen Schwätzer und Plauderer, strenge Hüter der Sinnesthore, mäßig beim Mahle, der Wachsamkeit ergeben, dem Asketenthum zugethan, eifrig in der Ordenspflicht, anspruchslos, nicht aufdringlich, vor allem Einsamkeit suchend, Gesellschaft als lästige Last fliehend, muthige, starke Herzen, einsichtige, klare Köpfe, beständige, einige Geister, Weise und Witzige: diesen war des ehrwürdigen Sāriputto Darstellung gleichsam Speise und Trank für Herz und Ohr. Trefflich, fürwahr, hast du die Ordensbrüder vor dem Unrecht gewarnt und im Recht bestärkt. Gleichwie etwa, Bruder, ein Weib oder ein Mann, jung, blühend, gefallsam, sich den Kopf wäscht, Lilien, Gelsaminen oder Windlinge pflückt, zum Kranze bindet und damit den Scheitel schmückt: ebenso nun auch, Bruder, giebt es da edle Söhne, Asketen der Zuversicht, die du trefflich, fürwahr, vor dem Unrecht gewarnt und im Recht bestärkt hast.«
* * * * *
So, wahrlich, ergetzten sich jene beiden Großen an gegenseitiger trefflicher Rede.
6.
Erster Theil Sechste Rede
WUNSCH UM WÜNSCHE
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 33 Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»Bewahret Tugend, Mönche, bewahret Reinheit: Reinheit hegend und pflegend bewahret im Handel und Wandel; vor geringstem Fehl auf der Hut schreitet beharrlich weiter Schritt um Schritt.
»Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Wär’ ich doch den Ordensbrüdern lieb und genehm, werth und gewichtig‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Hätt’ ich nur Kleidung, Nahrung, Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer Krankheit‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Denen, die mir da Kleidung, Nahrung, Lagerstatt und Arzeneien für den Fall einer Krankheit spenden, sollen diese Gaben hohes Verdienst bringen, hohe Förderung‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Die dahingegangenen, verstorbenen Blutsverwandten, die meiner in Liebe gedachten[6], sollen hohes Verdienst darum haben, hohe Förderung‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Der Unmuthslust will ich Herr sein, mich soll Unmuth nicht beherrschen, aufgestiegenen Unmuth werd’ ich siegreich überwinden‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Der Furcht und Angst will ich Herr sein, mich soll Angst und Furcht nicht beherrschen, aufgestiegene Furcht und Angst werd’ ich siegreich überwinden‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Die vier Schauungen, die das Herz erquicken, schon im Leben besäligen, könnt’ ich doch diese sehnend erlangen, in ihrer Fülle und Weite‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Jene heiligen Erlösungen, die, jenseit der Formen, keinerlei Form behalten, die will ich leibhaftig erfahren und finden‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, 34 ein Mönch: ›Könnt’ ich doch nach Vernichtung der drei Fesseln zur Hörerschaft gelangen, dem Verderben entronnen zielbewusst der vollen Erwachung entgegeneilen‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Möcht’ ich doch nach Vernichtung der drei Fesseln, von Gier, Hass und Irre erleichtert, fast schon geläutert, nur einmal wiederkehren, nur einmal noch zu dieser Welt gekommen dem Leiden ein Ende machen‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Würd’ ich doch nach Vernichtung der fünf niederzerrenden Fesseln emporsteigen, um von dort aus zu erlöschen, nicht mehr zurückkehren nach jener Welt‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Geläng’ es mir doch, auf manigfaltige Weise Machtentfaltung zu erfahren: als nur einer etwa vielfach zu werden, und vielfach geworden wieder einer zu sein, oder sichtbar und unsichtbar zu werden; auch durch Mauern, Wälle, Felsen hindurchzuschweben wie durch die Luft; oder auf der Erde auf- und unterzutauchen wie im Wasser; auch auf dem Wasser zu wandeln ohne unterzusinken wie auf der Erde; oder auch durch die Luft sitzend dahinzufahren wie der Vogel mit seinen Fittichen; auch etwa diesen Mond und diese Sonne, die so mächtigen, so gewaltigen, mit der Hand zu befühlen und zu berühren, etwa gar bis zu den Brahmawelten den Körper in meiner Gewalt zu haben‹, wünscht er sich das, ihr Mönche, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Wenn ich doch mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, beide Arten der Töne hörte, die himmlischen und die irdischen, die fernen und die nahen‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Wär’ es mir doch gegeben, der anderen Wesen, der anderen Personen Herz und Gemüth zu durchschauen und zu erkennen, das begehrliche Herz als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das gehässige Herz als gehässig und das hasslose Herz als hasslos, das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos, das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz als zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz 35 als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt‹, wünscht er sich das, ihr Mönche, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Wär’ ich doch imstande, mich an manche verschiedene frühere Daseinsform zu erinnern, als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an drei Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen, ‚Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende, dort verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein, da war ich nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende, da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein‘, wär’ ich doch also imstande, mich an manche verschiedene frühere Daseinsform zu erinnern, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen‹, wünscht er sich das, ihr Mönche, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Hätt’ ich doch das himmlische Auge, das geläuterte, über menschliche Gränzen hinausreichende, die Wesen zu sehn, wie sie dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, säh’ ich doch wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren, ‚Diese lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes, bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt, jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes, bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige Welt‘, könnt’ ich doch also mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen erkennen, wie sie dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und hässliche, glückliche und unglückliche, säh’ ich doch wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren‹, wünscht er sich das, ihr Mönche, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein. -- Wünscht sich, ihr Mönche, ein Mönch: ›Könnt’ ich doch den Wahn versiegen und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten mir offenbar machen, verwirklichen und 36 erringen‹, dann soll er nur vollkommene Tugend üben, innige Geistesruhe erkämpfen, der Schauung nicht widerstreben, durchdringenden Blick gewinnen, ein Freund leerer Klausen sein.
»›Bewahret Tugend, Mönche, bewahret Reinheit: Reinheit hegend und pflegend bewahret im Handel und Wandel; vor geringstem Fehl auf der Hut schreitet beharrlich weiter Schritt um Schritt‹: wurde das gesagt, so war es darum gesagt.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.
7.
Erster Theil Siebente Rede
DAS GLEICHNISS VOM KLEIDE
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also: