Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, erster Band

Part 40

Chapter 403,576 wordsPublic domain

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man eine Trinkschaale da hätte, mit schönem, duftendem, wohlschmeckendem Inhalte, aber mit Gift versetzt, und es käme ein Mann herbei, der leben, nicht sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe verabscheut, und man spräche also zu ihm: ›Lieber Mann, diese Trinkschaale birgt schönes, duftendes, wohlschmeckendes Nass, ist aber mit Gift versetzt: wenn du willst, so trinke. Zwar wird dir der Trank behagen, an Farbe, Duft und Wohlgeschmack, aber nach dem Genusse wirst du sterben oder tödtliche Schmerzen erleiden.‹ Doch unbesonnen tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und der Trank behagte ihm zwar an Farbe, Duft und Wohlgeschmack, nachdem er ihn aber getrunken, stürbe er oder erlitte tödtliche Schmerzen: -- Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl und künftiges Wehe bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man faulen Urin da hätte, mit mancherlei Heilkräutern versetzt, und es käme ein Mann herbei, der die Gelbsucht hat, und man spräche also zu ihm: ›Lieber Mann, dieser faule Urin ist mit mancherlei Heilkräutern versetzt: wenn du willst, so trinke. Der Trank wird dir freilich nicht behagen, weder an Farbe noch an Geruch und Geschmack, aber der Genuss wird dir wohlbekommen.‹ Und besonnen tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und der Trank behagte ihm freilich weder an Farbe noch an Geruch und Geschmack, nachdem er ihn aber getrunken, würde ihm wohl: -- Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wehe und künftiges Wohl bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn man Rahm und Honig, Butteröl und Zucker da hätte, innig vermischt, und es käme ein Mann herbei, der an Blutbrechen litte, und man spräche also zu ihm: ›Lieber Mann, hier ist Rahm und Honig, Butteröl und Zucker, 317 innig vermischt: wenn du willst, so trinke. Dieser Trank wird dir an Farbe, Duft und Geschmack eben recht sein, und der Genuss wird dir wohlthun.‹ Und besonnen tränke er ihn, wiese ihn nicht zurück. Und der Trank wär’ ihm eben recht an Farbe, Duft und Geschmack, und nachdem er ihn getrunken, würde ihm wohl: -- Dem zu vergleichen, sag’ ich, ihr Mönche, ist eine Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt.

»Gleichwie etwa, ihr Mönche, wenn im letzten Monat der Regenzeit, im Herbste, nach Zerstreuung und Vertreibung der wasserschwangeren Wolken die Sonne am Himmel aufgeht und alle Nebel der Lüfte strahlend verscheucht und flammt und leuchtet: ebenso nun auch, ihr Mönche, erscheint da diese Lebensführung, die gegenwärtiges Wohl sowie künftiges Wohl bringt, und verscheucht strahlend die Redereien gewöhnlicher Büßer und Priester und flammt und leuchtet.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.

47.

Fünfter Theil Siebente Rede

DER FORSCHER

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Ein forschender Mönch, ihr Mönche, der seines Nächsten Gemüthsart versteht, soll beim Vollendeten die Prüfung anstellen: ›Ist er der vollkommen Erwachte, oder ist er es nicht?‹ Darüber muss er sich klar werden.«

»Vom Erhabenen stammt unser Wissen, o Herr, vom Erhabenen geht es aus, auf den Erhabenen geht es zurück. Gut wär’ es, o Herr, wenn doch der Erhabene den Sinn dieser Rede erläutern wollte! Das Wort des Erhabenen werden wir bewahren.«

»Wohlan denn, ihr Mönche, so höret und achtet wohl auf meine Rede.«

»Gern, o Herr!« erwiderten da aufmerksam jene Mönche dem 318 Erhabenen. Der Erhabene sprach also:

»Ein forschender Mönch, ihr Mönche, der seines Nächsten Gemüthsart versteht, soll bei zwei Dingen den Vollendeten prüfen, bei den sichtbaren und bei den hörbaren Dingen: ›Die unsauberen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Und indem er ihn prüft erkennt er: ›Die unsauberen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, die finden sich nicht beim Vollendeten.‹ Und wenn er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn weiter: ›Die wechselvollen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Und indem er ihn prüft erkennt er: ›Die wechselvollen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, die finden sich nicht beim Vollendeten.‹ Und wenn er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn weiter: ›Die abgeklärten Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Und indem er ihn prüft erkennt er: ›Die abgeklärten Dinge, die sichtbar und hörbar sind, die finden sich beim Vollendeten‹: Und wenn er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn weiter: ›Ist es schon lange her, dass der Ehrwürdige diese treffliche Satzung entdeckt hat, oder ist es eben erst geschehn?‹ Und indem er ihn prüft erkennt er: ›Lang’ ist es her, dass der Ehrwürdige diese treffliche Satzung entdeckt hat, nicht ist der Ehrwürdige eben erst dazu gekommen.‹ Und wenn er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn weiter: ›Zu Ansehn ist der Ehrwürdige gelangt, ist ein berühmter Mönch geworden: da wird sich manches Elend bei ihm finden.‹ Denn desshalb kann man nicht bei einem Mönch, ihr Mönche, Elend finden, weil er kein Ansehn, keinen Ruhm gewonnen hat: ist aber erst ein Mönch, ihr Mönche, angesehn, berühmt geworden, dann stellt sich manches Elend bei ihm ein. Und indem er ihn prüft erkennt er: ›Zu Ansehn ist der Ehrwürdige gelangt, ist ein 319 berühmter Mönch geworden, doch lässt sich da kein Elend bei ihm finden.‹ Und wenn er ihn prüfend also erkannt hat, dann prüft er ihn weiter: ›Ist der Ehrwürdige ohne Fürchten beschwichtigt, ist der Ehrwürdige nicht aus Fürchten beschwichtigt? Pflegt der Ehrwürdige, verlangensledig, keiner Lust, versiegten Verlangens?‹ Und indem er ihn prüft erkennt er: ›Ohne Fürchten beschwichtigt ist der Ehrwürdige, nicht ist der Ehrwürdige aus Fürchten beschwichtigt: verlangensledig pflegt er keiner Lust, versiegten Verlangens.‹ Wenn man nun diesen Mönch, ihr Mönche, fragte: ›Was für Anhalt, was für Anlass hat wohl der ehrwürdige Bruder, also zu sprechen ‚Ohne Fürchten beschwichtigt ist jener Ehrwürdige, nicht ist jener Ehrwürdige aus Fürchten beschwichtigt: verlangensledig pflegt er keiner Lust, versiegten Verlangens‘‹, so würde der Mönch, ihr Mönche, rechten Bescheid also geben: ›Der Gleiche ist jener Ehrwürdige, ob er unter den Jüngern weilt oder allein, und sanfte Gesellen und rauhe Gesellen, wie sie da sind, die Häupter des Ordens, Erdensöhne und Erdenüberwinder: keinen schätzt jener Ehrwürdige darum gering. Und vom Munde des Erhabenen hab’ ich es gehört, von seinem Munde vernommen:

‚Beschwichtigt bin ich ohne Fürchten, Nicht bin aus Fürchten ich beschwichtigt: Verlangensledig lustentpflegt Ist was Verlangen war versiegt.‘‹

»Und nun, ihr Mönche, ist noch der Vollendete selbst zu befragen: ›Die unsauberen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Der Bescheid, ihr Mönche, den der Vollendete gäbe, wäre dieser: ›Die unsauberen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, die finden sich nicht beim Vollendeten.‹ ›Die wechselvollen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Der Bescheid, ihr Mönche, den der Vollendete gäbe, wäre dieser: ›Die wechselvollen Dinge, die sichtbar und hörbar sind, die finden sich nicht beim Vollendeten.‹ ›Die abgeklärten Dinge, die sichtbar und hörbar sind, finden sich die beim Vollendeten, oder finden sie sich nicht?‹ Der Bescheid, ihr Mönche, den der Vollendete gäbe, wäre dieser: ›Die abgeklärten Dinge, die sichtbar und hörbar sind, die finden sich beim Vollendeten,

Meine Spuren sind es nur, Meine Bahnen nur, Aber ich bin andrer Art.‹

»Einen Meister, ihr Mönche, der also spricht, mag der Jünger wohl aufsuchen, seine Satzung zu hören. Und der Meister legt ihm die Satzung dar, weit und weiter, innig und inniger, mit ihren Theilen von dunkel und licht. Wie nun der Meister die Satzung darlegt, weit und weiter, innig und inniger, mit ihren Theilen von dunkel und licht, wird sie dem Jünger 320 klarer und klarer, und Satz um Satz erschließt sich ihm, und er erkennt den Meister: ›Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft.‹ Wenn man nun diesen Mönch, ihr Mönche, fragte: ›Was für Anhalt, was für Anlass hat aber der Ehrwürdige, zu sagen ‚Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft‘‹, so würde der Mönch, ihr Mönche, rechten Bescheid also geben: ›Ich war da, Brüder, zum Erhabenen gegangen, seine Satzung zu hören. Und der Erhabene legte mir die Satzung dar, weit und weiter, innig und inniger, mit ihren Theilen von dunkel und licht. Wie mir nun da der Erhabene die Satzung darlegte, weit und weiter, innig und inniger, mit ihren Theilen von dunkel und licht, ward sie mir klarer und klarer, und Satz um Satz erschloss sich mir, und ich erkannte den Meister: Vollkommen erwacht ist der Erhabene, wohlkundgethan vom Erhabenen die Satzung, wohlvertraut die Jüngerschaft.‹

»Bei wem da, ihr Mönche, Zuversicht zum Vollendeten mit solchem Anhalt, auf solche Weise, unter solchen Umständen Boden gefunden, Wurzel geschlagen, standgehalten hat: die wird, ihr Mönche, Zuversicht des Anhalts genannt, in der Anschauung wurzelnd, stark, und kein Büßer oder Priester, kein Gott und kein Teufel, kein Brahmā noch irgendeiner in der Welt kann sie ausroden.

»Das ist die Art, ihr Mönche, wie man beim Vollendeten die Satzung prüft, und das ist die Art, wie der Vollendete der Satzung gemäß wohl geprüft wird.«

* * * * *

Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.

48.

Fünfter Theil Achte Rede

VOR KOSAMBĪ

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Kosambī, in der Gartenstiftung. Zu jener Zeit nun war unter den Mönchen von Kosambī Zank und Streit ausgebrochen, sie haderten mit einander und scharfe Wortgefechte fanden statt. Sie konnten sich nicht versöhnen und wiesen eine Versöhnung ab, sie konnten sich nicht verständigen und blieben der Verständigung unzugänglich.

Da begab sich nun einer der Mönche zum Erhabenen, begrüßte den 321 Erhabenen ehrerbietig und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach jener Mönch zum Erhabenen also:

»Es ist da, o Herr, unter den Kosambiyer Mönchen Zank und Streit ausgebrochen, sie hadern mit einander und scharfe Wortgefechte finden statt. Sie können sich nicht versöhnen und weisen eine Versöhnung ab, sie können sich nicht verständigen und bleiben der Verständigung unzugänglich.«

Da gab nun der Erhabene einem Mönche den Auftrag:

»Geh’, lieber Mönch, und sag’ in meinem Namen jenen Mönchen: Der Meister lässt euch Ehrwürdige rufen.«

»Gut, o Herr!« erwiderte der Mönch dem Erhabenen und begab sich zu jenen Mönchen. Dort angelangt sprach er also zu ihnen:

»Der Meister lässt euch Ehrwürdige rufen.«

»Wohl, Bruder, wir kommen!« sagten jene Mönche und begaben sich dorthin wo der Erhabene weilte, begrüßten den Erhabenen ehrerbietig und setzten sich zur Seite nieder. Zu den dort Sitzenden sprach nun der Erhabene also:

»Ist es wahr, wie man sagt, dass unter euch Mönchen Zank und Streit ausgebrochen sei, dass ihr mit einander hadert und scharfe Wortgefechte führt? Dass ihr euch nicht versöhnen könnt und eine Versöhnung zurückweist, dass ihr euch nicht verständigen könnt und der Verständigung unzugänglich bleibt?«

»Allerdings, o Herr!«

»Was meint ihr nun, Mönche: zu einer Zeit wo ihr unter einander in Zank, Streit und Hader liegt und euch mit scharfer Rede angreift, dient ihr wohl zu einer solchen Zeit eueren Ordensbrüdern mit liebevoller That, so offen als verborgen, mit liebevollem Wort, so offen als verborgen, mit liebevollem Herzen, so offen als verborgen?«

»Freilich nicht, o Herr!«

»So ist es klar, Mönche, dass ihr zu einer solchen Zeit eueren Ordensbrüdern weder mit liebevoller That dienet, so offen als verborgen, noch mit liebevollem Worte, so offen als verborgen, noch mit liebevollem Herzen, so offen als verborgen. Was wollt ihr also, Bethörte, was bezweckt ihr, was beabsichtigt ihr mit euerem Zanken, Streiten und Hadern, mit eurer scharfen Rede, 322 mit eurer Unversöhnlichkeit und Unverständigkeit? Das wird euch Bethörten lange zum Unheil, zum Leiden gereichen.«

Und der Erhabene wandte sich nun an die Mönche:

»Sechs Dinge giebt es, ihr Mönche, nicht zu vergessende, hoch und hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führen: und welche sind das? Da dient, ihr Mönche, ein Mönch seinen Ordensbrüdern mit liebevoller That, so offen als verborgen. Das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch dient seinen Ordensbrüdern mit liebevollem Worte, so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch dient seinen Ordensbrüdern mit liebevollem Herzen, so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: wenn der Mönch Gaben empfängt, Ordenspenden, so theilt er sie nicht nach Belieben, sondern bis auf die Brocken in seiner Almosenschaale nach dem Maaße der bewährten Brüder des Ordens. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch bewahrt die Ordenspflichten, ungebrochen, unverletzt, ungemustert, ungesprenkelt, aus freiem Entschlusse, als von Verständigen gepriesen, nicht angetastet, zur Vertiefung tauglich, er übt diese Pflichten gleich seinen Ordensbrüdern, so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt. Weiter sodann, ihr Mönche: der Mönch hat jene Ansicht, die heilige, ausreichende, die dem Grübler zur völligen Leidensversiegung ausreicht, jene Ansicht hat er mit seinen Ordensbrüdern gemeinsam bewahrt, so offen als verborgen. Auch das ist eines der nicht zu vergessenden, hoch und hehr gehaltenen Dinge, das zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führt.

»Das aber, Mönche, sind die sechs Dinge, nicht zu vergessende, hoch und hehr gehaltene, die zum allgemeinen Verträgniss, zum Frieden, zur Eintracht führen. Und von diesen sechs Dingen, ihr Mönche, die nicht zu vergessen sind, ist eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen: es ist jene Ansicht, die heilige ausreichende, die dem Grübler zur völligen Leidensversiegung ausreicht. Gleichwie etwa, Mönche, bei einem Thurme eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen ist, nämlich die Zinne: ebenso nun auch, ihr 323 Mönche, ist bei diesen sechs Dingen, den nicht zu vergessenden, eines das beste, eines der Inbegriff, eines alles zusammen: jene Ansicht, die heilige, ausreichende, die dem Grübler zur völligen Leidensversiegung ausreicht.

»Wie reicht nun, ihr Mönche, jene Ansicht, die heilige, ausreichende, dem Grübler zur völligen Leidensversiegung aus? Da geht, ihr Mönche, der Mönch in den Wald, oder an einen Baum, oder in leere Klause, und erforscht sich also: ›Ist wohl in mir noch eine Umspinnung, die mein Herz derart umsponnen hat, dass ich nicht klar und richtig denken und sehn kann?‹ Wenn ein Mönch, ihr Mönche, gierumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, hassumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, trägheitumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, stolzumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, zweifelumsponnen ist, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, dieser Welt nachhängt, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, jener Welt nachhängt, so ist sein Herz eben umsponnen. Wenn ein Mönch, ihr Mönche, Zank und Streit liebt, hadert, sich in scharfe Reden einlässt, so ist sein Herz eben umsponnen. Er aber erkennt: ›Es ist keine Umspinnung in mir, die mein Herz derart umsponnen hätte, dass ich nicht klar und richtig denken und sehn könnte. Wohl empfänglich ist mein Sinn, die Wahrheiten zu fassen.‹ Das ist die erste Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Weil ich nun jene Ansicht hege und pflege und ausbilde, gelang’ ich da zur eigenen Ebbung, gelang’ ich da zur eigenen Erlöschung?‹ Und er erkennt: ›Weil ich jene Ansicht hege und pflege und ausbilde gelang’ ich zur eigenen Ebbung, gelang’ ich zur eigenen Erlöschung.‹ Das ist die zweite Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Ansicht, die ich mir angeeignet habe, kann die wohl auch außerhalb dieser Regel von einem anderen Asketen oder Priester ganz ebenso gefunden werden?‹ Und er erkennt: ›Jene Ansicht, die ich mir angeeignet habe, die kann nicht außerhalb dieser Regel von einem anderen Asketen oder Priester ganz ebenso gefunden werden.‹ Das ist die dritte Wissenschaft, die 324 er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Art aber ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Die Art des Ansichtvertrauten, ihr Mönche, ist diese: hat er irgendwie eine Uebertretung begangen, die gesühnt werden muss, so geht er alsbald zum Meister oder zu erfahrenen Ordensbrüdern, bekennt seine Schuld, deckt sie auf, legt sie dar, und hat er sie bekannt gemacht, aufgedeckt, dargelegt, so hütet er sich künftighin. Gleichwie etwa, ihr Mönche, ein zarter Knabe, ein unvernünftiger Säugling, mit der Hand oder mit dem Fuße von ungefähr auf glühende Kohlen stoßend rasch zurückfährt: ebenso nun auch, ihr Mönche, ist es die Art des Ansichtvertrauten, dass er eine irgendwie begangene Uebertretung, die er sühnen muss, alsbald dem Meister oder erfahrenen Ordensbrüdern bekannt giebt, aufdeckt, darlegt und sich künftighin hütet. Und er erkennt: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die vierte Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Art aber ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Die Art des Ansichtvertrauten, ihr Mönche, ist diese: haben die Ordensbrüder irgendwie da oder dort Obliegenheiten auf sich zu nehmen, so ist er mit Eifer dabei, und innig ist er bemüht hohe Tugend zu pflegen, hohen Sinn zu pflegen, hohe Weisheit zu pflegen. Gleichwie etwa, ihr Mönche, eine junge Mutterkuh die Hürde durchbricht und ihr Kälblein aufsucht: ebenso nun auch, ihr Mönche, ist es die Art des Ansichtvertrauten, dass er mit Eifer an allen Obliegenheiten der Ordensbrüder theilnimmt und innig bemüht ist hohe Tugend zu pflegen, hohen Sinn zu pflegen, hohe Weisheit zu pflegen. Und er erkennt: ›Jene Art, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die fünfte Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich 325 also: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Kraft aber ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Das ist die Kraft, ihr Mönche, des Ansichtvertrauten, dass er bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des Vollendeten achtsam, aufmerksam, mit ganzem Gemüthe hingegeben, offenen Ohres die Lehre hört. Und er erkennt: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die sechste Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Weiter sodann, ihr Mönche: der heilige Jünger erforscht sich also: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, habe auch ich sie mir erworben?‹ Was für eine Kraft aber ist es, ihr Mönche, die der Ansichtvertraute erworben hat? Das ist die Kraft, ihr Mönche, des Ansichtvertrauten, dass er bei der Darlegung der Lehre und Ordnung des Vollendeten zum Verständniss des Sinnes, zum Verständniss der Lehre, zum verständnissvollen Genusse der Lehre gelangt. Und er erkennt: ›Jene Kraft, die der Ansichtvertraute erworben hat, die habe auch ich mir erworben.‹ Das ist die siebente Wissenschaft, die er gewonnen hat, eine heilige, überweltliche, mit gewöhnlichen Begriffen unvereinbare.

»Der also siebenfach gefeite heilige Jünger, ihr Mönche, hat seine Art genugsam geprüft, um das Ziel seiner Hörerschaft zu erwirken. Der also siebenfach gefeite heilige Jünger, ihr Mönche, hat das Ziel seiner Hörerschaft gefunden.«[36]

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Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.

49.

Fünfter Theil Neunte Rede

BRAHMĀS HEIMSUCHUNG

Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 326 Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:

»Eines Tages, ihr Mönche, weilte ich da bei Ukkaṭṭhā, im Lustwalde, am Fuße eines Königsbaumes. Damals aber, ihr Mönche, war der Brahmā Bako[37] zu der falschen Ansicht gekommen: ›Hier ist das Ewige, hier das Beharrende, Immerwährende, hier ist Unauflösbarkeit und Unvergänglichkeit: denn hier herrscht kein Geborenwerden und Altern, kein Sterben und Vergehn und Wiedererscheinen; und es giebt keine andere, höhere Freiheit als diese.‹

»Und ich erkannte, ihr Mönche, des Brahmās Bako Gedanken, und gleichwie etwa ein kräftiger Mann den eingezogenen Arm ausstrecken oder den ausgestreckten Arm einziehn mag, ebenso verschwand ich da von Ukkaṭṭhā, aus dem Lustwalde, vom Fuße des Königsbaumes, und erschien in jener Brahmawelt. Da sah mich, ihr Mönche, der Brahmā Bako wie von ferne herankommen, und nachdem er mich gesehn sprach er also zu mir: ›Heil, o Würdiger, willkommen, Würdiger! Lange schon hab’ ich die Hoffnung gehegt, der Würdige werde hierherkommen. Denn hier, Würdiger, ist das Ewige, hier das Beharrende, Immerwährende, hier ist Unauflösbarkeit und Unvergänglichkeit: hier herrscht kein Geborenwerden und Altern, kein Sterben und Vergehn und Wiedererscheinen; und eine andere, höhere Freiheit als diese giebt es nicht.‹