Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, erster Band
Part 37
»Dreifach verschieden in Thaten, ihr Bürger, ist das falsche, unrechte Leben, vierfach verschieden in Worten ist das falsche, unrechte Leben, dreifach verschieden in Gedanken ist das falsche, unrechte Leben. Wie aber, Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Thaten dreifach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, ein Mörder, grausam und blutgierig, der Gewalt und dem Todtschlag ergeben, ohne Erbarmen gegen seine Mitwesen. Dann nimmt er was man ihm nicht gegeben hat; was ein anderer in Dorf oder Wald an Hab und Gut besitzt, das macht er sich ungeschenkt, in diebischer Absicht, zueigen. Und er begeht Ausschweifung; mit einem Mädchen, das unter der Obhut der Mutter oder des Vaters, unter der Obhut von Bruder oder von Schwester, unter der Obhut von Verwandten steht, mit einer Gattenbefohlenen oder einer Dienstergebenen, bis herab zu der blumengeschmückten Tänzerin, mit solchen pflegt er Verkehr. Also, ihr Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Thaten dreifach verschieden.
»Wie aber, Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Worten vierfach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, ein Lügner. Vor Gericht, oder von den Leuten, oder unter Verwandten, oder in der Gesellschaft, oder von königlichen Beamten als Augenzeuge vernommen und befragt: ›Wohl denn, lieber Mann, was du weißt, das sage‹, antwortet er, wenn er nichts weiß: ›Ich weiß es‹, und wenn er es weiß: ›Ich weiß nichts‹, wenn er nichts gesehn hat: ›Ich hab’ es gesehn‹, und wenn er es gesehn hat: ›Ich habe nichts gesehn‹. So legt er um seinetwillen oder um eines anderen willen oder von irgend einer sonstigen Absicht bewogen wissentlich falsches Zeugniss ab. Dann liebt er das Ausrichten. Was er hier gehört hat erzählt er dort wieder, um jene zu entzweien; oder was er dort gehört hat erzählt er hier wieder, um diese zu entzweien. So stiftet er Zwietracht unter Verbundenen und hetzt die Entzweiten auf. Hader erfreut ihn, Hader macht ihn froh, Hader befriedigt ihn, Hader erregende Worte spricht er. Dann gebraucht er barsche Worte, Reden, die spitzig und stechend sind, andere beleidigen, andere verletzen, Äußerungen des Zornes, die zu keiner Einigung führen: solche 287 Worte spricht er. Und er treibt müßiges Geplauder, spricht zur Unzeit, ohne Sinn, ohne Zweck, nicht der Lehre und Ordnung gemäß; seine Rede ist nicht werth, dass man ihrer gedenke, sie ist ungehörig, ungebildet, unangemessen, unverständlich. Also, ihr Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Worten vierfach verschieden.
»Und wie, Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Gedanken dreifach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, lüstern. Was ein anderer an Hab und Gut besitzt, danach giert er: ›Ach wenn doch sein Eigen das meine wäre!‹ Dann ist er gehässig, übelgesinnten Herzens: ›Diese Wesen sollen getödtet werden, sollen umgebracht werden, sollen zerstört werden, sollen vertilgt werden, sie sollen so nicht bleiben!‹ Und er hegt verkehrte Ansichten, verfehlte Meinungen: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden -- es ist alles eitel; es giebt keine Saat und Ernte guter und böser Werke; Diesseits und Jenseits sind leere Worte; Vater und Mutter und auch geistige Geburt sind hohle Namen; die Welt hat keine Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Also, ihr Bürger, ist das falsche, unrechte Leben in Gedanken dreifach verschieden. Weil sie also falsch und unrecht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf einen Abweg, auf schlechte Fährte, in Verderben und Unheil.
* * * * *
»Dreifach verschieden in Thaten, ihr Bürger, ist das wahre, rechte Leben, vierfach verschieden in Worten ist das wahre, rechte Leben, dreifach verschieden in Gedanken ist das wahre, rechte Leben. Wie aber, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Thaten dreifach verschieden? Da hat einer, ihr Bürger, das Morden verworfen, vom Tödten hält er sich fern; Stock und Schwerdt hat er abgelegt, er ist mild und theilnehmend, voll Liebe und Mitleid zu allem, was da lebt und athmet. Nichtgegebenes zu nehmen hat er verworfen, vom Stehlen hält er sich fern; was ein anderer in Dorf oder Wald an Hab und Gut besitzt, das macht er sich ungeschenkt, in diebischer Absicht, nicht zueigen. Ausschweifung hat er verworfen, von Ausschweifung halt er sich fern; mit einem Mädchen, das unter der Obhut der Mutter oder des Vaters, unter der Obhut von Bruder oder von Schwester, unter der Obhut von Verwandten steht, mit einer Gattenbefohlenen oder einer Dienstergebenen, bis herab zu der blumengeschmückten Tänzerin, mit solchen pflegt er keinen Verkehr. Also, ihr Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Thaten dreifach verschieden.
»Wie aber, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Worten 288 vierfach verschieden? Da hat einer, ihr Bürger, das Lügen verworfen, vom Lügen hält er sich fern. Vor Gericht, oder von den Leuten, oder unter Verwandten, oder in der Gesellschaft, oder von königlichen Beamten als Augenzeuge vernommen und befragt: ›Wohl denn, lieber Mann, was du weißt, das sage‹, antwortet er, wenn er nichts weiß: ›Ich weiß nichts‹, und wenn er es weiß: ›Ich weiß es‹, wenn er nichts gesehn hat: ›Ich habe nichts gesehn‹, und wenn er es gesehn hat: ›Ich hab’ es gesehn.‹ So legt er um seinetwillen oder um eines anderen willen oder von irgend einer sonstigen Absicht bewogen wissentlich kein falsches Zeugniss ab. Das Ausrichten hat er verworfen, vom Ausrichten hält er sich fern. Was er hier gehört hat erzählt er dort nicht wieder, um jene zu entzweien; oder was er dort gehört hat erzählt er hier nicht wieder, um diese zu entzweien. So einigt er Entzweite, festigt Verbundene, Eintracht erfreut ihn, Eintracht macht ihn froh, Eintracht befriedigt ihn, Eintracht fördernde Worte spricht er. Barsche Worte hat er verworfen, von barschen Worten hält er sich fern. Worte, die lauter sind, dem Ohre wohlthuend, liebevoll, zum Herzen dringend, höflich, viele ansprechend, vielen angenehm, solche Worte gebraucht er. Plappern und Plaudern hat er verworfen, von Plappern und Plaudern hält er sich fern. Zur rechten Zeit spricht er, den Thatsachen gemäß, gehaltvoll, der Lehre und Ordnung getreu; seine Rede ist werth, dass man ihrer gedenke, gelegentlich mit Gleichnissen geschmückt, klar und bestimmt, dem Gegenstande angemessen. Also, ihr Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Worten vierfach verschieden.
»Und wie, Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Gedanken dreifach verschieden? Da ist einer, ihr Bürger, nicht lüstern. Was ein anderer an Hab und Gut besitzt, danach giert er nicht: ›Ach wenn doch sein Eigen das meine wäre!‹ Dann ist er frei von Gehässigkeit, frei von Uebelwollen: ›Mögen diese Wesen ohne Hass, ohne Schmerz, ohne Quaal glücklich ihr Dasein bewahren!‹ Und er hat rechte Ansichten, hegt keine verkehrten Meinungen: ›Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden ist kein Unsinn; es giebt eine Saat und Ernte guter und böser Werke; das Diesseits ist vorhanden und das Jenseits ist vorhanden; Eltern giebt es und geistige Geburt giebt es; die Welt hat Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und erklären können.‹ Also, ihr Bürger, ist das wahre, rechte Leben in Gedanken dreifach verschieden. Weil sie also wahr und recht leben, ihr Bürger, desshalb gelangen da manche Wesen bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, auf gute Fährte, in sälige Welt.
* * * * *
»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und 289 Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Adelsgeschlechtes wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Adelsgeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.
»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Priestergeschlechtes wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Priestergeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.
»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Bürgergeschlechtes wiedererscheinen möchte‹, so mag es wohl sein, dass er bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, in der Familie eines reichen Bürgergeschlechtes wiedererscheine. Und warum das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.
»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, unter den Göttern der Vier großen Könige -- unter den Dreiunddreißig Göttern -- unter den Schattengöttern -- unter den Säligen Göttern -- unter den Göttern der unbeschränkten Freude -- unter den Jenseit der unbeschränkten Freude weilenden Göttern -- unter den Göttern der Brahmawelt -- unter den Glänzenden Göttern -- unter den Hellerglänzenden Göttern -- unter den Unermesslichglänzenden Göttern -- unter den Leuchtenden Göttern -- unter den Strahlenden Göttern -- unter den Hellerstrahlenden Göttern -- unter den Unermesslichstrahlenden Göttern -- unter den Strahlengewordenen Göttern -- unter den Gewaltigen Göttern -- unter den Wonnigen Göttern -- unter den Sonnigen Göttern -- unter den Hehren Göttern -- unter den Herrlichen Göttern -- unter den Erhabenen Göttern -- unter den Raumunendlichkeit genießenden Göttern -- unter den Bewusstseinunendlichkeit genießenden Göttern -- unter den Nichtdasein genießenden Göttern -- unter den weder Wahrnehmung noch Nichtwahrnehmung genießenden Göttern wiedererscheinen möchte‹, so mag dies wohl sein. Und warum? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.
»Wünscht sich aber, ihr Bürger, ein Wahrhaftiger und Gerechter: ›O dass ich doch den Wahn versiegen und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten mir offenbar machen, verwirklichen und erringen könnte‹, so mag es wohl sein, dass er den Wahn versiegen und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar machen, verwirklichen und erringen kann. Und warum das? Um seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit willen.«
* * * * *
Nach diesen Worten sprachen die brāhmanischen Bürger von Sālā 290 zum Erhabenen also:
»Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, als ob einer Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder in die Finsterniss ein Licht hielte, ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn‹: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre auf manigfaltige Weise dargelegt. Und so nehmen wir bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge uns Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«
42.
Fünfter Theil Zweite Rede
DIE BRĀHMANEN VON VERAÑJAM
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Zu dieser Zeit nun befanden sich brāhmanische Bürger aus Verañjam wegen irgend einer Angelegenheit in Sāvatthī. Und es hörten die brāhmanischen Bürger von Verañjam reden:
[Das Folgende stimmt wörtlich mit dem 291 Vorhergehenden überein.[33] ]
43.
Fünfter Theil Dritte Rede
DIE ERKLÄRUNGEN
-- I --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 292 Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Als nun der ehrwürdige Mahākoṭṭhito gegen Abend die Gedenkensruhe beendet hatte, begab er sich dorthin wo der ehrwürdige Sāriputto weilte, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem ehrwürdigen Sāriputto und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun der ehrwürdige Mahākoṭṭhito zum ehrwürdigen Sāriputto also:
»‚Unverständig, unverständig‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o Bruder, wird einer unverständig genannt?«
»Er versteht nicht, er versteht nicht, o Bruder: desshalb wird er unverständig genannt; was versteht er nicht? ›Das ist das Leiden‹ versteht er nicht, ›Das ist die Leidensentwicklung‹ versteht er nicht, ›Das ist die Leidensauflösung‹ versteht er nicht, ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ versteht er nicht. Er versteht nicht, er versteht nicht, o Bruder: desshalb wird er unverständig genannt.«
»Wohl, Bruder!« erwiderte der ehrwürdige Mahākoṭṭhito erfreut und befriedigt dem ehrwürdigen Sāriputto und stellte nun eine fernere Frage: »‚Verständig, verständig‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o Bruder, wird einer verständig genannt?«
»Er versteht, er versteht, o Bruder: desshalb wird er verständig genannt; und was versteht er? ›Das ist das Leiden‹ versteht er, ›Das ist die Leidensentwicklung‹ versteht er, ›Das ist die Leidensauflösung‹ versteht er, ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹ versteht er. Er versteht, er versteht, o Bruder: desshalb wird er verständig genannt.«
»‚Bewusst, bewusst‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o Bruder, wird einer bewusst genannt?«
»Er ist bewusst, er ist bewusst, o Bruder: desshalb wird er bewusst genannt; und wessen ist er bewusst? Er ist der Freude bewusst und er ist des Leides bewusst und er ist der Abwesenheit beider bewusst. Er ist bewusst, er ist bewusst, o Bruder: desshalb wird er bewusst genannt.«
»Dieses Verständniss nun, o Bruder, und dieses Bewusstsein: sind diese beiden verbunden, oder sind sie getrennt, und kann man sie sondern und ihren Unterschied angeben?«
»Dieses Verständniss, o Bruder, und dieses Bewusstsein: diese beiden sind verbunden, nicht getrennt, und es ist unmöglich sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben. Denn was einer versteht, Bruder, dessen ist er bewusst, und wessen er bewusst 293 ist, das versteht er, darum sind diese beiden verbunden, nicht getrennt, und es ist unmöglich sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben.«
»Was für ein Unterschied besteht dann, o Bruder, zwischen diesen beiden verbundenen, nicht getrennten, dem Verständniss und dem Bewusstsein?«
»Zwischen dem Verständniss und dem Bewusstsein, o Bruder, die verbunden und nicht getrennt erscheinen, besteht der Unterschied, dass das Verständnis auszubilden, das Bewusstsein aber zu durchschauen ist.«
»‚Gefühl, Gefühl‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o Bruder, spricht man von Gefühl?«
»Man fühlt, man fühlt, o Bruder: desshalb spricht man von Gefühl; und was fühlt man? Freude fühlt man und Leid fühlt man und die Abwesenheit beider fühlt man. Man fühlt, man fühlt, o Bruder: desshalb spricht man von Gefühl.«
»‚Wahrnehmung, Wahrnehmung‘ heißt es, o Bruder; inwiefern denn, o Bruder, spricht man von Wahrnehmung?«
»Man nimmt wahr, man nimmt wahr, o Bruder: desshalb spricht man von Wahrnehmung; und was nimmt man wahr? Blaues nimmt man wahr und Gelbes nimmt man wahr und Rothes nimmt man wahr und Weißes nimmt man wahr. Man nimmt wahr, man nimmt wahr, o Bruder: desshalb spricht man von Wahrnehmung.«
»Dieses Gefühl nun, o Bruder, und diese Wahrnehmung und dieses Bewusstsein: erscheinen diese verbunden oder getrennt, und ist es möglich sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben?«
»Dieses Gefühl, o Bruder, diese Wahrnehmung und dieses Bewusstsein: diese drei erscheinen verbunden, nicht getrennt, und es ist unmöglich sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben. Denn was einer fühlt, Bruder, das nimmt er wahr, und was er wahrnimmt, dessen ist er bewusst; darum erscheinen diese Dinge verbunden, nicht getrennt, und es ist unmöglich sie zu sondern und ihren Unterschied anzugeben.«
»Und wer sich, Bruder, von fünf Sinnen losgelöst hat, was kann der mit dem geläuterten Denkbewusstsein erkennen?«
»Wer sich da, Bruder, von fünf Sinnen losgelöst hat, kann mit dem geläuterten Denkbewusstsein in dem Gedanken ›Gränzenlos ist der Raum‹ das Reich des unbegränzten Raumes erkennen, in dem Gedanken ›Gränzenlos ist das Bewusstsein‹ das Reich des unbegrenzten Bewusstseins erkennen, in dem Gedanken ›Nichts ist da‹ das Reich des Nichtdaseins erkennen.«
»Und das Erkennbare, Bruder, wie kann man das begreifen?«
»Das Erkennbare, Bruder, kann man durch das Auge der Weisheit begreifen.«
»Und die Weisheit, Bruder, wozu dient die?«
»Die Weisheit, Bruder, dient zur Durchschauung, dient zur Durchdringung, dient zur Entsagung.«
»Welche Bedingungen liegen nun, o Bruder, der rechten 294 Erkenntniss zugrunde?«
»Zwei Bedingungen, o Bruder, liegen der rechten Erkenntniss zugrunde: die Stimme eines anderen und tiefes Nachdenken. Das sind die zwei Bedingungen, o Bruder, die der rechten Erkenntniss zugrunde liegen.«
»Was für Eigenschaften muss aber, Bruder, die rechte Erkenntniss besitzen, um die Frucht der Gemütherlösung zu bringen und den Gewinn dieser Frucht, um die Frucht der Weisheiterlösung zu bringen und den Gewinn dieser Frucht?«
»Fünf Eigenschaften, Bruder, muss die rechte Erkenntniss besitzen, um die Frucht der Gemütherlösung zu bringen und den Gewinn dieser Frucht, um die Frucht der Weisheiterlösung zu bringen und den Gewinn dieser Frucht: da besitzt, o Bruder, die rechte Erkenntniss die Eigenschaft der Tugend, die Eigenschaft der Erfahrung, die Eigenschaft des Mittheilens, die Eigenschaft der Ruhe und die Eigenschaft der Klarsicht. Diese fünf Eigenschaften, Bruder, muss die rechte Erkenntniss besitzen, soll sie die Frucht der Gemütherlösung bringen und den Gewinn dieser Frucht, soll sie die Frucht der Weisheiterlösung bringen und den Gewinn dieser Frucht.«
»Wie viele Arten des Daseins, o Bruder, giebt es?«
»Drei Arten des Daseins, Bruder, giebt es: geschlechtliches Dasein, formhaftes Dasein, formloses Dasein.«
»Und wie ist es möglich, o Bruder, dass immer wieder ein neuer Keim entsteht?«
»Weil die Wesen, o Bruder, versunken im Nichtwissen, vom Lebensdurst geködert, bald da und bald dort sich ergetzen, desshalb kommt immer wieder ein neuer Keim zustande.«
»Und wie ist es möglich, o Bruder, dass nie wieder ein neuer Keim entstehe?«
»Durch den Nichtwissensekel, o Bruder, durch die Wissensgewinnung, durch die Auflösung des Durstes wird jede weitere Keimbildung aufgehoben.«
»Was ist nun, Bruder, die erste Schauung?«
»Da weilt, o Bruder, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Das nennt man, Bruder, die erste Schauung.«
»Und was für Eigenschaften, Bruder, besitzt die erste Schauung?«
»Die erste Schauung, Bruder, besitzt fünf Eigenschaften: da ist, o Bruder, ein Mönch, der die erste Schauung erwirkt hat, dem Sinnen und Gedenken hingegeben, der Heiterkeit, Säligkeit und Einheit des Gemüthes. Solcher Art, Bruder, sind die fünf Eigenschaften der ersten Schauung.«
»Und von welchen Eigenschaften, Bruder, muss die erste Schauung frei sein, und von welchen erfüllt?«
»Die erste Schauung, Bruder, muss von fünf Eigenschaften frei und von fünf Eigenschaften erfüllt sein: da ist, o Bruder, ein Mönch, der die erste Schauung erwirkt hat, lauter von Wunscheswillen, lauter von Gehässigkeit, lauter von matter 295 Müde, lauter von stolzem Unmuth, lauter von schwankender Ungewissheit; und er ist dem Sinnen und Gedenken hingegeben, der Heiterkeit, Säligkeit und Einheit des Gemüthes. Solcher Art, Bruder, ist die erste Schauung von fünf Eigenschaften frei und von fünf Eigenschaften erfüllt.«
»Fünf Sinnen, o Bruder, eignet verschiedenes Gebiet, verschiedener Wirkungskreis, und keiner hat am Gebiet und Wirkungskreis des anderen theil. Es ist das Gesicht, das Gehör, der Geruch, der Geschmack, das Getast. Diese fünf Sinne, Bruder, denen verschiedenes Gebiet, verschiedener Wirkungskreis eignet, so dass keiner am Gebiet und Wirkungskreis des anderen theilhat, haben die nicht einen Hort, nimmt nicht etwas an ihrem Gebiet und Wirkungskreis theil?«
»Fünf Sinnen, o Bruder, eignet verschiedenes Gebiet, verschiedener Wirkungskreis, und keiner hat am Gebiet und Wirkungskreis des anderen theil. Es ist das Gesicht, das Gehör, der Geruch, der Geschmack, das Getast. Diese fünf Sinne, Bruder, denen verschiedenes Gebiet, verschiedener Wirkungskreis eignet, so dass keiner am Gebiet und Wirkungskreis des anderen theilhat, die haben das Herz zum Hort, das Herz hat an ihrem Gebiet und Wirkungskreis theil.«
»Fünf Sinne haben wir da, Bruder: Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack, Getast. Wodurch bestehn nun, o Bruder, diese fünf Sinne?«
»Fünf Sinne haben wir da, Bruder: Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack, Getast. Diese fünf Sinne, o Bruder, bestehn durch die Lebenskraft.«
»Wodurch besteht aber die Lebenskraft, o Bruder?«
»Die Lebenskraft besteht durch die Wärme.«
»Und wodurch, o Bruder, besteht die Wärme?«
»Die Wärme besteht durch die Lebenskraft.«
»So verstehn wir nun jetzt die Rede des ehrwürdigen Sāriputto also: ›Die Lebenskraft besteht durch die Wärme‹, und: ›Die Wärme besteht durch die Lebenskraft‹; wie soll man, o Bruder, den Sinn solcher Rede deuten?«
»So will ich dir denn, o Bruder, ein Gleichniss geben: auch durch Gleichnisse wird da manchem verständigen Manne der Sinn einer Rede klar. Gleichwie etwa, Bruder, bei einer brennenden Oellampe durch die Flamme das Licht erscheint und durch das Licht die Flamme: ebenso nun auch, o Bruder, besteht die Lebenskraft durch die Wärme und die Wärme durch die Lebenskraft.«
»Sind wohl, o Bruder, die Elemente der Lebenskraft mit den intelligiblen Dingen identisch, oder sind sie von ihnen verschieden?«
»Nicht sind die Elemente der Lebenskraft, o Bruder, mit den 296 intelligiblen Dingen identisch. Sind aber, Bruder, die Elemente der Lebenskraft intelligibel geworden, so ist das nicht als das letzte Ziel eines Mönchs zu betrachten, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erwirkt hat. Wenn aber, Bruder, die Elemente der Lebenskraft eines, und die intelligiblen Dinge etwas anderes sind, so betrachtet man dies als das letzte Ziel eines Mönchs, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erwirkt hat.«
»Welche Eigenschaften haben nun, o Bruder, diesen Körper verlassen, wenn er niedergestürzt, hingefallen daliegt, wie ein todtes Stück Holz?«
»Wenn drei Eigenschaften, Bruder, diesen Körper verlassen haben: die Lebenskraft, die Wärme und das Bewusstsein, dann liegt dieser Körper niedergestürzt, hingefallen da, wie ein todtes Stück Holz.«
»Welcher Unterschied besteht nun, Bruder, zwischen einem Todten, Abgestorbenen und einem Mönche, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erwirkt hat?«
»Wer da todt und abgestorben ist, o Bruder, dessen körperliche Elemente sind aufgelöst und erloschen, dessen sprachliche Elemente sind aufgelöst und erloschen, dessen geistige Elemente sind aufgelöst und erloschen, die Lebenskraft ist aufgezehrt, die Wärme verflogen, die Sinne zerstoben; der Mönch aber, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erwirkt hat, dessen körperliche, sprachliche und geistige Elemente sind zwar aufgelöst und erloschen, doch die Lebenskraft ist nicht aufgezehrt, die Wärme nicht verflogen, und die Sinne sind gestillt. Das ist der Unterschied, Bruder, zwischen einem Todten und Abgestorbenen und einem Mönche, der die Auflösung der Wahrnehmbarkeit erwirkt hat.«
»Und welche Bedingungen, Bruder, ermöglichen die leidlose, freudlose Gemütherlösung?«
»Vier Bedingungen, Bruder, ermöglichen die leidlose, freudlose Gemütherlösung: da erwirkt, o Bruder, ein Mönch, nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns, die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Das sind die vier Bedingungen, Bruder, um der leidlosen, freudlosen Gemütherlösung theilhaftig zu werden.«