Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, erster Band
Part 10
»Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über die Erscheinungen? Da wacht, ihr Mönche, der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Hemmungen. Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Hemmungen? Da merkt, ihr Mönche, der Mönch wenn Wunscheswille in ihm ist ›In mir ist Wunscheswille‹, merkt wenn kein Wunscheswille in ihm ist ›In mir ist kein Wunscheswille‹. Er merkt es wenn Wunscheswille sich eben erst entwickelt, merkt es wenn der deutlich gewordene Wunscheswille aufgehoben wird, und merkt es wenn der aufgehobene Wunscheswille künftig nicht mehr erscheint. Er merkt wenn Hassensgroll in ihm ist ›In mir ist Hassensgroll‹, merkt wenn kein Hassensgroll in ihm ist ›In mir ist kein Hassensgroll‹. Er merkt es wenn Hassensgroll sich eben erst entwickelt, merkt es wenn der deutlich gewordene Hassensgroll aufgehoben wird, und merkt es wenn der aufgehobene Hassensgroll künftig nicht mehr erscheint. Er merkt wenn matte Müde in ihm ist ›In mir ist matte Müde‹, merkt wenn keine matte Müde in ihm ist ›In mir ist keine matte Müde‹. Er merkt es wenn matte Müde sich eben erst entwickelt, merkt es wenn die deutlich gewordene matte Müde aufgehoben wird, und merkt es wenn die aufgehobene matte Müde künftig nicht mehr erscheint. Er merkt wenn stolzer Unmuth in ihm ist ›In mir ist stolzer Unmuth‹, merkt wenn kein stolzer Unmuth in ihm ist ›In mir ist kein stolzer Unmuth‹. Er merkt es wenn stolzer Unmuth sich eben erst entwickelt, merkt es wenn der deutlich gewordene stolze Unmuth aufgehoben wird, und merkt es wenn der aufgehobene stolze Unmuth künftig nicht mehr erscheint. Er merkt wenn Schwanken in ihm ist ›In mir ist Schwanken‹, merkt wenn kein Schwanken in ihm ist ›In mir ist kein Schwanken‹. Er merkt es wenn Schwanken sich eben erst entwickelt, merkt es wenn das deutlich gewordene Schwanken aufgehoben wird, und merkt es wenn das aufgehobene Schwanken künftig nicht mehr erscheint.
»So wacht er nach innen bei den Erscheinungen über die Erscheinungen, so wacht er nach außen bei den Erscheinungen über die Erscheinungen, nach innen und außen wacht er bei den Erscheinungen über die Erscheinungen. Er beobachtet wie die Erscheinungen entstehn, beobachtet wie die Erscheinungen vergehn, beobachtet wie die Erscheinungen entstehn und vergehn. ›Die Erscheinungen sind da‹: diese Einsicht ist ihm nun gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen taugt, zur Besinnung taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und nirgend in der Welt ist er angehangen. So aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Hemmungen.
»Weiter sodann, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den 61 Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Stücke des Anhangens. Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Stücke des Anhangens? Da sagt sich, ihr Mönche, der Mönch: ›So ist die Form, so entsteht sie, so löst sie sich auf; so ist das Gefühl, so entsteht es, so löst es sich auf; so ist die Wahrnehmung, so entsteht sie, so löst sie sich auf; so sind die Unterscheidungen, so entstehn sie, so lösen sie sich auf; so ist das Bewusstsein, so entsteht es, so löst es sich auf.‹
»So wacht er nach innen bei den Erscheinungen über die Erscheinungen, so wacht er nach außen bei den Erscheinungen über die Erscheinungen, nach innen und außen wacht er bei den Erscheinungen über die Erscheinungen. Er beobachtet wie die Erscheinungen entstehn, beobachtet wie die Erscheinungen vergehn, beobachtet wie die Erscheinungen entstehn und vergehn. ›Die Erscheinungen sind da‹: diese Einsicht ist ihm nun gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen taugt, zur Besinnung taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und nirgend in der Welt ist er angehangen. So aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der fünf Stücke des Anhangens.
»Weiter sodann, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der sechs Innen- und Außenreiche. Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der sechs Innen- und Außenreiche? Da kennt, ihr Mönche, der Mönch das Auge und kennt die Formen, und die Verbindung, die sich aus beiden ergiebt, auch diese kennt er. Er kennt es wenn die Verbindung eben erst erfolgt, kennt es wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird, und kennt es wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht mehr erscheint. Er kennt das Ohr und kennt die Töne, und die Verbindung, die sich aus beiden ergiebt, auch diese kennt er. Er kennt es wenn die Verbindung eben erst erfolgt, kennt es wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird, und kennt es wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht mehr erscheint. Er kennt die Nase und kennt die Düfte, und die Verbindung, die sich aus beiden ergiebt, auch diese kennt er. Er kennt es wenn die Verbindung eben erst erfolgt, kennt es wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird, und kennt es wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht mehr erscheint. Er kennt die Zunge und kennt die Säfte, und die Verbindung, die sich aus beiden ergiebt, auch diese kennt er. Er kennt es wenn die Verbindung eben erst erfolgt, kennt es wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird, und kennt es wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht mehr erscheint. Er kennt den Leib und kennt die Tastungen, und die Verbindung, die sich aus beiden ergiebt, auch diese kennt er. Er kennt es wenn die Verbindung eben erst erfolgt, kennt es wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird, und kennt es wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht mehr erscheint. Er kennt das Denken und kennt die Dinge, und die Verbindung, die sich aus beiden ergiebt, auch diese kennt er. Er kennt es wenn die Verbindung eben erst erfolgt, kennt es wenn die erfolgte Verbindung aufgehoben wird, und kennt es wenn die aufgehobene Verbindung künftig nicht mehr erscheint.
»So wacht er nach innen bei den Erscheinungen über die Erscheinungen, so wacht er nach außen bei den Erscheinungen über die Erscheinungen, nach innen und außen wacht er bei den Erscheinungen über die Erscheinungen. Er beobachtet wie die Erscheinungen entstehn, beobachtet wie die Erscheinungen vergehn, beobachtet wie die Erscheinungen entstehn und vergehn. ›Die Erscheinungen sind da‹: diese Einsicht ist ihm nun gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen taugt, zur Besinnung taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und nirgend in der Welt ist er angehangen. So aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der sechs Innen- und Außenreiche.
»Weiter sodann, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der sieben Erweckungen. Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der sieben Erweckungen? Da gewahrt, ihr Mönche, der Mönch wenn Einsicht in ihm munter wird ›In mir wird Einsicht munter‹, und gewahrt wenn Einsicht in ihm nicht munter wird ›In mir wird Einsicht nicht munter‹; er gewahrt 62 es wenn Einsicht eben erst munter wird, und gewahrt es wenn die munter gewordene Einsicht völlig aufgeht. Er gewahrt wenn Tiefsinn in ihm munter wird ›In mir wird Tiefsinn munter‹, und gewahrt wenn Tiefsinn in ihm nicht munter wird ›In mir wird Tiefsinn nicht munter‹; er gewahrt es wenn Tiefsinn eben erst munter wird, und gewahrt es wenn der munter gewordene Tiefsinn völlig aufgeht. Er gewahrt wenn Kraft in ihm munter wird ›In mir wird Kraft munter‹, und gewahrt wenn Kraft in ihm nicht munter wird ›In mir wird Kraft nicht munter‹; er gewahrt es wenn Kraft eben erst munter wird, und gewahrt es wenn die munter gewordene Kraft völlig aufgeht. Er gewahrt wenn Heiterkeit in ihm munter wird ›In mir wird Heiterkeit munter‹, und gewahrt wenn Heiterkeit in ihm nicht munter wird ›In mir wird Heiterkeit nicht munter‹; er gewahrt es wenn Heiterkeit eben erst munter wird, und gewahrt es wenn die munter gewordene Heiterkeit völlig aufgeht. Er gewahrt wenn Lindheit in ihm munter wird ›In mir wird Lindheit munter‹, und gewahrt wenn Lindheit in ihm nicht munter wird ›In mir wird Lindheit nicht munter‹; er gewahrt es wenn Lindheit eben erst munter wird, und gewahrt es wenn die munter gewordene Lindheit völlig aufgeht. Er gewahrt wenn Innigkeit in ihm munter wird ›In mir wird Innigkeit munter‹, und gewahrt wenn Innigkeit in ihm nicht munter wird ›In mir wird Innigkeit nicht munter‹; er gewahrt es wenn Innigkeit eben erst munter wird, und gewahrt es wenn die munter gewordene Innigkeit völlig aufgeht. Er gewahrt wenn Gleichmuth in ihm munter wird ›In mir wird Gleichmuth munter‹, und gewahrt wenn Gleichmuth in ihm nicht munter wird ›In mir wird Gleichmuth nicht munter‹; er gewahrt es wenn Gleichmuth eben erst munter wird, und gewahrt es wenn der munter gewordene Gleichmuth völlig aufgeht.
»So wacht er nach innen bei den Erscheinungen über die Erscheinungen, so wacht er nach außen bei den Erscheinungen über die Erscheinungen, nach innen und außen wacht er bei den Erscheinungen über die Erscheinungen. Er beobachtet wie die Erscheinungen entstehn, beobachtet wie die Erscheinungen vergehn, beobachtet wie die Erscheinungen entstehn und vergehn. ›Die Erscheinungen sind da‹: diese Einsicht ist ihm nun gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen taugt, zur Besinnung taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und nirgend in der Welt ist er angehangen. So aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der sieben Erweckungen.
»Weiter sodann, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der vier heiligen Wahrheiten. Wie aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der vier heiligen Wahrheiten? Da versteht, ihr Mönche, der Mönch der Wahrheit gemäß ›Das ist das Leiden‹, versteht der Wahrheit gemäß ›Das ist die Leidensentwicklung‹, versteht der Wahrheit gemäß ›Das ist die Leidensauflösung‹, versteht der Wahrheit gemäß ›Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad‹.
»So wacht er nach innen bei den Erscheinungen über die Erscheinungen, so wacht er nach außen bei den Erscheinungen über die Erscheinungen, nach innen und außen wacht er bei den Erscheinungen über die Erscheinungen. Er beobachtet wie die Erscheinungen entstehn, beobachtet wie die Erscheinungen vergehn, beobachtet wie die Erscheinungen entstehn und vergehn. ›Die Erscheinungen sind da‹: diese Einsicht ist ihm nun gegenwärtig, soweit sie eben zum Wissen taugt, zur Besinnung taugt; und uneingepflanzt verharrt er, und nirgend in der Welt ist er angehangen. So aber, ihr Mönche, wacht der Mönch bei den Erscheinungen über das Erscheinen der vier heiligen Wahrheiten.
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»Wer auch immer, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der Einsicht sieben Jahre also behaupten kann, dem mag eins von beiden zur Reife gedeihen: Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest Hangen da, Nichtwiederkehr. Sei es, ihr Mönche, um die sieben Jahre: wer auch immer, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der 63 Einsicht sechs Jahre, fünf Jahre, vier Jahre, drei Jahre, zwei Jahre, ein Jahr also behaupten kann, dem mag eins von beiden zur Reife gedeihen: Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest Hangen da, Nichtwiederkehr. Sei es, ihr Mönche, um das eine Jahr: wer da, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der Einsicht sieben Monate also behaupten kann, dem mag eins von beiden zur Reife gedeihen: Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest Hangen da, Nichtwiederkehr. Sei es, ihr Mönche, um die sieben Monate: wer auch immer, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der Einsicht sechs Monate, fünf Monate, vier Monate, drei Monate, zwei Monate, einen Monat, einen halben Monat also behaupten kann, dem mag eins von beiden zur Reife gedeihen: Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest Hangen da, Nichtwiederkehr. Sei es, ihr Mönche, um den halben Monat: wer auch immer, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der Einsicht sieben Tage also behaupten kann, dem mag eins von beiden zur Reife gedeihen: Gewissheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest Hangen da, Nichtwiederkehr.
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»‚Der gerade Weg, ihr Mönche, der zur Läuterung der Wesen, zur Ueberwältigung des Schmerzes und Jammers, zur Zerstörung des Leidens und der Trübsal, zur Gewinnung des Rechten, zur Verwirklichung der Erlöschung führt, das sind die vier Pfeiler der Einsicht‘: wurde das gesagt, so war es darum gesagt.«
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Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche über das Wort des Erhabenen.
ZWEITER THEIL
BUCH DES LÖWENRUFS
11.
Zweiter Theil Erste Rede
DER LÖWENRUF
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos. Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»‚Hier endlich, Mönche, findet man den Asketen, findet man den zweiten Asketen, den dritten Asketen und den vierten Asketen, ohne Verlangen nach Zank und Streit mit anderen Asketen‘: 64 diesen ächtesten Löwenruf, Mönche, lasset erschallen. Aber es könnte wohl sein, ihr Mönche, dass da andersfährtige Pilger also sprächen: ›Mit welchem Fug und Recht, ihr Ehrwürdigen, sprechet ihr also: ‚Hier endlich findet man den Asketen, findet man den zweiten Asketen, den dritten Asketen und den vierten Asketen, ohne Verlangen nach Zank und Streit mit anderen Asketen‘?‹ Auf solche Rede andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre dies die Antwort: ›Es hat uns, Brüder, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte vier Dinge erklärt, die wir nun innig verstehn, und darum sprechen wir also. Welche vier Dinge? Wir lieben, o Brüder, den Meister, wir lieben die Lehre, wir erfüllen die Regel des Ordens, und Rechtschaffene sind uns werth und genehm, sowohl weltliche als geistliche. Das, ihr Brüder, sind die vier Dinge, die uns der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte erklärt hat und die wir nun innig verstehn, und darum sprechen wir also: ‚Hier endlich findet man den Asketen, findet man den zweiten Asketen, den dritten Asketen und den vierten Asketen, ohne Verlangen nach Zank und Streit mit anderen Asketen‘.‹ Aber es könnte wohl sein, ihr Mönche, dass da andersfährtige Pilger also sprächen: ›Auch wir, o Brüder, lieben den Meister, und der ist unser Meister, auch wir lieben die Lehre, und das ist unsere Lehre, auch wir erfüllen die Regel des Ordens, und das ist unsere Regel, auch uns sind Rechtschaffene werth und genehm, sowohl weltliche als geistliche; was für eine Beschränkung, ihr Brüder, was für Eigenart und Verschiedenheit besteht da wohl zwischen euch und uns?‹ Auf solche Rede andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre dies zu erwidern: ›Was meint ihr, Brüder: ist die Vollkommenheit einzeln oder ist sie allgemein?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Einzeln, ihr Brüder, ist die Vollkommenheit, nicht ist die Vollkommenheit allgemein.‹ ›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat die der Gierige oder der Gierlose?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Der Gierlose, Brüder, nicht der Gierige.‹ ›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat die der Hassende oder der Hasslose?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Der Hasslose, Brüder, nicht der Hassende.‹ ›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat die der Irrende oder der Irrlose?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Der Irrlose, Brüder, nicht der Irrende.‹ ›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat die der noch Durstige oder der nicht mehr Durstige?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Der nicht mehr Durstige, Brüder, 65 nicht der Durstige.‹ ›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat die der noch Anhangende oder der nicht mehr Anhangende?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Der nicht mehr Anhangende, Brüder, nicht der noch Anhangende.‹ ›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat die der Wissende oder der Unwissende?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Der Wissende, Brüder, nicht der Unwissende.‹ ›Und diese Vollkommenheit, Brüder: hat die ein bald Verzückter bald Verstimmter oder ein weder Verzückter noch Verstimmter?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Der weder Verzückte noch Verstimmte, Brüder, kein bald Verzückter bald Verstimmter.‹ ›Und ist einer vollkommen, Brüder, dem Sonderheit behagt und Sonderheit gefällt, oder ist es der, dem keine Sonderheit behagt, keine Sonderheit gefällt?‹ Und die rechte Antwort andersfährtiger Pilger, ihr Mönche, wäre: ›Dem keine Sonderheit behagt; ihr Brüder, keine Sonderheit gefällt, der ist vollkommen, und nicht ist es der, dem Sonderheit behagt und Sonderheit gefällt.‹
»Zweierlei Ansichten sind das, ihr Mönche: die Ansicht vom Dasein und die Ansicht vom Nichtsein. Alle die Asketen oder Priester, ihr Mönche, die der Ansicht vom Dasein zugethan sind, der Ansicht vom Dasein huldigen, der Ansicht vom Dasein anhängen, die werden durch die Ansicht des Nichtseins verstimmt. Alle die Asketen oder Priester, ihr Mönche, die der Ansicht vom Nichtsein zugethan sind, der Ansicht vom Nichtsein huldigen, der Ansicht vom Nichtsein anhängen, die werden durch die Ansicht des Daseins verstimmt. Alle die Asketen oder Priester, ihr Mönche, die dieser zwei Ansichten Anfang und Ende, Lust und Leid und Ueberwindung nicht der Wahrheit gemäß verstanden haben, die gierigen, hassenden, irrenden, noch durstigen, noch anhangenden, unwissenden, bald verzückten bald verstimmten, denen Sonderheit behagt und Sonderheit gefällt: die werden nicht erlöst von Geburt, Altern und Sterben, von Sorge, Kummer und Schmerz, Gram und Verzweiflung, werden nicht erlöst, sag’ ich, vom Leiden. Aber alle die Asketen oder Priester, ihr Mönche, die dieser zwei Ansichten Anfang und Ende, Lust und Leid und Ueberwindung der Wahrheit gemäß verstanden haben, die gierlosen, hasslosen, irrlosen, die nicht mehr durstigen, nicht mehr anhangenden, wissenden, weder verzückten noch verstimmten, denen keine Sonderheit behagt, keine Sonderheit gefällt: die werden erlöst von Geburt, Altern und Sterben, von Sorge, Kummer und Schmerz, Gram und Verzweiflung, werden erlöst, sag’ ich, vom Leiden.
»Vier Arten des Anhangens sind das, ihr Mönche: der Hang zur 66 Lust, der Hang zur Ansicht, der Hang zu Tugendwerk, der Hang zur Selbstbehauptung. Es giebt manche Asketen und Priester, ihr Mönche, die sich fähig erklären, alles Anhangen von Grund aus darzulegen; doch eine solche Darlegung liefern sie nicht: sie untersuchen den Hang zur Lust, aber nicht den Hang zur Ansicht, aber nicht den Hang zu Tugendwerk, aber nicht den Hang zur Selbstbehauptung, und warum nicht? Jene lieben Asketen und Priester haben eben diese drei Fälle nicht gebührend bedacht und können daher, wenn sie auch meinen, alles Anhangen von Grund aus zu verstehn, eine solche Untersuchung nicht führen. Es giebt manche Asketen und Priester, ihr Mönche, die sich fähig erklären, alles Anhangen von Grund aus darzulegen; doch eine solche Darlegung liefern sie nicht: sie untersuchen den Hang zur Lust, untersuchen den Hang zur Ansicht, aber nicht den Hang zu Tugendwerk, aber nicht den Hang zur Selbstbehauptung, und warum nicht? Jene lieben Asketen und Priester haben eben diese zwei Fälle nicht gebührend bedacht und können daher, wenn sie auch meinen, alles Anhangen von Grund aus zu verstehn, eine solche Untersuchung nicht führen. Es giebt manche Asketen und Priester, ihr Mönche, die sich fähig erklären, alles Anhangen von Grund aus darzulegen; doch eine solche Darlegung liefern sie nicht: sie untersuchen den Hang zur Lust, untersuchen den Hang zur Ansicht, untersuchen den Hang zu Tugendwerk, aber nicht den Hang zur Selbstbehauptung, und warum nicht? Jene lieben Asketen und Priester haben eben diesen einen Fall nicht gebührend bedacht und können daher, wenn sie auch meinen, alles Anhangen von Grund aus zu verstehn, eine solche Untersuchung nicht führen.
»In einer solchen Heilsordnung, ihr Mönche, kann die Liebe zum Meister nicht vollkommen sein, kann die Liebe zur Lehre nicht vollkommen sein, kann die Erfüllung der Regel nicht vollkommen sein, kann die Werth- und Genehmhaltung Rechtschaffener nicht vollkommen sein, und warum nicht? Die Sache, ihr Mönche, verhält sich eben so, wie’s zu erwarten 67 ist bei einer schlechtverkündeten Heilsordnung, bei einer schlechtdargelegten, abstoßenden, Unruhe schaffenden, die kein vollkommen Erwachter kundgethan hat.
»Doch der Vollendete, Mönche, der Heilige, vollkommen Erwachte erklärt sich fähig, alles Anhangen von Grund aus darzulegen, und er giebt eine solche Darlegung: er untersucht den Hang zur Lust, er untersucht den Hang zur Ansicht, er untersucht den Hang zu Tugendwerk, er untersucht den Hang zur Selbstbehauptung.
»In einer solchen Heilsordnung, ihr Mönche, kann die Liebe zum Meister vollkommen sein, kann die Liebe zur Lehre vollkommen sein, kann die Erfüllung der Regel vollkommen sein, kann die Werth- und Genehmhaltung Rechtschaffener vollkommen sein, und warum das? Die Sache, ihr Mönche, verhält sich eben so, wie’s zu erwarten ist bei einer wohlverkündeten Heilsordnung, bei einer wohldargelegten, anziehenden, Ruhe schaffenden, die ein vollkommen Erwachter kundgethan hat.
»Aber dieses vierfache Anhangen, ihr Mönche, wo wurzelt das, woraus entspringt es, woraus entsteht es, woraus erwächst es? Dieses vierfache Anhangen wurzelt im Durst, entspringt aus dem Durst, entsteht aus dem Durst, erwächst aus dem Durst. Und dieser Durst, ihr Mönche, wo wurzelt der, woraus entspringt er, woraus entsteht er, woraus erwächst er? Der Durst wurzelt im Gefühl, entspringt aus dem Gefühl, entsteht aus dem Gefühl, erwächst aus dem Gefühl. Und dieses Gefühl, ihr Mönche, wo wurzelt das, woraus entspringt es, woraus entsteht es, woraus erwächst es? Das Gefühl wurzelt in der Berührung, entspringt aus der Berührung, entsteht aus der Berührung, erwächst aus der Berührung. Und diese Berührung, ihr Mönche, wo wurzelt die, woraus entspringt sie, woraus entsteht sie, woraus erwächst sie? Die Berührung wurzelt im sechsfachen Reich, entspringt aus dem sechsfachen Reich, entsteht aus dem sechsfachen Reich, erwächst aus dem sechsfachen Reich. Und dieses sechsfache Reich, ihr Mönche, wo wurzelt das, woraus entspringt es, woraus entsteht es, woraus erwächst es? Das sechsfache Reich wurzelt im Bild und Begriff, entspringt aus Bild und Begriff, entsteht aus Bild und Begriff, erwächst aus Bild und Begriff. Und dieses Bild und Begriff, ihr Mönche, wo wurzelt das, woraus entspringt es, woraus entsteht es, woraus erwächst es? Bild und Begriff wurzelt im Bewusstsein, entspringt aus dem Bewusstsein, entsteht aus dem Bewusstsein, erwächst aus dem Bewusstsein. Und dieses Bewusstsein, ihr Mönche, wo wurzelt das, woraus entspringt es, woraus entsteht es, woraus erwächst es? Das Bewusstsein wurzelt in den Unterscheidungen, entspringt aus den Unterscheidungen, entsteht aus den Unterscheidungen, erwächst aus den Unterscheidungen. Und diese Unterscheidungen, ihr Mönche, wo wurzeln die, woraus entspringen sie, woraus entstehn sie, woraus erwachsen sie? Die Unterscheidungen wurzeln im Nichtwissen, entspringen aus dem Nichtwissen, entstehn aus dem Nichtwissen, erwachsen aus dem Nichtwissen.
»Hat nun, ihr Mönche, ein Mönch das Nichtwissen verleugnet und das Wissen erworben: nichtwissensentfremdet und wissensvertraut haftet er nicht mehr am Hang zur Lust, nicht am Hang zur Ansicht, nicht am Hang zu Tugendwerk, nicht am Hang zur Selbstbehauptung. Ohne anzuhangen wird er nicht erschüttert. Unerschütterlich gelangt er eben bei sich selbst zur Erlöschung; ›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteht er da.«
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Also sprach der Erhabene. Zufrieden freuten sich jene Mönche 68 über das Wort des Erhabenen.
12.