Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band
Part 7
»Da hat mich, Priester, Meier Moggallāno der Priester gefragt: ›Giebt es wohl, Herr Ānando, auch nur einen Mönch ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Herr Gotamo begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte?‹ Auf diese Frage, Priester, hab’ ich Meier Moggallāno dem Priester geantwortet: ›Nicht giebt es, Priester, auch nur einen Mönch 87 ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Erhabene begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte. Denn Er, Priester, der Erhabene, ist des unentdeckten Weges Entdecker, des unerschaffenen Weges Erschaffer, des unerklärten Weges Erklärer, der Wegeswisser, der Wegeskenner, der Wegeskundige: auf dem Weg aber folgen sie jetzt nach, die Jünger, später nachgekommen.‹ Das war, Priester, das Gespräch zwischen mir und Meier Moggallāno dem Priester, das wir unterbrachen als du ankamst.«
»Ist nun wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von Ihm, dem Herrn Gotamo, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt?«
»Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen.«
»Doch ist wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt?«
»Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen.«
»So aber ohne Zuflucht, Herr Ānando, wie kann da einträchtige Lehre bestehn?«[33]
»Nicht sind wir, Priester, ohne Zuflucht, wir haben sie, Priester, die Zuflucht, die Lehre ist unsere Zuflucht.« 88
»Einer solchen Rede Sinn, Herr Ānando, wie soll der wohl ausgelegt werden?«[34]
»Es ist, Priester, von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, den Mönchen ein Regelmaaß angegeben, die reine Zucht dargestellt worden. Nun kommen wir alle halben Monat, soviel unser, bis auf drei herab, im Umkreise je eines Dorfes wohnen, ebenda zusammen; und sind wir zusammengekommen, so fordern wir den, an dem die Reihe ist, auf. Der hält den Vortrag: und hat ein Mönch gefehlt, hat er sich vergangen, so wird er von uns der Lehre gemäß, der Weisung gemäß behandelt. Nicht aber, heißt es, behandeln uns die 89 Brüder: die Lehre behandelt uns.«
»Doch ist wohl, Herr Ānando, irgend ein Mönch da, den ihr jetzt werthhaltet, hochschätzt, achtet und ehrt, und dem ihr also zugethan seid?«
»Es ist wohl, Priester, irgend ein Mönch da, den wir jetzt werthhalten, hochschätzen, achten und ehren, und dem wir also zugethan sind.«
»Auf meine Frage ‚Ist nun wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von Ihm, dem Herrn Gotamo, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt‘, hast du geantwortet ‚Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, eingesetzt worden, ›Der soll nach meinem Tode euere Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen‘; auf meine Frage ‚Doch ist wohl, Herr Ānando, etwa einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den ihr jetzt euch wenden mögt‘, hast du geantwortet ‚Nicht ist, Priester, etwa einer der Mönche von den Brüdern erwählt, von der Mehrheit der Ordensältesten eingesetzt worden, ›Der soll nach des Erhabenen Tode unsere Zuflucht sein‹, an den wir jetzt uns wenden mögen‘; auf meine Frage ‚Doch ist wohl, Herr Ānando, irgend ein Mönch da, den ihr jetzt werthhaltet, hochschätzt, achtet und ehrt, und dem ihr also zugethan seid‘, hast du geantwortet ‚Es ist 90 wohl, Priester, irgend ein Mönch da, den wir jetzt werthhalten, hochschätzen, achten und ehren, und dem wir also zugethan sind‘: einer solchen Rede Sinn, Herr Ānando, wie soll der nun ausgelegt werden?«
»Es sind, Priester, von Ihm, dem Erhabenen, dem Kenner, dem Seher, dem Heiligen, vollkommen Erwachten, zehn huldreiche Eigenschaften angegeben worden; bei wem von uns diese sich finden, den halten wir jetzt werth, schätzen ihn hoch, achten und ehren ihn, sind ihm also zugethan: was für zehn Eigenschaften? Da ist, Priester, ein Mönch tugendhaft, in reiner Zucht richtig gezügelt bleibt er lauter im Handel und Wandel: vor geringstem Fehl auf der Hut kämpft er beharrlich weiter, Schritt um Schritt. Viel hat er gehört, ist Behälter des Wortes, Hort des Wortes der Lehre[35]; und was da am Anfang begütigt, in der Mitte begütigt, am Ende begütigt und sinn- und wortgetreu das vollkommen geläuterte, geklärte Asketenthum überliefert: das kennt er, behält er, beherrscht er mit der Rede, bewahrt es im Gedächtniss, hat es von Grund aus verstanden. Zufrieden ist er mit Mantel und Schaale, Obdach und Arzenei für den Fall einer Krankheit. Die vier Schauungen, die das Herz erquicken, schon im Leben besäligen, die kann er nach Wunsch gewinnen, in ihrer Fülle und Weite. Er mag auf manigfaltige Weise Machtentfaltung an sich erfahren: als nur einer etwa vielfach zu werden, und vielfach geworden wieder einer zu sein, und so weiter, sogar bis zu den Brahmawelten den Körper in seiner Gewalt 91 zu haben. Mit dem himmlischen Gehör, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, kann er beide Arten der Töne hören, die himmlischen und die irdischen, die fernen und die nahen.[36] Der anderen Wesen, der anderen Personen Herz kann er im Herzen schauen und erkennen, das begehrliche Herz als begehrlich und das begehrlose Herz als begehrlos, das gehässige Herz als gehässig und das hasslose Herz als hasslos, das irrende Herz als irrend und das irrlose Herz als irrlos, das gesammelte Herz als gesammelt und das zerstreute Herz als zerstreut, das hochstrebende Herz als hochstrebend und das niedrig gesinnte Herz als niedrig gesinnt, das edle Herz als edel und das gemeine Herz als gemein, das beruhigte Herz als beruhigt und das ruhelose Herz als ruhelos, das erlöste Herz als erlöst und das gefesselte Herz als gefesselt.[37] An manche verschiedene frühere Daseinsform erinnert er sich: als wie an ein Leben, dann an zwei Leben, dann an drei 92 Leben, dann an vier Leben, dann an fünf Leben, dann an zehn Leben, dann an zwanzig Leben, dann an dreißig Leben, dann an vierzig Leben, dann an fünfzig Leben, dann an hundert Leben, dann an tausend Leben, dann an hunderttausend Leben, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenvergehungen, dann an die Zeiten während mancher Weltenentstehungen-Weltenvergehungen; ›Dort war ich, jenen Namen hatte ich, jener Familie gehörte ich an, das war mein Stand, das mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; dort verschieden trat ich anderswo wieder ins Dasein: da war ich nun, diesen Namen hatte ich, dieser Familie gehörte ich an, dies war mein Stand, dies mein Beruf, solches Wohl und Wehe habe ich erfahren, so war mein Lebensende; da verschieden trat ich hier wieder ins Dasein‹: so erinnert er sich mancher verschiedenen früheren Daseinsform, mit je den eigenthümlichen Merkmalen, mit je den eigenartigen Beziehungen. Mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, sieht er die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, er erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren: ›Diese lieben Wesen sind freilich in Thaten dem Schlechten zugethan, in Worten dem Schlechten zugethan, in Gedanken dem Schlechten zugethan, tadeln Heiliges, achten Verkehrtes, thun Verkehrtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf den Abweg, auf schlechte Fährte, zur Tiefe hinab, in untere Welt. Jene lieben Wesen sind aber in Thaten dem Guten zugethan, in Worten dem Guten zugethan, in Gedanken dem Guten zugethan, tadeln nicht Heiliges, achten Rechtes, thun Rechtes; bei der Auflösung des Leibes, nach dem Tode, gelangen sie auf gute Fährte, in sälige Welt‹: so sieht er mit dem himmlischen Auge, dem geläuterten, über menschliche Gränzen hinausreichenden, die Wesen dahinschwinden und wiedererscheinen, gemeine und edle, schöne und unschöne, glückliche und unglückliche, erkennt wie die Wesen je nach den Thaten wiederkehren.[38] Er hat den Wahn versiegt und die wahnlose Gemütherlösung, Weisheiterlösung noch bei Lebzeiten sich offenbar gemacht, verwirklicht und errungen. -- Das sind, Priester, zehn huldreiche Eigenschaften, die Er, der Erhabene, der Kenner, der Seher, der Heilige, vollkommen Erwachte angegeben hat; bei wem von uns diese sich finden, den halten wir jetzt werth, schätzen ihn hoch, achten und ehren ihn, sind ihm also zugethan.«
Nach dieser Rede wandte sich Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, an Upanando den Feldherrn und sagte:
»Was meinst du wohl, Feldherr: ob da nun diese Würdigen den 93 werthhalten, der werthzuhalten ist, den hochschätzen, der hochzuschätzen ist, den achten, der zu achten ist, den ehren, der zu ehren ist?«
»Will’s meinen, dass diese Würdigen den werthhalten, der werthzuhalten ist, den hochschätzen, der hochzuschätzen ist, den achten, der zu achten ist, den ehren, der zu ehren ist: denn so diese Würdigen einen solchen nicht werthhielten, hochschätzten, achteten und ehrten, wen doch sollten sie dann werthhalten, hochschätzen, achten und ehren und ihm also zugethan sein?«
Und nun wandte sich Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, also an den ehrwürdigen Ānando:
»Wo hat wohl Herr Ānando gegenwärtig seinen Aufenthalt?«
»Im Bambusparke, Priester, hab’ ich gegenwärtig meinen Aufenthalt.«
»Und kann einem auch, Herr Ānando, der Bambuspark schon gefallen, der lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten gemieden ist, wo man einsam bleiben und nachdenken mag?«
»Will’s meinen, Priester, dass einem der Bambuspark schon gefallen kann, der lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten gemieden ist, wo man einsam bleiben und nachdenken mag, wie das eueren Feldhütern und Hirten eignet.«
»Will’s meinen, Herr Ānando, dass einem der Bambuspark schon gefallen kann, der lärmentrückt, lärmverloren, von den Leuten gemieden ist, wo man einsam bleiben und nachdenken mag, wie das euch Schauung liebenden und Schauung übenden eignet: denn Schauung ja liebt ihr und Schauung übt ihr. -- Eines Tages, Herr Ānando, weilte Er, der Herr Gotamo, dort bei Vesālī, im Großen Walde, in der Halle der Einsiedelei. Und ich begab mich, Herr Ānando, nach dem Großen Walde, zur Halle der Einsiedelei, dorthin wo ich den Herrn Gotamo antraf. Da führte nun Er, der Herr Gotamo, auf mancherlei Weise Gespräche über die Schauung: denn Schauung ja liebte Er, der Herr Gotamo, und Schauung übte 94 Er, und eben alle Schauung pflegte Er, der Herr Gotamo, zu preisen.«
»Nicht hat, Priester, Er, der Erhabene, alle Schauung gepriesen, und nicht hat Er, der Erhabene, alle Schauung verwiesen. Was für Schauung hat aber, Priester, Er, der Erhabene, nicht gepriesen? Da hat einer, Priester, sein Gemüth von Wunschbegier umspinnen, von Wunschbegier umziehen lassen; und wie man der aufgestiegenen Wunschbegier entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die Wunschbegier zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von Gehässigkeit umspinnen, von Gehässigkeit umziehen lassen; und wie man der aufgestiegenen Gehässigkeit entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die Gehässigkeit zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von matter Müde umspinnen, von matter Müde umziehen lassen; und wie man der aufgestiegenen matten Müde entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr die matte Müde zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von stolzem Unmuth umspinnen, von stolzem Unmuth umziehen lassen; und wie man dem aufgestiegenen stolzen Unmuth entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr den stolzen Unmuth zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Er hat sein Gemüth von sorgendem Zweifel umspinnen, von sorgendem Zweifel umziehen lassen; und wie man dem aufgestiegenen sorgenden Zweifel entgehn könne, daran denkt er nicht der Wahrheit gemäß, macht vielmehr den sorgenden Zweifel zum Wesen und schaut und schaut hin und schaut her und schaut um. Solche Schauung hat, Priester, Er, der Erhabene, 95 nicht gepriesen. Was für Schauung hat aber, Priester, Er, der Erhabene, gepriesen? Da weilt, Priester, ein Mönch, gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen, in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens erwirkt er die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe weilt er gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkt er die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Solche Schauung hat, Priester, Er, der Erhabene, gepriesen.«
»Verweisliche Schauung hat also, Herr Ānando, Er, der Herr Gotamo, verwiesen, preisliche gepriesen. -- Wohlan denn, Herr Ānando, jetzt wollen wir aufbrechen[39]: manche Pflicht wartet unser, manche Obliegenheit.«
»Wie es dir nun, Priester, belieben mag.«
* * * * *
Und Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, durch des ehrwürdigen Ānando Rede erfreut und befriedigt, stand von seinem Sitze auf und entfernte sich. Da wandte sich denn Meier Moggallāno der Priester, bald nachdem Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, gegangen, also an den ehrwürdigen Ānando:
»Was wir aber Herrn Ānando gefragt hatten, das hat uns Herr Ānando nicht zu Ende erklärt.«
»Haben wir denn, Priester, dir nicht gesagt: ›Nicht giebt es, Priester, auch nur einen Mönch ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Erhabene begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte. Denn Er, Priester, der Erhabene, ist des unentdeckten Weges Entdecker, des unerschaffenen Weges Erschaffer, des unerklärten Weges Erklärer, der Wegeswisser, der Wegeskenner, der Wegeskundige: auf dem Weg aber folgen sie 96 jetzt nach, die Jünger, später nachgekommen‹.«[40]
109.
Elfter Theil Neunte Rede
VOLLMOND
-- I --
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 97 Sāvatthī, im Osthaine, auf Mutter Migāros Terrasse.
Um diese Zeit nun hatte der Erhabene -- es war ein Feiertag, im halben Monat, in der voll aufgegangenen Mondnacht -- inmitten der Mönchgemeinde unter freiem Himmel Platz genommen.
Da stand nun einer der Mönche auf, schlug den Mantel um die eine Schulter, verneigte sich ehrerbietig vor dem Erhabenen und sprach also:
»Darf ich, o Herr, den Erhabenen über irgend etwas befragen, wenn mir der Erhabene der Frage Beantwortung gewähren will?«
»Wohlan denn, o Mönch, setze dich auf deinen Platz und frage nach Belieben.«
Und jener Mönch setzte sich auf seinen Platz und sprach also zum Erhabenen:
»Sind das, o Herr, die fünf Stücke des Anhangens, als da ist ein Stück Anhangen an der Form, ein Stück Anhangen am Gefühl, ein Stück Anhangen an der Wahrnehmung, ein Stück Anhangen an der Unterscheidung, ein Stück Anhangen am Bewusstsein?«
»Das sind, Mönch, die fünf Stücke des Anhangens.«
»Gut, o Herr!« sagte da jener Mönch, erfreut und befriedigt durch des Erhabenen Rede, und stellte nun eine fernere Frage:
»Und diese fünf Stücke des Anhangens, o Herr, wo wurzeln die?«
»Diese fünf Stücke des Anhangens, Mönch, wurzeln im Willen.«
»Ist nun, o Herr, Anhangen und die fünf Stücke des Anhangens 98 ein und dasselbe, oder giebt es ein Anhangen außer den fünf Stücken des Anhangens?«
»Nicht ist, Mönch, Anhangen und die fünf Stücke des Anhangens ein und dasselbe, doch giebt es kein Anhangen außer den fünf Stücken des Anhangens: was da, Mönch, bei den fünf Stücken des Anhangens Willensreiz ist, das ist dabei Anhangen.«
»Und kann, o Herr, bei den fünf Stücken des Anhangens eine Verschiedenheit des Willensreizes bestehn?«
»Kann sein, Mönch«, sagte der Erhabene. »Da hat einer, Mönch, den Wunsch: ›So sei meine künftige Form, so sei mein künftiges Gefühl, so sei meine künftige Wahrnehmung, so sei meine künftige Unterscheidung, so sei mein künftiges Bewusstsein.‹ So kann, Mönch, bei den fünf Stücken des Anhangens eine Verschiedenheit des Willensreizes bestehn.«
»Inwiefern aber, o Herr, kommt den Stücken die Bezeichnung Stücke zu?«
»Was es auch, Mönch, an Form giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe, ist ein Stück Form; was es auch an Gefühl giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes, ist ein Stück Gefühl; was es auch an Wahrnehmung giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe, ist ein Stück Wahrnehmung; was es auch an Unterscheidungen giebt, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe, ist ein Stück Unterscheidung; was es auch an Bewusstsein giebt, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes, ist ein Stück Bewusstsein. Insofern, Mönch, kommt den Stücken die Bezeichnung Stücke zu.«
»Was ist nun, o Herr, der Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück Form erscheinen kann, was ist der Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück Gefühl erscheinen kann, was ist der Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück Wahrnehmung erscheinen kann, was ist der Anlass, was ist der Grund, dass ein Stück Unterscheidung erscheinen kann, was ist der Anlass, was ist der 99 Grund, dass ein Stück Bewusstsein erscheinen kann?«
»Die vier Hauptstoffe, Mönch, sind der Anlass, die vier Hauptstoffe sind der Grund, dass ein Stück Form erscheinen kann, Berührung ist der Anlass, Berührung ist der Grund, dass ein Stück Gefühl erscheinen kann, Berührung ist der Anlass, Berührung ist der Grund, dass ein Stück Wahrnehmung erscheinen kann, Berührung ist der Anlass, Berührung ist der Grund, dass ein Stück Unterscheidung erscheinen kann, Bild und Begriff ist, Mönch, der Anlass, Bild und Begriff ist der Grund, dass ein Stück Bewusstsein erscheinen kann.«
»Wie aber kann, o Herr, der Glaube an Persönlichkeit aufkommen?«
»Da hat einer, Mönch, nichts erfahren, ist ein gewöhnlicher Mensch, ohne Sinn für das Heilige, der heiligen Lehre unkundig, der heiligen Lehre unzugänglich, ohne Sinn für das Edle, der Lehre der Edlen unkundig, der Lehre der Edlen unzugänglich und betrachtet die Form als sich selbst, oder sich selbst als formähnlich, oder in sich selbst die Form, oder in der Form sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung, die Unterscheidungen, das Bewusstsein als sich selbst, oder sich selbst als diesen ähnlich, oder in sich selbst diese, oder in diesen sich selbst. So kann, Mönch, der Glaube an Persönlichkeit aufkommen.«
»Und wie kann, o Herr, der Glaube an Persönlichkeit nicht aufkommen?«
»Da hat einer, Mönch, als erfahrener heiliger Jünger das Heilige gemerkt, ist der heiligen Lehre kundig, der heiligen 100 Lehre wohlzugänglich, hat das Edle gemerkt, ist der Lehre der Edlen kundig, der Lehre der Edlen wohlzugänglich und betrachtet die Form nicht als sich selbst, noch sich selbst als formähnlich, noch in sich selbst die Form, noch in der Form sich selbst; er betrachtet das Gefühl, die Wahrnehmung, die Unterscheidungen, das Bewusstsein nicht als sich selbst, noch sich selbst als diesen ähnlich, noch in sich selbst diese, noch in diesen sich selbst. So kann, Mönch, der Glaube an Persönlichkeit nicht aufkommen.«
»Was ist nun, o Herr, bei der Form Labsal, was Elend, und was Ueberwindung? Was ist beim Gefühl, bei der Wahrnehmung, bei den Unterscheidungen, beim Bewusstsein Labsal, was Elend, und was Ueberwindung?«
»Was da, Mönch, Wohl und Erwünschtes der Form gemäß geht, ist bei der Form Labsal; was als Form vergänglich ist, wehe, wandelbar, ist bei der Form Elend; was bei der Form Verneinung des Willensreizes ist, Verleugnung des Willensreizes, ist bei der Form Ueberwindung. Was da, Mönch, Wohl und Erwünschtes dem Gefühle, der Wahrnehmung, den Unterscheidungen, dem 101 Bewusstsein gemäß geht, ist dabei Labsal; was als Gefühl, als Wahrnehmung, als Unterscheidung, als Bewusstsein vergänglich ist, wehe, wandelbar, ist dabei Elend; was beim Gefühle, bei der Wahrnehmung, bei den Unterscheidungen, beim Bewusstsein Verneinung des Willensreizes ist, Verleugnung des Willensreizes, ist dabei Ueberwindung.«
»Wie aber können, o Herr, einen Wissenden, wie einen Sehenden, bei allen äußeren Eindrücken auf diesen mit Bewusstsein behafteten Körper da, der Ichheit und Meinheit Dünkelanwandlungen nicht ankommen?«
»Was es auch, Mönch, für eine Form sei, vergangene, zukünftige, gegenwärtige, eigene oder fremde, grobe oder feine, gemeine oder edle, ferne oder nahe: alle Form ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also angesehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ Was es auch für ein Gefühl, was es auch für eine Wahrnehmung, was es auch für eine Unterscheidung, was es auch für ein Bewusstsein sei, vergangenes, zukünftiges, gegenwärtiges, eigenes oder fremdes, grobes oder feines, gemeines oder edles, fernes oder nahes: alles Gefühl, alle Wahrnehmung, alle Unterscheidung, alles 102 Bewusstsein ist, der Wahrheit gemäß, mit vollkommener Weisheit also angesehn: ›Das gehört mir nicht, das bin ich nicht, das ist nicht mein Selbst.‹ So können, Mönch, einen Wissenden, so einen Sehenden, bei allen äußeren Eindrücken auf diesen mit Bewusstsein behafteten Körper da, der Ichheit und Meinheit Dünkelanwandlungen nicht ankommen.«
* * * * *
Da stieg nun einem der Mönche folgender Gedanke im Geiste auf: ›So wäre denn also die Form ohne Selbst, das Gefühl ohne Selbst, die Wahrnehmung ohne Selbst, die Unterscheidung ohne Selbst, das Bewusstsein ohne Selbst, und ohne Selbst gethane Thaten sollten zur Thäterschaft gereichen?‹ Und der Erhabene, den Gedanken jenes Mönches im Geiste geistig gewahrend, wandte sich an die Mönche:
»Es mag wohl sein, ihr Mönche, dass da irgend ein eitler Mensch aus Unwissen, in Unwissenheit gerathen, vom Durst im Geiste überwältigt, die Weisung des Meisters überbieten zu müssen vermeine: ›So wäre denn also die Form ohne Selbst, das Gefühl ohne Selbst, die Wahrnehmung ohne Selbst, die Unterscheidung ohne Selbst, das Bewusstsein ohne Selbst, und ohne Selbst gethane Thaten sollten zur Thäterschaft gereichen?‹, fragt er. Unterwiesen seid ihr, Mönche, von mir bei solchen und ähnlichen Fragen. Was meint ihr wohl, Mönche: ist die Form unvergänglich oder vergänglich?«
»Vergänglich, o Herr!«
»Was aber vergänglich, ist das weh’ oder wohl?«
»Weh’, o Herr!«
»Was aber vergänglich, wehe, wandelbar ist, kann man etwa davon behaupten: ›Das gehört mir, das bin ich, das ist mein Selbst‹?«
»Gewiss nicht, o Herr!«