Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band
Part 6
»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im Jenseit ersehnt, Formen nach diesseit gerichtet, Formen nach jenseit gerichtet, Formen im Diesseit ersehnt, Formen im Jenseit ersehnt: beides ist es vergänglich. Was vergänglich 72 ist lohnt nicht der Liebe, lohnt nicht der Freude, lohnt nicht der Neigung.‹ Und wie er da weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt er in dieser Zeit die Unverstörung, oder er wird von der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein der Unverstörung zukehre. Das wird, ihr Mönche, die dritte Stufe zur Unverstörung genannt.
»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im Jenseit ersehnt, Formen nach diesseit gerichtet, Formen nach jenseit gerichtet, Formen im Diesseit ersehnt, Formen im Jenseit ersehnt, und Unverstörung ersehnen: es ist alles Ersehnen. Wo dieses ohne Ueberrest aufgeht: das ist die Ruhe, das ist das Ziel, jenes Reich des Nichtdaseins.‹ Und wie er da weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt er in dieser Zeit das Reich des Nichtdaseins, oder er wird von der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein dem Reich des Nichtdaseins zukehre. Das wird, ihr Mönche, die erste Stufe zum Reich des Nichtdaseins genannt.
»Weiter sodann, ihr Mönche, begiebt sich der heilige Jünger in den Wald oder unter einen großen Baum oder in eine leere Klause und überlegt bei sich: ›Leer ist es an sich und in sich.‹ Und 73 wie er da weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt er in dieser Zeit das Reich des Nichtdaseins, oder er wird von der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein dem Reich des Nichtdaseins zukehre. Das wird, ihr Mönche, die zweite Stufe zum Reich des Nichtdaseins genannt.
»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei sich: ›Nicht gehör’ ich irgend wo irgend wem irgend zu, noch gehört mir irgend wo irgend was an: da giebt es nichts.‹[26] Und wie er da weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt er in dieser Zeit das Reich des Nichtdaseins, oder er wird von der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein dem Reich des Nichtdaseins zukehre. Das wird, ihr Mönche, die dritte Stufe zum Reich des Nichtdaseins genannt.
»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im Jenseit ersehnt, Formen nach diesseit gerichtet, Formen nach jenseit gerichtet, Formen im Diesseit ersehnt, Formen im Jenseit ersehnt, und Unverstörung ersehnen, und das Reich des Nichtdaseins ersehnen: es ist alles Ersehnen. Wo dieses ohne Ueberrest aufgeht: das ist die Ruhe, das ist das Ziel, jene Gränze möglicher Wahrnehmung.‹ Und wie er da weiter 74 vorschreitet, emsig also ausharrt in der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt er in dieser Zeit die Gränze möglicher Wahrnehmung, oder er wird von der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein der Gränze möglicher Wahrnehmung zukehre. Das wird, ihr Mönche, Stufe zur Gränze möglicher Wahrnehmung genannt.«
Nach diesen Worten wandte sich der ehrwürdige Ānando also an den Erhabenen:
»Da ist, o Herr, ein Mönch also vorgeschritten: ›Nicht sein und nicht mir sein, nicht werden, nicht mir werden soll was ist, was war: ich lasse es fahren‹: also gewinnt er Gleichmuth. Kann nun wohl ein solcher Mönch, o Herr, vom Wahne erlöschen, oder kann er es nicht?«
»Gar mancher Mönch, Ānando, kann da vom Wahne erlöschen, gar mancher Mönch kann es da nicht.«
»Was ist nun, o Herr, der Anlass, was ist der Grund, dass da gar mancher Mönch vom Wahne erlöschen kann, gar mancher Mönch es da nicht kann?«
»Da ist, Ānando, ein Mönch also vorgeschritten: ›Nicht sein und nicht mir sein, nicht werden, nicht mir werden soll was ist, was war: ich lasse es fahren‹: also gewinnt er Gleichmuth. Diesem Gleichmuth ist er in Liebe und Freude und Neigung zugethan. Weil er diesem Gleichmuth in Liebe und Freude und Neigung zugethan ist, wird das Bewusstsein daran gewohnt, hangt daran. Hangt er an, Ānando, kann der Mönch nicht vom Wahne erlöschen.«
»Wo aber ist, o Herr, ein solcher Mönch anhänglich angehangen?«
»An der Gränze, Ānando, möglicher Wahrnehmung.«
»Das beste Anhangen, sagt man, o Herr, sei es, wo ein solcher 75 Mönch anhänglich anhangt.«
»Das beste Anhangen ist es, Ānando, wo ein solcher Mönch anhänglich anhangt. Bestes Anhangen ist ja geheißen, Ānando, jene Gränze möglicher Wahrnehmung. -- Da ist, Ānando, ein Mönch also vorgeschritten: ›Nicht sein und nicht mir sein, nicht werden, nicht mir werden soll was ist, was war: ich lasse es fahren‹: also gewinnt er Gleichmuth. Diesem Gleichmuth ist er in keiner Liebe, keiner Freude, keiner Neigung zugethan. Weil er diesem Gleichmuth in keiner Liebe, keiner Freude, keiner Neigung zugethan ist, wird das Bewusstsein nicht daran gewohnt, hangt nicht daran. Hangt er nicht an, Ānando, kann der Mönch vom Wahne erlöschen.«
»Erstaunlich, o Herr, außerordentlich ist es, o Herr: von Staffel zu Staffel, merkt man, hat uns, o Herr, der Erhabene das Entkommen aus dem Fluthbereiche dargestellt. -- Was aber ist, o Herr, die heilige Freiheit?«
»Da überlegt, Ānando, der heilige Jünger bei sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im Jenseit ersehnt, Formen nach diesseit gerichtet, Formen nach jenseit gerichtet, Formen im Diesseit ersehnt, Formen im Jenseit ersehnt, und Unverstörung ersehnen, und das Reich des Nichtdaseins ersehnen, und die Gränze möglicher Wahrnehmung ersehnen: das ist Dasein; so weit Dasein reicht ist ewige Art jene hanglose Herzensfreiheit.
»Und so hab’ ich, Ānando, die Stufen zur Unverstörung gezeigt, die Stufen zum Reich des Nichtdaseins gezeigt, die Stufe zur Gränze möglicher Wahrnehmung gezeigt, von Staffel zu Staffel das Entkommen aus dem Fluthbereiche gezeigt, die heilige Freiheit gezeigt. Was ein Meister, Ānando, den Jüngern aus 76 Liebe und Theilnahme, von Mitleid bewogen, schuldet, das habt ihr von mir empfangen. Da laden, Ānando, Bäume ein, und dort leere Klausen. Wirket Schauung, Ānando, auf dass ihr nicht lässig werdet, später nicht Reue empfindet: das haltet als unser Gebot.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige Ānando über das Wort des Erhabenen.[27]
107.
Elfter Theil Siebente Rede
RECHNER MOGGALLĀNO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 77 Sāvatthī, im Osthaine, auf der Terrasse Mutter Migāros.
Da nun begab sich ein Priester, Rechner Moggallāno, dorthin wo der Erhabene weilte, tauschte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem Erhabenen und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend sprach nun Rechner Moggallāno der Priester zum Erhabenen also:
»Gleichwie man da, o Gotamo, bei dieser Terrasse Mutter Migāros den allmäligen Ansatz, den allmäligen Fortschritt, den allmäligen Aufstieg erkennen kann, und zwar von der untersten Treppenstufe an, kann man gewiss auch, o Gotamo, bei unseren Priestern den allmäligen Ansatz, den allmäligen Fortschritt, den allmäligen Aufstieg erkennen, und zwar bei der Andacht; kann man gewiss auch, o Gotamo, bei unseren Bogenschützen den allmäligen Ansatz, den allmäligen Fortschritt, den allmäligen Aufstieg erkennen, und zwar beim Schießen; kann man gewiss auch, o Gotamo, bei uns Rechnern, die wir von der Rechenkunst leben, den allmäligen Ansatz, den allmäligen Fortschritt, den allmäligen Aufstieg erkennen, und zwar beim Zählen. Denn haben wir, o Gotamo, Schüler angenommen, so lassen wir zuerst zählen: ›Eins, die Einheit, zwei, die Zweiheit, drei, die Dreiheit, vier, die Vierheit, fünf, die Fünfheit, sechs, die Sechsheit, sieben, die Siebenheit, acht, die Achtheit, neun, die Neunheit, zehn, die Zehnheit‹, so lassen wir, o Gotamo, bis hundert zählen. Ist es nun möglich, o Gotamo, auch in dieser Lehre und Ordnung etwa ebenso einen allmäligen Ansatz, einen allmäligen Fortschritt, einen allmäligen Aufstieg nachzuweisen?«
»Es ist möglich, Priester, auch in dieser Lehre und Ordnung einen allmäligen Ansatz, einen allmäligen Fortschritt, einen allmäligen Aufstieg nachzuweisen. Gleichwie etwa, Priester, 78 ein gewandter Rossebändiger, wann er ein schönes edles Ross erhalten hat, eben erst am Gebisse Uebungen ausführen lässt und es dann weiteren Uebungen zuführt, ebenso nun auch, Priester, weist der Vollendete, wann er einen Menschen zur Bändigung erhalten hat, erst also zurecht: ›Willkommen, du Mönch, sei tugendhaft, in reiner Zucht richtig gezügelt bleibe lauter im Handel und Wandel: vor geringstem Fehl auf der Hut kämpfe beharrlich weiter, Schritt um Schritt.‹ Sobald nun, Priester, der Mönch tugendhaft ist, in reiner Zucht richtig gezügelt lauter im Handel und Wandel bleibt, vor geringstem Fehl auf der Hut beharrlich weiterkämpft, Schritt um Schritt, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, die Thore der Sinne lasse dich hüten: hast du mit dem Gesichte eine Form erblickt, so magst du keine Neigung fassen, keine Absicht fassen; da Begierde und Missmuth, böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gesichtes verweilt, befleißige dich dieser Bewachung, hüte das Gesicht, wache eifrig über das Gesicht. Hast du mit dem Gehöre einen Ton gehört -- hast du mit dem Geruche einen Duft gerochen -- hast du mit dem Geschmacke einen Saft geschmeckt -- hast du mit dem Getaste eine Tastung getastet -- hast du mit dem Gedenken ein Ding erkannt, so magst du keine Neigung fassen, keine Absicht fassen; da Begierde und Missmuth, böse und schlechte Gedanken gar bald den überwältigen, der unbewachten Gedenkens verweilt, befleißige dich dieser Bewachung, hüte das Gedenken, wache eifrig über das Gedenken.‹ Sobald nun, Priester, der Mönch die Thore der Sinne behütet hält, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, beim Essen 79 wisse Maaß zu halten, gründlich besonnen wolle die Nahrung einnehmen, nicht etwa zur Letzung und Ergetzung, nicht zur Schmuckheit und Zier, sondern nur um diesen Körper zu erhalten, zu fristen, um Schaden zu verhüten, um ein heiliges Leben führen zu können: ‚So werd’ ich das frühere Gefühl abtödten und ein neues Gefühl nicht aufkommen lassen, und ich werde ein Fortkommen haben, ohne Tadel bestehn, mich wohl befinden.‘[28] Sobald nun, Priester, der Mönch beim Essen Maaß zu halten weiß, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, der Wachsamkeit weihe dich: bei Tage sollst du gehend und sitzend das Gemüth von trübenden Dingen läutern; in den ersten Stunden der Nacht gehend und sitzend das Gemüth von trübenden Dingen läutern; in den mittleren Stunden der Nacht magst du auf die rechte Seite wie der Löwe dich hinlegen, einen Fuß über dem anderen, gesammelten Sinnes, der Zeit des Aufstehns gedenkend; sollst in den letzten Stunden der Nacht, wieder aufgestanden, gehend und sitzend das Gemüth von trübenden Dingen läutern.‹ Sobald nun, Priester, der Mönch sich der Wachsamkeit geweiht hat, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, mit klarem Bewusstsein wolle dich wappnen: klar bewusst beim Kommen und Gehn, klar bewusst beim Hinblicken und Wegblicken, klar bewusst beim Neigen und Erheben, klar bewusst beim Tragen des Gewandes und der Almosenschaale des Ordens, klar bewusst beim Essen und Trinken, Kauen und Schmecken, klar bewusst beim Entleeren von Koth und Harn, klar bewusst beim Gehn und Stehn und Sitzen, beim Einschlafen und Erwachen, beim Sprechen und Schweigen.‹ Sobald nun, Priester, der Mönch sich mit klarem Bewusstsein gewappnet hat, dann weist ihn der Vollendete weiter zurecht: ›Willkommen, du Mönch, suche einen abgelegenen Ruheplatz auf, 80 einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene.‹ Und er sucht einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Nach dem Mahle, wenn er vom Almosengange zurückgekehrt ist, setzt er sich mit verschränkten Beinen nieder, den Körper gerade aufgerichtet, und pflegt der Einsicht. Er hat weltliche Begierde verworfen und verweilt begierdelosen Gemüthes, von Begierde läutert er sein Herz. Gehässigkeit hat er verworfen, hasslosen Gemüthes verweilt er, voll Liebe und Mitleid zu allen lebenden Wesen läutert er sein Herz von Gehässigkeit. Matte Müde hat er verworfen, von matter Müde ist er frei; das Licht liebend, einsichtig, klar bewusst, läutert er sein Herz von matter Müde. Stolzen Unmuth hat er verworfen, er ist frei von Stolz; innig beruhigten Gemüthes läutert er sein Herz von stolzem Unmuth. Das Schwanken hat er verworfen, der Ungewissheit ist er entronnen; er zweifelt nicht am Guten, vom Schwanken läutert er sein Herz. Er hat nun diese fünf Hemmungen aufgehoben, hat die Schlacken des Gemüthes kennen gelernt, die lähmenden; gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen lebt er in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens gewinnt er die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe verweilt er gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst, ein Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so gewinnt er die Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erreicht er die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. -- Die da nun, Priester, kämpfende Mönche sind, mit streitendem Busen 81 die unvergleichliche Sicherheit zu erringen trachten, denen gilt bei mir diese also gegebene Weisung; die aber da als Mönche heilig geworden sind, Wahnversieger, Endiger, die das Werk gewirkt, die Last abgelegt, das Heil sich errungen, die Daseinsfesseln vernichtet, sich durch vollkommene Erkenntniss erlöst haben, denen taugen diese Dinge um säliger Gegenwart zu genießen, bei klarem Bewusstsein.«
Nach dieser Rede wandte sich Rechner Moggallāno der Priester also an den Erhabenen:
»Können nun aber des Herrn Gotamo Jünger, von Herrn Gotamo also belehrt, also gewiesen, eben alle die unbezweifelbar sichere Wahnerlöschung gewinnen, oder können es einige nicht?«
»Einige freilich, Priester, meiner Jünger, von mir also belehrt, also gewiesen, können die unbezweifelbar sichere Wahnerlöschung gewinnen, andere können es nicht.«
»Was ist wohl, o Gotamo, der Anlass, was ist der Grund, dass, wo es doch eine Wahnerlöschung giebt, wo ein Weg dahin führt, wo Herr Gotamo als Lenker da ist, dann einige freilich der Jünger des Herrn Gotamo, von Herrn Gotamo also belehrt, also gewiesen, die unbezweifelbar sichere Wahnerlöschung gewinnen können, und andere es nicht können?«
»Da will ich dir nun, Priester, eben hierüber eine Frage stellen: wie es dir gutdünkt magst du sie beantworten. Was meinst du wohl, Priester: kennst du den Weg, der nach Rājagaham führt?«
»Gewiss, Herr, ich kenne den Weg, der nach Rājagaham führt.«
»Was meinst du wohl, Priester: es käme da ein Mann herbei, der nach Rājagaham gehn wollte, und er träte zu dir heran 82 und spräche also: ›Ich möchte, o Herr, nach Rājagaham gehn, bezeichne mir doch den Weg dahin.‹ Und du würdest ihm sagen: ›Komm’, lieber Mann, das ist der Weg nach Rājagaham. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du ein gewisses Dorf sehn. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du eine gewisse Burg sehn. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du einen schönen Garten, einen freundlichen Hain, eine heitere Landschaft, einen lichten Weiher vor Rājagaham erblicken.‹ Und er schlüge, von dir also belehrt, also gewiesen, einen Seitenweg ein und schritte umgekehrt weiter. Aber ein anderer Mann käme herbei, der nach Rājagaham gehn wollte, und er träte zu dir heran und spräche also: ›Ich möchte, o Herr, nach Rājagaham gehn, bezeichne mir doch den Weg dahin.‹ Und du würdest ihm sagen: ›Komm’, lieber Mann, das ist der Weg nach Rājagaham. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du ein gewisses Dorf sehn. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du eine gewisse Burg sehn. Da geh’ eine Weile weiter, und bist du da eine Weile weitergegangen, so wirst du einen schönen Garten, einen freundlichen Hain, eine heitere Landschaft, einen lichten Weiher vor Rājagaham erblicken.‹ Und er langte, von dir also belehrt, also gewiesen, unversehrt in Rājagaham an. Was ist nun, Priester, der Anlass, was ist der Grund, dass, wo es doch ein Rājagaham giebt, wo ein Weg dahin führt, wo du als Lenker da bist, gleichwohl der eine Mann, von dir also belehrt, also gewiesen, einen Seitenweg einschlagen und umgekehrt weiterschreiten mochte, und der andere unversehrt nach Rājagaham gelangen?« 83
»Das kann ich, o Gotamo, hierbei thun: Wegweiser bin ich, o Gotamo!«
»Ebenso nun auch, Priester, giebt es zwar eine Wahnerlöschung, führt ein Weg dahin, bin ich als Lenker da, und doch können einige freilich meiner Jünger, von mir also belehrt, also gewiesen, die unbezweifelbar sichere Wahnerlöschung gewinnen, und können andere es nicht. Das kann ich, Priester, hierbei thun: Wegweiser ist, Priester, der Vollendete.«
* * * * *
Auf diese Worte sagte nun Rechner Moggallāno der Priester zum Erhabenen:
»Es giebt da, o Gotamo, Leute, die unwillig, aus Nothdurft, nicht aus Zuversicht vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen sind, Häuchler, Gleißner, Scheinheilige, aufgeblasene Windbeutel[29], geschäftige Schwätzer und Plauderer, schlechte Hüter der Sinnesthore, ohne Rückhalt beim Mahle, der Wachsamkeit abgeneigt, gleichgültig gegen das Asketenthum, lässig in der Ordenspflicht, anspruchsvoll, aufdringlich, vor allem Gesellschaft suchend, Einsamkeit als lästige Last fliehend, matte, schwache Herzen, verworrene, unklare Köpfe, unbeständige, zerstreute Geister, Beschränkte und Stumpfe: mit diesen hat Herr Gotamo keine Gemeinschaft. Es giebt aber auch edle Söhne, die aus Zuversicht vom Hause fort in die Hauslosigkeit gezogen sind, keine Häuchler, keine Gleißner, keine Scheinheiligen, keine aufgeblasenen Windbeutel, keine geschäftigen Schwätzer und Plauderer, strenge Hüter der Sinnesthore,[30] mäßig beim Mahle, der Wachsamkeit ergeben, dem Asketenthum zugethan, eifrig in der Ordenspflicht, anspruchslos, nicht aufdringlich, vor allem Einsamkeit suchend, Gesellschaft als lästige Last fliehend, muthige, starke Herzen, einsichtige, klare Köpfe, beständige, einige Geister, Weise und Witzige: mit diesen hat Herr Gotamo Gemeinschaft. -- Gleichwie 84 etwa, o Gotamo, unter den Wurzeldüften der schwarze Rosenlauch in seiner Art als vorzüglichster gilt, unter den Kernholzdüften der rothe Sandel in seiner Art als vorzüglichster gilt, unter den Blumendüften der weiße Jasmin in seiner Art als vorzüglichster gilt, ebenso nun auch ist des Herrn Gotamo Belehrung die beste in heutiger Zeit. -- Vortrefflich, o Gotamo, vortrefflich, o Gotamo! Gleichwie etwa, o Gotamo, wenn man Umgestürztes aufstellte, oder Verdecktes enthüllte, oder Verirrten den Weg wiese, oder Licht in die Finsterniss brächte: ›Wer Augen hat wird die Dinge sehn[31]: ebenso auch hat Herr Gotamo die Lehre gar vielfach beleuchtet. Und so nehm’ ich bei Herrn Gotamo Zuflucht, bei der Lehre und bei der Jüngerschaft: als Anhänger möge mich Herr Gotamo betrachten, von heute an zeitlebens getreu.«[32]
108.
Elfter Theil Achte Rede
MEIER MOGGALLĀNO
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der ehrwürdige Ānando 85 bei Rājagaham, im Bambusparke, am Hügel der Eichhörnchen, nicht lange nachdem der Erhabene erloschen war.
Um diese Zeit nun ließ der König von Magadhā, Ajātasattu, der Sohn der Videherin, Rājagaham befestigen, aus Besorgniss vor König Pajjoto.
Und der ehrwürdige Ānando, zeitig gerüstet, mit Mantel und Schaale versehn, machte sich auf den Almosengang nach Rājagaham. Und es gedachte der ehrwürdige Ānando: ›Allzu früh ist’s noch, in der Stadt um Almosen zu stehn; wie, wenn ich nun die Wirthschaft Meier Moggallāno des Priesters aufsuchte, mich zu Meier Moggallāno dem Priester hinbegäbe?‹ Und der ehrwürdige Ānando suchte die Wirthschaft Meier Moggallāno des Priesters auf, begab sich zu Meier Moggallāno dem Priester hin. Da sah Meier Moggallāno der Priester den ehrwürdigen Ānando von ferne herankommen, und als er den ehrwürdigen Ānando gesehn sprach er also zu ihm:
»Es komme Herr Ānando, gegrüßt sei Herr Ānando! Lange schon hat Herr Ānando hoffen lassen, mich einmal hier zu besuchen. Möge sich Herr Ānando setzen: dieser Sitz ist bereit.«
Es setzte sich der ehrwürdige Ānando auf den angebotenen Sitz. Meier Moggallāno aber, der Priester, nahm einen von den niederen Stühlen zur Hand und setzte sich zur Seite. Zur Seite sitzend wandte sich nun Meier Moggallāno der Priester an den ehrwürdigen Ānando also:
»Giebt es wohl, Herr Ānando, auch nur einen Mönch ganz und gar 86 überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Herr Gotamo begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte?«
»Nicht giebt es, Priester, auch nur einen Mönch ganz und gar überall mit all den Eigenschaften begabt, mit welchen der Erhabene begabt war, der Heilige, vollkommen Erwachte. Denn Er, Priester, der Erhabene, ist des unentdeckten Weges Entdecker, des unerschaffenen Weges Erschaffer, des unerklärten Weges Erklärer, der Wegeswisser, der Wegeskenner, der Wegeskundige: auf dem Weg aber folgen sie jetzt nach, die Jünger, später nachgekommen.«
Kaum jedoch hatte diese Unterredung des ehrwürdigen Ānando mit Meier Moggallāno dem Priester begonnen, da kam Vassakāro der Priester, ein Māgadher Marschall, der zu Rājagaham Rüstungen ausgerichtet, zu Meier Moggallāno des Priesters Wirthschaft heran, dorthin wo der ehrwürdige Ānando weilte. Dort angelangt wechselte er höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit dem ehrwürdigen Ānando und setzte sich zur Seite nieder. Zur Seite sitzend wandte sich nun Vassakāro der Priester, der Māgadher Marschall, an den ehrwürdigen Ānando also:
»Zu welchem Gespräche, Herr Ānando, seid ihr jetzt hier zusammengekommen, und wobei habt ihr euch eben unterbrochen?«