Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band
Part 5
»Die Mönche, Sunakkhatto, die vor mir die Gewissheit verkündet haben: ‚›Versiegt ist die Geburt, vollendet das Asketenthum, gewirkt das Werk, nicht mehr ist diese Welt‹ versteh’ ich da‘: unter diesen sind manche Mönche, die eben nur die Gewissheit kundgemacht, und sind wieder manche Mönche, die es auch mit Dünkel gethan. Wenn da, Sunakkhatto, Mönche eben nur die Gewissheit kundgemacht haben, so gilt ihnen das eben dafür; und wiederum wenn da Mönche es mit Dünkel gethan, so gedenkt, Sunakkhatto, der Vollendete: ›Wahrheit will ich sie weisen.‹ Und wenn da nun, Sunakkhatto, der Vollendete also gedenkt ›Wahrheit will ich sie weisen‹, so kommen da wieder gar manche eitle Menschen heran und richten sich Fragen zurecht und legen sie dem Vollendeten vor. Und weil nun, Sunakkhatto, der Vollendete also gedenkt ›Wahrheit will ich sie weisen‹, so ist das gar manchem ungelegen.«
»Da ist es, Erhabener, Zeit, da ist es, Willkommener, Zeit, dass der Erhabene die Wahrheit weise: des Erhabenen Wort werden 59 die Mönche bewahren.«
»Wohlan denn, Sunakkhatto, so höre und achte wohl auf meine Rede.«
»Gewiss, o Herr!« erwiderte da aufmerksam Sunakkhatto der junge Licchavier dem Erhabenen. Der Erhabene sprach also:
»Fünf Begehrungen, Sunakkhatto, giebt es: welche fünf? Die durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Gehör ins Bewusstsein tretenden Töne, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geschmack ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, Sunakkhatto, die fünf Begehrungen.
»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein Mensch vom Köder der Welt angezogen sei. Einem Menschen, Sunakkhatto, der vom Köder der Welt angezogen ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über Unverstörung geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet sich nicht mit ihm. Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn da ein Mann von seinem Dorfe oder seiner Stadt seit langem verreist wäre; und er träfe einen anderen Mann, von dort vor kurzem fortgegangen, und fragte ihn um den Zustand, um die Wohlfahrt und das Gedeihen jenes Dorfes oder jener Stadt, und der Mann rühmte ihm den Zustand, die Wohlfahrt und das Gedeihen jenes Dorfes oder jener Stadt; was bedünkt dich nun, Sunakkhatto: würde da wohl jener Mann auf ihn horchen, ihm Gehör leihen, der 60 Kunde sein Herz zuwenden, mit dem Manne umgehn, mit ihm sich befreunden?«
»Gewiss, o Herr!«
»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, findet sich wohl der Fall, dass da irgend ein Mensch vom Köder der Welt angezogen sei. Einem Menschen, Sunakkhatto, der vom Köder der Welt angezogen ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über Unverstörung geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet sich nicht mit ihm. Bei dem wäre zu merken: Ein Mensch, vom Köder der Welt angezogen.
»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein Mensch von Unverstörung angezogen sei. Einem Menschen, Sunakkhatto, der von Unverstörung angezogen ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über weltlichen Köder geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet sich nicht mit ihm. Gleichwie etwa, Sunakkhatto, ein welkes Blatt, vom Stängel abgefallen, nicht mehr ergrünen kann, ebenso nun auch, Sunakkhatto, ist von einem Menschen, angezogen von Unverstörung, was Fessel weltlichen Köders war abgefallen. 61 Bei dem wäre zu merken: Ein Mensch, der da losgelöst ist von der Fessel weltlichen Köders, von Unverstörung angezogen.
»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein Mensch vom Reiche des Nichtdaseins angezogen sei. Einem Menschen, Sunakkhatto, der vom Reich des Nichtdaseins angezogen ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über Unverstörung geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet sich nicht mit ihm. Gleichwie etwa, Sunakkhatto, ein Steinblock, entzwei gespalten, sich nicht mehr zusammenfügen lässt, ebenso nun auch, Sunakkhatto, ist bei einem Menschen, angezogen vom Reich des Nichtdaseins, was Fessel der Unverstörung war gespalten. Bei dem wäre zu merken: Ein Mensch, der da losgelöst ist von der Fessel der Unverstörung, vom Reich des Nichtdaseins angezogen.[18]
»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein Mensch von der Gränze möglicher Wahrnehmung angezogen sei. Einem Menschen, Sunakkhatto, der von der Gränze möglicher Wahrnehmung angezogen ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über das Reich des Nichtdaseins geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet sich nicht mit ihm. Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn ein Mann, an einer 62 einladenden Schüssel gesättigt, diese von sich schöbe; was bedünkt dich nun, Sunakkhatto: würde da wohl dem Manne wiederum Esslust nach dem Gerichte kommen?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Und warum nicht?«
»Jenes Gericht, o Herr, würde ihm ja nunmehr widerstehn.«
»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, ist von einem Menschen, angezogen von der Gränze möglicher Wahrnehmung, was Fessel vom Reiche des Nichtdaseins war abgethan. Bei dem wäre zu merken: Ein Mensch, der da losgelöst ist von der Fessel vom Reiche des Nichtdaseins, von der Gränze möglicher Wahrnehmung angezogen.
»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein Mensch von vollkommener Wahnerlöschung angezogen sei. Einem Menschen, Sunakkhatto, der von vollkommener Wahnerlöschung angezogen ist, kommt eben ein demgemäßes Gespräch gelegen, und was sich darauf bezieht überlegt und erwägt er, geht mit dem Manne um, befreundet sich mit ihm; und wird etwa ein Gespräch über die Gränze möglicher Wahrnehmung geführt, so horcht er nicht auf, leiht kein Gehör, wendet sein Herz der Kunde nicht zu, geht mit dem Manne nicht um, befreundet sich nicht mit ihm. Gleichwie etwa, Sunakkhatto, eine Palme, der man die Krone abgeschnitten hat, nicht wieder emporwachsen kann, ebenso nun auch, Sunakkhatto, ist bei einem Menschen, angezogen von vollkommener Wahnerlöschung, was Fessel der Gränze möglicher Wahrnehmung war abgehauen, an der Wurzel abgeschnitten, einem Palmstumpf gleichgemacht, so dass es nicht mehr keimen, nicht mehr sich entwickeln kann. Bei dem wäre zu merken: Ein Mensch, der da losgelöst ist von der Fessel der Gränze möglicher Wahrnehmung, von vollkommener Wahnerlöschung angezogen.
»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend 63 ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der Asket gesagt, ‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe, Willensgier und -hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil hab’ ich entfernt, weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen, vollkommene Wahnerlöschung hat mich angezogen‹: also bedünke ihn dünkendes Heil. Und was einem vollkommener Wahnerlöschung Ergebenen nicht bekommt, das erlaubte er sich: erlaubte sich mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt. Und weil er sich erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein Herz anschwellen lassen, kann er mit giergeschwelltem Herzen dem Tode entgegengehn oder tödtlichem Schmerze.
»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn ein Mann von einem Pfeile getroffen wäre, dessen Spitze mit Gift bestrichen wurde, und seine Freunde, Genossen, Verwandte, Gevattern bestellten ihm einen heilkundigen Arzt, und der heilkundige Arzt schnitte ihm mit einem Messer die Mündung der Wunde auf, dann suchte er mit einer Sonde nach der Spitze, und nachdem er diese gefunden, zöge er sie heraus, brächte die Giftsalbe weg, nicht ohne Ueberrest, wohl wissend[19], es sei noch ein Rest geblieben, und er spräche also: ›Lieber Mann, herausgezogen ist dir der 64 Pfeil, weggebracht die giftige Salbe, nicht ohne Ueberrest, und da kann dir noch Gefahr drohen. Nur was dir bekommt an Nahrung darfst du genießen, auf dass nicht durch den Genuss von Nahrung, die dir nicht bekommt, die Wunde eiterig werde. Von Zeit zu Zeit magst du die Wunde waschen, von Zeit zu Zeit die Mündung der Wunde salben, auf dass nicht, so du es versäumst, die Mündung der Wunde mit Blut und Eiter sich anfülle. Wolle nicht bei Wind und Sonnengluth ausgehn, auf dass dir dabei nicht Staub und Hitze die Mündung der Wunde entzünden. Gieb wohl acht, lieber Mann, auf die Wunde, behandle sie recht.‹ Er aber gedächte: ›Herausgezogen ist mir der Pfeil, weggebracht die giftige Salbe, nicht ohne Ueberrest, aber da kann mir keine Gefahr mehr drohen.‹ Und was ihm eben nicht bekommt an Nahrung genösse er, und durch den Genuss von Nahrung, die ihm nicht bekommt, würde die Wunde eiterig. Nicht wüsche er von Zeit zu Zeit die Wunde, nicht salbte er von Zeit zu Zeit ihre Mündung, so dass sie sich mit Blut und Eiter anfüllte. Bei Wind und Sonnengluth ginge er aus, so dass ihm dabei Staub und Hitze die Mündung der Wunde entzündeten. Er gäbe nicht acht auf die Wunde, behandelte sie nicht recht. Und weil er eben solches gethan, was ihm nicht bekommt, mit dem unlauteren, nicht weggebrachten Ueberreste von der Giftsalbe, würde die Wunde doppelt sich weiterentwickeln, und mit ihrer weiteren Entwickelung ginge er dem Tode entgegen oder tödtlichem 65 Schmerze:
»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, findet sich wohl der Fall, dass da irgend ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der Asket gesagt, ‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe, Willensgier und -hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil hab’ ich entfernt, weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen, vollkommene Wahnerlöschung hat mich angezogen‹: also bedünke ihn dünkendes Heil. Und was einem vollkommener Wahnerlöschung Ergebenen nicht bekommt, das erlaubte er sich: erlaubte sich mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, erlaubte sich mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt. Und weil er sich erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, sich erlaubt hat mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein Herz anschwellen lassen, kann er mit giergeschwelltem Herzen dem Tode entgegengehn oder tödtlichem Schmerze. Tod aber heißt es, Sunakkhatto, im Orden des Heiligen, wenn einer die Askese aufgiebt und zur Gewohnheit zurückkehrt: tödtlicher Schmerz aber, Sunakkhatto, heißt es, wenn einer irgend ein unsauberes Vergehn verübt.[20]
»Wohl findet sich, Sunakkhatto, der Fall, dass da irgend ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der Asket gesagt, ‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe, Willensgier und 66 -hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil hab’ ich entfernt, weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen, vollkommene Wahnerlöschung hat mich angezogen.‹ Vollkommener Wahnerlöschung einzig ergeben erlaubte er sich nicht was einem vollkommener Wahnerlöschung Ergebenen nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt. Und weil er sich nicht erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein Herz nicht anschwellen lassen, braucht er nicht mit giergeschwelltem Herzen dem Tode entgegenzugehn oder tödtlichem Schmerze.
»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn ein Mann von einem Pfeile getroffen wäre, dessen Spitze mit Gift bestrichen wurde, und seine Freunde, Genossen, Verwandte, Gevattern bestellten ihm einen heilkundigen Arzt, und der heilkundige Arzt schnitte ihm mit einem Messer die Mündung der Wunde auf, dann suchte er mit einer Sonde nach der Spitze, und nachdem er diese gefunden, zöge er sie heraus, brächte die Giftsalbe weg, ohne Ueberrest, wohl wissend, es sei kein Rest mehr geblieben, und er spräche also: ›Lieber Mann, herausgezogen ist dir der Pfeil, weggebracht die giftige Salbe, ohne Ueberrest, und da kann dir keine Gefahr mehr drohen. Doch magst du eben was 67 dir bekommt an Nahrung genießen, auf dass nicht durch den Genuss von Nahrung, die dir nicht bekommt, die Wunde eiterig werde. Von Zeit zu Zeit magst du die Wunde waschen, von Zeit zu Zeit die Mündung der Wunde salben, auf dass nicht, so du es versäumst, die Mündung der Wunde mit Blut und Eiter sich anfülle. Wolle nicht bei Wind und Sonnengluth ausgehn, auf dass dir dabei nicht Staub und Hitze die Mündung der Wunde entzünden. Gieb wohl acht, lieber Mann, auf die Wunde, behandle sie recht.‹ Und er gedächte: ›Herausgezogen ist mir der Pfeil, weggebracht die giftige Salbe, ohne Ueberrest, aber es kann mir noch Gefahr drohen.‹[21] Und was ihm eben bekommt an Nahrung genösse er, und weil er Nahrung genösse, die ihm bekommt, würde die Wunde nicht eiterig. Von Zeit zu Zeit wüsche er die Wunde, von Zeit zu Zeit salbte er ihre Mündung, so dass sie sich nicht mit Blut und Eiter anfüllte. Bei Wind und Sonnengluth ging’ er nicht aus, so dass ihm Staub und Hitze die Wunde nicht entzündeten. Er gäbe acht auf die Wunde, behandelte sie recht. Und weil er eben solches gethan, was ihm bekommt, ohne unlauteren, ohne irgendwelchen Ueberrest von der Giftsalbe, würde die Wunde doppelt schnell heilen, wüchse zu und vernarbte, so dass er weder dem Tode entgegenginge noch tödtlichem Schmerze:
»Ebenso nun auch, Sunakkhatto, findet sich wohl der Fall, dass da irgend ein Mönch bei sich gedenke: ›‚Durst‘, hat der Asket gesagt, ‚ist der Pfeil, Nichtwissen die Giftsalbe, 68 Willensgier und -hass reißen auf‘; diesen durstigen Pfeil hab’ ich entfernt, weggebracht die Giftsalbe aus Nichtwissen, vollkommene Wahnerlöschung hat mich angezogen.‹ Vollkommener Wahnerlöschung einzig ergeben erlaubte er sich nicht was einem vollkommener Wahnerlöschung Ergebenen nicht bekommt: erlaubte sich nicht mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, erlaubte sich nicht mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt. Und weil er sich nicht erlaubt hat mit dem Gesichte zu sehn was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Gehöre zu hören was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Geruche zu riechen was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Geschmacke zu schmecken was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Getaste zu tasten was ihm nicht bekommt, sich nicht erlaubt hat mit dem Gedenken zu denken was ihm nicht bekommt, kann Gier sein Herz nicht anschwellen lassen, braucht er nicht mit giergeschwelltem Herzen dem Tode entgegenzugehn oder tödtlichem Schmerze.
»Ein Gleichniss habe ich da, Sunakkhatto, gegeben, um den Sinn zu erklären. Das aber ist nun der Sinn. Die Wunde: das ist, Sunakkhatto, eine Bezeichnung der sechs inneren Gebiete.[22] Die Giftsalbe: das ist, Sunakkhatto, eine Bezeichnung des Nichtwissens. Der Pfeil: das ist, Sunakkhatto, eine Bezeichnung des Durstes. Die Sonde: das ist, Sunakkhatto, eine Bezeichnung der Einsicht. Das Messer: das ist, Sunakkhatto, eine Bezeichnung der heiligen Weisheit. Der heilkundige Arzt: das ist, Sunakkhatto, eine Bezeichnung des Vollendeten, des Heiligen, vollkommen Erwachten.
»Dass nun, Sunakkhatto, ein Mönch, der vor den sechs 69 Sinnesgebieten sich hütet und ›Anhaften ist des Leidens Wurzel‹ entdeckt hat, der ohne anzuhaften im Zergehn des Anhaftens erlöst ist, den Körper etwa dem Anhaften annähern, das Herz etwa anhangen ließe: ein solcher Fall findet sich nicht.
»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn man eine Trinkschaale da hätte, mit schönem, duftendem, wohlschmeckendem Inhalte, aber mit Gift versetzt, und es käme ein Mann herbei, der leben, nicht sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe verabscheut; was bedünkt dich nun, Sunakkhatto: würde da wohl der Mann den Trinkbecher leeren, von dem er wüsste: ›Hab’ ich das getrunken, so muss ich sterben oder tödtlichen Schmerz erleiden‹?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Ebenso nun auch, Sunakkhatto: dass da ein Mönch, der vor den sechs Sinnesgebieten sich hütet und ›Anhaften ist des Leidens Wurzel‹ entdeckt hat, der ohne anzuhaften im Zergehn des Anhaftens erlöst ist, den Körper etwa dem Anhaften annähern, das Herz etwa anhangen ließe: ein solcher Fall findet sich nicht.
»Gleichwie etwa, Sunakkhatto, wenn da eine Giftschlange wäre, giftig fauchend, und es käme ein Mann herbei, der leben, nicht sterben will, der Wohlsein wünscht und Wehe verabscheut; was bedünkt dich nun, Sunakkhatto: würde da wohl der Mann nach der Giftschlange, der giftig fauchenden, Hand oder Daumen ausstrecken, wo er wüsste: ›Hat mich diese gebissen, so muss ich sterben oder tödtlichen Schmerz erleiden‹?«
»Gewiss nicht, o Herr!«
»Ebenso nun auch, Sunakkhatto: dass da ein Mönch, der vor den sechs Sinnesgebieten sich hütet und ›Anhaften ist des Leidens Wurzel‹ entdeckt hat, der ohne anzuhaften im Zergehn des Anhaftens erlöst ist, den Körper etwa dem Anhaften annähern, das Herz etwa anhangen ließe: ein solcher Fall findet sich nicht.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich Sunakkhatto der junge Licchavier über das Wort des Erhabenen.[23]
106.
Elfter Theil Sechste Rede
ZUR UNVERSTÖRUNG
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene 70 im Kurū-Lande, bei einer Stadt der Kurūner Namens Kammāsadammam.[24] Dort nun wandte sich der Erhabene an die Mönche: »Ihr Mönche!« -- »Erlauchter!« antworteten da jene Mönche dem Erhabenen aufmerksam. Der Erhabene sprach also:
»‚Vergänglich, ihr Mönche, sind die Begierden, leer und falsch und eitel‘: trügerisch ist, ihr Mönche, solche Rede aus Thorenmund. Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im Jenseit ersehnt: beides ist es Todesgebiet, ist des Todes Bereich, ist des Todes Futterplatz, ist des Todes Weideland. Da gehn denn diese schlechten, unheilsamen Gesinnungen, als wie Verlangen, als wie Verabscheuen, als wie Verwünschen, hervor; und diese gereichen dem heiligen Jünger, der hier eifrig sich übt, zur Gefahr.
»Aber, ihr Mönche, der heilige Jünger überlegt bei sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im Jenseit ersehnt: beides ist es Todesgebiet, ist des Todes Bereich, ist des Todes Futterplatz, ist des Todes Weideland. Da gehn denn diese schlechten, unheilsamen Gesinnungen, als wie Verlangen, als wie Verabscheuen, als wie Verwünschen, hervor; und diese gereichen dem heiligen Jünger, der hier eifrig sich übt, zur Gefahr. Wie, wenn ich nun mit weitem, tiefem Gemüthe verweilte und hätte die Welt überwunden, über ihr stehend im Geiste? Denn verweil’ ich mit weitem, tiefem Gemüthe und habe die 71 Welt überwunden, über ihr stehend im Geiste, so können die schlechten, unheilsamen Gesinnungen, als wie Verlangen, als wie Verabscheuen, als wie Verwünschen, nicht mehr bestehn; und weil sie fehlen, wird mein Herz unbegränzt sein, unbeschränkt, wohl ausgebildet.‹ Und wie er da weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt er in dieser Zeit die Unverstörung, oder er wird von der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein der Unverstörung zukehre. Das wird, ihr Mönche, die erste Stufe zur Unverstörung genannt.
»Weiter sodann, ihr Mönche, überlegt der heilige Jünger bei sich: ›Begierden nach diesseit gerichtet, Begierden nach jenseit gerichtet, Begierden im Diesseit ersehnt, Begierden im Jenseit ersehnt: was irgend Form hat, die vier Hauptstoffe und was durch die vier Hauptstoffe besteht, es ist alles Form.‹[25] Und wie er da weiter vorschreitet, emsig also ausharrt in der Uebung, wird das Herz gestillt; ist Stille geworden, so erlangt er in dieser Zeit die Unverstörung, oder er wird von der Weisheit angezogen. Bei der Auflösung des Körpers, nach dem Tode, mag es wohl sein, dass ihn das vorwiegende Bewusstsein der Unverstörung zukehre. Das wird, ihr Mönche, die zweite Stufe zur Unverstörung genannt.