Die Reden Gotamo Buddhos. Mittlere Sammlung, dritter Band
Part 16
»Da hat denn, Ānando, der Vollendete hier eine Stätte 221 ausgefunden, und zwar aller Vorstellungen sich begeben und in inniger Armuth eine Stätte fassen.[104] Wenn da nun, Ānando, an den Vollendeten, der in solcher Stätte eine Stätte gefasst hat, Leute herantreten, Mönche und Nonnen, Anhänger und Anhängerinen, Könige und königliche Fürsten, Büßer und büßende Pilger, so pflegt, Ānando, der Vollendete, gar einsam geneigt im Herzen, einsam gebeugt, einsam gesenkt, abgeschieden, in Entsagung befriedigt, lauter geworden von allen wahnhaften Dingen, einzig nur ein zur Ermunterung taugliches Gespräch zu führen.
»Darum aber, Ānando, mag auch ein Mönch es wünschen, ›Innige Armuth erfassen will ich‹, so hat, Ānando, ein solcher Mönch das innige Herz eben zu festigen, zu beruhigen, einig zu machen und stark. Wie aber kann, Ānando, ein Mönch das innige Herz eben festigen, beruhigen, einig machen und stark? Da weilt, Ānando, der Mönch gar fern von Begierden, fern von unheilsamen Dingen in sinnend gedenkender ruhegeborener säliger Heiterkeit, in der Weihe der ersten Schauung. Nach Vollendung des Sinnens und Gedenkens erreicht er die innere Meeresstille, die Einheit des Gemüthes, die von sinnen, von gedenken freie, in der Einigung geborene sälige Heiterkeit, die Weihe der zweiten Schauung. In heiterer Ruhe gleichmüthig, einsichtig, klar bewusst weilt der Mönch, ein Glück empfindet er im Körper, von dem die Heiligen sagen: ›Der gleichmüthig Einsichtige lebt beglückt‹; so erwirkt er die Weihe der dritten Schauung. Nach Verwerfung der Freuden und Leiden, nach Vernichtung des einstigen Frohsinns und Trübsinns erwirkt der Mönch die Weihe der leidlosen, freudlosen, gleichmüthig einsichtigen vollkommenen Reine, die vierte Schauung. Also kann, Ānando, ein Mönch das innige Herz eben festigen, beruhigen, einig machen und stark.
»Er nimmt innige Armuth im Geiste auf. Während er innige Armuth im Geiste aufnimmt, will sich ihm das Herz in inniger Armuth nicht erheben, nicht erheitern, nicht beschwichtigen, nicht beruhigen. Ist es also, Ānando, so gedenkt der Mönch: ›Während ich innige Armuth im Geiste aufnehme, will sich mir das Herz in inniger Armuth nicht erheben, nicht erheitern, nicht beschwichtigen, nicht beruhigen.‹ So aber bleibt er da klar 222 bewusst.
»Er nimmt von außen Armuth im Geiste auf, er nimmt von innen und außen Armuth im Geiste auf; er nimmt Unverstörung im Geiste auf. Während er Unverstörung im Geiste aufnimmt, will sich ihm das Herz in Unverstörung nicht erheben, nicht erheitern, nicht beschwichtigen, nicht beruhigen. Ist es also, Ānando, so gedenkt der Mönch: ›Während ich Unverstörung im Geiste aufnehme, will sich mir das Herz in Unverstörung nicht erheben, nicht erheitern, nicht beschwichtigen, nicht beruhigen.‹ So aber bleibt er da klar bewusst.
»Ein solcher Mönch, Ānando, hat nun in jener ersteren geistigen Vertiefung das innige Herz eben zu festigen, zu beruhigen, einig zu machen und stark. Er nimmt innige Armuth im Geiste auf. Während er innige Armuth im Geiste aufnimmt, erhebt sich ihm das Herz in inniger Armuth, erheitert sich, beschwichtigt sich, beruhigt sich. Ist es also, Ānando, so gedenkt der Mönch: ›Während ich innige Armuth im Geiste aufnehme, erhebt sich mir das Herz in inniger Armuth, erheitert sich, beschwichtigt sich, beruhigt sich.‹ So aber bleibt er da klar bewusst.
»Er nimmt von außen Armuth im Geiste auf, er nimmt von innen und außen Armuth im Geiste auf; er nimmt Unverstörung im Geiste auf. Während er Unverstörung im Geiste aufnimmt, erhebt sich ihm das Herz in Unverstörung, erheitert sich, beschwichtigt sich, beruhigt sich. Ist es also, Ānando, so gedenkt der Mönch: ›Während ich Unverstörung im Geiste aufnehme, erhebt sich mir das Herz in Unverstörung, erheitert sich, beschwichtigt sich, beruhigt sich.‹ So aber bleibt er da klar bewusst.[105]
»Wenn nun, Ānando, bei diesem Mönche, der eine solche Stätte gefunden hat, im Herzen die Neigung vorwiegt auf- und abzugehn, so geht er auf und ab: ›Also auf- und abgehend werd’ ich von 223 Begierde und Missmuth, schlechten, unheilsamen Dingen mich nicht überwältigen lassen.‹ So aber bleibt er da klar bewusst.
»Wenn nun, Ānando, bei diesem Mönche, der eine solche Stätte gefunden hat, im Herzen die Neigung vorwiegt stehn zu bleiben, so bleibt er stehn: ›Also stehn bleibend werd’ ich von Begierde und Missmuth, schlechten, unheilsamen Dingen mich nicht überwältigen lassen.‹ So aber bleibt er da klar bewusst.
»Wenn nun, Ānando, bei diesem Mönche, der eine solche Stätte gefunden hat, im Herzen die Neigung vorwiegt niederzusitzen, so setzt er sich nieder: ›Also niedersitzend werd’ ich von Begierde und Missmuth, schlechten, unheilsamen Dingen mich nicht überwältigen lassen.‹ So aber bleibt er da klar bewusst.
»Wenn nun, Ānando, bei diesem Mönche, der eine solche Stätte gefunden hat, im Herzen die Neigung vorwiegt sich hinzulegen, so legt er sich hin: ›Also liegend werd’ ich von Begierde und Missmuth, schlechten, unheilsamen Dingen mich nicht überwältigen lassen.‹ So aber bleibt er da klar bewusst.
»Wenn nun, Ānando, bei diesem Mönche, der eine solche Stätte gefunden hat, im Herzen die Neigung vorwiegt zu reden, so gedenkt er: ›Ein Gespräch, das gewöhnlich, gemein, alltäglich, unheilig, ungeeignet ist, nicht zur Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Aufhebung, nicht zur Auflösung, nicht zur Durchschauung, nicht zur Erwachung, nicht zur Erlöschung hinlenkt, als da sind Gespräche über Könige, über Räuber, über Fürsten, über Soldaten, über Krieg und Kampf, Gespräche über Speise und Trank, über Kleidung und Lager, über Blumen und Düfte, Gespräche über Verwandte, über Fuhrwerk und Wege, über Dörfer und Burgen, über Städte und Länder, über Weiber und Weine, über Straßen und Märkte, über die Altvorderen und über die Veränderungen, über Ereignisse im Reich, Ereignisse zur See, über dies und das und dergleichen mehr: ein solches 224 Gespräch werde ich nicht führen.‹ So aber bleibt er da klar bewusst.
»Wenn es aber, Ānando, ein Gespräch ist, das zur Ledigung, zur geistigen Befreiung taugt, einzig zur Abkehr, zur Wendung, zur Aufhebung, zur Auflösung, zur Durchschauung, zur Erwachung, zur Erlöschung hinlenkt, als da sind Gespräche über Genugsamkeit, über Zufriedenheit, Gespräche über Einsamkeit, über Abgeschiedenheit, über Beharrlichkeit, über Tugend, Gespräche über Vertiefung, über Weisheit, über Erlösung, über Wissensklarheit der Erlösung: ›ein solches Gespräch‹, gedenkt er, ›werde ich führen.‹ So aber bleibt er da klar bewusst.
»Wenn nun, Ānando, bei diesem Mönche, der eine solche Stätte gefunden hat, im Herzen die Neigung vorwiegt zu erwägen, so gedenkt er: ›Erwägungen, die da gewöhnlich, gemein, alltäglich, unheilig, ungeeignet sind, nicht zur Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Aufhebung, nicht zur Auflösung, nicht zur Durchschauung, nicht zur Erwachung, nicht zur Erlöschung hinlenken, als da sind Erwägungen des Begehrens, der Gehässigkeit, der Wuth: solche Erwägungen will ich nicht erwägen.‹ So aber bleibt er da klar bewusst.
»Wenn es aber, Ānando, Erwägungen sind, die da heilig, ausreichend ausreichen, dem Grübler zur gänzlichen Leidensversiegung, als da sind Erwägungen des Entsagens, der Duldsamkeit, der Milde: ›solche Erwägungen‹, gedenkt er, ›will ich erwägen.‹ So aber bleibt er da klar bewusst.
* * * * *
»Fünf Begehrungen, Ānando, giebt es: welche fünf? Die durch das Gesicht ins Bewusstsein tretenden Formen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Gehör ins Bewusstsein tretenden Töne, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geruch ins Bewusstsein tretenden Düfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch den Geschmack ins Bewusstsein tretenden Säfte, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden; die durch das Getast ins Bewusstsein tretenden Tastungen, die ersehnten, geliebten, entzückenden, angenehmen, dem Begehren entsprechenden, reizenden. Das sind, Ānando, 225 die fünf Begehrungen, wobei der Mönch oft und oft sein Herz erforschen muss: ›Kommt es wohl vor, dass mir bei diesen fünf Begehrungen, auf diesem oder auf jenem Gebiete, geistiges Zukehren erwächst?‹ Sobald, Ānando, der Mönch bei seiner Erforschung merkt: ›Es kommt vor, dass mir bei diesen fünf Begehrungen, auf diesem oder auf jenem Gebiete, geistiges Zukehren erwächst‹: ist es also, Ānando, so gedenkt der Mönch: ›Was da bei diesen fünf Begehrungen Willensreiz ist, das hab’ ich nicht verloren.‹[106] So aber bleibt er da klar bewusst. Sobald aber, Ānando, der Mönch bei seiner Erforschung merkt: ›Nicht kommt es vor, dass mir bei diesen fünf Begehrungen, auf diesem oder auf jenem Gebiete, geistiges Zukehren erwächst‹: ist es also, Ānando, so gedenkt der Mönch: ›Was da bei diesen fünf Begehrungen Willensreiz ist, das hab’ ich verloren.‹ So aber bleibt er da klar bewusst.
»Fünf giebt es, Ānando, der Stücke des Anhangens, wobei der Mönch das Entstehn und Vergehn beobachten muss: ›So ist die Form, so entsteht sie, so löst sie sich auf; so ist das Gefühl, so entsteht es, so löst es sich auf; so ist die Wahrnehmung, so entsteht sie, so löst sie sich auf; so sind die Unterscheidungen, so entstehn sie, so lösen sie sich auf; so ist das Bewusstsein, so entsteht es, so löst es sich auf.‹ Während er bei diesen fünf Stücken des Anhangens das Entstehn und Vergehn beobachtet, geht ihm dabei was Dünkel der Ichheit ist verloren. Ist es also, Ānando, so gedenkt der Mönch: ›Was da bei diesen fünf Stücken des Anhangens Dünkel der Ichheit war, das hab’ ich verloren.‹ So aber bleibt er da klar bewusst. 226 Das nun, Ānando, sind Dinge, die einzig dem Heile zuführen, heilige, überweltliche, unüberkommen vom Bösen. --
»Was bedünkt dich, Ānando: aus welchem zureichenden Grunde darf wohl ein Jünger dem Meister nachfolgen, so lange bis er ihn von sich weist?«
»Vom Erhabenen stammt unser Wissen, o Herr, vom Erhabenen geht es aus, auf den Erhabenen geht es zurück. Gut wär’ es, o Herr, wenn doch der Erhabene den Sinn dieser Rede erläutern wollte: das Wort des Erhabenen werden die Mönche bewahren.«
»Nicht wohl, Ānando, darf ein Jünger dem Meister nachfolgen, um nur Reden, Aussprüche, Erklärungen zu hören[107]: und warum nicht? Lange Zeit habt ihr ja, Ānando, die Dinge gehört, gehütet, mit der Rede beherrscht, im Gedächtniss bewahrt, von Grund aus verstanden. Was aber da, Ānando, ein Gespräch ist, das zur Ledigung, zur geistigen Befreiung taugt, einzig zur Abkehr, zur Wendung, zur Aufhebung, zur Auflösung, zur Durchschauung, zur Erwachung, zur Erlöschung hinlenkt, als da sind Gespräche über Genugsamkeit, über Zufriedenheit, Gespräche über Einsamkeit, über Abgeschiedenheit, über Beharrlichkeit, über Tugend, Gespräche über Vertiefung, über Weisheit, über Erlösung, über Wissensklarheit der Erlösung: um eines solchen Gespräches willen, Ānando, darf wohl ein Jünger dem Meister nachfolgen, so lange bis er ihn von sich weist. --
»Daher kommt es, Ānando, dass ein Lehrer Unbill erfährt; daher kommt es, dass ein Schüler Unbill erfährt; daher kommt es, dass ein Asket Unbill erfährt. Wie aber, Ānando, erfährt ein Lehrer Unbill? Da sucht, Ānando, irgend ein Lehrer einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Während 227 er also zurückgezogen weilt, gehn in der Umgegend Priester und Hausleute, Bürger wie Bauern, ihren Geschäften nach. Und während in der Umgegend Priester und Hausleute, Bürger wie Bauern, ihren Geschäften nachgehn, wird er aus Ohnmacht begehrlich[108], geräth in Leidenschaft, kehrt sich der Ueppigkeit zu. Den heißt man, Ānando, einen Lehrer, der unbillig Unbill des Lehrers erfahren hat: überzogen haben ihn schlechte, unheilsame Dinge, besudelnde, Wiederdasein säende, entsetzliche, Leiden ausbrütende, wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugende. Also, Ānando, erfährt ein Lehrer Unbill.
»Wie aber, Ānando, erfährt ein Schüler Unbill? Da ist eben einer, Ānando, eines solchen Meister Jünger, und der Einsamkeit des Meisters gemäß übt er sich ein und sucht einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Während er also zurückgezogen weilt, gehn in der Umgegend Priester und Hausleute, Bürger wie Bauern, ihren Geschäften nach. Und während in der Umgegend Priester und Hausleute, Bürger wie Bauern, ihren Geschäften nachgehn, wird er aus Ohnmacht begehrlich, geräth in Leidenschaft, kehrt sich der Ueppigkeit zu. Den heißt man, Ānando, einen Schüler, der unbillig Unbill des Schülers erfahren hat: überzogen haben ihn schlechte, unheilsame Dinge, besudelnde, Wiederdasein säende, entsetzliche, Leiden ausbrütende, wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugende. Also, Ānando, erfährt ein Schüler Unbill.
»Wie aber, Ānando, erfährt ein Asket Unbill? Da erscheint, Ānando, der Vollendete in der Welt, der Heilige, vollkommen Erwachte, der Wissens- und Wandelsbewährte, der Willkommene, der Welt Kenner, der unvergleichliche Leiter der Männerheerde, der Meister der Götter und Menschen, der Erwachte, der Erhabene. Er sucht einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen 228 Ebene. Während er also zurückgezogen weilt, gehn in der Umgegend Priester und Hausleute, Bürger wie Bauern, ihren Geschäften nach. Und während in der Umgegend Priester und Hausleute, Bürger wie Bauern, ihren Geschäften nachgehn, wird er nicht aus Ohnmacht begehrlich, geräth in keine Leidenschaft, kehrt sich der Ueppigkeit nicht zu. Da ist nun einer, Ānando, eines solchen Meisters Jünger, und der Einsamkeit des Meisters gemäß übt er sich ein und sucht einen abgelegenen Ruheplatz auf, einen Hain, den Fuß eines Baumes, eine Felsengrotte, eine Bergesgruft, einen Friedhof, die Waldesmitte, ein Streulager in der offenen Ebene. Während er also zurückgezogen weilt, gehn in der Umgegend Priester und Hausleute, Bürger wie Bauern, ihren Geschäften nach. Und während in der Umgegend Priester und Hausleute, Bürger wie Bauern, ihren Geschäften nachgehn, wird er aus Ohnmacht begehrlich, geräth in Leidenschaft, kehrt sich der Ueppigkeit zu. Den heißt man, Ānando, einen Asketen, der unbillig Unbill des Asketen erfahren hat: überzogen haben ihn schlechte, unheilsame Dinge, besudelnde, Wiederdasein säende, entsetzliche, Leiden ausbrütende, wiederum Leben, Altern und Sterben erzeugende. Also, Ānando, erfährt ein Asket Unbill. Was da nun, Ānando, eine Unbill des Lehrers und Unbill des Schülers anlangt, so ist eine Unbill des Asketen reicher an Leiden als jene, reicher an Bitterkeit, und führt zum Verderben hin. --
»Darum aber, Ānando, mögt ihr mit Liebe mir begegnen und nicht mit Feindschaft; das wird euch lange zum Wohle, zum Heile gereichen.
»Wie aber, Ānando, begegnen einem Meister die Jünger mit Feindschaft und nicht mit Liebe? Da legt, Ānando, ein Meister den Jüngern die Lehre dar, mitleidig, wohlwollend, von Mitleid bewogen: ›Das dient euch zum Wohle, das dient euch zum Heile.‹ Und die Jünger horchen nicht auf ihn, leihen ihm kein Gehör, 229 wenden das Herz nicht dem Verständnisse zu, und übertreten in ihrem Betragen die Satzung des Meisters. Also, Ānando, begegnen einem Meister die Jünger mit Feindschaft und nicht mit Liebe.
»Wie aber, Ānando, begegnen einem Meister die Jünger mit Liebe und nicht mit Feindschaft? Da legt, Ānando, ein Meister den Jüngern die Lehre dar, mitleidig, wohlwollend, von Mitleid bewogen: ›Das dient euch zum Wohle, das dient euch zum Heile.‹ Und die Jünger horchen auf ihn, leihen ihm Gehör, wenden das Herz dem Verständnisse zu, und nicht übertreten sie in ihrem Betragen die Satzung des Meisters. Also, Ānando, begegnen einem Meister die Jünger mit Liebe und nicht mit Feindschaft.
»Darum aber, Ānando, mögt ihr mit Liebe mir begegnen und nicht mit Feindschaft; das wird euch lange zum Wohle, zum Heile gereichen. Nicht brauch’ ich, Ānando, mit euch umzugehn wie der Töpfer mit den ungebrannten Thongefäßen. Einfüllend einfüllen, Ānando, kann meine Rede, ausgießend ausgießen: der Gehalt bleibt der selbe.«
* * * * *
Also sprach der Erhabene. Zufrieden freute sich der ehrwürdige Ānando über das Wort des Erhabenen.[109]
123.
Dreizehnter Theil Dritte Rede
ERSTAUNLICHE, AUSSERORDENTLICHE EIGENSCHAFTEN
Das hab’ ich gehört. Zu einer Zeit weilte der Erhabene bei 230 Sāvatthī, im Siegerwalde, im Garten Anāthapiṇḍikos.
Als nun manche der Mönche, nach dem Mahle, vom Almosengange zurückgekehrt, in der Halle des Vorhauses sich eingefunden, versammelt hatten, kam unter ihnen die Rede auf:
»Erstaunlich, ihr Brüder, außerordentlich, ihr Brüder, ist des Vollendeten hohe Macht, hohe Gewalt, wie ja doch der Vollendete die dahingegangenen Erwachten, die zur Erlöschung gelangten, der Sonderheit entrückten, der Wandelheit entrückten, dem Kreislauf entfahrenen, allem Weh entschwundenen, erkennen kann: ›Also geboren waren jene Erhabenen, so und so, also genannt waren jene Erhabenen, so und so, also abgestammt waren jene Erhabenen, so und so, also gelebt hatten jene Erhabenen, so und so, also gelehrt hatten jene Erhabenen, so und so, also gewusst hatten jene Erhabenen, so und so, also geweilt hatten jene Erhabenen, so und so, also erlöst waren jene Erhabenen, so und so.‹«
Auf diese Worte wandte sich der ehrwürdige Ānando also an die Mönche:
»Erstaunlich sind eben, ihr Brüder, Vollendete, und mit erstaunlichen Eigenschaften begabt; außerordentlich sind eben, ihr Brüder, Vollendete, und mit außerordentlichen Eigenschaften begabt.«
Bald aber nachdem dieses Gespräch der Mönche unter einander begonnen, kam der Erhabene heran, gegen Abend, nach Aufhebung der Gedenkensruhe, zur Halle hin des Vorhauses, und nahm, dort angelangt, auf dem angebotenen Sitze Platz. Da wandte sich denn der Erhabene an die Mönche:
»Zu welchem Gespräch, ihr Mönche, seid ihr jetzt hier zusammengekommen, und wobei habt ihr euch eben unterbrochen?«
»Als wir uns da, o Herr, nach dem Mahle, vom Almosengange 231 zurückgekehrt, in der Halle des Vorhauses eingefunden, versammelt hatten, war unter uns die Rede aufgekommen: ›Erstaunlich, ihr Brüder, außerordentlich, ihr Brüder, ist des Vollendeten hohe Macht, hohe Gewalt, wie ja doch der Vollendete die dahingegangenen Erwachten, die zur Erlöschung gelangten, der Sonderheit entrückten, der Wandelheit entrückten, dem Kreislauf entfahrenen, allem Weh entschwundenen, erkennen kann: ‚Also geboren waren jene Erhabenen, so und so, also genannt waren jene Erhabenen, so und so, also abgestammt waren jene Erhabenen, so und so, also gelebt hatten jene Erhabenen, so und so, also gelehrt hatten jene Erhabenen, so und so, also gewusst hatten jene Erhabenen, so und so, also geweilt hatten jene Erhabenen, so und so, also erlöst waren jene Erhabenen, so und so.‘‹ Auf diese Worte, o Herr, wandte sich der ehrwürdige Ānando also an uns: ›Erstaunlich sind eben, ihr Brüder, Vollendete, und mit erstaunlichen Eigenschaften begabt; außerordentlich sind eben, ihr Brüder, Vollendete, und mit außerordentlichen Eigenschaften begabt.‹ Das war, o Herr, das Gespräch unter uns, das wir unterbrachen als der Erhabene ankam.«
Da wandte sich nun der Erhabene an den ehrwürdigen Ānando:
»Wohlan denn, Ānando, so magst du noch genauer die erstaunlichen, außerordentlichen Eigenschaften eines Vollendeten darstellen.«
»Von Angesicht hab’ ich es, o Herr, vom Erhabenen gehört, von Angesicht vernommen: ›Klar bewusst, Ānando, ist der Erwachsame in Säliger Gestalt erschienen.‹ Dass aber, o Herr, der Erwachsame klar bewusst in Säliger Gestalt erschienen ist, eben das hab’ ich mir, o Herr, als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des Erhabenen gemerkt.[110]
»Von Angesicht hab’ ich es, o Herr, vom Erhabenen gehört, von Angesicht vernommen: ›Klar bewusst, Ānando, ist der Erwachsame in Säliger Gestalt geblieben.‹ Dass aber, o Herr, der Erwachsame klar bewusst in Säliger Gestalt geblieben ist, eben das hab’ ich mir, o Herr, als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des Erhabenen gemerkt.
»Von Angesicht hab’ ich es, o Herr, vom Erhabenen gehört, von Angesicht vernommen: ›Ein Leben lang, Ānando, ist der 232 Erwachsame in Säliger Gestalt geblieben.‹ Dass aber, o Herr, der Erwachsame ein Leben lang in Säliger Gestalt geblieben ist, eben das hab’ ich mir, o Herr, als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des Erhabenen gemerkt.
»Von Angesicht hab’ ich es, o Herr, vom Erhabenen gehört, von Angesicht vernommen: ›Klar bewusst, Ānando, schwindet der Erwachsame aus Säliger Gestalt hinweg und kommt in den Leib der Mutter herab.‹ Dass aber, o Herr, der Erwachsame klar bewusst aus Säliger Gestalt hinwegschwindet und in den Leib der Mutter herabkommt, eben das hab’ ich mir, o Herr, als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des Erhabenen gemerkt.
»Von Angesicht hab’ ich es, o Herr, vom Erhabenen gehört, von Angesicht vernommen: ›Wann da, Ānando, der Erwachsame aus Säliger Gestalt hinweggeschwunden und in den Leib der Mutter herabgekommen ist, dann erhebt sich in der Welt mit ihren Göttern, mit ihren bösen und heiligen Geistern, mit ihrer Schaar von Priestern und Büßern, Göttern und Menschen, ein unermesslich mächtiger Glanz, überstrahlend sogar der Götter göttliche Pracht. Und auch die Zwischenwelten, die traurigen, trostlosen, finsteren, finster umnachteten[111], wo selbst dieser Mond und diese Sonne, die so mächtigen, so gewaltigen, mit ihrem Scheine nicht hindringen, auch dort erhebt sich ein unermesslich mächtiger Glanz, überstrahlend sogar der Götter göttliche Pracht. Die aber dort als Wesen weilen, die erschauen in diesem Glanze sich selber und sagen: ‚Andere sind es ja noch der Wesen, die hier weilen!‘[112] Diese zehntausendfache Welt aber wankt und erbebt und erzittert, und es erhebt sich aus ihr ein unermesslich mächtiger Glanz, überstrahlend sogar der Götter göttliche Pracht.‹ Dass aber, o Herr, wann da der Erwachsame aus Säliger Gestalt hinweggeschwunden und in den Leib der Mutter herabgekommen ist, ein solcher Glanz erscheint, eben das hab’ ich mir, o Herr, als erstaunliche, 233 außerordentliche Eigenschaft des Erhabenen gemerkt.
»Von Angesicht hab’ ich es, o Herr, vom Erhabenen gehört, von Angesicht vernommen: ›Wann da, Ānando, der Erwachsame in den Leib der Mutter herabgekommen ist, dann nahen sich ihm vier Göttersöhne zum Schutze nach den vier Seiten: ‚Keiner soll ihn, den Erwachsamen, oder des Erwachsamen Mutter, versehren, weder Mensch noch Nichtmensch noch irgend wer.‘‹ Dass aber, o Herr, wann der Erwachsame in den Leib der Mutter herabgekommen ist, vier Göttersöhne zum Schutze nach den vier Seiten ihm dann sich nahen, eben das hab’ ich mir, o Herr, als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des Erhabenen gemerkt.[113]
»Von Angesicht hab’ ich es, o Herr, vom Erhabenen gehört, von Angesicht vernommen: ›Wann da, Ānando, der Erwachsame in den Leib der Mutter herabgekommen ist, bleibt des Erwachsamen Mutter ihrer Natur nach tugendhaft[114] und hütet sich Lebendiges umzubringen, hütet sich Nichtgegebenes zu nehmen, hütet sich vor Ausschweifung, hütet sich vor Lüge, hütet sich berauschende und berückende Getränke, betäubende und bethörende Mittel zu gebrauchen.‹ Dass aber, o Herr, wann da der Erwachsame in den Leib der Mutter herabgekommen ist, des Erwachsamen Mutter ihrer Natur nach tugendhaft bleibt, eben das hab’ ich mir, o Herr, als erstaunliche, außerordentliche Eigenschaft des Erhabenen gemerkt.