Chapter 9
Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren berühmt in Würzburg. Und das kam von den Schloßfallen, die Herr Tritt stets selbst aus dem allerbesten Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig mit nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, um sie in das neue elektrische Türschloß des Herrn Metzgermeister Rücken oder des Herrn Trompeter Wohlleben einzupassen.
Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt schon einige Male bankerott gemacht, weil er an einem ein Vierteljahr arbeitete, und der Preis ein solcher war, daß er es in einer Woche hätte anfertigen müssen. Jedoch, als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen Ehefrau des Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, so daß Herr Tritt seine Kunstwerke weiterhin schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau mit Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war ein schöner Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr.
Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies die Stäubchen aus den Ecken, holte die frischen Kohlen einzeln aus dem Kasten, wählte sorgfältig harzfreies Tannenholz aus und schürte ein klares Feuer an. Erschrocken griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus, der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte den Handhammer für den Meister zurecht, die Feuerzangen, den Vorschlaghammer für sich, fummelte mit seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete.
Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des Lebens hinüber, lange; sein Mund stand offen. Da riß er sich zusammen, flog in die Werkstatt -- und stellte sich dem Meister: »Ich will fort von Ihnen! . . . Ich halt's nimmer aus.«
Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende Schlag ins Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen hinaus auf das Pflaster. Die andern Lehrjungen standen atemlos, und der Gehilfe bog sich vor Lachen, daß sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die Brille von der Nase fiel.
Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an einer der blitzenden Drehbänke eine kleine Eisenschraube für das elektrische Türschloß zu drehen, wobei der älteste Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße die Drehbank trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein ganzes Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als spiele er Piano.
Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen und starrte in die Augen des Lehrjungen, der, vom Blick des Meisters festgehalten, mit zitterndem Fuße weitertrat, bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in die Höhe.
Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich die Spannung vom schweißnassen Lehrjungen, als habe er vor einem Prüfungskollegium ein Klavierstück glücklich zu Ende gespielt, während der Meister, als habe er es komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um die Schloßfalle zu schmieden.
Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg und durch den unterirdischen Gang ins »Zimmer«. Hastig, als habe er keine Zeit zu verlieren, nahm er den alten Revolver unter der Glasvitrine zu sich, zündete knieend ein Heftchenbündel an: »Die bleiche Gräfin oder Der Mord im Walde« und damit die ganze Bibliothek.
Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten und hinauf zur Decke schlugen. Der Qualm trieb ihn ins Freie.
Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang.
Da hörte er ein aufrührerisches Krachen -- eine mächtige Rauch- und Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und zum Himmel hinauf.
Der unterirdische Gang war eingestürzt und das »Zimmer« verschüttet auf immer. Atemlos stand Oldshatterhand im Festungsgraben.
Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden.
In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde weit vom »Zimmer« entfernten Nonnenkloster »Himmelspforten« sei in der Zelle der Oberin hinter dem Schrank Rauch aufgestiegen.
Fünftes Kapitel
Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstraße hin.
Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die verhaßte Stadt noch einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach links wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen.
Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straßengraben, ging weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte unter dem Brustbein.
-- -- -- Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen -- und blieb erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt saß ein Mensch darauf.
War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden gekommen? In der Luft heran oder -- -- -- aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt?
Nie hatte er so einen Menschen gesehen.
Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank werdend, aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich kühl berührt fühlte, wie von einem Gespenst.
Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den braunen Haaren schon graue.
»Wollen wir ein Stück zusammen gehen?«
»Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?«
»Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen -- dann gehe ich wieder vorwärts . . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und Geld verdienen«, schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und Oldshatterhand schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen.
Wirr vor Verlegenheit, rief er: »Ich heiße Michael Vierkant!« Und sein zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße.
Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: »Tom machte sich auf in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie möglich das Lebenslicht auszublasen«, und gab es Oldshatterhand zurück.
»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen wie damals auf dem Heimwege von der Schule. »Das ist vielleicht alles dumm und nicht wahr, was da drin steht.«
Da sagte der Fremde nachdenklich: »Ja, Sehnsucht ist -- weil Qual ist . . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang -- und stieg hinunter.«
Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich und gerührt auf Oldshatterhand hinunter.
Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte. Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem Vertrauen zu ihm. »Ich will auch arbeiten«, sagte er ganz still. »Ich bin nicht so schwach, wie ich aussehe.«
»Nein . . . Sie sind nicht schwach«, sagte der Fremde, mit einem unbegreiflichen Lächeln.
Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die Sonne auf der Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten ein bewegtes Schattenmuster darauf.
Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben und flohen, die Ohren zurückgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade, endlose Straße hinaus.
»Was arbeiten denn Sie jetzt?« fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut, denn er hatte die Empfindung, mit seinem älteren Ich zu reden.
»Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß, bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere ungehindert zur Frucht reifen darf . . . Darüber denke ich nach, unaufhörlich. Das ist meine Arbeit. -- Jetzt muß ich wieder vorwärtsgehen -- -- --«
Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden zu, und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel.
Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen und ihn geküßt.
Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer kleiner und kleiner, und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens verschwunden war, als wäre er zu Luft geworden.
Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten von Kornfeldern ein großes Gehöft liegen, und einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich zukommen. Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter hängen.
»Hast du Zeit? Wohin willst du denn?«
»Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.«
»Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du mußt dafür in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren.«
»Ja!« sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann.
* * * * *
Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten -- klipp klapp klipp --, Hämmer klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen in »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro«, denn er hatte, ehe er von Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehört, und seitdem, wo er ging und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er in der Oper gewesen.
Er versuchte, »Nun danket alle Gott« unterzulegen, oder »Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«, aber beugte er sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so spielte der Fabriksaal wieder »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!« Den ganzen Tag »Auf, in den Kampf!«
Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch -- und in die Höhe jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in maßlosem, wildem Schmerz jäh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal.
Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. Schweißgeschwärzte Männer richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer, verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: die Vesperpause war gekommen.
Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grünen Schatten unter den Augen, der jetzt an der Werkbank saß, seine Butterbrote säuberlich in Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob, wobei er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen ohne anzustoßen auf einmal unterzubringen.
Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergnügt zu einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer, in vielen Falten gelegter weißer Bandwurm befand, und sagte: »Jetzt esse ich meine Bemmchen alleine.«
Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen hinunter.
Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende Pfiff den Arbeitern durch die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die noch kauenden Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu Hämmern und Feilen. Oldshatterhand klang wieder »Auf, in den Kampf!« ins Ohr.
Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und von einer anderen Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der langgezogene Flötenton eines Singvogels und endete abgebrochen schluchzend.
Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit Mienen der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag.
Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht -- _Etwas_ zu werden. Er wollte _Etwas_ werden. Nicht gerade Minister oder Bürgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er kaum werden, denn er brauche nur an seine Schuljahre zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu wissen, daß er dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen seiner Jugend ihm aus den Augen, dann war er oft stundenlang niedergedrückt, aber manches Mal fühlte er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein, was eine demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß.
Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem Geometer stehen geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine Arbeiter mit Stangen und Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand in einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage lang überlegt, ob er nicht Geometer werden könne. In einen Taumel der Begeisterung hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, und der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn seitdem nicht mehr verlassen. Nicht gerade Schauspieler oder Sänger; irgendein Künstler -- hier müsse für ihn die Möglichkeit sein, _Etwas_ zu werden.
Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demütigungen nicht gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus den sehnsüchtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser im Geiste -- als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Höhe stieg.
Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurück in den unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine Jugendträume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer grauen, türlosen Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er _Etwas_ geworden war.
Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen Gesicht unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben Augen schwarzviolett war. Das Hemd stand vorne offen und bot den grausig abgemagerten Körper dar, die schweißfeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling langsam am Bretterzaun der Glasfabrik hin, in der er beschäftigt war.
Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten Oldshatterhand.
Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder, Alte, Mädchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende Reihe, auf ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik entlassen.
»Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?« flüsterte er, ging fassungslos weiter, begann plötzlich zu rennen.
Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, von größter Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, weiß, mit flachen Dächern. Breit wie ein Traum war die Straße.
Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand sich um, weil er Reiter vermutete, aber immer hing an den ausgreifenden Pferden auch eine Equipage daran, die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die linealgerade, endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, breit und lang, durchschnitten seine Straße.
Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in eine zweite. Die war eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, Zeitungsfetzen und Lumpen lagen, und halbnackte, schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es roch nach Abort.
In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand.
Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner Hausfrau öffnete ihm und lief schnell ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte ein orientalisch-weiches, gelbes Gesicht und fast nichts an. »Kommen Sie doch näher, Herr Vierkant.«
Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag ein Haufen duftender Tabak, rechts -- ein Berg Zigarettenhülsen. »Siebenhundert Stück muß ich heute noch fertigkriegen«, sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere hantierend. »Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese und diese auch nicht.«
Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei in des Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn das Hemd war ihr heruntergeglitten. Ihr großer Mund blieb geöffnet.
Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter Maurer ohne Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat ein, sah auf seine halbnackte Braut, auf Oldshatterhand und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war ärgerlich.
Das Mädchen arbeitete emsig weiter. »Wie viel?«
»Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig«, sagte er mürrisch.
Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. »Davon kannst du dreißig zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so weitergeht, können wir Weihnachten heiraten.«
Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal wie ein Gang. Vier Betten, hintereinander, standen darin und sonst nichts. In einem schlief ein Viehtreiber -- sein fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke --, im andern der Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn des Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle bekam, wobei er sich nackt auszog und mit einem Küchenmesser auf seine Mutter losging. Er saß auf dem Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe Gurke mit Salz.
Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten Male, denn früh hatte er sich erst eingemietet.
Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche unaufhörlich an seinem Körper entlang, um ihn herum. Er wachte auf, fühlte vielfüßiges Gekrabbel, griff unter die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das ihm jedoch, über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte.
Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken punktiert: zerdrückte Wanzen.
Er rief die Wirtin und kündigte. »Im Bett sind Wanzen.«
»Ach nee.«
»Unheimlich viel.«
»Die beißen Ihnen doch nich.«
»Sie haben mich gebissen.«
»Aber die fressen Ihnen doch nich.«
»Fressen?«
»Tun se nich. Da ist der Kaffee.«
»Erst komm ich!« rief der Viehtreiber.
»Und dann ich!« der Bräutigam. »So war's ausgemacht.«
Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige Kaffeeschale benutzt hatten und er daran kam. »Also, ich ziehe aus, wegen der Wanzen.«
»Wanzen!« schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und Bräutigam erhoben sich drohend.
»Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr«, stotterte der ratlose Oldshatterhand.
Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde blutrot. Das Messer unter den Nabel an den haarigen Bauch gehalten, mit der Spitze nach vorne, berannte er seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf ihren Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte.
Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den nackten Idioten auf des Viehtreibers Bett, wo er hocken blieb und den Brocken Brot, den er im Bett fand, in den Mund steckte.
Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil er für die ganze Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark fünfzig Pfennige, und nichts zurückbekam. Da trat die Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den mageren Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. »Schreibe mir, wo du wohnst.«
Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das Mädchen huschte ins Wohnzimmer.
* * * * *
Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell erleuchtet und dicht besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen in hellen Sommerkleidern, von Handwerkern, eleganten Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und an die Wangen angepreßten Schnurrbärten waren von Leutnants kaum zu unterscheiden, wenn sie mit vornehmer Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den Arm ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen im Schleifwalzer dahinglitten.
Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende Schleiernymphen schwebten plastisch an der Decke, aus den Wänden heraus und aus allen Winkeln und Nischen hervor.
Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab.
Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe.
Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine sehr kleine, runde Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig geblieben war, stand wie ein Stock, nur den Kopf geneigt, und sagte: »Wenn ich bitten darf.«
Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges Gesicht war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr Korsett; darin lag weich der kolossale Busen, weit hinten saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel klebte, in Form eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das Haarzöpfchen.
Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier mit glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd mit seiner schönen Dame als Erster quer durch den Saal.
Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, tanzte Oldshatterhand mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, wenn das Geld reichte, bis in den frühen Morgen hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die Brust; er wuchs rapid, was eine günstige Veränderung seiner Sprechorgane zur Folge zu haben schien, denn er stotterte nicht mehr.
Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und stand steif. »Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu Ihnen setze? . . . Ich würde mich sehr freuen.«
Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen von der Stirne. »Bitte, wenn's Ihnen so gräßlich freuen tut.«
»Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein Fräulein?«
Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands Taschentuch vollkommen in der Riesenhand; sie wischte sich übers Gesicht, über den Mund weg, daß die Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die breite, feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde, und fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei.
Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes Röckchen an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren und dem er auch sonst stark entwachsen war. Seine braunen Haare über der hohen Stirne standen zu Berge. Die langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander verkrampft, fragte er: »Würden Sie mir erlauben, daß ich Sie nach Hause begleite, mein Fräulein?« Und tief erschrocken setzte er hinzu: »Sie dürfen nicht denken . . . ich wollte Sie nicht beleidigen.«
Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund und lugte darüber hinaus auf ihn. »Heute geht's nicht. Ich schlafe ja heute nacht im Zimmer meiner Gnädigen. Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute nicht. So ist es eben.«
Er starrte die Köchin an und lachte »Hi! hihiha!« plötzlich sein irrsinniges Lachen.
»Auf zur Damenwahl!« rief der Tanzordner. Und die Köchin verneigte sich vor Oldshatterhand.
Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand auf dem Wege zum Tanzsaal vor dem Museum stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen hielten vor dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein.
Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen staunend durch die kühlen Säle.
Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank setzen. Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er im »Zimmer« nach dem »Heiligen Tier« gemacht hatte, und verglich sie mit den Kunstwerken an den Wänden. Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken vom Gesicht abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger Miene sah er sich vorsichtig um.
Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum und konnte gerade noch zwanzig Minuten lang die Bilder ansehen.