Die Räuberbande

Chapter 8

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»We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen ka . . . kann, . . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann br . . . dann br . . . brauche ich ihm nur noch ein Messer ins Herz zs . . . zs . . . zu stoßen.«

»Pä! Ist das ritterlich?«

»Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und fürs A . . . Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich f . . . fünfundsiebzig Pf . . . Pfennig.«

Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso wie die Kriechende Schlange und die Rote Wolke, auch ums Läuten beworben, der fünfundsiebzig Pfennige wegen. Man hatte ihn aber nicht brauchen können, weil er zu klein war. »Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit läuten. Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu den Indianern willst, mußt du mi . . . mindestens eine halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen können, aber mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe mit Indianern vorbeifährt.«

»F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig mooonatlich krieg ich.«

Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, aus dem Dunkel, und seine Hand, die eben das Kreuz schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk, blieb erschrocken abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten auf dem Sockel sitzen sah.

Der Duckmäuser schnellte in die Höhe.

Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn fast um einen Kopf überragenden Sohn bei der Hand und führte ihn weg von Oldshatterhand, der sitzen blieb und den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie genommen hatte.

* * * * *

Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. Die ganze Stadt wußte, daß der Kaplan der Vater war.

Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung Würzburgs, und das Mädchen wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache verstummte das Gerede.

Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine Lungenentzündung war dazugekommen. Sie lag im Sterben.

Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou setzte sich und sah steif geradeaus.

Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im Ornat, der Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand auf.

Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich wichtig nach Winnetou um.

Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou nieder.

Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine.

Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel, wie vorher.

Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah das weiße Gesicht an, das von einer plissierten, gestärkten Krause umrahmt war, und beugte sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es schien ihm, als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, das schmal und sanft geworden war. Eine nie empfundene Weichheit ergriff ihn und die Sehnsucht, daß es immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die Brust -- die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, wieder streng auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick nicht von ihr, klagte ohne Worte unglücklich in sich hinein, weil er diese sicher nie mehr wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr verbringe, und ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn die Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer Güte langsam übers Haar gestrichen.

Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Körper zuckte, ein kaum erträgliches Glück entstand in ihm; da begann er zum Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er aufhöre, leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht mehr glücklich sein würde.

Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit seiner Mutter verursachten Druck aus sich herausweinte, fühlte er, wie die Sterbende ihm half, durch ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich schwächer wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der Bauch der Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte Winnetou ans Fußende des Bettes.

Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, ging hinaus und meldete der Köchin unter schluckendem Lachen und Weinen, daß die Mutter tot sei.

Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich lächelte, und rannte ins Sterbezimmer.

Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und ohne Ziel stadtwärts.

Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte mit Krückstöcken auf die Haltestelle der Trambahn zu, wandte sich um nach dem schnell sich nähernden Wagen, den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie immerzu:

»Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer zurecht.«

Winnetou sah die Alte an -- zur Elektrischen zurück, und stellte sich zwischen die Schienen.

Der Führer läutete.

Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den Führer zum Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich im Geleise, auf die Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich beeilend, weiter.

Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten Fahrgäste stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt kam der Wagen angerast. Winnetou wandte den Kopf, erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im letzten Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen rauchten, und Winnetou sprang seitwärts.

Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer aus dem Wagen, um nachzusehen, ob Winnetou verletzt war.

Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein.

Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, den Mund verzogen, als sei ihm schweres Unrecht geschehen, zurücksah.

Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses mit der Tabakspfeife am Fenster saß, stand mühsam auf und schüttelte wütend die Faust hinunter zu Winnetou, der in die Seitengasse einbog.

Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. »Geh mit, wir schießen«, sagte der Hauptmann, zog seinen Rockflügel zur Seite und zeigte Winnetou einen neuen Zimmerstutzen. »Wir gehn zu Falkenauge und schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.«

». . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin«, sagte Winnetou und ging auch gleich weg, in der Richtung zur Kirche.

Verdutzt blickten sie ihm nach.

Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug das Kreuz und setzte sich. Und als er die lateinischen Worte des Priesters und das ferne Klingeln der Ministranten im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten sich die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer der Mutter empfunden hatte, wieder ein.

Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein.

Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte Winnetou unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube sich mit seinen Räuberidealen nicht deckten.

Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer der Kirche lehnen, als er den Schreiber und den Hauptmann, die ihm nachspioniert hatten, langsam die Straße hinunter sich entfernen sah.

Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden Räubern nach, bis sie zu Punkten wurden und endlich nicht mehr zu sehen waren, und trat wieder in die Kirche ein.

Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges Mutter, und als niemand antwortete, stiegen sie hinauf in die dürftig möblierte Dachkammer Falkenauges, der noch im Geschäft war.

Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas voll klaren Wassers, worin ein Glasauge lag. An der Wand hing eine Tabakspfeife unter dem heiligen Joseph. In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge hatte es auf den Schloßberglinden gefangen.

Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, auf der ein Spatz saß.

Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. Der Spatz blieb sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte Gefieder.

Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, stieg er in die blaue Luft.

»Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung zu groß ist . . . Wie wär denn das sonst möglich«, sagte der bleiche Kapitän und sah sich nach einem näheren Ziel um. »Halt einmal die Karte«, sagte er und nahm das Herzaß von Falkenauges Kartenspiel.

»Und wenn du mir den Finger wegschießt?«

»Ich wer doch no das Kärtle treffe.«

Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte den Arm aus, hielt die Karte an der äußersten Spitze. »Ziel lieber ein bißchen mehr rechts . . . Es is mir lieber, du triffst nix, als daß du mei Hand triffst.«

Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte der Karte und durchlöcherte sie.

Der Schreiber atmete wieder. »Jetzt halt du die Karte.«

Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern umrahmte sie mit seiner Hand und stülpte die Lippen nach außen. »Schieß.«

Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte kurz und durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der bleiche Kapitän sie fallen. »Ich laß mir das Glas runterschieß, vom Kopf . . . Das wär mir auch noch was«, sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das Auge lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar sein Gesicht.

-- -- -- Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters Bett. Der Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor.

». . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern«, rief er in heller Begeisterung.

»Das kannst du ruhig riskier.«

». . . Haaargott . . . Getroffen!« Das Auge war durchs Fenster hinausgeflogen.

»Das is doch ganz klar.« Der bleiche Kapitän zuckte die Schultern.

Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel fort war, und das Blut ihm einen schmalen Reif ums Handgelenk gezogen hatte.

»Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . vielleicht. A schöns Armreifle.«

»Ein guter Schuß war's doch«, sagte der Schreiber und hielt, das Gesicht schmerzverzerrt, die Hand hoch. »Aber das Aug ist futsch.«

Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie schossen durch den Fußboden, zerschossen den gemalten Engel an der Decke, die Tapetenblumen, durchlöcherten den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte auf den Wasserkrug; das Wasser platschte auf den Boden und rann unter der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer sie trafen; das Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige kleine Brandlöcher. Das Eichhörnchen raste im engen Käfig herum, hockte manchmal mäuschenstill, die klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und raste weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber glühten. Sie zerrten die Bettstücke heraus und schmissen sie in die Wasserlache am Boden, lehnten die Matratze ans Fenster, rissen den Tisch um, das Bettgestell auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem Hause.

Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem »Spitäle«.

Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte er die Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber.

Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, lächelte geringschätzig und verlegen und ging weiter. Von dem Tage an verkehrte er nicht mehr mit den Räubern.

»Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.«

»Welches denn?« fragte der bleiche Kapitän.

»Das Eichhörnchen.«

Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und mehr federweißen Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von den zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen Bauernburschen belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prügelei, wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt fühlten, in der nächsten Nacht wieder im Dorfwirtshaus zu sitzen.

Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag und Nacht. Der König der Luft lag im Juliusspital, wegen seines gebrochenen Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein junges, schönes Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub, mit hektographierten Statuten, und hielten jeden Sonnabend großes Wettrauchen ab, in der Kneipe der Witwe Benommen. Der Schreiber legte Wert auf elegante Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war der einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den Schreiber das erstemal rasierte, mit Respekt und voller Hochachtung, denn des Schreibers Vater war ein Mann mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch der Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: »Herr Widerschein, blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich widerscheinen.« Vor vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt, als der noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz nicht vergessen.

Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schießgräben der Festung, schmolz es im »Zimmer« zusammen, um, ehe er fortginge, Bleikugeln daraus zu gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er im »Zimmer« und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing jetzt darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prärien und Urwälder, die er als Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren.

Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers im unterirdischen Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das »Heilige Tier« ab. Mit der Zeit bekam er überhaupt keinen Besuch mehr im »Zimmer«.

Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich aufgelöst.

Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande zum letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen.

Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die Häuschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die Bürger waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken läuteten. Weißgekleidete kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, Männer in langen Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern strömten in der Richtung zur Kirche, um sich dem Zug der Walleute anzureihen.

Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die erste Station. Die Bäckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube.

Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren solche Altäre hergerichtet.

Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem »Spitäle« beisammen, in ihren Sonntagsanzügen.

»Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich selber hab Winnetou mit einer Kerze in die Kirche gehen sehen«, sagte der bleiche Kapitän.

Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die blaue Luft -- ein Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten Stadt hinunter: der Zug der Walleute näherte sich, von der Burkarter Kirche kommend.

Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann Jakob Streberle, Schuster Widerschein, Benommen der Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in Gehröcken und mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden Seiten der Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern heraus; zusammen mit den Kindern, die dünn, mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten Weibern, deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der heftig und getragen blasenden Blechmusikkapelle.

Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz trug, an dem der silberne Christus hing. Hinter ihm kam der kleine, dicke Bischof im Ornat, vor dem Gesicht die Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz schlugen und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch auf die Erde gebreitet hatten.

Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes Bein zu kurz war, schwenkte sich auf seinem normalen Beine herum zu den Walleuten und rief langgezogen: »Lob und Dank sei ohne End!« Und während das Gemurmel der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder herum und hinkte weiter voran, sprang plötzlich mit einem Satz auf Oldshatterhand los, »Sakramentslausbub!« schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte wieder in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: »Dem allerheiligsten Sakrament.«

Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor dem Bischof unter dem Himmel. Der Himmel wurde an vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou und noch zwei Jünglingen getragen.

Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die Räuber waren verblüfft. Aber da war nichts zu machen.

»Da is er!« rief der bleiche Kapitän und deutete auf Winnetou, der den Kopf senkte, als er bei den Räubern vorüberging.

Der Schreiber schüttelte den Kopf: »Herrgott, wer hätt das vom Winnetou gedacht.«

Verstummt sahen die Räuber ihm nach.

Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, Blechmusik und Böllerschüssen stachen die Altweiberstimmen heraus und hinauf in den sonnigen Himmel: »O Maria hilf!«

Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein großes Haus mit vielen Fensterscheiben, denn der fromme Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener und eifriger Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen angestellt; sein Geschäft blühte.

Am Abend schimpfte der rote Fischer in den »Drei Kronen«: »Ke enzigs Pfund Fisch verkäff ich's ganze Jahr, wenn i nit mitwall!« Seine Halsadern schwollen.

>Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum Besohlen geben, wenn ich nicht ein frommer, gottgefälliger Schuster wäre<, dachte sich Herr Widerschein und reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren.

Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die Breite ihrer Häuser einhaltend, das zertretene Schilf weg, gossen Kringel mit der Gießkanne und kehrten sauber nach. Hier war gekehrt -- dort lag noch ein genaues Quadrat Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. So wollten es die Würzburger Stadtväter.

Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der Tasche, schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor dem »Spitäle« vorbei und bogen in die Felsengasse ein, welche von der vielfenstrigen Vorderfront des Hauses vom frommen Flickschneider abgeschlossen war.

Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an seine Leute, beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte leise und hob die Hand -- die Fensterscheiben klirrten.

Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen.

Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel im Hans Kasperl-Theater, aus dem Fenster.

Da unten war alles still.

Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die Räuber der Abschluß ihrer ersten Jugend.

In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des Mainviertels von ein und derselben Sache: Herrn Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein Unglück passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das neue Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal gemacht; die Fenster waren unbrauchbar; er mußte eine hohe Konventionalstrafe bezahlen und machte Bankerott.

Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, lachte nicht mehr; als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ sein Meisterstolz nicht zu, und eines Tages war er verschwunden.

* * * * *

Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand standen am Fluß beisammen. Falkenauge kam geschritten, energisch.

Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem braunen Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr.

»Wo warst du?«

»Auf der Jagd!« rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz und schritt weiter.

»Also, wenn ich dir sag, man kann's jeden Tag fünf-, sechsmal tun, so oft's überhaupt geht. Es schadet einem gar nichts; man bleibt genau so stark und gesund wie man war«, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän und schloß: »Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt auf der Welt. Das is ja ganz kolossal.«

Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, graue Wangen.

»Wie is denn das? . . . Wie tut man's denn?« fragte Oldshatterhand.

»Für dich is das nichts«, sagte der Schreiber und lächelte dem bleichen Kapitän zu. »Da bist du vielleicht noch zu klein dazu. Morgen kann ich dir's ja amal zeig.«

Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur Sandinsel, und saßen dann beisammen an einem kleinen See, der von überhängenden Weidenbüschen umsäumt war.

Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos und graziös am Seeufer hin und Raben flatterten immer wieder auf und flogen »aa aa« schreiend über das Weidenland.

Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung genommen und am tiefblauen Himmel traten die Sterne hervor.

»Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich fort?« fragte Oldshatterhand leise und wand sich einen Weidenzweig schmerzhaft ums Handgelenk.

»Auf, nach Amerika!« rief lachend der Schreiber. »Hohaho! Oldshatterhand!«

Der bleiche Kapitän grinste.

»Nun sagen wir nächste Woche«, sprach der Schreiber ernst.

»Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.«

»Also! Also ja!« rief Oldshatterhand freudig. »Oder gehen wir doch lieber jetzt gleich fort! Immerzu da nunter, den Sandweg, bis nach Frankfurt. Dann kommen wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind Schiffe.« Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk fester zu. »Meerschiffe -- -- --«

Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer Schirmfabrik. »Weißt du was . . . es gibt überhaupt keine Indianer mehr.«

»Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt's mehr.«

»He? Millionen gibt's! He! was wären denn sonst die, von denen in unsern Büchern steht? He?«

»No ja, ein paar gibt's ja noch«, gab der bleiche Kapitän zu. »Aber ich hab neulich in der Zeitung gelese, daß die andern alle schon ausgerottet sind.«

»Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist du für Amerika.«

»Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt's ganz allein an.«

»Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!«

Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. »Ihr geht also nit mit! Ihr Feigling . . . habt die ganze Jahr her nur geloge?«

»Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr Lehrzeit ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, fünfzehn Mark, und das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär ich da nicht ein Rindvieh, wenn ich jetzt fortlaufen tät?«

»No allemal«, sagte der Schreiber. »Ich krieg jetzt auch vierzig Mark im Monat. Dreißig muß ich meiner Mutter geb; aber zehn Mark darf ich behalt. Das is doch jetzt alles ganz anders«, schloß er nachdenklich.

»Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.« Der bleiche Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. »Acht Mark kost er. Hast scho amal sowas g'hört? . . . Acht Mark für'n Schirm!« Er lachte krachend und konnte sich lange nicht beruhigen. »Er is aber auch so dünn wie ein Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.«

Es war jetzt tiefe Nacht geworden.

Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu zu sagen, langsam fort. Und nach einer Weile rollten ihm die Tränen an den Wangen hinunter.

Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. Vorne saß der Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. Irgendwo in der Ferne sang ein Mädchen.

* * * * *

»Schloßfallenfeuer!!« rief Meister Tritt Oldshatterhand zu, der bis ins Herz hinein erbebte.

Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere daran hinauf in den Himmel -- hätte das Herr Tritt gerufen, Oldshatterhand wäre mit weniger Bangen an die Arbeit gegangen.

Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt geschmiedet worden ohne Angst und Beben des Lehrjungen, der dazu helfen mußte, und ohne die starren Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, heftige Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen waren das Arge, sondern der Zeitraum zwischen Blick und Schlag, von dem man nicht wußte, wann er kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der grüne Blick hielt fest.