Die Räuberbande

Chapter 7

Chapter 73,626 wordsPublic domain

An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen Pickeln im Gesicht, aus dem die starke Nase fast wagerecht vorschoß, und sah verlangend in den Tanzsaal hinein. Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog, wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr.

Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein vierzehnjähriges Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem weichen Busen, Sommersprossen auf der zarten Haut, ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus.

Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: »Geht mit naus . . . Wir machen was mit meiner Schwester.«

»Ich geh nit mit«, sagte Oldshatterhand sofort. Der bleiche Kapitän und die Rote Wolke sahen verständnislos drein.

»Also, ich geh mit«, sagte der Schreiber, zwängte sich zwischen Tisch und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden Schlange hinaus in den Garten.

»Was machen denn die mit seiner Schwester?« fragte der bleiche Kapitän Oldshatterhand.

»Die . . . die machen was.«

»Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!«

»Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.«

»Der freie Mensch steh Red und Antwort.«

»Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei«, schloß der bleiche Kapitän das Gespräch ab.

Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten klein unterm Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel reichte.

Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und senkte den Kopf.

»Erst ich«, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. »Paß du auf derweil, ob niemand kommt.«

Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, in dem Hacken, Schaufeln und anderes Handwerkszeug herumstand.

Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und Schuppen spähend auf und ab.

Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein zurückkam, flüsterte er: »Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh doch nei!« Er schob ihn vom Stamm weg. »Ich paß ja auf derweil . . . Oh, du hast Angst«, flüsterte er und deutete, den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, der langsam auf den Schuppen zuging und in ihm verschwand.

Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte horchend hinein. Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem Lachen.

Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln hinunter, als er aus dem Schuppen trat; sein Haar war verwühlt.

»Der kann ja nix«, sagte das Mädchen und lief davon.

Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende Schlange auf den Schreiber: »Oooooo!«

»Was willst denn!« rief der Schreiber erzürnt.

»Weil ich's g'sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal alle im >Zimmer< seid, bring ich mei Schwester mit.«

»Bring halt die andere auch mit.«

». . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.«

Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, gingen sie in die Wirtsstube zurück, wo der Schreiber sich wieder aufs Kanapee setzte.

Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte reichte, zog einen langen Dolch, den zu tragen verboten war, aus der Hintertasche und schnitt die Spitze einer großen Zigarre ab. »Leih mir zwölf Pfennig«, bat er den bleichen Kapitän. »Ich hab nix mehr und möcht noch a Glas Bier trink.«

»Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal schuldig. Ich hab selber nix.«

Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, vom säbelbeinigen Wachtmeister begleitet, gleich wieder zurück. »Dieser ist's.«

»Komm mal da her zu mir.«

Der bleich gewordene Oldshatterhand -- er hatte beim Eintritt des Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen Kanapeesitz und Lehne gesteckt -- ließ geringschätzig die Lippen hängen und fragte angstbleich und frech: »Was wollen Sie denn von mir?«

»Gehst raus! Malefizlausbub!«

Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen von außen. »Wo hast's denn?«

»Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.«

»Einen ganz langen Dolch hat er«, rief der Gymnasiast.

»Jetzt leerst glei dei Tasche aus.«

»Da, greifen Sie nur selber nei.«

Von Zuschauern umringt -- alle Tanzschüler waren ins Wirtszimmer gekommen -- zog der Wachtmeister, während der bleiche Kapitän, vom Schreiber gedeckt, den Dolch immer tiefer ins Kanapee stieß, unter größter Stille aus der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes Blechkästchen, in dem Angelwürmer sich ringelten, einen Himbeerapfel, eine Handvoll alte Briefmarken, ein Flötchen und eine Meerschaumspitze, mit einem Segelschiff darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte. Ein zartrosa Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen Loch der Meerschaumspitze heraus und um den Zeigefinger des Wachtmeisters herum, der die Spitze erschrocken von sich schleuderte, so daß sie zerbrach.

»Habt ihr's Messer g'sehe?«

»Ach, er hat ja kein Messer«, sagte die Wirtin begütigend.

»Und wenn er scho ens hat«, rief der Fischer. »Jau, so a Gaudi.«

Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: »I hab's g'sehe! Also muß a da sei.«

Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch noch in die Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. »Das hab ich zammg'spart, weil ich meiner Mutter eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!« rief Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit den bleichen Kapitän an.

»Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du selber hast!«

»Du glaubst's nit . . . Kannst ja selber mei Mutter frag, ob sie die Küchenlampe nit braucht.«

Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee gekrochen war, ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze wegen, schnell weg.

». . . Es ist wirklich so, wie ich g'sagt hab.«

»Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . Ich tät mich schäm.«

»Aber du mach dich dünn jetzt«, zischte Oldshatterhand wütend.

Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen schon gepackt und schlich zur Tür hinaus.

Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung.

Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst und lange Beine.

Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, dunklen Gestalt nach, über die alte Brücke, durch krumme Gassen, aber stets im selben Abstand. Der Gymnasiast schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte er wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die Treppe hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten Fenster des ersten Stockes schon die Zunge lang heraus, als sie unten vor dem Hause erst ankamen.

Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien dem Gymnasiasten direkt in den Mund geflogen zu sein; denn noch einen Augenblick war der Apfel auf dem Gesicht zu sehen und die in maßlosem Schrecken aufgerissenen Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. Dann war es still.

Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das Haustor schon versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der »Schönen Mainaussicht« noch Licht war, an der Mauer hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und sahen, als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt zurück und flüsterte voller Grauen: »Fort! Fort! Ich geh fort.«

Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee vor und deutete boshaft auf die beiden.

Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend in die Höhe. Die Kriechende Schlange stürzte in die Küche, die Räuber durch den Garten davon.

Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen Wirt tot aus dem Main. Das nasse Hundefell hielten die Hände des Toten fest umklammert.

* * * * *

Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, monotone Lesen der ganzen Klasse, aber über den siebzig regungslos sitzenden Schülern des Herrn Mager hing noch drückende Stille.

Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich einen Borsdorfer Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte sie sorgfältig aus und aß sie zusammen mit einer mürben Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn jeder Schulstunde tat.

Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und der Duckmäuser saßen in der ersten Bank; in der letzten Bank saßen der König der Luft, die Rote Wolke und der Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande waren unter den übrigen Schülern verstreut.

Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett.

Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der Seife aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und die noch nassen Haare standen spitz und steif in die Höhe, so daß die Köpfe einer in Reihen geordneten Igelschar glichen.

Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit.

Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine Knabenstimme, und es schien, als würden die Worte im Keller gesprochen.

Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die Klinge gegen das Licht, rieb noch eine Weile, und erhob sich plötzlich, strich wie in Gedanken mit der Hand im Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen Vollbart zur polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der ersten Bank an.

Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu reiben. Er rieb jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, mit dem Zeigefinger das erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens, sah auf die Uhr und schritt zur Schultafel. »Der berühmte Maler Albrecht Dürer hatte einen Widersacher, welcher behauptete, der größere Künstler zu sein«, sagte Herr Mager, legte die Hand in die Hüfte und sah, immer noch lächelnd, die Räuberbank an. »Die zwei Maler einigten sich dahin, daß jeder eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere sei, der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der eine zeichnete Tag und Nacht, ein halbes Jahr lang, und brachte seine auf das sorgfältigste ausgeführte Arbeit vor das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat, ohne eine Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, wo denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer seinen weiten Mantel zurück, zeichnete mit einem feingespitzten Bleistift in einem Zug einen großen Kreis auf einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, stimmte der Kreis wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von da an galt Albrecht Dürer als der größte Künstler«, schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen Kreis auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen Punkt hinein. »Wie ich noch so jung war wie ihr, da konnte ich das noch viel besser«, sagte er, weil der Kreis etwas bucklig ausgefallen war. »Das sollt ihr bis zur nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!«

Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte.

Da stand Falkenauge auf. »Herr Lehrer, ich muß einmal hinaus.«

Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel _warten_, das ließen seine Nerven nicht zu.

Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um einen Säugling zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte es erfaßt und es glücklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement -- die sicheren Prügel hinauszuschieben, war für Falkenauges Mut zu viel.

Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schüler, der aber nach einer Weile allein zurückkam und staunend sagte: »Herr Lehrer, er ist nicht mehr da.«

Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. »Michael Vierkant! Raus!«

Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel preßte ihm den Kopf nach unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock des Herrn Mager.

Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die eine bange Frage: wer kommt nach Oldshatterhand daran?

Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager atemlos: »So! Heute diese sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal geben darf.«

Die Augen der Mitschüler standen weit offen und glänzten. Das kleine Gesicht des Herrn Mager war jetzt schon weinrot.

Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber nicht allein bändigen. »Wer meldet sich?« rief Herr Mager.

Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, jedoch sitzen geblieben.

Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie in höchstem Entzücken brüllte er in allen Tonlagen: »Ah! Ah! Ah! Ah!« und schleuderte die Beine derart umher, daß Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den Handrücken traf. Voller Wut schrie er: »Michael Vierkant! Raus! Halte ihn!«

Oldshatterhand rührte sich nicht.

Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum Stuhl. »Halte ihn!«

Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: »Herr Lehrer . . . ich halte ihn nicht.« Und selbst seine Lippen waren weiß geworden.

Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und hieb ihm plötzlich mit dem Rohrstock quer über das Gesicht, immerzu. Nicht die Hand hob Oldshatterhand zur Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. Auf seinem Gesicht schwollen die blutunterlaufenen Striemen.

»Hans Lux! Raus!«

Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht vor. Die vier Helfer standen bereit. Der König der Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte ihn umständlich zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine Weile hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, und nahm die Prügel entgegen.

Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer waren herabgesunken.

Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, stellt ihm die gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die Nägel schmerzhaft in die Kopfhaut eindrücken, ruft: »Pä, Krähenfuß!« und streckte die Zunge lang heraus, wenn er zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine dunkle, gespreizte Hand sein Herz umkrallte. »Pä, Krähenfuß«, flüsterte er, schauerte zusammen und hatte einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut speie. »Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. Anzünden! Die ganze Stadt! Hoo! Fort, fort!« Und plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen. »Hi! hihiha!«

Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser ging ein paar Schritte seitwärts nebenher und sah staunend ununterbrochen auf Oldshatterhand.

Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand ging ein Stück hinter den anderen und sann darüber nach, weshalb seine Freunde ihm nicht geantwortet hatten. Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar vorbeigegangen war? Umschlungen -- dachte er. Hatte das Gefühl, als tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, und bekam Angst.

Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein Brückenheiliger, kein Licht zu sehen war. Plötzlich bekam Oldshatterhand einen knallenden Schlag ins Gesicht, daß er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine Stimme rufen: »Rechts gehen!« Er sah, nur einen Augenblick, eine Uniform und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort wieder nur noch Nebel.

Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem »Spitäle«, die Ellbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte in wehmütigem Neid trübe auf die ankommenden Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter sich hatten.

Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft zu gehen; einige Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, der unbenutzt unterm Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige Wachtmeister ihn fand und Herrn Mager zuführte.

Viertes Kapitel

Die Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; jetzt blühte der Holunder und der Flieder im Festungsgraben, und die Hügel rund um Würzburg herum waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig saftiggrüne Stellen sichtbar blieben.

Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit aus der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit einiger Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen, außer Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen Finger breit gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis zur Brust reichte.

Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur anderen, ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam.

Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: »Ja. Bald. Wart doch.«

Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht, parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den ganzen wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen.

Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: »Jetzt müssen wir fort, die Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch hier«, bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch einstweilen vorausgehen, wenn's ihm so pressiere, sie kämen schon nach. So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher war ein Zirkus in Würzburg gewesen.

Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der Räuberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben.

Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und giftgrünem Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf dem Trapez und mahlte mit den Zähnen.

Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und die Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen Schloßbergrasen.

Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend, sich hoch in der Luft überschlug -- und auf den Beinen stand.

»Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft«, sagte der bleiche Kapitän zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester anhatte. Aber ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: »Der kann direkt zum Zirkus gehen.« Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen Zöpfen.

Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche Kapitän einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen konnte. Als jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ, um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und stöhnend seine Fußfesseln hielt -- da schien die künftige Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der König der Luft hatte das Bein gebrochen.

In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum.

Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen.

Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten aus der Dämmerung. Der Rasen roch.

Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten, tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der Reitbahn stand ein dürres Soldatenpferd und wieherte.

Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: ohne vorher etwas davon zu sagen, sprang er mit einem fünf Meter langen Satz über den Graben und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen anklammernd, in der Bahn herum.

Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt.

Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein Indianer auf dem Gaul.

Da brüllten die Räuber wie besessen: »Halt! Halt! Ein Feldwebel!«

Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche dem scheuenden Pferde nach; der Hauptmann flog in großem Bogen herunter in den Sand, stürmte, vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die Felsengasse hinunter.

Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft war wieder gesichert. Keuchend rief er: »Wenn das mein Bruder in Amerika miterlebt hätte.«

Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde.

Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf und setzte sich auf den Sockel des Bildwerks: Christus hing am Kreuz in kaum noch erkennbaren Körperformen, so oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit Ölfarbe angestrichen und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf dem Bildwerk stand:

An diesem Ort is Alois Würz Mit sein Heuwage umg'stürzt. War glei tot, mitsamt die Roß. War ein frummer Mann, Drum is er auf der Stell In sein Heuwage in Himmel nei g'fahrn, Was mer vo seine Roß nit sag kann.

Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon fast dunkel. Eine Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand war bedrückt; er spannte alle Muskeln an und hielt den Atem zurück, bis die Luft »pfa!« aus seinem Munde fuhr. Es wurde ihm aber nicht leichter davon.

Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche hervor, die zum Trocknen aufgehängt war, blähte sich auf zu großen, weißen Menschenbäuchen. Oldshatterhand spähte angestrengt hin und fürchtete sich, blieb aber sitzen auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren Ton, der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges Stöhnen, wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen in ihm klänge.

Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des Duckmäusers, der zu Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, unhörbar auf ihn zukroch.

Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten später die nur zehn Schritt weite Entfernung hinter sich gebracht, und setzte sich unbemerkt auf den Sockel neben Oldshatterhand.

Es war jetzt ganz dunkel geworden.

Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den Atem an, um sich nicht zu verraten. Plötzlich sagte er: »Wa . . . weil . . .«

»Oh . . . O Gott!« schrie Oldshatterhand auf und fiel vom Sockel herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, als er den Duckmäuser erkannte, und drängte seine Verwunderung darüber zurück, daß dieser es gewagt hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete Duckmäuser, mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen hatten.

»Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . drum bin ich erschrocken«, stotterte Oldshatterhand geringschätzig.

»Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . Indianern will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt an den Fa . . . Fa . . . Feind«, beendete der Duckmäuser seinen Satz.

»-- -- -- -- Duuuu? zs . . . zu den Indianern?« Oldshatterhand war furchtbar verwundert und empört. Und als er sah, wie der Duckmäuser den Kopf vorstreckte, blutrot wurde und drückte, um reden zu können, dachte Oldshatterhand voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf nicht stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht auszusprechende Worte vor: »O also nein, da mußt du aushalten können, da . . . daß man dir vergiftete Hölzchen in den Ba . . . Bauch steckt, und die werden angezündet. O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . . fünfzig brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.«

»Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst du?«

»O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.«