Chapter 6
Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog die Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie ungeheuer die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen ins Haus gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter jammernd über seine Leiche fiel, und sagte plötzlich haßerfüllt: »So, da hast du's jetzt. Geschieht dir ganz recht. Ganz recht.« Schleichend näherte er sich der Glasvitrine und blickte auf den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden Glases verdreifacht unter der Vitrine lag.
Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm.
Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver geladen war, setzte die Mündung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck saß, und hatte, kurz bevor er abdrückte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er mitten durch die Mutter schießen würde. »Hopp!« schrie er gellend und drückte ab. Es knackte. Winnetou stürzte zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit. Der alte Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am ganzen Körper wich die Spannung; der Körper bäumte und wand sich; der Mund biß in den Boden.
Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen »Zimmer« und atmete keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und schlief augenblicklich ein.
Drittes Kapitel
Spätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den Schloßberglinden und Dachziegel von den Häusern, wovon einer dem Spenglermeister Herrn Hieronymus Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen lang seinen Arm nicht heben konnte.
Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. Wagen, mit dickbauchigen Fässern beladen, schwankten durch die Gassen, standen vor den Weinstuben; schwarze Schläuche liefen davon weg in die Keller, und die geschmückten Pferde stampften und pusteten die Streu aus den vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. Die ganze Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem berühmt gewordene Achtzehnhundertneunundneunziger war heimgebracht worden. Angetrunkene torkelten durch die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war schwärzlich angelaufen.
Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig versammelt, saßen auf der Anklagebank.
Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen des Raubzuges in die königlichen Weinberge Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.
Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann sträubte sich sein inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, und speichelspritzend lachte er: »Dene Früchtli ham mir's amal besorgt.«
Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des Staatsanwalts Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon überzeugt, daß es sehr erschwert, ja lebensgefährlich war, um den Diebabhalter herum in die königlichen Weinberge zu gelangen.
Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit hinter der Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm gegenüber der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein -- des Schreibers Chef --, alle in schwarzen Talaren. Neben Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht gedrängt, die Zuschauer; darunter die erregten Väter ihrer Söhne. Ganz im Vordergrunde, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, mit müden Augenlidern, den Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe Benommen und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und neben ihr, die Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß sich kleine Apfelbäckchen bildeten, saß kerzengerade Herr Lehrer Mager.
Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart und geröteter starker Nase, blickte schon eine Weile unverwandt mit seinen guten Augen streng von einem Räuber zum andern. »Oskar Benommen, du sollst ja der Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. Erzähle uns jetzt, wie war die Sache.«
Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. »Der da, der kleine Vierkant, Herr Richter, der ist der Verführer von meinem Sohn. So klein er ist, so frech und verdorben ist er . . . der Teufel.«
Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. Und während Oldshatterhand, bleich geworden, auf der Bank herumrutschte, brüllte der Richter: »Das Maul gehalten! Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf und rede.«
Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. Das war alles. Es war still.
»Den Kopf reißen wir dir nicht herunter«, lenkte der Richter ein.
Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen Finger an den senkrecht hängenden Armen und sagte, nicht im Baß, sondern mit seiner natürlichen, sehr hohen Stimme und sehr schnell: »Ja also, wir war'n halt droben in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen und da hat's zwölf Uhr geschlagen und da sind wir in den Weinberg und ham unsere Trauben gegessen . . . und ham uns auch ein paar mitgenommen, und später sind wir heimgegangen.«
»Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser Weinberg! Unser! Unser! Unser! . . . Nun, und wo sind denn die paar Trauben hingekommen? die ihr noch mitgenommen habt.«
»Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.«
Im Zuschauerraum war es ganz still.
»Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?«
Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen Bank heruntergleiten und ging ganz langsam bis knapp vor das Richterpult.
Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf ihn, den Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die Hand dargereicht, zum Richter in die Höhe, sagte fein und leise: »Zuletzt waren keine Trauben mehr da«, und schrak furchtbar zusammen, als der Richter brüllte: »Kleiner Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg geboren ist! Und ihr Gauner stehlt ihm seine Trauben! . . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem König seine Trauben.«
Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt getroffen. Die Lippen zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: »Ich wachse noch!«
Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. »Setze dich. Und merke dir das, wenn du den Prinzregenten kennen würdest, dann würdest du seinen Weinberg in Ruhe lassen.«
»Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal einen Blumenstrauß gegeben hab. Damals, wie die neue Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab ja sogar meinen Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.«
»Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben stehlen? . . . Jetzt hört mich einmal an. Wenn ihr nicht gesteht, wo ihr die Trauben versteckt habt, sperre ich euch ein, bis ihr alt und grau seid . . . Hans Lux! Wo sind die Trauben hingekommen.«
Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht vor; der König der Luft mahlte mit den Zähnen und schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine Fäuste fest an die Schenkel angepreßt blieben.
»Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem Weinberg zurückgestiegen, und . . .?«
»Und ham sie gegessen«, flüchtete der König der Luft eilig über die Traubenaffäre weg und fuhr fort: »Also, aber also und, dann wollte ich das hundertsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der Mord im Walde< vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber, Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.«
»Was ist das? Oldshatterhand?«
»No, Michl, also Michl Vierkant.«
»Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?«
»Also no! also natürlich, >Stehlen, morden, huren, balgen, heißt für uns nur die Zeit zerstreun, morgen hängen wir am Galgen< -- -- --«
»Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?«
»Ja. Von Friedrich von Schiller.«
»Nun, und dann?«
»Hn?«
»Was habt ihr dann gemacht?«
»Dann haben wir registriert.«
»Wie?«
»Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham wir registriert.«
»Was habt ihr registriert?«
». . . Also halt so. Also und alles.«
»Zum Teufel, also was denn!«
»Also halt einen Stallhasen.«
»Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?«
». . . Gekauft! lebendig.«
»Und was war weiter?«
»Hell war's!«
»Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?«
»Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich gange.«
»Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?«
Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. Der König der Luft hatte gelächelt. »Nein, also und, sie hat mich ja nit g'hört. Also weil sie taub is.«
»Was?«
»Taub.«
»Georg Bang!«
Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der Roten Wolke zu: »Also das glaubt er nit, daß sie taub is.« Der Roten Wolke Mund stand empört offen.
»Georg Bang!«
Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der Schule her gewöhnt war. Sein neues Glasauge glänzte in reinstem Weiß und Kobaltblau, während sein natürliches graubraun war.
»Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.«
Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen für Herrn Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt frei zum Richterpult.
»Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben in der Volksschule. Vielleicht können Sie uns eine Handhabe geben, wie etwas aus ihnen herauszubringen ist.«
Herr Mager stand wie ein Spazierstock. »Vorerst muß ich bemerken, Herr Amtsrichter, daß ich diese Buben auch jetzt noch abends in der Fortbildungsschule habe, und sie auch als Rekruten wiederbekomme. Und dann: es war mir nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie empfindlich zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! Drittens habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule prophezeit, daß er einmal im Zuchthaus enden werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten immer zusammen. Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen Zwölfen niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: Wer meldet sich?«
»Wie meinen Sie das, Herr Mager?«
»Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische Züchtigung verdient hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es melden sich dann immer welche freiwillig, die ihren Mitschüler während der Züchtigung auf dem Stuhle festhalten.«
»Nun . . . ich danke, Herr Mager«, sagte der Richter und erholte sich langsam von seinem Staunen.
Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen anderen, brüllte und war jovial. Es half ihm alles nichts. Die Räuber hatten dem bleichen Kapitän vor der Verhandlung einen langen Eid schwören müssen, das »Zimmer« nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer Knabe, kein Mensch in Würzburg wußte.
Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in »Der tote Mann im Keller oder Verfolgt über alle Länder und Meere« von verborgenen Falltüren gelesen, daraufhin die Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken, als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche Kapitän hatten so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis ihnen der Verschlußstein des unterirdischen Ganges zu Füßen gefallen war.
»Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir und denke an deine Mutter. Sie ist eine ehrenwerte Frau.«
Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher kalt auf Winnetou, ihren Sohn.
»Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?«
»Ich nehme keine Trauben mehr«, sagte Winnetou. Und es klang wie ein Schwur.
Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: »Ich denke, wir können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort geben . . . Theobald Kletterer!« Er sah noch einmal in seine Aktenmappe und fragte mild und freundlich:
»Du bist eine Doppelwaise?«
»Ja!«
»Du wirst mich doch nicht belügen.«
»Nein!«
»Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?«
Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch, worin die Zahnstummeln standen, dunkelbraun wie Schokoladepyramidchen. Er stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich auf und hob die Hand. »Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete die alte Stadt.«
»Wo sind die Trauben hingekommen?«
»Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere blieb übrig.«
Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte eine abschließende Handbewegung zum Staatsanwalt hin. »Setzt euch. Auch du, Hans Widerschein.«
»Jawohl, Herr Amtsrichter«, sagte der enttäuschte Schreiber, der stehen geblieben war, weil er auch gerne etwas gesprochen hätte. Zögernd ging er zurück auf seinen Platz.
Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell einleitenden Worten, die Räuber freizusprechen und sie der Schule zur Bestrafung zu überweisen.
Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt angefangen hatte zu sprechen, ihren faltigen Totenkopf aufgestellt, als er fertig war, ihn wieder sanft schulterwärts geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen Kapitän, wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre.
Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, ein kleiner Mann. Bei dem Anfangswort jeden Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor sich auf den Boden stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne jemals den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an zu reden, eine lange Rede: »Hoher Gerichtshof! Gehen Sie mit mir die ganze Strafsache durch. Von Anfang bis zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es nimmermehr geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß Sie zu einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.«
Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, welcher fortfuhr: »Sehen Sie die Angeklagten an. Jung sind sie. Sehr jung. Knaben sind sie. Kinder sind sie. Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden Angeklagten für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.«
Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer umher, sah zur Decke, schnupfte wütend und klopfte mit dem senkrecht gestellten Bleistift den Radetzkymarsch auf das Pult.
»Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans Lux an.«
Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht hielt, den langen Hals wagrecht, mit den Zähnen mahlte und mit dunkelglühenden Augen auf seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich überschlagender Stimme: »Bände! spricht das schon allein. Bände! . . . Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir nun eine Parallele zwischen dem Hans Lux und dem Oskar Benommen, und erwägen, daß des ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren Mutter ist . . .«
Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten für sich, wog sie gegeneinander ab, sprach über Hunger, Not und Elend, berührte, wie er eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte nach einer Stunde bei der Hauptstütze seiner Verteidigung an, der Schundliteratur.
Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen unter den Zuschauern befürchteten, die Richter würden ihren Zorn über den seiner verantwortungsvollen Mission bewußten Verteidiger an den Jungen auslassen und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war Herr Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des Justizirrtums an sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden Mahnung zu väterlicher Güte und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte, durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus dem weiteren Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, konnten die Richter ins Beratungszimmer gehen, nach fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten, während Herr Karfunkelstein strahlend die Hände seiner Klienten schüttelte, die mit Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun aber in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage war Schulstunde.
* * * * *
Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prügel bekommen und saß gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft »Zur schönen Mainaussicht« auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas verächtlich lächelnd auf ihn zurücksah.
»Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee«, sagte sie zu ihrem Bruder, der Kriechenden Schlange.
»Der soll sich's selber hol«, erwiderte die Kriechende Schlange und lachte zu Oldshatterhand hinüber.
Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verständigen, plötzlich nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die den Garten der »Schönen Mainaussicht« umschloß, traten in die Wirtsstube und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee.
Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. »Auf zur Quadrille!« rief eine nasale Männerstimme, und zu gleicher Zeit verschwand die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetüre in der Wand. Man sah durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem gelben Papagei glich. Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren die zehn Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, ein blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging und eine Stearinkerze zerschnitt, zur Glättung des Bodens.
Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer, schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika wurde auseinandergezogen und unter rhythmischem Händeklatschen des Herrn Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von drei im großen Saale glücklich verteilten Gasflammen spärlich beleuchtet. Junge Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen aneinander.
Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden Zwerg, breiter als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die sehr der Witwe Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, wobei sie jedesmal schrill rief: »Ja, des muß i hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur e Gläsle«, um dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas angetrunken. »Tanz doch e bißle«, sagte sie lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit offenem Munde mühsam atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem man das Blut nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß wie Mehl, mit blauen Lippen.
Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er.
»Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion«, spielte der Zwerg in schnellem Mazurkatakt.
Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des Tanzlehrers zu und lächelte. »Spiel e bißle langsamer«, sagte sie bittend zum Zwerg, der sich verbindlich verneigte, »wir wolle a tanz«, und zog lachend den Kranken vom Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer, angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen Fischer, der mit seinem Mädchen mazurkastampfend im Saal herumraste und dem Zwerg fortwährend zuschrie: »Spiel schneller! Spiel schneller!«
Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte Wirtin mit zarter, heftpflasterrosa Haut und vom Korsett in die Höhe gehaltenem überquellendem Busen, fragte freundlich lächelnd die vier Räuber: »Tanzen Sie nicht, meine Herren?« und warf, ohne Antwort abzuwarten, einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der einen fettigen Fes auf dem Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte und es so lange weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in die Tasse lief.
»Schämst dich nit, alte Sau!« rief die Wirtin ihrem Manne zu, und der Kriechenden Schlange: »Nehm ihm die Tasse weg und trag sie in die Küch.«
Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert an, blieb am Schanktisch lehnen und sagte höhnisch: »Was geht's mich an. Laß 'n rumpantsch.«
»Tanzen Sie doch auch, meine Herren«, animierte die Wirtin. Ihr Mund wurde klein vor Freundlichkeit.
Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach außen. »Wir wern da im Kreis rumhüpfe.«
Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus.
»Gehst weg! Bankert!« schrie die Mutter ihm zu.
»Da bleib ich«, sagte die Kriechende Schlange ruhig und lümmelte sich auf den Schanktisch.
Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, kam hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und die Hände um das eirunde Gesicht gelegt. »Schau, er kommt ja wieder. Der Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn Tage verschwunden. Sie hat's in die Zeitung setz laß, und da hat ihn ein Bauer aus Versbach zurückgebracht. An einem Kälberstrick. Nur sei Hals war e bißle vom Strick geränft.«
»I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht die Krätze hat, oder sowas. Und schau . . . den neue Kamm.« Der Wirt zog einen großen Hundekamm aus seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau hinsah.
»Steck 'n ein. Sie braucht 'n ja nit zu sehn.«
»Zsssssss«, ertönte es von draußen. Johann Jakob Streberle trat ein und der zarte Sachse, der ein junges Mädchen, das sich verschämt am Türpfosten wand, hereinzog. Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue Seidenschleife im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte sein Vermögen verloren, sich auf dem Schloßberg an eine alte Linde gehängt und sein Kind als mittellose Waise zurückgelassen, worauf der Inhaber der hygienischen Anstältchen sich ihrer angenommen hatte.
Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, dessen lachender Mund sich schloß, als er die vier still und eng beieinander auf dem Kanapee sitzen sah.
»Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die Rahmen, die ganze Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is mir zug'schlage worn, weil i's Fenster um zwä Mark billiger mach als alle andern«, rief er, steckte die Hände in die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. »Das muß mer halt versteh.«
Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien unter der Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes gehüllt, dessen präparierten Kopf mit grünen Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt gestülpt hatte.
Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen in den Mund steckte, sah hämisch lächelnd auf ihren kleinen Mann, der interessiert zum Fischer trat, das Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an der Zeichnung erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten lassen, um zu der gewünschten Bettvorlage zu kommen. Der Fischer lachte breit.
»Hast mein Hund umgebracht?« stotterte der Wirt, »mein Sultan.«
Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein offen eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der rasch alt gewordene Wirt wußte es, konnte aber nichts dagegen ausrichten.
Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich und rannte aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft nach, wandte sich um und rief erstaunt: »Was denn?« Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer auf den Schanktisch.
Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die erhitzten Paare umherwandelten und sich mit Taschentüchern Wind machten. Er trat ein paar Schritte auf die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im Saal herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der Boden glänzte schon.
Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem Sachsen und nippte von einem grünen Likör, worauf jedesmal ihre Zungenspitze erschien und die Lippen entlang leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der seinen aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei lächelnd auf das Mädchen hinunterblickte.