Chapter 5
Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem Heiligen und starrte zum Fluß hinunter; im fließenden Wasser sah er die gute Stube, die Mutter, wie sie ihn vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu stürzen. Er preßte die Fäuste an die Schläfen, sein Oberkörper beugte sich übers Geländer, die Füße verloren den Boden. Schon schwebend, drückte er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück und schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging er den Räubern nach.
Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst zum Stadttheater gehen und die Rote Wolke abholen müsse, der als Statist mitwirkte in »Wilhelm Tell«, und schloß ärgerlich: »Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.«
Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten auf die erregt Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus dem Hauptausgang strömten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar, das in die einzige Droschke stieg.
Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb zurückweichend stehen. »Und frei erklär ich alle meine Knechte!« rief er und breitete die Arme aus. ». . . Vorhang.« Sein Mund blieb offen, rund und schwarz.
»Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat.« Alle redeten auf ihn ein.
»Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie's treiben!«
»Was ist ohne Beispiel?«
»Wie sie's treiben!«
»Jetzt halt doch's Maul!«
»Theater! Theater! . . . Diese Pracht!«
»Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten kann.«
»Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . . Aufruhr! Mut! Freiheit!«
»Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir müssen nur zusammenhalten.«
»Wir halten zusammen!« rief die Rote Wolke begeistert.
Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen bereit, als sie in dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem »Eckertsgärtle«, anlangten, was gleich dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän für alle zusammen eine »Liesl« Bier bestellte, einen hohen Krug, der zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe _einer_ Hand zu trinken die Ehre verlangte.
Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert und lächelte manchmal schadenfroh, während er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem er sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst kein Spiel zustande käme.
Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die bei Beginn des Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, griffen sie gleichgültig immer nach der schwersten und größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor jedem Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden Schlange zuflüsterte: »Ich muß einen Preis holen. Einen muß ich holen. Vielleicht den ersten!« Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige eingesetzt.
»Der andere kommt!« rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu.
»Das brauche Sie doch bloß zu sagen.«
»Ich hab's ja g'sagt.«
Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder, rief: »Weg da! Weg da! Weg da!« auch wenn ihm niemand im Wege stand, mahlte mit den Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum, schleuderte sie hinaus -- und schoß in die Höhe auf die Zehenspitzen. Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal: »Die Dreckbahn fällt nach links ab«, wenn er nichts getroffen hatte.
Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit _einer_ Hand aus dem Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Baß und jagte die Kugel hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln, zielte genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch.
Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte, waren von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen führenden Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös geworden. Sie schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein Sandkörnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in höchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah.
Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten Preise heran; die Begeisterung wuchs, und die geröteten Gesichter zuckten in dem von Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch erfüllten Raum umher. Die Angelegenheit mit Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb vergessen. Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf den Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, um zu sagen, daß er den Hobel auszuliefern gedenke.
Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den Soldaten und vom Schmied Gottlieb für ungültig, dagegen von den Räubern unter empörten Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde.
Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem Schmied erregt zu: »Sie lügen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau. Sie Lügenbeutel!«
Und während Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit einer nur faustgroßen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann, vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken und ein ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand -- die Räuberbande stürzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Räuber. Der Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im Menschenknäuel.
Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie -- Scherben. Der Schreiber wankte. Falkenauge griff sich ins Gesicht -- und griff ins Loch; durch einen Faustschlag, zum Glück nicht auf sein natürliches Auge, war sein gläsernes Auge herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn hinaus.
Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die Bande flüchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume des Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tür huschen, hinaus zu seinen wartenden Kameraden.
Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos auf dem Stuhle sitzen geblieben. Und als er die verblüfften Blicke der Zurückgebliebenen auf sich gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging hinaus zu den Räubern.
Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann trat aus dem Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die Räuber wieder vor der Gartentür einfanden.
Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben Mark gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen Kapitäns auf dem Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das Plüschhütchen verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber sich erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen.
»Bring auch mein Auge mit«, bat Falkenauge.
Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, ging der Schreiber langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn -- und wurde schrecklich zugerichtet. Nur auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er danach gegriffen, ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel entgegengenommen, und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen, traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf zur neuen Brücke, während die andern noch in den Garten hineinschimpften und ihre gewonnenen Preise verlangten.
Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Räuber verschwanden.
Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rücken gegen das Geländer gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief aus dem Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das zerknüllte Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag neben ihm; des Schreibers Hand ruhte darauf.
»Und unser Preis ham wir auch nit«, sagte der bleiche Kapitän.
Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. »Nur fünfzig Pfennig übern Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater laufe. Ich kann's ihm ja zurückgeb, wenn er's will.«
»Hättst dei Maul nit so gewetzt«, rief der König der Luft Oldshatterhand zu, »dann hätten wir jetzt unser Preis.«
»Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!«
»Darauf kommt's ganz allein an«, sagte der Schreiber mit dunkler Stimme, stand mühsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main. »Der Schub war gültig.«
»Und das ist die Hauptsache!« rief der bleiche Kapitän. »Das wär noch schöner, wenn wir uns von diesen Kommißbrotfressern was g'fall ließeten. Wenn doch der Schub gültig war.«
Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll: »Der Trainsoldat war's.«
Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, seinen Leuten das Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, indem er den Wachtposten kalt und gemessen fragte: »Heute hat doch Leutnant von Platen Kasernendienst?« und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den Kasernenhof eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben hatte, erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, mit dem Glockenschlage zwei, die Kneipe der Witwe Benommen.
»Horch, wer zieht so still und leise Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf. Ach, es sind die armen Briten, Die so manchen Stoß erlitten. Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf. Plötzlich bleibt die Truppe stehen, Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da. Seht sie kämpfen, seht sie streiten, Durch des Feindes Mitte reiten Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!«
klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, aus der Kneipe.
»Leih mir zwölf Pfennig«, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän.
»Ich hab ja selber nimmer genug.« Er lieh ihm aber sogar vierzehn Pfennige und sagte: »Die zwei gibst Trinkgeld.«
In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn fünf Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die Gäste saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des Präsidenten Tom Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit Fähnchen in den Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die Begeisterung der Mainviertler für die Buren wach und machte während des ganzen Krieges ein gutes Geschäft.
Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke.
In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude über das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah. Falkenauge saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der Wand spielte, viele Töne auslassend:
Sah' ein Knab ein Röslein stehn -- -- --
Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann, mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und Goldblättchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, während die Witwe Benommen, klein und zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben Gesicht, die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte sie das Regiment nicht aus den Händen gegeben. Der Sohn hatte die altbewährte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er sie in eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte.
Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger zur Türe wies: »In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin poussiert! Merk dir das!«
Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit übertrieben gleichgültiger Miene.
Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: »Gehen Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören.«
Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld entgegen, wobei ein unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht verschönte.
Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten drei niedere Häuschen aneinander, über deren Haustüren metergroße, schwarze Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine, altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. Trat man aber ein -- da war alles rosa. Und starkes Parfüm und Frauenlachen schlug einem entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz plötzlich waren die ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich empört gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvätern einen anderen Namen für ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen ebenso plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die Häuschen leer, denn es fand sich kein Mensch, der sie hätte bewohnen mögen. Nach jedem Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis zuletzt alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie jemand haben.
Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen saß bei den für die Buren begeisterten Sandschöpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe Benommen.
Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum von der Oberlippe wie ein schnurrbärtiger Alter. »Gott, daran kann ja gar kein Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.«
»Wo das Recht ist, ist der Sieg«, sagte die Rote Wolke und hob die Hand.
Der Schreiber sagte ernst: »Ex!« trank sein Glas leer und reichte es gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln über das sachliche Gebaren der Räuber nicht unterdrücken konnte.
Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu äußern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»In meiner Wirtschaft gibt's das einfach nit«, sagte unwirsch der Wirt und schnitt ein Stück Schwartenmagen ab.
»Ja, in _deiner_ Wirtschaft«, sagte die Witwe Benommen hämisch. »Was willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed'n rumschmier läßt.«
»Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst.«
Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht.
»Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich kann mich ja nit rühr in der Schenk.«
Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in ihrer Wirtschaft beobachtete.
Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. »Das ist er!« Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die Hand reichte. »Der war's«, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein blutiges Vorhemd.
Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker, überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: »Stellen Sie mal ein kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja.« Er hielt sich zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten, entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen Hemdkragen trug.
Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten, weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den Tisch und rief: »Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa! Ja.« Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug zur Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden, schmalen Bart entlang.
Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf sie ausüben.
Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch sonst sich liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der andere verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen wünschten.
»Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!« rief der Schreiber plötzlich der Kellnerin zu.
»Kannst sie denn bezahl?« fragte erstaunt der bleiche Kapitän.
»Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho angerissen.«
»Mein Lieber, was machst denn da jetzt?«
»Ich geh halt heim . . . und halt's aus. Da kann man jetzt nix mehr mach . . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet.«
Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn.
Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er die Hand der schönen Kellnerin streichelte, stülpte der bleiche Kapitän drohend die Lippen nach außen, während sein Bruder, mit einem stummen Wutblick auf das Mädchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmiß, und die Witwe Benommen hämisch das Gesicht verzog.
Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal und begann, aus Altersschwäche manche Worte unterschlagend, zu spielen:
Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb. Sie flohen heimlich von Hause fort, Es wußt's weder Vater noch Mutter.
Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als säßen sie in einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und blickte in unbegreiflicher Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem Rasseln fortfuhr:
Sie sind gewandert hin und her, Sie haben gehabt weder Glück noch Stern, Sie sind verdorben, gestorben.
»In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst du's nit? Und trink e Gläsle Wein dazu. Das tut dir doch gut«, sagte der Wirt zu seiner Mutter.
Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: »Das war von Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter hat's auch immer gesungen, als ich noch 'n kleener Junge war.«
»Der kann leicht sei Maul vollnehm«, sagte der Schreiber und beugte sich zu den Räubern. »Wenn man eine Million verdient im Jahr.«
»So viel wird's aber vielleicht nit sein. Überhaupt, wie ist denn das eigentlich, dahinten in der Fischergaß?«
»So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die Fischergaß.«
Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. Manchmal wischte er sich mit dem Handrücken übers Gesicht, das ganz von Ruß und Tränen verschmiert war.
Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter Stirne und böse blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hände: »Daa bist du? Dei Frau heult sich daheim die Augen aus.«
Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend immerzu: »Mei eigener Bruder! Mei eigener Bruder!«
»Es is nit wahr«, sagte der Eingetretene. »Also, wenn i dir sag. I bin doch dei Bruder.«
»Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat's mir ja selber ei'g'stande. Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr!« brüllte der Kohlenführer plötzlich laut.
Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken auf seinen Bruder: »Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch nit mit mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin. Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir . . . Mit der eigene Schwägerin.«
Der Kohlenführer hob den Kopf. »Du sagst, es is nit wahr?«
»Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir trinke a Maß Bier mitnander«, schloß beruhigend der Sandschöpfer. »Lone! a Maß Bier für mich und mein Bruder.«
Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brüder sangen kräftig mit:
»Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen, Denn sie fechten toll und kühn -- -- --«
Die Alte war schlafen gegangen.
»Setze Sie sich und esse Sie was«, sagte der Wirt zu seiner Kellnerin und lächelte.
Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging fort.
»Jetzt!« rief der bleiche Kapitän.
Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und stürmten zur Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde und bleich, als Letzter.
Vor dem »Spitäle« stand der Soldat, summte: »Als die Römer frech geworden«, und stieß dazu mit seinem langen Säbel den Takt aufs Pflaster.
Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brücke standen dunkel gegen den Himmel.
Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, ging allein auf den Soldaten zu und sagte: »Sie sind doch der . . . von der Kegelbahn! He? . . . Zu fünft über einen einzelnen herfallen, das könnt ihr . . . He?«
Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels.
»Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten.« Und plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns nach dem Griff; er riß den Säbel aus der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit hocherhobenem Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß die Bande, ehe der Soldat das Geschehene begriffen hatte, schon weg war.
Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne.
Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den unterirdischen Gang ins »Zimmer« und brachten den Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er seitdem verblieben ist.
»Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika sein können«, sagte der bleiche Kapitän.
Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei der letzten Linde stehen, wo ihre Wege sich trennten.
Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend und grünbleich Oldshatterhand. »Was hat das alles, was wir heut gemacht ham, eigentlich für einen Wert«, sagte er, und rief, plötzlich zornig, weil er den Widerstand der Räuber fühlte: »Für uns hat das gar keinen Wert! sag ich . . . Für uns nit!«
»No und der Säbel?«
»Ich geh jetzt heim«, sagte der Schreiber. »Es is einfacher, wenn ich gleich heim geh.«
Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand in der Schloßgasse.
Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den Schloßberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den sammetschwarzen unterirdischen Gang ins »Zimmer« und zündete eine Kerze an.