Chapter 4
»Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein paar übrig sind, bis wir nüberkommen?« fragte der König der Luft auf der Treppe.
Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur Achselhöhle. »Das ist fraglich . . . Mein Lieber, wenn Oldshatterhand einmal blutige Rache geschworen hat, dann wird sicher höchstens einer von den Sioux übrigbleiben . . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer war.«
». . . Verlangst du mehr für die Stiefel?«
»Sei doch still.«
Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich's bequem gemacht. Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, die meterlange Pfeife lehnte in der Kanapee-Ecke. Der blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die Höhe zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt über dem Kanapee hing.
»Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, drei Mark neunzig kosten die Stiefel.«
Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben und schnalzte nervös mit den Daumen.
»Schon fertig?« Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, stieg in die lange Röhre hinein und zog und zerrte an den Stulpen. Sein Gesicht lief blaurot an. Dabei preßte er hervor: »Drei . . . Mark . . . neunzig?«
»Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.« Der König der Luft blickte starr vor sich hin.
Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, am andern den Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und blickte prüfend zur Decke, schlenkerte das bestiefelte Bein, beugte sich hinab, drückte mit dem Daumen auf das Oberleder. »Die sind wieder fest beisammen . . . Richt einen schönen Gruß aus an deinen Vater«, sagte er und zog den Geldbeutel.
»Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag«, sagte der Schreiber auf der Treppe. »Die fünfzig Pfennig mehr schaden dem nix . . . Er is ja Junggesell. Der hat sogar Geld auf der Sparkasse.«
»Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr verlangt.«
»Was glaubst denn, da wär er drauf komme.«
»Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, die Füß vom Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet man mehr Leder.«
»Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen . . . Im ganzen hab ich eine Mark siebzig dran verdient.«
»Hn!«
»Eine Mark siebzig.«
»Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.«
»Geb halt das Geld erst später dein Vater«, drängte der bleiche Kapitän vor dem Hause. ». . . Du mußt von vorne anfangen, dann siehst du selber, daß eine Rettung absolut nit möglich war«, sagte er zu Winnetou, der stehend las. »Also, jetzt gehen wir zum >Lochfischer< . . . Komm aber, wennst's ausgelesen hast!« rief er Winnetou nach, der »Ja, ja, sicher!« rief und weiterlesend langsam in der Richtung seiner Wohnung ging.
Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen Hemd und Brust und wollte in sein Zimmer schleichen.
Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief streng: »Da komm mal her!« Sie war eine hagere Frau mit dunklen Augen. Ein silberner Christus baumelte an ihrer Brust.
Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den hervorstehenden Backenknochen, saß, wie immer in seiner freien Zeit, auf dem Kanapee neben der blassen, schönen Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör standen auf dem Tisch.
»Wo hast du das Buch!« rief die Mutter. Winnetou blickte verwirrt auf die Heiligenbilder, die an allen Wänden hingen.
»Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man eintritt!«
Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, tauchte die Finger ein und schlug das Kreuz.
»Nun?«
Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. »Gelobt sei Jesus Christus.«
»In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein Buch?« fragte der Kaplan und nippte vom Likör.
». . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . Hochwürden verzeihen.« Sie tastete Winnetou ab und zog das Buch hervor.
Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: »Oldshatterhands Eisenfaust hatte die Rothaut getroffen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank der rote Mann tot zu Boden.«
Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin.
»Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände geben, Frau Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete Schultinte.«
Frau Steinbrecher wurde blutrot. »Von wem hast du das Buch!«
»Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.«
Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehäkelte Decke, welche über die polierte Kommode gebreitet war. »Morgen gehe ich mit dem Buch zu Frau Benommen . . . Vorwärts!«
Winnetou sah seine Mutter entsetzt an.
»Wird's bald!«
Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den Blick; das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand vorstreckte.
»Jetzt komm!« rief die Mutter nach der Züchtigung und führte ihn am Arm hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz geworden. Plötzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos das Zimmer. Die Tür verschloß sie.
Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous Schwester, die zart errötend ihm die Hand überließ.
Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör.
Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter, daß er abwehrend die Hände ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen trockneten. Die Gesichtshaut spannte.
Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der Kaplan in fliegender Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten stürze, die langen Hände nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhöht und deutete: »Dort . . . dort.«
Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und verließ, ohne gesprochen zu haben, das Zimmer wieder.
Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich automatisch auf. Er hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen eingebüßt, die erst allmählich sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit. Ohne etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte altersgelbe Flecken und Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem Wagen gelegen und eingeregnet worden.
Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim »Lochfischer« versammelten Räuber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken.
Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und sah, daß der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren ging.
Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden war, stieg aufs Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze Südwand des Hauses bedeckte.
Die Räuber hatten sich beim »Lochfischer« um einen langen Tisch herumgesetzt.
Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß und so niedrig, daß der rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das pfeildurchstoßene rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke streifte.
Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoße ihren alten Schnauz und über ihm die gefalteten Hände liegen hatte.
Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und aß bedächtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Köpfchen er immer seinem Sohne, dem Duckmäuser, auf den Teller legte.
Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen Duckmäuser, einen großen, kräftigen, immer hungrigen Burschen, blond, mit Pickeln im Gesicht, der täglich in die Kirche lief, fleißig ins Geschäft, mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte. Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete und haßte, weil sie ihm den Namen »Duckmäuser« gegeben hatten.
Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischköpfchen auf einmal, die sofort in des Duckmäusers Mund verschwanden.
Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger Entfernung verehrte blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die frischgefüllten Weingläser auf den Tisch und sagte singend: »Nooo, seid ihr auch wieder einmal da.«
Die Räuber lächelten befangen.
»Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wüßt, wer mir's Wasser so versaut.«
Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: »No, wo wird's herkumme, d'r Michl läßt halt 'n ganze Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.« Er drückte mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und trat zu den Räubern. »Was wird's sei, d'r Drääk vo d'r Färberei is.«
»No, da soll aber doch weeß d'r Teufl was alles neischlag! Läßt der Hammel sei Farbsoß wied'r ins Wasser läff? Wied'r?«
»Jau«, winkte der Wirt ab, »die alte G'schicht . . . Grüß Gott, meine Herrn.« Die Hände auf die Stuhllehne gestützt, sah er lächelnd auf die Räuber hinunter. Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf seitwärts zum Fischer hin: »Die alte G'schicht! . . . No, Herr Vierkant, wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass.«
Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. »Ich weiß nit, wo er is.«
»Ein guter Tropfen«, sagte der bleiche Kapitän, zwang sich, gleichgültig zu trinken, und stülpte die nassen Lippen nach außen.
Der Wirt lächelte. »No, Herr Widerschein.« Er legte dem Schreiber die Hand auf die Schulter.
»Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat«, sagte der Schreiber sehr schnell.
»So, so . . . No, lasse Sie sich's nur schmeck, mitnander . . . Gretl! 'n Herrn Widerschein sei Glas is leer«, sagte der Wirt und ging nach hinten zu seinem Schanktisch.
Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. »Beim >Lochfischer< müssen wir Stammgäst werden«, sagte der bleiche Kapitän. Alle stimmen freudig zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn Hieronymus Griebe, gegen den Räubertisch und fragte: »Hören Sie mal, kann man hier Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?«
Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den Berliner an, deutete auf einen Stuhl: »No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch kriege Sie dann scho, soviel Sie brauche«, und wandte sich zurück zum Tisch.
Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. »Die hab ich ihm erst heut früh gebracht. Sohle und Absätz aufrichten«, flüsterte er. »Der Herr kommt jedes Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei Schuh bei mein Vater mach.«
Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hände in den Hüften, und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke, sah sich erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: »Enormjemütlich!« und las laut den gerahmten Spruch an der Wand:
»Ob ich morgen leben werde, Weiß ich freilich nicht, Daß ich aber, wenn ich lebe, Trinken werde, das ist ganz gewiß.«
Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und begann an einem roten Strumpf zu stricken.
Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, der sich zwischen den Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte. »Isterfrisch?«
»He?«
»Ist der Fisch frisch?«
»No, wenn Sie 'n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er Ihne schlecht«, sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden Karpfen unter die Nase.
»Was glaubt denn deer«, sagte der Schreiber laut.
»Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli zu stinke«, meinte der Fischer.
»Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da. Größter Seifenverbrauch usw.«
»No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Säfe is? Säfe könne Sie bei uns in jedn Kolonialwarelädele käff.«
Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann, der erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt hatte, und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend an. »Was hat denn der Verrecker«, rief Johann Jakob Streberle und lachte, wobei »zs-zs«-Laute ertönten und Speichel zwischen seinen glänzenden Zahnreihen durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen geschlossen. »Da, schau sie an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin wir schö derhem gebliebe. Nit amal 's Geld hätte mir g'habt. Besuffe sin sie a no.«
Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte.
»No, was mi angeht«, antwortete der Fischer, »i hab's grad so gemacht . . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho 'n Arsch aushaue, wenn's nöti is. -- I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle, weil's mit der Brautschau Wasser war.«
»No, allemal!« rief der Schreiber.
»O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg i, so viel i will«, sagte der Glasermeister speichelspritzend.
Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gerötet: der Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise auf der Gitarre. »Doch! Jetzt singen wir«, flüsterte er. »Hopp!«
»Gretl, _noch_ ein Maß«, sagte der Schreiber. Sein Gesicht glühte.
»Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer«, sang das blonde Mädchen.
»Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer noch eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung«, sagte der Berliner.
»O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!«
»Einfach weil's Wasser war mit der Brautschau«, sagte plötzlich der Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von »In einem kühlen Grunde« unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten Glasermeisters:
»Johann Ja--a--kob Streeeberle, Johann Stre--e--berlee -- -- --«
die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte, gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen durch und blickte wütend zu den Räubern hin.
»No, jetz is aber genug«, sagte der Wirt und lächelte vergnügt.
Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: »Also hopp! . . . Los!« Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher Mädchenstimme: »Nieder mit der Tyrannei!« Worauf die anderen sofort einsetzten, daß der Berliner seine Gabel fallen ließ:
»Hoch leb die Anarchie! Es lebe der Achtstundentag, Die Ruh, die Republik!«
Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den Kopf. »Bezahle Sie doch dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . . Die ham sowieso scho genug auf'n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur, Bürschli«, schloß er geheimnisvoll.
»Was wolle denn Sie von uns«, rief der Schreiber.
»Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn.«
»Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.«
Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des Schreibers. »Pst! Sei still!« flüsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. »Wißt ihr, was auf dem Hobel steht?«
»Auf was für'n Hobel?«
»Aha! Hat's euch scho?« rief Johann Jakob Streberle, weil alle Räuber das Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten.
»No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf'n Schloßberg g'funde ham. J. J. St. steht darauf«, flüsterte der bleiche Kapitän. »Der Hobel gehört dem Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg'schnüffelt.«
Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle blickten zum Glasermeister hin.
»Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will aber gar nix g'sagt hab.«
»Sie wisse nix . . . gar nix«, sagte der Schreiber.
»Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht sei Maul«, flüsterte der bleiche Kapitän.
Der Glasermeister schnellte in die Höhe. »Sooo . . . _ihr_ habt mein Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!« Er sprang an den Räubertisch.
»Wolle Sie was von uns!« Der Schreiber war in die Höhe gefahren. Der Schnauz kläffte. Alle Räuber standen.
Da trat Winnetou ein.
Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf.
»Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie, was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie«, sagte Winnetou laut und setzte sich.
Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. »Ruh jetzt! . . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute in Ruh.«
»Ihr Gauner!« Er versuchte den Wirt zur Seite zu drängen. Hoheitsvoll sah der Wirt den Glasermeister an. »Setzen Sie sich auf Ihren Platz . . . Dort ist Ihr Platz!« sprach er hochdeutsch.
»No ja, aber hat's denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . . Wir Männer -- -- --«
Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein.
Auch die Räuber setzten sich.
Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile senkrecht zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch sog. Herr Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit ihm eilig die Weinstube.
»I wer mir mei Gäst vertreib lasse.«
»No, jetzt sage Sie selber.«
»Streberle, i will gar nix wiss.«
»Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein«, fragte der Berliner den Fischer.
»Das is 'n Widerschein seiner.«
»Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein reparieren . . . Bedeutend billiger als in Berlin.«
»Ja, Berliiiiiiin!«
»Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig wie früher . . . Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.« Der Berliner nahm sein Glas in die Hand.
»Was? . . . Erhööööhen?«
»Flecke auf die Absätze.«
»Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä Mark und dreißig Pfennig für Sohle und Absätz. Seit zwanzig Jahr.«
Der Schreiber horchte gespannt.
»Aber hörn Sie mal!« Der Berliner stellte das Glas zurück, ohne getrunken zu haben. »Da muß ich doch morgen gleich einmal zum Meister gehen . . . Gleiche Preise für alle! Das ist mein leitendes Prinzip . . . Ich bin Reisender.«
»Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch hab.«
»Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich käme morgen zu ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir.«
Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervös auf dem Stuhle herumrutschte. »Es kann sei, daß mei Vater morgen gar nit daheim is. Weil er Schuh nach Höchberg trägt.«
»Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit -- reelle Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung.«
»Ja no, das Solide is no alleweil das beste.«
»I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln«, sagte Johann Jakob Streberle und erhob sich.
»'n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir müsse doch rauskrieg, was er vor hat«, sagte der bleiche Kapitän, als der Glasermeister gegangen war.
»Solide -- reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit dem Kriege siebzig/einundsiebzig.«
»Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind in einem Dorf gelege -- --«
»Hör'n Sie mal!« unterbrach der Berliner: »Die Preußen -- -- -- -- --«
* * * * *
Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede Feuer auf der Esse lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende Reparatur hatte ausführen müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: »Mir ist jetzt alles gleich«, trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die Augen und rief streng: »Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am heiligen Sonntag zu arbeiten!«
»Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine«, rief erbost der Schmied.
»Hau mal her!«
Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter.
»Hau no mal her!!«
Er hieb ihm wieder eine herunter.
»Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!«
Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche Maulschelle und ging in seine Werkstatt zurück.
Die Räuber gingen die Straße vor bis zum »Spitäle«. Alle waren etwas angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwärts nachdenklich nebenher ging.
Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war gegen zehn Uhr.
»Ich hab's euch ja g'sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab'n genau g'sehn.« Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Räuber herum und deutete zur Festung.
»Hast halt auch amal was g'sehn«, sagte der ernüchterte Schreiber.
»Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!« rief der bleiche Kapitän. »Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie's Maul halte, kriege Sie Ihren Hobel wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget . . . ich weiß ja gar nit, was da wär.«
Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg hinaufgingen, wuchsen die Sandsteinheiligen der Brücke und die Kirchtürme höher in den Sternenhimmel, bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag.
»Wollen wir nicht lieber ins >Zimmer<«, fragte Oldshatterhand. »Wir zünden die zwölf Kerzen an, das ist doch schöner.«
»Hohaho!« rief der Schreiber. »Oldshatterhand hat Angst, in die Wirtschaft zu gehen.«
»Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?«
»Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?«
»Kerzen? -- Kerzen haben was mit Indianern zu tun.«
»Also der spinnt!« Der König der Luft, der beim Fortgehen in der Küche den Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen Kilian hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust, und neben ihm streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend, erhaben die Hände gegen den Knochen aus.
Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht darauf zu laufen; die Räuber folgten seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie, eine lange, dunkle Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über die ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe und sprangen wieder auf das Pflaster.
Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung. Plötzlich schwang auch er sich auf das Geländer, schloß die Augen -- und rannte los, im Galopp. Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand würde in die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand bei ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang.
Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurück zu ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt noch, da die Gefahr schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen.
Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von Schauern begleitete Ergriffenheit.
Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte.
Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet und verkehrten seit Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit anzufangen ein Knabe sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein wenig, zu einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande erfahren oder mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte die Räuber frech und ließ sie gefährlicher erscheinen, als sie waren. Das galt nur für die Einheimischen. Deshalb hatten die Räuber auch aus reinem Nichtbegreifenkönnen untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied den Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger, frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten Vereinigung.
Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben war, und warteten beim Vierröhrenbrunnen auf ihn.