Chapter 2
Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die Hand, preßte sie zur Faust -- und zählte leise für sich bis neun, schleuderte das schwarzgewordene Holz ins Feuer zurück und erzählte gequält: »Ins Zuchthaus käme ich noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen von der Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen hab. Jetzt sperren sie mich daheim jeden Tag drei Stunden in die Holzlage . . . Ich! . . . Ich!« Er sprang auf, drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham wechselten auf seinem Gesicht. »Ich halt's nimmer aus!«
»Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn wir ins Zuchthaus kämen«, sagte der Schreiber erstaunt.
Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich langsam nieder und blieb reglos hocken.
»Nun ja . . . warum denn nicht.« Der Schreiber sah fragend im Kreise herum.
Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde Feuer. Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im Mondlicht schwammen. Eine Sternschnuppe fiel in den Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem Gedanken nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige Male angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd: »Die Erde ka . . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . . Kugel sein, denn wenn man immer weiter geht, müßte man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf nach unten stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen . . . Da habt ihr's, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.« Und er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen Himmel stand. »Der Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. Oder wenigstens nicht viel. Die Erde ist keine Ku . . . Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel hat sie.«
»Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach Rußland, nach China, immer ist der Himmel oben«, sagte der Schreiber und zuckte mit den Schultern.
»Da!« rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die Räuber blickten empor zu ihm. »Denkt euch halt eine Ke . . . eine Ke . . . eine Ke . . . Kegelkugel -- wenn darauf ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so groß wie der Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft, muß er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. Aaalso kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel sein. Das ist doch ganz klar. Ma . . . ma . . . meint ihr nit?«
»Das weiß man halt nit recht.«
Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen und schwebten langsam und lautlos zu den im Mondlicht bebenden Bergen nieder. Vom funkelnden Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als einzige Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und letzten Höhe zu sitzen.
Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in dem die großen Augen schwarz wie heißer Asphalt glänzten. »Ach, Unsinn ist alles, was der Mager da von einer Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg einäschern«, fuhr er heftig fort, »ehe wir von hier abfahren, und du meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden, so wäre das der Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der Mitte. Aber der brennt doch nit.«
»Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben auch alles so glatt ginge. Da werden einfach hundert Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt -- ich sitze nebenan im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke, und brenne die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, und ehe du dich versiehst, schlägt eine kirchturmhohe Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt gleich das Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben ihre Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil wir schon längst in unserm Schiff den Main hinunterfahren. Ha!« schloß der bleiche Kapitän und spreizte die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen glänzten, »da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. Dann ginge sicher alles glatt.«
»Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen Bruder aufsuchen.«
»No, allemal.«
Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein paar Jahren als Ingenieur nach Amerika gegangen war. Der einzige Mensch, dem sich der bleiche Kapitän nicht ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder Gelegenheit hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel.
Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof zum bleichen Kapitän gesagt: »Ich komme wieder, dann reiße ich die alte Brücke ab und baue dafür eine hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus Eisenkonstruktion. Da werden die Würzburgerli Maul und Augen aufreißen.«
Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem Amerikaner -- sie sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und wortkarg gewaltige Taten vollbringen; sie sahen ihn am reißenden Mississippi stehen, nur mit einer Zeichenrolle in der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt den Finger aus -- da stürzen seine siebentausend Leute sich auf Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer Brückenbogen im Mississippi.
Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und reitet durch die Wildnis zurück zu seinem Blockhaus.
»Die Schule geht in Flammen auf«, sagte der Schreiber und hob die Arme. »Und Lehrer Mager verbrennt zu nichts. Hi!«
»Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht gehalten. Der wird ganz einfach gefesselt und in den Festungsgraben geschleppt. Da wird er ausgezogen und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden lang. Überhaupt die ganze Brandnacht durch. Aber . . . wir lassen ihn am Leben. Wir hetzen ihn lieber nackt durch die brennende Stadt.«
»Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, um die korri . . . um die korri . . . korrigierten Schulhefte abzuholen. Seidel hat einen A . . . A . . . Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil so viel Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch nit helf tr . . . tr . . . trag dürf.«
»Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. Der ist doch sein Liebling. G'schieht dir ganz recht.«
»Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . Hefte trag . . . Dann weiß ich aber noch einen, de . . . de . . . der gemartert werden muß. Meee . . . Meee . . . Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!« schrie Oldshatterhand wütend.
»Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur ein paar in Würzburg«, sagte sinnend der bleiche Kapitän, »die werden vorher durch Briefe aufgefordert, ihre Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib und Kind aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.«
»Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher einen Brief. Der hat mich gestern abend sein Garten gießen lassen.«
»Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der liegt inmitten von Prärien und Urwäldern«, sagte die Rote Wolke und deutete weit hinaus.
»Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei Pa . . . Pa . . . Papageienflügel schicken? Für ihren H . . . Hut«, sagte Oldshatterhand. »Grü . . . grüne vielleicht.«
»Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.«
»Die, die . . . muß einen Brief bekommen!« rief Oldshatterhand erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter.
»Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja einen Brief schreiben, ich tu's nit«, sagte der bleiche Kapitän, tat die drei vorgeschriebenen Züge aus der Friedenspfeife und sagte monoton in tiefem Baß: »Falkenauge«, reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, stand auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner.
Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende Schilfrohr, während das andere gespenstisch und interesselos nach rechts blickte. Es war ein Glasauge.
Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte geiferte dünn und schnell dazwischen, andere mit tiefen Tönen setzten ein; der Zusammenklang währte eine Weile. Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu schlagen: töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe Nachtstille.
»Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir jetzt den heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand haaa . . . t ge . . . sp . . . sprochen.«
Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab ihm einen Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete seine wutfunkelnden Augen auf den Schreiber.
Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große, dunkle Gestalt, die sich lautlos reckte und schnell wieder zusammenduckte, als ein Räuber den Kopf hob.
»Mit Gott denn!« rief der bleiche Kapitän.
Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig von einem Fuße auf den anderen hüpfend, im Kreis um das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft und monoton dazu:
»Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki, Nang kang killewi, nang kang killewi, Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki, Nang kang killewi wau.«
Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel -- die Räuber standen in ihrer momentanen Stellung still. Die Hand des bleichen Kapitäns sank, und die Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem Graben führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, schlichen vor bis zum Bergrand und riefen: »Weh dir!« zur Stadt hinunter.
Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden.
Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, der, gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht in die Tiefe fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik, in deren haushohen Schlot die Räuber oben hineinsehen konnten.
Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende, altersmorsche Latten, die aus dem Felsenabhang hinaus in die Luft ragten, versperrte den Weg in die königlichen Weinberge.
Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück den Felsenabhang hinunter, erfaßte die Latten, schwang ein paarmal wie ein Kirchenglockenschwengel über der Tiefe hin und her -- und stand in den königlichen Weinbergen.
Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle glücklich drüben, außer Oldshatterhand, der zitternd am Felsenabhang klebte, denn seine freie Hand reichte nicht bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu rühren.
Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend und von den anderen gehalten, über den Felsenabhang hinaus, streckte Oldshatterhand die Hand hinüber und riß ihn frei durch die Luft zu sich.
Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe.
Der Schreiber grinste: »Hohaho! Oldshatterhand.«
»Still!« rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im Kreise herum.
Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht.
Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der Festung weg, bis zu den ersten Häuschen der Stadt, fiel der königliche Weinberg steil ab, aus dessen Trauben der berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel abgezogen wird.
»Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und so viel zu fressen, wie er kann«, befahl der bleiche Kapitän. »Und dann erst steckt jeder so viel Trauben ein, wie möglich, für unsere Vorratskammer.«
Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen Weinstock.
Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden Stadt. Die Domuhr schlug eins.
Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten krochen herum. Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und horchte, atemlos vor Angst. Ohne hinzusehen, griff er seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere in den Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, rutschte erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte gegen Winnetou. »Wenn jetzt jemand kommt!«
Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke hinunter, auf der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte Menschen traumhaft taumelten, und sagte laut: »Wenn jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß er mich sieht.«
»Duck dich doch«, flüsterte Oldshatterhand entsetzt.
»Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt«, erklang die Stimme des bleichen Kapitäns laut von seitwärts.
Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos, ohne noch an etwas zu denken, hastig Trauben vom Stock und stopfte sie in die Taschen.
Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand im Schatten der Festungsmauer.
»Mit dem Messer mußt du abschneiden«, schimpfte der bleiche Kapitän Oldshatterhand, »sonst werden sie ja ganz verdrückt.«
Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem Messer.
Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus -- über ihm stieg eine klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in den Nachthimmel. Entsetzt blickten die Räuber zur Flamme hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie zu, und die Räuber hörten ihn sagen: »Herrgott, was ist denn das für eine Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt werden. Das sieht man doch von der Stadt drunten.«
Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete Winnetous Gesicht. »Und wenn sie's sehen! Sie sollen's ja sehen!« schrie er und trat in Raserei den brennenden Weinstock nieder.
Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht. Seine Lippen zuckten. Die Tränen schaukelten an seinen Wimpern.
»Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . . Wenn ihr alle genug habt«, sagte der bleiche Kapitän. Die Domuhr schlug dunkel zwei. »Wie ein Mensch so was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh ich wahrhaftig nit.«
Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg und gelangten, jetzt auf einem ganz ungefährlichen Weg, den sie herwärts verachtet hatten, zurück in den Festungsgraben. Voran der bleiche Kapitän mit einem Waschkorb voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den Weinberg geschmuggelt hatte.
»Pst! Da war gerad jemand gestanden«, flüsterte Falkenauge.
»Wo? . . . Wo denn!«
»Jetzt is er weg.«
»Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, die gar nit da sind«, sagte der Schreiber.
Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es dem Schreiber hin und rief frohlockend: »Mach das einmal nach!«
Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite.
Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte im Kreise herum.
Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer des Festungsgrabens -- ein großes, schwarzes Loch wurde sichtbar. Der Anfang eines unterirdischen Ganges.
Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im Gange lag, und ging voran. Fledermäuse klebten an der Decke, flatterten auf, prallten gegen die Räuber, und huschten ins Freie.
Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über jeden Seitengang hatte der bleiche Kapitän ein Täfelchen unter Glas angebracht und mit Druckschrift darauf geschrieben, wohin der Gang führte. Auf einem Täfelchen war zu lesen:
Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch, in den Hinrichtungshof des Justizgebäudes. Vorsicht!
Auf einem anderen Täfelchen stand:
Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt eine Stunde weit ins Nonnenkloster Himmelspforten.
Auf dem dritten Täfelchen:
Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die Mitte des Flusses, zur Wasserfalle, die von Ratten wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten Jahrhundert der Bischof von Würzburg falsche Priester gestoßen, die in die Wasserfalle gerieten, bis zum Nabel im Wasser standen und lebendigen Leibes von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten, diesen Gang nur bei Lebensgefahr zu betreten.
Der Hauptmann.
Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu einem weißen Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner Mutter vom Waschseil gestohlen hatte. Das einzige, was er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän zog den Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den Felsen herausgehauen, Steinbänke waren.
Das war »das Zimmer«.
Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche von der niederen Decke herunterhing, und schimpfte: »Die ist wieder nicht geputzt worden.«
Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam auf die Holzregale gelegt, die an den Mauern angebracht waren, und auf denen schon vielerlei Vorrat aufgestapelt lag: Zigarren in jeder Form und Qualität, von den Räubern den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit Zigaretten untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen. Daneben lagen: ein großer, geräucherter Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier, in Reihen geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den Räubern eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder, welches Falkenauge in dem Ledergeschäft, wo er zum Kaufmann ausgebildet werden sollte, mitgenommen hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten zwölf Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde, die Häute an seinen Chef zu senden, zum Ersatz.
Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, aber täglich mit Schweinefett eingerieben, auf daß sie nicht knarrten, wenn man in der Prärie die Rothaut beschliche.
Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles darauf, vom bleichen Kapitän aus dem Keller seines Bruders mitgenommen. Die Biergläser, sorgfältig gespült, mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft und mit zertrennten Kartoffelsäcken belegt. Besen und Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen an der Mauer.
Es herrschte musterhafte Ordnung im »Zimmer«.
Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an Rücken, alle Räuber-, Indianer- und Seegeschichten, die es überhaupt gibt: Der Bayrische Hiesl oder Der Herr der böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in zweihundertunddreizehn gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in ebenfalls zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige. Um sieben Millionen oder Der Schurke von Zanzibar. Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle Indianergeschichten, die der Herr Buchbinder Männlein, der Meister des bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte, standen wohlgeordnet im gepreßt vollen Bücherregal.
Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein dünnes Reclambändchen: »Die Räuber. Drama in fünf Aufzügen von Friedrich von Schiller.« Das Hausbuch der Bande.
Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine, die früher das Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe Benommen vor Staub geschützt hatte.
Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der Wand. »Heimlicher Versammlungsort der Räuberbande von Würzburg« stand darauf.
Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken.
»Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren«, sagte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen.
Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm Tinte und Feder und ein Büchlein heraus.
Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn der Rechnungsführer an seine Schande erinnert wurde, ein Schreiber zu sein. Was dieser jedoch mit grimmigem, etwas leidvollem Humor ertrug. »Was bin ich? Ein Schreiber bin ich, ein Schrieb«, sagte er, »ein Federfuchser, hohaho!« Und dabei errötete er stets tief.
»Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?« fragte er und sah auf die Trauben.
»Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.«
»Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen Weinbergen. Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig«, notierte der Schreiber. Und deutete auf eine farbige Eidechse aus der Nymphenburger Porzellanmanufaktur. »Und diese Eidechse? . . . Gekauft?«
»Mitgenommen«, gab der bleiche Kapitän an. »Schreib auf: ein Kunstwerk, in Form einer Eidechse.«
»Und das da, Hauptmann?«
». . . Wer hat da gelacht!« brüllte erzürnt der bleiche Kapitän. ». . . Wenn noch einmal einer lacht, so wird er ausgeschlossen . . . Da wird ganz einfach ballotiert, mit schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist er draußen. Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht, wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein weißer Stallhase, lebend, gekauft beim Jud Meyerheim, um fünfunddreißig Pfennige.«
Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte mit der Oberlippe.
Gelacht hatte die Kriechende Schlange. »Der macht uns ja alles voll«, sagte er, fuhr aber schnell fort: »Morgen ist ein Schnelläufer auf dem Sanderrasen. Er läuft im Trikot.«
»Da wird hingegangen«, erwiderte der Hauptmann, »wenn ihr wollt«, setzte er, noch erbost, hinzu. »Morgen mache ich einen Käfig für >Das heilige Tier<. So heißt von heute an der Stallhase.«
Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte stand, stellte eine Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen zu haben, zurück an seinen Platz.
Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin: ». . . Gekauft?«
». . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied Gottlieb.«
Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen Hecht, den die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten aus dem neuen Sandschiff des roten Fischers geholt hatte, und schloß das Büchlein wieder in den Schrank.
Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten.
Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den Hahn ins Bierfaß. Das donnerte im unterirdischen Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden. Er schenkte die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe.
Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und rauchten.
»O Felli«, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums Wort.
»Sprich«, erwiderte der bleiche Kapitän.
»Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und ist dem Erdboden gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. Alle! Auf uns, die einzig Überlebenden, fällt natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen ungeheure Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier Wochen lang hier verbergen zu können. Bis die Regierung glaubt, wir seien mitverbrannt. Nicht der geringste Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter aus und erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht . . . Und wenn wir uns dann, als Bauernweiber verkleidet, aus dem Staub gemacht haben, sind wir verschollen auf ewig.«
Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou schwieg und lehnte sich zurück. Die Kerzenflammen standen unbeweglich. Die bleichen Gesichter hingen wie kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf.
»Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!« rief Oldshatterhand erregt. »Oh, im wilden Westen . . . Ihr werdet's schon sehen . . . Wenn einer von uns in Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu heiraten, dann soll er's lieber gleich sagen.«
Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem Blick in die Ecke: »Wie du glauben kannst, daß einer von uns so ein dreckiger Feigling ist, das versteh ich ganz einfach nit.«
Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König der Luft in die Mitte und rief: »Ich, der König der Luft, lese jetzt vor: das hundertundsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der Mord im Walde<. Da sind wir's letztemal stehen geblieben.« Der König der Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig und ein scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er sprang von immer höheren Mauern herunter, um seinen Ruhm zu steigern und eines Tages die Hauptmannschaft an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und hatte ein Indianerprofil.
»Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?« fragte Oldshatterhand.
Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten Knopf seines Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur Decke und rief: »Die bleiche Gräfin!«
»Räuberlied!« brüllten die anderen.
»Also, also Räuber --, also Räuber -- Räuberlied!« rief schnell und sich überstürzend der König der Luft und stand im Ausfall, die Faust geballt. Der Rockknopf sprang ab, sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht stand senkrecht. Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen schief zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub er an zu singen, und die Räuber hörten zu.
»Stehlen, morden, huren, balgen, Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun. Morgen hangen wir am Galgen, Drum laßt uns heute lustig sein. Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!«