Die Räuberbande

Chapter 19

Chapter 191,978 wordsPublic domain

An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber in der Weinwirtschaft ihres Hauptmanns zusammen. Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann schnell entschlossen, für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet: den Skatklub »Bargeld lacht«, der fünfundzwanzig Jahre später, als der Fremde zum letzten Male Würzburg besuchte und die Räuber schon fünfzig Jahre alte, graubärtige Männer waren, immer noch bestand.

* * * * *

Auch jetzt war der Fremde in Würzburg.

Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen sahen sich um nach ihm. »Ah, Herr Baron«, neckte ihn ein barfüßiger Junge, blieb stehen und blickte ihm mit großen Augen nach.

Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend in der Luft umher, und über der Festung hing eine große Wolke mit glühendem Saum. Am Brückenheiligen Kilian lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die Ziehharmonika.

Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. Bürger saßen vor den Haustüren, blickten prüfend in den Himmel, ob es regnen würde, rauchten und unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter.

Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, welcher aus der »Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen« trat.

Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. Seine Apfelbäckchen glühten. Denn er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. Sonst hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; seine Haare waren noch dunkel, sein Körper zäh und dürr und aufgereckt wie immer.

Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster stoßend, schritt er aufrecht weiter.

Vor dem »Spitäle« blieb er stehen, zog seine Taschenuhr und verglich sie befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt.

»Grüß Gott, Herr Lehrer«, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister und legte die Hand an die Mütze. Sein Bart war blauweiß geworden. Er redete heftig gestikulierend weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt, horchte Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe zusammen -- es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas angestellt. Man wußte nur noch nicht recht, wer die Gauner waren.

Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf »Zum schwarzen Walfisch von Askalon«.

»Mit 'n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei Herzaß heimgebracht«, sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Räuber waren versammelt.

»Er is halt ein Rindvieh«, sagte wütend Falkenauge, der durch das verkehrte Spielen des Königs der Luft sieben Pfennig verloren hatte. »Das sag ich ihm schon seit Jahr und Tag, aber er will's nit glaub.«

Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage, mit Brotlaiben, übriggebliebenen Semmeln und vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen belagert. Außer ihm saß niemand am Tisch.

Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten Kinde in der Hoffnung.

»Herrgott! Else! _wieder_ ein Glas!« rief der bleiche Kapitän der blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas aus der Hand gefallen war. Sie lächelte immer und hatte verklebte Augen. »No, jetzt bin ich aber doch g'spannt . . . Solo!« schloß er, stülpte die Lippen nach außen und fingerte den Kartenfächer in seiner Hand zurecht.

Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte sich und sprang auf den Stuhl neben dem Fremden.

»Das wird mir aber auch noch ein Solo sein«, sagte der Schreiber, zog die Brauen in die Höhe, holte den ersten Stich. »Und Trumpf!« rief er und lächelte sicher.

Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die Karten auf den Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ seine Stiche in der Mitte liegen; die Karten flogen immer schneller. »Das hamm wir jetzt g'sehn, was das für ein Solo war«, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene Geld in sein Tellerchen.

»No, Else, wo hast denn dei Auge!« rief er und wies auf den Fremden. Die Kellnerin füllte das Glas.

»Else, wir trinken auch noch eins«, sagte der Schreiber und legte den Arm um die Taille der Kellnerin. »Ein saubers Mädle bist.«

Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf dem Arm.

»Pssss, wssss«, machte der Fremde leise zur Katze.

»Schläft der ganz Kleine denn?« fragte der bleiche Kapitän und gab die Karten.

»Was wird er denn sonst tun«, erwiderte die Witwe Benommen und gab dem Kind auf ihrem Arm ein Stück Zwetschgenkuchen in die Hand.

»Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.«

»Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.«

»Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche nit die Abweiche.« Er stülpte die Lippen nach außen.

»Sei still. Da, hast dein Sohn.«

»Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.«

Die Witwe Benommen strahlte.

»Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein Schelloberlein.«

»Da! hast'n!« rief wütend der König der Luft.

Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder, großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief gebräunt, stürzte stolpernd, mit Kopf und Händen voran, bis zum Kartentisch, auf dem er mit dem Oberkörper und ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine gewaltigen roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. »Ooooskar!« brüllte der Matrose. »Seid ihr alle da!«

»Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!«

»Haargott!« riefen die Räuber, und ihre Münder blieben offen.

»Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!« stotterte der Duckmäuser und blieb auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. »Pf . . . Pf . . . Pf . . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!«

»Also, also aber und! Du bist am Geben«, sagte grimmig der König der Luft. Er war im Verlust.

»Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. Schluß!« riefen alle durcheinander.

»Setzt euch da rüber an lange Tisch«, sagte der bleiche Kapitän, und zum Fremden gewandt: »Sie erlauben doch.«

Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose saß in der Mitte auf der Bank. Der Fremde, als habe er das Präsidium, saß an der Stirnseite. Die Witwe Benommen stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, und schüttelte lächelnd den Kopf.

»Bring a paar Maß Wein!« rief der Schreiber.

»Ich zs zs zs zs zahl alles!« brüllte der Matrose. »Sssssauft!« Und schüttete ein Glas Wein in sich hinein. »Sch . . . Sch . . . Schreiber, alter Ga . . . Ga . . . Ga . . . Gauner!«

»Herrgott, wer hätt das gedacht«, sagten die Räuber und sahen still und betroffen auf den Matrosen, wie auf ein fernes Land. Ihre Münder standen offen, die Mundwinkel waren in wehmütigem Staunen in die Wangen zurückgezogen.

»Warst du weit?« fragte einer.

»Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!« Er breitete weit die Arme aus.

»So einer, immer war er so still«, sagte die Witwe Benommen. »Man hat gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.«

»Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?« Er leerte sein Glas und konnte dann fließender sprechen. »Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma . . . Mager geträumt. Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi . . . Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber es www . . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen -- www . . . er me . . . meldet sich? -- und ich hab um mich . . . um mich g'haut, und bin tropf . . . tropfnaß aufgewacht . . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot? . . . Ssssauft doch! . . . Ssssauf du auch!« brüllte er und reckte, mit dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte liegend, sein Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete.

»Kommt ihm nur nit mit'n Zündhölzle zu nah, er explodiert sonst«, sagte die Witwe Benommen. »Er trinkt e bißle zu viel.«

Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte die Fußspitzen nach rückwärts. »Ein deutscher Seemann ist trinkfest.« Der bleiche Kapitän stimmte die Gitarre.

»Auf, Matrosen, ohe! Auf die wogende See. Schwarze Gedanken, Sie wanken und fliehn Geschwind, wie der Sturm und Wind«,

sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er trank. »Wa . . . Wa . . . Wa . . . Wein her!«

»Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch, wie wir damals Traube g'stohle ham, im königliche Weinberg? Das war Anno . . . 1899. Ich hab no a paar Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg in mein Keller.«

»Den mußt aber spendier«, sagte der Schreiber. »No, allemal!« riefen alle Räuber.

»Ja, paßt auf«, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend, »der is teuer. Wo käm ich denn da hin.«

»Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!« brüllte der Matrose dem Fremden zu. »Haargott, is der besoffen!« riefen die lachenden Räuber.

»Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon im Keller haben«, sagte plötzlich der Fremde und lächelte.

Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche Kapitän vorsichtig den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln in die Kelche. Alle standen auf. Auch der Matrose lehnte schief an der Wand.

»Aber also und, Donnerschlag!« Die tiefe Falte verschwand. Der König der Luft hatte gelächelt. »Das is e Weinle!«

»Das will ich meinen«, erwiderte stolz der bleiche Kapitän.

»Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . Kee . . . Kee . . . Kette gelegt.« Er trank und sprach fließender. »Da war unser Schiff an einer unbewohnten Insel vorbeig'fahre, in der Näh von Indien . . . Ich hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . du . . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . . nix zu fr . . . fresse g'funde. Da hab ich a Sch . . . a Schlange gebrate. Die war dir aber bi . . . bi . . . bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich wieder erwischt und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir die Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.«

* * * * *

Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung des Festungsgrabens und sahen hinunter auf die Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag.

»U . . . u!« klang es langgezogen und klagend von unten herauf. »Die Meekuh brüllt«, sagte der Schreiber und deutete hinunter zum Main, wo der Schleppdampfer eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog. Ein Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke. Die Räuber sahen, wie über den Flößer am Steuer der weiße Gischt stürzte.

»Aber also und, wie aus dem Boden gewachse«, sagte der König der Luft und deutete neben sich auf die Aussichtsbank aus krummen, weißschaligen Birkenästen, die der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer aufgestellt hatte.

Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben. Eine Geiß weidete im Graben. Das hohe, dürre Gras zirpte, vom Winde bewegt.

»Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle gewachse«, sagte der bleiche Kapitän.

»Is des nit e Birnbäumle?« fragte der König der Luft, und ein anderer griff in die Zweige. Ein paar Hummeln flogen auf und umsummten den Baum.

Der Matrose sah sich um: »A a also, jetzt sagt mir aber amal, wo . . . o is denn eigentlich euer >Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« Und blickte gespannt und pfiffig die Räuber an.

»Ach, des is ja scho lang zugemauert.« Sie suchten. »Da muß gewese sei.« Und zogen einen üppigen Brombeerbusch zur Seite.

»Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . Gang zs . . . zum >Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« fragte der Matrose staunend und deutete auf eine Stelle, die noch etwas heller war als die übrige Mauer. »Haaar . . . gott.«

Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis. Ein rothaariger Junge schnellte in die Höhe, hob die Hand und rief: »Heimatscha!« Seine Bande stürmte zur Mauer und krabbelte daran hinauf.

»Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war das >Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer<?«

Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre Gedanken eilten die Jahre zurück.

»Wir warn halt Kinder damals«, sagte der Schreiber.

Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und hing am Baumstamm. »Dort! Schaut hin!« zeigte die Rote Wolke, und sein Mund stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch.

* * * * *

Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg.

Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser, hoher Mönch geschritten, in brauner Kutte. Er beugte das Knie vor dem Marienbild am Wege und schlug das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. Der Wind wehte dem Kinde das Haar ins Gesicht; es sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen vor der Sonne. »Gelobt sei Jesus Christus.« »In Ewigkeit, Amen, mein Kind.«

»Wie weit ist's bis zum nächsten Gutshof?« fragte der Fremde.

»Eine Stunde über den Berg«, sagte Winnetou. Er hatte ein stilles, klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel.