Chapter 18
Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, sah auf den Hauptmann und dessen Braut, die beide bleich und friedlich nebeneinander saßen, und hatte den stürmischen Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein Knabe zu lächeln. »Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie sie«, flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde Trennung so stark, wie wenn er die Räuber nie gekannt hätte. »Ich bin nicht so wie die Kriechende Schlange . . . ihr tut mir unrecht«, flüsterte er. »O Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange auch nicht . . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell gestürzt hätte . . . oder ins Wasser.«
Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der Bluse seiner Braut zu. »Ich hab mir einen Photographenapparat kommen lassen. Auf Abschlagszahlung! Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung. Er ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.«
»Meine Pfeife -- brennt sie noch? -- ist aus derselben Fabrik. Ich hab mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. Mit Silberbeschlag.«
»Mit Futteral?«
»Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück Kalbleder geb laß in mein G'schäft, und der Sattler Grumbe näht mir's zusammen. Kost zwanzig Pfennig, das ganze Futteral.«
»Und der Vogelstutzen?«
»Siebenundsiebzig Mark fünfzig.«
»Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.«
»Er hat doch Silberbeschlag.«
»Vielleicht erschießt du mich dann damit«, sagte das schmale Mädchen gedehnt.
»Ja, was glaubst du denn.« Falkenauge lachte. »Hast du Angst? . . . Ich schieße nur auf Ratten.«
»Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl«, sagte der Schreiber, legte sich auch auf den Rücken, neben seine Liebste, und blies ihr ins Haar. Sie drehte ihm das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als er die Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond.
Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in die Stille. Der kniende Oldshatterhand klammerte sich am Baumstamm an. Seine Schläfen zuckten. »Ich kann mit keinem von ihnen darüber reden«, flüsterte er unzählige Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom Baum.
»Schläfst du?« fragte der bleiche Kapitän seine Braut.
Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen angstvoll auf den ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch er, sich rückwärts bewegend, auf Händen und Füßen wie ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm.
»Ich glaub, ich hab geschlafen.«
»Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter«, hörte Oldshatterhand den bleichen Kapitän sprechen und horchte.
»Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen sein? Man hat nie mehr was gehört von ihm.«
»Der Duckmäuser?« rief der Schreiber lachend, »wo wird der sein -- ich sag, der ist irgendwo Kirchendiener.«
Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb sofort wieder stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen war. Da hörte er einen der Räuber leise die Mundharmonika spielen und lauschte eine Weile in seltsamer Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem »Käppele«.
Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte augenblicklich die Empfindung, den Geruch vom Zimmer seiner Eltern zu riechen, noch bevor er seinen Vater erkannt hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister stand. Die beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen in Augsburg gedient.
Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. Er bog ab von seinem Wege, in eine Nebengasse, rannte weiter und blieb, außer Atem, endlich auf dem Leidenswege Christi stehen, der zum »Käppele« in die Höhe führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit den Augenlidern, um Tränen zu bekommen.
Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste ein rotes, ewiges Licht.
Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er hatte nur das bestimmte Gefühl, Winnetou könne ihn retten.
Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe, an dem Jesus hängt.
Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur Pförtnerzelle ging. Er sah den Klingelzug an und zog die Hand wieder zurück. Dann klingelte die Glocke als einziges Geräusch auf der Welt.
Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou sagen: »So spät in der Nacht darf ich kein Brot geben«, und sah zugleich das helle Stück Brot, das Winnetou reichte.
»Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?« fragte Oldshatterhand und nahm das Brot.
»Michael, du bist's? -- -- -- Ich habe gedacht, ein Armer sei noch so spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze dich auf die Bank bei der Mauer.«
Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: sofort war er sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen Tage, und er sah sich, zusammen mit Winnetou, an einem heißen Sommertage zum »Käppele« hinaufsteigen und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich mußte er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou raffinierte Methoden angewandt hatte, um dem Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal hintereinander ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als barfüßigen Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, von Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung an Winnetous unwillkürlichen Bocksprung über einen knienden Bußbeter, hell auflachen. Vor seinem Lachen fuhr er zusammen und rief erschrocken: »Nein, nein!«
Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart verdrängt worden.
Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. Als Knoten in seiner Brust empfand er die Unmöglichkeit, Winnetou zu beichten, und machte ein paar hastige Fluchtsprünge. Da hörte er rufen: »Michael! . . . Wo bist du?« und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm den einäugigen großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands Beinen hin und her strich, zu ihm aufsah, nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte.
»Der Hund lebt noch immer?« fragte Oldshatterhand mit veränderter Stimme und hatte sagen wollen -- Winnetou, höre doch, was man mir angetan hat. Hilf mir.
»Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du weggehen?«
»Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. Nur so.«
Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob sich sofort und tappte nach.
Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands Schulter und lächelte zum roten, ewigen Licht hin unter der Mutter Gottes. »Michael, jetzt sind wir auf einmal keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem Traum erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der gar nie mehr enden wird.«
»Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?«
»Warum sagst du Weichpfotenmönchen?«
»Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht weich . . . und dann Italien.«
»Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior liebt mich. Alle lieben mich und sagen, ich solle nur noch ein paar Jahre so bei ihnen bleiben und erst dann Mönch werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei . . . Erinnerst du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen wollten . . . Ich denke oft daran zurück«, sagte Winnetou und lächelte heiter.
»Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst du auch eine Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine rechtwinklige Pfeife. So stelle doch die Mutter Gottes dort weg . . . und den verstellbaren Maßstab.«
»O Gott!« Winnetou war aufgestanden. »Du bist krank!«
»Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .« Er schüttelte heftig den Kopf. »Nein, nein! Ich meinte, ich würde an Stelle der Mutter Gottes dort ein Muttergottesbild hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist das!« schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt.
»Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, komm«, bat Winnetou ängstlich und zärtlich, »ich will dich zum guten Prior führen. Der gibt dir etwas und hilft dir.«
»Ich war draußen in der Welt! In der Welt!« schrie Oldshatterhand lachend. »In Italien! In Genua zum Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen. Ich wohnte da in einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das goldene Bett sehen sollen«, schloß er mit einer verächtlichen Handbewegung, und seine Lippen zuckten vor Scham . . . »Tun dir die Mönche denn gar nichts? . . . Irgend etwas Grauenhaftes.«
»Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche Angst um dich.«
»Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! Glaubst du's nicht? Ich bin ganz einfach einmal nach Würzburg gefahren. Sonst nichts.«
Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou.
Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein über die Stadt. Die Kirchtürme standen wie gespenstige Auswüchse von Riesendrachen in den schmutzigen Wolkenhimmel hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund stand auf.
»Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, komme. Um dieselbe Zeit. Komme wieder, bitte.«
»Morgen um diese Zeit«, sagte Oldshatterhand und raste den Leidensweg Christi hinunter.
Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück.
Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch aufs Bett in seiner Kammer, sah gequält und mit kraftlosem Haß auf die bekannten Studienköpfe an den Wänden und fiel sofort in Halbschlaf. -- Das Schwere, jüngst Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben ihm einen letzten Schlag und zogen dann singend in eine ungeheure Ferne, entfernten sich in Sekunden zeitlich um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war und frei und kühl atmen konnte.
So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg aus der Zukunft zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt war, um ihn zu leiten, durcheilte der zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, schritt er im Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke, an einer streichelnden Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes Land, bis zu einem Lächeln der Verheißung am Horizont -- bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, und an dessen Stelle Oldshatterhand -- zum Fremden wurde, und sichtend zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse des schwachen Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken in der Kammer auf dem Bett saß.
Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: »Warum bist du denn verzweifelt und gebrochen, da du doch weißt, daß du recht gehandelt hast?«
»Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner Mensch!« schrie der Oldshatterhand auf dem Bett und deutete flüsternd: »Aber sieh doch die kalten, verachtenden Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern. Sie haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen verächtlich zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter nicht.«
Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand sagte: »Du bist feige. Du weißt zwar, daß du recht gehandelt hast; aber da die Menschen dich dafür verachten -- weil sie Lügner sind --, wimmerst du, denn ohne die Achtung der Lügner kannst du nicht leben.«
»Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. Die Gassen, in denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster schämen sich meiner, flüstern mir ihre Verachtung zu. Die Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins Dunkel zurück vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. Wo soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann, bei dem ich mir wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen Zwerg, der die Ziehharmonika spielt. Ich muß nur Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen, lustig werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen, wenn sie fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu . . . Aber ich werde traurig, wenn sie lachen. Und wenn sie jemanden verachten, verstehe ich es nicht. Denn sie dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein schrecklicher Kirchturm. In Würzburg gibt's so grauenhaft viele Kirchtürme, die alle die Achtung sind.«
»Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, die darin wohnen, sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du geworden bist wie sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet und stinkt da unten. Ich wende mich um, da ist die Luft dünn und blau. Und ich bin allein.«
»Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er hat zehn Augen und redet kein Wort, so sehr verachtet er uns.«
»Wie kannst du _uns_ sagen. Ich habe mit dir nichts mehr gemein. Denn ich verachte die Verachtung der Menschen und bin einsam. Ich sage dir: solange ein Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden, stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und höhnen und verachten ihn. Und der Vater schämt sich seines Sohnes, den alle verachten. Erst wenn du dich den Weg, der zu dir führt, zu Ende geschleppt hast und aufgerichtet stehst, schreien sie dir alle ihr lügenhaftes Hosianna zu und sagen zueinander -- den haben wir niemals verachtet. Und der Vater ruft -- das ist mein Sohn. Jesus Christus trug sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und verhöhnt bis zum hohen Gipfel. Heute schreien die Lügner ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir, der du dein Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.«
»Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, an dem ich hänge, und das schwarze Menschengewimmel zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet mich. Meine Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz . . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will kein Lügner werden wie sie, sondern _Etwas_ werden.«
»Es gibt nur zweierlei -- lügen wie die anderen: sein wie sie; oder ihre Verachtung verachten: einsam sein. Blicke auf das Lächeln der Verheißung auf meinem Gesicht und töte das Schwache und Feige an dir.«
»Ja!« stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, schwankend, und seine Hand hielt den Fenstergriff gepackt. Seine verglasten Augen stierten nach dem alten Revolver aus dem »Zimmer«, der auf dem Tische lag. »Meine Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter«, flüsterte er und dachte in einem Winkel seiner Seele -- er wird versagen --, brüllte langgezogen und mit vollster Kraft »I . . . . . i!« und hatte sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen. Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver hatte diesmal nicht versagt. Der Kopf schwenkte zur Seite. Die Hand, die den Fenstergriff umklammerte, krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand, schon tot, noch ein Fenster öffnete.
Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in der kleinen Kammer. Aus den Fenstern der Hofwohnungen fuhren erschrockene und empörte Gesichter.
Die Wirtin kam gesprungen -- -- -- sah einen Fremden klar und ruhig die Treppe hinuntersteigen, öffnete die Tür, so weit es der Tisch zuließ, sah niemanden in der Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte, erblickte sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich um ein Hindernis herum auf sie zuschoß.
Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke beim Fenster, schief und haltlos wie ein ausgestopfter Hampelmann, der umzufallen droht.
Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, auf Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei.
In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, stand, daß das Strafverfahren gegen den Maler Michael Vierkant eingestellt worden sei.
* * * * *
Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, den der berühmte Anatom Molière allwöchentlich den Malern und Bildhauern Münchens hielt. Der Fremde sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er nie mehr älter werden, so stark und klar war sein Gesicht.
Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe steigenden Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, unter denen auch die Maler Immermann und Franziskus Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus an den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, um die Frühlingssonne abzuhalten.
Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem Gehrock mit Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen der Hörer in den kleinen Halbkreis unten. Der Fremde saß neben ihm.
Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die Leiche herein. Der Anatom zog das weiße Tuch weg.
Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper eines bartlosen jungen Mannes mit Gladiatorenprofil und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und Bauch, bis zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem weißen Tuch zugebunden, über das hinaus die starken Hände der halben Leiche reichten.
Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen Rumpf, tippte mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. »Wir nehmen heute Arm- und Gesichtsmuskeln durch.«
Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am Unterarm frei, erklärte mit ein paar Worten ihre Lage, hob den Arm der Leiche und zog an einer Sehne, worauf die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die Wandtafel. Ein paar schnelle Striche.
Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; andere sahen aufmerksam zu.
Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, da öffnete die Leiche den Mund. Es war sehr still. -- Warum ist dieser junge Athlet gestorben, dachte der Fremde.
Der Anatom zog an einer anderen Sehne -- und die Leiche streckte die Zunge heraus. »Kemmerich!« wandte sich der Anatom an das lebende Modell, einen fünfundsiebzigjährigen Mann mit spärlichem, weißem Bart, der nackt neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen und Muskeln des Modells waren sichtbar und vor Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die Veränderung des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, ließ ihn lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit den Armen, und demonstrierte an der Leiche die Lage der Muskeln.
Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz und die Füße der Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, zu den Füßen des Alten.
»Es ist eine Freude zu leben«, sagte ein Maler zu laut in die Stille hinein, und staunte mit den anderen erschrocken über die Tatsache, daß er den Satz gesprochen hatte.
Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die halbe Leiche hinaus- und eine verdeckte hereingefahren. »Hier haben wir einen jugendlichen Akt von schönen Proportionen. Den wollte ich den Herren noch zeigen«, sagte der Anatom und zog das Tuch weg.
Der Fremde stand langsam auf. »Das ist meine Leiche«, flüsterte er. »Geben Sie mir meine Leiche.«
Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren.
»Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet«, schloß der Anatom seinen Vortrag und hob die weiße, gepflegte Hand. »Und es ist erfreulich, daß bei der jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als bisher der Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.«
Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal verlassen beim Erblicken Oldshatterhands.
»Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du geworden«, sagte Grünwiesler auf der Straße und stützte Immermann. »Mnja, da kann man jetzt nichts mehr machen.«
»Weißt du«, sagte Immermann, mit schiefgezerrten Lippen, »erschießen hätte er sich nicht brauchen; aber das, was wir getan haben -- war nur gerecht . . . Gerecht!«
In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, talentvolle Maler Michael Vierkant um zehn Uhr früh zum ersten Preisträger der Akademie bestimmt worden sei.
An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das preisgekrönte Bild. Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer.
Zehntes Kapitel
»Zum schwarzen Walfisch von Askalon« hatte der bleiche Kapitän die Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der Übernahme, als Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens Frau geworden war.
Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum letzten Tage zäh wehrenden Mutter nach einem letzten großen Krach seine schöne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die vier Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach außen gestülpten Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten Zeit am Knöchel mit rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den ganzen Tag glückselig herum.
Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Bürger Meinung in gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr hübsche Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der »Schönen Mainaussicht« war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus Würzburg verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische Anstältchen auf Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden waren.
Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, als die frühere Kellnerin und jetzige junge Frau des roten Fischers halbe Tage lang in Winterkälte im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann gefangen hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr Mann allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin immer noch nicht nach Hause gekommen, dann ging sie ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn fand, trank stillschweigend und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er mit dem Daumen über die Schulter zurückwies und seiner Frau deutlich erklärte, was das für Hammel und Rindviecher seien.
Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt Karfunkelstein geworden, unterstützte seine Eltern und war mit seiner Liebsten verlobt. Er hatte eine schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen Sterbesakramente empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben und gemeint, es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe, er würde im Kopfe nicht mehr richtig sein. Der allzu viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die Knochen geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber war wieder gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas steifes Bein hatte er zurückbehalten. Jetzt war er wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen Kapitän, dem jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt.
Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei ihrem Hauptmann zu Gast zu sein, denn da waren der Kegelklub »Kanonenrohr«, der Radfahrerklub »Um die Welt«, die Rauchgesellschaft »Vesuv«, die streng auf das regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten.
Der König der Luft hatte dem »Turnerbund Jahn« eine Akrobatenabteilung angegliedert, von welchem Zeitpunkte an die Varietévorstellungen des »Turnerbundes« einen bedeutenden Ruf genossen.
Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch dem Angelklub »Walfisch« an, war Mitglied des Gesangvereins »Zwischen grünen Bäumen« geworden, dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte Mitglied des Vogelstutzenklubs »Löwenjagd« und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn er errang alle ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, die von keinem Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde.
Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, schmale Mädchen seinem Freund Falkenauge weggeheiratet. Den eine um zehn Jahre ältere Witwe geheiratet hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige Geschäftsfrau war und sehr resolut.
Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm ihr Häuschen und die Gärtnerei vermacht hatte, gehörte allen Vereinen zusammen an. Nicht nur, weil er für alle Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte, sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen weit überragender Charakterschauspieler und jugendlicher Held, für die Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich geschätzt und anerkannt war. Er hatte das schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie war eine junge, frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze band, die schönsten Stellen aus den klassischen Dramen vor. Und manchmal, wenn ein Freund bei ihnen saß, sagte sie zärtlich: »Mein Mann spricht genau so wie der Bürgermeister von Bamberg.«