Die Räuberbande

Chapter 17

Chapter 173,578 wordsPublic domain

»Ich will dir einmal etwas sagen.« Grünwiesler schob den Goulaschbrocken in den Mund. »Wenn nicht einmal deine eigene Mutter mehr an dich glaubt, dann . . . na weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz verheult zu Immermann gelaufen und erzählte ihm, was du für ein gemeines Bürschchen bist, weil du einen Haufen Geld hast, während sie und dein Vater sich vor Sorgen nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du's. Und jetzt verschwinde.«

»Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden mit den neunzig Mark . . . Ich verdiene doch später viel Geld und gebe dir alles zurück. Warum hast du mir denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast, und daß ich dir raten und helfen soll. Und warum hast du mich von Italien zurückgerufen. Sag mir doch. Bist du denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn jetzt sein.«

»Das wirst du schon sehen.«

»-- -- -- Du hast mich angezeigt«, flüsterten Oldshatterhands weiße Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, der lächelnd auf seinen Teller blickte.

»Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien verhaftet werden? Nein. Aber hier in München. Deinen feinen Brief und deine Photographie hat der Staatsanwalt.«

»Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit ich verhaftet werden kann? . . . Das alles hat Immermann sich ausgedacht. So gemein ist außer ihm kein Mensch«, sagte Oldshatterhand langsam.

»Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger Freund. Aber du hast geglaubt, ich sei ein Tölpel!«

Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und ging langsam durch das Lokal und hinaus. Der Dienstmann davor hob die Hand zur Mütze.

Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder Grünwiesler noch Immermann hassen, denn es fehlte ihm dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft war ihm entzweigeschnitten worden. Er atmete mühsam durch den weit offenen Mund. »He?« fragten seine schlaffen Lippen bei seinem vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam den Kopf -- er wisse nichts.

Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in der Brust, litt nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war niedergeschlagen. Mit den Fingernägeln versuchte er, sich in die Wange zu zwicken, und hatte nicht so viel Kraft, Schmerz zu erzeugen. »Frieren wäre wunderbar«, dachte er und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den Anlagen. Es war sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und Weste, schloß die Augen und blieb reglos hocken.

Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand, daß er seine Fußzehen und später die Beine bis über die Knie herauf vor Kälte nicht mehr fühlte. Er genoß, wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich nicht und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände hinunter. Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß. Und er glaubte, da jetzt sein ganzer Körper vor Kälte leblos war, daß die heiße Stelle in ihm seine Seele sei. Während sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb, beobachtete er seine immer heißer werdende Seele -- beobachtete er das Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das Fieber einen Hitzeschauer abstieß, der ihm durch den ganzen Körper flog.

Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand er auf und stampfte rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste in die Luft. Immer wilder werdend, tanzte er stampfend im Kreise herum.

Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte lautlos in sich hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte seine Kleider zu und ging in der Richtung nach seiner Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter seinem Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen seinen Sitz hat. Er sah die Gassen und Kirchtürme von Würzburg. >Es wird in den Würzburger Zeitungen stehen<. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit zurück. »Ruhig!« brüllte der Vater und stieß die Zeitung vom Tisch. Die Räuber lächelten verlegen und drückten sich an ihm vorbei. -- Der kann jetzt mit der Kriechenden Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er den Schreiber sagen. »Ich? Vierröhrenbrunnensteher?« schrie Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt bei seinem Vater, durch den abendlichen Wald marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein. Der ganze Verein pfiff: »Wenn die Schwalben wiederkommen.«

Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand weiter und pfiff gedankenlos »Wenn die Schwalben wiederkommen«.

»Die wer'n schau'n!« schrie ein Bäckerjunge mit einem Henkelkorb. Oldshatterhand schrak zusammen, zog die Schultern in die Höhe und eilte, mit seinen Gedanken in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett.

Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett und dachte. Wollte an seine plötzliche Einsamkeit nicht glauben und führte Gespräche mit Grünwiesler.

Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte und er den Satz las: In Sachen Franziskus Grünwiesler erhebt die Staatsanwaltschaft von München Klage gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter Aufforderung zu räuberischer Erpressung.

Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück vor dem Tageslicht. Ganz langsam ging er weiter, sah an den Häusern hinauf. Eine Frau schrie aus dem vierten Stock herunter: »Hansl! Ha -- -- nsl!« Er beobachtete den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu seiner Mutter in die Höhe blickte und ins Haus trippelte.

Ein Schutzmann schritt langsam vorüber.

»Marroni! Heiße Marroni!« lud ein italienischer Straßenverkäufer ein und hob den Zeigefinger. »Feine Marroni! Fünf Pfennig!«

Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete den Schutzmann. »Si si, Signore.« Der Schutzmann ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand weiter, versuchte die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich vorsichtig um und ließ sie in den Schnee fallen.

Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen schnurrbärtigen Mann in schwarzem Überzieher, der auf seinen Spazierstock mit Stahlspitze hüftlings gestützt stand, auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand hinüberblickte.

»Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter«, flüsterte Oldshatterhand, und sein Herz stand still. »Gerade weil er so unauffällig aussieht.«

Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, in dessen Spiegelglas er den Mann sehen konnte, der schräg über die Straße schritt, in der Richtung auf Oldshatterhand zu.

Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig weiter, nicht zu schnell, bis an die Ecke, und begann zu rennen.

Der Mann stieg in die Elektrische.

Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer vom Würzburger Sanderrasen ein; da zwang er sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust hochgenommenen Armen.

Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag ein zweiter Brief. Eine Vorladung ins Justizgebäude, Zimmer Nr. 86.

* * * * *

Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem Türschild.

»Ich heiße Michael Vierkant.«

Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand auf, wies auf einen Stuhl am Schreibtisch, setzte sich dazu, legte einen Maßstab auf die Aktenmappe, nahm ihn wieder weg, blätterte. »Sie haben da einen Brief geschrieben. Einen recht leichtsinnigen Brief.«

Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, und nur die Überlegung -- er würde vielleicht sein gutes Gefühl aus sich herauslächeln und wieder den Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln.

»Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?« Der Arzt beobachtete Oldshatterhand unmerklich und scharf, und es schien, wie wenn er etwas ganz anderes in Erfahrung bringen wolle, als das, wonach er fragte.

»Der Maler Immermann steckt dahinter«, begann Oldshatterhand und machte eine Handbewegung um den Arzt herum in die Zimmerecke. »Sehen Sie, Herr Doktor, Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte es dem Bürgermeister, einem alten Bauern. Der nahm das Bild in die Hände, besah es genau, ganz genau, ging damit in die schattige Zimmerecke -- aber die Sonne auf dem Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und so, bis ihm Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen ist gemalt. Das konnte der Bürgermeister gar nicht begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr Doktor, nicht das Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen konnte, solle die sechstausend Mark bekommen.« Oldshatterhand schloß die Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte.

Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, daß des Arztes linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen zuckte. Er hätte nicht sagen können, weshalb ihm dieses Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf das Zucken. »Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen . . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf zur Seite . . . So, dachte ich mir, stellt er sich vor seine Tante hin und sagt: Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler Immermann diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von Anfang an wahr gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich erschossen . . . Und darauf kommt es doch ganz allein an . . . Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt Immermann und sagt: so und so -- und Grünwiesler ist auf einmal ein schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. Aber Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger Mensch geblieben, sein ganzes Leben lang, wenn Immermann nicht so und so gesagt hätte . . . Das denke ich.«

Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend sagte er: »Ich glaubte, ich würde etwas von dem Geld bekommen. Vielleicht tausend Mark.« Und er hatte dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über einen Abgrund zu laufen.

Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus der Aktenmappe hervor. »Warum haben Sie denn dem Herrn Grünwiesler Ihre Photographie geschickt?«

Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. ». . . Hat er also wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler bat mich in dem Brief, ich solle ihm mein Bild senden; er wolle wieder einmal das Gesicht eines Freundes sehen . . . Und hat dann meine Photographie der Polizei übergeben. Jetzt sagen Sie einmal selbst«, schloß er langsam.

»_Sie_ haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, er solle seiner Tante die sechstausend Mark wegnehmen?«

Oldshatterhand sprang auf. »Ich? . . . Ah!« rief er langgezogen und wühlte in seinen Taschen nach dem Brief Grünwieslers. »Hier! Sehen Sie! Hier können Sie's lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst: Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und lebe in schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß an. Gib mir einen Rat, was soll ich tun. Dein lebenslänglicher Freund . . . Und dann hat _er mich_ angezeigt. Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit Bleistift geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich solle ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann hätte er das ausradiert. Ich hab aber vergessen, den Brief zurückzusenden . . . Wissen Sie, ich hab sehr gern, wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer zum Beispiel. Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar unordentlich. Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.« Oldshatterhand glühte. »Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, soll ich verbrennen. Jetzt weiß ich, warum er das gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich verbrannt.«

»Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt haben, ist sehr unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren Brief auch so lesen: Wenn Du mich anzeigst, erschieße ich _Dich_.«

»Mich! Mich! heißt es natürlich«, rief Oldshatterhand und lachte sein irrsinniges Lachen ». . . Erschieße ich _dich_? . . . _Vor deinen Augen_? . . . Das geht ja gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen Augen.«

»Auch so, auch so ist's schlimm«, meinte der Arzt, und es klang, wie wenn er gesagt hätte -- Grünwiesler ist ein Lump, aber Sie werden bestraft. Der Arzt spielte mit dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte Drei- und Vierecke -- einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur Tür. Ganz plötzlich saß die Last wieder über seinem Herzen. »Und dann -- es war ja auch so furchtbar, daß ich die Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu«, sagte er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den Blick suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus.

Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren. Eine Tür wurde aufgerissen, ein Diener trat heraus, schnell, riß die Tür zu und schloß sie ganz leise. Oldshatterhand schlug Goulaschgeruch in die Nase. »Letzter Hieb«, sagte er.

»Wie?« fragte der Diener.

»So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.«

»Granat!« rief eine Männerstimme. Der Diener schnellte herum und ging wieder ins Zimmer.

»Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem Fahrrad mit neunziger Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren ist.«

Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte.

Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu.

»Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, zu einem Galgen . . . Man müßte einen Zirkel konstruieren, mit dem man Ovale ziehen kann. Einen Ovalzirkel. Das wäre eine Erfindung«, dachte Oldshatterhand; er stand noch immer an der selben Stelle.

Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer und schloß die Tür leise.

»Da wurden früher die Verbrecher gehängt -- an den Galgen. Auf dem Letzten Hieb . . . Erschieße ich _dich_? Was! Nein! Erschieße ich _mich_! Mich! hab ich geschrieben«, schrie er und stürzte mit ein paar Sprüngen zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall ins Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. »Erschieße ich _mich_! Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße _mich_!« rief er drohend und schloß, sich dabei aufrichtend, die Tür.

Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn ein Gerichtsdiener ein und führte ihn zum Arzt zurück.

Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines Kindes ansieht. »Würden Sie noch einmal so einen Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein bißchen.«

Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend zur Zimmerdecke in die Höhe und dann auf den Arzt. »Das weiß ich nicht«, sagte er gedehnt. »Man tut mir unrecht. Aber daß man mir unrecht tut«, schloß er mit zuckenden Lippen und lächelnd, »das halte ich aus.«

Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still und aufmerksam an und spielte mit der Photographie, stellte sie auf, betrachtete sie, ließ sie umfallen. Während dieser Stille dachte Oldshatterhand daran zurück, daß er als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und sich den Schlag ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte zum Arzt: »Die Polizei weiß, wo ich wohne. Sie muß kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich halte lieber alles aus.« Er sah den Arzt an. »Jetzt gehe ich. Adieu.«

»Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich haben?«

»Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? . . . Sie gehört doch eigentlich mir.«

»Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den Akten bleiben.«

»Bei den Akten?« fragte Oldshatterhand, und seine Mundhöhle wurde trocken. Die Angst sprang ihn an. Der Arzt beobachtete die Veränderung.

»Ich hab nur geschrieben -- erschieße ich mich vor deinen Augen. Vor deinen Augen! . . . Wirklich.« Der Arzt nickte einige Male leise und sah dabei Oldshatterhand an.

»Wirklich«, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen noch einmal. Da breitete er die Arme aus und stand wie ein Gekreuzigter. »Manchmal weiß ich, daß ich der Unfähigste und auch der Gemeinste bin und der Niedrigste. Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der Größte von der Welt!«

Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die Arme schnell sinken und ging flammend aus dem Zimmer.

Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem Märchenbilde zu malen, das für die Preisaufgabe der Akademie bestimmt war.

In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am dritten Tage war das Bild fertig. Eine feuchte, dunkle Gasse; auf den Stufen vor den Häusern saßen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen, violetten Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser warteten. Es war die Hurengasse von Frankfurt am Main. An den Eingang der Gasse hatte Oldshatterhand sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die langen, gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb abwehrend, halb zugreifend.

Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde.

Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. In den Zeitungen wurde das Bild später mit einem Werke Daumiers verglichen.

Er versah es mit einem Motto und sandte es an die Akademie.

Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte während des Malens mit ihr gekämpft. So hatte er die Angst ertragen. So war das Grauen und die Süßigkeit in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war, legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. Er sah keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte er nicht beschleunigen.

Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, kannte und grüßte, erwiderten seinen Gruß nicht, weil sie von Grünwiesler unter Verschweigen der Lockbriefe den Fall erzählt bekommen hatten. Die Verleumdung griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr auf die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander verschränkten Hände zwischen seine Knie hängen und sah stundenlang vor sich hin. Von seinem Charakter gefangen, unrettbarer als im Gefängnis.

Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge nach Würzburg, aus dem vagen Gefühl heraus -- die zwanzig dort verlebten Jahre, seine Kindheit, seine Mutter, irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit zur Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten.

Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. Seit Tagen hatte er nichts genossen. Eine hagere Dame gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort betrunken. Aber es wurde ihm sehr gut. »Sie!« rief er plötzlich, »wenn der Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte -- nur um mich zu erschrecken!« Und beugte sich zu der Dame. »Deshalb habe ich ja auch an den Letzten Hieb gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt worden sind, an den Galgen. An den Galgen!« flüsterte er.

Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé. Reisende drängten sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig zu Oldshatterhand hinein, der auf der anderen Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen waren kaum zu unterscheiden von der hellen Luft. Oldshatterhand hörte ein Glöckchen dünn Sturm bimmeln und sah auf der Landstraße zwei Männer mit Feuerwehrhelmen aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf den Brand zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer, der auch einen Feuerwehrhelm aufhatte und die Männer überholte, die ihm etwas zuschrien. »Das wird wohl niederbrennen«, sagte Oldshatterhand bedauernd und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über einen schwarzen Acker auf den Brand zustolperte.

In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die Straßen, sah den Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise herumwirbelte, des Weges kommen, floh vor ihm im letzten Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich stundenlang um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater gehetzt von der Arbeit nach Hause kommen und wieder zur Arbeit gehen, und fürchtete die alten Augen seiner Mutter.

Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde Nacht.

Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer seiner Eltern verlöscht wurde, horchte auf das Weinen eines kleinen Kindes. Ein Pferd stampfte im Stall neben ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum Kopf des Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd würde ihn mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt anschauen. Er zog den Kopf ein, da er die Güte des Pferdes fühlte im Gegensatz zur verächtlichen Stille seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen hinaufzusteigen.

Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen Schloßberg.

Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand sah den Militärposten vor dem Schilderhaus stehen, beide Arme übers Gewehr und den Bauch zusammengeschlagen. Der Posten sah in den Himmel, auf seine Stiefel und begann auf und ab zu gehen.

Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die Linden rochen. Er hörte ein Lachen und unterdrücktes Mädchengekicher; vielfüßige Schritte näherten sich. »Ja, mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen. Hohaho!« hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde zu einem Eisklumpen.

»Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter und sechzig weit gesprungen bin, dann wer ich doch auch noch über diesen dreckigen Graben springen können«, antwortete der bleiche Kapitän.

Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne stehen. Eine Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand konnte alle Räuber erkennen und hörte den Wachtposten dunkel sprechen.

Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein blondes, schmales Mädchen trennten sich von der Gruppe, sprangen plötzlich, Hand in Hand, auf Oldshatterhands Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den Rasen.

Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine komische Tabakspfeife zwischen den Zähnen. Sie ging erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig nach unten. Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der bleiche Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand entfernt. Die andern hatten sich zu den Mädchen gesetzt.

»Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben spring? Gleich beim erstenmal.«

»Hohaho! Eine Maß.«

»Auf Ehr?«

»Allemal!«

»Also, ihr seid Zeugen.«

Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige Pfeife, dachte an den Meterstab des Gerichtspsychiaters und schluchzte nach innen. Den Mund gehetzt offen, glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen sein Herz trafen.

Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch den Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere Pfeife wieder richtig zwischen die Zähne zu bekommen, damit er sie halten konnte.

Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän zurück. Und Oldshatterhand mußte schnell niederknien, um von ihm nicht gesehen zu werden, denn der Lindenstamm verjüngte sich nach oben. Vor Angst, gesehen zu werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur das kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen Kapitäns. Fräulein Schlauch schrie. »Angstorschel!« sagte der bleiche Kapitän, stülpte die Lippen nach außen und setzte sich neben seine Braut. »Na, Schreiberlein? Deine Maß ist futsch.«

»Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und trinken sie . . . Liesl, gehst du mit?«

»Aber nein«, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf den Rücken nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum Mond. Der Schreiber schob seine Hand unter ihre Hände.

Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden schmalen Mädchens gelegt, das sich leise wehrte und ihn dann anlächelte. Da nahm er seine Pfeife aus dem Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife.

»Aber paß auf darauf«, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, und näherte sein Auge dem blonden Mädchen, die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn dann doch an Falkenauges Wange lehnte.