Chapter 16
Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den Schreiber, sah erst interessiert dem Totlaufen der Billardkugel zu, und richtete sich streng auf. »Bitte sehr! Sie sind hier nicht in einer Menagerie!«
Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen.
»Also und, wart bis der Leutnant fort is.«
»Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken«, wandte sich der bleiche Kapitän an den Fremden, »aber wenn das Knochengerüst dort schreit: Menagerie! -- da sagen Sie einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das Kreuz einschlagen soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt: >mein Vater ist ein Trottel<, kriegt sie eine Maulschelle.«
Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den Leib und wandte sich seinen Freunden zu: »Wissen Sie, daß es in Süddeutschland gärt? Im Westen. Der Osten rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime Verbindung. Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber fluidisch kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen Fäden in der Hand! Ich!«
Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe; ihre Augen öffneten sich starr. »Ich denke in Oktaven -- ganz schnell! ganz schnell! bis zurück, da ich ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine Mutter durch den Sommergarten gehen«, flüsterte sie, »und mein weißes Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich drei Jahre alt.« Sie wachte auf. Der Lange strich ihr beruhigend-zärtlich über die Hände.
Der Leutnant verließ das Café.
»Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.«
Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre an. »Sind Sie schon oft mit hinaufgeflogen?«
»Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.« Er stand auf, streckte das Bein wagerecht aus und begann den Kanonenstiefel zu kreisen. »Also seit fünf Wochen Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was man kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann steht man und gafft die Kasernenhofmauern an . . . Oder Kopfrollen.« Der König der Luft rollte den Kopf. Die Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da.
»Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein Trumm Fleisch. Und Kartoffeln, soviel man will . . . Alles was recht ist . . . Aber also und, was machen wir denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?« Alle blickten auf den Billardspieler.
»Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen wollen, müssen wir aber sofort gehen«, sagte der Fremde und stand auf.
Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch und die Liebste des Schreibers in ein Hotel gebracht. Die Räuber verabschiedeten sich vor der Tür: sie schliefen in einem anderen Hotel.
Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz bevor der Zug nach Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand. Er war verlegen. »Weißt du denn eigentlich, daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken bin?«
»Wie meinst du das? Siebzehnter?«
»Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von Unterfranken und Aschaffenburg.« Er entkleidete sich.
Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän. Die Beine waren ein wenig zu lang, ein wenig zu dünn, und ein wenig O-geformt, und schienen den kolossalen Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum tragen zu können.
Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht mehr Oldshatterhand -- sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand bestimmt und mit einem neuartigen Lächeln im Gesicht: »Du mußt der erststärkste Mann von Unterfranken werden«, und empfand erschauernd die Distanz zwischen dem nackten Jüngling und sich.
Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus Würzburg. Der bleiche Kapitän war der fünfzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken und Aschaffenburg geworden.
Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand in der Kammer und rezitierte den Faustmonolog. Denn noch am selbigen Tage wollte er zu Konrad Drauer gehen und ihm vorsprechen.
Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen Garten. Seine Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, rezitierte laut und agierte mit den Armen. Freude und Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine Jugendjahre so gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte.
»Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.«
»Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, Theobald Kletterer ist da.«
»Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler vor dem Hause stehen sehen. Er kann jetzt keinen Besuch empfangen. Hat keine Zeit.«
»Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . . Ich bin extra von Würzburg mit hierhergefahren. Es ist eine Entscheidung fürs ganze Leben.« Er hob die Arme.
Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ die Rote Wolke eintreten.
»Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. Theobald Kletterer aus Würzburg.«
»Ja, und?« Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt, hob die Augenbrauen und sah auf die Uhr.
»Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie gottbegnadeter Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten Muse . . .«
»Sie sind Gärtner? Nicht wahr?«
»Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, Herr Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es besser machen kann als ich.« Hingegeben stieß er die Arme nach rückwärts und begann.
»Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch einmal . . . vor fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen genau so wie der Bürgermeister von Bamberg.«
Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. »Ich bin aus Würzburg.« Und begann von neuem.
Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen Zigarre ab und faßte die Rote Wolke am Rockknopf. »Sie sind zu klein für die Bühne. Viel zu klein.«
Der Mund stand offen, rund und schwarz.
»Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn als Gärtner?«
»Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen, das ich einmal erben soll.«
»Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie mir, das ist ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben Sie Gärtner. Sie haben Ihr Auskommen. Hunderte Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist ein Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine Zeit mehr. Grüß Gott.«
Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog die Uhr. Und begann zu rennen. In zwanzig Minuten ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete stärker, mit Frühjahrshagel vermischt.
Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß der Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé steigen, worauf der Zug sich in Bewegung setzte. Und die Rote Wolke wußte nicht, ob der salzige Geschmack auf der Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen kam.
Neuntes Kapitel
Oldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe auf dem Kirchplatz von Basel und sahen hinunter auf die Stadt und den Rhein.
Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß sehr schnell, vom schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, über den reißenden Strom.
»Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und Maler den Deutschen dargestellt haben«, sagte der Fremde in Gedanken.
»Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf dem Würzburger >Käppele<. Nur ist dort alles kleiner. Der Rhein sieht gefährlich aus.«
»Der Main ist lieblich,« sagte der Fremde. Er hatte Oldshatterhand zu einer Italienreise eingeladen.
Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem Kirchplatz hatten schon braune, harzglänzende Knospen. Zusammengesunkener Altschnee lag noch in den Ecken. Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne.
Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt hinein.
»Gott ist überall!« rief der Pastor und schlug auf die Kanzel. »Gehet hinaus in die Natur, und ihr werdet Gott schauen. Im Wald, in den Wiesen, im Bach, in den Blümlein, im Gestein.« Seine Stimme war leiser und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: »Aber auch zu mir müßt ihr kommen! Denn ich kann euch mit Gottes Hilfe den Bach und Wiesen zeigen und Blumen, auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . . Kommet! In der Natur ist Gott!« Der Pastor schlug die Bibel auf.
»In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,« sagte Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf dem Kirchplatz standen. »Ganz, ganz anders . . . Der Pastor hat schöne Dinge gesagt.«
In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der Morgendunst. Den beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen und schwarzen Häuserflächen entgegen. Die Gebirgsketten der Alpen standen still.
»Das Meer!« rief Oldshatterhand und schnellte mit einem Satz zum Fenster.
»Nein, das ist nur ein See.«
»Nicht das Meer?« So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand noch nicht gesehen.
Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler wurden enger. Vom Wagenfenster weg stieg die nasse Felswand senkrecht empor.
Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in die Nacht. Die Luft im Tunnel war muffig vom alten Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand unwahrscheinlich lang vor, viel länger als die vorherigen. Da wurde es heller -- und hell, und der Zug sauste mitten in den Frühling hinein. Kein Schnee mehr. Blumen standen im Geleisegraben, und an den dunkelfelsigen Abhängen blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, und verschwand im weißen Himmel.
Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften Frühlings wegen froh war und seine Freude nicht verbergen konnte, und sah auf die fremden, italienischen Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und zerfallend.
Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter der Durchgangstür und sang den Gästen der zweiten und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in Schweiß und sammelte dann.
»Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen sehen. Der sah genau so aus wie dieser Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und sammelte. Sprach aber selten ein Wort.«
Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. Kleine Italiener, Knaben und Mädchen, rannten barfuß auf dem mit Schuttsteinen bedeckten Bahndamm neben dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu erhaschen.
Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, achteten die von den spitzen Steinen verursachten Schmerzen nicht, und schleuderten ihre Blumensträußchen, schon ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite. Da flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und bildeten einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste und Füße, als der Zug schon verschwunden war.
Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei.
»Was ist das?«
»Das Meer.«
»Das Meer?« Betroffen blickte Oldshatterhand auf den drohenden, grünen Wasserstreifen, der so schmal war, daß er manchmal von den flatternden Hemden und Windeln, die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens machte Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer weiter.
Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt und gespreizt in die Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand zum Meer.
Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg hinunter, bis zum schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne die mächtige, weiße Stadt Genua.
Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen unterm Arm schritt auf dem Perron am staubigen Zug entlang und sang: »Co . . . rri . . . ere Della Sera. Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.«
»Das klingt wie ein schönes Lied«, sagte Oldshatterhand und lächelte, weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich vorgebeugt standen und mit dem Zeigefinger auf ihre Brust deuteten: »Si Signore? Si Signore? . . .«
Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von einem rot und weiß gestreiften Riesensonnenschirm, durch die vom Korso belebte Hauptstraße, bis zu einem der alten Paläste.
Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der Decke hängende große Ampel schon brannte, obwohl es noch hell war, reichte der Portier dem Fremden ein Telegramm.
»Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach Spanien. Zu meinem Freund.«
Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem Koch und dem Portier war Oldshatterhand allein im stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen Salon, und an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal hörte er den Schlüsselbund klingen und verklingen.
Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. Und die Sirenen erklangen unaufhörlich im nahen Hafen.
Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen Sommer über, auch wenn der Fremde nicht mehr zurückkehren könne.
Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen Hafen. Neben ihm saß wieder reglos der alte Neger mit den weißen Wollhaaren an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus, in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette.
Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich und schnell wie Wasserinsekten.
Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und Bettstücken. Die Männer warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige Großvater döste vor sich hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern mit schönen gelben Koffern gefolgt, hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen Leinenanzügen und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm aus der Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, welche die Kaimauer mit dem Schiffskoloß verband.
Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen wurde. Die Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrängt, blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die Zurückbleibenden.
Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit dem Schiffskoloß, der schwerfällig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als das Tau sich straffte. Der kleine Wasserschießer ereiferte sich, geiferte, zischte und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum sichtbar vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch, während die Auswanderer reglos standen und auf das allmählich entgleitende Hafenbild zurückblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden konnten.
Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand seine Augen endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers losriß und neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen hatte. Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles Loch zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabfälle, ein Weidenkorb schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der alte Neger saß noch immer reglos und starrte nach Afrika.
Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er nicht kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer über die alte Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor Todesangst, denn er empfand den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins schwarze Hafenwasser sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper vom Wasser weg und schwankte zurück.
Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den Salon, lächelte und gab Oldshatterhand einen Brief. »Una lettera, Signore.« Sie zündete die drei Kerzen im Standleuchter an, lächelte und ging.
Franziskus Grünwiesler schrieb -- er habe sich nach Oldshatterhands Rat vor seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt: Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen lassen, ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn je in Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung lebe, plötzlich verhaftet zu werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft willen, die sie miteinander verbinde, gleich nach München zurückkommen, damit er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten könne, was zu tun sei. Er möchte am liebsten von den sechstausend Mark ein altes Häuschen kaufen, irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit Oldshatterhand zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden zu werden. Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek kommen, dort kopiere er den ganzen Tag. »Ich bitte Dich, verbrenne diesen Brief sofort.« Dieser Satz war unterstrichen.
»Erschieße ich mich . . . _vor deinen Augen_, habe ich geschrieben«, sagte Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der während des Lesens immer beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die aber den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: »Schließlich darf eben doch kein Mensch, wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen.«
Aber schon während er packte, entschwand ihm das klare Bewußtsein wieder -- weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen dürfe, unversehens wie ein Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind.
Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang hatte bleiben wollen.
Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens hinüber, und er schloß seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. Napoleon schritt über hunderttausend Leichen weg auf sein Ziel los. »Und ich bin vielleicht noch größer als Napoleon!« rief er in steigender Begeisterung und legte beide Hände in die Hüften.
»Niente Napoleone«, erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein graues Schloß, »una castello Genova.«
Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän gesagt hatte: Kraft ist die Hauptsache auf der Welt! und lächelte bei dem Gedanken -- daß des bleichen Kapitäns Kraft und seine Kraft zweierlei seien.
Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berühmter Maler werden zu können, hatte gerade noch für die Rückfahrkarte gereicht.
Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in München an. Da lag Neuschnee. Und auf der Fahrstraße spritzte das schmutzige Schneewasser hoch, als Oldshatterhand sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der Taurolle neben dem alten Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des Hafens von Genua.
Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in die Alte Pinakothek.
Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der Susanna von van Dyck und äugte angestrengt auf seine Kopie und zurück aufs Original, sah auf und stierte erschrocken Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie sein Freund Immermann, was Oldshatterhand erstaunt beobachtete. Dann erst stieg Grünwiesler von der Leiter herunter und hieb, in sich hineinkichernd, Oldshatterhand die Hand auf die Schulter: »Da bist du ja. Das war lieb von dir.«
Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem Lippenverziehen Grünwieslers nach und fühlte einen Knoten in seiner Brust. »Die Stirn ist zu hoch«, sagte er und deutete auf die Kopie.
»Meinst du?« Er verglich. »Du hast recht.« Und stieg wieder auf die Leiter.
Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler entdeckt hatte. »Wollen wir nicht fortgehen? Hier können wir ja nicht sprechen.«
»Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er kopiert hinten im Murillosaal.«
»Den können wir doch jetzt nicht brauchen.«
Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah Oldshatterhand mit seinem Kanarienvogelblick an. »Ich hab's ihm versprochen. Er ist ein guter Kerl. Ich hole ihn gleich. Warte ein bißchen.«
Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah auf die Susanna von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der Druck war wieder da.
Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte aufgeworfene Lippen, eine Stülpnase, und seine hohe Stirne war trotz der vielen Falten ausdruckslos, wie die eines unheilbar Verblödeten.
»Jetzt gehen wir essen«, sagte Grünwiesler und lachte fröhlich. Und auf der Straße sagte er: »Jetzt, was meinst du eigentlich zu der ganzen Sache? . . . Wo soll das Häuschen stehen? Im Spessart?«
Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in der Mitte ging, die Augenbrauen in die Höhe zog und beiden die Hand auf die Schulter legte. So gingen sie weiter.
Oldshatterhand wurde lustig. »Wir lassen das alte Häuschen ganz umbauen, machen eine Lambrie aus braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer herum, und darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und Zinngeschirr . . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei sein.«
»Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn Geld zu einem Haus?«
»Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich ein Häuschen kaufen will . . . Es kommt nur darauf an, ob man das Recht dazu hat.« Oldshatterhand lachte siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein und drückte Oldshatterhand die Schulter.
»Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.«
»Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. Das können Sie nicht verstehen.« Oldshatterhand reckte sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Jetzt essen wir, und dann wollen wir weiter sehen . . . Ich habe aber gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen kaufen zu können.«
Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. »Du bist eingeladen.«
Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende Studenten saßen, und setzten sich an einen runden Tisch mitten ins Lokal.
Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig; Oldshatterhand hatte keinen Appetit, suchte immer noch auf der Speisekarte und bestellte eine Hummermayonnaise. Die kostete eine Mark dreißig Pfennig. Grünwiesler sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen.
»Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal arbeiten.«
»Du und ich, wir halten zusammen«, erwiderte Grünwiesler und hieb Oldshatterhand die Hand auf die Schulter.
»Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle Ausstellungen schicken. Kopieren darfst du nicht mehr so viel. Das ist doch nicht das Richtige. Kopieren kann jeder.«
Er schob die Hummermayonnaise zurück. »Ich hab keinen Appetit.«
Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie plötzlich: »Jetzt halt ich's nicht mehr aus! . . . Meinst du denn wirklich, ich hätte meiner Tante ihre sechstausend Mark gestohlen!« Er starrte Oldshatterhand an.
Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler Luft ausgefüllt zu sein bis zum Gaumen. »Du hast die sechstausend Mark nicht? . . . Warum hast du mir denn dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?«
Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch auf der Gabel und starrte Oldshatterhand immer noch an. »Ich wollte eben erfahren, was du mir darauf antwortest. Verstehst du?« Er lachte und sah Bratmund an.
»Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen lassen, damit ich dir helfe? Das hättest du doch dann nicht zu tun brauchen . . . Ich wohnte in einem Palast.«
»Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir einmal sagen, was _du_ nicht hättest tun dürfen . . . Du hattest neunzig Mark, und hast mir den ganzen Sommer über im Spessart nichts davon gesagt und dich von mir erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich Esel glaubte, du wärst mein Freund.«
»Ich bin kein ganz gemeiner Kerl«, flüsterte Oldshatterhand. »Ich wollte doch mit den neunzig Mark Maler werden. Wer hat's dir denn gesagt, daß ich neunzig Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein Bild verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.«