Chapter 15
»Michael Vierkant«, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand schlug die Augen fragend auf zu der schönen Dame, weil sie auch ihm die Hand zum Kusse reichte.
»Und Sie wissen ja selbst«, beendete die Dame das Gespräch, »daß es gefährlich ist, sein Leben lang konsequent in einer Linie zu gehen. Denn nebenher und kreuz und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an manchen Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten der Irrsinn und der Untergang. Aber leben Sie wohl, bis dahin«, schloß sie scherzend und ging.
Oldshatterhand setzte sich und sah umher.
Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze um und hielt es gegen das Licht. Es glich in der Farbe genau seiner mit unzähligen violetten Äderchen besetzten, käsigen Gesichtshaut. Er goß die Preiselbeermilch in den Magen.
»Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des Lebens?« fragte Oldshatterhand den Fremden, der ihn gerührt ansah, wie man eine Jugendphotographie von sich betrachtet.
»Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im Leben, sonst komme man unter die Räder.«
Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich gedemütigt, weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß bedeutet. Danach zu fragen, brachte er nicht über sich.
»Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft«, erklärte der Fremde; »die Herrschaften, die feinen Damen, die da wohnen, wollen nur elegante, ganz leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer wieder: ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur die halten etwas aus, -- bleibt konsequent und macht lieber bankerott, als leichte Schuhe.«
»Ah da!« rief Oldshatterhand und sprach mit den Händen mit. »Mechaniker Tritt arbeitet ein Vierteljahr lang an einem seiner elektrischen Türschlösser, auf die er stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein Schloß aber in einer Woche fertig haben.«
»Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht solle, meinte die Dame.«
»Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer wieder eine Frau mit Geld.«
»Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!«
»Ja.«
»Das ist ein Lebenskünstler.«
»Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler, sondern ein hundsgemeiner Lump.«
»So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler. Und wer keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt. . . . Es gibt unendlich viele, verschiedenartige Kreuze, und an allen hängen Menschen daran.«
Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend sah er den Fremden an, denn er glaubte, sich selbst lachen zu hören. Der Fremde hatte das irrsinnige Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz nahe hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend, flüsterte er jetzt: »Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer Einsamkeit. An diesem furchtbaren Kreuz hängt _der_ krummgenagelte Mensch, der nicht mehr rachsüchtig sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß, daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder nur ein armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man ja auch ihn so lange gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat, bis er ein bösartiges, gefährliches Tier wurde . . . Der Mensch, der das weiß und danach handelt, der hängt an dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten, einsamsten Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er nicht zurückschlägt.«
»Das ist Jesus Christus«, sagte Oldshatterhand ganz langsam.
»Höre einmal, du.« Der Fremde faßte Oldshatterhand an die Schulter; seine Stirne wurde tiefrot und sprang vor. »Es gibt viele Christusse.«
». . . Nur einen hat's gegeben.«
»Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt sie nicht. Will sie nicht kennen!« Die Stirne des Fremden wurde sichtbar weiß; er richtete sich auf. »Ober, sehen Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.« Der Kellner eckte von Tisch zu Tisch.
»Laaaa«, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete dabei langsam die Arme aus. »G-Dur, verstehen Sie«, schloß er brüllend.
Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben dem Büfett. Nur manchmal gab er dem Ober mit dem Augenlid ein Zeichen. So saß er seit dreißig Jahren. Sein Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter seinen Augen sank faltenbildend übereinander.
Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein Trupp neuer Gäste schob sich durchs Lokal.
Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel stachen hervor; fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste auf einen langen Italiener zu, der eine Zeichnung hochhielt.
Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr den Kopf und sah wieder vor sich hin.
»Ich kannte zwei Maler.« Der Fremde saß bequem zurückgelehnt. »Beide waren ganz arm, sehr begabt und ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine hat sich in Paris erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in Berlin -- Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen stehen und das Gewehr präsentieren vor einem loyal dankenden Feldhasen in Generalsuniform . . . Dieser Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn er verdient mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird ein Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß schließt.«
»Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto lenken.«
»Nein, Sie nicht«, sagte der Fremde im selben Tonfall, in dem er damals auf der Höhe von Würzburg gesagt hatte: nein, Sie sind nicht schwach.
»Da erschieße ich mich lieber auch.« Oldshatterhand warf den Kopf in den Nacken. »Das glauben Sie nicht? . . . Da kennen Sie mich nicht«, schloß er geringschätzig.
»Doch, ich kenne . . . mich.«
». . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.« Oldshatterhands zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. »Der Lehrer Mager hat mich einmal ins Gesicht geschlagen mit dem Rohrstock, immerzu, bis ich am Boden lag. Weil ich meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, der Lehrer . . . hier an dem Tisch wenn er säße.«
». . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in dieser Stadt herum, weil es die Atmosphäre der Stadt anders nicht zuläßt . . . Der Katholizismus, die Klöster, Mönche und Priester, die engen Kurven der Gassen mit den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen, grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen von Jugend an . . . So eine Stadt bringt Böse hervor, die schon als siebenjährige Kinder Sünden beichten mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige, bucklig Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder . . . auch Künstler. Und Menschen wie den Lehrer Mager . . . Daß der Herr Mager von Ihnen verlangt, Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung auf dem Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.«
»>Gemein< habe ich nicht gesagt.«
»Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht nur die Stadt, die Mitmenschen, die Bestimmungen der Schulbehörde den Herrn Mager zu so einem harten Lumpen gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich dafür, daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt hat, an seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos und ganz unschuldig.«
»Glauben Sie?« fragte Oldshatterhand tief betroffen.
»Halt!« brüllte da der Fremde entsetzt. »Nein nein nein! Rächen Sie sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis er am Boden liegt!« Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, schloß er, er lachte sogar, und es klang überzeugend: »Das braucht Sie gar nicht zu kümmern, was ich da vom Leben und von der Stadt gesagt habe . . . Das habe ich nur so gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, den Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: Herr Mager, Sie sind ein Lump! Ein Lump sind Sie!« Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und lange, und als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch.
»Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . ist das möblierte Zimmer!« rief ein junger Herr, der allein Billard spielte, hartstimmig einem anderen zu. Er trug eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf gehalten und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm lang und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. Oldshatterhand sah ihm schon eine Weile interessiert zu und fragte endlich, warum der Herr seine Pelerine nicht abnehme beim Spiel.
»So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen Winter. Er hat ein Loch in der Hose.«
»Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager doch lieber . . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich ihn wieder einmal sehe auf der alten Brücke.«
»Sooo?« fragte der Fremde und sah erbleichend und starr auf Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal.
»Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete Ziffernblatt.«
* * * * *
Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen Genuß und unterdrücktem Staunen den Gedanken des Fremden ganz leicht folgen können; jetzt, da er durch das Schneewasser nach Hause watete, verstand er nichts mehr von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam ihm sonderbar und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre des Cafés lastete unerträglich schwer auf ihm, wie früher eine Hausaufgabe komplizierter Rechnungen, von denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern Morgen ungelöst dem Herrn Mager in der Schule vorlegen mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu bekommen. Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er seiner Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er, daß er das Café wieder aufsuchen müsse, so gewiß wie die Nacht dem Tage folgt. Mit seinen Nerven hatte er das Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden, trennte von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als könne er das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung überwältigen, wollte er sofort zurückgehen und sich mit Brust und Fäusten dagegen stemmen. Da nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit ins Gehirn. -- Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der Lehrer Mager hat mich in der Schule monatelang gar nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse gesagt: von mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der Schreiber hat über mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat zehnmal mehr Charakter als ich. Immer waren alle kräftiger und geachteter als ich. Immer und überall war ich hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so einem schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und durch lächerlichen Kerl ein Künstler werden könne.
Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen blieben trocken.
Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, blieb er stehen, sah gedankenlos auf das große Bild in der Mitte, das eine Kreuzabnahme darstellte, wurde interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich den Herrn neben sich am Ärmel. »Das linke Bein ist viel zu lang. Sehen Sie? Sehr verzeichnet.« Auf das betaute Fenster zeichnete er mit dem Finger -- Schenkel, Knie und Wade. »So muß das sein! So!«
»Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe ich den Fehler auch.«
»Nicht wahr!« Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich auf, um zu kontrollieren, ob er größer sei als der Herr.
Der Herr war kleiner.
Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen Dame ins Gesicht und zog tief den Hut. Seine Augen glänzten. Er kannte die Dame gar nicht.
Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der Akademie beginnen. »Märchen« war als Thema gegeben. Die mannshohe Leinwand stand schon in der Kammer.
Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein Soldat, in Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte an den Wänden.
»Aber also und, also, das hast alles du gemalt?«
»Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?«
»Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon gemeldet«, sagte der König der Luft. »Hab aber immer noch keinen Ballon zu sehen bekommen. Also was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham sie mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen . . . Also weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen, mit hinauffliegen, das gibt's überhaupt nit. Höchstens einen Strick dürfe man halten, von einem lumpigen Fesselballon, so groß wie ein Waschkessel. Also so eine Saubande. Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig dazu gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich gleich gehen, zurück in die Kasern. Sonst krieg ich Arrest.« Er kroch unterm Tisch durch. »Am Sonntag über acht Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän, der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und übernächsten Sonntag kommen sie alle nach München, weil der bleiche Kapitän ein Preisstemmen mitmacht in Nürnberg. Und also dann kommen sie auch nach München und besuchen dich. Und also auch mich.« Der König der Luft deutete auf einen Mädchenakt. »Lassen die sich so ohne Kleider anguck?«
»Ja.«
»Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.«
Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung.
». . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich schleunigst gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie kommen alle zu dir her. Und also ich komm auch daher.«
»Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer gewesen wäre als ich? Es ist doch ganz gleich, ob ein Mensch einen Meter und siebzig oder einen Meter und sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit nachläuft! Vielleicht das ganze Leben lang. Und man bekommts nicht los. Mancher bekommts nie los.«
Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler. Grünwiesler klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest, in Lohr am Main, hocken müsse, bei seiner Tante, weil die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber kein Geld mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach München gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister in den Galerien zu studieren. Gerade jetzt, da er eine große Komposition begonnen habe, die er ohne Modell, das in dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei, nicht beendigen könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren in den Klauen der Pfaffen. Den ganzen Tag über hocke einer bei ihr, wenn sie nicht ihrerseits bei den Pfaffen oder in der Kirche sei. Er träume von Tonsuren und von Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler, solle nur sechstausend Mark in Obligationen bekommen, nach dem Tode der Tante. Aber dann nütze ihm das Geld auch nichts mehr.
Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu haben, denn der Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen Nachsatz. »-- Ich habe die für mich bestimmten sechstausend Mark in Obligationen, die in der Truhe der Tante lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, denn ich bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn sie entdeckt was ich getan habe. Ich bitte dich, bitte dich dringend, gib mir einen Rat. Was soll ich tun? Sende mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines Freundes sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus Grünwiesler.
Sende mir diesen Brief umgehend zurück.« Dieser Satz war auch mit Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen.
Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, hatte ihm gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm mit unendlicher Geduld die technischen Schwierigkeiten überwinden helfen und es Oldshatterhand ermöglicht, aus den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er vorwärts kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte.
Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers Brief sehr erregt, schrieb Oldshatterhand einen langen, wirren Brief voller Hingabe und Begeisterung und schloß: »Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem Revolver in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen.«
Er trug den Brief sofort zur Post.
Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in seine Kammer zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe. Der Entwurf wurde eine düstere, dunkle Gasse, mit unwirklicher Helligkeit darin.
Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand hatte vergessen, ihn zurückzusenden.
* * * * *
Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener Hauptbahnhofs und blickte hinaus in die blaue Helle, wo wie ein schwarzer Wurm der Nürnberger Zug gekrochen kam, in dem die Räuber saßen.
Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der Brust gefaßten weißen Pikeekleid, lachte verwundert, weil die Erregung Oldshatterhands sich auch ihr mitteilte. Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen Rosenstrauß vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt.
Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte aus. »Tyrannei! Acht . . . Stunden . . . Tag . . . Die Ruh, die Republik!« endete der Gesang der Räuber.
»Hohaho!« rief der Schreiber aus dem Coupéfenster, und der bleiche Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher heraus. »Den siebenunddreißigsten Preis hab ich!« Die Fremden lächelten.
Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, und wurden ganz still, als ihnen die schöne Freundin Oldshatterhands die Hand reichte.
Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht: die Liebste des Schreibers, und Käthchen Schlauch, die Braut des bleichen Kapitäns. Ihr Hut war flach wie ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen geschmückt. Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen Zöpfe dreimal um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen standen etwas vor.
»Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.« Falkenauge sah empor zur Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten empor.
Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen einander zu, und jede zog einen zerknüllten Schleier hervor.
»Und wenn's jemand in Würzburg erfährt, daß ihr diese Fetzen getragen habt, dann ist der Teufel los, und die ganze Stadt sieht euch über die Nase an«, schimpfte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen.
»Da geh mal her, Käthl«, rief der Schreiber und band dem grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier fest am Tannenzapfenhut. »So, Käthl, jetzt bist du eine feine Dame.«
»Die wollen ins Hofbräuhaus«, schmollte des Schreibers Liebste, »ich will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte will ich sehen, alle Hutgeschäfte.« Und mit einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt schloß sie: »Ich bin doch Modistin.«
Sie standen noch immer auf dem Platz. »Wo ist denn die große Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte ich ansehen.«
»Das is jetzt Nebensache«, sagte der bleiche Kapitän zu seiner Braut. »Aber daß hier die Leute genau so herumlaufen wie in Würzburg, das wundert mich. Ich hab gemeint, hier in München hätten sie alle Volkstrachten an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die hat einen alten Kartoffelsack an.« Die Malerin in Sandalen und Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit Männerschritten weiter. Ihr langer, giftgrüner Schleier flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten. Alle sahen ihr nach.
»Hoppla!« Im letzten Augenblick hatte der strahlende Oldshatterhand die Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen.
Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die Kammer Oldshatterhands.
An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein Männer- und ein Frauenakt. Die Mädchen sahen zum Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten herauf auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau schielten.
»Liesl, bist du auch so schön wie die«, sagte der Schreiber in die Stille. Die Modistin wandte sich zornig um und kroch aufheulend zur Tür hinaus. Sofie Meinhalt ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte sich auch Fräulein Schlauch zur Tür hinaus.
»Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt doch, wie Mädli sind.«
»Hohaho!« Der Schreiber war verlegen.
Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich nach innen. »Aber das hätt ich in meinem ganzen Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen malen kannst.«
Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau.
»Mit Kohle gezeichnet, was?« fragte die Rote Wolke. »Hast du's fixiert?«
»Ja.«
»Das hab ich mir gedacht.«
Die Räuber standen still um den Frauenakt herum. Sofie Meinhalt trat ein. »Ihr müßt jetzt hinausgehen. Die Mädchen wollen sich waschen.« Die Modistin wischte sich lächelnd die Tränen von den Augen.
Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und saßen auf den Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben.
»Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?« fragte Oldshatterhand.
»Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem kannst nimmer verkehr. Was glaubst denn! Der steht am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . . ein Vierröhrenbrunnensteher.«
»Ooooh!« sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete den ganzen Tag fast nichts mehr.
Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür auf und prallte zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien. »Also und hoppla! . . . Also so eine Dummheit!« Der König der Luft ging nach vorne und begrüßte die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war da. »Also wie lang brauchen denn die Schneegäns noch. Bis zwölf Uhr hab ich nur Ausgang. Also da verreckst . . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr dazu?«
Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm in Arm mit den Mädchen. Nach dem Essen wollten die Räuber Kaffee trinken.
Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé. Fräulein Schlauch hatte ihren Schleier wieder vorgebunden.
Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst abwinkenden Infanterieleutnant zusammen und marschierte stramm an ihm vorbei, die genagelten Kanonenstiefel auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren erschrocken auf.
Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp in das Café, saßen still zusammengedrängt beim Fenster und blickten eine Weile betroffen auf die sonderbaren Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt lächeln, worauf alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während der König der Luft die Räuber drohend anfunkelte und, das Kinn zur Tischplatte geduckt, zum Offizier hinwies, der jedoch ruhig in seiner Zeitung weiterlas.
Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang und schmal am Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch.
Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge Malerin, die nebenan auf der Polsterbank halb lag und durch die Nase rauchte.
Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener Semmel dem bleichen Kapitän, der staunend den Kopf schüttelte und sie verächtlich wieder zurücklegte ins Körbchen. »Davon verzehr ich dreißig Stück und weiß dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.«
Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der seine Freunde vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden. Der Fremde setzte sich an den Tisch dazu.
Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes Mädchen in einem Kamelhaarsweater, barfüßig in Sandalen, das auf die Malerin zukam, gefolgt von einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in einem Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel fiel ihm bis zu den Füßen und war vorne mit einer Sicherheitsnadel zugesteckt. Der Lange hielt die schmalen Schultern so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar verschwanden, und trug eine große Rundgläserbrille mit Kautschuk gefaßt. Neben dem König der Luft fiel er apathisch auf die Polsterbank.
»Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben, wem ich will«, rief erregt das weißblonde Mädchen. »Mein Vater ist ein Trottel!«
Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht lief blaurot an. Seine Augen glotzten vor Anstrengung. Er hielt die Faust auf den Mund gepreßt, pfutzte. Und lachte endlich krachend los.