Die Räuberbande

Chapter 14

Chapter 143,622 wordsPublic domain

Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof zu Immermann. Grünwiesler sah den Maler mit dem bittenden Kanarienvogelblick an und errötete unaufhörlich. Oldshatterhand ärgerte sich über den geringschätzigen Gesichtsausdruck von Immermann.

»Wie geht's mit deiner Gesundheit?« fragte Grünwiesler ängstlich.

»Wie es einem Herzkranken gehen kann.«

Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah betrübt drein. Oldshatterhand war wütend, weil er glaubte, Immermann prahle nur mit seiner Herzkrankheit.

Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand.

Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann sah ihn an, zuckte die Schultern und reichte ihm nur den Zeigefinger, den Oldshatterhand, überrumpelt und verwirrt, schüttelte, worauf Immermann die Lippen verzog.

Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand den Maler hilflos an, und als der Maler sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler zudrehte, dachte Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen -- einer ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger auch dazu. Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte und lächelte ironisch: Einen Finger? Wer wird so geizig sein! -- Viele schlagfertige Erwiderungen fielen ihm ein; er hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und als er sich dessen bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen und quittierte mit ironischem Lippenverziehen.

»Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es freut mich, daß du da bist«, sagte er und drehte Oldshatterhand ostentativ den Rücken zu. Grünwiesler sah beglückt auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne sich um Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte und sich haßte, weil er stehen blieb.

Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und sah interessiert auf die Gruppe, die um den Eber herumstand. Knecht und Magd hielten ihn fest; der kleine Arzt besah ein blitzendes Messerchen.

Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton aus. Der Arzt stand auf, lachte und warf etwas Blutiges auf den Misthaufen, das der Jagdhund beroch, aber nicht fraß. Alle Hühner stürzten darauf los, bildeten, auf- und übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und verließen interesselos den Düngerhaufen wieder.

Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann an, der die Lippen verzog, wie vorher bei der Dienstmagd. Der jetzt beruhigt grunzende Eber wurde in den Stall geschoben.

Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand auf die Schulter legte. Die blonde Frau trat vorsichtig leise vom Fenster zurück und sah dabei auf Immermann. Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen Augen.

»In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt, ein _Er_ ist das ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin ist sein Fleisch eßbar. Sie sind eingeladen«, sagte der Gutsbesitzer zu Immermann.

Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann. Die Gutsherrin trat wieder vor ans Fenster und fragte ihren Mann: »Nun? ist der Tierarzt denn noch nicht da?«

»Ach, das ist ja schon lange vorüber.«

Immermann verzog die Lippen.

Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler und Oldshatterhand gingen am Saum entlang. Oldshatterhand war bedrückt. Warum bin ich ungerecht, da er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin gemein.

Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das ins Spessarthaus gekommen war.

»Eine Tippelschickse!« sagte Immermann kurz. Grünwiesler schwieg betroffen.

Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte man ihm ins Herz gezwickt. Gleich darauf aber fühlte er sich sehr erleichtert. Er prahlt vielleicht doch nur mit seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte sich, daß er nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter schlecht von dem Mädchen sprach.

»Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.«

»Ausweispapiere! Man braucht keine!« sagte Oldshatterhand laut.

»Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse? Was dann?« sagte Immermann zu Grünwiesler, als ob Oldshatterhand gar nicht da wäre.

Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen verteidigen und brachte kein Wort hervor.

Immermann verzog die Lippen. »Da habe ich es schon etwas ungefährlicher. Die eine ist schwanger, und die Gutsherrin -- -- -- gefällt sie dir?« Er lächelte Grünwiesler breit an. »Ich habe übrigens wieder ein Märchengedicht geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin Romantiker.«

»Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!« schrie Oldshatterhand plötzlich. ». . . Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen Sie doch nur zu prahlen.« Flammend wandte er sich um und schlug allein den Weg nach Würzburg ein. Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt mit seinem Kanarienvogelblick nach.

»Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann man nicht verkehren«, sagte Immermann gleichgültig, seinen Zorn verbergend.

»Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem leid tun. Wir haben schöne Stunden miteinander verlebt.«

»Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.«

»Nein, nein!« rief Grünwiesler ängstlich. ». . . Ich meinte ja nur so . . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt gezeichnet. Er hat einen wunderschönen Akt . . . Aber gequält hat er mich ja auch.«

»Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt -- Tölpel bist. Bei sich lacht er natürlich über dich, nachdem er dich ausgenützt hat.«

». . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?«

»Was denn?«

»Schluß! Dann aber Schluß!« schrie Grünwiesler in plötzlicher höchster Wut.

»Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber daß ein Subjekt mit dieser Gesinnung nicht in unsern Kreis gehört, das wirst doch auch du einsehen.«

»Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen Sommer hat er von mir gelebt, hat mich ausgenützt. Aber ich kenn ihn jetzt.«

»Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen gebildet habe, dann lasse ich so jemand eben nicht herein . . . Gott, wir wollen ganz einfach nicht. Und damit fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die Stimmung nicht länger verderben.«

»Du hast recht.«

»Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann rezitiere ich dir mein neues lyrisches Gedicht.«

»Oh, das wäre wunderbar«, sagte Grünwiesler und legte Immermann die Hand auf die Schulter. So verschwanden sie zwischen den Tannenstämmen.

»Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes Mägdlein kommt drin vor, einsames Waldesrauschen und ein romantischer Ritter . . . Siehst du das Bild?«

»Oh, das ist wunderbar.«

Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben ihnen am Tannenstamm. »Pst . . . dort«, flüsterte Grünwiesler.

Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst flüsternd, dann lauter. Entzückt horchte er auf seine Stimme und mußte aufstehen. Die Arme ausgebreitet, sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe.

Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern. Gepackt sah er zu Immermann empor.

»Siehst du die Kompositionen?«

»Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt's mir an Phantasie«, sagte er traurig.

»Tom der Reimer saß am Bach!« rief Immermann begeistert.

Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder daran vorbei führten, waren schon gesperrt, denn die Trauben begannen gelb zu werden. Oldshatterhand sah auf das kleine, graue Männlein, das reglos am Waldsaum stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite hängen.

»Ist das wahr«, fragte er den Weinbergshüter, »daß Sie den Buben, die sich ein paar Trauben holen, Pfeffer und Salz in die Waden schießen?«

Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein Messinghorn. »Früher han i's ton. Jetzet blas i. Dann bricht glei's ganze Dorf auf und umstellt 'n Wenger.[1] Jetzet erwisch'n wir die Bub'n immer.«

[Fußnote 1: Weinberg.]

»Ach nein!« rief Oldshatterhand erschrocken und ging weiter, bis zum Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas abseits vom Gärtnerhäuschen lag und von einer gerade beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt war.

Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten und horchte.

Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten Wolke und einem rotbäckigen Jüngling. Der sagte: »Bis übermorgen könnt ihr die zwei Hauptrollen studiert haben von meinem Stück«, und reichte der Roten Wolke sein Manuskript.

»Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann. Tragödie in fünf Akten«, las die Rote Wolke vor.

Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten bis zum Ziehbrunnen des Gemüsegartens. Die Rote Wolke schlug das Manuskript auf, begann die Brunnenkurbel zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte:

»Entflieh mit mir, Klärchen! Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.«

Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien.

Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne und goß das Blaukrautbeet, sah den Dichter an, die Rote Wolke und sagte verschämt: »Es lebe die Kunst und die Liebe.«

Achtes Kapitel

Im Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden Künste in München waren an den Wänden die Arbeiten der jungen Maler aufgehängt, die sich der Aufnahmeprüfung unterzogen hatten. Kein Mensch war im Saal; nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter Negerkopf mit grellem Augenweiß, grinste in ein paar hundert Exemplaren in die Leere.

Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die Flügeltüren und ließ die Prüfungskandidaten eintreten, eine Schar Jünglinge, meist in kurzen Sammethosen und mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie aufgenommen waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete -- Prüfung bestanden, ein Kreuz -- durchgefallen.

Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief allen voran bis in die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend herum, wobei sein Körper hin und her zuckte, wie wenn er einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen Gegner zu bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf.

Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch die Tür und strahlten auseinander. Keiner konnte seine Arbeit gleich finden, weil auf den ersten Anblick hin die still grinsenden Negerköpfe voneinander nicht zu unterscheiden waren.

Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die fassungslos, empört oder traurig auf die Kreuze blickten.

Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben war, ging jetzt, mit gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten entlang, sagte zu jemand: »Diese Arbeit ist sehr gut, sehr gut«, blickte sich gelangweilt um, ob ihn niemand beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer mit eckigem Schädel ins Gesicht und deutete auf den Kreis, der seinen Neger zierte.

Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden Künste aufgenommen worden.

Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür auf und prallte zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert der Eintritt in die Kammer war. Die durch die Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem schmalen Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal, zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, schlängelte sich, wieder vom Bett heruntersteigend, um die Türkante herum und konnte die Tür jetzt schließen, sich aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch vor dem Tisch. Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter schrieb -- Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen mit einem Artillerie-Sergeanten. »So?« sagte Oldshatterhand, »so?« und sein Gaumen wurde trocken. »Artillerie-Sergeant? . . . Für einen Artillerie-Sergeanten ist sie doch viel zu zierlich!« Seine Augen lasen weiter. Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, schrieb die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand, an des Verstorbenen Stelle treten werde. Der Herr Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu Fuß in München eingewandert und sei doch der größte Maler geworden.

Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel auf und warf ein Mädchenlachen in Oldshatterhands Kammer, welcher mit Kraft und Trotz Lenchen Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft nachsann, die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu verzehrte er ein Stückchen Limburger Käse.

Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen und die Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig gegen den Wind behaupteten, der jäh abbrach, aus dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend, pfeifend in der Ferne verklang.

Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, zwängte sich durch und hinaus. Und ging in die Schackgalerie.

Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen ihm zwar sehr gut, aber er hatte doch noch ganz anderes erwartet. Vor der Venus von Giorgione, einer Kopie von Lenbach, blieb er lange stehen und freute sich, daß er hier als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen durfte, ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur die schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und mußte den Blick senken, weil er an Stelle der Venus unversehens die Rötlichblonde sah, die in der Fischergasse nackt vor ihm auf der Ottomane gelegen war. Traumhaft wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem Spessart. Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen Körper flossen ihm die drei Frauen in eine zusammen.

Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen Schuhen machte manchmal ein paar Schritte. Das knallte wie in einem Kellergewölbe. »Lenbätsch«, sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin.

Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild zu Bild; ihre Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor jedem Bild hob sie die Hand zu den Augen, nickte oder schüttelte den Kopf und ging weiter.

Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die schwarzen, zusammengewachsenen Brauen in die Höhe schlugen, bildeten einen sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften Madonnengesicht und dem sehr kleinen Mund, rund und rot wie eine Kirsche.

Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie geistesabwesend an, weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst hatte, den sein Kunstgewissen ihm verursachte: ob seine sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione berechtigt seien oder gemein.

»Ja, das ist schön«, sagte die Malerin und sah ihm tief in die Augen. Er nickte eifrig. Ohne Übergang begann sie zu erzählen: von ihrem freien Leben, von Christus und Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen fühle sie sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit. Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß ihre Mutter ein kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei und ihr Vater ein charakterloser Schwächling. »Kommen Sie mit in mein Atelier. _Sie_ verstehen mich. Das fühle ich. In Ihnen habe ich einen Menschen gefunden! Einen Menschen!« Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn hinaus.

Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden umher. Kastanienketten hingen an den Wänden, die mit Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen überzogene Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, das einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand setzte sich darauf. Ohne erkennbaren Grund lachte die Malerin, voll und tief aus der Brust heraus.

Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid über den Kopf und stand vor Oldshatterhand in einem semmelgelben, blaugeblumten Überwurf aus dünner Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.

Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie lachte, und fragte ratlos: »Tragen Sie kein Hemd?«

Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den sitzenden Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne auseinander und drückte Oldshatterhands Kopf an ihren bloßen Leib.

Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken herum, atmete, und sein Mund küßte. Plötzlich sah er die alte Brücke von Würzburg mit den zwölf Heiligen, drückte den Mädchenleib weg von sich, starrte auf Würzburg und glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand Ekelgefühl und stand auf.

In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen ihn an und hielt den Überwurf vorne zusammen.

Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. »Ich muß nach Hause. Meine Wirtin und ich wollen zusammen die Möbel umstellen in meiner Kammer, weil's ein wenig eng da ist.«

Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen vor; es war, als ob ein nackter Mensch vom heißen Sommer plötzlich in den Winter träte und angespannt und aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und sagte, scharf pausierend: »Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! . . . und Nietzsche . . . Uns trifft die unsichtbare Faust der Welt . . . immerdar.«

Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das Mädchen an.

Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß ihr kräftiger Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand lächelte, lachte, lachte laut, in großer Befreiung, wie damals auf der Spessarthöhe. Und plötzlich erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend -- sah sich und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen sitzen und um die Wette krachende Äpfel essen.

Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand immer wieder an das Mädchen im Spessart, sah sie zum Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das Kleid aus Rohleinwand an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.

In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand mitten auf dem Waldsee; der Mond sank vom Himmel herunter und lag auf ihrem Scheitel. Sie hielt den Überwurf vorne auseinander und sank langsam und senkrecht ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf dem See lag. Die Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe.

Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens an ihre Tür und fragte beim Weggehen die Portiersfrau, die den Hausflur kehrte, nach dem Mädchen. Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus gebracht worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb stehen, sah ihr zu und dachte angestrengt die Szene im Atelier zurück. »Daran bin ich nicht schuld . . . Das kann doch nicht sein«, sagte er für sich. Und die Frau meinte, die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor er ein Haus beträte.

Langsam ging er fort. »Ich muß die Möbel ja wirklich umstellen. Das Bett wird sonst schmutzig . . . Ich hab sie nicht angelogen.« Er blieb stehen. »Sonst wär ich doch nicht wiedergekommen.«

Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin die Möbel um, so daß er beim Eintritt in die Kammer nur unterm Tisch durchkriechen mußte. Das Bett stand jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte, daß Oldshatterhand nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen, und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit Frühstück kostete wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig.

Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen Oldshatterhands tapeziert. Sonst stand nur das Bett und der Tisch darin, auf dem, neben der alten, großen Pistole aus dem »Zimmer«, ein Totenschädel stand, der ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen Zähne fehlten. Auch von allen Wänden herunter lachte der oft abgezeichnete Schädel, so daß, wenn Oldshatterhand in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem Gelächter erfüllt war.

Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die Frau Vierkant regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er nur in kochendes Wasser zu legen und konnte sich noch einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß wie ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen Taler bei. Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener und von jenem Bildverkauf in Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch vierzig Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf Münchener Monaten schmal geworden. Er war jedoch überzeugt, daß er bei großer Sparsamkeit fertig studieren könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst, etwas hergeben zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt.

Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen war, sich beim Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an die Stirn gestoßen hatte, und er den Besuch dieser Dame noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum Anlaß, die zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und vielleicht etwas komfortablere zu mieten.

Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht wechseln lassen. Da ihm aber die Schwester wieder einen Taler in Aussicht gestellt hatte, rief er die Wirtin und sagte: »Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst am Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum Pfand.« Er zeigte im Kreise herum und blickte die Frau voller Staunen an, weil sie wegwerfend sagte: »Entweder Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt hier. Auf die Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.«

Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit der Wirtin, die ja doch nichts verstand. Und auch die junge Studentin ließ sich durch den komplizierten Eintritt in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen.

* * * * *

Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé und sah gierig hinein. Alles darinnen schien ihm wunderschön zu sein. Die Polsterbänke waren mit rotem Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten.

Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander gegenüber und starrten auf das Schachbrett. Neben den beiden stand der kleine Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der mit der Kognakflasche steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette reichte. Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. Sein Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand hörte das hohle Lachen des Zeichenlehrers: »Ho! ho! ho!«, der das leere Wasserglas aufs neue zum Kellner emporhielt.

Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die kühn in das Café eintraten, und erschrak, weil er einen Augenblick lang daran gedacht hatte, es auch zu wagen, in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute sitzen. Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten und sagen würde: bitte, was wollen denn Sie hier; oder den Kellnern winken würde, um ihn unauffällig wieder hinausführen zu lassen.

Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken fielen und wurden sofort vom Straßenschmutz gefressen.

Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder stehen. Mitten aus dem Gästegewühl heraus fühlte er die Augen eines Mannes mit scharfem Gesicht auf sich gerichtet und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und Oldshatterhand hatte wieder das Gefühl, als berühre ihn ein Gespenst: er erkannte den rätselhaften Fremden, der auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte -- ich denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß, noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere zur Frucht reifen darf. Den Fremden, auf dessen unbegreiflichen Einfluß hin er plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen gewollt hatte.

Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der im Café saß, verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein. Und die Wirkung auf ihn war so beängstigend und grausig, daß er in der Mitte, neben dem stellenweise glühenden Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden einzelnen Gast angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten Menschen abgehackt und heftig, fuhren von den Polsterbänken aus den halb liegenden Stellungen empor, warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie hundert verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, krächzende, zischende, fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand nicht verstand, fanden dazwischen Zeit, blitzschnell die Zigarette in den Mund zu stecken, um sofort wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden, zur Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe aufgestützt, reglos und blickten düster vor sich hin.

Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den Fremden zu, der einer blonden Dame zum Abschied die Hand küßte.