Die Räuberbande

Chapter 13

Chapter 133,599 wordsPublic domain

Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber nach, weshalb er so friedlich aussehe. So zufrieden, wie sie ihn in ihrer siebenunddreißigjährigen Ehe niemals gesehen hatte. Sein Holzbein hatte Herr Leisegang quer vor sich auf den Tisch gelegt.

Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte keine Hilfe.

* * * * *

Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen, nachdem er vergebens versucht hatte, die Freundschaft mit Winnetou zu erneuern, der täglich zu den Mönchen aufs »Käppele« ging.

Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen und zeichnete in der Vesperpause Blumen ab, während die Rote Wolke Rollen studierte. »Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter Schiller und Goethe mit ihren Tragödien, wenn's keine Schauspieler gäbe.« Das wiederholte die Rote Wolke täglich.

An einem Abend hatte er wieder in »Wilhelm Tell« im Stadttheater statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell studiert. Früh um fünf Uhr stand er auf dem Kartoffelacker, von der eben aufgehenden Sonne beschienen. »Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, rief er und wies mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren anderem Ende seine alte Tante kniete, schwitzend mit den Händen grub und den Kopf schüttelte über ihren Neffen, der begeistert die Furche entlang rief: »Es führt kein anderer Weg nach Küßnacht. Hier vollend' ich's, die Gelegenheit ist günstig.«

Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter, seiner Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den berühmten Schauspieler Konrad Drauer in München und fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas vorspielen dürfe.

Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf der Kaimauer, mit den Beinen wasserwärts, den Kopf in beide Hände gestützt, und sah traurig hinunter in den Fluß.

Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein bißchen nehmen dürfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen. Und als Oldshatterhand auf der Ruderbank saß, rief der Fischer plötzlich: »Brauch' i denn no'n Schelch! . . . I brauch ken'n Schelch mehr . . . Häng'n nachher drübe am Stadtufer a.«

». . . Warum denn am Stadtufer?«

»Weil i 'n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis' komm i wenigstens wieder amal in mein Schelch.«

Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußabwärts. Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes, pfirsichfarbenes Gesicht. Sie trug einen schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv aus.

Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußaufwärts. Das Mädchen mit den braunen Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der Schreiber hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen Sandinsel, wo die Weiden stehen.

Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen.

»Ich rudere euch ein wenig herum«, sagte Oldshatterhand, der im schaukelnden Schelch saß.

Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die Mitte des Flusses. Der rote Fischer hatte den Kopf nicht erhoben.

Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber und seine Liebste befanden sich halbliegend an dem einen äußersten geschnäbelten Ende, das zweite Liebespaar lag eng beieinander am entgegengesetzten. Oldshatterhand saß genau in der Mitte und ruderte langsam.

Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten kleine Laternchen an den ruhenden Schiffen; das Singen der Kinder, die am Ufer spielten, klang herüber; ein Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser sinken.

»Kunst ist heilig«, sagte die Rote Wolke gedämpft.

Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des Mädchens. »Wir werden Romeo und Julia zusammen spielen«, sagte sie und sah der Roten Wolke sanft in die Augen.

»Julia!« erwiderte die Rote Wolke verhaltend.

»Und du bist Romeo.«

»Da ist doch nix dabei«, flüsterte der Schreiber heftig. »Ich weiß nit, warum du so eine Furcht davor hast.«

Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber. Oldshatterhand sah ihr erschrockenes, weißes Gesicht aus der Dunkelheit schimmern und dachte an Lenchen Leisegang.

»Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . . immerzu«, hörte Oldshatterhand hinter sich das Mädchen flüstern.

»Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!«

Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen, die hastig sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich zu schaukeln begann.

»Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten«, sagte Oldshatterhand leise vor sich hin und ließ in Gedanken an Lenchen Leisegang die Ruder los. »Ich will doch . . . ich muß doch erst etwas werden. Vielleicht berühmt.«

Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch schnellte aus dem Wasser und fiel zurück.

Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: »Die Kunst. Die Kunst . . . Tempel.«

»Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich«, sagte das Lehrerstöchterchen.

»Rudre ans Ufer!« schrie der Schreiber wütend. Das Mädchen saß von ihm abgerückt steif auf dem Querbrettchen.

Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und machte den Schelch fest.

Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes Stöckchen im Kreise herum; das Mädchen ging mit gesenktem Kopfe einige Schritte seitwärts neben ihm her.

»Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich auch ließe!« schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu. Er saß auf der Wasserschale des Vierröhrenbrunnens, zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen, die der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und Auswuchs der Stadt waren. Die Würzburger »Strizzi«, von denen jeder sein im Griffe festes, langes Messer in der Hintertasche trug. Sie lebten beschäftigungslos in den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie ohne Anstrengung konnten, und ließen keinen Menschen am Brunnen vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu machen. Verlorene Existenzen, die alle schon gesessen hatten.

»Laß sie doch«, sagte Oldshatterhand schnell und zog den Schreiber weg, der wütend stehen geblieben war, weil ihm einer der Burschen nachrief: »Hast dei Menschle zünfti zammg'haut!« Die weiteren Bemerkungen gingen unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der Schutzmann trat von einem Bein auf das andere und ab in eine Seitengasse.

»Ich muß jetzt jemand abhol«, sagte Oldshatterhand auf der Brücke und sah bedrückt auf die Liebespaare, die nun beide einträchtig vor ihm gingen.

Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen Leisegang befand, blieb er plötzlich stehen, wandte sich um und ging langsam nach Hause.

Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange auf ihn zu. »Weil ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . . Auge g'sagt hab, brauchst no lang nit zornig zu sein.«

»Du darfst mir nachmachen, soviel du willst«, sagte Oldshatterhand und lächelte ruhig die Kriechende Schlange an. Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort: »Ich glaube, es geht halt nicht anders, als daß es auch solche Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?«

». . . Nein, das versteh ich nit.«

». . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst nix dafür. Verstehst du?«

»Ich weiß nit, was du da redst.«

»Ja, es ist sicher so«, sagte Oldshatterhand nachdenklich und ging.

Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor.

»Laß mi amal schnupf!« rief einer der »Vierröhrenbrunnensteher«.

»Wer ist denn das?« fragte ein anderer.

»Metzger ist er . . . Da geh doch her.«

Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf die Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum.

Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er während des kurzen Gespräches mit der Kriechenden Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht er spreche, sondern der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei Würzburg geküßt hatte.

* * * * *

Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds, des größten deutschen Malers Geburtsstadt, den Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf vom Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein. Stundenlang wandert man durch den Eichenwald, hat auf einer Höhe das unabsehbare gewellte Waldmeer vor sich liegen, sieht stille Waldtäler, von Forellenbächen durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus, hebt das Geweih und bricht weg, sobald er den Wanderer erblickt. Rehe äsen auf den Abhängen. Amseln singen. Spechte hämmern. Große dunkle Klöße bewegen sich am Waldboden, vom aufgewühlten, dunklen Waldboden kaum zu unterscheiden -- plötzlich bricht das Wildsaurudel krachend durch das Gebüsch davon, daß die Erde zittert; und einen Atemzug lang schweigen alle Vögel. Eine Amsel beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das einzige Lebewesen zu sein, so groß kann unvermittelt die Stille dieses Hochwaldes sein.

In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes, graues Haus. Türen und Fensterscheiben fehlen, lange Gräser spielen auf dem Dache.

Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch heute von einem Wirt, dem vor langen Jahren das Haus gehört hatte -- er habe die Reisenden, die bei ihm einkehrten, ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg am »Letzten Hieb« gehängt worden.

In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang der Kunstmaler Franziskus Grünwiesler und sein Freund Oldshatterhand.

»Dieses Haus gehört niemand«, hatte Franziskus Grünwieslers weißbärtiger Onkel gesagt, welcher Bürgermeister des nächsten, drei Wegestunden vom grauen Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. »Und es wagt sich auch keiner in die Nähe.«

Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er war ein zufriedener, bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand über Stimmungsstürze weg, von denen dieser oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm unaufdringlich maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand das Wenige, das er selbst besaß.

Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang sehr wenig; die technischen Schwierigkeiten hinderten ihn immer wieder, das zu schaffen, was er ersehnte. Das Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten übergroßer Begeisterung.

Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler gehörte, und oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten, der die Gänse von allen Ortschaften des Spessarts hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde von tausend Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die Gänse heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge, magere mit in den Wald. Der Hirt war ein achtzigjähriger, bartloser Zwerg mit einem gewaltigen Buckel. Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot und geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten die Köpfe nach rückwärts ins Gefieder und schliefen, und der Zwerg begann, selbsterfundene Geschichten zu erzählen, über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß es von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und dort blitzschnell die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten und weiterschliefen.

Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen und hatte um Unterkunft gebeten für die Nacht. Sie sagte nicht, woher sie kam und wohin sie wolle. Es fragte sie auch niemand. Sie blieb.

Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand selbst. Er hatte einen großen Vorrat Rohleinwand liegen. Das Mädchen hatte nichts anzuziehen. »Das ist die weichste«, sagte Grünwiesler und schleuderte eine Rolle Leinwand auf, die wie Seide glänzte.

Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus Rohleinwand schon an.

Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das Kleid zu malen. »Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht ganz gut machen«, sagte er zu Oldshatterhand und zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon hier und dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen. »Und eine einzige große Lilie, vorne herauf.«

Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen, im Moos. Und schlich nach einer Weile wieder fort, denn ihr Rohleinwandkleid hing über einem Eichenast.

Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee. Sie arbeitete gar nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als müßte sie viele Jahre lang ausruhen, von den vergangenen Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie sauber. Für die beiden im Haus tat sie nichts.

»Ihr schenkt ja auch niemand etwas«, sagte Oldshatterhand zu Grünwiesler. »Das Haus gehört ja niemand . . . Nicht einmal Türen hat's.«

Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen Seite wieder hinaus in den Wald. Und saß man auf dem flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die langen Gräser spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann schien es, als säße man auf dem Waldboden, so war das Haus mit dem Wald verwachsen.

»Wie wär's, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln ausmalen würde, sie bleibt ja doch auf immer da«, sagte Grünwiesler vor dem Schlafengehen.

»Wenn sie's erlaubt«, erwiderte Oldshatterhand; er hatte einen eleganten Schaukelstuhl gezimmert und ihn ihr ins Zimmer gestellt, während sie am Waldsee gelegen war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll Bucheckern. Die schmeckten nach Nuß und Olive.

Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid hatte sie noch einmal umgeändert, den Halsausschnitt rund und den Rock sehr eng gemacht. So sah Oldshatterhand sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr gegangen, blieb aber zögernd stehen und ging zum Hirten.

Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend im Waldtal. An ihm vorbei plätscherte ein Bach in vielen Windungen durch die Wiese.

Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und zu Grünwiesler, verglich, auf seinen Knotenstock gestützt, eine Weile Bild und Motiv und reichte Grünwiesler einen Brief. »Von wem mag jetzt der sein«, fragte der Briefträger. »Da ist ja gleich was drauf gemalt.«

Grünwiesler errötete -- er selbst war aufs Kuvert gezeichnet, vor Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit anbetender Gebärde.

»No, von wem is jetzt der Brief?«

»Von meinem Freund Immermann.«

»Der is gewiß auch so ein Maler?«

Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger: »No, dann grüß Ihne Gott«, und ging.

Versteht sich doch von selbst -- angenehm sei es ihm gerade nicht, daß Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre, der ein ungebildeter, ja, für Grünwiesler, direkt gefährlicher Mensch sei -- schrieb Immermann. Ob Grünwiesler denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser Emporkömmling ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das Bürschchen könne man nicht nur so mir nichts dir nichts nehmen, wie es sich gebe. Nebenbei wisse man ja auch, aus was für einer Familie Oldshatterhand komme. Auf keinen Fall natürlich dulde er, daß in seinem Kreise Oldshatterhand verkehre. Und als Freund könne er von Grünwiesler so viel Einsicht verlangen. »Nicht, daß mir besonders viel daran liegt,« schloß der Brief, »im Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, daß du mit diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast, anstatt mit mir. Wenn dir an meinem Kreise noch etwas gelegen ist, dann komme. Ich male Studien auf dem Schleehof bei Würzburg.«

Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte den Brief in die Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen und trat sofort den Heimweg an.

Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander vorbei.

»Wie ist das?« fragte Oldshatterhand endlich und stellte sein angefangenes Bild auf die Staffelei.

»Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir.«

»Dann erklär mir's doch, woran's liegt.«

»Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen sich die Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.«

»Du kannst nichts erklären!« schrie Oldshatterhand erregt. »Erklär doch! Erklär doch!«

Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor das Bild.

Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein Bild hin. »Zeig mir doch! Herrgott, kannst du mir denn nicht zeigen, wieso das falsch ist!«

Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren.

»Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen! Zeigen!«

»Ich hab dir's doch schon so oft gezeigt, das mit der Perspektive«, sagte Grünwiesler ängstlich und stotterte verwirrt: »Es gibt auch noch eine Luftperspektive und eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir's schon.«

»Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir's zeigst! . . . Daß es kein Mensch verstehen kann. Du bist . . . du bist wirklich saudumm!«

Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit in rachsüchtige Wut über, die an Irresein grenzte; er verlor den Atem, ein dünner, pfeifender Ton entfloh seinem Munde; aber wie schon oft in diesem Sommer, wenn Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten gegenübergestanden und über alles Maß hinaus ungerecht geworden war, drehte die Wut Grünwieslers sich nach innen, und in Angst vor seinem aufbrausenden Schüler sagte er stockend: »Quäl mich nicht . . . Warum quälst du mich. Es braucht halt alles seine Zeit.« Nur ein gefährliches Flimmern war in seinen Augen zurückgeblieben, wie Irre es haben, die jahrelang sich kujonieren lassen und eines Tages in einem Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln.

Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer.

Oldshatterhand wurde sofort ruhig. »Ich packe es schon noch«, sagte er und lächelte Grünwiesler an. »Für mich ist nichts zu schwer . . . Soll ich Tee eingießen?«

»Oh, das wär lieb von dir«, sagte Grünwiesler erleichtert, sah vor sich hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand. ». . . Du, ich hab einen Brief bekommen von Immermann.«

»Was schreibt denn der?« fragte Oldshatterhand mit gemachter Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder ab, ohne eingegossen zu haben.

». . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht . . . Ich geh übrigens diese Woche noch zu ihm.«

»Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt.«

»Nein«, sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief lächelnd vor, wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines, schwarzes Löchlein entstand, als ob die Oberlippe zu breit wäre. »Aber ich muß ihn wieder einmal sehen . . . Er ist ein sehr bedeutender Mensch.«

»Pf!« machte Oldshatterhand verächtlich. ». . . Zeig mir einmal den Brief.«

»Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in den Bach hab ich ihn geworfen.«

»Du hast den Brief noch!« fuhr Oldshatterhand auf. ». . . Immermann hat wieder schlecht über mich geschrieben.«

»Nei . . . n«, sagte Grünwiesler langgezogen, wie wenn er das Mißtrauen Oldshatterhands bedauerte.

»Sei nur still! . . . Ich weiß schon.«

». . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann spricht über niemand etwas Schlechtes . . . Nur was wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt . . . So ist Immermann nicht.«

»Du lügst! Ich seh dir's an.«

»Wiesooooo?« erwiderte er traurig singend.

»Du lügst einfach!«

Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die Augen. »Wenn du's wissen willst . . . Immermann hat sogar nur Gutes über dich geschrieben . . . Schenk mir noch einen Tee ein!« rief er kameradschaftlich. »Den hast du fein gemacht.«

Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin. »Ich kenn den Immermann schon . . . Der will unter uns der Erste sein . . . Der Hauptmann . . . Eifersüchtig ist er auf mich, weil du nicht mit ihm bist und ich nicht nach seiner Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich's noch zeigen, wer mehr ist. Ich werde der Größte von allen!«

»Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander«, sagte Grünwiesler fröhlich und streckte Oldshatterhand die Rechte hin. »Singen wir jetzt ein Lied?«

Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler: »Zu dem Lied malt Immermann eine Bilderserie. Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden sicher wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines.« Er sah Oldshatterhand in die Augen.

Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte Oldshatterhand in steigender Begeisterung seinen zukünftigen Ruhm herbei. »Was Immermann malt, das ist nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald! Sonst hat's keinen Sinn.«

»Mnja«, sagte Grünwiesler im Halbschlaf.

»Du glaubst's nicht? Ich werde alles haben«, rief er frohlockend. »Alle werden zu mir kommen.« Und als er die tiefen Atemzüge des Schlafenden hörte, dachte er allein weiter.

* * * * *

Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren von früh bis nacht durch den Spessart gewandert und noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung nach Würzburg.

Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler kniff die Augen zusammen und deckte mit der Hand den Vordergrund weg. Seine Nase rollte sich aufwärts und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen.

Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart herum und teilte ihm Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende, schwungradgroße Sonne berührte die Baumkronen und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein schweres Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich fernen Frühlingshoffnungen ruhten.

Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den beiden, und darüber die Atmosphäre spielte wunderbar in zarten Farben.

»Komm, gehn wir«, sagte Grünwiesler, streckte fröhlich die Brust heraus und wandte sich zur entgegengesetzten Richtung, wo die sonnenlose Landschaft in tiefer, blauer Abendstille lag.

Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben schon viel zu viel in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand gequält zur Seite und hatte den Wunsch, niederzusitzen und zu warten bis alle schwere, unerklärliche Traurigkeit in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel bis zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne. »Wenn ich jetzt rasend zornig sein könnte.« Grünwiesler sah erschrocken auf. »Ich könnte ja hinterher abbitten . . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer neue rollen nach . . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint.« Er sah Grünwiesler an, der seinen Kopf schulterwärts geneigt hielt und auf Oldshatterhand blickte, wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt.

»Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das ist doch unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen nicht geweinten Tränen sein . . . Vielleicht verdunkeln sie alles in einem . . . Ach!« atmete er tief aus und lachte plötzlich, lang und laut, in großer Befreiung.

Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der weißen Landstraße hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote Dach eines neuen Bauernhäuschens in der Sonne glühte.

Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren, der ganz anders aussah, als beide ihn sich aus der Ferne vorgestellt hatten, sagte Oldshatterhand: »Jetzt ist das Mädchen ganz allein im Haus.« Und was wird sie im Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn's kalt ist. »Es ist ja kein Ofen im Haus.«

»Nein«, sagte Grünwiesler nachdenklich, »Türen hat das Haus nicht.«

* * * * *

Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof. Der rothaarige Kunstmaler Christinus Immermann, Sohn des verstorbenen Häusermaklers Fürchtegott Immermann, saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen unter die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten Stellungen ab. Die meisten Brocken schnappte der Hahn weg, der herrisch zwischen seine Hühner fuhr und, wenn ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll aufrichtete, als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte. Ein junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein großer Hund, wälzte sich in der Sonne am Boden, streckte die dünnen Beine in den Himmel, stand plötzlich und rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus, durch das der junge, jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet von einem kleinen Herrn in Röhrenstiefeln und Jagdjoppe.

»Herr Tierarzt Amrhein«, stellte der Gutsbesitzer vor. »Und das ist mein lieber Freund Immermann.«

Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die Schulter. Das Fohlen kam hereingerast, stoppte, stieg in die Höhe, drehte sich auf den Hinterbeinen und tollte wieder hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit verklebten Augen schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen auf den Düngerhaufen, sah schüchtern den Maler an, der die Lippen verzog und tat, wie wenn er die Magd nicht sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus. Sie war schwanger.

»Lassen Sie den Eber heraus!« rief der Gutsbesitzer ihr nach. »Bringen Sie reines, warmes Wasser. Und der Knecht soll kommen.«