Die Räuberbande

Chapter 12

Chapter 123,599 wordsPublic domain

Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus -- da schien die Sonne. Die Spatzen flatterten und schrien.

Er blieb stehen. Und dachte zurück -- wie oft er am Schlachthaus vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört hatte, Metzgerwagen voll blutiger Schweine herausfahren und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große Schafherden, zusammengedrängt. »Man geht vorüber.«

Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, blieb stehen, den unbeschreiblichen Ton des Verröchelns im Ohr, und schmetterte plötzlich die Blutgläser in den Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah aus, als wäre hier ein Mensch ermordet worden.

Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, ging er zurück ins Laboratorium. »Ich bringe kein Blut.«

»Ich muß aber Blut haben.«

»Häää! Ich bringe kein Blut,« wiederholte er hämisch, und brüllte noch einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht zum Türken tretend: »Kein Blut!« wandte sich stracks um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal; da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates, während ein Kranker, in der blau-weiß gestreiften Spitalskleidung, den Schlauch in den Mund hielt und mächtig ein- und ausatmete.

»Jessas! Jessas! Jessas!« rief Herr Leisegang und nahm den Schlauch selbst in den Mund. »Wie kann man sich so viechdumm anstellen. Jetzt drehen Sie einmal.«

In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung für das Kolleg des Herrn Doktor Edelmut bereit und lachten.

»Ihr lacht? Ihr habt's nötig! Jetzt sowas!« rief Herr Leisegang, und der glatzköpfige Herr Doktor Edelmut blickte empört zu den Mädchen hin.

Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. Unter den an Schminke gewöhnten, jetzt entschminkten, fleckigen und mit Geschwüren besetzten Gesichtern sah er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen sich der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte. Ihr feingeschwungener Mund war auch jetzt tiefrot. Die Lippen bildeten eine lasterhafte, wissende Mundlinie.

Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit den hautkranken Frauen zusammen auf der Abteilung. Sie blickte Oldshatterhand ungeniert lächelnd in die Augen. Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf den Gang.

Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit weißen Binden, und flüsterten miteinander, wie in einem Sterbezimmer.

»Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?« stotterte ein Großer, Dicker. »Hat er heute schon gelacht?«

Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der plötzlich mit seltsamem Pathos rief: »Er hat gelacht! . . . Aber wir sind gemein! Ich sage, wir alle sind gemein! Alle! Er hat gelacht.«

Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine Lippen waren erblaßt.

»Er hat gelacht?« flüsterte betroffen der Dicke.

Da riß Herr Leisegang die Tür auf: »Meine Herren! der Herr Geheimrat erwartet Sie«, und hinkte energisch voran.

Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage ins Schlachthaus, hielt den Meßzylinder unter das noch zuckende Tier und brachte das Blut dem Türken. Der reichte ihm eine Mark.

»Ich nehme kein Geld dafür!«

Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen Kapitäns betrat, stand die Wirtschaftstür offen; er sah die hochschwangere, schöne Kellnerin, weiß wie ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der Wirt, die kranken Augen wütend aufgerissen, das Bierfaß vom Schenktisch weg auf den Tisch in der Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte zersplitterte und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die Witwe Benommen stand reglos, die Lippen eingekniffen, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, in der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke, beide Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der Stube.

* * * * *

An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer entlang, auf die Sandinsel zu, wo die Weiden um die kleinen Seen stehen.

Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den Weiden hervor kamen Mädchen, paarweise hintereinander wandelnd. Sie waren mit Rosen und Nelken geschmückt. Still geworden, zog der Zug der Mädchen am Zuge der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden. Und gleich darauf ertönte aus dem Dunkel das helle Mädchengelächter. Die Räuber standen und horchten. Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie geschlossen um und standen einige Minuten später am Eingang der Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster herauswarfen.

»Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?« fragte Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber immer noch schweigend standen, eng zusammengedrängt, und in die Gasse hineinsahen.

»Ich geh nit mit durch«, sagte die Rote Wolke sofort und trat ein paar Schritte zurück.

Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die Brust vorstreckte und sagte: »Ich geh allein durch, wenn ihr keine Schneid habt.«

Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein dünnes Stöckchen im Kreise herumwirbelnd, ging der Schreiber mit gleichgültigem Gesicht sehr schnell durch die Gasse.

Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd wieder durch die Gasse zu ihnen zurückkehrte. »Das wär mir aber auch noch was«, sagte er heiser, und redete so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen zusammengedrängt, durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam.

Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän, der nicht dabei gewesen war.

In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der Mauer, gegenüber den drei Häuschen, und starrte intensiv horchend auf die rosa Fensterausschnitte, preßte die Hand aufs Herz. Und trat ein.

Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst sah er nur den Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch den Zigarettendampf hindurch, drei Frauen in hellen Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten noch weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah Farben vor seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün und dunkelrot. Die Frauen präsentierten sich und sahen verlegen einander an, weil Oldshatterhand sich nicht rührte und nicht sprach.

Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig glitzernden Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte sich wie eine Mannequin vor Oldshatterhand und schnalzte dazu mit den Fingern.

Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, die auf dem Kanapee sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands rettungsuchenden Blick auf, erhob sich und fragte lächelnd: »Willst du mich? Kleiner«, zog ihn, als er nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den ersten Stock hinauf.

In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als ein geöffnetes weißes Bett und eine Ottomane mit einer türkischen Decke befand. Die rosa Ampel an der niederen Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach.

Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand nackt vor Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit beiden Händen etwas an ihren Haaren. Oldshatterhand sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein ganzer Körper zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung.

»Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . Fünf Mark?«

Er gab ihr das Geldstück.

Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf und winkte ihn zu sich.

Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter.

Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. »Greife halt her . . . Komm, greif her.« Sie nahm seine Hand und zog sie zu ihrem Körper . . . mußte noch öfter lachen, tätschelte ihm die Wange und sagte endlich: »Da mußt du halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.«

Siebentes Kapitel

Benommen, der Amerikaner, war zurückgekommen. Ohne seine Familie vorher benachrichtigt zu haben.

Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen und ließ die langen, dürren Arme und Hände zwischen seinen Beinen baumeln.

Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher geschrieben habe, sagte er apathisch: »Ich hatte keine Briefmarke.« Und rief plötzlich in unbegreiflicher Begeisterung: »Was denkst du! Das ist anders, da draußen in der Welt!«

Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub lag noch auf seinem armseligen Anzug. Er hatte die Heimreise im Hochsommer als Hilfsheizer im Schiffsbauch mitgemacht. Und das schien ihn vollends zerstört zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln bewegte und die dünnen Lippen zusammenpreßte, dann konnte man die Entbehrungen seines langjährigen Aufenthaltes in Amerika von seinem völlig zerfallenen Gesicht deutlich ablesen.

Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung finden können. Als Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter, Zeitungsverkäufer und zuletzt als Bäckergehilfe hatte er sich durchgeschlagen.

Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die Familie Benommen gerichtet zu dieser Zeit.

Und die Familie Benommen war ehrgeizig.

Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz es war, großspurig hinter dem Schanktisch zu stehen, Unterlippe und Bauch verächtlich vorgeschoben, und so und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte sich schwer getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das diese selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz berechtigt erscheinen lassen konnte.

Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete und ob ihrer strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau, empfand dadurch, daß ihr Sohn, der Stolz der Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft, ihren toten Mann und ihre grauen Haare besudelt.

Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein empfand der bleiche Kapitän die beschämende Rückkehr des Amerikaners. Eine Woche vor dem Erscheinen des Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem Weidenbusch gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See. Der Zug der Mädchen zog vorüber. Die Schöne mit den braunen Zöpfen warf einen Rosenstrauß mitten in den Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf und den fliehenden Mädchen nach. Allen voran der Schreiber. Und nach einer Weile sah der bleiche Kapitän Mädchen und Jünglinge vereinigt im Dunkel der Weiden verschwinden. Ein paar Stunden später saßen die Räuber in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken, als der bleiche Kapitän eintrat und wie ein Pfosten stand. »Ihr habt keinen Charakter!« stieß er hervor.

»Nun, und du?« lachte der total betrunkene Schreiber mutig.

». . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch allen hab Charakter!« Und damit ging er, schloß die Tür leise und mit Kraft, und lehnte von dem Tage an alle Annäherungsversuche der Räuber schroff ab. Eilte, wie in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang, sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener.

Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner geglaubt und war deshalb noch schroffer gegen ihn, als Mutter und Bruder.

So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen, nicht jeder hat Glück in Amerika.

»Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue Schuh käff und 'n Anzug ameß laß, dann is die G'schicht erledigt!« schrie der rote Fischer.

In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht in der Familie Benommen, urteilten die Mutter und die zwei Brüder.

So war der Amerikaner seitens seiner Familie von Härte, Kälte und schweigender Verachtung umgeben.

Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das Unglück des Amerikaners rehabilitiert. -- Ihr Jugendsehnsuchtland hatte sich schlecht benommen, war entlarvt, da nicht einmal der große Amerikaner zu seinem Rechte gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs den Räubern unter die Füße.

Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der ersten Zeit niemand besonders auf. Doch späterhin wurde sein Benehmen immer seltsamer, was aber anfangs nur die Familie Benommen bemerkte, denn der Amerikaner durfte wenig ausgehen.

Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand das Jahrhunderte alte, einstöckige Häuschen des Spenglermeisters Hieronymus Griebe. Der Amerikaner stand am Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine Mutter die Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle das alte Häuschen wegreißen und einen sechzig Stock hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen. Daran werde er etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in verächtlicher Wut stillschweigend die Suppenteller füllte. Der Ingenieur aber begann sofort, die Pläne zu zeichnen.

Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an der Mauer des Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß, um, wie er sagte, zu untersuchen, ob der Grund felsig genug sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr Hieronymus Griebe zwar betroffen, aber auch energisch wehrte, erfuhren die Mainviertler von des Amerikaners sonderbarem Wesen.

Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen Kapitän zusammen in einer Wirtschaft, dann verhielt er sich meistens ganz still, aber seine Augen schienen etwas Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz unerwartet, und verächtlich lächelnd: »Ha! Hinaus in die Welt!« mitten in die Unterhaltung hinein, worauf der bleiche Kapitän augenblicklich aufstand und mit dem Ingenieur die Wirtschaft verließ. Und es schien den Zurückbleibenden, daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb mitbringe, um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges an ihm sei.

Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng befahl er seinem Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn mitnehme, und überhaupt keine verrückten Sachen zu machen, sonst könne er ihn einmal kennen lernen. Was aber ohne jeden Erfolg blieb -- der Amerikaner benahm sich immer auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns steigerte sich, und nur seine grenzenlose Verachtung hielt ihn noch ab, den Amerikaner zu schlagen.

Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht den Amerikaner am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur hielt eine lange Papierrolle im Arm, saß in tiefer Kniebeuge und machte so, beidfüßig abspringend, genau abgemessene Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts, am Ufer entlang.

Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was den Amerikaner zwingt, diese grausigen Sprünge zu machen, ist man so machtlos wie gegen das Erdbeben. Und plötzlich hatte er die Vision eines Bebens -- die Erde spaltete sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen mußten Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten sich, wurden breiter und zwangen die Fliehenden, immer tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so komisch aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen. In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner.

Der blieb in Kniebeuge hocken. »Sie müssen erst einmal hinaus in die Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha! . . . Wohin ich jetzt bald gehe. Überall hin. Brasilien! . . . Ihnen will ich's zeigen, kommen Sie.«

»Hi! hihiha!«

Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog ihn unter eine Laterne und rollte das große Papier auf.

Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion: Eine riesenhafte nackte Frau lag rücklings darunter und ihre auseinandergespreizten aufgestellten mächtigen Beine bildeten die Pfeiler. Nackte, dicke Weiber, in lasterhaften Stellungen, stürzten von oben herab; andere wurden von einem über die Brücke jagenden Eisenbahnzug zermalmt.

»Dort!« schrie wild der Amerikaner und deutete auf die alte Mainbrücke mit den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen, »die reiße ich weg! . . . Herunter mit den Heiligen! _Meine_ Brücke baue ich hin! Morgen fange ich an. Der größte Brückenbauer der Welt bin _ich_! Weißt du das?«

»Ja! Ja!« heulte Oldshatterhand auf und die Tränen brachen ihm aus den Augen. »Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand, und der Amerikaner brüllte vor Begeisterung. Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere und stürzte bewußtlos zusammen.

Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden, das Kinn auf die Knie gestützt. »Du paßt nicht hinaus in die Welt. Du nicht . . . Du paßt nicht hinaus in die Welt«, sagte er und lächelte immerzu.

Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister den Amerikaner dabei an, wie er keuchend am Fuße des Brückenbogens mit den Händen die Erde herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich wütend Wehrenden zur Wache.

Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den Amerikaner in die Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste Klasse, wo jeder Tag zwanzig Mark kostete. So hatte es die Witwe Benommen gewollt und auch durchgesetzt, obgleich der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse gewehrt und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte, daß, wenn der Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte Vermögen der Familie Benommen beim Teufel sei. »Mein Heiner soll's gut haben«, hatte die Mutter geantwortet.

Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung in die Irrenanstalt.

Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt gebracht worden war, hatte sich der bleiche Kapitän in einer für die Räuber ganz unbegreiflichen Weise verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und liebenswürdig geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit, wie nach Schluß der Schulstunde.

Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten dem bleichen Kapitän auf dem Schloßberg, und wunderten sich und wurden verlegen, denn diesmal ging der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu, streckte ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter. »Nun, was macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute. Herrgott dividomini, aber eine Hitz! Ich mein', ich müßt ein Faß Bier allein aussaufen.« Er lachte schallend.

Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude, daß der bleiche Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach, ergriff ihn so sehr, daß er im reinsten Hochdeutsch sprach: »Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht, Oskar.«

»Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich ausreiß.« Er haschte einen Lindenast, schwang sich hinauf, und schüttelte voller Freude die alte Linde.

Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän bezahlte einen Liter nach dem andern und setzte seinen Stolz darein, den Krug mit einem Zug immer bis zur Hälfte zu leeren. »Weiß der Teufel, so eine Hitz!« rief er und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger Alter.

»Trinkst du jetzt wieder?« fragte der Schreiber.

»Gott, natürlich. Warum denn nit?«

Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die Hand -- aber das Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht ein. Sein Mund blieb begeistert offen stehen.

Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr eilte er barsch an den Häusern entlang, sondern schritt in der Mitte der Straße, schwenkte sein Plüschhütchen, wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich gerne, lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder andere junge, fröhliche Mensch, der keine Sorgen hat und einen gesunden Körper. Deshalb stemmte er jedoch nicht weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die Krüge auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er lange und viel trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck, hieb den Krug auf den Tisch zurück und brüllte: »Sauft!«

Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben. Späterhin fand er feine Übergänge und war plötzlich kein Mensch mehr, dessen barsche Verschlossenheit und sonderbares Wesen jemand auf den Gedanken hätte bringen können -- der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig im Kopf wie Benommen der Amerikaner.

Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für irrsinnig halten könne, vollkommen; die Anfälle von krampfhafter Lustigkeit blieben ganz aus. Verschlossen und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener junger Mann geworden, mit kleinen Sorgen, wie sie jeder andere Mensch in seinem Alter und seinen Verhältnissen hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher in seinem Leben.

Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied sich durch nichts mehr von ihr.

In dieser Zeit -- er war zwanzig Jahre alt geworden -- begann er die kleine, dicke Tochter des Weinwirts und Bäckermeisters Schlauch zu umkreisen. Sie hatte ein rundes Vollmondgesicht, mehlweiß, und Negerlippen, wie der bleiche Kapitän.

Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und verkaufte Brotlaibe, lächelte, wenn er vorbeiging, und er lächelte zurück. Das war der Anfang.

Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte die Vermögensverhältnisse der Familie Schlauch studiert und war befriedigt. Vor ein paar Jahren hatte Herr Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an dessen Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider nur drei Meter breit, dafür aber vier Stock hoch war, so daß es, zwischen den zwei niederen, aber wuchtigen Patrizierhäusern in die Höhe schießend, ganz gut für ein zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich hatte Herr Schlauch der Kirche drei männerschenkeldicke Prachtkerzen gestiftet. Sein Geschäft ging ausgezeichnet. Alles das und noch mehr wußte die Witwe Benommen und war befriedigt.

Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der Schande vorbeigeglitten, die der Amerikaner über die Familie gebracht hatte, und das kam von der ersten Klasse. Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe verächtlich vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn es ihm passend erschien, konnte er von der ersten Klasse sprechen, wo jeder Tag zwanzig Mark kostet.

Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher und menschlicher geworden zu sein; sie lächelte der schönen Kellnerin hin und wieder freundlich zu, was zwar noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und Dankbarkeit entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin einen Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die verächtlich nach außen gestülpten Benommenschen Lippen.

Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen Kellnerin manchmal die Hand auf die Schulter legte, in Gegenwart der Mutter, und aufmunternd sagte: »No, Hanna, wie geht's Ihne denn? Esse Sie doch was.« So daß der schandebringende Amerikaner alles in allem eigentlich günstig und entladend auf die ganze Familie gewirkt hatte.

Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit schnell in den Hintergrund. Zum fassungslosen Schrecken des Vorstandes vom Verein Christlicher Junger Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages der Duckmäuser aus Würzburg verschwunden.

Jahrelang wußte niemand, wo er war.

* * * * *

Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es neben sich auf den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine große Schüssel voll Sauerkraut vor ihn hin, das mit schon zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen garniert war.

»Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett«, sagte Herr Leisegang, nahm sein Holzbein in beide Hände und klopfte damit wütend auf den Tisch. Bis seine Frau hereinkam. »Wo ist meine Desinfektionsvase!«

Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke und brachte eine Blumenvase aus grünem Kristallglas. Herr Leisegang schnellte das Asbestdeckelchen herunter und tauchte Messer und Gabel in die desinfizierende Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen.

Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert. Auch die Geldstücke.

Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete an einer Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein paar Jahre daran, denn die Decke mußte sehr groß werden, um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer schmücken zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man warten mußte, bis neue Abfälle gesammelt waren. Herr Leisegang hatte sich so eine vielfarbige Decke gewünscht.

Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört zu werden, worauf sie endlich verwundert hinein zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem Lehnsessel wie vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß auch Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still in der Stube war. Aber plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden Kehlton aus. Herr Leisegang war tot. Die Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch leer.