Die Räuberbande

Chapter 11

Chapter 113,594 wordsPublic domain

»Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift mir direkt an das Herze«, sagte der Sachse.

»Jau, Herze!«

Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch einmal, die Hände der Toten zu falten. Die Hände waren aber schon steif.

Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen vom Baum herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den Schanktisch, und stahl aus der Geldschublade eine Handvoll Nickelstücke.

Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom Kastanienbaum herunter auf das Hundefell plumpste und, mit ein paar Haaren im Schnabel, auf den Baum zurückflog, wo er sich sein Nest baute. Sie griff ins Fell, hatte die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die Köpfe zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die jetzt zerfallen aussah im kalten Licht, denn die Sonne war untergesunken.

»Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,« sagte eine Alte, »aber er kommt nit.« Die Alte flüsterte der anderen noch etwas ins Ohr.

Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder Atem. Der großmächtige Pfarrer im Ornat kam die Treppe herauf, mit den Ministranten und dem hinkenden Flickschneider.

Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß. Der Pfarrer schwang es über die Tote. »Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus vobiscum. Et cum spiritu tuo.«

Die Weiber waren auf die Knie gesunken.

Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die Mütze vor der Brust.

* * * * *

Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild eilte Oldshatterhand am Mainufer entlang, bis zu dem Weidenbusch am kleinen See, wo er damals zum Schreiber und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: >Ihr geht also nit mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?<

Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge umsäumt. Der Fluß glitt breit dahin. Es roch nach Wiese, Wasser und Weide, im ganzen Tal war kein Mensch, und der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der Erde.

Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; er hatte kein Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und Begeisterung den goldigen Rücken einer Hummel fertig, die gekrümmt an einem Zweige hing.

Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden Gestalt etwas zu verändern, die er unter den Busch gemalt hatte -- ein Mädchen, zum Baden bereit, dem das blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel.

Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher gemessen seine Kreise, sauste unvermittelt mit ein paar Flügelschlägen davon; schnell hat ihn die blaue Ferne genommen.

Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue den Blick erhob, hing der Reiher schon wieder still, aus Gold, am blauen Himmel über dem Flusse.

»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen und malte in gotischer Druckschrift den Namen des blonden Mädchens unter das fertige Bild: »Helene, in ewiger Verehrung«, übermalte das Wort Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, »In ewiger Liebe«.

»Oo . . . ha hööö . . . ö!« klang es langgezogen vom Fluß her. »Höö . . . ö!« warf das Echo zurück: drei barfüßige Schiffszieher mit nackten Oberkörpern, hintereinander gespannt und schräg gegen den Boden gestemmt, kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes, das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts bewegte, stand ein kleiner, weißer Spitz und bellte. Das klang aus der Ferne wie das Quaken eines Frosches.

Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße und wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden Tag seit zwei Monaten.

Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen in den Lachen, in denen sich das Licht der Laternen brach.

Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, stand ein dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr schöne, vollbusige Schwester des Glasermeisters Johann Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin und im selben Geschäft wie Lenchen Leisegang.

Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an.

Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt er unter dem Mantel versteckt.

Plötzlich, wie wenn jemand »da!« sagt und die Gesellschaft aufhorcht, wurde es still -- der Regen hatte geendet.

Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte mürrisch in den Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand und stieg auf den Zehenspitzen durch die Regenlachen über die Straße.

Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. »Augen rechts!« brüllte der Sergeant. Die Gemeinen hieben in die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch aufspritzte und der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel zusammennahm, während das schöne Fräulein Streberle mit wiegender Hüftbewegung auf ihn zuschritt.

Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, verbeugte sich Oldshatterhand und sagte: »Bitte, henkeln Sie ein bei mir.«

»Jetzt sowas«, erwiderte sie und tat es.

Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. »Es ist nichts Besonderes. Nichts. Ich hab's halt so gemalt«, sagte er gleichgültig.

»In eeewiger Liebe!« rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. »In eeewiger Liebe.«

Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und blickten zu Boden.

»Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?«

»Jetzt sowas«, sagte sie und trat ins Haus.

Er ging ganz langsam weg.

»Auf Wiedersehn!« rief sie und warf ihm eine Kußhand nach.

Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein unbekanntes Gefühl, stehen zu bleiben: er sah den weißen Körper des Mädchens, und der Wunsch, der bis jetzt nur in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen Körper mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt in ihm auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit so vollkommen, wie wenn sein Körper blutleer geworden wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse von Frankfurt. Und brüllte: »Gemein! Ich bin gemein!«

Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale Braut des Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee, als Oldshatterhand eintrat.

Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant mahlte Kaffee. Oldshatterhand begann an dem Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein Hochzeitsgeschenk, von der Braut anfertigte.

»Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst davor. Ich hab's ihm schon g'sagt . . . ich tu's nit. Nie! Lieber heirat ich nit.«

»No, jetzt so dumm.« Die Frau Vierkant lachte. »Jetzt geht ihr acht Jahr mitnander. Dumms Mädle.«

»Ich tu's nit. Nie! Nie!« Die Braut riß die Augen auf. »Muß denn das sein?«

»Sie müssen stillsitzen«, sagte Oldshatterhand und punktierte mit der nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen schwarzen Poren auf sein Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. Bis die Braut, neugierig, was Oldshatterhand da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich rief: »Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit g'fall.«

»Ich muß doch alles zeichnen, was da is«, verteidigte sich Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den großen Pickel am linken Augenlid der Braut fertig, trank schnell seine Kaffeetasse leer und eilte zur Übungsstunde in den »Klub für intelligente Leibeszucht«.

Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die Schlosserbraut sich so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte er gehört, aber vor Grauen, diesen Gefühlen gegenüber, den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele Monate lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein.

Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen Kapitäns versammelt. Alle waren nackt, und jeder hatte ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein vorgebunden.

Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber warf einen Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der Arbeit.

Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper auf und ab; der andere tat dasselbe rücklings. Der König der Luft kreiste zwei kleine Hanteln und mahlte mit den Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen, die Fußspitzen bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den Kopf, er atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der Uhr in der Hand, kontrollierte die Zeit.

Der Schreiber stöhnte.

»Still!« rief der bleiche Kapitän wütend.

Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum.

Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager und begeistert, und alle stellten sich möglichst immer so, daß die Hinterteile nicht zu sehen waren, denn die waren nicht mit roten Tüchlein verhängt.

Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste. Ja, nein, und grüß Gott. Seine Wangen waren schmal und seine Brust war kolossal breit geworden. Er sah gefährlich aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den Häusern hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf dem Ohr.

»Hanna! Hanna!« rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten, »Bier! Bier!« und sogleich ertönte das keifende Schimpfen der Witwe Benommen mit der schönen Kellnerin.

Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber und notierte alles ins Büchlein.

Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um drei Millimeter an Umfang zugenommen hatte.

Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung gegen Eleganz und Mädchen, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Hut auf einem Ohr, ohne Halskragen ins Bureau.

»Herr Widerschein . . . das geht nicht«, sagte Herr Karfunkelstein, »Sie sind doch kein Stromer. So laufen die Tagediebe herum, die Strizzi, die Vierröhrenbrunnensteher . . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie herausgerissen durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in eine Patsche kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch einmal . . . Einen Kragen müssen Sie anhaben im Bureau.«

Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, den er jedoch, wenn er das Bureau verließ, in die Tasche steckte, um, den Hut verwegen auf dem Ohr, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg anzutreten.

* * * * *

Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan auf der alten Brücke und malte das sonnige Bild vor sich -- das alte Rathaus und die Domstraße mit dem Dom, der sie abschließt.

Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit am Kinn ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit zu. Er hatte ein Monokel vor dem Auge.

»Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?« fragte der Fremde freundlich.

Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor Scham, beugte er sich über seine Arbeit und brachte kein Wort hervor.

»Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken an Würzburg.«

»Ich geb's Ihnen!«

»Und wieviel soll das Bildchen kosten?«

»Kosten?« -- -- --

Ein Bierwagen polterte während der langen Pause vorüber; der Kutscher beugte sich vor, um das Bild sehen zu können.

»Vielleicht . . . eine Mark?«

Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte und ein Scheckformular und füllte es aus. »Nehmen Sie das. Und malen Sie fest weiter. Das schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz, bitte.«

Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den Bilderhandel beobachtet hatte, und blickte dann dem Fremden nach, solange er ihn sehen konnte.

Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke gab, sah er wie ein Irrsinniger den Beamten an und konnte kein Glied rühren.

Sofort ging er in ein Papiergeschäft. »Packen Sie dieses Kunstwerk vorsichtig ein und bringen Sie es ins Hotel Kronprinz. Sie wissen doch -- das vornehme Hotel am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für Freiherrn von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael Vierkant . . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein, das Kunstwerk hat einen Wert von sechzig Mark.«

Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße. Die Vorstellungen seines künftigen Künstlerruhmes jagten, übergipfelten einander, bis ins Ungemessene.

Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den Schloßberg hinauf und begann in den alten Schießgräben der Festung nach Blei zu graben, um gleich noch etwas dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste Form gewonnen.

Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig da zu finden war, denn vor vielleicht fünfzig Jahren war das letztemal hier geschossen worden, und viele Generationen Knaben hatten sich seither am Blei bereichert.

Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte Flintenkugeln gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier hinter einem Brombeerbusch hervortrat. »Was machen Sie da!«

»Ich . . . grabe Angelwürmer.« Er hielt dem Offizier einen langen Wurm zur Ansicht hin. Der Offizier legte grüßend die Hand an die Mütze und ging weiter.

Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in den Schießgräben Blei gesucht und es verkauft beim Lumpenhändler Ei, der auch Oldshatterhands Abnehmer war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen Pfennig mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das Blei kam.

Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann und reich. Und sein Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten Würzburger Verbindung.

Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in den dunklen Anlagen Oldshatterhands Arm genommen hatte: »Mein Vater soll einen Hilfsdiener bekommen, weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann . . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.« Herr Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren Klinikdiener im Würzburger Juliusspital.

Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu.

». . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele Trinkgelder.«

Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. »Ich nehme keine Trinkgelder!«

Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr betroffen nach, wie sie durch die dunkle Anlage davonsprang.

* * * * *

Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik neben einem quittengelben Japaner. »Die Japanerinnen sind aber nicht schön. Gefallen Ihnen die deutschen Mädchen nicht auch unheimlich viel besser?«

Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen Lächeln, so weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen denen stets eine Zigarette hing, und noch die zartrosa Zahnfleischbogen sichtbar wurden. »Mir gefallen die japanischen Mädchen viel besser«, sagte er und goß aus einem Meßzylinder Urin durch die Filter.

Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos und mit größter Geduld die Urine des ganzen Spitals, rauchte unzählige Zigaretten dabei und wurde von dem berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr geschätzt. Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die Untersuchungsstoffe zusammen. »Es gibt aber doch kein einziges blondes Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe ich nicht -- -- --. Warum sind die Japaner eigentlich alle so kohlschwarz?«

»Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden. Der ganze Kopf. Das macht schwarze Haare. Der ist am schönsten, der ganz schwarz ist.«

Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem Gesicht. Oldshatterhand sah ihm eine Weile zu. »In der Türkei kann einer hundert Frauen haben?«

Der Türke lächelte.

»Und Treue gibt's in der Türkei überhaupt nicht?«

»Treue?« fragte der Türke und stieß einen Ballon voll Alkohol um. Er brachte nie etwas zustande, begann viel und beendete nichts. Aber Geheimrat von Leube liebte es, daß Ausländer in seinem Laboratorium arbeiteten.

Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf. »Wenn aber jede Frau zehn Kinder bekommt, dann ist so ein Türke Vater von tausend Kindern? . . . Tausend Kinder in einer Familie?«

Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten. »Deshalb haben auch fast alle Türken nur eine Frau. Nur wer ganz viel Geld hat, kann auch mehr Frauen haben . . . Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns . . . Nicht so wie die deutschen Frauen.«

Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und blickte streng umher. Herr Leisegang war klein und hatte ein Holzbein, so daß man ihn schon von weitem kommen hörte.

Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und beugten sich interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand spülte eifrig Reagenzgläser.

Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. Der Herr Geheimrat hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt, als seinen treuen und geschickten Diener entlassen.

Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem Gedanken, Herr Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter täglich nach Hause begleitete, denn es war im ganzen Spital bekannt, daß Herr Leisegang sich entschlossen hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu verheiraten. Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte Herr Leisegang schon sorgen.

Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen war, für Herrn Leisegang öffnen. Eine große Kiste, vielfach verschnürt und versiegelt. Obenauf lag Holzwolle, dann kam Heu, dann ein Leinwandbündel, in dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines Fläschchen lag. -- Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den berühmten Kliniker zur Untersuchung gesandt.

»Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!« rief Herr Leisegang. »Da will ich doch aber gleich einmal sehen! . . . Von einer Fürstin?« Er roch in das Fläschchen, hielt es gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins Reagenzglas. »-- -- -- Eiweiß hat die Fürstin nicht.« Er nahm noch eine Probe in ein zweites Reagenzglas. »-- -- -- Jetzt sowas! . . . Belästigt das Weibsbild unsern Herrn Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht. Glaubt, weil sie eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn Geheimrat das Resultat mitteilen.« Erbost stelzte Herr Leisegang aus dem Laboratorium.

Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen zu sein: eine Woche später traf die Fürstin in Würzburg ein, mit großem Gefolge. Sie war siebenundachtzig Jahre alt und mußte getragen werden.

Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, der in einen engen Käfig eingesperrt war. Man hatte ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit Wochen drehte er sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein irrsinniger, weißer Kreis.

Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand ging ins Schlachthaus, um frisches Schweine- und Ochsenblut zu holen.

Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand stand neben dem Kessel, in dem das siedende Wasser dampfte.

Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; sie tappten ängstlich grunzend, die Schnauze suchend am Boden. Die bei den Türpfosten stehenden Metzgerburschen ließen die schon erhobenen Holzklöpfel auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie wenn ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes, aus voller Kraft kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands Gehör, und ebbte kläglich ab. Die Tiere taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von zwei Metzgerburschen geschwungen, platschten sie in den Kessel, hinein in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der Schwelle vom Leben zum Tode, lassen sich die harten Schweineborsten leicht abschaben.

Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender Schnitt durch die ganze Gurgel, und das dampfende Blut sprudelte in den Meßzylinder, den der bebende Oldshatterhand bereit hielt. So wollte es der Türke. Frisches Blut.

Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als habe er Schuhe aus Blei an den Füßen. Ziehend ging er hinaus und hinüber: in die Ochsenschlachthalle. Groß, hoch, aus Eisenkonstruktion.

Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte die Halle. Schreien, Fluchen, Rindergebrüll, hastende Metzger, welche Häute, Gedärme, tote Kälber schleppten.

»Ich möchte frisches Ochsenblut«, sagte Oldshatterhand zu einem jungen Metzgerburschen, und sah ihm noch fragend und fremd ins blutverschmierte Gesicht, als er die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. ». . . Bist du jetzt Metzger?«

»Nein, Büffeljäger!« brüllte die kraftstrotzende Kriechende Schlange und hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel.

Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden Schlachthalle um, blöde auf die Kriechende Schlange zurück.

»Was schaust denn wie die Kuh wenn's donnert!«

». . . Blut soll ich holen.«

»Kannst 'n Faß voll hab!«

Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, Blutkörperchen in den verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel bis zu den Schultern aufgekrempelt, fesselten flink wie Teufel den Ochsen.

Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein leichter Schlag darauf mit dem Hammer, ein schwacher Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser klatscht -- der Ochse stand -- schneller als ein Gedanke brach er zusammen. Die Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper, durch das Herz.

Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in den Hals, ein Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein junger Baumstamm aus, überschwemmte den Schlachtstand, floß durch die Rinnen ab in den Kanal, durch den Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und die Fische aus dem blutgefärbten Wasser schnellen.

Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die Haut ab, die Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, riß die dampfenden Gedärme heraus und stieß sie mit dem Fuß zur Seite.

Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie fluchend den Ochsen. Da hing er, violette Adern über dem blutrünstigen Fleisch, die Augen verglast, den blauen Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe neben den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert.

Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange an, der einem Kalb einen Tritt in die Weichen gab, daß es im Blut ausglitschte und in die Knie sank. Er wollte etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf den zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen Anzug an, tadellos weiße Wäsche und trug eine goldene Brille auf der leicht gebogenen Nase. Der Schächter. In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach, breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen, die einen wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am Boden lag.

»Fertig?«

Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange messergerecht gedreht hielt, das Maul und die angespannte Gurgel nach oben, legte das Messer an -- ohne noch zu schneiden --, da klaffte der Hals; das Messer war bis zum Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den Schlachtstand.

Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm knienden Metzger hin und her, stieß unbeschreibliche Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut ausbrach, zuckte, zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte.

Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein Zittern lief durch den ganzen Körper; der Ochse hob noch einmal schief den Kopf, und ließ ihn verendend sinken. Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die Kriechende Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß sie kleben blieben und von der Wand herunter auf die Metzger stierten.

»Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den Ochsen so?« fragte Oldshatterhand, vor Grauen wieder stotternd.

»'n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja«, sagte die Kriechende Schlange lachend. »Und dann, das ist doch das jüdische Gesetz.«

»Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen . . . die A . . . Augen dort an der Wand . . . an der Wand . . . Er hat . . . hat ja noch gelebt.«

»A . . . A . . . A . . . Augen!« rief die Kriechende Schlange lachend, warf sich die blutrünstige Ochsenhaut über die Schulter und ließ Oldshatterhand stehen. Die Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor Vergnügen.

Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen gegangen, der für ihn bereit lag.

Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem Lämmchen aus Holz im Arm, trippelte zwischen den hastenden Metzgerburschen durch zu seinem Vater, dem Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind, drehte es um und schob es weg.

Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende Ochsen mit angststierenden, wissenden Augen wurden hereingeführt, hereingezogen, brüllten dumpfklagend -- nicht laut --, die schäumenden Mäuler in die Höhe gereckt.

Hinein in den Schlachtstand, gefesselt -- drei Minuten später hingen sie ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe von sich streckend, die blauen Zungen bläkend, in der Reihe neben den anderen.