Die Räuberbande

Chapter 10

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Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in einem Zugbeutel, den er Tag und Nacht auf der Brust bei sich trug. Als er genug zu haben glaubte, ging er nicht mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah stundenlang den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten ihn schon und lächelten, wenn er kam.

Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine Landschaft, und wieder, ehe er das Museum verließ. Es war eine hügelige Landschaft mit Felderstreifen, grün und braun; ein paar blühende Apfelbäume dazwischen und darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. Er liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die unterfränkischen Hügel.

Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten mit Pinsel, und malte von seinem Dachfenster aus die Ansicht von Dresden.

Darüber verging ihm der Winter.

* * * * *

Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte Würzburger Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne entbehrt hatten, sich entschlossen, ein Bad im Main zu nehmen. Und die Kinder plätscherten den ganzen Tag über im Wasser herum.

Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt nach Hause zum Mittagessen. Das kleine, grüne Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß die andere blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den Häusern entlang, daß sein Ärmel die Mauern streifte, und schien mit den Fingerspitzen, mit denen er bei jedem Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter sich zu schieben.

Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine Dachkammer und übte alle seine neu angeschafften Hanteln durch.

Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen Scheibenhantel, lagen in der Kammer des bleichen Kapitäns in Reihen geordnet die Gewichte, daß sich die Balken bogen und die Decke unter der Kammer einzustürzen drohte.

Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: »Wie werde ich Athlet«.

Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert, rauchte nicht mehr, trank nicht mehr, redete nur noch das Nötigste -- er stemmte. Die Folge davon war ein schwerer Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt, der dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren würde, wenn es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden.

Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das Gestell, denn die Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend, spannte er einen Zentimeter um seinen Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel des Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der Muskel seit einer Woche um eineinhalb Millimeter stärker geworden war. Nachdem er noch Unterarm- und Schenkelmuskel gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu erheben, dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu.

Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie er tief das Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte.

Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde Flecken auf den eingefallenen Wangen.

»Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag tun dürfe, so oft man nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste, was es überhaupt gibt auf der Welt«, sagte der bleiche Kapitän. »Und was gar die Mädli anbelangt, mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst, dann kannst schon nimmer stemm -- so schwächt dich das. Grüß Gott.« Das war des bleichen Kapitäns letzter längerer Satz auf Jahre hinaus.

Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen.

Die Rote Wolke sang den ganzen Tag »Nach der Heimat möcht ich wieder, nach dem teuren Heimatort«, denn er war Mitglied des Jünglingvereins »Frischer Bursch« geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das Stiftungsfest des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied war wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke sang den ersten Tenor. Der König der Luft war eifriger Turner und trug sich mit der Idee, zusammen mit einigen jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den Händen laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben, in einem Dorfe bei Würzburg. Falkenauge war aktives Mitglied der Angelgesellschaft »Walfisch« geworden.

Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung der Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche Kapitän einen Preis errungen hatte beim Vereinsstemmen des Athletenklubs »Muskel«, dessen Mitglied er war.

* * * * *

Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde in der Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in den Perrondurchgang. Hin und wieder wischte sie sich über die Augen, und ein Lächeln des Glückes entstand in ihrem verhärmten Gesicht.

Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster Spannung der Erwartung und des Zweifels blickte sie hinunter in den Durchgang, durch den jetzt die angekommenen Reisenden eilten. Darunter ein schlanker junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit einer schwarz-weiß gestreiften Krawatte, die sich weit heraus wölbte; sein dünnes Spazierstöckchen mit blitzender Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er zog eben braune Glacéhandschuhe über.

Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab vor Frau Vierkant, streckte ihr die Hand hin und lächelte.

Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die Arme über den Kopf.

Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; er war um mehr als einen Kopf größer geworden.

»Einen Gummimantel hast du dir gekauft?« fragte die Mutter erstaunt.

Sechstes Kapitel

Alle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand in der Dachkammer des bleichen Kapitäns versammelt.

Winnetou fehlte.

Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten ihre Pfeifen vor das Fenster legen, denn der bleiche Kapitän sagte: »Rauch ist Gift . . . für einen Athleten.«

Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte elegant Oldshatterhand. »Wie werde ich Athlet« lag aufgeschlagen auf dem Tisch.

»Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst«, fragte der fahle Schreiber.

Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. »In Frankfurt . . . Da gibt's eine Gasse. Die Rosengasse. Die ist so eng, daß man nebeneinander gar nicht durchgehen kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf den Stufen, sitzen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen . . . seht, so sitzen sie, in rosaseidenen, in violetten Hängekleidern und manche in ganz roter Seide . . . Und wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln sie dich an, rufen sie dich . . . und so halt.«

»Bist neigange mit so'n Mädle?«

»Hi! hihiha!«

»Dann is aus mit der Kraft«, sagte still der bleiche Kapitän. »Das kann man an dir merk.«

»Ich mach ja gar nix mit Mädli.«

»Wie . . . du's machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt nur an sowas denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.« Der bleiche Kapitän griff dem Schreiber an den Oberarm. »Zieh mal dei Röckle aus.« Schob dem Schreiber noch den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen und ließ es verächtlich sinken. »Oh, macht nur so weiter.«

»Gestern hab ich 'n Hecht gefange«, sagte Falkenauge. »Von anderthalb Pfund.«

»Kriegst vielleicht davo Kraft?«

»He?«

»Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! Jetzt will ich euch amal was zeig. Schaut amal alle zum Fenster naus.«

»So, jetzt.«

Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche Kapitän nackt über seine Scheibenhantel zusammengekauert. Die Räuber hörten, wie er den Brustkasten voll Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die zentnerschwere Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf lag tief im Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber, stand reglos der bleiche Kapitän, vom kalten Mondlicht getroffen. Das handgroße, zinnoberrote Tüchlein war vorgebunden.

Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein dumpfes Krachen tönte von unten herauf: die Decke der Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste gefallen.

Die Räuber umringten ihren Hauptmann und befühlten staunend seinen Körper. Der war hart wie Elfenbein.

Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie riß die Tür auf und prallte zurück vor ihrem nackten Sohn. Mürrisch stülpte er seine Unterlippe hin. Die Tür knallte ins Schloß.

Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein, das sich verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte hochdeutsch: »Jetzt mache ich euch einen Vorschlag. Wir gründen einen Athletenklub . . . auf intelligenter Basis.«

»Was ist das? Basis?«

». . . Basis ist schon richtig«, sagte der bleiche Kapitän und legte die Faust auf »Wie werde ich Athlet«. »Den Namen hab ich schon. Wir nennen uns >Klub für intelligente Leibeszucht<. Jeden Abend kommen wir in meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich nackt. Das ist von wegen der Transpiration . . . Und das eine möcht ich euch noch sag: hütet euch vor den Weibern und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt schon, was ich mein'.«

»Aber ich hab ja Singprobe abends«, rief die Rote Wolke.

»Kriegst amend davo Kraft?«

»Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen: >Nach der Heimat möcht ich wieder<. Wenn ich mir's genau überleg . . . ich war ja noch gar nie aus Würzburg draußen.«

»Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen Geplärr. Aber wenn ich Muskel hab, da weiß ich doch, was ich hab«, sagte der bleiche Kapitän und griff zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen und den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten Räuber, die sich hastig entkleideten, und registrierte alles genau in sein Büchlein.

Der »Klub für intelligente Leibeszucht« war gegründet.

»Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein Bruder.«

Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den Schreiber an. »Wenn du ein Athlet werden willst, darfst du keinen Alkohol trinken. Höchstens manchmal, aber nur einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder Beefsteak mußt freß, soviel du kannst.«

Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und saßen wieder auf dem alten Lederkanapee am runden Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen Teller rohes Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich.

Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern auf dem Athletentisch.

Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib trat stark vor. Voller Freude sah sie auf die wiedervereinigten Räuber.

Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein schwarzhaariger Bursche schlich mit nach innen gerichteten Fußspitzen lautlos durch die Wirtsstube. Sein abgemagertes Gesicht war fleckig und ockergelb, und seine dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus Hamburg, dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank zurückgekehrt. Er setzte sich ans Fenster zu einem helläugigen, blonden Jüngling.

Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die zweite Stimme, kaum hörbar und hohl aus dem Halse heraus, der andere die erste Stimme, rein und voller Hingabe. Es wurde ganz still in der Stube.

»Auf, Matrosen ohe!« sangen die beiden.

»Auf die wogende See.«

»Oo . . . heee!« sang der Zurückgekehrte dunkel und düster . . .

»Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn, Geschwind, wie der Sturm und Wind.«

* * * * *

An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand mit seiner Schwester und deren Freundin, Lenchen Leisegang, die vielen hundert Staffeln hinauf zum Würzburger »Käppele«, an der Leidensgeschichte Christi vorbei, welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang der frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist.

Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze in die dürren Hände verschlungen, knieten auf den Stufen und bewegten die Lippen im Gebet. Viele Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige, welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den Herrgott um Vergebung ihrer Sünden baten.

Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf der untersten Stufe gebetet, waren knieend auf die zweite Stufe geklettert, auch diese abbetend, und weiter, Stufe für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei Vaterunser gebetet werden mußten. Immer auf den Knien rutschend, beteten sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter sich, bis gegen Abend das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo Christus am hohen Kreuze hängt, endlich erreicht war und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken.

Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter, hatten eine Hausapotheke und halfen den Büßern wieder auf die Beine, damit sie dem Hochamt in der kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und man sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten, daß für den langen, bitterschweren Betgang auf den Knien durch Staub und Hitze der liebe Gott im Himmel ihre Bitte um Hilfe erfüllen werde.

Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an den betenden Gläubigen vorbei, bis zum Marienfuß. Das Mädchen probierte ihren Fuß in die Höhlung, von der es hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick gerastet habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in Butter eingesunken sei.

Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, das sich vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, gleich auf die nächste Stufe rutschte.

Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß die Bäuerin den Vaterunserdiebstahl vor der siebenten Station -- ein nackter, muskulöser Landsknecht mit Speer und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die Dornenkrone aufs Haupt -- unter größter Vorsicht wieder beging.

Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie war vögelchenzart, aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes Sonntagskleid an.

>Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank im Abendgarten sitzen<, dachte Oldshatterhand.

Unter Glockenläuten kamen sie auf dem »Käppele« an. Rund um die Kirche herum klebten die Verkaufsbuden, wo Kerzen zu haben waren, nicht dicker und länger als ein Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein Männerschenkel und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden Muttergottesherzen aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte, konnte eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche opfern.

Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen, Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger Lebkuchen, Christusse, Amulette, heilige Josephsringe aus Zinn für zehn Pfennige. Auch ein Schnäpschen war zu haben.

Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das der sonnengoldene Main zog. Langbärtige Mönche mit klappenden Sandalen schritten durch die verstaubte Menge.

Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln der Ministranten. Alle Menschen fielen auf die Knie; das Gebetsgemurmel erklang.

Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen Hand, mit der linken nahmen sie den Kaufpreis entgegen und stritten sich verzweifelt mit den Bauern herum, welche die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die teueren, dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis boten, stundenlang feilschten, um sie dann befriedigt der heiligen Mutter darzubringen.

Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor einer Bude, wo an Schnüren kleine Arme hingen, Beine, Herzen, Ohren, Hände -- aus Wachs, die man kaufen und seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke Bein, das Ohr, das Herz gesund werde.

»Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?« fragte die Schwester. Sie hatte einen vom Knochenfraß steif gebliebenen Arm. »Es könnte ja nix schad. Vielleicht hilft's.«

»Ich glaub nit, daß es was hilft«, meinte Oldshatterhand.

Da trat die Menge, »Gelobt sei Jesus Christus« murmelnd, zur Seite: neben einem hohen Mönch kam Winnetou geschritten in der weißen Ministrantenstola, das qualmende Weihrauchfaß schwingend.

Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg betroffen, denn Winnetou senkte den Kopf und ging vorüber.

Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. Der lief jeden Tag ohne Begleiter die vielen hundert Stufen hinunter und noch eine halbe Stunde weit durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister Schlauch, der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet hatte, und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die Mönche. Man erzählte sich, der Hund habe schon sieben Menschen das Leben gerettet. Es war ein großes, schönes Tier, dem ein Auge fehlte.

Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen geliebten und verehrten Tieres zu werden, war nur der äußerliche Anlaß für Winnetou gewesen, sich den Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht hatte. Von der Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, hatte er späterhin auch manche Nacht bei den stillen Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt schon den kränkelnden Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen Kindern aus der Stadt das durch ein Vaterunser erbetete Stück Klosteranisbrot reichen. Die Kinder kannten ihn schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib hinein. Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage zwei- oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer unter den Bittenden, der das katholische Vaterunser nur so ein bißchen mitbrummen konnte, dann ließ er auch das gelten.

Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht waren von tiefer Bräune umschattet. Auf der Oberlippe hatte er vereinzeltstehende, lange, schwarze Haare. Seit einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen Beruf hatte er nicht.

Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch einen Hohlweg, an Weinbergen vorbei.

Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft und es am Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich die Wunde an ihrem steifen Arm wenigstens schließen, meinte sie.

Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, als Herr Mager, der damals Lehrer der Mädchenklasse gewesen war, der Schwester mit dem Rohrstock sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl er von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war.

Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen und seinem nie ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. Aber die Wunde am Arm der Schwester war seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant auf den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen, das bei der nötig gewordenen Operation aus dem Ellbogengelenk herausgeschnitten werden mußte, einem Straßenhund zu fressen gegeben hatte.

»Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann schließt sich wenigstens die Wunde«, hatte die weise Frau gesagt; »stirbt er aber an dem Knochen, dann wird der steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.«

Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war aber ganz gesund geblieben.

Versonnen schritt die Schwester weiter.

Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun ein Loch in ihr Sonntagskleid gerissen hatte und bekümmert dreinsah.

»Das können Sie wieder schön zustopfen«, tröstete Oldshatterhand. Und nach einer Weile: »Man muß eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt, und alle Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine Zange mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune auf die Seite schaffen . . ., daß sich kein Mensch mehr einen Triangel ins Kleid reißen kann. Stacheldrahtzäune sind doch hundsgemein und hinterlistig!«

Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im Arm. Seine Bäuerin stolperte betend hinter ihm drein. Ein paar barfüßige Jungen, auf der Flucht vor dem Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus der Fußsohle und hinkte heulend weiter.

Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner, weißer Spitzhund. »Haben Sie gesehen, wo die verdammten Lausbuben naus sind?«

»Da hinaus!« zeigte Oldshatterhand in die falsche Richtung.

Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht hinunter, einer noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen Felsenbergschlucht, durch die eine starke Quelle ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger Verschönerungsverein hatte nach langem Ringen mit der störrischen Natur aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe Seechen mit zwei Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen aus krummen Birkenästen, noch mit der weißen Rinde, überspannten die gezähmte Quelle; Birkenholz-Aussichtshäuschen, Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser, Gedenk-, Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz verschönten die Landschaft.

Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen war: »Gestiftet von Herrn Kilian Nikodemus Anastasius Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.«

»Ihr paßt gut zueinander«, sagte die Schwester zur Freundin, die verwirrt aufstand und vorausging.

»Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an auf der Straß, dann möcht sie glei durchs Pflaster in Erdbode neifahr . . . Und du . . . du bist auch ein dummer Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von Würzburg, ham wir jed'n Tag von dir gesprochen. Und noch ehe sie dich gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . Aber so verliebt! Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .«

»Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!«

Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke, auf der ein silberner Engel stand, und sagte es der Schwester. Auch daß die Wolke mit dem stillstehenden Engel jetzt fortschwebe.

Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell vor einem Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die Stämme, von der Abendsonne beschienen, leuchteten rot.

»Henkeln Sie ein bei mir«, sagte Oldshatterhand und verbeugte sich.

Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester. ». . . Da!« Und stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand.

So gingen sie nach Hause.

* * * * *

»Greif amal her!« brachte der König der Luft vor Kraftanstrengung gerade noch heraus und ließ Falkenauge seinen Oberarmmuskel befühlen. »Wie is er?«

». . . Kolossal hart! Und meiner?« Falkenauge stand im Ausfall. Der König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel und sah dabei prüfend in den Himmel. »Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber gehen wir.«

Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im Garten »Zur schönen Mainaussicht« standen flüsternde Weiber und stillgewordene Kinder um einen aufgebahrten Sarg herum.

Die zwei drängten sich durch und wurden auch still.

Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg. Nur ihr Mund war rot und lächelte hold, wie wenn sie im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die Tanzenden den Boden zu glätten.

Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die Vögel pfiffen im Kastanienbaum, unter dem das Fell des Bernhardinerhundes ausgebreitet war. Es hatte große enthaarte Stellen.

Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub versteckt, und zielte mit einer stacheligen Kastanie einer Alten auf den Scheitel, traf aber seiner toten Schwester ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der Wange der Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen, beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde.

Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei in die Wirtsstube. Der blonde Sachse und das kleine, schöne Waisenmädchen saßen schon drinnen und tranken grünen Likör.

Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste, denn die »Schöne Mainaussicht« war in Verruf geraten: der Pfarrer hatte von der Kanzel herunter seine Pfarrkinder gewarnt vor dieser Wirtschaft.

Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und Nacht saß er bei der Wirtin. Niemand kaufte Fische von ihm -- er hatte vergessen, am Gründonnerstag mitzuwallen.

Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte ein Zuckerplätzchen in ihr verquollenes Gesicht, in dem der Mund gar nicht mehr zu sehen war.

»Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag sie doch zum Teufl!« schimpfte der Fischer und hob die Arme. »Heilige Maria und Joseph! so a Gaudi. Wer tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; er hat g'sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom kirchlichen Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische Hundsknoche dem tote Mädle ke christlichs Begräbnis geb. No, i hab 'n mei Meinung mitgeteilt.«