Die Räuber: Ein Schauspiel

Part 9

Chapter 93,414 wordsPublic domain

~Moor.~ Alter! -- Was murmelst du da zwischen den Zähnen, als wenn irgend ein Ungeheuer von Geheimniß auf deiner Zunge schwebte, das nicht heraus wollte, und doch heraus sollte, rede deutlicher!

~Daniel.~ Aber ich will lieber meine alten Knochen abnagen vor Hunger, lieber vor Durst mein eigenes Wasser saufen, als Wohlleben die Fülle verdienen mit einem Todschlag. (_schnell ab._)

Moor (_auffahrend aus schrecklicher Pause._)

Betrogen betrogen! da fährt es über meine Seele wie der Blitz! -- ~Spitzbübische Künste!~ Himmel und Hölle! nicht du, Vater! ~Spitzbübische Künste!~ ~Mörder~, ~Räuber~ durch spitzbübische Künste! Angeschwärzt von ihm! verfälscht, unterdrückt meine Briefe -- voll Liebe sein Herz -- oh ich Ungeheuer von einem Thoren -- voll Liebe sein Vater-Herz -- oh Schelmerey, Schelmerey! Es hätte mich einen Fußfall gekostet, es hätte mich eine Thräne gekostet -- oh ich blöder, blöder, blöder Thor! (_wider die Wand rennend._) Ich hätte glücklich seyn können -- oh Büberey, Büberey! das Glück meines Lebens bübisch, bübisch hinwegbetrogen. (_Er läuft wüthend auf und nieder._) Mörder, Räuber durch spitzbübische Künste! -- Er grollte nicht einmal. Nicht ein Gedanke von Fluch in seinem Herzen -- oh Bösewicht! unbegreiflicher, schleichender, abscheulicher Bösewicht!

Kosinsky (_kommt._)

~Kosinsky.~ Nun Hauptmann, wo steckst du? Was ists? Du willst noch länger hier bleiben, merk' ich?

~Moor.~ Auf! Sattle die Pferde! Wir müssen vor Sonnen-Untergang noch über den Gränzen seyn!

~Kosinsky.~ Du spassest.

~Moor~ (_Befehlend._) Hurtig, hurtig! Zaudre nicht lang, laß alles da! und daß kein Aug' dich gewahr wird.

(Kosinsky ab.)

Moor.

Ich fliehe aus diesen Mauren. Der geringste Verzug könnte mich wüthig machen, und er ist meines Vaters Sohn -- Bruder, Bruder! Du hast mich zum Elendesten auf Erden gemacht, ich habe dich niemals beleidigt, es war nicht brüderlich gehandelt -- Erndte die Früchte deiner Unthat in Ruhe, meine Gegenwart soll dir den Genuß nicht länger vergällen -- aber gewiß, es war nicht brüderlich gehandelt. Finsterniß verlösche sie auf ewig, und der Tod rühre sie nicht auf!

Kosinsky.

~Kosinsky.~ Die Pferde stehn gesattelt, ihr könnt aufsitzen, wann ihr wollt.

~Moor.~ Presser, Presser! Warum so eilig? Soll ich sie nicht mehr sehn?

~Kosinsky.~ Ich zäume gleich wieder ab, wenn ihr's haben wollt, ihr hießt mich ja über Hals und Kopf eilen.

~Moor.~ Noch einmal! ein Lebewohl noch! ich muß den Gifttrank dieser Seeligkeit vollends ausschlürfen, und dann -- halt Kosinsky! Zehn Minuten noch -- hinten am Schloßhof -- und wir sprengen davon!

Vierte Scene.

Im Garten.

Amalia.

~Du weinst Amalia?~ -- und das sprach er mit einer Stimme! mit einer Stimme -- mir wars, als ob die Natur sich verjüngete -- die genossenen Lenze der Liebe dämmerten auf mit der Stimme! Die Nachtigall schlug wie damals -- die Blumen hauchten wie damals -- und ich lag Wonne-berauscht an seinem Hals -- Ha falsches treuloses Herz! Wie du deinen Meineid beschönigen willst! Nein, nein, weg aus meiner Seele, du Frevel-Bild -- ich hab' meinen Eid nicht gebrochen, du Einziger! Weg aus meiner Seele, ihr verrätherischen gottlosen Wünsche! im Herzen, wo Karl herrscht, darf kein Erdensohn nisten -- Aber warum, meine Seele, so immer, so wider Willen nach diesem Fremdling? Hängt er sich nicht so hart an das Bild meines Einzigen? Ist er nicht der ewige Begleiter meines Einzigen? ~Du weinst Amalia?~ -- Ha ich will ihn fliehen! -- fliehen! -- Nimmer sehen soll mein Aug' diesen Fremdling!

Räuber Moor (_öffnet die Gartenthüre._)

~Amalia~ (_fährt zusammen._) Horch! horch! Rauschte die Thüre nicht? (_Sie wird Karln gewahr, und springt auf._) Er? -- wohin? -- was? -- da hat mich's angewurzelt, daß ich nicht fliehen kann -- Verlaß mich nicht, Gott im Himmel! -- Nein du sollst mir meinen Karl nicht entreissen! Meine Seele hat nicht Raum für zwey Gottheiten, und ich bin ein sterbliches Mädchen! (_Sie nimmt Karls Bild heraus._) Du, mein Karl, sey mein Genius wider diesen Fremdling, den Liebestörer! dich, dich ansehen, unverwandt, -- und weg alle gottlosen Blicke nach diesem (_sie sitzt stumm -- das Auge starr auf das Bild geheftet._)

~Moor.~ Sie da, gnädiges Fräulein? -- und traurig? und eine Thräne auf diesem Gemählde? -- (_Amalia gibt ihm keine Antwort._) -- Und wer ist der Glückliche, um den sich das Aug' eines Engels versilbert? darf auch ich diesen Verherrlichten -- (_er will das Gemählde betrachten._)

~Amalia.~ Nein, ja, nein!

~Moor~ (_zurückfahrend._) Ha! -- und verdient er diese Vergötterung? verdient er? --

~Amalia.~ Wenn Sie ihn gekannt hätten!

~Moor.~ Ich würd' ihn beneidet haben.

~Amalia.~ Angebetet, wollen Sie sagen.

~Moor.~ Ha!

~Amalia.~ Oh Sie hätten ihn so lieb gehabt -- es war so viel, so viel in seinem Angesicht -- in seinen Augen -- im Ton seiner Stimme, das Ihnen so gleich kommt -- das ich so liebe --

~Moor~ (_sieht zur Erde._)

~Amalia.~ Hier, wo Sie stehen, stand er tausendmal -- und neben ihm die, die neben ihm Himmel und Erde vergaß -- hier durchirrte sein Aug' die um ihn prangende Gegend -- sie schien den großen belohnenden Blick zu empfinden, und sich unter dem Wohlgefallen ihres Meisterbilds zu verschönern -- hier hielt er mit himmlischer Musik die Hörer der Lüfte gefangen -- hier an diesem Busch pflückte er Rosen, und pflückte die Rosen für mich -- hier hier lag er an meinem Halse, brannte sein Mund auf dem meinen, und die Blumen starben gern unter der Liebenden Fußtritt --

~Moor.~ Er ist nicht mehr?

~Amalia.~ Er seegelt auf ungestümen Meeren -- Amalia's Liebe seegelt mit ihm -- er wandelt durch ungebahnte sandigte Wüsten -- Amalia's Liebe macht den brennenden Sand unter ihm grünen, und die wilden Gesträuche blühen -- der Mittag sengt sein entblößtes Haupt, nordischer Schnee schrumpft seine Sohlen zusammen, stürmischer Hagel regnet um seine Schläfe, und Amalia's Liebe wiegt ihn in Stürmen ein -- Meere und Berge und Horizonte zwischen den Liebenden -- aber die Seelen versetzen sich aus dem staubigten Kerker, und treffen sich im Paradiese der Liebe -- Sie scheinen traurig, Herr Graf?

~Moor.~ Die Worte der Liebe machen auch meine Liebe lebendig.

~Amalia.~ (_blaß._) Was? Sie lieben eine andre? -- Weh mir, was hab ich gesagt?

~Moor.~ Sie glaubte mich todt, und blieb treu dem Todtgeglaubten -- sie hörte wieder, ich lebe, und opferte mir die Krone einer Heiligen auf. Sie weiß mich in Wüsten irren, und im Elend herumschwärmen, und ihre Liebe fliegt durch Wüsten und Elend mir nach. Auch heißt sie Amalia, wie Sie, gnädiges Fräulein.

~Amalia.~ Wie beneid' ich Ihre Amalia!

~Moor.~ O sie ist ein unglückliches Mädchen, ihre Liebe ist für einen, der verloren ist, und wird -- ewig niemals belohnt.

~Amalia.~ Nein, sie wird im Himmel belohnt. Sagt man nicht, es gebe eine bessere Welt, wo die Traurigen sich freuen, und die Liebenden sich wieder erkennen?

~Moor.~ Ja, eine Welt, wo die Schleyer hinwegfallen, und die Liebe sich schrecklich wiederfindet -- ~Ewigkeit~ heißt ihr Name -- meine Amalia ist ein unglückliches Mädchen.

~Amalia.~ Unglücklich, und Sie lieben?

~Moor.~ Unglücklich, weil sie mich liebt! wie, wenn ich ein Todtschläger wäre? wie mein Fräulein? wenn Ihr Geliebter Ihnen für jeden Kuß einen Mord aufzählen könnte? wehe meiner Amalia! Sie ist ein unglückliches Mädchen.

~Amalia~ (_froh aufhüpfend._) Ha! wie bin ich ein glückliches Mädchen! Mein Einziger ist Nachstrahl der Gottheit, und die Gottheit ist Huld und Erbarmen! Nicht eine Fliege konnt' er leiden sehen -- Seine Seele ist so fern von einem blutigen Gedanken, als fern der Mittag von der Mitternacht ist.

~Moor~ (_kehrt sich schnell ab, in ein Gebüsch, blickt starr in die Gegend._)

~Amalia~ (_singt und spielt auf der Laute._)

Willst dich Hektor ewig mir entreissen, Wo des Aeaciden mordend Eisen Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt? Wer wird künftig deinen Kleinen lehren Speere werfen und die Götter ehren, Wenn hinunter dich der Xanthus schlingt?

~Moor~ (_nimmt die Laute stillschweigend und spielt._)

Theures Weib, geh, hol die Todeslanze! -- Laß -- mich fort -- zum wilden Kriegestanze --

(Er wirft die Laute weg, und flieht davon.)

Fünfte Scene.

~Nahgelegener Wald. Nacht.~

Ein altes verfallenes Schloß in der Mitte.

Die ~Räuberbande~ gelagert auf der Erde.

Die ~Räuber~ singen.

Stehlen, morden, huren, balgen Heißt bey uns nur die Zeit zerstreu'n. Morgen hangen wir am Galgen, Drum laßt uns heute lustig seyn.

Ein freyes Leben führen wir, Ein Leben voller Wonne. Der Wald ist unser Nachtquartier, Bey Sturm und Wind handthieren wir, Der Mond ist unsre Sonne, Merkurius ist unser Mann, Der's Prakticiren treflich kann.

Heut laden wir bey Pfaffen uns ein, Bey masten Pächtern morgen, Was drüber ist, da lassen wir fein Den lieben Herrgott sorgen.

Und haben wir im Traubensaft Die Gurgel ausgebadet, So machen wir uns Muth und Kraft Und mit dem Schwarzen Brüderschaft, Der in der Hölle bratet.

Das Wehgeheul geschlagner Väter, Der bangen Mütter Klaggezetter, Das Winseln der verlaßnen Braut Ist Schmauß für unsre Trommelhaut!

Ha! wenn sie euch unter dem Beile so zucken, Ausbrüllen wie Kälber, umfallen wie Mucken, Das kitzelt unsern Augenstern, Das schmeichelt unsern Ohren gern.

Und wenn mein Stündlein kommen nun, Der Henker soll es holen, So haben wir halt unsern Lohn, Und schmieren unsre Sohlen, Ein Schlückchen auf den Weg vom heissen Traubensohn, Und hura rax dax! gehts, als flögen wir davon.

~Schweizer.~ Es wird Nacht, und der Hauptmann noch nicht da!

~Razmann.~ Und versprach doch Schlag acht Uhr wieder bey uns einzutreffen.

~Schweizer.~ Wenn ihm Leides geschehen wäre -- Kameraden! wir zünden an und morden den Säugling.

~Spiegelberg~ (_nimmt Razmann beyseite._) Auf ein Wort Razmann.

~Schwarz~ (_zu Grimm._) Wollen wir nicht Spionen ausstellen?

~Grimm.~ Laß du ihn! Er wird einen Fang thun, daß wir uns schämen müssen.

~Schweizer.~ Da brennst du dich, beym Henker! Er gieng nicht von uns wie einer, der einen Schelmenstreich im Schild führt. Hast du vergessen, was er gesagt hat, als er uns über die Haide führte? -- »Wer nur eine Rübe vom Acker stiehlt, daß ich's erfahre, läßt seinen Kopf hier, so wahr ich ~Moor~ heiße.« -- Wir dörfen nicht rauben.

~Razmann~ (_leise zu Spiegelberg._) Wo will das hinaus -- rede deutscher.

~Spiegelberg.~ Pst! Pst! -- Ich weiß nicht, was du oder ich für Begriffe von Freyheit haben, daß wir an einem Karrn ziehen, wie Stiere, und dabey wunderviel von Independenz deklamiren -- Es gefällt mir nicht.

~Schweizer~ (_zu Grimm._) Was wohl dieser Windkopf hier an der Kunkel hat?

~Razmann~ (_leise zu Spiegelberg._) Du sprichst vom Hauptmann? --

~Spiegelberg.~ Pst doch! Pst! -- Er hat so seine Ohren unter uns herumlaufen -- ~Hauptmann~ sagst du? wer hat ihn zum Hauptmann über uns gesetzt, oder hat er nicht diesen Titel usurpirt, der von rechtswegen mein ist? -- Wie? legen wir darum unser Leben auf Würfel -- baden darum alle Milzsuchten des Schicksals aus, daß wir am End' noch von Glück sagen, die Leibeigenen eines Sklaven zu seyn? -- Leibeigene, da wir Fürsten seyn könnten? -- Bey Gott! Razmann -- das hat mir niemals gefallen.

~Schweizer~ (_Zu den andern._) Ja -- du bist mir der rechte Held, Frösche mit Steinen breit zu schmeissen -- Schon der Klang seiner Nase, wenn er sich schneuzte, könnte dich durch ein Nadelöhr jagen --

~Spiegelberg~ (_zu Razmann._) Ja -- Und Jahre schon dicht' ich darauf: Es soll anders werden. Razmann -- wenn du bist, wofür ich dich immer hielt -- Razmann! -- Man vermißt ihn -- gibt ihn halb verloren -- Razmann, mich deucht, seine schwarze Stunde schlägt -- wie? Nicht einmal röther wirst du, da dir die Glocke zur Freyheit läutet? Hast nicht einmal so viel Muth, einen kühnen Wink zu verstehen?

~Razmann.~ Ha Satan! worinn verstrickst du meine Seele?

~Spiegelberg.~ Hats gefangen? -- Gut! so folge. Ich hab' mir's gemerkt, wo er hinschlich -- Komm! Zwey Pistolen fehlen selten, und dann -- so sind wir die ersten, die den Säugling erdrosseln. (_Er will ihn fortreissen._)

~Schweizer~ (_Zieht wüthend sein Messer._) Ha Bestie! Eben recht erinnerst du mich an die böhmischen Wälder! -- Warst du nicht die Memme, die anhub zu schnadern, als sie riefen: ~Der Feind kommt~? Ich hab' damals bey meiner Seele geflucht -- fahr hin Meuchelmörder (_Er sticht ihn todt._)

~Räuber~ (_In Bewegung._) Mordjo! Mordjo! -- -- Schweizer -- Spiegelberg -- Reißt sie auseinander --

~Schweizer~ (_Wirft das Messer über ihn._) Da! -- Und so krepir du -- Ruhig Kameraden -- Laßt euch den Bettel nicht unterbrechen -- Die Bestie ist dem Hauptmann immer giftig gewesen, und hat keine Narbe auf ihrer ganzen Haut -- Noch einmal, gebt euch zufrieden -- ha! über den Racker -- von hinten her will er Männer zu schanden schmeissen? Männer von hinten her! -- Ist uns darum der helle Schweiß über die Backen gelaufen, daß wir aus der Welt schleichen wie Hundsvötter? Bestie du! Haben wir uns darum unter Feuer und Rauch gebettet, daß wir zuletzt wie Ratten verrecken?

~Grimm.~ Aber zum Teufel -- Kamerad -- was hattet ihr mit einander? -- Der Hauptmann wird rasend werden.

~Schweizer.~ Dafür laß mich sorgen -- Und du Heilloser (_zu Razmann_), du warst sein Helfershelfer, du! -- Pack dich aus meinen Augen -- der Schufterle hat's auch so gemacht, aber dafür hängt er itzt auch in der Schweiz, wie's ihm mein Hauptmann prophezeyt hat -- (_Man schießt._)

~Schwarz~ (_aufspringend._) Horch! ein Pistolenschuß! (_Man schießt wieder._) Noch einer! Holla! Der Hauptmann!

~Grimm.~ Nur Geduld! Er muß zum drittenmal schiessen. (_Man hört noch einen Schuß._)

~Schwarz.~ Er ist's! -- Ist's -- Salvier dich, Schweizer -- laßt uns ihm antworten.

(Sie schiessen.)

Moor. Kosinsky (_treten auf._)

~Schweizer~ (_ihnen entgegen._) Sey willkommen, mein Hauptmann -- Ich bin ein bischen vorlaut gewesen, seit du weg bist. (_Er führt ihn an die Leiche._) Sey du Richter zwischen mir und diesem -- ~von hinten~ hat er dich ermorden wollen.

~Räuber~ (_mit Bestürzung._) Was? Den Hauptmann?

~Moor.~ (_In den Anblick versunken, bricht heftig aus._) O unbegreiflicher Finger der rachekundigen Nemesis! -- Wars nicht dieser, der mir das Sirenenlied trillerte? -- Weihe diß Messer der dunklen Vergelterinn! -- das hast ~Du~ nicht gethan, Schweizer.

~Schweizer.~ Bei Gott! ich habs wahrlich gethan, und es ist beim Teufel nicht das schlechtste, was ich in meinem Leben gethan habe. (_geht unwillig ab._)

~Moor~ (_Nachdenkend._) Ich verstehe -- Lenker im Himmel -- ich verstehe -- die Blätter fallen von den Bäumen -- und mein Herbst ist kommen -- Schafft mir diesen aus den Augen. (_Spiegelbergs Leiche wird hinweg getragen._)

~Grimm.~ Gib uns Ordre, Hauptmann -- was sollen wir weiter thun?

~Moor.~ Bald -- bald ist alles erfüllet -- Gebt mir meine Laute -- Ich habe mich selbst verloren, seit ich dort war -- Meine Laute sag ich -- Ich muß mich zurück lullen in meine Kraft -- verlaßt mich.

~Räuber.~ Es ist Mitternacht, Hauptmann.

~Moor.~ Doch warens nur die Thränen im Schauspielhaus -- den Römergesang muß ich hören, daß mein schlafender Genius wieder aufwacht -- Meine Laute her -- Mitternacht, sagt ihr?

~Schwarz.~ Wohl bald vorüber. Wie Bley liegt der Schlaf in uns. Seit drei Tagen kein Auge zu.

~Moor.~ Sinkt denn der balsamische Schlaf auch auf die Augen der Schelmen? Warum fliehet er mich? Ich bin nie ein Feiger gewesen, oder ein schlechter Kerl -- Legt euch schlafen -- Morgen am Tag gehen wir weiter.

~Räuber.~ Gute Nacht, Hauptmann (_Sie lagern sich auf der Erde und schlafen ein._)

Tiefe Stille.

Moor. (_Nimmt die Laute und spielt._)

~Brutus.~

Sey willkommen friedliches Gefilde, Nimm den Letzten aller Römer auf! Von Philippi, wo die Mordschlacht brüllte Schleicht mein Gram-gebeugter Lauf. Kassius wo bist du? -- Rom verloren! Hingewürgt mein brüderliches Heer! Meine Zuflucht zu des Todes Thoren! Keine Welt für Brutus mehr!

~Cäsar.~

Wer, mit Schritten eines Niebesiegten, Wandert dort vom Felsenhang? -- Ha! wenn meine Augen mir nicht lügten! Das ist eines Römers Gang. -- Tybersohn -- von wannen deine Reise? Dauert noch die Siebenhügelstadt? Oft geweinet hab ich um die Waise, Daß sie nimmer einen Cäsar hat.

~Brutus.~

Ha! du mit der drei und zwanzigfachen Wunde! Wer rief Todter dich an's Licht? Schaudre rückwärts, zu des Orkus Schlunde, Stolzer Weiner! Triumphire nicht! Auf Philippi's eisernem Altare Raucht der Freiheit letztes Opferblut; Rom verröchelt über Brutus Bahre, Brutus geht zu Minos -- Kreuch in deine Flut.

~Cäsar.~

O ein Todesstoß von Brutus Schwerte! Auch du -- Brutus -- du? Sohn -- es war dein Vater -- Sohn -- die Erde Wär gefallen dir als Erbe zu! Geh -- du bist der gröste Römer worden, Da in Vaters Brust dein Eisen drang, Geh -- und heul es bis zu jenen Pforten: Brutus ist der gröste Römer worden, Da in Vaters Brust sein Eisen drang. Geh -- du weißts nun, was an Lethes Strande Mich noch bannte -- Schwarzer Schiffer, stoß vom Lande!

~Brutus.~

Vater halt! -- Im ganzen Sonnenreiche Hab ich Einen nur gekannt, Der dem großen Cäsar gleiche: Diesen Einen hast du Sohn genannt. Nur ein Cäsar mochte Rom verderben, Nur nicht Brutus mochte Cäsar stehn, Wo ein Brutus lebt, muß Cäsar sterben; Geh du linkwärts, laß mich rechtwärts gehn.

(Er legt die Laute hin, geht tiefdenkend auf und nieder.)

Wer mir Bürge wäre? -- -- Es ist alles so finster -- verworrene Labyrinthe -- kein Ausgang -- kein leitendes Gestirn -- wenns ~aus~ wäre mit diesem letzten Othemzug -- ~Aus~ wie ein schaales Marionettenspiel -- Aber wofür der heiße ~Hunger~ nach ~Glückseligkeit~? Wofür das Ideal einer ~unerreichten~ Vollkommenheit? Das ~Hinausschieben~ unvollendeter Plane? -- wenn der armselige Druck dieses armseligen Dings (_die Pistolen vors Gesicht haltend_) den Weisen dem Thoren -- den Feigen dem Tapfern -- den Edlen dem Schelmen gleich macht? -- Es ist doch eine so göttliche Harmonie in der seelenlosen Natur, warum sollte dieser Mißklang in der vernünftigen seyn? -- Nein! Nein! es ist etwas mehr, denn ich bin noch nicht glücklich gewesen.

Glaubt ihr, ich werde zittern? Geister meiner Erwürgten! ich werde nicht zittern. (~Heftig zitternd.~) -- Euer banges Sterbegewinsel -- euer schwarzgewürgtes Gesicht -- eure fürchterlich klaffenden Wunden sind ja nur Glieder einer unzerbrechlichen Kette des Schicksals, und hängen zuletzt an meinen Feyerabenden, an den Launen meiner Ammen und Hofmeister, am Temperament meines Vaters, am Blut meiner Mutter. -- (_von Schauer geschüttelt_) Warum hat mein Perillus einen Ochsen aus mir gemacht, daß die Menschheit in meinem glühenden Bauche bratet?

(_Er setzt die Pistolen an._) ~Zeit und Ewigkeit~ -- gekettet an einander durch ein einzig Moment! -- Grauser Schlüssel, der das Gefängniß des Lebens hinter mir schließt, und vor mir aufriegelt die Behausung der ewigen Nacht -- sage mir -- o sage mir -- ~wohin~ -- ~wohin~ wirst du mich führen? -- Fremdes, nie umsegeltes Land! -- Siehe, die Menschheit erschlafft unter ~diesem~ Bilde, die Spannkraft des Endlichen läßt nach, und die Phantasey, der muthwillige Affe der Sinne, gaukelt unserer Leichtgläubigkeit seltsame Schatten vor -- Nein! Nein! Ein Mann muß nicht straucheln -- Sey wie du willst, ~namenloses Jenseits~ -- bleibt mir nur dieses mein ~Selbst~ getreu -- Sey wie du willst, wenn ich nur ~mich selbst~ mit hinübernehme -- Außendinge sind nur der Anstrich des Manns -- Ich bin mein Himmel und meine Hölle.

Wenn du mir irgend einen eingeäscherten Weltkreis ~allein~ ließest, den du aus deinen Augen verbannt hast, wo die einsame Nacht, und die ewige Wüste meine Aussichten sind? -- Ich würde dann die schweigende Oede mit meinen Phantasien bevölkern, und hätte die Ewigkeit zur Musse, das verworrene Bild des allgemeinen Elends zu zergliedern. -- Oder willst du mich durch immer neue Geburten und immer neue Schauplätze des Elends von Stufe zu Stufe -- zur Vernichtung -- führen? Kann ich nicht die Lebensfäden, die mir jenseits gewoben sind, so leicht zerreissen, wie diesen? -- Du kannst mich zu nichts machen -- Diese Freyheit kannst du mir nicht nehmen. (_Er ladet die Pistole. Plötzlich hält er inne._) Und soll ich für Furcht eines qualvollen Lebens sterben? -- Soll ich dem Elend den Sieg über mich einräumen? -- Nein! ich wills dulden. (_Er wirft die Pistole weg._) Die Qual erlahme an meinem Stolz! Ich wills vollenden. (_Es wird immer finstrer._)

Herrmann. (_Der durch den Wald kommt._)

Horch! Horch! grausig heulet der Kauz -- zwölf schlägts drüben im Dorf -- wohl, wohl -- das Bubenstück schläft -- in dieser Wilde kein Lauscher. (_Tritt an das Schloß und pocht._) Komm heraus, Jammermann, Thurmbewohner! -- Deine Mahlzeit ist bereitet.

~Moor.~ (_Sachte zurücktretend._) Was soll das bedeuten?

~Eine Stimme.~ (_aus dem Schloß._) Wer pocht da? He? Bist du's, Herrmann, mein Rabe?

~Herrmann.~ Bin's, Herrmann, dein Rabe. Steig herauf ans Gitter und iß. (_Eulen schreyen._) Fürchterlich trillern deine Schlafkameraden, Alter -- dir schmeckt?

~Die Stimme.~ Hungerte mich sehr. Habe Dank, Rabensender, fürs Brod in der Wüste! -- Und wie gehts meinem lieben Kind, Herrmann?

~Herrmann.~ Stille -- Horch -- Geräusch wie von Schnarchenden! hörst du nicht was?

~Stimme.~ Wie? hörst ~du~ etwas?

~Herrmann.~ Den seufzenden Windlaut durch die Rizen des Thurms -- Eine Nachtmusik, davon einem die Zähne klappern und die Nägel blau werden -- Horch, noch einmal -- Immer ist mir, als hört' ich ein Schnarchen. -- Du hast Gesellschaft, Alter -- Hu! hu! hu!

~Stimme.~ Siehst du etwas?

~Herrmann.~ Leb wohl -- leb wohl -- Grausig ist diese Stätte -- Steig ab ins Loch -- droben dein Helfer, dein Rächer -- verfluchter Sohn! -- (_Will fliehen._)

~Moor.~ (_Mit Entsetzen hervortretend._) Steh!

~Herrmann.~ (_Schreyend._) Oh mir!

~Moor.~ Steh, sag ich!

~Herrmann.~ Weh! Weh! Weh! Nun ist alles verrathen!

~Moor.~ Steh! Rede! Wer bist du? Was hast du hier zu thun? Rede!

~Herrmann.~ Erbarmen, o Erbarmen, gestrenger Herr! -- Nur Ein Wort höret an, eh ihr mich umbringt.

~Moor.~ (_Indem er den Degen zieht._) Was werd' ich hören?

~Herrmann.~ Wohl habt ihr mirs beym Leben verboten -- Ich konnt' nicht anders -- durft' nicht anders -- im Himmel ein Gott -- euer leiblicher Vater dort -- mich jammerte sein -- Stecht mich nieder.

~Moor.~ Hier steckt ein Geheimniß -- Heraus! Sprich! Ich will alles wissen.

~Die Stimme.~ (_Aus dem Schloß._) Weh! Weh! Bist du's, Herrmann, der da redet? Mit wem redst du, Herrmann?

~Moor.~ Drunten noch jemand -- Was geht hier vor? (_Läuft dem Thurme zu._) Ist's ein Gefangener, den die Menschen abschüttelten? -- Ich will seine Ketten lösen. -- Stimme! noch einmal! wo ist die Thüre?

~Herrmann.~ O habt Barmherzigkeit, Herr -- dringt nicht weiter, Herr -- geht aus Erbarmen vorüber! (_Verrennt ihm den Weg._)

~Moor.~ Vierfach geschlossen! Weg da -- Es muß heraus -- Itzt ~zum erstenmal~ komm mir zu Hülfe, ~Dieberey~! (_Er nimmt Brechinstrumente, und öffnet das Gitterthor. Aus dem Grunde steigt ein ~Alter~, ausgemergelt wie ein Gerippe._)

~Der Alte.~ Erbarmen einem Elenden! Erbarmen!

~Moor.~ (_Springt erschrocken zurück._) Das ist ~meines Vaters~ Stimme!

~D. a. Moor.~ Habe Dank, o Gott! Erschienen ist die Stunde der Erlösung.