Part 6
~Roller.~ Und itzt sah mein Gefolge zurück -- da lag die Stadt wie Gomorrha und Sodom, der ganze Horizont war Feuer, Schwefel und Rauch, vierzig Gebürge brüllen den infernalischen Schwank in die Rund herum nach, ein panischer Schreck schmeißt alle zu Boden -- itzt nutz ich den Zeitpunkt, und risch, wie der Wind! -- ich war losgebunden, so nah war's dabey -- da meine Begleiter versteinert wie Loths Weib zurückschaun, Reißaus! zerrissen die Haufen! davon! Sechzig Schritte weg werf ich die Kleider ab, stürze mich in den Fluß, schwimm unter'm Wasser fort, bis ich glaubte ihnen aus dem Gesichte zu seyn. Mein Hauptmann schon parat mit Pferden und Kleidern -- so bin ich entkommen. Moor! Moor! möchtest du bald auch in den Pfeffer gerathen, daß ich dir gleiches mit gleichem vergelten kann!
~Razmann.~ Ein bestialischer Wunsch, für den man dich hängen sollte -- aber es war ein Streich zum Zerplatzen.
~Roller.~ Es war Hülfe in der Noth, ihr könnt's nicht schäzen. Ihr hättet sollen -- den Strick um den Hals -- mit lebendigem Leib zu Grabe marschiren wie ich, und die sakermentalischen Anstalten und Schinders-Ceremonien, und mit jedem Schritt, den der scheue Fuß vorwärts wankte, näher und fürchterlich näher die verfluchte Maschine, wo ich einlogirt werden sollte, im Glanz der schröcklichen Morgensonne steigend, und die laurenden Schinders-Knechte, und die gräßliche Musik -- noch raunt sie in meinen Ohren -- und das Gekrächz hungriger Raben, die an meinem halbfaulen Antezessor zu dreysigen hiengen, und das alles, alles -- und obendrein noch der Vorschmack der Seeligkeit, die mir blühete! -- Bruder, Bruder! und auf einmal die Losung zur Freyheit -- Es war ein Knall, als ob dem Himmelfaß ein Raif gesprungen wäre -- hört Kanaillen! ich sag euch, wenn man aus dem glühenden Ofen in's Eiswasser springt, kann man den Abfall nicht so stark fühlen als ich, da ich am andern Ufer war.
~Spiegelberg~ (_lacht._) Armer Schlucker! nun ist's ja verschwitzt. (_trinkt ihm zu._) Zur glücklichen Wiedergeburt!
~Roller~ (_wirft sein Glas weg._) Nein, bey allen Schäzen des Mammons! ich möchte das nicht zum zweytenmal erleben. Sterben ist etwas mehr als Harlequins-Sprung, und Todes-Angst ist ärger als Sterben.
~Spiegelberg.~ Und der hüpfende Pulverthurm -- merkst du's izt, Razmann? -- d'rum stank auch die Luft so nach Schwefel, stundenweit, als würde die ganze Garderobe des Molochs unter dem Firmament ausgelüftet -- es war ein Meisterstreich, Hauptmann! ich beneide dich d'rum.
~Schweizer.~ Macht sich die Stadt eine Freude daraus, meinen Kameraden wie ein verheztes Schwein abthun zu sehen, was, zum Henker! sollen wir uns ein Gewissen daraus machen, unserem Kameraden zulieb die Stadt drauf gehen zu lassen? Und neben her hatten unsere Kerls noch das gefundene Fressen, über den alten Kaiser zu plündern. -- Sagt einmal! Was habt ihr weggekapert?
~Einer von der Bande.~ Ich hab mich während des Durcheinanders in die Stephans-Kirche geschlichen und die Borden vom Altar-Tuch abgetrennt, der liebe Gott da, sagt' ich, ist ein reicher Mann, und kann ja Goldfäden aus einem Batzenstrick machen.
~Schweizer.~ Du hast wohl gethan -- was soll auch der Plunder in einer Kirche? Sie tragens dem Schöpfer zu, der über den Trödelkram lachet, und seine Geschöpfe dörfen verhungern. -- Und du Spangeler -- wo hast du dein Netz ausgeworfen?
~Ein zweyter.~ Ich und Bügel haben einen Kaufladen geplündert und bringen Zeug für unser funfzig mit.
~Ein Dritter.~ Zwey gold'ne Sackuhren hab ich weggebixt, und ein Dutzend silberne Löffel dazu.
~Schweizer.~ Gut, gut. Und wir haben ihnen ein's angerichtet, d'ran sie vierzeh'n Tage werden zu löschen haben. Wenn sie dem Feuer wehren wollen, so müssen sie die Stadt durch Wasser ruiniren -- Weist du nicht, Schufterle, wie viel es Todte gesetzt hat?
~Schufterle.~ Drey und achtzig sagt man. Der Thurm allein hat ihrer sechszig zu Staub zerschmettert.
~Räuber Moor~ (_sehr ernst._) Roller, du bist theuer bezahlt.
~Schufterle.~ Pah! pah! was heißt aber das? -- ja, wenn's Männer gewesen wären -- aber da warens Wikelkinder, die ihre Lacken vergolden, eingeschnurrte Müttergen, die ihnen die Müken wehrten, ausgedörrte Ofenhocker, die keine Thüre mehr finden konnten -- Patienten, die nach dem Doktor winselten, der in seinem gravitätischen Trab der Hatz nachgezogen war -- Was leichte Beine hatte, war ausgeflogen der Komödie nach, und nur der Bodensatz der Stadt blieb zurück, die Häuser zu hüten.
~Moor.~ Oh der armen Gewürme! Kranke, sagst du, Greise und Kinder? --
~Schufterle.~ Ja zum Teufel! und Kindbetterinnen darzu, und hochschwangere Weiber, die befürchteten, unterm lichten Galgen zu abortiren, junge Frauen, die besorgten sich an den Schinders-Stückchen zu versehen, und ihrem Kind im Mutterleib den Galgen auf den Buckel zu brennen -- Arme Poeten, die keinen Schuh anzuziehen hatten, weil sie ihr einziges Paar in die Mache gegeben, und was das Hundsgesindel mehr ist, es lohnt sich der Mühe nicht, daß man davon redet. Wie ich von ungefehr so an einer Barake vorbeygehe, hör ich drinnen ein Gezetter, ich guk hinein, und wie ich's beym Licht besehe, was war's? Ein Kind war's, noch frisch und gesund, das lag auf dem Boden unter'm Tisch, und der Tisch wollte eben angehen, -- Armes Thiergen! sagt' ich, du verfrierst ja hier, und warf's in die Flamme --
~Moor.~ Wirklich, Schufterle? -- Und diese Flamme brenne in deinem Busen, bis die Ewigkeit grau wird! -- Fort Ungeheuer! Laß dich nimmer unter meiner Bande sehen! Murrt ihr? -- Ueberlegt ihr? -- Wer überlegt, wann Ich befehle? -- Fort mit ihm, sag ich, -- es sind noch mehr unter euch, die meinem Grimm reif sind. Ich kenne dich, Spiegelberg. Aber ich will nächstens unter euch treten, und fürchterlich Musterung halten. (_Sie gehen zitternd ab._)
Moor (_allein heftig auf- und abgehend._)
Höre sie nicht, Rächer im Himmel! -- Was kann ich dafür? Was kannst du dafür, wenn deine Pestilenz, deine Theurung, deine Wasserfluten, den Gerechten mit dem Bösewicht auffressen? Wer kann der Flamme befehlen, daß sie nicht auch durch die gesegneten Saaten wüte, wenn sie das Genist der Hornissel zerstören soll? -- O pfui, über den Kinder-Mord! den Weiber-Mord -- den Kranken-Mord! Wie beugt mich diese That! Sie hat meine schönsten Werke vergiftet -- da steht der Knabe, schaamroth und ausgehöhnt vor dem Auge des Himmels, der sich anmaßte mit Jupiters Keule zu spielen, und Pygmeen niederwarf, da er Titanen zerschmettern sollte -- geh, geh! du bist der Mann nicht, das Rachschwerdt des obern Tribunals zu regieren, du erlagst bey dem ersten Griff -- hier entsag' ich dem frechen Plan, gehe, mich in irgend eine Kluft der Erde zu verkriechen, wo der Tag vor meiner Schande zurücktritt. (_er will fliehen._)
Räuber (_eilig._)
Sieh dich vor, Hauptmann! Es spukt! Ganze Haufen böhmischer Reuter schwadroniren im Holz herum -- der höllische Blaustrumpf muß ihnen verträtscht haben --
Neue Räuber.
Hauptmann, Hauptmann! Sie haben uns die Spur abgelauert -- rings ziehen ihrer etliche Tausend einen Kordon um den mittlern Wald.
Neue Räuber.
Weh, weh, weh! Wir sind gefangen, gerädert, wir sind geviertheilt! Viele tausend Husaren, Dragoner und Jäger sprengen um die Anhöhe, und halten die Luft-Löcher besetzt.
(_Moor geht ab._)
Schweizer. Grimm. Roller. Schwarz. Schufterle. Spiegelberg. Razmann. Räubertrupp.
~Schweizer.~ Haben wir sie aus den Federn geschüttelt? Freu dich doch, Roller! Das hab ich mir lange gewünscht, mich mit so Kommis-Brod-Rittern herumzuhauen -- wo ist der Hauptmann? Ist die ganze Bande beysammen? Wir haben doch Pulver genug?
~Razmann.~ Pulver die schwere Meng. Aber unser sind achtzig in allem, und so immer kaum einer gegen ihrer zwanzig.
~Schweizer.~ Desto besser! und laß es fünfzig gegen meinen grossen Nagel seyn -- Haben sie so lang gewartet, bis wir ihnen die Streu unterm Arsch angezündet haben -- Brüder, Brüder! so hat's keine Noth. Sie sezen ihr Leben an zehen Kreuzer, fechten wir nicht für Hals und Freyheit? -- Wir wollen über sie her wie die Sündflut, und auf ihre Köpfe herabfeuren wie Wetterleuchten -- Wo zum Teufel! ist dann der Hauptmann?
~Spiegelberg.~ Er verläßt uns in dieser Noth. Können wir denn nicht mehr entwischen?
~Schweizer.~ Entwischen?
~Spiegelberg.~ Oh! Warum bin ich nicht geblieben in Jerusalem.
~Schweizer.~ So wollt' ich doch, daß du im Kloak erstiktest, Drekseele du! Bey nakten Nonnen hast du ein grosses Maul, aber wenn du zwey Fäuste siehst, -- Memme, zeige dich itzt, oder man soll dich in eine Sauhaut nähen, und durch Hunde verhetzen lassen.
~Razmann.~ Der Hauptmann, der Hauptmann!
Moor (_langsam vor sich._)
~Moor.~ Ich habe sie vollends ganz einschliessen lassen, itzt müssen sie fechten wie Verzweifelte. (_Laut._) Kinder! Nun gilts! Wir sind verloren, oder wir müssen fechten wie angeschossene Eber.
~Schweizer.~ Ha! ich will ihnen mit meinen Fangern den Bauch schlizen, daß ihnen die Kutteln schuhlang herausplatzen! -- Führ uns an, Hauptmann! Wir folgen dir in den Rachen des Todes.
~Moor.~ Ladet alle Gewehre! Es fehlt doch an Pulver nicht?
~Schweizer~ (_springt auf._) Pulver genug, die Erde gegen den Mond zu sprengen!
~Razmann~. Jeder hat fünf paar Pistolen geladen, jeder noch drey Kugelbüchsen darzu.
~Moor.~ Gut, gut! Und nun muß ein Theil auf die Bäume klettern, oder sich in's Dickicht verstecken, und Feuer auf sie geben im Hinterhalt --
~Schweizer.~ Da gehörst du hin, Spiegelberg!
~Moor.~ Wir andern, wie Furien, fallen ihnen in die Flanken.
~Schweizer.~ Darunter bin ich, ich!
~Moor.~ Zugleich muß jeder sein Pfeifchen hören lassen, im Wald herumjagen, daß unsere Anzahl schröcklicher werde: auch müssen alle Hunde los, und in ihre Glieder gehetzt werden, daß sie sich trennen, zerstreuen, und euch in den Schuß rennen. Wir drey, Roller, Schweizer und ich, fechten im Gedränge.
~Schweizer.~ Meisterlich, vortrefflich! -- Wir wollen sie zusammenwettern, daß sie nicht wissen, wo sie die Ohrfeigen herkriegen. Ich habe wohl ehe eine Kirsche vom Maul weggeschossen, laß sie nur anlaufen. (_Schufterle zupft Schweizern, dieser nimmt den Hauptmann beyseit, und spricht leise mit ihm._)
~Moor.~ Schweig!
~Schweizer.~ Ich bitte dich --
~Moor.~ Weg! Er dank es seiner Schande, sie hat ihn gerettet. Er soll nicht sterben, wenn ich und mein Schweizer sterben, und mein Roller. Laß ihn die Kleider ausziehen, so will ich sagen, er sey ein Reisender, und ich habe ihn bestohlen -- Sey ruhig, Schweizer! Ich schwöre darauf, er wird doch noch gehangen werden.
Pater (_tritt auf._)
~Pater~ (_vor sich, stutzt._) Ist das das Drachen-Nest? -- Mit eurer Erlaubniß, meine Herren! Ich bin ein Diener der Kirche, und draussen stehen siebenzehnhundert, die jedes Haar auf meinen Schläfen bewachen.
~Schweizer.~ Bravo! bravo! das war wohlgesprochen sich den Magen warm zu halten.
~Moor.~ Schweig, Kamerad! -- Sagen Sie kurz, Herr Pater! was haben Sie hier zu thun?
~Pater.~ Mich sendet die hohe Obrigkeit, die über Leben und Tod spricht -- ihr Diebe -- ihr Mordbrenner -- ihr Schelmen -- giftige Otterbrut, die im Finstern schleicht, und im Verborgenen sticht -- Aussatz der Menschheit -- Höllenbrut, -- köstliches Mahl für Raben und Ungeziefer -- Kolonie für Galgen und Rad --
~Schweizer.~ Hund! hör auf zu schimpfen, oder -- (_er drückt ihm den Kolben vor's Gesicht._)
~Moor.~ Pfui doch, Schweizer! du verdirbst ihm ja das Koncept -- er hat seine Predigt so brav auswendig gelernt -- nur weiter mein Herr! -- »für Galgen und Rad?«
~Pater.~ Und du, feiner Hauptmann! Herzog der Beutelschneider! Gauner-König! Gros-Mogol aller Schelmen unter der Sonne! -- Ganz ähnlich jenem ersten abscheulichen Rädelsführer, der tausend Legionen schuldloser Engel in rebellisches Feuer fachte, und mit sich hinab in den tiefen Pfuhl der Verdammniß zog -- das Zettergeschrey verlassener Mütter heult deinen Fersen nach, Blut saufst du wie Wasser, Menschen wägen auf deinem mörderischen Dolch keine Luftblase auf. --
~Moor.~ Sehr wahr, sehr wahr! Nur weiter!
~Pater.~ Was? sehr wahr, sehr wahr? ist das auch eine Antwort?
~Moor.~ Wie, mein Herr? darauf haben Sie sich wohl nicht gefaßt gemacht? Weiter, nur weiter! Was wollten Sie weiter sagen?
~Pater~ (_im Eifer._) Entsetzlicher Mensch! hebe dich weg von mir! Picht nicht das Blut des ermordeten Reichs-Grafen an deinen verfluchten Fingern? Hast du nicht das Heiligthum des Herrn mit diebischen Händen durchbrochen, und mit einem Schelmengriff die geweihten Gefässe des Nachtmahls entwandt? Wie? hast du nicht Feuerbrände in unsere gottesfürchtige Stadt geworfen? und den Pulverthurm über die Häupter guter Christen herabgestürzt? (_Mit zusammengeschlagenen Händen._) Greuliche, greuliche Frevel, die bis zum Himmel hinaufstinken, das jüngste Gericht waffnen, daß es reissend daher bricht! Reif zur Vergeltung, zeitig zur letzten Posaune!
~Moor.~ Meisterlich gerathen bis hieher! aber zur Sache! Was läßt mir der hochlöbliche Magistrat durch Sie kund machen?
~Pater.~ Was du nie werth bist, zu empfangen -- Schau um dich, Mordbrenner! Was nur dein Auge absehen kann, bist du eingeschlossen von unsern Reutern -- hier ist kein Raum zum Entrinnen mehr -- so gewiß Kirschen auf diesen Eichen wachsen, und diese Tannen Pfirsiche tragen, so gewiß werdet ihr unversehrt diesen Eichen und diesen Tannen den Rücken kehren.
~Moor.~ Hörst du's wohl, Schweizer? -- Aber nur weiter!
~Pater.~ Höre dann, wie gütig, wie langmüthig das Gericht mit dir Böswicht verfährt. Wirst du itzt gleich zum Kreuz kriechen und um Gnade und Schonung flehen, siehe, so wird dir die Strenge selbst Erbarmen, die Gerechtigkeit eine liebende Mutter seyn -- sie drückt das Auge bey der Hälfte deiner Verbrechen zu, und läßt es -- denk doch! -- und läßt es bey ~dem Rade bewenden~.
~Schweizer.~ Hast du's gehört, Hauptmann? Soll ich hingeh'n, und diesem abgerichteten Schäferhund die Gurgel zusammen schnüren, daß ihm der rothe Saft aus allen Schweislöchern sprudelt? --
~Roller.~ Hauptmann! -- Sturm! Wetter und Hölle! -- Hauptmann, -- wie er die Unterlippe zwischen die Zähne klemmt! soll ich diesen Kerl das oberst zu unterst unter's Firmament wie einen Kegel aufsetzen?
~Schweizer.~ Mir! mir! Laß mich knien, vor dir niederfallen! Mir laß die Wohllust, ihn zu Brey zusammenzureiben!
(Pater schreyt.)
~Moor.~ Weg von ihm! Wag es keiner, ihn anzurühren! -- (_Zum Pater, indem er seinen Degen zieht!_) Sehen Sie, Herr Pater! hier stehen neun-und siebenzig, deren Hauptmann ich bin, und weiß keiner auf Wink und Kommando zu fliegen, oder nach Kanonen-Musik zu tanzen, und draussen steh'n siebenzehnhundert unter Mousqueten ergraut -- aber hören Sie nun! so redet Moor, der Mordbrenner Hauptmann: Wahr ist's, ich habe den Reichsgrafen erschlagen, die Dominikus-Kirche angezündet und geplündert, hab Feuerbrände in eure bigotte Stadt geworfen, und den Pulverthurm über die Häupter guter Christen herabgestürzt -- aber es ist noch nicht alles. Ich habe noch mehr gethan. (_Er streckt seine rechte Hand aus._) Bemerken Sie die vier kostbaren Ringe, die ich an jedem Finger trage -- gehen Sie hin, und richten Sie Punkt für Punkt den Herren des Gerichts über Leben und Tod aus, was Sie sehen und hören werden -- diesen Rubin zog ich einem Minister vom Finger, den ich auf der Jagd zu den Füßen seines Fürsten niederwarf. Er hatte sich aus dem Pöbelstaub zu einem ersten Günstling empor geschmeichelt, der Fall seines Nachbars war seiner Hoheit Schemel -- Thränen der Waisen huben ihn auf. Diesen Demant zog ich einem Finanzrath ab, der Ehrenstellen und Aemter an die Meistbietenden verkaufte und den traurenden Patrioten von seiner Thüre stieß. -- Diesen Achat trag ich einem Pfaffen Ihres Gelichters zur Ehre, den ich mit eigener Hand erwürgte, als er auf offener Kanzel geweint hatte, daß die Inquisition so in Zerfall käme -- ich könnte Ihnen noch mehr Geschichten von meinen Ringen erzählen, wenn mich nicht schon die paar Worte gereuten, die ich mit Ihnen verschwendet habe --
~Pater.~ O Pharao! Pharao!
~Moor.~ Hört ihr's wohl? Habt ihr den Seufzer bemerkt? Steht er nicht da, als wollte er Feuer vom Himmel auf die Rotte Korah herunter beten, richtet mit einem Achselzucken, verdammt mit einem christlichen ~Ach~! -- Kann der Mensch denn so blind seyn? Er, der die hundert Augen des Argus hat Flecken an seinem Bruder zu spähen, kann er so gar blind gegen sich selbst seyn? -- Da donnern sie Sanftmuth und Duldung aus ihren Wolken, und bringen dem Gott der Liebe Menschenopfer wie einem feuerarmigen Moloch -- predigen Liebe des Nächsten, und fluchen den achtzigjährigen Blinden von ihren Thüren hinweg: -- stürmen wider den Geiz und haben Peru um gold'ner Spangen willen entvölkert und die Heyden wie Zugvieh vor ihre Wagen gespannt -- Sie zerbrechen sich die Köpfe, wie es doch möglich gewesen wäre, daß die Natur hätte können einen Ischariot schaffen, und nicht der schlimmste unter ihnen würde den dreyeinigen Gott um zehen Silberlinge verrathen. -- O über euch Pharisäer, euch Falschmünzer der Wahrheit, euch Affen der Gottheit! Ihr scheut euch nicht vor Kreuz und Altären zu knien, zerfleischt eure Rücken mit Riemen, und foltert euer Fleisch mit Fasten; ihr wähnt mit diesen erbärmlichen Gaukeleyen demjenigen einen blauen Dunst vorzumachen, den ihr Thoren doch den Allwissenden nennt, nicht anders, als wie man der Grossen am bittersten spottet, wenn man ihnen schmeichelt, daß sie die Schmeichler hassen; ihr pocht auf Ehrlichkeit und exemplarischen Wandel, und der Gott, der euer Herz durchschaut, würde wider den Schöpfer ergrimmen, wenn er nicht eben der wäre, der das Ungeheuer am Nilus erschaffen hat. -- Schafft ihn aus meinen Augen.
~Pater.~ Daß ein Bösewicht noch so stolz seyn kann!
~Moor.~ Nicht genug -- Itzt will ich stolz reden. Geh hin, und sage dem hochlöblichen Gericht, das über Leben und Tod würfelt -- Ich bin kein Dieb, der sich mit Schlaf und Mitternacht verschwört, und auf der Leiter gros und herrisch thut -- was ich gethan habe, werd ich ohne Zweifel einmal im Schuldbuch des Himmels lesen, aber mit seinen erbärmlichen Verwesern will ich kein Wort mehr verlieren. Sag ihnen, mein Handwerk ist Wiedervergeltung -- Rache ist mein Gewerbe. (_Er kehrt ihm den Rücken zu._)
~Pater.~ Du willst also nicht Schonung und Gnade? -- Gut, mit dir bin ich fertig. (_Wendet sich zu der Bande._) So höret dann ihr, was die Gerechtigkeit euch durch mich zu wissen thut! -- Werdet ihr itzt gleich diesen verurtheilten Missethäter gebunden überliefern, seht, so soll euch die Strafe eurer Greuel bis auf das letzte Andenken erlassen seyn -- die heilige Kirche wird euch verlorne Schafe mit erneuerter Liebe in ihren Mutterschoos aufnehmen, und jedem unter euch soll der Weg zu einem Ehren-Amt offen steh'n. (_mit triumphirendem Lächeln._) Nun, nun? Wie schmeckt das, Euer Majestät? -- Frisch also! Bindet ihn, und seyd frey!
~Moor.~ Hört ihr's auch? Hört ihr? Was stutzt ihr? Was steht ihr verlegen da? Sie bietet euch Freyheit, und ihr seyd wirklich schon ihre Gefangene. -- Sie schenkt euch das Leben, und das ist keine Prahlerey, denn ihr seyd wahrhaftig gerichtet. -- Sie verheißt euch Ehren und Aemter, und was kann euer Loos anders seyn, wenn ihr auch obsiegtet, als Schmach und Fluch und Verfolgung. -- Sie kündigt euch Versöhnung vom Himmel an, und ihr seyd wirklich verdammt. Es ist kein Haar an keinem unter euch, das nicht in die Hölle fährt. Ueberlegt ihr noch? Wankt ihr noch? Ist es so schwer zwischen Himmel und Hölle zu wählen? Helfen Sie doch, Herr Pater!
~Pater~ (_vor sich._) Ist der Kerl unsinnig? -- Sorgt ihr etwa, daß diß eine Falle sey, euch lebendig zu fangen? -- Leset selbst, hier ist der General-Pardon unterschrieben. (_Er gibt Schweizern ein Papier._) Könnt ihr noch zweifeln?
~Moor.~ Seht doch, seht doch! Was könnt ihr mehr verlangen? -- Unterschrieben mit eigener Hand -- es ist Gnade über alle Grenzen -- oder fürchtet ihr wohl, sie werden ihr Wort brechen, weil ihr einmal gehört habt, daß man Verräthern nicht Wort hält? -- O seyd ausser Furcht! Schon die Politik könnte sie zwingen, Wort zu halten, wenn sie es auch dem Satan gegeben hätten. Wer würde ihnen in Zukunft noch Glauben beymessen? Wie würden sie je einen zweyten Gebrauch davon machen können? -- Ich wollte darauf schwören, sie meinens aufrichtig. Sie wissen, daß ich es bin, der euch empört und erbittert hat, euch halten sie für unschuldig. Eure Verbrechen legen sie für Jugendfehler, für Uebereilungen aus. Mich allein wollen Sie haben, ich allein verdiene zu büssen. Ist es nicht so, Herr Pater?
~Pater.~ Wie heißt der Teufel, der aus ihm spricht? -- Ja freylich, freylich ist es so -- der Kerl macht mich wirbeln.
~Moor.~ Wie, noch keine Antwort? denkt ihr wohl gar mit den Waffen noch durchzureissen? Schaut doch um euch, schaut doch um euch! das werdet ihr doch nicht denken, das wäre itzt kindische Zuversicht. -- Oder schmeichelt ihr euch wohl gar als Helden zu fallen, weil ihr saht, daß ich mich auf's Getümmel freute? -- Oh glaubt das nicht! Ihr seyd nicht ~Moor~. -- Ihr seyd heillose Diebe! Elende Werkzeuge meiner grösern Plane, wie der Strick verächtlich in der Hand des Henkers! -- Diebe können nicht fallen, wie Helden fallen. Das Leben ist den Dieben Gewinn, dann kommt was schröckliches nach -- Diebe haben das Recht, vor dem Tode zu zittern. -- Höret, wie ihre Hörner tönen! Sehet, wie drohend ihre Säbel daher blinken! wie? noch unschlüssig? seyd ihr toll? seyd ihr wahnwitzig? -- Es ist unverzeihlich! Ich dank euch mein Leben nicht, ich schäme mich eures Opfers!
~Pater~ (_äußerst erstaunt._) Ich werde unsinnig, ich laufe davon! Hat man je von so was gehört?
~Moor.~ Oder fürchtet ihr wohl, ich werde mich selbst erstechen, und durch einen Selbstmord den Vertrag zernichten, der nur an dem Lebendigen haftet? Nein, Kinder! das ist eine unnütze Furcht. Hier werf ich meinen Dolch weg, und meine Pistolen und diß Fläschgen mit Gift, das mir noch wohlkommen sollte -- ich bin so elend, daß ich auch die Herrschaft über mein Leben verloren habe -- Was, noch unschlüssig? Oder glaubt ihr vielleicht, ich werde mich zur Wehr setzen, wenn ihr mich binden wollt? Seht! hier bind ich meine rechte Hand an diesen Eichenast, ich bin ganz wehrlos, ein Kind kann mich umwerfen -- Wer ist der erste, der seinen Hauptmann in der Noth verläßt?
~Roller~ (_in wilder Bewegung._) Und wann die Hölle uns neunfach umzingelte! (_schwenkt seinen Degen._) Wer kein Hund ist, rette den Hauptmann!
~Schweizer~ (_Zerreißt den Pardon, und wirft die Stücke dem Pater in's Gesicht._) In unsern Kugeln Pardon! Fort Kanaille! sag dem Senat, der dich gesandt hat, du träfst unter Moor's Bande keinen einzigen Verräther an -- Rettet, rettet den Hauptmann!
~Alle~ (_lermen._) Rettet, rettet, rettet den Hauptmann!
~Moor~ (_sich losreissend, freudig._) Itzt sind wir frey -- Kameraden! Ich fühle eine Armee in meiner Faust -- Tod oder Freyheit! wenigstens sollen sie keinen lebendig haben!
(Man bläst zum Angriff. Lerm und Getümmel. Sie gehen ab mit gezogenem Degen.)
Dritter Akt.
Erste Scene.
Amalia (_im Garten, spielt auf der Laute._)
Schön wie Engel, voll Walhalla's Wonne, Schön vor allen Jünglingen war er, Himmlisch mild sein Blick, wie Mayen-Sonne Rückgestralt vom blauen Spiegel-Meer.
Sein Umarmen -- wüthendes Entzücken! -- Mächtig feurig klopfte Herz an Herz, Mund und Ohr gefesselt -- Nacht vor unsern Blicken -- Und der Geist gewirbelt himmelwärts.
Seine Küsse -- paradisisch Fühlen! -- Wie zwo Flammen sich ergreiffen, wie Harfentöne in einander spielen Zu der himmelvollen Harmonie,
Stürzten, flogen, rasten Geist und Geist zusammen, Lippen, Wangen brannten, zitterten, -- Seele rann in Seele -- Erd und Himmel schwammen Wie zerronnen, um die Liebenden.
Er ist hin -- vergebens ach! vergebens Stöhnet ihm der bange Seufzer nach. Er ist hin -- und alle Lust des Lebens Wimmert hin in ein verlornes Ach! --
~Franz~ tritt auf.