Part 5
~D. a. Moor.~ Himmlischer Trost quillt von deinen Lippen! Er wird mir lächeln, sagst du? Vergeben? du must bey mir bleiben, Geliebte meines Karls, wenn ich sterbe.
~Amalia.~ Sterben ist Flug in seine Arme. Wohl euch! Ihr seyd zu beneiden. Warum sind diese Gebeine nicht mürb? Warum diese Haare nicht grau? Wehe über die Kräfte der Jugend! Willkommen, du markloses Alter! näher gelegen dem Himmel und meinem Karl.
Franz (_tritt auf._)
~D. a. Moor.~ Tritt her, mein Sohn! Vergib mir, wenn ich vorhin zu hart gegen dich war! ich vergebe dir alles. Ich möchte so gern im Frieden den Geist aufgeben.
~Franz.~ Habt ihr genug, um euren Sohn geweint? so viel ich sehe, habt ihr nur einen.
~D. a. Moor.~ Jakob hatte der Söhne zwölf, aber um seinen Joseph hat er blutige Thränen geweint.
~Franz.~ Hum!
~D. a. Moor.~ Geh, nimm die Bibel, meine Tochter, und lies mir die Geschichte Jakobs und Josephs! Sie hat mich immer so gerührt, und damals bin ich noch nicht Jakob gewesen.
~Amalia.~ Welches soll ich euch lesen? (_nimmt die Bibel und blättert._)
~D. a. Moor.~ Lis mir den Jammer des Verlassenen, als er ihn nimmer unter seinen Kindern fand -- und vergebens sein harrte im Kreis seiner eilfe -- und sein Klage-Lied, als er vernahm; sein Joseph sey ihm genommen auf ewig --
~Amalia.~ (_liest._) »Da nahmen sie Josephs Rock, und schlachteten einen Ziegenbock, und tauchten den Rock in das Blut, und schickten den bunten Rock hin, und liessen ihn ihrem Vater bringen, und sagen: Diesen haben wir funden, siehe, ob's deines Sohnes Rock sey, oder nicht? (_Franz geht plötzlich hinweg._) Er kannte ihn aber und sprach: Es ist meines Sohnes Rock, ein böses Thier hat ihn gefressen, ein reissend Thier hat Joseph zerrissen,«--
~D. a. Moor~ (_fällt auf's Kissen zurück._) Ein reissend Thier hat Joseph zerrissen!
~Amalia~ (_liest weiter._) »Und Jakob zerriß seine Kleider, und legte einen Sack um seine Lenden, und trug Leide um seinen Sohn lange Zeit, und all' seine Söhne und Töchter traten auf, daß sie ihn trösteten, aber er wollte sich nicht trösten lassen und sprach: Ich werde mit Leid hinunterfahren --«
~D. a. Moor.~ Hör auf, hör auf! Mir wird sehr übel.
~Amalia~ (_hinzuspringend, läßt das Buch fallen._) Hilf Himmel! Was ist das?
~D. a. Moor.~ Das ist der Tod! -- Schwarz -- schwimmt -- vor meinen -- Augen -- ich bitt dich -- ruf dem Pastor -- daß er mir -- das Abendmahl reiche -- Wo ist -- mein Sohn Franz?
~Amalia.~ Er ist geflohen! Gott erbarme sich unser!
~D. a. Moor.~ Geflohen -- geflohen von des Sterbenden Bett? -- -- Und das all' -- all' -- von zwey Kindern voll Hoffnung -- du hast sie -- gegeben -- hast sie -- genommen -- -- dein Name sey -- --
~Amalia~ (_mit einem plötzlichen Schrey._) Tod! alles Tod! (_ab in Verzweiflung._)
Franz (_hüpft frohlockend herein._)
~Tod~, schreyen sie, ~tod~! Itzt bin ich ~Herr~. Im ganzen Schlosse zettert es, ~tod~! -- Wie aber, ~schläft~ er vielleicht nur? -- freylich, ach freylich! das ist nun freylich ein Schlaf, wo es ewig niemals, Guten Morgen, heißt -- Schlaf und Tod sind nur Zwillinge. Wir wollen einmal die Namen wechseln! Wakerer, willkommener Schlaf! Wir wollen dich Tod heissen! (_Er drückt ihm die Augen zu._) Wer wird nun kommen, und es wagen, mich vor Gericht zu fordern? oder mir in's Angesicht zu sagen: du bist ein ~Schurke~! Weg dann mit dieser lästigen Larve von Sanftmuth und Tugend! Nun sollt ihr den nakten Franz sehen, und euch entsetzen! Mein Vater überzuckerte seine Forderungen, schuf sein Gebieth zu einem Familienzirkel um, sas liebreich lächelnd am Thor, und grüßte sie Brüder und Kinder. -- Meine Aug-Braunen sollen über euch herhangen wie Gewitter-Wolken, mein herrischer Name schweben wie ein drohender Komet über diesen Gebirgen, meine Stirne soll euer Wetterglas seyn! Er streichelte und koßte den Nacken, der gegen ihn störrig zurück schlug. Streicheln und Kosen ist meine Sache nicht. Ich will euch die zackichte Sporen in's Fleisch hauen, und die scharfe Geißel versuchen. -- In meinem Gebiet soll's so weit kommen, daß Kartoffeln und dünn Bier ein Traktament für Festtage werden, und wehe dem, der mir mit vollen feurigen Backen unter die Augen tritt! Blässe der Armuth und sclavischen Furcht sind meine Leibfarbe: in diese Liverey will ich euch kleiden!
(_Er geht ab._)
Dritte Scene.
Die böhmischen Wälder.
Spiegelberg, Razmann, Räuberhaufen.
~Razmann.~ Bist da? bists wirklich? So laß dich doch zu Brey zusammen drucken, lieber Herzens-Bruder Moriz! Willkommen in den Böhmischen Wäldern! Bist ja gros worden und stark. Stern-Kreuz-Bataillon! Bringst ja Rekruten mit einen ganzen Trieb, du trefflicher Werber!
~Spiegelberg.~ Gelt Bruder? Gelt? Und das ganze Kerl darzu! -- du glaubst nicht, Gottes sichtbarer Seegen ist bey mir, war dir ein armer hungriger Tropf, hatte nichts als diesen Stab, da ich über den Jordan gieng, und itzt sind unserer acht und siebenzig, meistens ruinirte Krämer, rejicirte Magister und Schreiber aus den schwäbischen Provinzen, das ist dir ein Korps Kerles, Bruder, deliciöse Bursche, sag ich dir, wo als einer dem andern die Knöpfe von den Hosen stihlt, und mit geladener Flinte neben ihm sicher ist -- und haben voll auf, und stehen dir in einem Renommee vierzig Meilen weit, das nicht zu begreifen ist. Da ist dir keine Zeitung, wo du nicht ein Artikelchen von dem Schlaukopf Spiegelberg wirst getroffen haben, ich halte sie mir auch pur deswegen -- vom Kopf bis zun Füssen haben sie mich dir hingestellt, du meynst, du sehst mich, -- so gar meine Rokknöpfe haben sie nicht vergessen. Aber wir führen sie erbärmlich am Narrenseil herum. Ich geh lezthin in die Druckerey, geb vor, ich hätte den berüchtigten Spiegelberg gesehn, und diktir einem Skrizler, der dort sas, das leibhafte Bild von einem dortigen Wurmdoktor in die Feder, das Ding kommt um, der Kerl wird eingezogen, par force inquirirt, und in der Angst und in der Dummheit gesteht er dir, hol mich der Teufel! gesteht dir, ~er sey der Spiegelberg~ -- Donner und Wetter! ich war eben auf dem Sprung, mich beym Magistrat anzugeben, daß die Kanaille mir meinen Namen so verhunzen soll -- wie ich sage, drey Monath d'rauf hangt er. Ich mußte nachher eine derbe Prise Toback in die Nase reiben, als ich am Galgen vorbeyspatzierte, und den Pseudo-Spiegelberg in seiner Glorie da paradiren sah -- und unterdessen daß Spiegelberg hangt, schleicht sich Spiegelberg ganz sachte aus den Schlingen, und deutet der superklugen Gerechtigkeit hinterrucks Eselsohren, daß's zum Erbarmen ist.
~Razmann~ (_lacht._) Du bist eben noch immer der alte.
~Spiegelberg.~ Das bin ich, wie du siehst, an Leib und Seel. Narr! einen Spaß muß ich dir doch erzählen, den ich neulich im Cäcilien-Kloster angerichtet habe. Ich treffe das Kloster auf meiner Wanderschaft so gegen die Dämmerung, und da ich eben den Tag noch keine Patrone verschossen hatte, du weist, ich hasse das =diem perdidi= auf den Tod, so mußte die Nacht noch durch einen Streich verherrlicht werden, und sollt's dem Teufel um ein Ohr gelten! Wir halten uns ruhig, bis in die späte Nacht. Es wird mausstill. Die Lichter gehen aus. Wir denken die Nonnen könnten itzt in den Federn seyn. Nun nehm' ich meinen Kameraden Grimm mit mir, heis' die andern warten vorm Thor, bis sie mein Pfeifchen hören würden, -- versicherte mich des Klosterwächters, nehm' ihm die Schlüssel ab, schleich' mich hinein, wo die Mägde schliefen, praktizier ihnen die Kleider weg, und heraus mit dem Pack zum Thor. Wir gehn weiter von Zelle zu Zelle, nehmen einer Schwester nach der andern die Kleider, endlich auch der Aebtissin. -- Itzt pfeif ich, und meine Kerls draussen fangen an zu stürmen und zu hasseliren als käm der jüngste Tag, und hinein mit pestialischem Gepolter in die Zellen der Schwestern! -- hahaha! -- da hättest du die Hatz sehen sollen, wie die armen Thiergen in der Finstere nach ihren Röcken tappten, und sich jämmerlich geberdeten, wie sie zum Teufel waren, und wir indeß wie alle Donnerwetter zugesetzt, und wie sie sich vor Schreck und Bestürzung in Bettlaken wickelten, oder unter den Ofen zusammenkrochen wie Katzen, andere in der Angst ihres Herzens die Stube so besprenzten, daß du hättest das Schwimmen darinnen lernen können, und das erbärmliche Gezetter und Lamento, und endlich gar die alte Schnurre die Aebtissin, angezogen wie Eva ~vor~ dem Fall -- du weist, Bruder, daß mir auf diesem weiten Erdenrund kein Geschöpf so zuwider ist, als eine ~Spinne~ und ~ein altes Weib~, und nun denk' dir einmal die schwarzbraune, runzlichte, zottige Vettel vor mir herumtanzen, mich bey ihrer jungfräulichen Sittsamkeit beschwören -- alle Teufel! ich hatte schon den Ellenbogen angesetzt, ihr die übriggebliebenen ~wenigen edlen~ vollends in den Mastdarm zu stossen -- kurz resolvirt! entweder heraus mit dem Silbergeschirr, mit dem Klosterschatz und allen den blanken Thälerchen, oder -- meine Kerls verstanden mich schon -- ich sage dir, ich hab' aus dem Kloster mehr dann tausend Thaler Werths geschleift, und den Spaß obendrein, und meine Kerls haben ihnen ein Andenken hinterlassen, sie werden ihre neun Monathe dran zu schleppen haben.
~Razmann.~ (_auf den Boden stampfend._) Daß mich der Donner da weg hatte.
~Spiegelberg.~ Siehst du? Sag' du mehr, ob das kein Luder-Leben ist? und dabey bleibt man frisch und stark, und das Korpus ist noch beysammen, und schwillt dir stündlich wie ein Prälats-Bauch -- ich weiß nicht, ich muß was magnetisches an mir haben, das dir alles Lumpengesindel auf Gottes Erdboden anzieht wie Stahl und Eisen.
~Razmann.~ Schöner Magnet du! Aber so möcht' ich Henkers doch wissen, was für Hexereyen du brauchst --
~Spiegelberg.~ Hexereyen? Braucht keiner Hexereyen -- Kopf mußt du haben! Ein gewisses praktisches Judicium, das man freilich nicht in der Gerste frißt -- denn siehst du, ich pfleg' immer zu sagen: einen honnetten Mann kann man aus jedem Weidenstozen formen, aber zu einem Spitzbuben will's Grüz -- auch gehört dazu ein eignes National-Genie, ein gewisses, daß ich so sage, ~Spitzbuben-Klima~, und da rath' ich dir, reis' du ins Graubündner-Land, das ist das Athen der heutigen Gauner.
~Razmann.~ Bruder! man hat mir überhaupt das ganze Italien gerühmt.
~Spiegelberg.~ Ja ja! man muß niemand sein Recht vorenthalten, Italien weist auch seine Männer auf, und wenn Deutschland so fortmacht, wie es bereits auf dem Weg ist, und die Bibel vollends hinaus votirt, wie es die glänzendsten Aspekten hat, so kann mit der Zeit auch noch aus Deutschland was Gutes kommen, -- überhaupt aber, muß ich dir sagen, macht das Klima nicht sonderlich viel, das Genie kommt überall fort, und das übrige, Bruder -- ein Holzapfel, weist du wohl, wird im Paradies-Gärtlein selber ewig keine Ananas -- aber daß ich dir weiter sage, -- wo bin ich stehen geblieben?
~Razmann.~ Bey den Kunstgriffen!
~Spiegelberg.~ Ja recht, bey den Kunstgriffen. So ist dein erstes, wenn du in die Stadt kommst, du ziehst bey den Bettelvögten, Stadt-Patrollanten und Zuchtknechten Kundschaft ein, wer so am fleissigsten bey ihnen einspreche, die Ehre gebe, und diese Kunden suchst du auf -- ferner nistest du dich in die Kaffeehäuser, Bordelle, Wirthshäuser ein, spähst, sondirst, wer am meisten über die wohlfeile Zeit, die fünf pro cent, über die einreissende Pest der Policeyverbesserungen schreyt, wer am meisten über die Regierung schimpft, oder wider die Physiognomik eifert und dergleichen Bruder! das ist die rechte Höhe! die Ehrlichkeit wackelt wie ein hohler Zahn, du darfst nur den Pelikan ansetzen, -- oder besser und kürzer: du gehst und wirfst einen vollen Beutel auf die offene Strase, versteckst dich irgendwo, und merkst dir wohl, wer ihn aufhebt -- eine Weile drauf jagst du hinterher, suchst, schreyst, und fragst nur so im Vorbeygehen, haben der Herr nicht etwa einen Geldbeutel gefunden? Sagt er ~ja~? -- nun so hat's der Teufel gesehen; leugnet er's aber? der Herr verzeihen -- ich wüßte mich nicht zu entsinnen, -- ich bedaure, (_aufspringend._) Bruder! Triumph, Bruder! Lösch deine Laterne aus, schlauer Diogenes! -- du hast deinen Mann gefunden.
~Razmann.~ Du bist ein ausgelernter Prakticus.
~Spiegelberg.~ Mein Gott! als ob ich noch jemals dran gezweifelt hätte -- Nun du deinen Mann in dem Hamen hast, must du's auch fein schlau angreifen, daß du ihn hebst! -- Siehst du, mein Sohn? das hab' ich so gemacht: -- So bald ich einmal die Fährte hatte, hängt' ich mich meinem Kandidaten an wie eine Klette, saufte Brüderschaft mit ihm, und Notabene! Zechfrey must du ihn halten! da geht freylich ein schönes drauf, aber das achtest du nicht -- -- du gehst weiter, du führst ihn in Spiel-Kompagnien und bey liederlichen Menschern ein, verwickelst ihn in Schlägereyen, und schelmische Streiche, bis er an Saft und Kraft und Geld und Gewissen, und gutem Namen bankrut wird, denn incidenter muß ich dir sagen, du richtest nichts aus, wenn du nicht Leib und Seele verderbst -- Glaube mir Bruder! das hab' ich aus meiner starken Praxi wohl fünfzigmal abstrahirt, wenn der ehrliche Mann einmal aus dem Nest gejagt ist, so ist der Teufel Meister -- Der Schritt ist dann so leicht -- o so leicht, als der Sprung von einer Hure zu einer Betschwester. -- Horch doch! was für ein Knall war das?
~Razmann.~ Es war gedonnert, nur fortgemacht!
~Spiegelberg.~ Noch ein kürzerer besserer Weg ist der, du plünderst deinem Mann Haus und Hof ab, bis ihm kein Hemd mehr am Leibe hebt, alsdann kommt er dir von selber -- lern mich die Pfiffe nicht Bruder -- frag einmal das Kupfergesicht dort -- Schwere Noth! den hab' ich schön in's Garn gekriegt -- ich hielt ihm vierzig Dukaten hin, die sollt' er haben, wenn er mir seines Herrn Schlüssel in Wachs drücken wollte -- denk einmal! die dumme Bestie thuts, bringt mir, hol mich der Teufel! die Schlüssel, und will itzt das Geld haben -- Monsieur, sagt' ich, weiß er auch, daß ich itzt diese Schlüssel gerades Wegs zum Policey-Lieutenant trage, und ihm ein Logis am lichten Galgen miethe? -- tausend Sakerment! da hättest du den Kerl sehen sollen die Augen aufreissen, und anfangen zu zappeln wie ein nasser Budel -- -- »Ums Himmels willen, hab' der Herr doch Einsicht! ich will -- will --« was will er? will er itzt gleich den Zopf hinaufschlagen und mit mir zum Teufel geh'n? -- »o von Herzen gern, mit Freuden« -- hahaha! guter Schlucker, mit Speck fängt man Mäuse -- lach ihn doch aus, Razmann! hahaha!
~Razmann.~ Ja, ja, ich muß gestehen. Ich will mir diese Lektion mit goldnen Ziffern auf meine Hirntafel schreiben. Der Satan mag seine Leute kennen, daß er dich zu seinem Mäckler gemacht hat.
~Spiegelberg.~ Gelt, Bruder? und ich denke, wenn ich ihm zehen stelle, läßt er mich frey ausgehen -- gibt ja jeder Verleger seinem Sammler das zehente Exemplar gratis, warum soll der Teufel so jüdisch zu Werk gehn? -- Razmann! ich rieche Pulver --
~Razmann.~ Sapperment! ich riech's auch schon lang. -- Gib Acht, es wird in der Näh was gesetzt haben! -- Ja ja! wie ich dir sage, Moriz -- du wirst dem Hauptmann mit deinen Rekruten willkommen seyn -- er hat auch schon brave Kerl angelockt.
~Spiegelberg.~ Aber die meinen! die meinen -- Pah --
~Razmann.~ Nun ja! sie mögen hübsche Fingerchen haben -- aber ich sage dir, der Ruf unsers Hauptmanns hat auch schon ehrliche Kerls in Versuchung geführt.
~Spiegelberg.~ Ich will nicht hoffen.
~Razmann.~ Sans Spaß! und sie schämen sich nicht unter ihm zu dienen. Er mordet nicht um des Raubes willen wie wir -- nach dem Geld schien er nicht mehr zu fragen, so bald ers vollauf haben konnte, und selbst sein Drittheil an der Beute, das ihn von Rechtswegen trifft, verschenkt er an Waisenkinder, oder läßt damit arme Jungen von Hoffnung studiren. Aber soll er dir einen Landjunker schröpffen, der seine Bauern wie das Vieh abschindet, oder einen Schurken mit goldnen Borden unter den Hammer kriegen, der die Gesetze falschmünzt, und das Auge der Gerechtigkeit übersilbert, oder sonst ein Herrchen von dem Gelichter -- Kerl! da ist er dir in seinem Element, und haußt teufelmäßig, als wenn jede Faser an ihm eine Furie wäre.
~Spiegelberg.~ Hum! hum!
~Razmann.~ Neulich erfuhren wir im Wirthshaus, daß ein reicher Graf von Regensburg durchkommen würde, der einen Proceß von einer Million durch die Pfiffe seines Advokaten durchgesetzt hätte, er saß eben am Tisch und brettelte, -- wie viel sind unserer? frug er mich, indem er hastig aufstand, ich sah ihn die Unterlippe zwischen die Zähne klemmen, welches er nur thut, wenn er am grimmigsten ist -- nicht mehr als fünf! sagt' ich -- es ist genug! sagt' er, warf der Wirthinn das Geld auf den Tisch, ließ den Wein, den er sich hatte reichen lassen, unberührt stehen -- wir machten uns auf den Weg. Die ganze Zeit über sprach er kein Wort, lief abseitwärts und allein, nur daß er uns von Zeit zu Zeit fragte, ob wir noch nichts gewahr worden wären, und uns befahl das Ohr an die Erde zu legen. Endlich so kommt der Graf hergefahren, der Wagen schwer bepakt, der Advokat saß bey ihm drinn, voraus ein Reuter, nebenher ritten zwey Knechte -- da hättest du den Mann sehen sollen, wie er, zwey Terzerolen in der Hand, vor uns her auf den Wagen zusprang! und die Stimme, mit der er rief: Halt! -- der Kutscher, der nicht Halt machen wollte, mußte vom Bock herabtanzen, der Graf schoß aus dem Wagen in den Wind, die Reuter flohen -- dein Geld, Kanaille! rief er donnernd -- er lag wie ein Stier unter dem Beil -- und bist du der Schelm, der die Gerechtigkeit zur feilen Hure macht? Der Advokat zitterte, daß ihm die Zähne klapperten, -- der Dolch stak in seinem Bauch wie ein Pfahl in dem Weinberg -- ich habe das meine gethan! rief er, und wandte sich stolz von uns weg, das Plündern ist eure Sache. Und somit verschwand er in den Wald --
~Spiegelberg.~ Hum, hum! Bruder, was ich dir vorhin erzählt habe, bleibt unter uns, er brauchts nicht zu wissen. Verstehst du?
~Razmann.~ Recht, recht! ich versteh.
~Spiegelberg.~ Du kennst ihn ja! Er hat so seine Grillen. Du verstehst mich.
~Razmann.~ Ich versteh, ich versteh.
Schwarz (_in vollem Lauf._)
~Razmann.~ Wer da? was gibts da? Passagiers im Wald?
~Schwarz.~ Hurtig, hurtig! wo sind die andern? -- tausendsakerment! ihr steht da, und plaudert! Wißt ihr denn nicht -- wißt ihr denn gar nicht? -- und Roller --
~Razmann.~ Was dann, was dann?
~Schwarz.~ Roller ist gehangen, noch vier andere mit --
~Razmann.~ Roller? Schwere Noth! seit wann -- woher weist du's?
~Schwarz.~ Schon über drey Wochen sitzt er, und wir erfahren nichts, schon drey Rechtstäge sind über ihn gehalten worden, und wir hören nichts, man hat ihn auf der Tortur examinirt, wo der Hauptmann sey? -- Der wackere Bursche hat nichts bekannt, gestern ist ihm der Proceß gemacht worden, diesen Morgen ist er dem Teufel extra Post zugefahren.
~Razmann.~ Vermaledeyt! weiß es der Hauptmann?
~Schwarz.~ Erst gestern erfährt er's. Er schäumt wie ein Eber. Du weist's, er hat immer am meisten gehalten auf Roller, und nun die ~Tortur erst~ -- Strick und Leiter sind schon an den Thurm gebracht worden, es half nichts, er selbst hat sich schon in Kapuciners-Kutte zu ihm geschlichen, und die Person mit ihm wechseln wollen, Roller schlugs hartnäckig ab, itzt hat er einen Eid geschworen, daß es uns eiskalt über die Leber lief, er wolle ihm eine Todesfackel anzünden, wie sie noch keinem König geleuchtet hat, die ihnen den Buckel braun und blau brennen soll. Mir ist bang für die Stadt. Er hat schon lang eine Pique auf sie, weil sie so schändlich bigott ist, und du weist, wenn er sagt: ich will's thun! so ist's so viel, als wenn's unser einer gethan hat.
~Razmann.~ Das ist wahr! ich kenne den Hauptmann. Wenn er dem Teufel sein Wort drauf gegeben hätte in die Hölle zu fahren, er würde nie beten, wenn er mit einem halben Vater Unser seelig werden könnte! -- Aber ach! der arme Roller! -- der arme Roller! --
~Spiegelberg.~ Memento mori! Aber das regt mich nicht an. (_Trillert ein Liedgen._)
Geh ich vorbey am Rabensteine, So blinz ich nur das rechte Auge zu, Und denk, du hängst mir wohl alleine, Wer ist ein Narr, ich oder du?
~Razmann~ (_aufspringend._) Horch! Ein Schuß. (_Schießen und Lermen._)
~Spiegelberg.~ Noch einer!
~Razmann.~ Wieder einer! der Hauptmann!
(_Hinter der Scene gesungen._)
Die Nürnberger henken keinen, Sie hätten ihn denn vor.
=Da Capo.=
~Schweizer. Roller.~ (_Hinter der Scene._) Holla ho! Holla ho!
~Razmann.~ Roller! Roller! Holen mich zehn Teufel!
~Schweizer. Roller.~ (_Hinter der Scene._) Razmann! Schwarz! Spiegelberg! Razmann!
~Razmann.~ Roller! Schweizer! Bliz, Donner, Hagel und Wetter! (_Fliegen ihm entgegen._)
Räuber Moor (_zu Pferd._)
Schweizer. Roller. Grimm. Schufterle.
Räubertrupp (_mit Koth und Staub bedeckt, treten auf._)
~Räuber Moor~ (_vom Pferd springend._) Freyheit! Freyheit! -- -- du bist im Trocknen, Roller! -- Führ meinen Rappen ab, Schweizer, und wasch ihn mit Wein. (_Wirft sich auf die Erde._) Das hat gegolten!
~Razmann~ (_zu Roller._) Nun bey der Feueresse des Pluto's! bist du vom Rad auferstanden?
~Schwarz.~ Bist du sein Geist? oder bin ich ein Narr? oder bist du's wirklich?
~Roller~ (_in Athem._) Ich bins. Leibhaftig. Ganz. Wo glaubst du, daß ich herkomme?
~Schwarz.~ Da frag die Hexe! der Stab war schon über dich gebrochen.
~Roller.~ Das war er freylich, und noch mehr. Ich komme recta vom Galgen her. Laß mich nur erst zu Athem kommen. Der Schweizer wird dir erzählen. Gebt mir ein Glas Brandtenwein! -- du auch wieder da, Moriz? Ich dachte dich wo anders wieder zu sehen -- gebt mir doch ein Glas Brandtenwein! meine Knochen fallen auseinander -- o mein Hauptmann! wo ist mein Hauptmann?
~Schwarz.~ Gleich, gleich! -- so sag doch, so schwäz doch! wie bist du davon kommen? wie haben wir dich wieder? der Kopf geht mir um. Vom Galgen her, sagst du?
~Roller~ (_stürzt eine Flasche Brandtenwein hinunter._) Ah, das schmeckt, das brennt ein! -- gerades Wegs vom Galgen her! sag ich. Ihr steht da, und gafft, und könnt's nicht träumen -- ich war auch nur drey Schritte von der Sakerments-Leiter, auf der ich in den Schoos Abrahams steigen sollte -- so nah, so nah -- war dir schon mit Haut und Haar auf die Anatomie verhandelt! hättest mein Leben um'n Prise Schnupftaback haben können, dem Hauptmann dank ich Luft, Freyheit und Leben.
~Schweizer.~ Es war ein Spaß, der sich hören läßt. Wir hatten den Tag vorher durch unsre Spionen Wind gekriegt, der Roller liege tüchtig im Salz, und wenn der Himmel nicht bey Zeit noch einfallen wollte, so werde er morgen am Tag -- das war als heut -- den Weg alles Fleisches gehen müssen -- Auf! sagt der Hauptmann, was wiegt ein Freund nicht? -- Wir retten ihn, oder retten ihn nicht, so wollen wir ihm wenigstens doch eine Todesfackel anzünden, wie sie noch keinem König geleuchtet hat, die ihnen den Buckel braun und blau brennen soll. Die ganze Bande wird aufgeboten. Wir schicken einen Expressen an ihn, der's ihm in einem Zettelchen beybrachte, das er ihm in die Suppe warf.
~Roller.~ Ich verzweifelte an dem Erfolg.
~Schweizer.~ Wir paßten die Zeit ab, bis die Passagen leer waren. Die ganze Stadt zog dem Spektakel nach, Reuter und Fußgänger durch einander und Wagen, der Lerm und der Galgen-Psalm jolten weit. Izt, sagt der Hauptmann, brennt an, brennt an! Die Kerl flogen wie Pfeile, steckten die Stadt an drey und dreysig Eken zumal in Brand, werfen feurige Lunten in die Nähe des Pulverthurms, in Kirchen und Scheunen -- Morbleu es war keine Viertelstunde vergangen, der Nord-Ost-Wind, der auch seinen Zahn auf die Stadt haben muß, kam uns trefflich zu statten, und half die Flamme bis hinauf in die obersten Gibel jagen. Wir indeß Gasse auf Gasse nieder, wie Furien -- Feuerjo! Feuerjo! durch die ganze Stadt -- Geheul, -- Geschrey -- Gepolter -- fangen an die Brandglocken zu brummen, knallt der Pulverthurm in die Luft, als wär die Erde mitten entzwey geborsten, und der Himmel zerplazt, und die Hölle zehntausend Klafter tiefer versunken.