Part 4
Müssen denn aber meine Entwürfe sich unter das eiserne Joch des Mechanismus beugen? -- Soll sich mein hochfliegender Geist an den Schneckengang der ~Materie~ ketten lassen? -- Ein Licht ausgeblasen, das ohnehin nur mit den letzten Oeltropfen noch wuchert -- mehr ist's nicht -- Und doch möchte ich das nicht gern selbst gethan haben um der Leute willen. Ich möchte ihn nicht gern getödtet, aber abgelebt. Ich möchte es machen wie der gescheide Arzt, (nur umgekehrt.) -- Nicht der Natur durch einen Queerstreich den Weg verrannt, sondern sie in ihrem eigenen Gange befördert. Und wir vermögen doch wirklich die Bedingungen des Lebens zu verlängern, warum sollten wir sie nicht auch verkürzen können?
Philosophen und Mediziner lehren mich, wie treffend die Stimmungen des Geists mit den Bewegungen der Maschine zusammen lauten. Gichtrische Empfindungen werden jederzeit von einer Dissonanz der mechanischen Schwingungen begleitet -- Leidenschaften ~mißhandeln~ die Lebenskraft -- der überladene Geist drückt sein Gehäuse zu Boden -- Wie denn nun? -- Wer es verstünde, dem Tod diesen ungebahnten Weg in das Schloß des Lebens zu ebenen? -- den Körper vom Geist aus zu verderben -- ha! ein Originalwerk! -- wer das zu Stand brächte? -- Ein Werk ohne gleichen! -- Sinne nach Moor! -- das wär' eine Kunst, die's verdiente, dich zum Erfinder zu haben. Hat man doch die Giftmischerey beynahe in den Rang einer ordentlichen Wissenschaft erhoben, und die Natur durch Experimente gezwungen, ihre Schranken anzugeben, daß man nunmehr des Herzens Schläge Jahr lang vorausrechnet, und zu dem Pulse spricht, bis hieher und nicht weiter![1] -- Wer sollte nicht auch hier seine Flügel versuchen?
Und wie ich nun werde zu Werk gehen müssen, diese süße friedliche Eintracht der Seele mit ihrem Leibe zu stören? Welche Gattung von Empfindnissen, ich werde wählen müssen? Welche wohl den Flor des Lebens am grimmigsten anfeinden? ~Zorn~ -- dieser heißhungrige Wolf frißt sich zu schnell satt -- ~Sorge?~ -- dieser Wurm nagt mir zu langsam -- ~Gram?~ -- diese Natter schleicht mir zu träge -- ~Furcht?~ -- die Hoffnung läßt sie nicht umgreiffen -- was? Sind das all' die Henker des Menschen? -- Ist das Arsenal des Todes so bald erschöpft? -- (_tiefsinnend._) Wie? -- Nun? -- Was? Nein! -- Ha! (_auffahrend._) ~Schreck!~ -- Was kann der Schreck nicht? -- Was kann Vernunft, Religion wider dieses Giganten eiskalte Umarmung? -- Und doch? -- Wenn er auch diesem Sturm stünde? -- Wenn er? -- O so komme du mir zu Hülfe, ~Jammer~, und du, ~Reue~, höllische Eumenide, grabende Schlange, die ihren Fraß wiederkäut, und ihren eigenen Koth wiederfrißt; ewige Zerstörerinnen und ewige Schöpferinnen eures Giftes, und du heulende ~Selbstverklagung~, die du dein eigen Haus verwüstest, und deine eigene Mutter verwundest -- Und kommt auch ihr mir zu Hülfe, wohlthätige Grazien selbst, sanftlächelnde ~Vergangenheit~, und du mit dem überquellenden Füllhorn blühende ~Zukunft~, haltet ihm in euren Spiegeln die Freuden des Himmels vor, wenn euer fliehender Fuß seinen geitzigen Armen entgleitet -- So fall ich Streich auf Streich, Sturm auf Sturm dieses zerbrechliche Leben an, bis den Furientrupp zuletzt schließt -- die ~Verzweiflung~! Triumph! Triumph! -- Der Plan ist fertig -- Schwer und Kunstvoll wie keiner -- zuverläßig -- sicher -- denn (_spöttisch_) des Zergliederers Messer findet ja keine Spuren von Wunde oder korrosivischem Gift.
(_Entschlossen._) Wohlan denn, (_Herrmann tritt auf._) Ha! =Deus ex machina!= Herrmann!
~Herrmann.~ Zu euren Diensten, gnädiger Junker!
~Franz~ (_gibt ihm die Hand._) Die du keinem Undankbaren erweisest.
~Herrmann.~ Ich hab' Proben davon.
~Franz.~ Du sollst mehr haben mit nächstem -- mit nächstem, Herrmann! -- Ich habe dir etwas zu sagen, Herrmann.
~Herrmann.~ Ich höre mit tausend Ohren.
~Franz.~ Ich kenne dich, du bist ein entschloß'ner Kerl -- Soldaten Herz -- Haar auf der Zunge! -- Mein Vater hat dich sehr beleidigt, Herrmann!
~Herrmann.~ Der Teufel hole mich, wenn ich's vergesse!
~Franz.~ Das ist der Ton eines Mann's! Rache geziemt einer männlichen Brust. Du gefällst mir, Herrmann. Nimm diesen Beutel, Herrmann. Er sollte schwerer seyn, wenn ich erst Herr wäre.
~Herrmann.~ Das ist ja mein ewiger Wunsch, gnädiger Junker, ich dank euch.
~Franz.~ Wirklich, Herrmann? wünschest du wirklich, ich wäre Herr? -- aber mein Vater hat das Mark eines Löwen, und ich bin der jüngere Sohn.
~Herrmann.~ Ich wollt', ihr wär't der ältere Sohn, und euer Vater hätte das Mark eines schwindsüchtigen Mädgens.
~Franz.~ Ha! wie dich der ältere Sohn dann belohnen wollte! wie er dich aus diesem unedlen Staub, der sich so wenig mit deinem Geist und Adel verträgt, an's Licht emporheben wollte! -- Dann solltest du, ganz wie du da bist, mit Gold überzogen werden, und mit vier Pferden durch die Strasen dahinrasseln, wahrhaftig das solltest du! -- aber ich vergesse, wovon ich dir sagen wollte -- hast du das Fräulein von Edelreich schon vergessen, Herrmann?
~Herrmann.~ Wetter Element! was erinnert ihr mich an das?
~Franz.~ Mein Bruder hat sie dir weggefischt.
~Herrmann.~ Er soll dafür büßen!
~Franz.~ Sie gab dir einen Korb. Ich glaube gar, er warf dich die Treppen hinunter.
~Herrmann.~ Ich will ihn dafür in die Hölle stoßen.
~Franz.~ Er sagte: man raune sich einander in's Ohr, du seyst zwischen dem Rindfleisch und Meerrettig gemacht worden, und dein Vater habe dich nie ansehen können, ohne an die Brust zu schlagen und zu seufzen: Gott sey mir Sünder gnädig!
~Herrmann~ (_wild._) Blitz, Donner und Hagel, seyd still!
~Franz.~ Er rieth dir, deinen Adelbrief im Aufstreich zu verkaufen, und deine Strümpfe damit flicken zu lassen.
~Herrmann.~ Alle Teufel! ich will ihm die Augen mit den Nägeln auskratzen.
~Franz.~ Was? du wirst böse? was kannst du böse auf ihn seyn? Was kannst du ihm böses thun? was kann so eine Ratze gegen einen Löwen? Dein Zorn versüßt ihm seinen Triumph nur. Du kannst nichts thun, als deine Zähne zusammenschlagen, und deine Wuth an trocknem Brode auslassen.
~Herrmann~ (_stampft auf den Boden._) Ich will ihn zu Staub zerreiben.
~Franz~ (_klopft ihm auf die Achsel._) Pfui, Herrmann! du bist ein Kavalier. Du must den Schimpf nicht auf dir sitzen lassen. Du must das Fräulein nicht fahren lassen, nein, das must du um alle Welt nicht thun, Herrmann! Hagel und Wetter! ich würde das äusserste versuchen, wenn ich an deiner Stelle wäre.
~Herrmann.~ Ich ruhe nicht, bis ich ~Ihn~ und ~Ihn~ unter'm Boden hab.
~Franz.~ Nicht so stürmisch, Herrmann! komm näher -- du sollst Amalia haben!
~Herrmann.~ Das muß ich, trutz dem Teufel! das muß ich!
~Franz.~ Du sollst sie haben, sag ich dir, und das von meiner Hand. Komm näher, sag ich -- du weist vielleicht nicht, daß Karl so gut als enterbt ist?
~Herrmann~ (_näher kommend._) Unbegreiflich, das erste Wort, das ich höre.
~Franz.~ Sey ruhig, und höre weiter! du sollst ein andermal mehr davon hören -- ja, ich sage dir, seit eilf Monathen so gut als verbannt. Aber schon bereut der alte den voreiligen Schritt, den er doch, (_lachend._) will ich hoffen, nicht selbst gethan hat. Auch liegt ihm die Edelreich täglich hart an mit ihren Vorwürfen und Klagen. Ueber kurz oder lang wird er ihn in allen vier Enden der Welt aufsuchen lassen, und gute Nacht, Herrmann! wenn er ihn findet. Du kannst ihm ganz demüthig die Kutsche halten, wenn er mit ihr in die Kirche zur Trauung fährt.
~Herrmann.~ Ich will ihn am Krucifix erwürgen!
~Franz.~ Der Vater wird ihm bald die Herrschaft abtreten, und in Ruhe auf seinen Schlössern leben. Itzt hat der stolze Strudelkopf den Zügel in Händen, itzt lacht er seiner Hasser und Neider -- und ich, der ich dich zu einem wichtigen grosen Manne machen wollte, ich selbst, Herrmann, werde tiefgebückt vor seiner Thürschwelle --
~Herrmann~ (_in Hitze._) Nein, so wahr ich Herrmann heisse, das sollt ihr nicht! wenn noch ein Fünkchen Verstand in diesem Gehirne glostet! das sollt ihr nicht!
~Franz.~ Wirst du es hindern? auch dich, mein lieber Herrmann, wird er seine Geissel fühlen lassen, wird dir in's Angesicht speyen, wenn du ihm auf der Strase begegnest, und wehe dir dann, wenn du die Achsel zuckst oder das Maul krümmst -- siehe, so stehts mit deiner Anwerbung um's Fräulein, mit deinen Aussichten, mit deinen Entwürfen.
~Herrmann.~ Sagt mir! was soll ich thun?
~Franz.~ Höre dann, Herrmann! daß du siehst, wie ich mir dein Schicksal zu Herzen nehme als ein redlicher Freund -- geh -- kleide dich um -- mach dich ganz unkenntlich, laß dich beym Alten melden, gib vor, du kämest geraden Wegs aus Böhmen, hättest mit meinem Bruder dem Treffen bey Prag beygewohnt -- hättest ihn auf der Wahlstatt den Geist aufgeben sehen --
~Herrmann.~ Wird man mir glauben?
~Franz.~ Hoho! dafür laß mich sorgen! Nimm dieses Paket. Hier findest du deine Kommission ausführlich. Und Dokumente dazu, die den Zweifel selbst glaubig machen sollen -- mach itzt nur, daß du fortkommst, und ungesehen! spring durch die Hinterthüre in den Hof, von da über die Gartenmauer -- die Katastrophe dieser Tragi-Komödie überlaß mir!
~Herrmann.~ Und die wird seyn: Vivat der neue Herr, Franciskus von Moor!
~Franz~ (_streichelt ihm die Backen._) Wie schlau du bist? -- denn siehst du, auf diese Art erreichen wir alle Zwecke zumal und bald. Amalia gibt ihre Hoffnung auf ihn auf. Der alte mißt sich den Tod seines Sohnes bey, und -- er kränkelt -- ein schwankendes Gebäude braucht des Erdbebens nicht, um über'n Haufen zu fallen -- er wird die Nachricht nicht überleben -- dann bin ich sein einiger Sohn -- Amalia hat ihre Stützen verloren, und ist ein Spiel meines Willens, da kannst du leicht denken -- kurz, alles geht nach Wunsch -- aber du must dein Wort nicht zurücknehmen.
~Herrmann.~ Was sagt ihr? (_frohlockend._) Eh soll die Kugel in ihren Lauf zurückkehren, und in dem Eingeweid ihres Schützen wüthen -- rechnet auf mich! Laßt nur mich machen -- Adieu!
~Franz~ (_ihm nachrufend._) Die Erndte ist dein, lieber Herrmann! -- Wenn der Ochse den Kornwagen in die Scheune gezogen hat, so muß er mit Heu vorlieb nehmen. Dir eine Stallmagd, und keine Amalia! (_Geht ab._)
Zweyte Scene.
Des alten Moors Schlafzimmer.
Der ~alte Moor~ schlafend in einem Lehnsessel. ~Amalia~.
~Amalia~ (_sachte herbey schleichend._) Leise, leise! er schlummert. (_Sie stellt sich vor den schlafenden._) Wie schön, wie ehrwürdig! -- ehrwürdig, wie man die Heiligen malt -- nein, ich kann dir nicht zürnen! Weißlockigtes Haupt, dir kann ich nicht zürnen! Schlumm're sanft, wache froh auf, ich allein will hingeh'n und leiden.
~D. a. Moor~ (_träumend._) Mein Sohn! mein Sohn! mein Sohn!
~Amalia~ (_ergreift seine Hand._) Horch, horch! sein Sohn ist in seinen Träumen.
~D. a. Moor.~ Bist du da? bist du wirklich? ach! wie siehst du so elend? Sieh mich nicht an mit diesem kummervollen Blick! ich bin elend genug.
~Amalia~ (_weckt ihn schnell._) Seht auf, lieber Greis! ihr träumtet nur. Faßt euch!
~D. a. Moor~ (_halb wach._) Er war nicht da? drückt ich nicht seine Hände? Garstiger Franz! willst du ihn auch meinen Träumen entreissen?
~Amalia.~ Merkst du's, Amalia?
~D. a. Moor~ (_ermuntert sich._) Wo ist er? wo? wo bin ich? du da, Amalia?
~Amalia.~ Wie ist euch? Ihr schlieft einen erquickenden Schlummer.
~D. a. Moor.~ Mir träumte von meinem Sohn. Warum hab ich nicht fortgeträumt? Vielleicht hätt' ich Verzeihung erhalten aus seinem Munde.
~Amalia.~ Engel grollen nicht -- er verzeiht euch. (_Faßt seine Hand mit Wehmuth._) Vater meines Karls! ich verzeih euch.
~D. a. Moor.~ Nein, meine Tochter! diese Todten-Farbe deines Angesichts verdammet den Vater. Armes Mädgen! Ich brachte dich um die Freuden deiner Jugend -- o fluche mir nicht!
~Amalia~ (_küßt seine Hand mit Zärtlichkeit._) Euch?
~D. a. Moor.~ Kennst du dieses Bild, meine Tochter?
~Amalia.~ Karls! --
~D. a. Moor.~ So sah er, als er in's sechszehente Jahr gieng. Itzt ist er anders -- Oh es wüthet in meinem Innern -- diese Milde ist Unwillen, dieses Lächeln Verzweiflung -- Nicht wahr, Amalia? Es war an seinem Geburtstage in der Jasminlaube, als du ihn maltest? -- Oh meine Tochter! Eure Liebe machte mich so glücklich.
~Amalia~ (_immer das Aug auf das Bild geheftet._) Nein, nein! er ist's nicht. Bey Gott! das ist Karl nicht -- Hier, hier (_auf Herz und Stirne zeigend._) So ganz, so anders. Die träge Farbe reicht nicht, den himmlischen Geist nachzuspiegeln, der in seinem feurigen Auge herrschte. Weg damit! dis ist so menschlich! Ich war eine Stümperinn.
~D. a. Moor.~ Dieser huldreiche, erwärmende Blick -- wär' er vor meinem Bette gestanden, hätte gelebt mitten im Tode! Nie, nie wär' ich gestorben!
~Amalia.~ Nie, nie wär't ihr gestorben? Es wär' ein Sprung gewesen, wie man von einem Gedanken auf einen andern und schönern hüpft -- dieser Blick hätt' euch über's Grab hinübergeleuchtet. Dieser Blick hätt' euch über die Sterne getragen!
~D. a. Moor.~ Es ist schwer, es ist traurig! Ich sterbe, und mein Sohn Karl ist nicht hier -- ich werde zu Grabe getragen, und er weint nicht an meinem Grabe -- wie süß ist's, eingewiegt zu werden in den Schlaf des Todes von dem Gebet eines Sohns -- das ist Wiegengesang.
~Amalia~ (_schwärmend._) Ja süß, himmlisch süß ist's, eingewiegt zu werden in den Schlaf des Todes von dem Gesang des Geliebten -- vielleicht träumt man auch im Grabe noch fort -- ein langer, ewiger, unendlicher Traum, von Karln, bis man die Glocke der Auferstehung läutet -- (_aufspringend, entzückt._) und von itzt an in seinen Armen auf ewig, (_Pause. Sie geht an's Klavier, und spielt._)
Willst dich, Hektor, ewig mir entreissen, Wo des Anaciden mordend Eisen Dem Patroklus schröcklich Opfer bringt? Wer wird künftig deinen Kleinen lehren, Speere werfen und die Götter ehren, Wenn hinunter dich der Xanthus schlingt?
~D. a. Moor.~ Ein schönes Lied, meine Tochter. Das must du mir vorspielen, eh ich sterbe.
~Amalia.~ Es ist der Abschied Andromachas und Hektors -- Karl und ich haben's oft zusammen zu der Laute gesungen. (_Spielt fort._)
Theures Weib, geh, hol die Todeslanze, Laß mich fort zum wilden Kriegestanze, Meine Schultern tragen Ilium; Ueber Astyanax uns're Götter! Hektor fällt, ein Vaterlands Erretter, Und wir seh'n uns wieder im Elysium.
Daniel.
~Daniel.~ Es wartet draussen ein Mann auf euch. Er bittet, vorgelassen zu werden, er hab euch eine wichtige Zeitung.
~D. a. Moor.~ Mir ist auf der Welt nur etwas wichtig, du weist's, Amalia -- ist's ein Unglücklicher, der meiner Hülfe bedarf? Er soll nicht mit Seufzen von hinnen gehn.
~Amalia.~ Ist's ein Bettler, er soll eilig herauf kommen. (_Daniel ab._)
~D. a. Moor.~ Amalia, Amalia! schone meiner!
~Amalia~ (_spielt fort._)
Nimmer lausch ich deiner Waffen Schalle, Einsam liegt dein Eisen in der Halle, Priams groser Heldenstamm verdirbt! Du wirst hingeh'n, wo kein Tag mehr scheinet, Der Cocytus durch die Wüsten weinet, Deine Liebe in dem Lethe stirbt.
All mein Sehnen, all mein Denken Soll der schwarze Lethefluß ertränken, Aber meine Liebe nicht! Horch! der Wilde raßt schon an den Mauren -- Gürte mir das Schwerdt um, laß das Trauren, Hektors Liebe stirbt im Lethe nicht!
Franz. Herrmann (_verkappt._) Daniel.
~Franz.~ Hier ist der Mann. Schröckliche Botschaften, sagt er, warten auf euch. Könnt ihr sie hören?
~D. a. Moor.~ Ich kenne nur eine. Tritt her, mein Freund, und schone mein nicht! Reicht ihm einen Becher Wein.
~Herrmann~ (_mit veränderter Stimme._) Gnädiger Herr! laßt es einen armen Mann nicht entgelten, wenn er wider Willen euer Herz durchbohrt. Ich bin ein Fremdling in diesem Lande, aber euch kenn ich sehr gut, ihr seyd der Vater Karls von Moor.
~D. a. Moor.~ Woher weist du das?
~Herrmann.~ Ich kannte euren Sohn --
~Amalia~ (_auffahrend._) Er lebt? lebt? Du kennst ihn? wo ist er, wo, wo? (_will hinwegrennen._)
~D. a. Moor.~ Du weist von meinem Sohn?
~Herrmann.~ Er studierte in Leipzig. Von da zog er, ich weiß nicht wie weit, herum. Er durchschwärmte Deutschland in die Runde, und, wie er mir sagte, mit unbedecktem Haupt, barfus, und erbettelte sein Brod vor den Thüren. Fünf Monathe drauf brach der leidige Krieg zwischen Preußen und Oestreich wieder aus, und da er auf der Welt nichts mehr zu hoffen hatte, zog ihn der Hall von Friderichs siegreicher Trommel nach Böhmen. Erlaubt mir, sagte er, zum grosen Schwerin, daß ich den Tod sterbe auf dem Bette der Helden, ich hab keinen Vater mehr! --
~D. a. Moor.~ Sieh mich nicht an, Amalia!
~Herrmann.~ Man gab ihm eine Fahne. Er flog den preußischen Siegesflug mit. Wir kamen zusammen unter ein Zelt zu liegen. Er sprach viel von seinem alten Vater und von bessern, vergangenen Tagen -- und von vereitelten Hoffnungen -- uns standen die Thränen in den Augen.
~D. a. Moor~ (_verhüllt sein Haupt in das Kissen._) Stille, o stille!
~Herrmann.~ Acht Tage d'rauf war das heiße Treffen bey Prag -- ich darf euch sagen, euer Sohn hat sich gehalten wie ein wackerer Kriegsmann. Er that Wunder vor den Augen der Armee. Fünf Regimenter mußten neben ihm wechseln, er stand. Feuerkugeln fielen rechts und links, euer Sohn stand. Eine Kugel zerschmetterte ihm die rechte Hand, euer Sohn nahm die Fahne in die linke, und stand --
~Amalia~ (_in Entzückung._) Hektor, Hektor! hört ihr's? er stand --
~Herrmann.~ Ich traf ihn am Abend der Schlacht niedergesunken unter Kugel-Gepfeiffe, mit der linken hielt er das stürzende Blut, die rechte hatte er in die Erde gegraben. Bruder! rief er mir entgegen, es lief ein Gemurmel durch die Glieder: der General sey vor einer Stunde gefallen -- er ist gefallen, sagt' ich, und du? -- Nun, wer ein braver Soldat ist, rief er, und ließ die linke Hand los, der folge seinem General, wie ich! Bald darauf hauchte er seine grose Seele dem Helden zu.
~Franz~ (_wild auf Herrmann losgehend._) Daß der Tod deine verfluchte Zunge versiegle! Bist du hieher kommen, unserem Vater den Todesstos zu geben? -- Vater! Amalia! Vater!
~Herrmann.~ Es war der letzte Wille meines sterbenden Kameraden. Nimm diß Schwerdt, röchelte er, du wirst's meinem alten Vater überliefern, das Blut seines Sohnes klebt daran, er ist gerochen, er mag sich weiden. Sag ihm, sein Fluch hätte mich gejagt in Kampf und Tod, ich sey gefallen in Verzweiflung! Sein letzter Seufzer war Amalia.
~Amalia~ (_wie aus einem Todesschlummer aufgejagt._) Sein letzter Seufzer, Amalia!
~D. a. Moor~ (_Gräßlich schreyend, sich die Haare ausraufend._) Mein Fluch ihn gejagt in den Tod! gefallen in Verzweiflung!
~Franz~ (_umherirrend im Zimmer._) Oh! Was habt ihr gemacht, Vater? Mein Karl, mein Bruder!
~Herrmann.~ Hier ist das Schwerdt, und hier ist auch ein Portrait, das er zu gleicher Zeit aus dem Busen zog! Es gleicht diesem Fräulein auf ein Haar. Diß soll meinem Bruder Franz, sagte er, -- ich weiß nicht, was er damit sagen wollte.
~Franz~ (_wie erstaunt._) Mir? Amalia's Portrait? Mir, Karl, Amalia? Mir?
~Amalia~ (_heftig auf Herrmann losgehend._) Feiler, Bestochener, Betrüger! (_faßt ihn hart an._)
~Herrmann.~ Das bin ich nicht, gnädiges Fräulein. Sehet selbst, ob's nicht euer Bild ist -- ihr mögt's ihm wohl selbst gegeben haben.
~Franz.~ Bey Gott! Amalia, das deine! Es ist wahrlich das deine!
~Amalia~ (_gibt ihm das Bild zurück._) Mein, mein! O Himmel und Erde!
~D. a. Moor~ (_schreyend, sein Gesicht zerfleischend._) Wehe, Wehe! mein Fluch ihn gejagt in den Tod! gefallen in Verzweiflung!
~Franz.~ Und er gedachte meiner in der letzten schweren Stunde des Scheidens, meiner! Englische Seele -- da schon das schwarze Panier des Todes über ihm rauschte -- meiner! --
~D. a. Moor~ (_lallend._) Mein Fluch ihn gejagt, in den Tod, gefallen mein Sohn in Verzweiflung! --
~Herrmann.~ Den Jammer steh ich nicht aus. Lebt wohl, alter Herr! (_leise zu Franz._) Warum habt ihr auch das gemacht, Junker? (_geht schnell ab._)
~Amalia~ (_aufspringend, ihm nach._) Bleib, bleib! Was waren seine letzten Worte?
~Herrmann~ (_zurückrufend._) Sein letzter Seufzer war Amalia. (_ab._)
~Amalia.~ Sein letzter Seufzer war Amalia! -- Nein, du bist kein Betrüger! So ist es wahr -- wahr -- er ist tod! -- tod! -- (_hin und her taumelnd, bis sie umsinkt._) tod -- Karl ist tod --
~Franz.~ Was seh' ich? Was steht da auf dem Schwerdt? geschrieben mit Blut -- Amalia!
~Amalia.~ Von ihm?
~Franz.~ Seh' ich recht, oder träum ich? Siehe da mit blutiger Schrift:
~Franz, verlaß meine Amalia nicht!~ Sieh doch, sieh doch! und auf der andern Seite: ~Amalia! deinen Eid zerbrach der allgewaltige Tod.~ -- Siehst du nun, siehst du nun? Er schrieb's mit erstarrender Hand, schrieb's mit dem warmen Blut seines Herzens, schrieb's an der Ewigkeit feyerlichem Rande! sein fliehender Geist verzog, Franz und Amalia noch zusammen zu knüpfen.
~Amalia.~ Heiliger Gott! es ist seine Hand. -- Er hat mich nie geliebt! (_schnell ab._)
~Franz~ (_auf den Boden stampfend._) Verzweifelt! meine ganze Kunst erliegt an dem Starrkopf.
~D. a. Moor.~ Wehe, Wehe! Verlaß mich nicht, meine Tochter! -- Franz, Franz! gib mir meinen Sohn wieder!
~Franz.~ Wer war's, der ihm den Fluch gab? Wer war's, der seinen Sohn jagte in Kampf und Tod und Verzweiflung? -- oh! er war ein Engel! ein Kleinod des Himmels. Fluch über seine Henker! Fluch, Fluch über euch selber! --
~D. a. Moor~ (_schlägt mit geballter Faust wider Brust und Stirn._) Er war ein Engel, war Kleinod des Himmels! Fluch, Fluch, Verderben, Fluch über mich selber! Ich bin der Vater, der seinen grosen Sohn erschlug. Mich liebt' er bis in den Tod! mich zu rächen, rannte er in Kampf und Tod! Ungeheuer, Ungeheuer! (_wüthet wider sich selber._)
~Franz.~ Er ist dahin, was helfen späte Klagen? (_hönisch lachend._) Es ist leichter morden, als lebendig machen. Ihr werdet ihn nimmer aus seinem Grabe zurückholen.
~D. a. Moor.~ Nimmer, nimmer, nimmer aus dem Grabe zurückholen! Hin, verloren auf ewig! -- Und du hast mir den Fluch aus dem Herzen geschwäzt, du -- du -- Meinen Sohn mir wieder!
~Franz.~ Reizt meinen Grimm nicht. Ich verlaß euch im Tode! --
~D. a. Moor.~ Scheusal! Scheusal! schaff mir meinen Sohn wieder! (_fährt aus dem Sessel, will Franzen an der Gurgel fassen, der ihn zurück schleudert._)
~Franz.~ Kraftlose Knochen! ihr wagt es -- sterbt! verzweifelt! (_ab._)
Der alte Moor.
Tausend Flüche donnern dir nach! Du hast mir meinen Sohn aus den Armen gestohlen (_voll Verzweiflung hin und her geworfen im Sessel._) Wehe, Wehe! Verzweifeln, aber nicht sterben! -- Sie fliehen, verlassen mich im Tode -- meine gute Engel fliehen von mir, weichen alle die Heilige vom eisgrauen Mörder -- Wehe! Wehe! will mir keiner das Haupt halten, will keiner die ringende Seele entbinden? Keine Söhne! keine Töchter! keine Freunde! -- Menschen nur -- will keiner, allein -- verlassen -- Wehe! Wehe! -- Verzweifeln, aber nicht sterben!
Amalia (_mit verweinten Augen._)
~D. a. Moor.~ Amalia! Bote des Himmels! Kommst du, meine Seele zu lösen?
~Amalia~ (_mit sanfterem Ton._) Ihr habt einen herrlichen Sohn verloren.
~D. a. Moor.~ ~Ermordet~ willst du sagen. Mit diesem Zeugnis belastet tret ich vor den Richterstuhl Gottes.
~Amalia.~ Nicht also, jammervoller Greis! der himmlische Vater rückt' ihn zu sich. Wir wären zu glücklich gewesen auf dieser Welt. -- Droben, droben über den Sonnen -- Wir seh'n ihn wieder.
~D. a. Moor.~ Wiedersehen, wiedersehen! Oh es wird mir durch die Seele schneiden ein Schwerdt -- Wenn ich ein Heiliger ihn unter den Heiligen finde -- mitten im Himmel werden durch mich schauern Schauer der Hölle! Im Anschauen des Unendlichen mich zermalmen die Erinnerung: Ich hab meinen Sohn ermordet!
~Amalia.~ Oh, er wird euch die Schmerz-Erinnerung aus der Seele lächeln, seyd doch heiter, lieber Vater! ich bin's so ganz. Hat er nicht schon den himmlischen Hörern den Namen Amalia vorgesungen auf der seraphischen Harfe, und die himmlischen Hörer lispelten leise ihn nach? Sein letzter Seufzer war ja, Amalia! wird nicht sein erster Jubel, Amalia! seyn?