Die Räuber: Ein Schauspiel

Part 3

Chapter 33,573 wordsPublic domain

~Spiegelberg.~ Also denn! (_Er stellt sich mitten unter sie mit beschwörendem Ton._) Wenn noch ein Tropfen deutschen Heldenbluts in euren Adern rinnt -- kommt! Wir wollen uns in den böhmischen Wäldern niederlassen, dort eine Räuberbande zusammen ziehen, und -- Was gafft ihr mich an? -- ist euer Bisgen Muth schon verdampft?

~Roller.~ Du bist wohl nicht der erste Gauner, der über den hohen Galgen weggesehen hat -- und doch -- Was hätten wir sonst noch für eine Wahl übrig?

~Spiegelberg.~ Wahl? Was? nichts habt ihr zu wählen! Wollt ihr im Schuldthurm stecken, und zusammenschnurren, bis man zum jüngsten Tag posaunt? Wollt ihr euch mit der Schaufel und Haue um einen Bissen trocken Brod abquälen? Wollt ihr an der Leute Fenster mit einem Bänkelsänger-Lied ein mageres Allmosen erpressen? oder wollt ihr zum Kalbsfell schwören -- und da ist erst noch die Frage, ob man euren Gesichtern traut -- und dort unter der milzsüchtigen Laune eines gebieterischen Korporals das Fegfeuer zum voraus abverdienen? oder bey klingendem Spiel nach dem Takt der Trommel spatzieren gehn, oder im Gallioten-Paradies das ganze Eisen-Magazin Vulkans hinterherschleifen? Seht, das habt ihr zu wählen, da ist es beysammen, was ihr wählen könnt!

~Roller.~ So unrecht hat der Spiegelberg eben nicht. Ich hab auch meine Plane schon zusammen gemacht, aber sie treffen endlich auf eins. Wie wär's, dacht' ich, wenn ihr euch hinsetztet, und ein Taschenbuch oder einen Almanach, oder so was ähnlichs zusammensudeltet, und um den lieben Groschen recensirtet, wie's wirklich Mode ist?

~Schufterle.~ Zum Henker! ihr rathet nah zu meinen Projekten. Ich dachte bey mir selbst, wie wenn du ein Pietist würdest, und wöchentlich deine Erbauungsstunden hieltest?

~Grimm.~ Getroffen! und wenn das nicht geht, ein Atheist! Wir könnten die vier Evangelisten auf's Maul schlagen, liessen unser Buch durch den Schinder verbrennen, und so gieng's reissend ab.

~Razmann.~ Oder zögen wir wider die Franzosen zu Felde -- ich kenne einen Doktor, der sich ein Haus von purem Quecksilber gebauet hat, wie das Epigramm auf der Hausthüre lautet.

~Schweizer.~ (_Steht auf und gibt Spiegelberg die Hand._) Moriz, du bist ein grosser Mann! -- oder es hat ein blindes Schwein eine Eichel gefunden.

~Schwarz.~ Vortreffliche Plane! honnete Gewerbe! Wie doch die grossen Geister sympathisiren! Izt fehlte nur noch, daß wir Weiber und Kupplerinnen würden, oder gar unsere Jungferschaft zu Markte trieben.

~Spiegelberg.~ Possen, Possen! Und was hinderts, daß ihr nicht das meiste in einer Person seyn könnt? Mein Plan wird euch immer am höchsten poussiren, und da habt ihr noch Ruhm und Unsterblichkeit! Seht arme Schlucker! Auch so weit muß man hinausdenken! Auch auf den Nachruhm, das süsse Gefühl von Unvergeßlichkeit --

~Roller.~ Und oben an in der Liste der ehrlichen Leute! Du bist ein Meister-Redner, Spiegelberg, wenn's drauf ankommt, aus einem ehrlichen Mann einen Hollunken zu machen -- Aber sag doch einer, wo der Moor bleibt? --

~Spiegelberg.~ Ehrlich, sagst du? Meynst du, du seyst nachher weniger ehrlich, als du izt bist? Was heist du ehrlich? Reichen Filzen ein Drittheil ihrer Sorgen vom Hals schaffen, die ihnen nur den goldnen Schlaf verscheuchen, das stockende Geld in Umlauf bringen, das Gleichgewicht der Güter wieder herstellen, mit einem Wort, das goldne Alter wieder zurückrufen, dem lieben Gott von manchem lästigen Kostgänger helfen, ihm Krieg, Pestilenz, theure Zeit und ~Doktors~ ersparen -- siehst du, das heiß ich ehrlich seyn, das heiß ich ein würdiges Werkzeug in der Hand der Vorsehung abgeben, -- und so bey jedem Braten, den man ißt, den schmeichelhaften Gedanken zu haben: den haben dir deine Finten, dein Löwenmuth, deine Nachtwachen erworben -- von groß und klein respektirt zu werden --

~Roller.~ Und endlich gar bey lebendigem Leibe gen Himmel fahren, und trotz Sturm und Wind, trotz dem gefrässigen Magen der alten Urahne Zeit unter Sonn und Mond und allen Fixsternen schweben, wo selbst die unvernünftigen Vögel des Himmels, von edler Begierde herbeygelockt, ihr himmlisches Koncert musiciren, und die Engel mit Schwänzen ihr hochheiliges Synedrium halten? Nicht wahr? -- und wenn Monarchen und Potentaten von Motten und Würmern verzehrt werden, die Ehre haben zu dürfen, von Jupiters königlichem Vogel Visiten anzunehmen? -- Moriz, Moriz, Moriz! nimm dich in Acht! nimm dich in Acht, vor dem dreybeinigten Thiere!

~Spiegelberg.~ Und das schröckt dich, Hasenherz? ist doch schon manches Universal-Genie, das die Welt hätte reformiren können, auf dem Schind-Anger verfault, und spricht man nicht von so einem Jahrhunderte, Jahrtausende lang, da mancher König und Kurfürst in der Geschichte überhüpft würde, wenn sein Geschichtschreiber die Lücke in der Successions-Leiter nicht scheute, und sein Buch dadurch nicht um ein paar Oktavseiten gewönne, die ihm der Verleger mit baarem Gelde bezahlt -- Und wenn dich der Wanderer so hin und her fliegen sieht im Winde -- der muß auch kein Wasser im Hirn gehabt haben, brummt er in den Bart, und seufzt über die elenden Zeiten.

~Schweizer.~ (_klopft ihn auf die Achsel._) Meisterlich, Spiegelberg! Meisterlich! Was, zum Teufel, steht ihr da, und zaudert?

~Schwarz.~ Und laß es auch ~Prostitution~ heissen -- Was folgt weiter? Kann man nicht auf den Fall immer ein Pülverchen mit sich führen, das einen so im stillen übern Acheron fördert, wo kein Hahn darnach kräht! Nein, Bruder Moriz! dein Vorschlag ist gut. So lautet auch mein Katechismus.

~Schufterle.~ Blitz! Und der meine nicht minder. Spiegelberg, du hast mich geworben!

~Razmann.~ Du hast, wie ein anderer Orpheus, die heulende Bestie, mein Gewissen, in den Schlaf gesungen. Nimm mich ganz, wie ich da bin.

~Grimm.~ =Si omnes consentiunt ego non dissentio.= Wohlgemerkt ohne Komma. Es ist ein Aufstreich in meinem Kopf; Pietisten -- Quacksalber -- Rezensenten und Gauner. Wer am meisten bietet, der hat mich. Nimm diese Hand, Moriz.

~Roller.~ Und auch du Schweizer? (_gibt Spiegelberg die rechte Hand._) Also verpfänd ich meine Seele dem Teufel.

~Spiegelberg.~ Und deinen Namen den Sternen! was liegt daran, wohin auch die Seele fährt? Wenn Schaaren vorausgesprengter Kuriere unsere Niederfahrt melden, daß sich die Satane festtäglich herausputzen, sich den tausendjährigen Ruß aus den Wimpern stäuben, und Myriaden gehörnter Köpfe aus der rauchenden Mündung ihrer Schwefel-Kamine hervorwachsen, unsern Einzug zu sehen? Kameraden! (_aufgesprungen_) frisch auf! Kameraden! was in der Welt wiegt diesen Rausch des Entzückens auf? Kommt Kameraden!

~Roller.~ Sachte nur! Sachte! wohin? das Thier muß auch seinen Kopf haben, Kinder.

~Spiegelberg.~ (_Giftig._) Was predigt der Zauderer? Stand nicht der Kopf schon, eh noch ein Glied sich regte? folgt Kameraden!

~Roller.~ Gemach sag ich. Auch die Freyheit muß ihren Herrn haben. Ohne Oberhaupt gieng Rom und Sparta zu Grunde.

~Spiegelberg.~ (_Geschmeidig._) Ja -- haltet -- Roller sagt recht. Und das muß ein erleuchteter Kopf seyn. Versteht ihr? Ein feiner politischer Kopf muß das seyn. Ja! wenn ich mir's denke, was ihr vor einer Stunde waret, was ihr izt seyd, -- durch Einen glücklichen Gedanken seyd -- Ja freylich, freylich, müßt ihr einen =Chef= haben -- Und wer diesen Gedanken entsponnen, sagt, muß das nicht ein erleuchteter politischer Kopf seyn?

~Roller.~ Wenn sich's hoffen ließe -- träumen ließe -- Aber ich fürchte, er wird es nicht thun.

~Spiegelberg.~ Warum nicht? Sag's kek heraus, Freund! -- So schwer es ist, das kämpfende Schiff gegen die Winde zu lenken, so schwer sie auch drückt die Last der Kronen -- Sag's unverzagt, Roller -- Vielleicht wird ers doch thun.

~Roller.~ Und lek ist das Ganze, wenn er's nicht thut. Ohne den Moor sind wir Leib ohne Seele.

~Spiegelberg.~ (_Unwillig von ihm weg._) Stockfisch!

~Moor.~ (_tritt herein in wilder Bewegung, und läuft heftig im Zimmer auf und nieder, mit sich selber._)

~Moor.~ Menschen -- Menschen! falsche, heuchlerische Krokodilbrut! Ihre Augen sind Wasser! Ihre Herzen sind Erz! Küsse auf den Lippen! Schwerter im Busen! Löwen und Leoparde füttern ihre Jungen, Raben tischen ihren Kleinen auf dem Aas, und Er, Er -- Bosheit hab ich dulden gelernt, kann dazu lächeln, wenn mein erboster Feind mir mein eigen Herzblut zutrinkt -- aber wenn Blutliebe zur Verrätherinn, wenn Vaterliebe zur Megäre wird; o so fange Feuer, männliche Gelassenheit, verwilde zum Tyger, sanftmüthiges Lamm, und jede Faser recke sich auf zum Grimm und Verderben!

~Roller.~ Höre Moor! Was denkst du davon? Ein Räuberleben ist doch auch besser, als bey Wasser und Brod im untersten Gewölbe der Thürme?

~Moor.~ Warum ist dieser Geist nicht in einen Tyger gefahren, der sein wüthendes Gebiß in Menschenfleisch haut? Ist das Vatertreue? Ist das Liebe für Liebe? Ich möchte ein Bär seyn, und die Bären des Nordlands wider dies mörderische Geschlecht anhetzen -- Reue, und keine Gnade! -- Oh ich möchte den Ocean vergiften, daß sie den Tod aus allen Quellen saufen! Vertrauen, unüberwindliche Zuversicht, und kein Erbarmen!

~Roller.~ So höre doch, Moor, was ich dir sage!

~Moor.~ Es ist unglaublich, es ist ein Traum, eine Täuschung -- So eine rührende Bitte, so eine lebendige Schilderung des Elends und der zerfliessenden Reue -- die wilde Bestie wär' in Mitleid zerschmolzen! Steine hätten Thränen vergossen, und doch -- man würde es für ein boshaftes Pasquill auf's Menschengeschlecht halten, wenn ich's aussagen wollte -- und doch, doch -- oh daß ich durch die ganze Natur das Horn des Aufruhrs blasen könnte, Luft, Erde und Meer wider das Hyänen-Gezücht in's Treffen zu führen!

~Grimm.~ Höre doch, höre! vor Rasen hörst du ja nicht.

~Moor.~ Weg, weg von mir! Ist dein Name nicht Mensch? Hat dich das Weib nicht gebohren? -- Aus meinen Augen du mit dem Menschengesicht! -- Ich hab ihn so unaussprechlich geliebt! so liebte kein Sohn, ich hätte tausend Leben für ihn -- (_schäumend auf die Erde stampfend._) ha! -- wer mir itzt ein Schwerdt in die Hand gäbe, dieser Otternbrut eine brennende Wunde zu versetzen! wer mir sagte: wo ich das Herz ihres Lebens erzielen, zermalmen, zernichten -- Er sey mein Freund, mein Engel, mein Gott -- ich will ihn anbeten!

~Roller.~ Eben diese Freunde wollen ja wir seyn, laß dich doch weisen!

~Schwarz.~ Komm mit uns in die böhmischen Wälder! Wir wollen eine Räuberbande sammeln, und du -- (_Moor stiert ihn an._)

~Schweizer.~ Du sollst unser Hauptmann seyn! du must unser Hauptmann seyn!

~Spiegelberg~ (_wirft sich wild in einen Sessel._) Sklaven und Memmen!

~Moor.~ Wer blies dir das Wort ein? Höre, Kerl! (_indem er Rollern hart ergreift_) das hast du nicht aus deiner Menschenseele hervorgeholt! wer blies dir das Wort ein? Ja, bey dem tausendarmigen Tod! das wollen wir, das müssen wir! der Gedanke verdient Vergötterung -- ~Räuber~ und ~Mörder~! -- So wahr meine Seele lebt, ich bin euer Hauptmann!

~Alle~ (_mit lärmendem Geschrey._) Es lebe der Hauptmann!

~Spiegelberg~ (_aufspringend, vor sich._) Bis ich ihm hinhelfe!

~Moor.~ Siehe, da fällts wie der Staar von meinen Augen! was für ein Thor ich war, daß ich in's Keficht zurückwollte! -- Mein Geist dürstet nach Thaten, mein Athem nach Freyheit, -- ~Mörder, Räuber!~ -- mit diesem Wort war das Gesetz unter meine Füße gerollt -- Menschen haben Menschheit vor mir verborgen, da ich an Menschheit appellirte, weg dann von mir Sympathie und menschliche Schonung! -- Ich habe keinen Vater mehr, ich habe keine Liebe mehr, und Blut und Tod soll mich vergessen lehren, daß mir jemals etwas theuer war! -- Kommt, kommt! -- Oh ich will mir eine fürchterliche Zerstreuung machen -- es bleibt dabey, ich bin euer Hauptmann! und Glück zu dem Meister unter euch, der am wildesten sengt, am gräßlichsten mordet, denn ich sage euch, er soll königlich belohnet werden -- tretet her um mich ein jeder, und schwöret mir Treu und Gehorsam zu bis in den Tod! -- schwört mir das bey dieser männlichen Rechte.

~Alle~ (_geben ihm die Hand._) Wir schwören dir Treu und Gehorsam bis in den Tod!

~Moor.~ Nun und bey dieser männlichen Rechte! schwör ich euch hier, treu und standhaft euer Hauptmann zu bleiben bis in den Tod! Den soll dieser Arm gleich zur Leiche machen, der jemals zagt oder zweifelt, oder zurücktritt! Ein gleiches widerfahre mir von jedem unter euch, wenn ich meinen Schwur verletze! Seyd ihr's zufrieden? (_Spiegelberg läuft wüthend auf und nieder._)

~Alle~ (_mit aufgeworfenen Hüten._) Wir sind's zufrieden.

~Moor.~ Nun dann, so laßt uns geh'n! Fürchtet euch nicht vor Tod und Gefahr, denn über uns waltet ein unbeugsames Fatum! Jeden ereilet endlich sein Tag, es sey auf dem weichen Kissen von Pflaum, oder im rauhen Gewühl des Gefechtes, oder auf offenem Galgen und Rad! Eins davon ist unser Schicksal!

(Sie gehen ab.)

~Spiegelberg~ (_ihnen nachsehend, nach einer Pause._) Dein Register hat ein Loch. Du hast das Gift weggelassen. (_Ab_)

Dritte Scene.

Im Moorischen Schloß, Amaliens Zimmer.

Franz. Amalia.

~Franz.~ Du siehst weg, Amalia? verdien ich weniger, als der, den der Vater verflucht hat?

~Amalia.~ Weg! -- ha des liebevollen barmherzigen Vaters, der seinen Sohn Wölffen und Ungeheuern Preis gibt! daheim labt er sich mit süssem köstlichem Wein, und pflegt seiner morschen Glieder in Kissen von Eider, während sein groser herrlicher Sohn darbt -- schämt euch, ihr Unmenschen! schämt euch, ihr Drachenseelen, ihr Schande der Menschheit! -- seinen einzigen Sohn!

~Franz.~ Ich dächte, er hätt ihrer zween.

~Amalia.~ Ja, er verdient solche Söhne zu haben, wie du bist. Auf seinem Todbett wird er umsonst die welken Hände ausstrecken nach seinem Karl, und schaudernd zurückfahren, wenn er die eiskalte Hand seines Franzens faßt -- oh es ist süß, es ist köstlich süß, von deinem Vater verflucht zu werden! Sprich Franz, liebe brüderliche Seele! was muß man thun, wenn man von ihm verflucht seyn will?

~Franz.~ Du schwärmst, meine Liebe, du bist zu bedauren.

~Amalia.~ O ich bitte dich -- bedauerst du deinen Bruder? -- Nein Unmensch, du hassest ihn! du hassest mich doch auch?

~Franz.~ Ich liebe dich wie mich selbst, Amalia.

~Amalia.~ Wenn du mich liebst, kannst du mir wohl eine Bitte abschlagen?

~Franz.~ Keine, keine! wenn sie nicht mehr ist als mein Leben.

~Amalia.~ O, wenn das ist! Eine Bitte, die du so leicht, so gern erfüllen wirst (_stolz._) -- Hasse mich! Ich müßte feuerroth werden vor Scham, wenn ich an Karln denke, und mir eben einfiel, daß du mich nicht hassest. Du versprichst mir's doch? -- Itzt geh, und laß mich, ich bin so gern allein!

~Franz.~ Allerliebste Träumerinn! wie sehr bewundere ich dein sanftes liebevolles Herz, (_ihr auf die Brust klopfend._) Hier, hier herrschte Karl wie ein Gott in seinem Tempel, Karl stand vor dir im Wachen, Karl regierte in deinen Träumen, die ganze Schöpfung schien dir nur in den einzigen zu zerfliessen, den einzigen wiederzustralen, den einzigen dir entgegen zu tönen.

~Amalia.~ (_bewegt._) Ja wahrhaftig, ich gesteh es. Euch Barbaren zum Trutz will ich's vor aller Welt gestehen -- ich lieb ihn!

~Franz.~ Unmenschlich, grausam! Diese Liebe so zu belohnen! Die zu vergessen --

~Amalia.~ (_auffahrend._) Was, mich vergessen?

~Franz.~ Hattest du ihm nicht einen Ring an den Finger gesteckt? einen Diamantring zum Unterpfand deiner Treue! -- Freylich nun, wie kann auch ein Jüngling den Reitzen einer Metze Widerstand thun? Wer wird's ihm auch verdenken, da ihm sonst nichts mehr übrig war wegzugeben, -- und bezahlte sie ihn nicht mit Wucher dafür mit ihren Liebkosungen, ihren Umarmungen?

~Amalia~ (_aufgebracht._) Meinen Ring einer Metze?

~Franz.~ Pfui, pfui! das ist schändlich. Wohl aber, wenn's nur das wäre! -- Ein Ring, so kostbar er auch ist, ist im Grunde bey jedem Juden wieder zu haben -- vielleicht mag ihm die Arbeit daran nicht gefallen haben, vielleicht hat er einen schönern dafür eingehandelt.

~Amalia.~ (_heftig._) Aber ~meinen~ Ring -- ich sage ~meinen~ Ring?

~Franz.~ Keinen andern, Amalia -- ha! solch ein Kleinod, und an meinem Finger -- und von Amalia! -- von hier sollt' ihn der Tod nicht gerissen haben -- nicht wahr, Amalia? nicht die Kostbarkeit des Diamants, nicht die Kunst des Gepräges -- die Liebe macht seinen Werth aus -- Liebstes Kind, du weinest? Wehe über den, der diese köstliche Tropfen aus so himmlischen Augen preßt -- ach, und wenn du erst alles wüßtest, ihn selbst sähest, ihn unter der Gestalt sähest? --

~Amalia.~ Ungeheuer! wie, unter welcher Gestalt?

~Franz.~ Stille, stille, gute Seele, frage mich nicht aus! (_wie vor sich, aber laut._) Wenn es doch wenigstens nur einen Schleyer hätte, das garstige Laster, sich dem Auge der Welt zu entstehlen! aber da blickts schrecklich durch den gelben bleyfarbenen Augenring; -- da verräth sichs im todenblassen eingefallenen Gesicht, und dreht die Knochen heßlich hervor -- da stammelts in der halben verstümmelten Stimme -- da predigts fürchterlich laut vom zitternden hinschwankenden Gerippe -- da durchwühlt es der Knochen innerstes Mark, und bricht die mannhafte Stärke der Jugend -- da, da sprizt es den eitrichten fressenden Schaum aus Stirn und Wangen und Mund und der ganzen Fläche des Leibes zum scheußlichen Aussatz hervor, und nistet abscheulich in den Gruben der viehischen Schande -- pfui, pfui! mir eckelt. Nasen, Augen, Ohren schütteln sich -- du hast jenen Elenden gesehen, Amalia, der in unserem Siechenhause seinen Geist auskeuchte, die Schaam schien ihr scheues Auge vor ihm zuzublinzen -- du ruftest Wehe über ihn aus. Ruf diß Bild noch einmal ganz in deine Seele zurück, und Karl steht vor dir! -- Seine Küsse sind Pest, seine Lippen vergiften die deinen!

~Amalia~ (_schlägt ihn._) Schaamloser Lästerer!

~Franz.~ Graut dir vor diesem Karl? Eckelt dir schon vor dem matten Gemälde? Geh, gaff ihn selbst an, deinen schönen, englischen göttlichen Karl! Geh, sauge seinen balsamischen Athem ein, und laß dich von den Ambrosia-Düften begraben, die aus seinem Rachen dampfen! der blose Hauch seines Mundes wird dich in jenen schwarzen todähnlichen Schwindel hauchen, der den Geruch eines berstenden Aases und den Anblick eines Leichenvollen Wahlplatzes begleitet.

~Amalia~ (_wendet ihr Gesicht ab._)

~Franz.~ Welches Aufwallen der Liebe! Welche Wollust in der Umarmung -- aber ist es nicht ungerecht, einen Menschen um seiner siechen Aussenseite willen zu verdammen? Auch im elendesten Aesopischen Krüppel kann eine grose liebenswürdige Seele, wie ein Rubin aus dem Schlamme glänzen, (_boshaft lächelnd._) Auch aus blattrichten Lippen kann ja die Liebe --

Freylich, wenn das Laster auch die Festen des Karakters erschüttert, wenn mit der Keuschheit auch die Tugend davon fliegt, wie der Duft aus der welken Rose verdampft -- wenn mit dem Körper auch der Geist zum Krüppel verdirbt --

~Amalia~ (_froh aufspringend._) Ha! Karl! Nun erkenn ich dich wieder! du bist noch ganz! ganz! alles war Lüge! -- weist du nicht, Bösewicht, daß Karl unmöglich das werden kann? (_Franz steht einige Zeit tiefsinnig, dann dreht er sich plötzlich, um zu gehn._) Wohin so eilig, fliehst du vor deiner eigenen Schande?

~Franz~ (_mit verhülltem Gesicht._) Laß mich, laß mich! -- meinen Thränen den Lauf lassen -- tyrannischer Vater! den besten deiner Söhne so hinzugeben dem Elend -- der ringsumgebenden Schande -- laß mich, Amalia! ich will ihm zu den Füssen fallen, auf den Knieen will ich ihn beschwören, den ausgesprochenen Fluch auf mich, auf mich zu laden -- mich zu enterben -- mich -- mein Blut -- mein Leben -- alles --

~Amalia~ (_fällt ihm um den Hals._) Bruder meines Karls, bester, liebster Franz!

~Franz.~ O Amalia! wie lieb ich dich um dieser unerschütterten Treue gegen meinen Bruder -- Verzeih, daß ich es wagte, deine Liebe auf diese harte Probe zu setzen! -- Wie schön hast du meine Wünsche gerechtfertigt! -- Mit diesen Thränen, diesen Seufzern, diesem himmlischen Unwillen -- auch für mich, für mich -- unsere Seelen stimmten so zusammen.

~Amalia.~ O nein, das thaten sie nie!

~Franz.~ Ach sie stimmten so harmonisch zusammen, ich meynte immer, wir müßten Zwillinge seyn! und wär der leidige Unterschied von aussen nicht, wobey leider freylich Karl verlieren muß, wir würden zehnmal verwechselt. Du bist, sagt' ich oft zu mir selbst, ja du bist der ganze Karl, sein Echo, sein Ebenbild!

~Amalia~ (_schüttelt den Kopf._) Nein, nein, bey jenem keuschen Lichte des Himmels! kein Aederchen von ihm, kein Fünkchen von seinem Gefühle --

~Franz.~ So ganz gleich in unsern Neigungen -- die Rose war seine liebste Blume -- welche Blume war mir über die Rose? Er liebte die Musik unaussprechlich, und ihr seyd Zeugen, ihr Sterne! ihr habt mich so oft in der Todenstille der Nacht beym Klaviere belauscht, wenn alles um mich begraben lag in Schatten und Schlummer -- und wie kannst du noch zweifeln, Amalia, wenn unsere Liebe in einer ~Vollkommenheit~ zusammentraf, und wenn die Liebe die nemliche ist, wie könnten ihre Kinder entarten?

~Amalia~ (_sieht ihn verwundernd an._)

~Franz.~ Es war ein stiller, heiterer Abend, der letzte, eh er nach Leipzig abreiste, da er mich mit sich in jene Laube nahm, wo ihr so oft zusammensaßet in Träumen der Liebe -- stumm blieben wir lang -- zuletzt ergriff er meine Hand und sprach leise mit Thränen: ich verlasse Amalia, ich weiß nicht -- mir ahnets, als hieß es auf ewig -- verlaß sie nicht, Bruder! -- sey ihr Freund -- ihr Karl -- wenn Karl -- nimmer -- wiederkehrt -- (_Er stürzt vor ihr nieder und küßt ihr die Hand mit Heftigkeit._) Nimmer, nimmer, nimmer wird er wiederkehren, und ich hab's ihm zugesagt mit einem heiligen Eide!

~Amalia~ (_zurückspringend._) Verräther, wie ich dich ertappe! In eben dieser Laube beschwur er mich, keiner andern Liebe -- wenn er sterben sollte -- siehst du, wie gottlos, wie abscheulich du -- geh aus meinen Augen.

~Franz.~ Du kennst mich nicht, Amalia, du kennst mich gar nicht!

~Amalia.~ O ich kenne dich, von itzt an kenn ich dich -- und du wolltest ihm gleich seyn? Vor dir sollt er um mich geweint haben? Vor dir? Ehe hätt' er meinen Namen auf den Pranger geschrieben! Geh den Augenblick!

~Franz.~ Du beleidigst mich!

~Amalia.~ Geh, sag ich. Du hast mir eine kostbare Stunde gestohlen, sie werde dir an deinem Leben abgezogen.

~Franz.~ Du hassest mich.

~Amalia.~ Ich verachte dich, geh!

~Franz~ (_mit den Füssen stampfend._) Wart! so sollst du vor mir zittern! mich einem Bettler aufopfern? (_Zornig ab._)

~Amalia.~ Geh, Lotterbube -- itzt bin ich wieder bey Karln -- Bettler, sagt er? so hat die Welt sich umgedreht, Bettler sind Könige, und Könige sind Bettler! -- Ich möchte die Lumpen, die er anhat, nicht mit dem Purpur der Gesalbten vertauschen -- der Blick, mit dem er bettelt, das muß ein groser, ein königlicher Blick seyn -- ein Blick, der die Herrlichkeit, den Pomp, die Triumphe der Grosen und Reichen zernichtet! In den Staub mit dir, du prangendes Geschmeide! (_Sie reißt sich die Perlen vom Hals._) Seyd verdammt, Gold und Silber und Juwelen zu tragen, ihr Grosen und Reichen! Seyd verdammt, an üppigen Maalen zu zechen! Verdammt, euren Gliedern wohl zu thun auf weichen Polstern der Wohllust! Karl! Karl! so bin ich dein werth -- (_Ab._)

Zweyter Akt.

Erste Scene.

Franz von Moor.

(_nachdenkend in seinem Zimmer._)

Es dauert mir zu lange -- der Doktor will, er sei im Umkehren -- das Leben eines Alten ist doch eine Ewigkeit! -- Und nun wär freye, ebene Bahn bis auf diesen ärgerlichen zähen Klumpen Fleisch, der mir, gleich dem unterirdischen Zauberhund in den Geistermährchen, den Weg zu meinen Schätzen verrammelt.