Part 2
~Franz.~ Halt! noch ein Wort, Vater! Eure Entrüstung, fürchte ich, möchte euch zu harte Worte in die Feder werfen, die ihm das Herz zerspalten würden -- und dann -- glaubt ihr nicht, daß er das schon für Verzeihung nehmen werde, wenn ihr ihn noch eines eigenhändigen Schreibens werth haltet? Darum wird's besser seyn, ihr überlaßt das Schreiben mir.
~D. a. Moor.~ Thu' das, mein Sohn. -- Ach! es hätte mir doch das Herz gebrochen! Schreib ihm -- --
~Franz~ (_schnell._) Dabei bleibt's also?
~D. a. Moor.~ Schreib ihm, daß ich tausend blutige Thränen, tausend schlaflose Nächte -- Aber bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung.
~Franz.~ Wollt ihr euch nicht zu Bette legen, Vater? Es griff euch hart an.
~D. a. Moor.~ Schreib ihm, daß die väterliche Brust -- Ich sage dir, bring meinen Sohn nicht zur Verzweiflung.
(Geht traurig ab.)
~Franz~ (_mit Lachen ihm nachsehend._) Tröste dich, Alter, du wirst ihn nimmer an diese Brust drücken, der Weg dazu ist ihm verrammelt, wie der Himmel der Hölle -- Er war aus deinen Armen gerissen, ehe du wußtest, daß du es wollen könntest -- da müßt' ich ein erbärmlicher Stümper seyn, wenn ich's nicht einmal so weit gebracht hätte, einen Sohn vom Herzen des Vaters los zu lösen, und wenn er mit ehernen Banden daran geklammert wäre -- Ich hab' einen magischen Kreis von Flüchen um dich gezogen, den er nicht überspringen soll -- Glück zu, Franz! Weg ist das Schooskind -- Der Wald ist heller. Ich muß diese Papiere vollends aufheben, wie leicht könnte jemand meine Handschrift kennen? (_er liest die zerrissenen Briefstücke zusammen._) -- Und Gram wird auch den Alten bald fortschaffen, -- und ihr muß ich diesen Karl aus dem Herzen reissen, wenn auch ihr halbes Leben dran hängen bleiben sollte.
Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu seyn, und bei meiner Ehre! ich will sie geltend machen. -- Warum bin ich nicht der Erste aus Mutterleib gekrochen? Warum nicht der Einzige? Warum mußte sie mir diese Bürde von Häßlichkeit aufladen? gerade mir? Nicht anders, als ob sie bei meiner Geburt einen Rest gesetzt hätte? Warum gerade mir die Lappländersnase? Gerade mir dieses Mohrenmaul? Diese Hottentottenaugen? Wirklich, ich glaube, sie hat von allen Menschensorten das Scheußliche auf einen Haufen geworfen, und mich daraus gebacken. Mord und Tod! Wer hat ihr die Vollmacht gegeben, jenem dieses zu verleihen, und mir vorzuenthalten? Könnte ihr jemand darum hofiren, eh' er entstund? Oder sie beleidigen, eh' er selbst wurde? Warum gieng sie so partheylich zu Werke?
Nein! Nein! Ich thu' ihr Unrecht. Gab sie uns doch Erfindungsgeist mit, setzte uns nackt und armselig ans Ufer dieses großen Ozeans, ~Welt~ -- Schwimme, wer schwimmen kann, und wer plump ist, geht unter! Sie gab mir nichts mit; wozu ich mich machen will, das ist nun meine Sache. Jeder hat gleiches Recht zum Grösten und Kleinsten, Anspruch wird an Anspruch, Trieb an Trieb, und Kraft an Kraft zernichtet. Das Recht wohnet beim Ueberwältiger, und die Schranken unserer Kraft sind unsere Gesetze.
Wohl gibt es gewisse gemeinschaftliche Pakta, die man geschlossen hat, die Pulse des Weltcirkels zu treiben. Ehrlicher Name! -- Wahrhaftig eine reichhaltige Münze, mit der sich meisterlich schachern läßt, wer's versteht, sie gut auszugeben. Gewissen, -- o ja, freilich! ein tüchtiger Lumpenmann, Sperlinge von Kirschbäumen wegzuschröcken! -- auch das ein gut geschriebener Wechselbrief, mit dem auch der Bankerotirer zur Noth noch hinauslangt.
In der That sehr lobenswürdige Anstalten, die Narren im Respekt und den Pöbel unter dem Pantoffel zu halten, damit die Gescheiden es desto bequemer haben. Ohne Anstand, recht schnackische Anstalten! Kommen mir für, wie die Hecken, die meine Bauren gar schlau um ihre Felder herumführen, daß ja kein Haase drüber setzt, ja beileibe kein Haase! -- Aber der gnädige Herr gibt seinem Rappen den Sporn, und galoppirt weich über der weiland Aerndte.
Armer Haase! Es ist doch eine jämmerliche Rolle, der Haase seyn müssen auf dieser Welt -- Aber der gnädige Herr braucht Haasen!
Also frisch drüber hinweg! Wer nichts fürchtet, ist nicht weniger mächtig, als der, den alles fürchtet. Es ist itzo die Mode, Schnallen an den Beinkleidern zu tragen, womit man sie nach Belieben weiter und enger schnürt. Wir wollen uns ein Gewissen nach der neuesten Façon anmessen lassen, um es hübsch weiter aufzuschnallen, wie wir zulegen. Was können wir dafür? Geht zum Schneider! Ich habe Langes und Breites von einer sogenannten ~Blutliebe~ schwatzen gehört, das einem ordentlichen Hausmann den Kopf heiß machen könnte -- Das ist dein Bruder! -- das ist verdollmetscht: Er ist aus eben dem Ofen geschossen worden, aus dem du geschossen bist -- also sey er dir heilig! -- Merkt doch einmal diese verzwickte Consequenz, diesen possierlichen Schluß von der Nachbarschaft der Leiber auf die Harmonie der Geister; von eben derselben Heimath zu eben derselben Empfindung; von einerley Kost zu einerley Neigung. Aber weiter -- es ist dein Vater! Er hat dir das Leben gegeben, du bist sein Fleisch, sein Blut -- also sey er dir heilig. Wiederum eine schlaue Consequenz! Ich möchte doch fragen, ~warum~ hat er mich gemacht? doch wohl nicht gar aus Liebe zu mir, der erst ein ~Ich~ werden sollte? Hat er mich gekannt, ehe er mich machte? Oder hat er an mich gedacht, wie er mich machte? Oder hat er mich gewünscht, da er mich machte? Wußte er, was ich werden würde? das wollt' ich ihm nicht rathen, sonst möcht' ich ihn dafür strafen, daß er mich doch gemacht hat? Kann ich's ihm Dank wissen, daß ich ein Mann wurde? So wenig, als ich ihn verklagen könnte, wenn er ein Weib aus mir gemacht hätte. Kann ich eine Liebe erkennen, die sich nicht auf Achtung gegen mein ~Selbst~ gründet? Konnte Achtung gegen mein Selbst vorhanden seyn, das erst dadurch entstehen sollte, davon es die Voraussetzung seyn muß? Wo stickt dann nun das Heilige? Etwa im Aktus selber, durch den ich entstund? -- Als wenn dieser etwas mehr wäre, als viehischer Proceß zur Stillung viehischer Begierden? Oder stickt es vielleicht im Resultat dieses Aktus, der doch nichts ist, als eiserne Nothwendigkeit, die man so gern wegwünschte, wenn's nicht auf Unkosten von Fleisch und Blut geschehen müßte. Soll ich ihm etwa darum gute Worte geben, daß er mich liebt? das ist eine Eitelkeit von ihm, die Schoossünde aller Künstler, die sich in ihrem Werk kokettiren, wär' es auch noch so häßlich. -- Sehet also, das ist die ganze Hexerey, die ihr in einen heiligen Nebel verschleyert, unsre Furchtsamkeit zu mißbrauchen. Soll auch ich mich dadurch gängeln lassen, wie einen Knaben?
Frisch also! muthig an's Werk! -- Ich will alles um mich her ausrotten, was mich einschränkt, daß ich nicht ~Herr~ bin. ~Herr~ muß ich seyn, daß ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswürdigkeit gebricht. (_ab_)
Zweite Scene.
Schenke an den Gränzen von Sachsen.
Karl von Moor (_in ein Buch vertieft._) Spiegelberg (_trinkend am Tisch._)
~Karl v. Moor~ (_legt das Buch weg._) Mir eckelt vor diesem Tintenkleksenden Seculum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen.
~Spiegelberg~ (_stellt ihm ein Glas hin, und trinkt._) Den Josephus mußt du lesen.
~Moor.~ Der lohe Lichtfunke Prometheus ist ausgebrannt, dafür nimmt man itzt die Flamme von Berlappenmehl -- Theaterfeuer, das keine Pfeife Tabak anzündet. Da krabbeln sie nun, wie die Ratten auf der Keule des Herkules, und studiren sich das Mark aus dem Schädel, was das für ein Ding sey, das er in seinen Hoden geführt hat? Ein französischer Abbé docirt, Alexander sey ein Haasenfuß gewesen, ein schwindsüchtiger Professor hält sich bei jedem Wort ein Fläschgen Salmiakgeist vor die Nase, und liest ein Collegium über die ~Kraft~. Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals -- feuchtohrige Buben fischen Phrases aus der Schlacht bei Kannä, und greinen über die Siege des Scipio, weil sie sie exponiren müssen.
~Spiegelberg.~ Das ist ja recht Alexandrinisch geflännt.
~Moor.~ Schöner Preiß für euren Schweiß in der Feldschlacht, daß ihr jetzt in Gymnasien lebet, und eure Unsterblichkeit in einem Bücherriemen mühsam fortgeschleppt wird. Kostbarer Ersatz eures verpraßten Blutes, von einem Nürnberger Krämer um Lebkuchen gewickelt -- oder, wenn's glücklich geht, von einem französischen Tragödienschreiber auf Stelzen geschraubt, und mit Drahtfäden gezogen zu werden. Hahaha!
~Spiegelberg~ (_trinkt._) Lies den Josephus, ich bitte dich drum.
~Moor.~ Pfui! Pfui über das schlappe Kastraten-Jahrhundert, zu nichts nütze, als die Thaten der Vorzeit wiederzukäuen, und die Helden des Alterthums mit Kommentationen zu schinden und zu verhunzen mit Trauerspielen. Die Kraft seiner Lenden ist versiegen gegangen, und nun muß Bierhefe den Menschen fortpflanzen helfen.
~Spiegelberg.~ Thee, Bruder, Thee!
~Moor.~ Da verrammeln sie sich die gesunde Natur mit abgeschmakten Conventionen, haben das Herz nicht, ein Glas zu leeren, weil sie Gesundheit dazu trinken müssen -- beleken den Schuhputzer, daß er sie vertrete bei Ihro Gnaden, und hudeln den armen Schelm, den sie nicht fürchten. Vergöttern sich um ein Mittagessen, und möchten einander vergiften um ein Unterbett, das ihnen beim Aufstreich überboten wird. -- Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in die Kirche kommt, und berechnen ihren Judenzins am Altare -- fallen auf die Knie, damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können -- wenden kein Aug von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke frisirt ist. -- Fallen in Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht -- -- So warm ich ihnen die Hand drückte -- »nur noch einen Tag« -- Umsonst! -- Ins Loch mit dem Hund! -- Bitten! Schwüre! Thränen (_auf den Boden stampfend._) Hölle und Teufel!
~Spiegelberg.~ Und um so ein paar tausend lausige Dukaten --
~Moor.~ Nein, ich mag nicht daran denken. Ich soll meinen Leib pressen in eine Schnürbrust, und meinen Willen schnüren in Gesetze. Das Gesetz hat zum Schneckengang verdorben, was Adlerflug geworden wäre. Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freyheit brütet Kolosse und Extremitäten aus. Sie verpallisadiren sich ins Bauchfell eines Tyrannen, hofiren der Laune seines Magens, und lassen sich klemmen von seinen Winden. -- Ah! daß der Geist Herrmanns noch in der Asche glimmte! -- Stelle mich vor ein Heer Kerls, wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster seyn sollen. (_Er wirft den Degen auf den Tisch, und steht auf._)
~Spiegelberg~ (_aufspringend._) Bravo! Bravissimo! du bringst mich eben recht auf das Chapitre. Ich will dir was in's Ohr sagen, Moor, das schon lang mit mir umgeht, und du bist der Mann dazu -- sauf Bruder, sauf -- wie wär's, wenn wir Juden würden, und das Königreich wieder auf's Tapet brächten?
~Moor~ (_lacht aus vollem Halse._) Ah! Nun merk' ich -- nun merk' ich -- du willst die Vorhaut aus der Mode bringen, weil der Barbier die deinige schon hat?
~Spiegelberg.~ Daß dich, Bärenhäuter! Ich bin freylich wunderbarerweis schon voraus beschnitten. Aber sag, ist das nicht ein schlauer und herzhafter Plan? Wir lassen ein Manifest ausgehen in alle vier Enden der Welt, und citiren nach Palästina, was kein Schweinefleisch ißt. Da beweis ich nun durch triftige Dokumente, Herodes, der Vierfürst, sey mein Großahnherr gewesen, und so ferner. Das wird ein Viktoria abgeben, Kerl, wenn sie wieder in's Trockene kommen, und Jerusalem wieder aufbauen dörfen. Itzt frisch mit den Türken aus Asien, weil's Eisen noch warm ist, und Cedern gehauen aus dem Libanon, und Schiffe gebaut, und geschachert mit alten Borten und Schnallen das ganze Volk. Mittlerweile --
~Moor~ (_nimmt ihn lächelnd bei der Hand._) Kamerad! Mit den Narrenstreichen ist's nun am Ende.
~Spiegelberg~ (_stutzig._) Pfui, du wirst doch nicht gar den verlorenen Sohn spielen wollen? Ein Kerl, wie du, der mit dem Degen mehr auf die Gesichter gekritzelt hat, als drei Substituten in einem Schaltjahr in's Befehlbuch schreiben! Soll ich dir von der großen Hundsleiche vorerzählen? ha! ich muß nur dein eigenes Bild wieder vor dich rufen, das wird Feuer in deine Adern blasen, wenn dich sonst nichts mehr begeistert. Weißt du noch, wie die Herren vom Collegio deiner Dogge das Bein hatten abschiessen lassen, und du zur Revange liessest ein Fasten ausschreiben in der ganzen Stadt. Man schmollte über dein Rescript. Aber du nicht faul, lässest alles Fleisch aufkaufen in ganz L.., daß in acht Stund kein Knoch mehr zu nagen ist in der ganzen Rundung, und die Fische anfangen im Preiße zu steigen. Magistrat und Bürgerschaft düsselten Rache. Wir Pursche frisch heraus zu siebzehnhundert, und du an der Spitze, und Mezger und Schneider und Krämer hinterher, und Wirth und Barbierer und alle Zünfte, und fluchen, Sturm zu laufen wider die Stadt, wenn man den Purschen ein Haar krümmen wollte. Da gieng's aus, wie's Schiessen zu Hornberg, und mußten abziehen mit langer Nase. Du lässest Doktores kommen ein ganzes Concilium, und botst drei Dukaten, wer dem Hund ein Recept schreiben würde. Wir sorgten, die Herren werden zuviel Ehr im Leib haben und ~Nein~ sagen, und hattens schon verabredt, sie zu forciren. Aber das war unnöthig, die Herren schlugen sich um die drei Dukaten, und kam's im Abstreich herab auf drei Bazen, in einer Stund sind zwölf Recepte geschrieben, daß das Thier auch bald drauf verreckte.
~Moor.~ Schändliche Kerls!
~Spiegelberg.~ Der Leichenpomp wird veranstaltet in aller Pracht, Carmina gab's die schwere Meng' um den Hund, und zogen wir aus des Nachts gegen tausend, eine Laterne in der einen Hand, unsre Raufdegen in der andern, und so fort durch die Stadt mit Glockenspiel und Geklimper, bis der Hund beigesetzt war. Drauf gab's ein Fressen, das währt bis an den lichten Morgen, da bedanktest du dich bei den Herren für das herzliche Beileid, und liessest das Fleisch verkaufen ums halbe Geld. =Mort de ma vie=, da hatten wir dir Respekt, wie eine Garnison in einer eroberten Vestung --
~Moor.~ Und du schämst dich nicht damit groß zu prahlen? Hast nicht einmal so viel Schaam, dich dieser Streiche zu schämen?
~Spiegelberg.~ Geh, geh. Du bist nicht mehr Moor. Weißt du noch, wie tausendmal du, die Flasche in der Hand, den alten Filzen hast aufgezogen, und gesagt: Er soll nur drauf los schaben und scharren, du wollest dir dafür die Gurgel absaufen. -- Weißt du noch? he? weißt du noch? O du heilloser, erbärmlicher Prahlhans! das war noch männlich gesprochen, und edelmännisch, aber --
~Moor.~ Verflucht seyst du, daß du mich dran erinnerst! Verflucht ich, daß ich es sagte! Aber es war nur im Dampfe des Weins, und mein Herz hörte nicht, was meine Zunge prahlte.
~Spiegelberg~ (_schüttelt den Kopf._) Nein! nein! nein! das kann nicht seyn. Unmöglich, Bruder, das kann dein Ernst nicht seyn. Sag, Brüderchen, ist es nicht die Noth, die dich so stimmt? Komm, laß dir ein Stückchen aus meinen Bubenjahren erzählen. Da hatt' ich neben meinem Haus einen Graben, der, wie wenig, seine acht Schuh breit war, wo wir Buben uns in die Wette bemühten, hinüber zu springen. Aber das war umsonst. Pflumpf! lagst du, und ward ein Gezisch und Gelächter über dir, und wurdest mit Schneeballen geschmissen über und über. Neben meinem Haus lag eines Jägers Hund an einer Kette, eine so bißige Bestie, die dir die Mädels wie der Blitz am Rockzipfel hatte, wenn sie sichs versahn, und zu nah' dran vorbey strichen. Das war nun mein Seelengaudium, den Hund überall zu necken, wo ich nur konnte, und wollt' halb krepiren vor Lachen, wenn mich dann das Luder so giftig anstierte, und so gern auf mich losgerannt wär', wenn's nur gekonnt hätte. -- Was geschieht? Ein andermal mach' ich's ihm auch wieder so, und werf' ihn mit einem Stein so derb an die Ripp', daß er vor Wuth von der Kette reißt, und auf mich dar, und ich, wie alle Donnerwetter, reiß aus, und davon -- Tausend Schwernoth! Da ist dir just der vermaledeyte Graben dazwischen. Was zu thun? Der Hund ist mir hart an den Fersen und wüthig, also kurz resolvirt -- ein Anlauf genommen -- drüben bin ich. Dem Sprung hatt' ich Leib und Leben zu danken; die Bestie hätte mich zu Schanden gerissen.
~Moor.~ Aber wozu itzt das?
~Spiegelberg.~ Dazu -- daß du sehen sollst, wie die Kräfte wachsen in der Noth. Darum laß ich mir's auch nicht bange seyn, wenn's auf's äusserste kommt. Der Muth wächst mit der Gefahr; die Kraft erhebt sich im Drang. Das Schicksal muß einen großen Mann aus mir haben wollen, weil's mir so queer durch den Weg streicht.
~Moor~ (_ärgerlich._) Ich wüßte nicht, wozu wir den Muth noch haben sollten, und noch nicht gehabt hätten.
~Spiegelberg.~ So? -- Und du willst also deine Gaben in dir verwittern lassen? Dein Pfund vergraben? Meynst du, deine Stinkereyen in Leipzig machen die Gränzen des menschlichen Witzes aus? Da laß uns erst in die große Welt kommen. Paris und London! -- wo man Ohrfeigen einhandelt, wenn man einen mit dem Namen eines ehrlichen Mannes grüßt. Da ist es auch ein Seelenjubilo, wenn man das Handwerk in's Große prakticirt. -- Du wirst gaffen! Du wirst Augen machen! Wart, und wie man Handschriften nachmacht, Würfel verdreht, Schlösser aufbricht, und den Koffern das Eingeweid ausschüttet -- das sollst du noch von Spiegelberg lernen! Die Kanaille soll man an den nächsten besten Galgen knüpfen, die bei ~geraden~ Fingern verhungern will.
~Moor~ (_zerstreut._) Wie? du hast es wohl gar noch weiter gebracht?
~Spiegelberg.~ Ich glaube gar, du setzest ein Mißtrauen in mich. Wart, laß mich erst warm werden; du sollst Wunder sehen, dein Gehirnchen soll sich im Schädel umdrehen, wenn mein kreisender Witz in die Wochen kommt. -- (_steht auf, hitzig._) Wie es sich aufhellt in mir! Große Gedanken dämmern auf in meiner Seele! Riesenplane gähren in meinem schöpfrischen Schedel. Verfluchte Schlafsucht! (_Sich vor'n Kopf schlagend._) die bisher meine Kräfte in Ketten schlug, meine Aussichten sperrte und spannte; ich erwache, fühle, wer ich bin -- wer ich werden muß!
~Moor.~ Du bist ein Narr. Der Wein bramarbasirt aus deinem Gehirne.
~Spiegelberg~ (_hitziger._) Spiegelberg, wird es heissen, kannst du hexen, Spiegelberg? Es ist Schade, daß du kein General worden bist, Spiegelberg, wird der König sagen, du hättest die Oestreicher durch ein Knopfloch gejagt. Ja, hör' ich die Doktors jammern, es ist unverantwortlich, daß der Mann nicht die Medizin studirt hat, er hätte ein neues Kropfpulver erfunden. Ach! und daß er das Kamerale nicht zum Fach genommen hat, werden die Sully's in ihren Kabinetten seufzen, er hätte aus Steinen Louisd'ore hervorgezaubert. Und Spiegelberg wird es heissen in Osten und Westen, und in den Koth mit euch, ihr Memmen, ihr Kröten, indeß Spiegelberg mit ausgespreiteten Flügeln zum Tempel des Nachruhms empor fliegt.
~Moor.~ Glück auf den Weg! Steig du auf Schandsäulen zum Gipfel des Ruhms. Im Schatten meiner väterlichen Haine, in den Armen meiner Amalia lockt mich ein edler Vergnügen. Schon die vorige Woche hab' ich meinem Vater um Vergebung geschrieben, hab' ihm nicht den kleinsten Umstand verschwiegen, und wo Aufrichtigkeit ist, ist auch Mitleid und Hilfe. Laß uns Abschied nehmen, Moriz. Wir sehen uns heut und nie mehr. Die Post ist angelangt. Die Verzeihung meines Vaters ist schon innerhalb dieser Stadtmauren.
Schweizer. Grimm. Roller. Schufterle. Razmann (_treten auf._)
~Roller.~ Wißt ihr auch, daß man uns auskundschaftet?
~Grimm.~ Daß wir keinen Augenblick sicher sind, aufgehoben zu werden?
~Moor.~ Mich wundert's nicht. Es gehe, wie es will! sah't ihr den Schwarz nicht? sagt er euch von keinem Brief, den er an mich hätte?
~Roller.~ Schon lang sucht er dich, ich vermuthe so etwas.
~Moor.~ Wo ist er, wo, wo? (_will eilig fort._)
~Roller.~ Bleib! wir haben ihn hieher beschieden. Du zitterst? --
~Moor.~ Ich zittre nicht. Warum sollt' ich auch zittern? Kameraden! dieser Brief -- freut euch mit mir! Ich bin der Glücklichste unter der Sonne, warum sollt' ich zittern?
Schwarz (_tritt auf._)
~Moor~ (_fliegt ihm entgegen._) Bruder, Bruder, den Brief! den Brief!
~Schwarz~ (_giebt ihm den Brief, den er hastig aufbricht._) Was ist dir? wirst du nicht wie die Wand?
~Moor.~ Meines Bruders Hand!
~Schwarz.~ Was treibt denn der Spiegelberg?
~Grimm.~ Der Kerl ist unsinnig. Er macht Gestus wie beim Sanct Veits-Tanz.
~Schufterle.~ Sein Verstand geht im Ring herum. Ich glaub' er macht Verse.
~Razmann.~ Spiegelberg! He Spiegelberg! -- Die Bestie hört nicht.
~Grimm~ (_schüttelt ihn._) Kerl! träumst du, oder? --
~Spiegelberg~ (_der sich die ganze Zeit über mit den Pantomimen eines Projektmachers im Stubeneck abgearbeitet hat, springt wild auf._) =La Bourse ou la vie!= (_und packt Schweizern an der Gurgel, der ihn gelassen an die Wand wirft, -- Moor läßt den Brief fallen, und rennt hinaus. Alle fahren auf._)
~Roller~ (_ihm nach._) Moor! wonaus, Moor? was beginnst du?
~Grimm.~ Was hat er, was hat er? Er ist bleich wie die Leiche.
~Schweizer.~ Das müssen schöne Neuigkeiten seyn! Laß doch sehen!
~Roller~ (_nimmt den Brief von der Erde, und liest._)
»Unglücklicher Bruder!« der Anfang klingt lustig. »Nur kürzlich muß ich dir melden, daß deine Hoffnung vereitelt ist -- du sollst hingehen, läßt dir der Vater sagen, wohin dich deine Schandthaten führen. Auch, sagt er, werdest du dir keine Hoffnung machen, jemals Gnade zu seinen Füssen zu erwimmern, wenn du nicht gewärtig seyn wollest, im untersten Gewölb seiner Thürme mit Wasser und Brod so lang traktirt zu werden, bis deine Haare wachsen wie Adlers-Federn, und deine Nägel wie Vogelsklauen werden. Das sind seine eigene Worte. Er befiehlt mir, den Brief zu schliessen. Leb wohl auf ewig! Ich bedaure dich --
~Franz~ von ~Moor~.«
~Schweizer.~ Ein zuckersüsses Brüdergen! In der That! -- Franz heißt die Kanaille?
~Spiegelberg.~ (_sachte herbey schleichend._) Von Wasser und Brod ist die Rede? Ein schönes Leben! Da hab ich anders für euch gesorgt! Sagt' ichs nicht, ich müßt' am Ende für euch alle denken?
~Schweizer.~ Was sagt der Schafskopf? der Esel will für uns alle denken?
~Spiegelberg.~ Haasen, Krüppel, lahme Hunde seyd ihr alle, wenn ihr das Herz nicht habt, etwas Grosses zu wagen!
~Roller.~ Nun, das wären wir freylich, du hast recht -- aber wird es uns auch aus dieser vermaledeyten Lage reissen, was du wagen wirst? wird es? --
~Spiegelberg~ (_mit einem stolzen Gelächter._) Armer Tropf! aus dieser Lage reissen? hahaha! -- aus dieser Lage reissen? -- und auf mehr raffinirt dein Fingerhut voll Gehirn nicht? und damit trabt deine Mähre zum Stalle? Spiegelberg müßte ein Hundsvott seyn, wenn er mit dem nur anfangen wollte. Zu Helden, sag ich dir, zu Freyherrn, zu Fürsten, zu Göttern wirds euch machen!
~Razmann.~ Das ist viel auf einen Hieb, wahrlich! Aber es wird wohl eine halsbrechende Arbeit seyn, den Kopf wirds wenigstens kosten.
~Spiegelberg.~ Es will nichts als Muth, denn was den Witz betrifft, den nehm ich ganz über ~mich~. Muth, sag ich, Schweizer! Muth, Roller, Grimm, Razmann, Schufterle! Muth! --
~Schweizer.~ Muth? Wenn's nur das ist -- Muth hab ich genug um baarfuß mitten durch die Hölle zu gehn.
~Schufterle.~ Muth genug, mich unterm lichten Galgen mit dem leibhaftigen Teufel um einen armen Sünder zu balgen.
~Spiegelberg.~ So gefällt mir's! Wenn ihr Muth habt, tret einer auf, und sag: Er habe noch etwas zu verlieren, und nicht alles zu gewinnen! --
~Schwarz.~ Wahrhaftig, da gäb's manches zu verlieren, wenn ich das verlieren wollte, was ich noch zu gewinnen habe!
~Razmann.~ Ja, zum Teufel! und manches zu gewinnen, wenn ich das gewinnen wollte, was ich nicht verlieren kann.
~Schufterle.~ Wenn ich das verlieren müßte, was ich auf Borgs auf dem Leibe trage, so hätt' ich allenfalls morgen nichts mehr zu verlieren.