Part 11
~Moser.~ Itzt zum erstenmal werden die Schwerter einer Ewigkeit durch eure Seele schneiden, und itzt zum erstenmal zu spät. -- Der Gedanke ~Gott~ weckt einen fürchterlichen Nachbar auf, sein Name heißt ~Richter~. Sehet Moor, ihr habt das Leben von Tausenden an der Spitze eures Fingers, und von diesen Tausenden habt ihr neunhundert neun und neunzig elend gemacht. Euch fehlt zu einem Nero nur das römische Reich, und nur Peru zu einem Pizarro. Nun glaubt ihr wohl, Gott werde es zugeben, daß ein einziger Mensch in seiner Welt wie ein Wüthrich hause, und das Oberste zu unterst kehre? Glaubt ihr wohl, diese neunhundert und neun und neunzig seyen nur zum Verderben, nur zu Puppen eures satanischen Spieles da? O glaubt das nicht! Er wird jede Minute, die ihr ihnen getödtet, jede Freude, die ihr ihnen vergiftet, jede Vollkommenheit, die ihr ihnen versperret habt, von euch fordern dereinst, und wenn ihr darauf antwortet, Moor, so sollt ihr gewonnen haben.
~Franz.~ Nichts mehr, kein Wort mehr! willst du, daß ich deinen schwarzlebrigen Grillen zu Gebote steh'?
~Moser.~ Sehet zu, das Schicksal der Menschen stehet unter sich in fürchterlich schönem Gleichgewicht. Die Waagschale dieses Lebens sinkend wird hochsteigen in jenem, steigend in diesem, wird in jenem zu Boden fallen. Aber was hier zeitliches Leiden war, wird dort ewiger Triumph, was hier endlicher Triumph war, wird dort ewige unendliche Verzweiflung.
~Franz.~ (_wild auf ihn losgehend_) Daß dich der Donner stumm mache, Lügengeist, du! Ich will dir die verfluchte Zunge aus dem Munde reißen!
~Moser.~ Fühlt ihr die Last der Wahrheit so früh? Ich habe ja noch nichts von Beweisen gesagt. Laßt mich nur erst zu den Beweisen --
~Franz.~ Schweig, geh in die Hölle mit deinen Beweisen! zernichtet wird die Seele, sag ich dir, und sollst mir nicht darauf antworten!
~Moser.~ Darum winseln auch die Geister des Abgrunds, aber der im Himmel schüttelt das Haupt. Meynt ihr dem Arm des Vergelters im öden Reich des Nichts zu entlaufen? Und führet ihr gen Himmel, so ist er da! und bettetet ihr euch in der Hölle, so ist er wieder da! und sprächet ihr zu der Nacht: verhülle mich! und zu der Finsterniß: birg mich! so muß die Finsterniß leuchten um euch, und um den Verdammten die Mitternacht tagen -- aber euer unsterblicher Geist sträubt sich unter dem Wort, und siegt über den blinden Gedanken.
~Franz.~ Ich will aber nicht unsterblich seyn -- sey es, wer da will, ich will's nicht hindern. Ich will ihn zwingen, daß er mich zernichte, ich will ihn zur Wuth reizen, daß er mich in der Wuth zernichte. Sag mir, was ist die gröste Sünde, und die ihn am grimmigsten aufbringt?
~Moser.~ Ich kenne nur zwo. Aber sie werden nicht von ~Menschen~ begangen, auch ahnden sie ~Menschen~ nicht.
~Franz.~ Diese zwo! --
~Moser~ (_sehr bedeutend._) ~Vatermord~ heißt die eine, ~Brudermord~ die andere -- Was macht euch auf einmal so bleich?
~Franz.~ Was Alter? Stehst du mit dem Himmel oder mit der Hölle im Bündniß? Wer hat dir das gesagt?
~Moser.~ Wehe dem, der sie beyde auf dem Herzen hat! Ihm wäre besser, daß er nie geboren wäre! Aber seyd ruhig, ihr habt weder Vater noch Bruder mehr!
~Franz.~ Ha! -- was, du kennst keine drüber? Besinne dich nochmals -- Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammniß schwebt auf dem Laut deines Mundes -- keine einzige drüber?
~Moser.~ Keine einzige drüber.
~Franz~ (_fällt in einen Stuhl._) Zernichtung! Zernichtung!
~Moser.~ Freut euch, freut euch doch! preißt euch doch glücklich! -- Bey allen euren Greueln seyd ihr noch ein Heiliger gegen den Vatermörder. Der Fluch, der euch trift, ist gegen den, der auf diesen lauert, ein Gesang der Liebe -- die Vergeltung --
~Franz~ (_aufgesprungen._) Geh in tausend Grüfte, du Eule! wer hieß dich hieher kommen? Geh, sag ich, oder ich stoß dich durch und durch!
~Moser.~ Kann das Pfaffengewäsche so einen Philosophen in Harnisch jagen? Blast es doch weg mit dem Hauch eures Mundes! (_geht ab._)
~Franz~ (_wirft sich in seinem Sessel herum in schröcklichen Bewegungen, tiefe Pause._)
Ein Bedienter (_eilig._)
~Bedienter.~ Amalia ist entsprungen, der Graf ist plötzlich verschwunden.
Daniel (_kommt ängstlich._)
~Daniel.~ Gnädiger Herr, jagt ein Trupp feuriger Reuter die Staig herab, schreyen Mordjo, Mordjo -- das ganze Dorf in Allarm.
~Franz.~ Geh, laß alle Glocken zusammenläuten, alles soll in die Kirche -- auf die Kniee fallen alles -- beten für mich -- alle Gefang'ne sollen los seyn und ledig, ich will den Armen alles doppelt und dreyfach wiedergeben, ich will -- so geh doch -- so ruf doch den Beichtvater, daß er mir meine Sünden hinwegsegne -- Bist du noch nicht fort? (_Das Getümmel wird hörbarer._)
~Daniel.~ Gott verzeih mir meine schwere Sünde! Wie soll ich das wieder reimen? Ihr habt ja immer das liebe Gebet über alle Häuser hinausgeworfen, habt mir so manche Postill und Bibelbuch an den Kopf gejagt, wenn ihr mich ob dem Beten ertapptet --
~Franz.~ Nichts mehr davon -- ~Sterben!~ siehst du? ~Sterben!~ -- Es wird zu spät (_man hört Schweizern toben._) Bete doch! Bete!
~Daniel.~ Ich sagt's euch immer -- ihr verachtet das liebe Gebet so -- aber gebt acht, gebt acht! wenn die Noth an Mann geht, wenn euch das Wasser an die Seele geht, ihr werdet alle Schätze der Welt um ein christliches Seufzerlein geben -- Seht ihr's? Ihr verschimpftet mich! Da habt ihr's nun! Seht ihr's?
~Franz~ (_umarmt ihn ungestüm._) Verzeih, lieber, goldner Perlendaniel, verzeih -- ich will dich kleiden von Fuß auf -- so bet doch -- ich will dich zum Hochzeiter machen -- ich will -- so bet doch -- ich beschwöre dich -- auf den Knieen beschwör ich dich -- Ins T--ls Namen! so bet doch (_Tumult auf den Strassen, Geschrey -- Gepolter --_)
~Schweizer~ (_auf der Gasse._) Stürmt! Schlagt todt! Brecht ein! Ich sehe Licht! dort muß er seyn.
~Franz~ (_auf den Knieen._) Höre mich beten, Gott im Himmel! -- Es ist das erstemal -- soll auch gewiß nimmer geschehen -- Erhöre mich, Gott im Himmel!
~Daniel.~ Mein doch! Was treibt ihr? Das ist ja gottlos gebetet.
Volksauflauf.
~Volk.~ Diebe! Mörder! wer lärmt so gräßlich in dieser Mitternachtsstunde!
~Schweizer~ (_immer auf der Gasse._) Schlag sie zurück, Kamerad -- der Teufel ists, und will euren Herrn holen -- Wo ist der Schwarz mit seinen Haufen? -- Postir dich ums Schloß, Grimm -- Lauf Sturm wider die Ringmauer!
~Grimm.~ Holt ihr Feuerbrände -- wir hinauf oder er herunter -- Ich will Feuer in seine Säle schmeißen.
~Franz~ (_betet._) Ich bin kein gemeiner Mörder gewesen, mein Herrgott -- hab mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben, mein Herrgott --
~Daniel.~ Gott sey uns gnädig! Auch seine Gebete werden zu Sünden. (_Es fliegen Steine und Feuerbrände. Die Scheiben fallen. Das Schloß brennt._)
~Franz.~ Ich kann nicht beten -- hier, hier! (_Auf Brust und Stirn schlagend._) Alles so öd -- so verdorret (_steht auf._) Nein, ich will auch nicht beten -- diesen Sieg soll der Himmel nicht haben, diesen Spott mir nicht anthun die Hölle --
~Daniel.~ Jesus Maria! helft -- rettet -- das ganze Schloß steht in Flammen!
~Franz.~ Hier, nimm diesen Degen. Hurtig. Jag mir ihn hinterrücks in den Bauch, daß nicht diese Buben kommen und treiben ihren Spott mit mir. (_Das Feuer nimmt überhand._)
~Daniel.~ Bewahre! Bewahre! Ich mag niemand zu früh in den Himmel fördern, viel weniger zu früh. (_er entrinnt._)
Franz (_ihm graß nachstierend, nach einer Pause._)
In die Hölle wolltest du sagen -- Wirklich! ich wittere so etwas -- (_wahnsinnig._) Sind das ihre hellen Triller? hör ich euch zischen, ihr Nattern des Abgrunds? -- Sie dringen herauf -- Belagern die Thüre -- warum zag ich so vor dieser bohrenden Spitze? -- die Thüre kracht -- stürzt -- unentrinnbar -- Ha! so erbarm du dich meiner! (_er reißt seine goldene Hutschnur ab, und erdrosselt sich._)
Schweizer (_mit seinen Leuten._)
~Schweizer.~ Mordkanaille, wo bist du? -- Saht ihr, wie sie flohen? -- hat er so wenig Freunde? -- Wohin hat sich die Bestie verkrochen?
~Grimm~ (_stößt an die Leiche._) Halt! was liegt hier im Weg? Zündet hieher --
~Schwarz.~ Er hat das Prevenire gespielt. Steckt eure Schwerter ein, hier liegt er wie eine Katze verreckt.
~Schweizer.~ Todt! was? todt? ohne mich todt -- Erlogen sag ich -- Gebt acht, wie hurtig er auf die Beine springt! (_rüttelt ihn._) Heh du! Es gibt einen Vater zu ermorden.
~Grimm.~ Gib dir keine Müh. Er ist maustodt.
~Schweizer~ (_tritt von ihm weg._) Ja! Er freut sich nicht -- Er ist maustodt -- Gehet zurück, und saget meinem Hauptmann: Er ist maustodt -- mich sieht er nicht wieder. (_Schießt sich vor die Stirn._)
Zweyte Scene.
Der Schauplatz wie in der letzten Scene des vorigen Akts.
Der alte Moor (_auf einem Stein sitzend._) Räuber Moor (_gegenüber._) Räuber (_hin und her im Wald._)
~R. Moor.~ Er kommt nicht! (_Schlägt mit dem Dolch auf einen Stein, daß es Funken gibt._)
~D. a. Moor.~ Verzeihung sey seine Strafe -- meine Rache verdoppelte Liebe.
~R. Moor.~ Nein, bey meiner grimmigen Seele! das soll nicht seyn. Ich wills nicht haben. Die grose Schandthat soll er mit sich in die Ewigkeit hinüber schleppen! -- Wofür hab ich ihn dann umgebracht?
~D. a. Moor~ (_in Thränen ausbrechend._) O mein Kind!
~R. Moor.~ Was? -- du weinst um ihn -- an diesem Thurme?
~D. a. Moor.~ Erbarmung! o Erbarmung! (_Heftig die Hände ringend._) Itzt -- itzt wird mein Kind gerichtet!
~R. Moor~ (_erschrocken._) Welches?
~D. a. Moor.~ Ha! was ist das für eine Frage?
~R. Moor.~ Nichts! Nichts!
~D. a. Moor.~ Bist du kommen, Hohngelächter anzustimmen über meinem Jammer?
~R. Moor.~ Verrätherisches Gewissen! -- Merket nicht auf meine Rede!
~D. a. Moor.~ Ja, ich hab einen Sohn gequält, und ein Sohn mußte mich wieder quälen, das ist Gottes Finger. -- O mein Karl! mein Karl! wenn du um mich schwebst, im Gewand des Friedens! Vergib mir! O vergib mir!
~R. Moor~ (_schnell._) Er vergibt euch. (_Betroffen._) Wenn er's werth ist, euer Sohn zu heissen -- Er muß euch vergeben.
~D. a. Moor.~ Ha! Er war zu herrlich für mich -- Aber ich will ihm entgegen mit meinen Thränen, meinen schlaflosen Nächten, meinen quälenden Träumen, seine Kniee will ich umfassen -- rufen -- laut rufen: Ich hab gesündigt im Himmel und vor dir. Ich bin nicht werth, daß du mich Vater nennst.
~R. Moor~ (_sehr gerührt._) Er war euch lieb, euer andrer Sohn?
~D. a. Moor.~ Du weißt es, o Himmel. Warum ließ ich mich doch durch die Ränke eines bösen Sohnes bethören? Ein gepriesener Vater ging ich einher unter den Vätern der Menschen. Schön um mich blühten meine Kinder voll Hoffnung. Aber -- o der unglückseligen Stunde! -- der böse Geist fuhr in das Herz meines zweyten, ich traute der Schlange -- verloren meine Kinder beyde. (_Verhüllt sich das Gesicht._)
~Moor~ (_geht weit von ihm weg._) Ewig verloren!
~D. a. Moor.~ O, ich fühl es tief, was mir Amalia sagte, der Geist der Rache sprach aus ihrem Munde. Vergebens ausstrecken deine sterbenden Hände wirst du nach einem Sohn, vergebens wähnen zu umfassen die warme Hand deines Karls, der nimmermehr an deinem Bette steht --
~R. Moor~ (_reicht ihm die Hand mit abgewandtem Gesicht._)
~D. a. Moor.~ Wär'st du meines Karls Hand! -- Aber er liegt fern im engen Hause, schläft schon den eisernen Schlaf, höret nimmer die Stimme meines Jammers -- weh mir! Sterben in den Armen eines Fremdlings -- Kein Sohn mehr -- kein Sohn mehr, der mir die Augen zudrücken könnte --
~R. Moor~ (_in der heftigsten Bewegung._) Itzt muß es seyn -- itzt -- verlaßt mich (_zu den Räubern._) Und doch -- kann ich ihm denn seinen Sohn wieder schenken? -- Ich kann ihm seinen Sohn doch nicht mehr schenken -- Nein! Ich will's nicht thun.
~D. a. Moor.~ Wie Freund? Was hast du da gemurmelt?
~R. Moor.~ Dein Sohn -- ja alter Mann -- (_stammelnd._) dein Sohn -- ist -- ewig verloren.
~D. a. Moor.~ Ewig?
~R. Moor~ (_in der fürchterlichsten Beklemmung gen Himmel sehend._) O nur dißmal -- Laß meine Seele nicht matt werden -- nur dißmal halte mich aufrecht!
~D. a. Moor.~ Ewig, sagst du?
~R. Moor.~ Frage nichts weiter. Ewig, sagt' ich.
~D. a. Moor.~ Fremdling! Fremdling! Warum zogst du mich aus dem Thurme?
~R. Moor.~ Und wie? -- Wenn ich jetzt seinen Segen weghaschte -- haschte wie ein Dieb, und mich davon schliche mit der göttlichen Beute? -- Vatersegen, sagt man, geht niemals verloren.
~D. a. Moor.~ Auch mein Franz verloren? --
~R. Moor~ (_stürzt vor ihm nieder._) Ich zerbrach die Riegel deines Thurms -- Gib mir deinen Segen.
~D. a. Moor~ (_mit Schmerz._) Daß du den Sohn vertilgen mußtest, Retter des Vaters! -- Siehe, die Gottheit ermüdet nicht im Erbarmen, und wir armseligen Würmer gehen schlafen mit unserm Groll (_legt seine Hand auf des Räubers Haupt._) Sey so glücklich, als du dich erbarmest.
~R. Moor~ (_weichmüthig aufstehend._) O -- wo ist meine Mannheit? Meine Sehnen werden schlapp, der Dolch sinkt aus meinen Händen.
~D. a. Moor.~ Wie köstlich ist's, wenn Brüder einträchtig beysammen wohnen, wie der Thau, der vom Hermon fällt auf die Berge Zion -- Lern diese Wollust verdienen, junger Mann, und die Engel des Himmels werden sich sonnen in deiner Glorie. Deine Weisheit sey die Weisheit der grauen Haare, aber dein Herz -- dein Herz sey das Herz der unschuldigen Kindheit.
~R. Moor.~ O einen Vorschmack dieser Wollust! Küsse mich, göttlicher Greis!
~D. a. Moor~ (_küßt ihn._) Denk, es sey Vaterskuß, so will ich denken, ich küsse meinen Sohn -- du kannst auch weinen?
~R. Moor.~ Ich dacht', es sei Vaterskuß! -- Weh mir, wenn sie ihn jetzt brächten!
(Schweizers Gefährten treten auf im stummen Trauerzug, mit gesenkten Häuptern, und verhüllten Gesichtern.)
~R. Moor.~ Himmel! (_tritt scheu zurück, und sucht sich zu verbergen. Sie ziehen an ihm vorüber. Er sieht weg von ihnen. Tiefe Pause. Sie halten._)
~Grimm~ (_mit gesenktem Ton._) Mein Hauptmann! (_R. Moor antwortet nicht, und tritt weiter zurück._)
~Schwarz.~ Theurer Hauptmann! (_Räuber Moor weicht weiter zurück._)
~Grimm.~ Wir sind unschuldig, mein Hauptmann!
~R. Moor~ (_ohne nach ihnen hinzuschau'n._) Wer seid ihr?
~Grimm.~ Du blickst uns nicht an? Deine Getreuen.
~R. Moor.~ Weh euch, wenn ihr mir getreu war't!
~Grimm.~ Das letzte Lebewohl von deinem Knecht Schweizer -- er kehrt nie wieder, dein Knecht Schweizer.
~R. Moor~ (_aufspringend._) So habt ihr ihn nicht gefunden?
~Schwarz.~ Todt gefunden.
~R. Moor~ (_froh empor hüpfend._) Habe Dank, Lenker der Dinge -- Umarmet mich, meine Kinder -- Erbarmung sei von nun an die Loosung -- Nun wär' auch das überstanden -- Alles überstanden.
Neue Räuber. Amalia.
~Räuber.~ Heysa, heysa! Ein Fang, ein superber Fang!
~Amalia~ (_mit fliegenden Haaren._) Die Todten, schreyen sie, seyen erstanden auf seine Stimme -- mein Oheim lebendig -- in diesem Wald -- wo ist er? Karl! Oheim! -- Ha! (_Stürzt auf den Alten zu._)
~D. a. Moor.~ Amalia! Meine Tochter! Amalia! (_Hält sie in seinen Armen gepreßt._)
~R. Moor~ (_zurückspringend._) Wer bringt diß Bild vor meine Augen?
~Amalia~ (_entspringt dem Alten, und springt auf den Räuber zu, und umschlingt ihn entzückt._) Ich hab ihn, o ihr Sterne! Ich hab ihn! --
~Moor~ (_sich losreissend, zu den Räubern._) Brecht auf ihr! Der Erzfeind hat mich verrathen!
~Amalia.~ Bräutigam, Bräutigam, du rasest! Ha! Vor Entzückung! Warum bin ich auch so fühllos, mitten im Wonnewirbel so kalt?
~D. a. Moor~ (_sich aufraffend._) Bräutigam? Tochter! Tochter! Ein Bräutigam?
~Amalia.~ Ewig sein! Ewig, ewig, ewig mein! -- Oh ihr Mächte des Himmels! Entlastet mich dieser tödlichen Wollust, daß ich nicht unter der Bürde vergehe!
~R. Moor.~ Reißt sie von meinem Halse! Tödtet sie! Tödtet ihn! mich! euch! alles! Die ganze Welt geh zu Grunde! (_Er will davon._)
~Amalia.~ Wohin? was? Liebe Ewigkeit! Wonn Unendlichkeit, und du fliehst?
~R. Moor.~ Weg, weg! -- Unglückseligste der Bräute! -- Schau selbst, frage selbst, höre! -- Unglückseligster der Väter! Laß mich immer ewig davon rennen!
~Amalia.~ Haltet mich! Um Gottes willen, haltet mich! -- Es wird mir so Nacht vor den Augen -- Er flieht!
~R. Moor.~ Zu spät! Vergebens! Dein Fluch, Vater, -- frage mich nichts mehr! -- ich bin, ich habe -- dein Fluch -- dein vermeinter Fluch! -- Wer hat mich hergelockt? (_Mit gezogenem Degen auf die Räuber losgehend._) Wer von euch hat mich hieher gelockt, ihr Kreaturen des Abgrunds? So vergeh dann, Amalia! -- Stirb, Vater! Stirb durch mich zum drittenmal! -- Diese, deine Retter, sind Räuber und Mörder! Dein Karl ist ihr Hauptmann! (_Der alte Moor gibt seinen Geist auf._)
~Amalia~ (_steht stumm, und starr wie eine Bildsäule. Die ganze Bande in fürchterlicher Pause._)
~R. Moor~ (_wider eine Eiche rennend._) Die Seelen derer, die ich erdrosselte im Taumel der Liebe -- derer, die ich zerschmetterte im heiligen Schlaf, derer, -- hahaha! Hört ihr den Pulverthurm knallen über der Kreisenden Stühlen? Seht ihr die Flammen schlagen an den Wiegen der Säuglinge? das ist Brautfackel, das ist Hochzeitmusik -- oh, er vergißt nicht, er weiß zu knüpfen -- darum von mir die Wonne der Liebe! darum mir zur Folter die Liebe! das ist Vergeltung!
~Amalia.~ Es ist wahr! Herrscher im Himmel! Es ist wahr! -- Was hab ich gethan, ich unschuldiges Lamm? Ich hab diesen geliebt!
~R. Moor.~ Das ist mehr, als ein Mann erduldet. Hab ich doch den Tod aus mehr denn tausend Röhren auf mich zupfeifen gehört, und bin ihm keinen Fußbreit gewichen, soll ich itzt erst lernen beben wie ein Weib? beben vor einem Weib? -- Nein, ein Weib erschüttert meine Mannheit nicht -- Blut, Blut! Es ist nur ein Anstoß vom Weibe -- Blut muß ich saufen, es wird vorübergehen. (_Er will davon flieh'n._)
~Amalia~ (_fällt ihm in die Arme._) Mörder! Teufel! Ich kann dich Engel nicht lassen.
~Moor~ (_schleudert sie von sich._) Fort, falsche Schlange, du willst einen Rasenden höhnen, aber ich poche dem Tyrannen-Verhängniß -- was, du weinest! Oh ihr losen boshaften Gestirne! Sie thut, als ob sie weine, als ob um mich eine Seele weine. (_Amalia fällt ihm um den Hals._) Ha, was ist das? Sie speyt mich nicht an, stößt mich nicht von sich -- Amalia! Hast du vergessen? weißt du auch, wen du umarmest, Amalia?
~Amalia.~ Einziger, Unzertrennlicher!
~Moor~ (_aufblühend in ekstatischer Wonne._) Sie vergibt mir, sie liebt mich! Rein bin ich wie der Aether des Himmels, sie liebt mich. -- Weinenden Dank dir, Erbarmer im Himmel! (_Er fällt auf die Knie, und weinet heftig._) Der Friede meiner Seele ist wiedergekommen, die Qual hat ausgetobt, die Hölle ist nicht mehr -- Sieh, o sieh, die Kinder des Lichts weinen am Hals der weinenden Teufel -- (_aufstehend zu den Räubern._) So weinet doch auch! weinet, weinet, ihr seyd ja so glücklich -- O Amalia! Amalia! Amalia! (_Er hängt an ihrem Munde, sie bleiben in stummer Umarmung._)
~Ein Räuber~ (_grimmig hervortretend._) Halt ein, Verräther! -- Gleich laß diesen Arm fahren -- oder ich will dir ein Wort sagen, daß dir die Ohren gellen, und deine Zähne vor Entsetzen klappern! (_Streckt das Schwert zwischen beyde._)
~Ein alter Räuber.~ Denk an die böhmischen Wälder! Hörst du, zagst du? -- an die böhmischen Wälder sollst du denken! Treuloser, wo sind deine Schwüre? Vergißt man Wunden so bald? da wir Glück, Ehre und Leben in die Schanze schlugen für dich? Da wir dir standen wie Mauren, auffiengen wie Schilder die Hiebe, die deinem Leben galten, -- hubst du da nicht deine Hand zum eisernen Eid auf, schwurest, ~uns nie zu verlassen~, wie wir dich nicht verlassen haben? -- Ehrloser! Treuvergeßner! Und du willst abfallen, wenn eine Metze greint?
~Ein dritter Räuber.~ Pfui, über den Meineid! der Geist des geopferten ~Rollers~, den du zum Zeugen aus dem Todtenreich zwangest, wird erröthen über deine Feigheit, und gewaffnet aus seinem Grabe steigen, dich zu züchtigen.
~Die Räuber~ (_durcheinander, reissen ihre Kleider auf._) Schau her, schau! Kennst du diese Narben? du bist unser! Mit unserm Herzblut haben wir dich zum Leibeigenen angekauft, unser bist du, und wenn der Erzengel Michael mit dem Moloch ins Handgemeng kommen sollte! -- Marsch mit uns, ~Opfer um Opfer~! ~Amalia für die Bande!~
~R. Moor~ (_läßt ihre Hand fahren._) Es ist aus! -- Ich wollte umkehren und zu meinem Vater geh'n, aber der im Himmel sprach, es soll nicht seyn. (_Kalt._) Blöder Thor ich, warum wollt' ich es auch? Kann denn ein grosser Sünder noch umkehren? Ein grosser Sünder kann nimmermehr umkehren, das hätt' ich längst wissen können -- Sey ruhig, ich bitte dich, sey ruhig! so ists ja auch recht -- Ich habe nicht gewollt, da er mich suchte, itzt da ich ihn suche, will ~Er~ nicht, was ist billiger? -- Rolle doch deine Augen nicht so -- er bedarf ja meiner nicht. Hat er nicht Geschöpfe die Fülle, Einen kann er so leicht missen, und dieser Eine bin nun ich. -- Kommt, Kameraden!
~Amalia~ (_reißt ihn zurück._) Halt, halt! Einen Stoß! einen Todesstoß! Neu verlassen! Zeuch dein Schwert, und erbarme dich!
~R. Moor.~ Das Erbarmen ist zu den Bären geflohen, -- ich tödte dich nicht!
~Amalia~ (_seine Knie umfassend._) Oh, um Gotteswillen, um aller Erbarmungen willen! Ich will ja nicht Liebe mehr, weiß ja wohl, daß droben unsre Sterne feindlich von einander fliehen, -- Tod ist meine Bitte nur. -- Verlassen, verlassen! Nimm es ganz in seiner entsetzlichen Fülle, verlassen! Ich kanns nicht überdulden. Du siehst ja, das kann kein Weib überdulden. Tod ist meine Bitte nur! Sieh, meine Hand zittert! Ich habe das Herz nicht, zu stoßen. Mir bangt vor der blitzenden Schneide -- dir ists ja so leicht, so leicht, bist ja Meister im Morden, zeuch dein Schwert, und ich bin glücklich!
~R. Moor.~ Willst du allein glücklich seyn? Fort, ich tödte kein Weib!
~Amalia.~ Ha, Würger! du kannst nur die Glücklichen tödten, die Lebenssatten gehst du vorüber! (_Kriecht zu den Räubern._) So erbarmet euch meiner, ihr Schüler des Henkers! -- Es ist ein so blutdürstiges Mitleid in euren Blicken, das dem Elenden Trost ist -- euer Meister ist ein eitler feigherziger Prahler.
~R. Moor.~ Weib, was sagst du? (_Die Räuber wenden sich ab._)
~Amalia.~ Kein Freund? auch unter diesen nicht ein Freund? (_Sie steht auf._) Nun denn, so lehre mich Dido sterben! (_Sie will gehen, ein Räuber zielt._)
~R. Moor.~ Halt! Wag es -- Moors Geliebte soll nur durch Moor sterben! (_Er ermordet sie._)
~Die Räuber.~ Hauptmann, Hauptmann! Was machst du, bist du wahnsinnig worden?
~Moor~ (_auf den Leichnam mit starrem Blick._) Sie ist getroffen! Diß Zucken noch, und dann wirds vorbey seyn -- Nun, seht doch! habt ihr noch was zu fordern? Ihr opfertet mir ein Leben auf, ein Leben, das schon nicht mehr euer war, ein Leben voll Abscheulichkeit und Schande -- ich hab euch einen Engel geschlachtet. Wie, seht doch recht her! Seyd ihr nunmehr zufrieden?
~Grimm.~ Du hast deine Schuld mit Wucher bezahlt. Du hast gethan, was kein Mann würde für seine Ehre thun. Kommt itzt weiter!
~Moor.~ Sagst du das? Nicht wahr, das Leben einer Heiligen um das Leben der Schelmen, es ist ungleicher Tausch? -- O ich sage euch, wenn jeder unter euch aufs Blutgerüste gieng, und sich ein Stück Fleisch nach dem andern mit glühender Zange abzwicken ließ, daß die Marter eilf Sommertäge dauerte, es wiege diese Thränen nicht auf. (_Mit bitterem Gelächter._) Die Narben, die böhmischen Wälder! Ja, ja! Diß mußte freylich bezahlt werden.
~Schwarz.~ Sey ruhig, Hauptmann! Komm mit uns, der Anblick ist nicht für dich. Führe uns weiter!
~R. Moor.~ Halt -- noch ein Wort, eh wir weiter gehn -- Merket auf, ihr schadenfrohe Schergen meines barbarischen Winks -- Ich höre von diesem ~Nun~ an auf, euer Hauptmann zu seyn -- Mit Schaam und Grauen leg ich hier diesen blutigen Stab nieder, worunter zu freveln ihr euch berechtiget wähntet, und mit Werken der Finsterniß diß himmlische Licht zu besudeln -- Gehet hin zur Rechten und Linken -- Wir wollen ewig niemals gemeine Sache machen.
~Räuber.~ Ha, Muthloser! Wo sind deine hochfliegenden Plane? Sinds Saifenblasen gewesen, die beym Hauch eines Weibes zerplatzen?