Die Räuber: Ein Schauspiel

Part 10

Chapter 103,766 wordsPublic domain

~Moor.~ Geist des alten Moors! Was hat dich beunruhigt in deinem Grabe? Hast du eine Sünde in jene Welt geschleppt, die dir den Eingang in die Pforten des Paradieses verrammelt? Ich will Messen lesen lassen, den irrenden Geist in seine Heymath zu senden. Hast du das Gold der Wittwen und Waisen unter die Erde vergraben, das dich zu dieser mitternächtlichen Stunde heulend herumtreibt, ich will den unterirdischen Schatz aus den Klauen des Zauberdrachen reissen, und wenn er tausend rothe Flammen auf mich speyt, und seine spitzen Zähne gegen meinen Degen blöckt, oder kommst du, auf meine Fragen die Räthsel der Ewigkeit zu entfalten? Rede, rede! ich bin der Mann der bleichen Furcht nicht.

~D. a. Moor.~ Ich bin kein Geist. Taste mich an, ich lebe, o ein elendes, erbärmliches Leben!

~Moor.~ Was? Du bist nicht begraben worden?

~D. a. Moor.~ Ich bin begraben worden -- das heißt: ein todter Hund liegt in meiner Väter Gruft; und ich -- drey volle Monde schmacht' ich schon in diesem finstern unterirdischen Gewölbe, von keinem Strahle beschienen, von keinem warmen Lüftchen angeweht, von keinem Freunde besucht, wo wilde Raben krächzen, und mitternächtliche Uhu's heulen. --

~Moor.~ Himmel und Erde! Wer hat das gethan?

~D. a. Moor.~ Verfluch ihn nicht! -- Das hat mein Sohn Franz gethan.

~Moor.~ Franz? Franz? -- O ewiges Chaos!

~D. a. Moor.~ Wenn du ein Mensch bist, und ein menschliches Herz hast, Erlöser, den ich nicht kenne, o so höre den Jammer eines Vaters, den ihm seine Söhne bereitet haben -- drey Monden schon hab' ich's tauben Felsenwänden zugewinselt, aber ein hohler Wiederhall äffte meine Klagen nur nach. Darum, wenn du ein Mensch bist, und ein menschliches Herz hast --

~Moor.~ Diese Aufforderung könnte die wilden Bestien aus ihren Löchern hervorrufen!

~D. a. Moor.~ Ich lag eben auf dem Siechbett, hatte kaum angefangen, aus einer schweren Krankheit etwas Kräfte zu sammeln, so führte man einen Mann zu mir, der vorgab, mein Erstgebohrner sey gestorben in der Schlacht, und mit sich brachte ein Schwerdt, gefärbt mit seinem Blut, und sein letztes Lebewohl, und daß ihn mein Fluch gejagt hätte in Kampf und Tod und Verzweiflung.

~Moor.~ (_Heftig von ihm abgewandt._) Es ist offenbar!

~D. a. Moor.~ Höre weiter! ich ward unmächtig bey der Botschaft. Man muß mich für todt gehalten haben, denn als ich wieder zu mir selber kam, lag ich schon in der Bahre, und ins Leichentuch gewickelt wie ein Todter. Ich krazte an dem Deckel der Bahre. Er ward aufgethan. Es war finstere Nacht, mein Sohn Franz stand vor mir. -- Was? rief er mit entsetzlicher Stimme, willst du dann ewig leben? -- und gleich flog der Sargdeckel wieder zu. Der Donner dieser Worte hatte mich meiner Sinne beraubt; als ich wieder erwachte, fühlt' ich den Sarg erhoben und fortgeführt in einem Wagen eine halbe Stunde lang. Endlich ward er geöffnet -- ich stand am Eingang dieses Gewölbes, mein Sohn vor mir, und der Mann, der mir das blutige Schwerdt von Karln gebracht hatte -- zehnmal umfaßt' ich seine Kniee, und bat und flehte, und umfaßte sie und beschwur -- das Flehen seines Vaters reichte nicht an sein Herz -- hinab mit dem Balg! donnerte es von seinem Munde, er hat genug gelebt, -- und hinab ward ich gestossen ohn' Erbarmen, und mein Sohn Franz schloß hinter mir zu.

~Moor.~ Es ist nicht möglich, nicht möglich! Ihr müßt euch geirrt haben.

~D. a. Moor.~ Ich kann mich geirrt haben. Höre weiter, aber zürne doch nicht! So lag ich zwanzig Stunden, und kein Mensch gedachte meiner Noth. Auch hat keines Menschen Fußtritt je diese Einöde betreten, denn die allgemeine Sage geht, daß die Gespenster meiner Väter in diesen Ruinen rasselnde Ketten schleifen, und in mitternächtlicher Stunde ihr Todtenlied raunen. Endlich hört' ich die Thür wieder aufgehen, dieser Mann brachte mir Brod und Wasser, und entdeckte mir, wie ich zum Tod des Hungers verurtheilt gewesen, und wie er sein Leben in Gefahr setze, wenn es herauskäme, daß er mich speise. So ward ich kümmerlich erhalten diese lange Zeit, aber der unaufhörliche Frost -- die faule Luft meines Unraths, -- der grenzenlose Kummer -- meine Kräfte wichen, mein Leib schwand, tausendmal bat ich Gott mit Thränen um den Tod, aber das Maas meiner Strafe muß noch nicht gefüllet seyn -- oder muß noch irgend eine Freude meiner warten, daß ich so wunderbarlich erhalten bin. Aber ich leide gerecht -- Mein Karl! mein Karl! -- und er hatte noch keine graue Haare.

~Moor.~ Es ist genug. Auf! ihr Klötze, ihr Eisklumpen! Ihr träge fühllose Schläfer! Auf! will keiner erwachen? (_Er thut einen Pistolenschuß über die schlafenden Räuber._)

~Die Räuber.~ (_aufgejagt_) He, holla! holla! was giebts da?

~Moor.~ Hat euch die Geschichte nicht aus dem Schlummer gerüttelt? der ewige Schlaf würde wach worden seyn! Schaut her, schaut her! die Gesetze der Welt sind Würfelspiel worden, das Band der Natur ist entzwey, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater erschlagen.

~Die Räuber.~ Was sagt der Hauptmann?

~Moor.~ Nein, nicht erschlagen! das Wort ist Beschönigung! -- der Sohn hat den Vater tausendmal gerädert, gespießt, gefoltert, geschunden! die Worte sind mir zu menschlich -- worüber die Sünde roth wird, worüber der Kannibale schaudert, worauf seit Aeonen kein Teufel gekommen ist. -- Der Sohn hat seinen eigenen Vater -- o seht her, seht her! er ist in Unmacht gesunken, -- in dieses Gewölbe hat der Sohn seinen Vater -- Frost, Blöse, -- Hunger, -- Durst -- o seht doch, seht doch! -- es ist mein eigner Vater, ich wills nur gestehn.

~Die Räuber~ (_springen herbey und umringen den Alten._) Dein Vater? dein Vater?

~Schweizer~ (_tritt ehrerbietig näher, fällt vor ihm nieder._) Vater meines Hauptmanns! Ich küsse dir die Füsse! du hast über meinen Dolch zu befehlen.

~Moor.~ Rache, Rache, Rache dir! grimmig beleidigter, entheiligter Greis! So zerreiß ich von nun an auf ewig das brüderliche Band. (_er zerreißt sein Kleid von oben an bis unten._) So verfluch ich jeden Tropfen brüderlichen Bluts im Antlitz des offenen Himmels! Höre mich, Mond und Gestirne! Höre mich, mitternächtlicher Himmel! der du auf die Schandthat herunterblicktest! Höre mich, dreymal schröcklicher Gott, der da oben über dem Monde waltet, und rächt und verdammt über den Sternen, und feuerflammt über der Nacht! Hier kniee ich -- hier streck ich empor die drey Finger in die Schauer der Nacht -- hier schwör ich, und so speye die Natur mich aus ihren Grenzen wie eine bösartige Bestie aus, wenn ich diesen Schwur verletze, schwör ich das Licht des Tages nicht mehr zu grüssen, bis des Vater-Mörders Blut, vor diesem Steine verschüttet, gegen die Sonne dampft. (_Er steht auf._)

~Die Räuber.~ Es ist ein Belials-Streich! Sag einer, wir seyen Schelmen! Nein bey allen Drachen! So bunt haben wirs nie gemacht!

~Moor.~ Ja! und bey allen schröcklichen Seufzern derer, die jemals durch eure Dolche starben, derer, die meine Flamme fraß, und mein fallender Thurm zermalmte, eh' soll kein Gedanke von Mord oder Raub Platz finden in eurer Brust, bis euer aller Kleider von des Verruchten Blute scharlachroth gezeichnet sind -- das hat euch wohl niemals geträumet, daß ihr der Arm höherer Majestäten seyd? Der verworrene Knäuel unsers Schicksals ist aufgelöst! Heute, heute hat eine unsichtbare Macht unser Handwerk geadelt! Betet an vor dem, der euch dies erhabene Loos gesprochen, der euch hieher geführt, der euch gewürdiget hat, die schröcklichen Engel seines finstern Gerichts zu seyn! Entblöset eure Häupter! Knieet hin in den Staub, und stehet geheiliget auf! (_sie knieen._)

~Schweizer.~ Gebeut, Hauptmann! was sollen wir thun?

~Moor.~ Steh auf, Schweizer! Und rühre diese heilige Locken an! (_Er führt ihn zu seinem Vater, und giebt ihm eine Locke in die Hand._) Du weißt noch, wie du einsmals jenem böhmischen Reuter den Kopf spaltetest, da er eben den Säbel über mich zuckte, und ich athemlos und erschöpft von der Arbeit in die Kniee gesunken war? dazumal verhieß ich dir eine Belohnung, die königlich wäre, ich konnte diese Schuld bisher niemals bezahlen. --

~Schweizer.~ Das schwurst du mir, es ist wahr, aber laß mich dich ewig meinen Schuldner nennen!

~Moor.~ Nein, itzt will ich bezahlen. Schweizer, so ist noch kein Sterblicher geehrt worden wie du! -- Räche meinen Vater! (_Schweizer steht auf._)

~Schweizer.~ Großer Hauptmann! heute hast du mich zum erstenmal stolz gemacht! -- Gebeut, wo, wie, wann soll ich ihn schlagen?

~Moor.~ Die Minuten sind geweiht, du must eilends gehn -- lies dir die Würdigsten aus der Bande, und führe sie gerade nach des Edelmanns Schloß! zerr ihn aus dem Bette, wenn er schläft, oder in den Armen der Wollust liegt, schlepp ihn vom Mahle weg, wenn er besoffen ist, reiß ihn vom Kruzifix, wenn er betend vor ihm auf den Knieen liegt! Aber ich sage dir, ich schärf es dir hart ein, liefr' ihn mir nicht todt! dessen Fleisch will ich in Stücken reissen, und hungrigen Geiern zur Speise geben, der ihm nur die Haut ritzt, oder ein Haar kränkt! Ganz muß ich ihn haben, und wenn du ihn ganz und lebendig bringst, so sollst du eine Million zur Belohnung haben, ich will sie einem Könige mit Gefahr meines Lebens stehlen, und du sollst frey ausgehn, wie die weite Luft -- hast du mich verstanden, so eile davon!

~Schweizer.~ Genug, Hauptmann -- hier hast du meine Hand darauf: Entweder, du siehst zwey zurückkommen, oder gar keinen. Schweizers Würgengel kommt! (_ab mit einem Geschwader._)

~Moor.~ Ihr Uebrigen zerstreut euch im Wald -- Ich bleibe.

Fünfter Akt.

Erste Scene.

Aussicht von vielen Zimmern.

Finstre Nacht.

Daniel (_kommt mit einer Laterne und einem Reisebündel._)

Lebe wohl, theures Mutterhaus -- Hab so manch Guts und Liebs in dir genossen, da der Herr seeliger noch lebete -- Thränen auf deine Gebeine, du lange Verfaulter! das verlangt er von einem alten Knecht -- es war das Obdach der Waisen, und der Port der Verlassenen, und dieser Sohn hats gemacht zur Mördergrube -- Lebe wohl, du guter Boden! wie oft hat der alte Daniel dich abgefegt -- Lebe wohl, du lieber Ofen, der alte Daniel nimmt schweren Abschied von dir -- es war dir alles so vertraut worden -- wird dir weh thun, alter Elieser -- Aber Gott bewahre mich in Gnaden vor dem Trug und List des Argen -- Leer kam ich hieher -- leer zieh ich wieder hin -- aber meine Seele ist gerettet. (_wie er gehen will, kömmt_)

Franz (_im Schlafrock hereingestürzt._)

~Daniel.~ Gott steh mir bey! Mein Herr! (_Löscht die Laterne aus._)

~Franz.~ Verrathen! Verrathen! Geister ausgespieen aus Gräbern -- Losgerüttelt das Todtenreich aus dem ewigen Schlaf brüllt wider mich, ~Mörder~! ~Mörder!~ -- wer regt sich da?

~Daniel~ (_ängstlich._) Hilf, heilige Mutter Gottes! seyd ihr's, gestrenger Herre, der so gräßlich durch die Gewölbe schreit, daß alle Schläfer auffahren?

~Franz.~ Schläfer? Wer heißt euch schlafen? Fort, zünde Licht an. (_Daniel ab, es kommt ein andrer Bedienter._) Es soll niemand schlafen in dieser Stunde. Hörst du? Alles soll auf seyn -- in Waffen -- alle Gewehre geladen -- Sahst du sie dort den Bogengang hinschweben?

~Bedienter.~ Wen, gnädiger Herr?

~Franz.~ Wen, Dummkopf, wen? So kalt, so leer fragst du, wen? hat mich's doch angepackt, wie der Schwindel! wen, Eselskopf! wen? Geister und Teufel! wie weit ist's in der Nacht?

~Bedienter.~ Eben itzt ruft der Nachtwächter zwey an.

~Franz.~ Was? will diese Nacht währen bis an den jüngsten Tag? hörtest du keinen Tumult in der Nähe? Kein Siegsgeschrey? Kein Geräusch galoppirender Pferde? wo ist Kar -- der Graf, will ich sagen?

~Bedienter.~ Ich weiß nicht, mein Gebieter!

~Franz.~ Du weißt's nicht? Du bist auch unter der Rotte? Ich will dir das Herz aus den Rippen stampfen! mit deinem verfluchten: ich weiß nicht! Fort, hole den Pastor!

~Bedienter.~ Gnädiger Herr!

~Franz.~ Murrst du? zögerst du? (_Erster Bedienter eilend ab._) Was? auch Bettler wider mich verschworen? Himmel, Hölle! alles wider mich verschworen?

~Daniel~ (_kommt mit dem Licht._) Mein Gebieter --

~Franz.~ Nein! ich zittere nicht! Es war ledig ein Traum. Die Todten stehen noch nicht auf -- wer sagt, daß ich zittere und bleich bin? Es ist mir ja so leicht, so wohl.

~Daniel.~ Ihr seyd todtenbleich, eure Stimme ist bang und lallet.

~Franz.~ Ich habe das Fieber. Sage du nur, wenn der Pastor kommt, ich habe das Fieber. Ich will morgen zur Ader lassen, sage dem Pastor.

~Daniel.~ Befehlt ihr, daß ich euch Lebensbalsam auf Zucker tröpfle?

~Franz.~ Tröpfle mir auf Zucker! der Pastor wird nicht sogleich da seyn. Meine Stimme ist bang und lallet, gib Lebensbalsam auf Zucker!

~Daniel.~ Gebt mir erst die Schlüssel, ich will drunten holen im Schrank --

~Franz.~ Nein, nein, nein! Bleib! oder ich will mit dir geh'n. Du siehst, ich kann nicht allein seyn! wie leicht könnt' ich, du siehst ja -- unmächtig -- wenn ich allein bin. Laß nur, laß nur! Es wird vorübergehen, du bleibst.

~Daniel.~ Oh ihr seyd ~ernstlich~ krank.

~Franz.~ Ja freylich, freylich! das ists alles. -- Und Krankheit verstöret das Gehirn, und brütet tolle und wunderliche Träume aus. -- Träume bedeuten nichts -- nicht wahr, Daniel? Träume kommen ja aus dem Bauch, und Träume bedeuten nichts -- ich hatte so eben einen lustigen Traum. (_er sinkt unmächtig nieder_)

~Daniel.~ Jesus Christus! was ist das? Georg! Conrad! Bastian! Martin! so gebt doch nur eine Urkund von euch! (_Rüttelt ihn._) Maria, Magdalena und Joseph! so nimmt doch nur Vernunft an! So wirds heissen, ich hab ihn todt gemacht, Gott erbarme sich meiner!

~Franz~ (_verwirrt._) Weg -- weg! was rüttelst du mich so, scheußliches Todtengeripp? -- die Todten stehen noch nicht auf --

~Daniel.~ O du ewige Güte! Er hat den Verstand verloren.

~Franz.~ (_richtet sich matt auf_) Wo bin ich? -- du Daniel? was hab ich gesagt? merke nicht drauf! ich hab eine Lüge gesagt, es sey was es wolle -- komm! hilf mir auf! -- es ist nur ein Anstoß von Schwindel -- weil ich -- weil ich -- nicht ausgeschlafen habe.

~Daniel.~ Wär' nur der Johann da! ich will Hülfe rufen, ich will nach Aerzten rufen.

~Franz.~ Bleib! sez dich neben mich auf diesen Sopha! -- so -- du bist ein gescheuter Mann, ein guter Mann. Laß dir erzählen!

~Daniel.~ Itzt nicht, ein andermal! ich will euch zu Bette bringen, Ruhe ist euch besser.

~Franz.~ Nein, ich bitte dich, laß dir erzählen, und lache mich derb aus! -- Siehe, mir däuchte, ich hätte ein königlich Mahl gehalten, und mein Herz wär' guter Dinge, und ich läge berauscht im Rasen des Schloßgartens, und plözlich -- es war zur Stunde des Mittags -- plözlich, aber ich sage dir, lache mich derb aus! --

~Daniel.~ Plözlich?

~Franz.~ Plözlich traf ein ungeheurer Donner mein schlummerndes Ohr, ich taumelte bebend auf, und siehe da war mir's, als säh' ich aufflammen den ganzen Horizont in feuriger Lohe, und Berge und Städte und Wälder wie Wachs im Ofen zerschmolzen, und eine heulende Windsbraut fegte von hinnen Meer, Himmel und Erde -- da erscholl's wie aus ehernen Posaunen: Erde gib deine Todten, gib deine Todten, Meer, und das nakte Gefild begann zu kreisen, und aufzuwerfen Schädel und Rippen und Kinnbacken und Beine, die sich zusammenzogen in menschliche Leiber, und daherströmten unübersehlich, ein lebendiger Sturm. Damals sah ich aufwärts, und siehe, ich stand am Fuß des donnernden Sina, und über mir Gewimmel und unter mir, und oben auf der Höhe des Bergs auf drey rauchenden Stühlen drey Männer, vor deren Blick flohe die Kreatur --

~Daniel.~ Das ist ja das leibhafte Konterfey vom jüngsten Tage.

~Franz.~ Nicht wahr? das ist tolles Gezeuge? Da trat hervor Einer, anzusehen wie die Sternennacht, der hatte in seiner Hand einen eisernen Siegelring, den hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach: Ewig, heilig, gerecht, unverfälschbar! Es ist nur ~Eine~ Wahrheit, es ist nur ~Eine~ Tugend! Wehe, wehe, wehe dem zweifelnden Wurme! -- Da trat hervor ein Zweyter, der hatte in seiner Hand einen blitzenden Spiegel, den hielt er zwischen Aufgang und Niedergang, und sprach: Dieser Spiegel ist Wahrheit; Heucheley und Larven bestehen nicht -- da erschrack ich und alles Volk, denn wir sahen Schlangen- und Tieger- und Leoparden-Gesichter zurückgeworfen aus dem entsetzlichen Spiegel. -- Da trat hervor ein Dritter, der hatte in seiner Hand eine eherne Wage, die hielt er zwischen Aufgang und Niedergang, und sprach: tretet herzu, ihr Kinder von Adam -- ich wäge die Gedanken in der Schaale meines Zornes! und die Werke mit dem Gewicht meines Grimms! --

~Daniel.~ Gott erbarme sich meiner!

~Franz.~ Schneebleich stunden alle, ängstlich klopfte die Erwartung in jeglicher Brust. Da war mir's, als hört' ich meinen Namen zuerst genannt aus den Wettern des Berges, und mein innerstes Mark gefror in mir, und meine Zähne klapperten laut. Schnell begonn die Waage zu klingen, zu donnern der Fels, und die Stunden zogen vorüber, eine nach der andern an der links hangenden Schaale, und eine nach der andern warf eine ~Todsünde~ hinein --

~Daniel.~ O, Gott vergeb euch!

~Franz.~ Das that er nicht! -- die Schaale wuchs zu einem Gebirge, aber die andere voll von Blut der Versöhnung hielt sie noch immer hoch in den Lüften -- zuletzt kam ein alter Mann, schwer gebeuget von Gram, angebissen den Arm von wüthendem Hunger, aller Augen wandten sich scheu vor dem Mann, ich kannte den Mann, er schnitt eine Locke von seinem silbernen Haupthaar, warf sie hinein in die Schaale der Sünden, und siehe, sie sank, sank plötzlich zum Abgrund, und die Schaale der Versöhnung flatterte hoch auf! -- Da hört' ich eine Stimme schallen aus dem Rauche des Felsen: Gnade, Gnade jedem Sünder der Erde und des Abgrunds! du allein bist verworfen! -- (_Tiefe Pause._) Nun, warum lachst du nicht?

~Daniel.~ Kann ich lachen, wenn mir die Haut schaudert? Träume kommen von Gott.

~Franz.~ Pfui doch, pfui doch! sage das nicht! Heiß mich einen Narren, einen aberwitzigen, abgeschmackten Narren! Thu das, lieber Daniel, ich bitte dich drum, spotte mich tüchtig aus!

~Daniel.~ Träume kommen von Gott. Ich will für euch beten.

~Franz.~ Du lügst, sag ich -- geh den Augenblick, lauf, spring, sieh, wo der Pastor bleibt, heiß ihn eilen, eilen, aber ich sage dir, du lügst.

~Daniel~ (_im Abgehen._) Gott sey euch gnädig!

Franz.

Pöbel-Weisheit, Pöbel-Furcht! -- Es ist ja noch nicht ausgemacht, ob das Vergangene nicht vergangen ist, oder ein Auge findet über den Sternen -- hum, hum! wer raunte mir das ein? Rächet denn droben über den Sternen einer? -- Nein, nein! Ja, ja! Fürchterlich zischelts um mich: Richtet droben einer über den Sternen! Entgegen gehen dem Rächer über den Sternen diese Nacht noch! Nein! sag ich. -- Elender Schlupfwinkel, hinter den sich deine Feigheit verstecken will -- öd, einsam, taub ist's droben über den Sternen -- Wenn's aber doch etwas mehr wäre? Nein, nein, es ist nicht! Ich befehle, es ist nicht! Wenn's aber doch wäre? Weh dir, wenn's nachgezählt worden wäre! wenn's dir vorgezählt würde diese Nacht noch! -- Warum schaudert mir so durch die Knochen? -- ~Sterben!~ warum packt mich das Wort so? Rechenschaft geben dem Rächer droben über den Sternen -- und wenn er gerecht ist, Waisen und Witwen, Unterdrückte, Geplagte heulen zu ihm auf, und wenn er gerecht ist? -- warum haben sie gelitten, warum hast du über sie triumphiret? --

Pastor Moser (_tritt auf._)

~Moser.~ Ihr ließt mich holen, gnädiger Herr! Ich erstaune. Das erstemal in meinem Leben! Habt ihr im Sinn, über die Religion zu spotten, oder fangt ihr an vor ihr zu zittern?

~Franz.~ Spotten oder zittern, je nachdem du mir antwortest. -- Höre, Moser, ich will dir zeigen, daß du ein Narr bist, oder die Welt für'n Narren halten willst, und du sollst mir antworten. Hörst du? Auf dein Leben sollst du mir antworten.

~Moser.~ Ihr fordert einen Höheren vor euren Richterstuhl. Der Höhere wird euch dermaleins antworten.

~Franz.~ Itzt will ichs wissen, itzt, diesen Augenblick, damit ich nicht die schändliche Thorheit begehe, und im Drange der Noth den Götzen des Pöbels anrufe. Ich habs dir oft mit Hohnlachen bey Burgunder zugesoffen: Es ist kein Gott! -- Itzt red' ich im Ernste mit dir, ich sage dir: es ist keiner! Du sollst mich mit allen Waffen widerlegen, die du in deiner Gewalt hast, aber ich blase sie weg mit dem Hauch meines Mundes.

~Moser.~ Wenn du auch eben so leicht den Donner wegblasen könntest, der mit zehntausendfachem Centner-Gewicht auf deine stolze Seele fallen wird! Dieser allwissende Gott, den du Thor und Bösewicht mitten aus seiner Schöpfung zernichtest, braucht sich nicht durch den Mund des Staubes zu rechtfertigen. Er ist eben so groß in deinen Tyranneien, als irgend in einem Lächeln der siegenden Tugend.

~Franz.~ Ungemein gut, Pfaffe! So gefällst du mir.

~Moser.~ Ich stehe hier in den Angelegenheiten eines gröseren Herrn, und rede mit einem, der Wurm ist wie ich, dem ich nicht gefallen will. Freylich müßt' ich Wunder thun können, wenn ich deiner halsstarrigen Bosheit das Geständniß abzwingen könnte, -- aber wenn deine Ueberzeugung so fest ist, warum ließest du mich rufen? Sage mir doch, warum ließest du mich in der Mitternacht rufen?

~Franz.~ Weil ich lange Weile hab, und eben am Schachbret keinen Geschmack finde. Ich will mir einen Spaß machen, mich mit Pfaffen herumzubeißen. Mit dem leeren Schrecken wirst du meinen Muth nicht entmannen. Ich weiß wohl, daß derjenige auf Ewigkeit hofft, der hier zu kurz gekommen ist: aber er wird garstig betrogen. Ich hab's immer gelesen, daß unser Wesen nichts ist, als Sprung des Geblüts, und mit dem letzten Blutstropfen zerrinnt auch Geist und Gedanke. Er macht alle Schwachheiten des Körpers mit, wird er nicht auch aufhören bey seiner Zerstörung? nicht bey seiner Fäulung verdampfen? Laß einen Wassertropfen in deinem Gehirne verirren, und dein Leben macht eine plötzliche Pause, die zunächst an das Nichtseyn gränzt, und ihre Fortdauer ist der Tod. Empfindung ist Schwingung einiger Saiten, und das zerschlagene Klavier tönet nicht mehr. Wenn ich meine sieben Schlösser schleifen lasse, wenn ich diese Venus zerschlage, so ist's Symmetrie und Schönheit ~gewesen~. Siehe da! das ist eure unsterbliche Seele!

~Moser.~ Das ist die Philosophie eurer Verzweiflung. Aber euer eigenes Herz, das bey diesen Beweisen ängstlich bebend wider eure Rippen schlägt, straft euch Lügen. Diese Spinnweben von Systemen zerreißt das einzige Wort: du mußt sterben! -- Ich fordere euch auf, das soll die Probe seyn, wenn ihr im Tode annoch feste steht, wenn euch eure Grundsätze auch da nicht im Stiche lassen, so sollt ihr gewonnen haben; wenn euch im Tode nur der mindeste Schauer anwandelt, weh euch dann! ihr habt euch betrogen.

~Franz~ (_verwirrt._) Wenn mich im Tode ein Schauer anwandelt?

~Moser.~ Ich habe wohl mehr solche Elende geseh'n, die bis hieher der Wahrheit Riesentrotz boten, aber im Tode selbst flattert die Täuschung dahin. Ich will an eurem Bette steh'n, wenn ihr sterbet -- ich möchte so gar gern einen Tyrannen sehen dahinfahren -- ich will dabey steh'n, und euch starr ins Auge fassen, wenn der Arzt eure kalte nasse Hand ergreift, und den verloren schleichenden Puls kaum mehr finden kann, und aufschaut, und mit jenem schröcklichen Achselzucken zu euch spricht: menschliche Hülfe ist umsonst! Hütet euch dann, o hütet euch ja, daß ihr da ausseh't, wie Richard und Nero!

~Franz.~ Nein, nein!

~Moser.~ Auch dieses Nein wird dann zu einem heulenden Ja -- ein inneres Tribunal, das ihr nimmermehr durch skeptische Grübeleyen bestechen könnt, wird itzo erwachen, und Gericht über euch halten. Aber es wird ein Erwachen seyn, wie des Lebendigbegrabenen im Bauche des Kirchhof's, es wird ein Unwille seyn, wie des Selbstmörders, wenn er den tödlichen Streich schon gethan hat und bereut, es wird ein Blitz seyn, der die Mitternacht eures Lebens zumal überflammt, es wird ~Ein~ Blick seyn, und wenn ihr da noch feste steh't, so sollt ihr gewonnen haben!

~Franz.~ (_unruhig im Zimmer auf- und abgehend_) Pfaffengewäsche, Pfaffengewäsche!