Die Ratten: Berliner Tragikomödie

Part 9

Chapter 93,461 wordsPublic domain

Du warst ja jar nich bei meine Schwester, Jette. Det hat mich Quaquaro ja ebent jesacht! det ham se uf Polizei ja festjestellt. Se ham dir jesehn bei de Spree in de Anlachen ...

Frau John

Lieche!

John

Und och in de Laubenkolonie wo du in 'ne Laube jenächtigt hast.

Frau John

Wat? Kommst du in dein eechnet Haus allens kurz und kleen demolieren?

John

Jut so! recht so! det so weit jekommen is. Nu is det mit uns weiter keen Verstecken! Det ha ick allens vorausjewußt.

Direktor Hassenreuter mit Spannung.

Hat sich das polnische Mädchen wieder gezeigt, das neulich wie eine Löwin um das Knobbesche Kindchen gestritten hat?

John

Eben det is et. Det ham se heut morchen dot jefunden. Und det sach ick so hin, ohne det mir de Zunge in Maule absterben dut: det Mächen hat Bruno Mechelke ums Leben jebracht.

Direktor Hassenreuter schnell.

Dann ist es wohl seine Geliebte gewesen.

John

Fragen Se Muttern! Det weeß ick nich! Det war meine Angst, deshalb bin ick schonn lieber jar nich zu Hause jekomm, det mein eechnet Weib mit so'ne Jesellschaft behaftet is und hat keene Kraft nich abzuschütteln.

Direktor Hassenreuter

Kommt Kinder!

John

Warum denn? Immer bleiben Se man.

Frau John

De brauchst nich jehn und Fenster ufreißen und alle Welt uf de Jasse schrein! Det is schlimm jenug, wenn uns Schicksal mit so'n Unjlück jetroffen hat. Plärr! aber dann siehste mir bald nich mehr wieder.

John

Jerade! Nu jerade! Ick rufe wer't wissen will von de Jasse, von Flur, dem Tischler vom Hof, de Jungs, de Mächens, wo in de Konfirmationsstunde jehn, die ruf ick rin und erzähle, wie weit eene Frau mit ihre Affenliebe zu ihren Lump von Bruder jekommen is.

Direktor Hassenreuter

Diese hübsche junge Person, die das Kind beanspruchte, ist heute tatsächlich tot, Herr John?

John

Kann sind, det se hibsch is, ick weeß et nich, ob se hibsch oder häßlich jewesen is. Aber det se in Schauhaus liecht, det is sicher.

Frau John

Ick weeß et, wat se jewesen is! Een schlechtet jemeinet Weibstick is et jewesen! Wo mit Kerle hat abjejeben und von een Tiroler, der nischt hat von wissen jewollt, hat Kind jehat! Det hat se an liebsten in Mutterleibe schon umjebracht. Denn is se 't holen jekomm mit de Kielbacke, wo als Engelmachersche schon ma anderthalb Jahre Plötzensee abjesessen hat. Ob se mit Brunon och wat jehabt hat, wo soll ick det wissen? Kann sind, kann och nich sind! Und wat soll mir det allens ieberhaupt anjehn, wat Bruno meinswechen verbrochen hat.

Direktor Hassenreuter

Also haben Sie doch das Mädchen gekannt, Frau John.

Frau John

Woso? ick ha jar nich jekannt, Herr Direkter! Ick sache bloß, wat'n jeder, wie'n jeder von det Mächen jeäußert hat.

Direktor Hassenreuter

Sie sind eine ehrenhafte Frau, Sie ein ehrenhafter Mann, Herr John. Die Sache mit Ihrem mißratenen Schwager und Bruder ist schließlich etwas, was meinethalben eine furchtbare Tatsache ist, aber Ihr Familienleben doch im Grunde nicht ernstlich erschüttert ... aber bleiben Sie ehrlich ...

John

Nich in de Hand! In so'ne Nähe, bei solchet Jesindel bleib ick nich. -- (Er schlägt mit der Faust auf den Tisch, klopft an die Wände, stampft auf den Fußboden.) -- Horchen Se ma, wie det knackt, wie Putz hinter de Tapete runterjeschoddert kommt! Allens is hier morsch! Allens faulet Holz! Allens unterminiert, von Unjeziefer, von Ratten und Mäuse zerfressen! -- (Er wippt auf der Diele.) -- Allens schwankt! Allens kann jeden Ojenblick bis in Keller durchbrechen. -- (Er öffnet die Tür.) -- Selma! Selma! -- Hier mach ick mir fort, eh' det allens een Schutthaufen drunter und drieber zusammenbricht.

Frau John

Wat wißte mit Selma?

John

Selma nimmt det Kind und ick reise mit Selman und det Kind und bringe mein Kind zu meine Schwester.

Frau John

Denn soßte Bescheid kriechen! Versuch det man!

John

Soll mein Kind in so'ne Umjebung jroßwachsen, womeglich det ma wie Bruno ieber Dächer jehetzt und det och ma womeglich in Zuchthaus endet?

Frau John schreit ihn an.

Det is jar nich dein Kind! Vastehste mich?

John

So? Det wolln wir ma sehn, ob een rechtlicher Mann nich Herr sollte sind ieber sein eechnet Kind, wo Mutter nich bei Verstande is und in de Hände von Mordjesindel. Det will ick ma sehn, wer in Rechte is un wer stärker is! Selma!

Frau John

Ick schrei! ick reiße det Fenster uf! Frau Direkter, se wollen eene Mutter ihr Kind rauben! Det is mein Recht, det ick Mutter von mein Kindeken bin! Det is doch mein Recht? Ha ick nich recht, Frau Direkter? Se umzingeln mir! Se wollen mir mein Recht versetzen! Soll mir det nich jeheren, wat ick vor Wegwurf ufjelesen, wo vor Tod in Lumpen jelechen hat und wo ick ha mihsam erscht missen reiben und kneten, bis bisken Atem jeholt und langsam lebendig geworden is? Wo ick nich war, det wäre schonn vor drei Wochen längst in de Erde verscharrt jewesen.

Direktor Hassenreuter

Herr John, zwischen Eheleuten den Schiedsmann spielen ist meine Sache im allgemeinen nicht. Dazu ist dies Geschäft zu undankbar und man macht dabei meistens böse Erfahrungen. Sie sollten aber in Ihrem zweifellos mit Recht verwundeten Ehrgefühl sich nicht zu Übereilungen hinreißen lassen. Denn schließlich ist doch Ihre Frau für die Tat ihres Bruders nicht verantwortlich. Lassen Sie ihr das Kind! Machen Sie nicht das Unglück schlimmer durch eine überflüssige Härte, die Ihre Frau aufs empfindlichste kränken muß.

Frau John

Paul, det Kind is aus meinen Leibe jeschnitten! Det Kind is mit meinen Blute erkoft. Nich jenug, alle Welt is hinter mich her und will et mich abjagen! Nu kommst och du noch und machst et nich anders, det is der Dank! als wenn det ick ringsum von hungrige Welfe umjeben bin. Mir kannste dot machen! mein Kindeken soßte nich anfassen.

John

Ick komme zu Hause, Herr Direkter! Ick bin heut morchen erst mit mein ganzes Zeug quietschverjnügt von de Bahn jekomm! Hamburg, Altona, allens abjebrochen. Wenn och Verdienst jeringer is, dachte ick, wißt lieber bei deine Familie sind! Bißken Kind uf'n Arm nehmen! Bißken Kind uf'n Knie nehmen! Det war unjefähr so meine Inbildung ...

Frau John

Paul! Hier Paul! -- (Sie tritt ihm ganz nahe.) -- Reiß mir det Herz aus'n Leibe! --

Sie starrt ihn lange an, dann läuft sie in den Verschlag, wo man sie laut weinen hört.

Selma kommt vom Flur. Sie trägt Trauerkleidung und einen kleinen Grabkranz in der Hand.

Selma

Wat soll ick? Se ham mir jeruft, Herr John.

John

Zieh dir an, Selma. Frach deine Mutter, ob det de kannst mit mir jehn zu meine Schwester nach Hangelsberg. Kannst dir'n Jroschen Jeld bei verdienen. Nimmst mein Kindeken uf'n Arm und bejleitest mir.

Selma

Nee! det Kind faß ick nu nich mehr an, Herr John.

John

Woso nich?

Selma

Nee, ick furcht mir, Herr John. Ick ha so'ne Angst, so hat mir Mama und Polizeileutnam anjeschrien.

Frau John erscheint.

I, weshalb ham se dir anjeschrien?

Selma heult los.

Schutzmann Schierke hat mich sojar eene runterjehaut.

Frau John

I, dem wer' ick nochma ... det soll der nochma versuchen.

Selma

Wat soll ick denn wissen, warum mich det polsche Mächen hat mein Brüderken wegjenomm. Hätt ick jewußt, det mein Brüderken sterben soll, ick hätt' ihr ja lieber an Hals jesprung. Nu steht Jundofriedchen in Särjiken uf de Treppe. Ick jlobe, Mama hat Krämpfe jekricht und liecht bei Quaquaron hinten in Alkoven. Mir wolln se in Firsorche schaffen, Frau John. --

Sie flennt.

Frau John

Denn freu' dir! Schlimmer kann et nich komm, als et bei dich zu Hause is.

Selma

Ick komm vor Jericht! womeglich wer' Moabit jeschafft.

Frau John

Woso det?

Selma

Weil ick soll haben det Kindeken, wat det polsche Freilein jeboren hat, von Oberboden runter bei Sie, Frau John, in de Wohnung jetrachen.

Direktor Hassenreuter

Also ist tatsächlich oben ein Kindchen geboren worden?

Selma

Jewiß.

Direktor Hassenreuter

Auf welchem Boden?

Selma

Na, bei de Kamedienspieler doch! Wat jeht det mich an? Wat soll ick von wissen? Ick kann bloß sachen ...

Frau John

Nu mach det de fortkommst! Selma, du hast'n reenet Jewissen! Wat de Leute quasseln, kimmert dir nich.

Selma

Ick will ja och nischt verraten, Frau John.

John packt Selma, die fortlaufen will, und hält sie fest.

Et wird nich jejang! et wird herjekomm! -- Wahrheet! Ick verrate nischt, hast du jesacht: det ham Se doch och jehert, Frau Direkter? Hat Herr Spitta und hat det Freilein jehert! -- Wahrheet! -- Bevor ick nich weeß, wat mit Bruno und seine Jeliebte is und wo ihr womeglich det Kindchen habt wechjeschafft, det is mich ejal, kommst du nich von de Stelle!

Frau John

Paul, ick schwere vor Jott, wechjeschafft ha ick et nich.

John

Na, und? ... Raus wat du weeßt, Mächen! Det ha ick schon lange jemerkt, det zwischen dich und meine Frau een jeheimet Jestecke is. Det Zwinkern und Anplinkern is jetzt verjebliche Mihe. Is det Kind tot oder lebt et noch?

Selma

Nee, det Kind is lebendich, Herr John.

Direktor Hassenreuter

Was du unter deine Schürze oder sonstwie hier hast heruntergebracht?

John

Wenn et dot is, denn rechne druf, denn wirst du wie Bruno een Kopp kürzer jemacht.

Selma

Ick sach't ja: det Kindeken is lebendich.

Direktor Hassenreuter

Ich denke, du hast gar kein Kind vom Boden heruntergebracht?

John

Und von die janze Jeschichte, Mutter, wißt du nischt wissen? -- (Frau John sieht ihn starr an, Selma blickt hilflos und verwirrt auf Frau John.) -- Mutter, du hast det Kindchen von Brunon und die polsche Person beiseite jeschafft und denn wo se jekomm is, haste det Würmiken von de Knobbe unterjeschoben.

Walburga sehr bleich, mit Überwindung.

Sagen Sie mal, Frau John, was ist denn an jenem Tage geschehen, wo ich dummerweise, als Papa kam, mit Ihnen auf den Boden geflüchtet bin? Ich will dir das später erklären, Papa. Damals habe ich, wie mir nach und nach deutlich geworden ist, das polnische Mädchen und zwar erst mit Frau John und dann mit ihrem Bruder zusammengesehn.

Direktor Hassenreuter

Du, Walburga?

Walburga

Ja, Papa. Bei dir war damals Alice Rütterbusch und ich hatte mich mit Erich verabredet, der dann auch, aber ohne mich zu treffen, denn ich blieb versteckt, zu dir gekommen ist.

Direktor Hassenreuter

Ich kann mich dessen nicht mehr erinnern.

Frau Direktor Hassenreuter zum Direktor.

Das Mädel hat um dieser Sache willen, Papa, wirklich schon schlaflose Nächte gehabt.

Direktor Hassenreuter

Wenn Ihnen an dem Rate eines ehemaligen Juristen, der durchs Referendarexamen gepurzelt und dann erst zur Kunst abgesprungen ist ... wenn Ihnen an dem Rat eines solchen Mannes irgendwie etwas liegt, so lassen Sie sich jetzt sagen, Frau John, daß in Ihrem Fall ganz rücksichtslose Offenheit die beste Verteidigung ist.

John

Jette, wo habt ihr dem Kindeken hinjeschafft? Kriminalinspektor hat mich jesacht, det fällt mir jetzt in, det se nach det Kind von de dote Person suchen. Jette, um Jottet Himmelswillen! mag sind wat will, bloß det du dir nich in Verdacht kommen dust, det du um Folchen von Liederlichkeit von dein Bruder womeglich aus de Welt zu schaffen, dir an det Neujeborne vergriffen hast.

Frau John lacht.

Ick? und mir an Adelbertchen vergreifen, Paul.

John

Hier redet keener von Adelbertchen -- (zu Selma) -- Ick dreh dir den Hals um oder du sachst, wo det Kleene von Brunon und det polsche Mächen -- uf de Stelle! -- jeblieben is.

Selma

Et is doch bei Sie in Verschlage, Herr John.

John

Wo is et, Jette?

Frau John

Det sach ick nich. --

Das Kind beginnt zu schreien.

John zu Selma.

Wahrheet! oder ick iberliefer dir uf de Polizei, vastehst de! siehste dem Strick! an Hände und Fieße zusammenjebunden.

Selma in höchster Angst, unwillkürlich.

Et schreit doch! Se kenn doch det Kindeken janz jut, Herr John.

John

Ick? --

Er sieht verständnislos erst Selma, dann den Direktor an. Ihn durchblitzt eine Ahnung, als er seine Frau ins Auge faßt. Er glaubt zu begreifen und gerät ins Wanken.

Frau John

Laß dir von so'ne niederträchtiche Lieche nich umjarnen, Paul. Det is allens von ihre feine Mutter aus Rache bloß mit det Mächen anjestellt! Paul, wat dust du mir denn so ankieken?

Selma

Det is Jemeenheet, det Se mich nu och noch wolln schlecht machen, Mutter John. Dann wer' ick mir hieten, noch Blatt vorn Mund nehmen. Wissen janz jut, det ick ha det Kindchen von det Freilein runterjetragen und ha bei Ihn hier in frisch jemachte Bettchen jelegt. Det kann ick beschwören! det will ick beeidigen!

Frau John

Lieche! Du sagst, det mein Kind nich mein Kindeken is?

Selma

Sie haben iberhaupt jar keen Kind nich jehat, Frau John.

Frau John umklammert Johns Knie.

Det is ja nich wahr.

John

Laß mich in Ruh! beschmutze mir nich, Henerjette.

Frau John

Paul, ick konnte nich anders, ick mußte det tun. Ick war selber betrochen, denn hat ick dir in Brief nach Hamburg Bescheed jesacht. Denn warste vajnügt, und denn mocht ick nich mehr zurick und denn dacht ick, et muß sind! Et kann och uf andere Weise sind, und denn ...

John unheimlich ruhig.

Laß mir man iberlechen, Jette. -- (Er geht an eine Kommode, zieht einen Schub auf und schleudert allerlei Kinderwäsche und Kinderkleidungsstücke, die er daraus nimmt, mitten in die Stube.) -- Versteht eener det, wat se Woche um Woche, Monat um Monat, janze Tage und halbe Nächte lang mit blutige Finger jestichelt hat?

Frau John sammelt in wahnsinniger Hast die Wäsche und Kleidungsstücke auf und versteckt sie sorgfältig im Tischschub oder wo sonst.

Paul det nich! Allens kannste dun! aber reiß mich nich Fetzen von nackten Leibe!

John hält inne, faßt sich an die Stirn, sinkt auf einen Stuhl.

Wenn det wahr is, Mutter, da schäm ick mir ja in Abjrund rin. --

Er kriecht in sich zusammen, legt die Arme über den Kopf und verbirgt sein Gesicht. Es tritt eine Stille ein.

Direktor Hassenreuter

Wie konnten Sie sich nur auf einen solchen Weg des Irrtums und des Betruges drängen lassen, Frau John? Sie haben sich ja verstrickt auf das allerfurchtbarste! Kommt Kinder! Wir können hier leider nichts weiter tun.

John steht auf.

Nehm Se mir man mit, Herr Direkter.

Frau John

Jeh! immer jeh! ick brauche dir nich!

John wendet sich, kalt.

Also det Kind haste dich beschafft und wie Mutter hat wieder haben jewollt, hast se lassen von Brunon umbringen?

Frau John

Du bist nich mein Mann! Wat soll det heeßen? Du bist von de Polizei jekoft! Du hast Jeld jekricht, mir an't Messer zu liefern! Jeh Paul! du bist jar keen Mensch! Du bist eener wo Jift in de Ochen, und Hauer wie Welfe hat! Immer pfeif, det se kommen und det se mir festnehmen! Immer zu doch! Nu seh' ick dir, wie det du bist! Ick verachte dir bis zun Jüngsten Dache.

Frau John will durch die Tür davonlaufen. Da erscheinen Schutzmann Schierke und Quaquaro.

Schierke

Halt! Aus die Stube raus kommt keener nich.

John

Immer komm rin, Emil! Herr Schutzmann, immer komm Se ruhig rin. Et is allens in Ordnung! Allens is richtich.

Quaquaro

Reg dir nich uf, Paul, dir betrifft et ja nich.

John mit aufsteigendem Jähzorn.

Hast du jelacht, Emil?

Quaquaro

I, Menschenskind! Herr Schierke soll bloß det Kleene per Droschke in't Waisenhaus wechschaffen.

Schierke

Jawoll. So is et. Wo steckt det Kind?

John

Soll ick wissen, wo jedet ausgestoppte Balch von Lumpenspeicher, womit olle Hexen mit Besen Fets treiben, an Ende hinjekomm is? Paßt ma uf Schornstein uf, det se nich oben rausfliechen.

Frau John

Paul!! -- Nu soll et nich leben! Nu jerade! Nu och nich! Nu brauch et nich leben! Nu muß et mit mich mit unter de Erde komm.

Frau John war blitzschnell hinter den Verschlag gelaufen. Sie kommt mit dem Kinde wieder und will mit ihm zur Tür hinaus. Der Direktor und Spitta werfen sich der Verzweifelten entgegen, in der Absicht, das Kind zu retten.

Direktor Hassenreuter

Halt! Hier greife ich ein! Hier bin ich zuständig! Wem das Knäblein hier auch immer gehören mag -- um so schlimmer, wenn seine Mutter ermordet ist! -- es ist in meinem Fundus geboren! Vorwärts, Spitta! Kämpfen Sie, Spitta! Hier sind Ihre Eigenschaften am Platz! Vorwärts! Vorsicht! So! Bravo! Als wär' es das Jesuskind! Bravo! Sie selber sind frei, Frau John! Wir halten Sie nicht. Sie brauchen uns nur das Jungchen hier lassen.

Frau John stürzt hinaus.

Schierke

Hier jeblieben!

Frau Direktor Hassenreuter

Die Frau ist verzweifelt! Aufhalten! Festhalten!

John plötzlich verändert.

Jebt uf Muttern acht! Mutter! Ufhalten! Festhalten! -- Mutter! Mutter!

Selma, Schierke und John eilen Frau John nach. Spitta, der Direktor, Frau Direktor und Walburga sind um das Kind bemüht, das auf den Tisch gebettet wird.

Direktor Hassenreuter der das Kind sorgfältig auf den Tisch bettet.

Meinethalben mag diese entsetzliche Frau doch verzweifelt sein! Deshalb braucht sie das Kind nicht zugrunde richten.

Frau Direktor Hassenreuter

Aber liebster Papa, das merkt man doch, daß diese Frau ihre Liebe, närrisch bis zum Wahnsinn, gerade an diesen Säugling geheftet hat. Unbedachtsame harte Worte, Papa, können die unglückselige Person in den Tod treiben.

Direktor Hassenreuter

Harte Worte habe ich nicht gebraucht, Mama.

Spitta

Mir sagt ein ganz bestimmtes Gefühl: erst jetzt hat das Kind seine Mutter verloren.

Quaquaro

Det stimmt. Vater is nich, will nischt von wissen, hat jestern in de Hasenheide mit eene Karussellbesitzerswitwe Hochzeit jemacht! Mutter war liederlich! Und bei de Kielbacken, wo Kinder in Fleje hat, sterben von's Dutzend mehrschtens zehn. Nu is et so weit: det jeht jetzt och zujrunde.

Direktor Hassenreuter

Sofern es nämlich bei dem Vater dort oben, der alles sieht, nicht anders beschlossen ist.

Quaquaro

Meen Se Pauln? den Mauerpolier! Nu nicht mehr! dem kenn' ick! wo der uf'n Ehrenpunkt kitzlich is.

Frau Direktor Hassenreuter

Wie das Kindchen da liegt! es ist unbegreiflich. Feine Leinwand! Spitzen sogar! Schmuck und frisch wie ein Püppchen. Es wendet sich einem das Herz um, zu denken, wie es so plötzlich zu einer von aller Welt verlassenen Waise geworden ist.

Spitta

Wäre ich Richter in Israel ...

Direktor Hassenreuter

Sie würden der John ein Denkmal setzen! Mag sein, daß in diesen verkrochenen Kämpfen und Schicksalen manches heroisch und manches verborgen Verdienstliche ist. Aber Kohlhaas von Kohlhaasenbrück konnte da mit seinem Gerechtigkeitswahnsinn auch nicht durchkommen. Treiben wir praktisches Christentum! Vielleicht können wir uns des Kindchens annehmen.

Quaquaro

Lassen Se da bloß de Finger von!

Direktor Hassenreuter

Warum?

Quaquaro

Außer det Se Jeld wollen los werden und uf de Quengeleien und Scherereien mit de Armenverwaltung, mit Polizei und Jericht womechlich happich sind.

Direktor Hassenreuter

Dazu hätte ich allerdings keine Zeit übrig.

Spitta

Finden Sie nicht, daß hier ein wahrhaft tragisches Verhängnis wirksam gewesen ist?

Direktor Hassenreuter

Die Tragik ist nicht an Stände gebunden. Ich habe Ihnen das stets gesagt.

Selma, atemlos, öffnet die Flurtür.

Selma

Herr John, Herr John, Herr Mauerpolier.

Frau Direktor Hassenreuter

Herr John ist nicht hier. Was willst du denn, Selma?

Selma

Herr John. Se solln uf de Straße kommn.

Direktor Hassenreuter

Nur Ruhe, Ruhe. Was gibt's denn, Selma?

Selma atemlos.

Ihre Frau ... Ihre Frau ... Janze Straße steht voll ... Omnibus, Pferdebahnwagen is jar keen Durchkommen ... Arme ausjestreckt ... Ihre Frau liecht lang uf Jesichte unten.

Frau Direktor Hassenreuter

Was ist denn geschehen?

Selma

Herrjott, Herrjott in Himmel, Mutter John hat sich umjebracht.

Ende.

Gerhart Hauptmanns Gesammelte Werke in sechs Bänden

1. Bd.: Soziale Dramen: Einleitung / Vor Sonnenaufgang / Die Weber / Der Biberpelz / Der rote Hahn.

2. Bd.: Soziale Dramen und Prosa: Fuhrmann Henschel / Rose Bernd / Bahnwärter Thiel / Der Apostel.

3. Bd.: Familiendramen: Das Friedensfest / Einsame Menschen / Kollege Crampton / Michael Kramer.

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In einer alten Frakturschrift auf bestem Papier sorgfältig gedruckt. Titel und Einband von E. R. Weiß. Preis geheftet 24 Mark, in Halbpergament gebunden 30 Mark, in Ganzpergament gebunden 36 Mark.

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Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend beibehalten. Nur offensichtliche Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 110]: ... skurile Menscheitsintermezzo noch überleben. ... ... skurile Menschheitsintermezzo noch überleben. ...

[S. 154]: ... würgt Tränen hinuter. Muß sich setzen. ... ... würgt Tränen hinunter. Muß sich setzen. ...