Die Ratten: Berliner Tragikomödie

Part 3

Chapter 33,610 wordsPublic domain

Det weeß ick. Det hab ick ihm och jesacht! Det is doch janz natierlich, hab ick jesacht, det et in meine Wohnung jeboren is. Da hat er jesacht: det is jar nich natierlich! Na denn, sach ick, mag et meinswegen uf'n Oberboden bei de Ratten und Mäuse jewesen sind! So kreppte ick mir, weil er doch sachte, det et womeglich jar nich sollte in meine eijene Wohnung sind jewesen. Denn schrie er: wat sind det for Redensarten! Wat? sag ick: ick bin for Lohn un Brot! for Redensarten Herr Standesbeamter bin ick nich! un nu sollte ick Tag und Stunde anjeben ...

Frau John

Ick hab et dir doch sojar jenau uf'n Zettel jeschrieben, Paul.

John

Wenn eener jekreppt is, denn is er verjeßlich. Ick jloobe, wenn er mir hätte jefracht: sind Sie Paul John, der Mauerpolier? ick hätte jeantwort: ick weeß et nich. Na, nu war ick doch 'n bißken verjnügt jewesen un hatte mit Fritzen eenen jekippt! denn war noch Schubert und Schindlerkarl zujekomm! denn hieß et: ick muß nun 'ne Lage jeben, weil ick doch Vater jeworden bin! -- Na! un die Brieder wollten mir och nich loslassen un warteten unten an de Tür von't Standesamt. Un nu dachte ick, det se unten stehen! und wo er mir frachte an welchen Dache det meine Frau entbunden is, denn wußte ick nischt un mußte laut loslachen.

Frau John

Häste man nachher jetrunken, Paul, un häste vorher besorcht, wat netig is.

John

Det sachste so? Aber wenn du uf deine ollen Dache noch so 'ne Zicken machst! denn wa ick verjnügt! denn freut ick mir, Mutter.

Frau John

Nu jehste und sachst bein Standesamt, det dein Kindeken an fünfundzwanzigsten Mai von deine Ehefrau in deine Wohnung jeboren is.

John

War et denn nich an sechsundzwanzigsten? Ick ha nämlich schlankweg dem sechsundzwanzigsten Mai jesacht! denn hieß et, weil er doch merkte, det ick an Ende nich so janz sicher war: stimmt's denn is jut! sonst komm Se wieder.

Frau John

I, denn laß et man wie et is.

Die Tür wird geöffnet und Selma Knobbe schiebt einen elenden Kinderwagen herein, der im traurigsten Gegensatz zu dem der Frau John steht, darin liegt, in jämmerlichsten Lumpen, ebenfalls ein Säugling.

Frau John

Nee nee Selma, mit det kranke Kind bei uns in de Stube rieber, det jing woll vordem, nu jeht det nich.

Selma

Et keucht so ville mit sein Husten. Drieben bei uns wird zu ville jeroocht, Frau John.

Frau John

Ick ha dir jesacht, Selma, du kannst immer komm, ma Milch un ma Brot holen. Aber wo hier mein Adelbertchen womechlich mit Auszehrung oder derjleichen anfliejen dut, laß du det arme Wurm drieben bei seine feine Mama drieben.

Selma weinerlich.

Mutter is jestern und heut nich zu Hause jekomm. Ick kann nachts nich schlafen mit det Kind. Helfjottchen quarrt de janze Nacht iber. Ick muß doch ma schlafen. Ick spring zum Fenster 'raus, oder ick laß Helfjottchen mitten uf de Straße und nehme Reißaus, det mir keen Polizist nich mehr finden kann.

John betrachtet das fremde Kind.

Sieht bese aus! Mutter nimm dich ma mit det Häufchen Unglick 'n bißken an.

Frau John resolut, drängt Selma mit dem Kinderwagen hinaus.

Marsch, fort aus der Stube. Det jeht nich, Paul. Wer Eegnet hat, kann sich mit Fremde nich abjeben. Soll de Knobben sehn, wo se bleiben dut. Wat anders is Selma! Du kannst immer rieber komm. Du kannst dir hier och hernach 'n bißken uf's Ohr lechen.

Selma mit dem Kinderwagen ab. Frau John verschließt die Tür hinter ihr.

John

Hast dir doch frieher mit die Knobbeschen Rotznäsen immer bekümmert!

Frau John

Det vastehste nich. Det sich Adelbertchen womechlich mit schlimme Ochen un Krämpfe von een andret anstecken dut.

John

Det mag sind. Bloß nenn ihm nich Adelbertchen, Mutter. Det dut nich jut, 'n Kind 'n selbichten Namen zu jeben, wie een andret, det mit acht Dache, unjedoft, mit Dot abjejang'n is. Det laß man! davon ha' ick Manschetten, Mutter.

Es wird an die Tür geklopft. John will öffnen.

Frau John

Wat denn?

John

Na, Jette, 't will eener rin.

Frau John dreht hastig den Schlüssel herum.

Ick wer' mir woll, wo ick marode bin, von alle Welt ieberlofen lassen. -- (Sie horcht und ruft dann): -- Ick kann nich ufmachen: wat wollen Se denn?

Eine Frauenstimme aber tief und männlich.

Ich bin Frau Direktor Hassenreuter.

Frau John überrascht.

Ach Jott nee! -- (Sie öffnet die Tür.) -- Nehm Se 't nich iebel, Frau Direkter! Ick ha ja nich ma jewußt, wer 't is.

Frau Direktor Hassenreuter ist nun, gefolgt von Walburga, eingetreten. Sie ist eine kolossale, asthmatische Dame, älter als fünfzig. Walburga ist ein wenig unscheinbarer gekleidet als im ersten Akt. Sie trägt ein ziemlich umfangreiches Paket.

Frau Direktor Hassenreuter

Guten Tag, Frau John! Ich wollte doch nun -- obgleich mir das Treppensteigen schwer wird ... wollte doch nun mal sehen, wie's nach dem frohen Ereignis ... ja ... Ereignis mit Ihnen beschaffen ist.

Frau John

Et jeht mir, Jott sei Dank, wieder so hallweche, Frau Direkter.

Frau Direktor Hassenreuter

-- Das ist doch wahrscheinlich Ihr Mann, Frau John? Das muß man sagen ... muß man sagen -- daß Ihre liebe Frau -- sich in der langen Wartezeit niemals beklagt und immer ... immer fröhlich und guter Dinge -- ihre Arbeit oben bei meinem Mann im Theatermagazin verrichtet hat.

John

Det is och. Se hat ihr mächtig jefreit, Frau Direkter.

Frau Direktor Hassenreuter

Nun, da wird man wohl auch ... da wird Ihre Frau wohl die Freude haben -- Sie öfters ... öfters als wie bisher -- zu Hause zu sehn.

Frau John

Ick ha'n juten Mann, Frau Direkter, wo sorjen dut und solide is. Und deshalb, weil Paul auswärts uf Arbeet jeht, denn hat er mir längst nich sitzen lassen. Aber for so 'n Mann, wo 'n Bruder schon 'n Jungen von zwölf in de Unteroffiziersschule hat ... det is och keen Leben, ohne Kinder! denn kricht er Jedanken! denn macht er in Hamburg schenet Jeld! denn is alle Dache Jelejenheet, un denn will er fort nach Amerika auswandern.

John

I, Jette, det war ja man bloß so 'n Jedanke.

Frau John

Sehn Se, det is mit uns kleene Leite ... det is 'n sauer verdientes Durchkommen, wo unsereens hat, aber jedennoch ... -- (Sie fährt John schnell mit der Hand durchs Haar.) -- Wenn och eener mehr is un Sorchen mehr sin -- sehn Se, det Wasser läuft ihm de Backen runter! -- denn freut er sich.

John

Det is, wir haben schon vor drei Jahre 'n Jungchen jehabt, und det is mit acht Dache einjejang.

Frau Direktor Hassenreuter

Das hat mir mein Mann ... mein Mann bereits ... hat mir mein Mann bereits gesagt -- wie sehr Sie sich -- um den Sohn gegrämt haben. Sie wissen ja ... wissen ja, wie mein braver Mann -- Aug' und Herz ... Herz und Auge für alles hat. Und wenn es sich gar ... gar um Leute handelt -- die um ihn sind und ihm Dienste leisten -- da ist alles Gute ... und Schlimme ... alles Gute und Schlimme ... was ihnen zustößt ... zustößt, so, als wär' es ihm selbst passiert.

Frau John klopft John auf die Schulter.

Ick seh ihm noch, wie er mit det kleene Kindersärgiken uf beede Knie dazumal in Kinderleichenwachen jesessen hat. Det durfte d'r Dotenjräber nich anrihren.

John wischt sich Wasser aus den Augen.

Det war och so. Det jing och nich.

Frau Direktor Hassenreuter

Denken Sie ... denken Sie, heute mittag bei Tisch -- mußten wir ... mußten wir plötzlich Wein trinken. Wein! wo Leitungswasser in den letzten Jahren ... Karaffen mit Leitungswasser -- unser einziges ... einziges Getränk bei Tische ist. Liebe Kinder, sagte mein Mann. -- Er ist, wie Sie wissen, elf oder zwölf Tage in den Elsaß verreist gewesen! ... Also ich trinke, sagte mein Mann, auf meine gute, brave Frau John, weil ... rief er mit seiner schönen Stimme! ... weil sie ein sichtbares Zeichen dafür ist, daß unserem Herrgott ... Herrgott der Schrei eines Mutterherzens nicht gleichgültig ist. -- Und da haben wir auf Sie angestoßen! -- So! -- und nun bringe ich ... bringe ich Ihnen hier im ganz besonderen ... ganz besonderen Auftrage meines Mannes einen sogenannten Soxhlet-Kinder-Milchapparat. -- Walburga, du magst den Kessel mal auspacken.

Direktor Hassenreuter tritt ohne Umstände durch die nur angelehnte Flurtür herein. Er trägt Zylinder, Sommerpaletot, Handschuhe, spanisches Rohr mit Silbergriff, im ganzen die etwas abgeschabte Garnitur des Wochentags. Er spricht hastig und fast ohne Pausen.

Direktor Hassenreuter sich den Schweiß von der Stirn wischend.

Heiß! Berlin macht heiß, meine Herrschaften! In Petersburg ist die Cholera! Sie haben meinen Schülern Spitta und Käferstein gegenüber geklagt, daß Ihr Kindchen nicht zunehmen will, Frau John. Eigentlich ist es ja ein Verfallssymptom unserer Zeit, daß die meisten Mütter ihre Kinder selber zu nähren nicht mehr fähig oder nicht willens sind. Sie haben schon einmal einen Jungen am Brechdurchfall eingebüßt, Mutter John. Hilft alles nichts: wir müssen hier deutsch reden! Damit Sie nun diesmal nicht wieder Pech haben und nicht etwa gar in die Scheren von allerlei alten Basen fallen, deren gute Ratschläge meistens für Säuglinge tödlich sind, hat Ihnen meine Frau auf meine Veranlassung diesen Milchkochapparat mitgebracht. Ich habe damit meine ganze kleine Gesellschaft, auch die Walburga, großgezogen ... Sapristi! da sieht man ja auch mal wieder den Herrn John! Bravo! der Kaiser braucht Soldaten! und Sie hatten einen Stammhalter nötig, Herr John! Gratuliere Ihnen von ganzem Herzen.

Er schüttelt John kräftig die Hand.

Frau Direktor Hassenreuter am Kinderwagen.

Wieviel ... wieviel hat es gewogen bei der Geburt?

Frau John

Et hat jenau acht Pfund und zehn Jramm jewogen.

Direktor Hassenreuter jovial, laut und lärmig.

Ha ha ha, strammes Produkt! Acht Pfund zehn Gramm frisches deutschnationales Menschenfleisch.

Frau Direktor Hassenreuter

Die Augen! das Näschen! der ganze Vater! -- Das Kerlchen ist Ihnen wirklich ... wirklich wie aus dem Gesicht geschnitten, Herr John.

Direktor Hassenreuter

Sie werden den Bengel doch hoffentlich in die Gemeinschaft der christlichen Kirche aufnehmen lassen.

Frau John glücklich und gewichtig.

Det wird richtig in de Parochialkirche, richtig am Taufstein, richtig von Jeistlichen wird et jetauft.

Direktor Hassenreuter

Sessa! Und welche sind seine Taufnamen?

Frau John

Det hat natierlich, wie Männer nu eemal sind, 'n langet Jerede abjesetzt. Ick dachte »Bruno«! Det will er nich.

Direktor Hassenreuter

Aber Bruno ist doch kein übler Name.

John

Det mag immer sind, det Bruno weiter keen iebler Name is. Da will ick mir weiter drieber nich ausdricken.

Frau John

Wat sachste nich, det ick 'n Bruder habe, wo Bruno heest und wo zwölf Jahre jinger is: und jeht manchmal 'n bißken uf leichte Weche. Det is bloß de Verführung! Der Junge is jut! Det jloobste nich!

John bekommt einen roten Kopf.

Jette ... Du weeßt, wat det mit Brunon for 'n Kreuz jewesen is! -- Wat wiste?! Soll unser Jungeken so 'n Patron krichen? -- Et is 'n Patron! Aber eener, ick kann et nich ändern ... eener, wo unter polizeiliche Ufsicht is.

Direktor Hassenreuter lachend.

Um's Himmels willen, dann suchen Sie ihm einen anderen Patron!

John

Jott soll mir bewahren ... ick ha mir bei Brunon anjenommen, in de Maschinschlosserei Stellung verschafft, nischt davon jehat, als Ärjer un Schande! Jott soll bewahren, det er womeglich kommt un mein Jungeken anfassen dut! -- (Er krampft die Faust.) -- denn Jette ... denn kennt ick nich for mir jut sachen.

Frau John

Immerzu doch, Paul. Bruno kommt ja nich! -- So viel kann ick dir aber jewißlich sachen, det mein Bruder mich in die schweren Stunden redlich beiseite jewesen is.

John

Warum haste mir nich lassen kommen, Jette?

Frau John

So 'n Mann, wo Angst hat, mocht ick nich.

Direktor Hassenreuter

Sind Sie nicht Bismarckverehrer, John?

John kratzt sich hinter den Ohren.

Det kann ick nu so jenau nich sachen: aber, wat meine Jenossen in't Mauerjewerbe sind, die sind et nich.

Direktor Hassenreuter

Dann habt Ihr kein deutsches Herz im Leibe! Ich habe meinen ältesten Sohn, der bei der Kaiserlichen Marine ist, Otto genannt! Und glauben Sie mir, -- (er weist auf das Kindchen) -- diese neue künftige Generation wird wissen, was sie dem Schmiede der deutschen Einheit, dem gewaltigen Heros, schuldig ist. -- (Er nimmt den Blechkessel des Milchapparates, den Walburga ausgepackt hat, in die Hände und hebt ihn hoch.) -- Also, die ganze Geschichte mit diesem Milchapparat ist kinderleicht: das ganze Gestell mit sämtlichen Flaschen -- jede Flasche zunächst ein Drittel mit Milch und zwei Drittel mit Wasser gefüllt! -- wird in diesen Kessel mit kochendem Wasser gestellt. Auf diese Weise, wenn man das Wasser im Kessel anderthalb Stunde lang auf dem Siedegrade hält, wird der Inhalt der Flaschen keimfrei gemacht: die Chemiker nennen das sterilisieren.

John

Jette, bei de Frau Mauermeester ihre Milch, womit sie die Zwillinge ufziehen dut, wird et och sterilililililisiert.

Die Schüler des Direktors Hassenreuter, Käferstein und Dr. Kegel, zwei junge Leute im Alter zwischen zwanzig und fünfundzwanzig, haben angeklopft und die Tür geöffnet.

Direktor Hassenreuter der seine Schüler bemerkt hat.

Geduld, meine Herren, ich komme gleich. Ich arbeite hier einstweilen noch im Fache der Säuglingsernährung und Kinderfürsorge.

Käferstein ausgesprochener Kopf, große Nase, bleich, ernster Gesichtsausdruck, bartlos, ein immer schalkhafter Zug um den Mund. Mit Grabesstimme, weich, zurückhaltend.

Wir sind nämlich die drei Könige aus dem Morgenlande.

Direktor Hassenreuter der noch immer den Milchkochapparat hoch in den Händen hält.

Was sind Sie?

Käferstein wie vorher.

Wir wollen das Kindelein grüßen.

Direktor Hassenreuter

Ha ha ha ha! Wenn Sie schon Könige aus dem Morgenlande sind, meine Herren, dann fehlt doch, soweit ich sehn kann, der dritte.

Käferstein

Der dritte ist unser neuer Mitschüler auf dem Felde dramaturgischer Tätigkeit, Kandidat der Theologie Erich Spitta, der durch einen gesellschaftspsychologischen Zwischenfall einstweilen noch Ecke Blumen- und Wallnertheaterstraße festgehalten ist.

Dr. Kegel

Wir machten uns eiligst aus dem Staube.

Direktor Hassenreuter

Sehen Sie, es steht ein Stern über Ihrem Hause, Frau John! -- Aber sagen Sie mal, hat sich etwa unser braver Kurpfuscher Spitta wieder mal öffentlich an die Heilung sogenannter sozialer Schäden gemacht? Ha ha ha ha! _Semper idem!_ das ist ja ein wahres Kreuz mit dem Menschen.

Käferstein

Es war ein Auflauf, und da hat er wohl, wie es scheint, in der Volksmenge eine Freundin wieder erkannt.

Direktor Hassenreuter

Meiner unmaßgeblichen Meinung nach würde der junge Spitta viel besser zum Sanitätsgehilfen oder zum Heilsarmeeoffizier geeignet sein. Aber so ist es: der Mensch wird Schauspieler.

Frau Direktor Hassenreuter

Der Lehrer der Kinder, Herr Spitta, wird Schauspieler?

Direktor Hassenreuter

Wenn du erlaubst, Mama, hat er mir die Eröffnung gemacht. -- Aber nun, wenn Sie Weihrauch und Myrrhen bringen, packen Sie aus, lieber Käferstein. Sie sehen, Ihr Direktor ist vielseitig. Bald verhelfe ich meinen Schülern, die ihr nach dem Inhalt der Brüste der Musen durstig seid, zu geistiger Nahrung, _nutrimentum spiritus!_ bald ...

Käferstein klappert mit einer Sparkasse.

Nun, ich stelle also das Ding, es ist eine feuersichere Sparkasse, hier neben die Equipage des jungen Herrn Maurerpolier, mit dem Wunsche, daß er es mindestens mal bis zum Regierungsbaumeister bringen möge.

John hat Schnapsgläschen auf den Tisch gestellt, nimmt und entkorkt eine unangebrochene Likörflasche.

Na, nu muß ick det Danziger Joldwasser ufmachen.

Direktor Hassenreuter

Wer da hat, Sie sehen, dem wird gegeben, Frau John.

John während er eingießt.

Det is nich jesacht, det for Mauerpolier John sein Kind nich jesorcht wäre, meine Herrn! Aber ick rechen et mir an, meine Herrn. -- (Frau Direktor und Walburga ausgenommen, ergreifen alle die Gläser.) -- Wohlsein! -- Mutter, nu komm, wir wolln och ma anstoßen.

Es geschieht, sie trinken.

Direktor Hassenreuter im Ton der Rüge.

Mama, du mußt selbstverständlich mittrinken.

John nachdem er getrunken hat, aufgeräumt.

Ick jeh nu och nich mehr nach Hamburg hin. D'r Meester mag ma 'n andern hinschicken. Ick zerjle mir schonn mit 'n Meester deswechen drei Dache rum. Ick muß mir nu wieder jleich mein Hut nehmen, hat mir wieder ma jejen sechs uf's Büro bestellt! Wenn er nich will, denn laßt er't bleiben: det jeht nich, det 'n Familienvater immer un ewich wech von seine Familie is. Ick ha 'n Kollegen ... et kost mir een Wort, da wer' ick, wo se de Fundamente lechen, bei't neue Reichstagsjebäude einjestellt. Zwölf Jahre bin ick bei meinen Meester! Et kann ja och ma wo anders sind.

Direktor Hassenreuter klopft John ebenfalls auf die Schulter.

Sessa! ganz Ihrer Ansicht, Herr Maurerpolier. Unser Familienleben ist eine Sache, die man uns mit Geld und guten Worten nicht abkaufen kann.

Kandidat Erich Spitta tritt ein. Sein Hut ist beschmutzt, sein Anzug trägt Schmutzflecken. Er ist ohne Schlips. Er sieht bleich und erregt aus und säubert mit dem Taschentuch seine Hände.

Spitta

Verzeihung. Könnte ich mich bei Ihnen mal eben 'n bißchen säubern, Frau John?

Direktor Hassenreuter

Ha ha ha! Um Gottes willen, was haben Sie denn angebahnt, guter Spitta?

Spitta

Ich habe nur eine Dame nach Hause begleitet, Herr Direktor, weiter nichts.

Direktor Hassenreuter der an einem allgemeinen Lachausbruch ob der Worte Spittas teilgenommen hat.

Na hören Sie mal an! Und da setzen Sie noch hinzu: weiter nichts? Und verkünden es offen vor allen Leuten?

Spitta verblüfft.

Wieso nicht? Es handelte sich um eine gutgekleidete Dame, die ich hier im Hause auf der Treppe schon öfters gesehen hatte, und die leider auf der Straße verunglückt ist.

Direktor Hassenreuter

Ach, was Sie sagen: erzählen Sie mal, bester Spitta. Augenscheinlich hat die Dame Ihnen Flecke auf den Anzug und Schrammen auf die Hände gemacht.

Spitta

Ach nein. Das war wohl höchstens der Janhagel. Die Dame erlitt einen Anfall. Ein Schutzmann griff sie dabei so ungeschickt, daß sie auf den Straßendamm, und zwar dicht vor einem Paar Omnibuspferde niederfiel. Ich konnte das absolut nicht mit ansehen, obgleich der Samariterdienst auf der Straße im allgemeinen, wie ich zugebe, unter der Würde gutgekleideter Leute ist.

Frau John schiebt den Kinderwagen hinter den Verschlag und kommt wieder mit einem Waschbecken voll Wasser, das sie auf einen Stuhl setzt.

Direktor Hassenreuter

Gehörte die Dame vielleicht jener internationalen guten Gesellschaft an, die man je nachdem nur reglementiert oder auch kaserniert.

Spitta

Das war mir in diesem Falle ebenso gleichgültig, wie ich sagen muß, Herr Direktor, wie dem Omnibusgaul, der seinen linken Vorderhuf geschlagene fünf, sechs oder acht Minuten lang, um die Frau nicht zu treten, die unter ihm lag, in der Schwebe gehalten hat. -- (Spitta erhält eine Lachsalve zur Antwort.) -- Sie lachen! Für mich ist das Verhalten des Gauls nicht lächerlich. Ich konnte ganz gut verstehen, daß einige Leute ihm Bravo zuriefen, Beifall klatschten, andre eine Bäckerei stürmten und Semmeln herausholten, womit sie ihn fütterten.

Frau John fanatisch.

I, hätt' er man feste zujetreten! -- (Die Bemerkung der John löst wieder allgemeines Gelächter aus.) -- Und ieberhaupt, wat die Knobben is: die jehört öffentlich uf 'n Schandarmenmarkt, öffentlich uf de Bank jeschnallt und jehörig mit Riemen durchjefuchtelt! Stockhiebe det det Blut man so spritzt.

Spitta

Ich habe mir niemals eingebildet, daß das sogenannte Mittelalter eine überwundene Sache ist. Es ist noch nicht lange her. Man hat eine Witwe Mayer noch im Jahre achtzehnhundertundsiebenunddreißig hier in Berlin, auf dem Hausvogteiplatz, von untenherauf geradebrecht. -- (Er zieht Scherben einer Brille hervor.) -- Übrigens muß ich sofort zum Optiker.

John zu Spitta.

Entschuldijen Se man. Se haben die feine Dame doch hier am Flur jejenieber rinjebracht? Na ja! Det hat Mutter ja jleich jemerkt, det det keen andrer Mensch wie de Knobben jewesen is, wo bekannt for is, det se Mädel mit zwölf uf de Jasse schickt, selber fortbleibt, trinkt und allerhand Kundschaft hat, um Kinder nich kümmert und wo berauscht is und ufwachen dut, allens mit Fäuste und Schirme durchprijelt.

Direktor Hassenreuter sich raffend und besinnend.

Allons, meine Herren, wir müssen zum Unterricht. Es fehlt uns schon eine Viertelstunde. Meine Zeit ist gemessen. Unser Stundenschluß muß leider heute ganz pünktlich sein. Komm Mama. Auf Wiedersehn, meine Herrschaften.

Der Direktor gibt seiner Frau den Arm und geht, gefolgt von Käferstein, und Dr. Kegel ab. Auch John nimmt seinen Kalabreser.

John zu seiner Frau.

Adje, ick muß och zum Meester hin.

Auch John geht.

Spitta

Könnten Sie mir mal einen Schlips leihen?

Frau John

Ick will mal sehn, wat sich bei Paul in de Schublade vorfinden duht. -- (Sie öffnet den Tischschub und verfärbt sich.) -- Jesus! -- (Sie nimmt ein durch ein buntes Band zusammengehaltenes Büschelchen Kinderhaar aus der Schublade.) -- Da hab ick ja 'n Büschelschen Haar jefunden, wo mein Jungeken, wo mein Adelbertchen schon in Sarch mit Vaters Papierschere abjeschnitten is. -- (Tiefe, kummervolle Traurigkeit zieht plötzlich über ihr Gesicht, das sich aber ebenso plötzlich wieder aufhellt.) -- Un nu liecht et doch wieder in Kinderwagen! -- (Sie geht mit eigentümlicher Fröhlichkeit, das Haarbüschel in der Hand, den jungen Leuten vorweisend, zur Tür des Verschlages, wo der Kinderwagen, zwei Drittel sichtbar, sich befindet. Dort angelangt, hält sie das Haarbüschel an das Kinderköpfchen.) -- Na nu kommt mal, kommt mal! -- (Sie winkt mit seltsamer Heimlichkeit Walburga und Spitta, die auch neben sie an den Kinderwagen treten.) -- Seht mal det Häarchen und det! --? ob det nich detselbiche ... ob det nich janz und jänzlich een und datselbiche Häarchen is.

Spitta

Richtig! Bis auf die kleinste Nuance, Frau John.

Frau John

Jut so! jut so! mehr wollt ick nich!

Sie, mit dem Kinde, verschwindet hinter dem Verschlag.

Walburga

Findest du nicht, Erich, daß das Betragen der John eigentümlich ist?

Spitta faßt Walburgas Hände und küßt sie scheu und inbrünstig.

Ich weiß nicht, weiß nicht -- ... oder ich zähle heut nicht mit, weil ich alles von vornherein subjektiv düster gefärbt sehe. Hast du den Brief bekommen?

Walburga

Jawohl. Aber ich konnte nicht herausfinden, warum du so lange nicht bei uns gewesen bist.

Spitta

Verzeih, Walburga, ich konnte nicht kommen.

Walburga

Warum nicht?

Spitta

Weil ich innerlich zu zerrissen bin.

Walburga

Du willst Schauspieler werden? Ist's wahr? Du willst umsatteln?

Spitta

Was schließlich noch mal aus mir wird, steht bei Gott! Nur niemals ein Pastor! niemals ein Landpfarrer!

Walburga

Du, ich habe mir lassen die Karten legen.

Spitta

Das ist Unsinn, Walburga. Das sollst du nicht.

Walburga

Ich schwöre dir, Erich, es ist kein Unsinn. Sie hat mir gesagt, ich hätte einen heimlichen Bräutigam, und der sei Schauspieler. Natürlich hab' ich sie ausgelacht und gleich darauf sagt Mama, du wirst Schauspieler.

Spitta

Tatsächlich?

Walburga

Tatsächlich! Und dann hat mir die Kartenlegerin noch gesagt, wir würden durch einen Besuch viel Not haben.

Spitta