Die Ratten: Berliner Tragikomödie
Part 2
Könnten Sie mir nicht sagen, Direktor, wer Ihnen in Gottes Namen auf die Krawatte getreten hat?
Direktor Hassenreuter
Mein Junge, ich habe noch vor kaum einer Stunde die Beine unterm Tisch eines Prinzen gehabt: _post hoc, ergo propter hoc!_ -- Ich setze mich Ihretwegen in einen verfluchten Omnibus und kutsche in diese verfluchte Gegend ... wenn Sie meine Gefälligkeit nicht zu würdigen wissen: scheren Sie sich!
Nathanael Jettel
Sie haben mich auf vier Uhr hierher bestellt. Sie haben mich eine volle geschlagene Stunde in dieser entsetzlichen Mietskaserne, auf diesem lieblichen Korridore unter dem Kinderpöbel warten lassen ... Ich habe gewartet, Ihnen nicht den geringsten Vorwurf gemacht! und jetzt sind Sie geschmackvoll genug, mich als eine Art Spucknapf zu betrachten ...
Direktor Hassenreuter
Mein Junge ...
Nathanael Jettel
In's Teufels Namen, der bin ich nicht! Eher mache ich Sie zu meinem Hanswurst und lasse Sie für sechs Groschen Purzelbaum schießen!
Er nimmt entrüstet Hut und Stock und geht.
Direktor Hassenreuter stutzt, bricht dann in ein tolles Gelächter aus und schreit hinter Jettel her:
Machen Sie sich nicht lächerlich! -- Und übrigens bin ich kein Maskenverleiher.
Man hört die Flurtür ins Schloß knallen.
Direktor Hassenreuter zieht die Uhr.
-- Rindvieh verdammtes! -- Schafskopf verfluchter! -- Ein Segen, daß das Rindvieh, verdammte, gegangen ist!
Er steckt die Uhr ein, zieht sie gleich darauf wiederum und lauscht. Hierauf geht er unruhig hin und her, bleibt stehen, blickt in den Zylinderhut, dessen Inneres einen Spiegel enthält, und kämmt sich sorgfältig. Er tritt an den Mitteltisch und öffnet einige von den Briefschaften, die dort gehäuft liegen. Dazu singt er trällernd:
»O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt.«
Abermals sieht er nach der Uhr. Plötzlich geht die Türschelle über seinem Kopf.
Direktor Hassenreuter
Auf die Minute! Was doch die Dinger, wenn es drauf ankommt, pünktlich sind!
Er eilt und öffnet die Flurtür, jemand laut und fröhlich begrüßend. Die Trompetentöne seiner Stimme werden bald von glöckchenartigem Lachen einer weiblichen akkompagniert. Sehr bald erscheint der Direktor wieder, von einer eleganten jungen Dame begleitet, Alice Rütterbusch.
Direktor Hassenreuter
Alice! Kleine Alice! Komm erst mal näher, kleine Alice! Komm mal ans Licht! Ich muß doch sehen, ob du noch dieselbe kleine, schockscharmante, tolle Alice aus den besten Tagen meiner reichsländischen Direktionsperiode bist!? Mädel, ich hab' dich ja gehen gelehrt! ich hab deine ersten Schritte gegängelt ... das Sprechen! Du sagtest ja immer Cheef statt Chef! Ha ha ha! Hoffentlich hast du das nicht vergessen.
Alice Rütterbusch
Schaun's Direktor, Sie glauben doch net, daß i undankbar bin?
Direktor Hassenreuter nimmt ihr den Schleier ab.
Mädel, du bist ja noch jünger geworden!
Alice Rütterbusch hochrot, beglückt.
Da müßt einer auch gehörig daher lügen, wenn einer behaupten wollt, daß du dich zum Nachteil verändert hast. Aber weißt, arg finster hast's bei dir oben und a bissel -- Harro, wenns d' mechst a Fenster aufmachen! -- so a bissel a schwere Luft.
Direktor Hassenreuter
Pillycock saß auf Pillycocks Berg!
»Doch Mäus' und Ratten und solch Getier Aß Thoms sieben Jahr lang für und für.«
Im Ernst, ich hab' finstere und schwere Zeiten durchgemacht! Du wirst ja schließlich, trotzdem ich dir lieber nichts geschrieben habe, liebe Alice, davon unterrichtet sein.
Alice Rütterbusch
Das war aber net grad, weißt, sehr freindschaftlich, daß d' mir auf alle die sauberen und langen Brief kein Wörtel geantwort' hast.
Direktor Hassenreuter
Wozu, ha ha ha, einem kleinen Mädchen antworten, wenn man genug mit sich selber zu tun hat und in keiner Beziehung was nützen kann? Sessa! _E nihilo nihil fit!_ Das heißt auf Deutsch: aus nichts kann nichts werden! Motten und Staub! Staub und Motten! ha ha ha! Das ist alles, was ich von meiner deutschen Kulturarbeit an der westlichen Grenze geerntet habe.
Alice Rütterbusch
Du hast also den Fundus net an den Direktor Kurz abgetreten.
Direktor Hassenreuter
»O Straßburg, o Straßburg, du wunderschöne Stadt.« Nein, meine Kleine, ich habe den Fundus nicht in Straßburg gelassen! Dieser ehemalige Kellner, Kneipwirt und Pächter von anrüchigen Tanzlokalen, der mein Nachfolger wurde ... dieser Kretin, dieser _bête imbécil_, wollte den Fundus nicht! -- Sessa, den Fundus hab' ich nicht dort gelassen: dafür aber vierzigtausend Mark sauerverdientes Geld, von Gastspielreisen aus meiner Mimenzeit! außerdem fünfzigtausend Mark zugebrachtes Vermögen meiner braven Frau. Sessa! -- Übrigens, daß ich den Fundus behielt, war ein Glück für mich. -- Da! -- Ha ha ha! Diese Kerle hier ... -- (er berührt einige der Geharnischten) -- du kennst sie doch? ...
Alice Rütterbusch
I kenn' doch meine Pappenheimer.
Direktor Hassenreuter
Nun also: diese Pappenheimschen Kerle hier, und was drum und dran baumelt, haben den alten Lumpensammler und Maskenverleiher Harro Eberhard Hassenreuter nach seiner Hedschra tatsächlich über Wasser gehalten! -- Aber reden wir lieber von heiteren Dingen: ich habe mit Vergnügen aus der Zeitung ersehen, daß du von Exzellenz für Berlin engagiert werden wirst.
Alice Rütterbusch
I mach mir nix draus! I möcht lieber bei dir spielen, und das mußt mir versprechen, wanns du wieder eine Direktion ibernehmen tust ... das versprichst mir, daß i augenblickli kontraktbrüchig werden kann! -- (Der Direktor bricht in Lachen aus.) -- I hab mi drei Jahre lang gnua auf die Provinzschmieren rumgeärgert. Berlin mag i net! und a Hoftheater schon lang net. Jessas die Leit! das Komödiespielen! -- Weißt, i g'hör zum Fundus, i hab immer bloß daher g'hört! --
Sie nimmt unter den Pappenheimern Aufstellung.
Direktor Hassenreuter
Ha ha ha ha! Also komm, du getreuer Pappenheimer.
Er öffnet die Arme weit, sie fliegt hinein, und beide begrüßen einander mit einigen lange anhaltenden Küssen.
Alice Rütterbusch
Geh Harro, jetzt sagst mir: was macht deine Frau?
Direktor Hassenreuter
Therese geht's gut, außer daß sie trotz Kummer und Sorgen von Tag zu Tag dicker wird. -- Mädel, Mädel, wie du duftest! -- (Er drückt sie an sich.) -- Weißt du auch, daß du teufelsmäßig gefährlich bist?
Alice Rütterbusch
Meinst, daß i blöd bin? Freili bin i gefährlich.
Direktor Hassenreuter
Sakra!
Alice Rütterbusch
Meinst, i sollt mir in der schönen Gegend, drei Stiegen hoch, unter an muffigen Dach, mit dir a Rendezvous geben, wann ich net wißt, daß das für uns zwei, ans wie's andere, gefährlich is. Ibrigens hab' i ja, Gott sei Dank, weil i halt immer a Glück haben muß, wann i schon amal auf Schleichwegen geh, auf der Treppen den Nathanael Jettel troffen, bin dem Herrn Hofschauspieler bei ei'm Haar direkt in die Arme g'rannt. Wird schon sorgen, daß das nicht unter uns bleibt, daß i di b'sucht hab.
Direktor Hassenreuter
Ich muß das Datum verschrieben haben: der Mensch behauptet, ha ha ha, ich hätte ihn ganz ausdrücklich für heut nachmittag herbestellt.
Alice Rütterbusch
Das war aber net etwa die einzige Bassermannsche Gestalt, der i auf die sechs Treppenabsätz begegnet bin, und was mir die lieben kleinen Kinderln, die auf die Stufen rumkugeln, nachgeschrien haben, das is dermaßen unparlamentarisch, das is von solche Kröten, noch net drei Käs' hoch sind, schon die allergrößte Gemeinheit, die mir noch vorkommen is.
Direktor Hassenreuter lacht, wird dann ernst.
Ja, siehst du: daran gewöhnt man sich: was so hier in diesem alten Kasten mit schmutzigen Unterröcken die Treppe fegt und überhaupt schleicht, kriecht, ächzt, seufzt, schwitzt, schreit, flucht, lallt, hämmert, hobelt, stichelt, stiehlt, treppauf treppab allerhand dunkle Gewerbe treibt, was hier an lichtscheuem Volke nistet, Zither klimpert, Harmonika spielt -- was hier an Not, Hunger, Elend existiert und an lasterhaftem Lebenswandel geleistet wird, das ist auf keine Kuhhaut zu schreiben. Und dein alter Direktor, _last not least_, rennt, ächzt, seufzt, schwitzt, schreit und flucht, ha ha ha, wie der Berliner sagt, immer mitten mang mit. Ha ha ha, Mädel, mir ist es recht dreckig gegangen.
Alice Rütterbusch
Weißt ibrigens, wen i, wie i grad auf den Bahnhof Zoologischer Garten zusteuer, troffen hab? Den alten guten Fürst Statthalter hab i troffen. Und sixt, unverfroren wie i amal bin, bin i zwanzig Minuten lang neben ihm hergschwenkt und hab ihn in an langen Diskurs verwickelt und, auf Ehre, Harro, wie ich dir sag, so is es buchstäblich tatsächlich g'schegn. Auf'n Reitweg is plötzlich Majestät mit großer Suite vorübergritten. I denk, i versink! Und hat übers ganze Gesicht gelacht und Durchlaucht so mit dem Finger gedroht. Aber g'freit hab i mi, das kannst mir glauben. Aber jetzt kommt d'Hauptsach. Jetzt paß auf. -- Ob i mi freun tät, hat mi Durchlaucht plötzli g'fragt, und ob i wieder nach Straßburg mecht, wann der Direkter Hassenreuter das Theater tät wieder übernehmen. Na weißt: beinah hab i an Sprung getan!
Direktor Hassenreuter Er wirft seinen Überzieher ab und steht in seinen Orden da.
Du hast wahrscheinlich bemerken müssen, daß die kleine Durchlaucht vorzüglich gefrühstückt hat. Sessa! Wir haben zusammen gefrühstückt. Wir haben ein exquisites kleines Herrenfrühstück beim Prinzen Ruprecht draußen in Potsdam gehabt. Ich leugne nicht, daß sich vielleicht eine Wendung zum Guten im miserablen Geschicke deines Freundes vorbereitet.
Alice Rütterbusch
Liebster, wie a Staatsmann, wie a Gesandter, siehst du ja aus.
Direktor Hassenreuter
Ah, du kennst diese Brust voll hoher und höchster Orden noch nicht!? Klärchen und Egmont! Hier magst du dich satt trinken! --
Neue Umarmung.
_Carpe diem!_ genieße den Tag! Sekt, kleine Naive, steht allerdings auf dem jetzigen Repertoire deines alten Direktors, Erweckers und Freundes nicht! -- (Er öffnet eine Truhe und entnimmt ihr eine Flasche Wein.) -- Aber dieser Stiftswein ist auch nicht von Pappe! -- (Er zieht den Korken. Die Türschelle geht.) -- Was? -- Pst! -- Wer hat denn die ungeheure Dreistigkeit, am Sonntag nachmittag hier anzuklingeln? -- (Es klingelt stärker.) -- Kleine, zieh dich doch mal in die Bibliothek zurück. -- (Alice eilt in die Bibliothek ab. Es klingelt wieder.) -- Donnerwetter noch mal, der Kerl ist ja irrsinnig. -- (Er eilt nach der Tür.) -- Gedulden Sie sich oder scheren Sie sich! -- (Man hört ihn die Tür öffnen.) -- Wer? Wie? »Ich bin's, Fräulein Walburga?« Was? Fräulein Walburga bin ich nicht. Ich bin nicht die Tochter! Ich bin der Vater! Ach, Sie sind's, Herr Spitta! Gehorsamer Diener, ich bin der Vater! Ich bin der Vater! Was wünschen Sie denn?
Im Gange erscheint wiederum der Direktor, geleitet von Erich Spitta, einem einundzwanzigjährigen jungen Menschen, der Brille und Zwicker trägt und übrigens scharfe und nicht unbedeutende Züge hat. Spitta gilt als Kandidat der Theologie und ist entsprechend gekleidet. Er hält sich nicht gerade, und seiner Körperentwicklung ist die Studierstube und mangelhafte Ernährung anzumerken.
Direktor Hassenreuter
Wollten Sie meiner Tochter Walburga hier auf dem Speicher Privatstunde geben?
Spitta
Ich fuhr im Pferdebahnwagen vorüber und glaubte wirklich, ich hätte Fräulein Walburga unten durch das Portal in's Haus eilen sehen.
Direktor Hassenreuter
Gar keine Ahnung, mein lieber Spitta. Meine Tochter Walburga ist augenblicklich mit ihrer Mutter in der englischen Kirche, ich glaube, zu einem liturgischen Gottesdienst.
Spitta
Dann verzeihen Sie vielmals, wenn ich gestört habe. Ich nahm mir die Freiheit, heraufzukommen, weil ich mir sagte: eine Begleitung in dieser Gegend, vielleicht auf dem Rückwege nach dem Westen, wäre Fräulein Walburga am Ende nicht unangenehm.
Direktor Hassenreuter
Wohl, wohl, aber sie ist nicht hier, bester Spitta. Ich bedauere sehr. Ich selber bin nur zufällig hier: der Post wegen! und ich habe auch leider andere dringende Sachen vor. -- Wünschen Sie sonst was, mein guter Spitta?
Spitta putzt seinen Kneifer und gibt Zeichen von Verlegenheit.
Spitta
Man gewöhnt sich nicht gleich an die Dunkelheit.
Direktor Hassenreuter
Sie benötigen vielleicht Ihr Stundengeld. Schade: ich habe leider die Gewohnheit, nur mit einem Notpfennig in der Westentasche auf die Straße zu gehn. Ich muß Sie schon bitten, sich zu gedulden, bis ich wieder in meiner Wohnung bin.
Spitta
Hat durchaus keine Eile, Herr Direktor.
Direktor Hassenreuter
Ja, das sagen Sie so: aber ich bin ein gehetztes Wild, guter Spitta ...
Spitta
Und doch möchte ich, da ich dieses Zusammentreffen wirklich als eine Art höherer Fügung ansehen muß, um eine Minute Ihrer kostbaren Zeit bitten. Dürfte ich, kurz, eine Frage tun?
Direktor Hassenreuter mit den Augen auf der Uhr, die er gezogen hat.
Genau eine Minute. Die Uhr in der Hand, bester Spitta.
Spitta
Frage und Antwort wird, denk' ich, kaum von so langer Dauer sein.
Direktor Hassenreuter
Also los!
Spitta
Habe ich wohl Talent zum Schauspieler?
Direktor Hassenreuter
Um Gottes willen, Mensch, sind Sie denn irrsinnig? -- Verzeihen Sie, bester Herr Kandidat, wenn ich in einem solchen Fall bis zur Unhöflichkeit außer dem Häuschen bin. Es heißt zwar _natura non facit saltus_, aber Sie haben da einen unnatürlichen Sprung gemacht. Da muß ich mal erst zu Atem kommen. Und nun Schluß davon! Denn glauben Sie mir, wenn wir beide jetzt über diese Frage zu diskutieren anfangen, so würden wir in drei bis vier Wochen, sagen wir Jahren, darüber noch nicht zum Schluß gekommen sein.
Sie sind doch Theologe, mein Bester, und stammen aus einem Pastorhaus: wie kommen Sie denn auf solche Gedanken? wo Sie doch Konnexionen haben und Ihnen die Wege zu einer behaglichen Existenz geebnet sind.
Spitta
Ja, das ist eine lange innere Geschichte, eine lange Geschichte schwerer innerer Kämpfe, Herr Direktor, die allerdings bis zu dieser Stunde nur mir bekannt und also absolutes Geheimnis gewesen sind. Da hat mich das Glück in Ihr Haus geführt und von diesem Augenblick an fühlte ich, wie ich dem wahren Ziel meines Lebens näher und näher kam.
Direktor Hassenreuter mit peinlicher Ungeduld.
Das ehrt mich. Das ehrt mich und meine Familie! -- (Er legt ihm die Hände auf die Schulter.) -- Dennoch muß ich Ihnen jetzt die ganz inständige Bitte vortragen, von der Erörterung dieser Angelegenheit im Augenblicke abzusehen. Meine Geschäfte sind unaufschieblich.
Spitta
Dann möchte ich nur noch so viel hinzusetzen, damit Sie wissen, daß ich absolut fest entschlossen bin.
Direktor Hassenreuter
Aber mein lieber Herr Kandidat: wer hat Ihnen denn diese Raupen in den Kopf gesetzt? Ich habe mich über Sie gefreut. Habe Sie schon im Geist Ihres friedlichen Pfarrhauses wegen beneidet. Gewissen literarischen Ambitionen, die einem hier in der Großstadt anfliegen, habe ich keinen Wert beigelegt. Das ist nur so nebenbei und verliert sich zweifellos wieder bei ihm, dachte ich mir! -- Mensch, und nun wollen Sie Komödiant werden? Kurz: Gnade Gott, wenn ich Ihr Vater wär! Ich würde Sie bei Wasser und Brot einsperren und Sie nicht eher herauslassen, als bis Ihnen jede Erinnerung an diese Torheit entschwunden wäre. _Dixi!_ und nun adieu, guter Spitta.
Spitta
Einsperren oder irgendeine andere Gewaltmaßregel würde bei mir durchaus nichts helfen, fürcht ich.
Direktor Hassenreuter
Aber Mensch: Sie wollen Schauspieler werden? Mit Ihrer schiefen Haltung, mit Ihrer Brille und vor allem mit Ihrem heiseren und scharfen Organ geht das doch nicht.
Spitta
Wenn es im Leben solche Käuze gibt, wie ich, warum soll es nicht auch auf der Bühne solche Käuze geben? Und ich bin der Ansicht, ein wohlklingendes Organ, womöglich verbunden mit der Schiller-Goethisch-Weimarischen Schule der Unnatur, ist eher schädlich, als förderlich. Die Frage ist nur: würden Sie mich, wie ich nun einmal bin, als Schüler annehmen?
Direktor Hassenreuter zieht hastig seinen Sommerpaletot über.
Nein! denn erstens ist meine Schule auch nur eine Schule Schillerisch-Goethisch-Weimarischer Unnatur! Zweitens könnte ich es vor Ihrem Herrn Vater nicht verantworten! Und drittens zanken wir uns so schon genug, jedesmal nach den Privatstunden, die Sie in meinem Hause geben, beim Abendbrot. Das würde dann bis zur Prügelei ausarten. Und nun Spitta: ich muß auf die Pferdebahn.
Spitta
Mein Vater ist bereits informiert. Ich habe ihm in einem zwölf Seiten langen Brief Punkt für Punkt die Geschichte meiner inneren Wandlung eröffnet ...
Direktor Hassenreuter
Sicherlich wird der alte Herr äußerst davon geschmeichelt sein! Mensch und nun kommen Sie mit mir, ich werde sonst wahnsinnig.
Der Direktor zieht Spitta gewaltsam mit sich fort und hinaus. Man hört die Tür ins Schloß fallen.
Es wird still bis auf das ununterbrochene Rauschen Berlins, das nun lauter hervortritt. Nun wird die Bodenklappe geöffnet und Walburga Hassenreuter steigt in wahnsinniger Hast, gefolgt von Frau John, die Treppe herunter.
Frau John flüsternd, heftig.
Wat is denn? Et is doch jar nischt jeschehn.
Walburga
Frau John, ich schreie! Ich muß gleich losschreien! -- Um Gottes willen, ich kann gar nicht an mich halten, Frau John.
Frau John
Taschentuch mang die Zähne, Mächen! -- Et is ja jar nischt! Wat haste dir denn?
Walburga zähneklappernd, ihr Röcheln gewaltsam bezwingend.
Ich bin ja des Todes ... ich bin ja des Todes erschrocken, Frau John!
Frau John
Wenn ick man wißte, for wat du erschrocken bist?
Walburga
Haben Sie nicht diesen schrecklichen Menschen gesehn?
Frau John
Wat is denn da schrecklich? Det is doch mein Bruder! wo mich manchmal bei Papans seine Sachen auskloppen helfen dut.
Walburga
Und das Mädchen, was mit dem Rücken am Schornstein sitzt und wimmert.
Frau John
Det is deine Mutter nich anders jejangen, eh det du zur Welt jekommen bist.
Walburga
Ich bin hin. Ich bin tot, wenn Papa wiederkommt.
Frau John
Na denn sieh, det de fortkommst, und fackel nich lange.
Frau John begleitet die entsetzte Walburga den Gang hinunter und läßt sie hinaus. Dann kommt sie wieder.
Frau John
Det Mächen weeß, Jott sei Dank, von hellichten Dache nischt.
Sie nimmt die entkorkte Weinflasche, gießt einen der Römer voll und nimmt ihn mit auf den Boden, wo sie verschwindet. Kaum ist das Zimmer leer, so erscheint der Direktor wieder.
Direktor Hassenreuter noch an der Tür, singend.
»Komm herab, o Madonna Theresa!« -- (Er ruft.) -- Alice! -- (Noch immer an der Tür.) -- Komm mal! Hilf mir mal die eiserne Stange mit dem doppelten Schloß vor die Tür legen. -- Alice! -- (Er kommt nach vorn.) -- Wer jetzt noch unsere Sonntagsruhe zu stören wagt: _anathema sit!_ -- Heda! Kobold! Wo steckst du, Alice? -- (Er wird auf die Weinflasche aufmerksam und hebt sie in die Höhe.) -- Was? -- Halb leer? -- Schlingel! -- (Man hört eine hübsche weibliche Singstimme hinter der Bibliothekstür sich in Koloraturen ergehen.) -- Ha ha ha ha! Himmel! sie hat sich schon einen Schwips angetrunken.
Zweiter Akt
Die Wohnung der Frau John im zweiten Stock des gleichen Hauses, in dessen Dachgeschoß der Fundus des Direktors Hassenreuter untergebracht ist: ein weitläufiges, ziemlich hohes, graugetünchtes Zimmer, das seine frühere Bestimmung als Kasernenraum verrät. Die Hinterwand enthält eine zweiflügelige Tür nach dem Flur. Über ihr ist eine Schelle angebracht, die von außen an einem Draht gezogen werden kann. Rechts von der Tür beginnt eine etwas mehr als mannshohe Tapetenwand, die geradlinig nach vorn geht, hier einen rechten Winkel macht und wiederum geradlinig mit der rechten Seitenwand verbunden ist. So ist eine Art von Verschlag abgeteilt, über den einige Schrankgesimse hervorragen, und der das Schlafzimmer der Familie ist.
Tritt man durch die Flurtüre ein, so hat man zur Linken ein Sofa, überzogen mit Wachsleinwand. Es ist mit der Rücklehne an die Tapetenwand geschoben. Diese ist über dem Sofa mit kleinen Familienbildchen geschmückt. Maurerpolier John als Soldat, John und Frau als Brautpaar usw. Vor dem Sofa steht ein ovaler Tisch, mit einer verblichenen Baumwolldecke. Man muß von der Tür aus an Tisch und Sofa vorübergehen, um den Zugang zum Schlafraum zu erreichen. Dieser ist mit dem Sofa an einer Wand und mit einem Vorhang aus buntem Kattun verschlossen.
An der nach vorn gekehrten Schmalwand des Verschlages steht ein freundlich ausgestatteter Küchenschrank. Rechts davon, an der wirklichen Wand, der Herd. Wie denn der hier verfügbare kleine Raum vornehmlich zu Küchen- und Wirtschaftszwecken dienen muß.
Ein etwa auf dem Sofa Sitzender blickt gerade gegen die linke Zimmerwand und zu den beiden großen Fenstern hinaus. Am vorderen Fenster ist ein saubergehobeltes Brett als eine Art Arbeitstisch angebracht. Hier liegen zusammengerollte Kartons (Baupläne), Pausen, Zollstock, Zirkel, Winkelmaß usw. Am hinteren Fenster ein Fenstertritt, darauf ein Stuhl und ein Tischchen mit Gläsern. Die Fenster haben keine Gardinen, sind aber einige Fuß hoch mit buntem Kattun bespannt.
Das ganze Gelaß, dessen dürftige Einrichtung ein alter Lehnstuhl aus Rohr und eine Anzahl von Holzstühlen vervollständigt, macht übrigens einen sauberen und gepflegten Eindruck, wie man es bei kinderlosen Ehepaaren des öfteren trifft.
Es ist gegen fünf Uhr am Nachmittag, Ende Mai. Die warme Sonne scheint durch die Fenster.
Maurerpolier John, ein vierzigjähriger, bärtiger, gutmütig aussehender Mann, steht behaglich am vorderen Fenstertisch und macht sich Notizen aus den Bauplänen.
Frau John sitzt mit einer Näharbeit auf dem Fenstertritt des anderen Fensters. Sie ist sehr bleich, hat etwas Weiches und Leidendes an sich, zugleich aber einen Ausdruck tiefer Zufriedenheit, der nur zuweilen von einem flüchtigen Blick der Unruhe und der lauernden Angst unterbrochen wird. An ihrer Seite steht ein Kinderwagen (sauber, neu und nett), darin ein Säugling gebettet ist.
John bescheiden.
Mutter, wie wär det, wenn ick det Fenster 'n Ritzen ufmachen däte und ick machte mir dann 'n bißken de Pipe an?
Frau John
Mußte denn rauchen? sonst laß et man lieber.
John
I, ick muß ja nich, Mutter! Ick mechte bloß jern! Aber laß man! 'N Priem, Mutter, tut et am Ende in selbijenjleichen och.
Er präpariert sich mit behaglicher Umständlichkeit einen neuen Priem.
Frau John nach einigem Stillschweigen.
Wat? Du mußt noch ma hin uft Standesamt?
John
Det hat er jesacht, det ick noch ma hin müßte und janz jenau anjeben ... det ick det müßte janz jenau anjeben Ort und Stunde, wo det Kindchen jeboren is.
Frau John Nadel am Mund.
Warum haste denn det nich anjejeben?
John
Weeß ick et denn? Ick weeß et doch nich.
Frau John
Det weeßte nich?
John
Bin ick dabei jewesen?
Frau John
Na, wenn de mir hier in meine Berliner Wohnung sitzen läßt und lichst det janze jeschlagene Jahr in Altona, kommst hechstens ma monatlich mir besuchen: wat wiste denn wissen, wat in deine Behausung vorjehn dut.
John
Wo soll ick nich jehn, wo der Meester de mehrschte Arbeet hat? Ick jeh dorthin, wo ick schen verdiene.
Frau John
Ick ha et dir doch in Briefe jeschrieben, det unser Jungeken hier in de Wohnung jeboren is.
John