Part 9
Wir gelangten in den schönen Ohiofluß und landeten in Handerson in Kentucky, wo Washington auf Mount Vernon, wie vom Herrn, begraben liegt. Hier sah ich mit Freuden das erste Geld, Silber und Gold, und sahe die ersten Zeitungen, die Literatur der Amerikaner; denn das ganze Land schreibt für das ganze Land diese tausend Zeitungen, die in Millionen Blättern wie Wundertauben über das Land fliegen -- und wie aufrichtig! Wie der Geist Gottes! Vox populi, vox Dei! Ich wollte sie übersetzen, Auszüge für uns. Aber was für Amerikaner aufrichtig ist, ist noch nicht aufrichtig für Deutschland. Eine oder tausend eben so aufrichtige Zeitungen für Deutschland müßten ganz anders seyn. Und hier schreibt Einer im ganzen Leben vielleicht nur Einen lehrreichen Aufsatz. Ich sahe die erste Schule -- aber was wußten die Kinder hier mehr! Wie viel, wie gründlich Alles, was sie Zeit Lebens brauchen können und sollen und werden. Aber wie geschieht das? Antwort: Die Griechen und Römer waren so klug und weise und groß in ihrem Fach -- besonders, weil sie nicht mit Griechisch und Lateinisch die jungen Seelen verhunzten. O wir Armen! Wir armen Gläubigen! Wir glauben an alle Völker! Nur an uns nicht. Und deswegen sagte Napoleon: »Die Deutschen sind kein Volk.«
Auf dem grünen Fluß schifften wir nach der Besitzung von Wilhelms Vater. Er war nicht da -- in der Stadt im Gefängniß. Ich mußte dem Knaben doch Alles zeigen, und mit wie schwerem Herzen sah ich zu, wenn er sich auf des Vaters Stuhl setzte, seinen im Schrank hängenden blauen Oberrock anzog, und vor Freuden damit in der Stube umhersprang; wenn er die alte Hausfrau nach ihm frug, wie er vor Ungeduld weinte, wenn sie ihn nicht verstand, und wie sie weinte, als ich ihr sagte: es ist der Sohn des Herrn! Selber Marfolk hielt es hier nicht aus, und ehe wir fortzogen, durchrannte der Knabe noch den Garten mit angepflanzten Bäumen, die Wiesen, bestieg die Hügel und hatte fast einen Arm voll duftende Blumen, die er dem Vater mit nach der Stadt nehmen wollte. Selber der Haushund war gerührt, und leckte ihm die Hand, als müsse Derjenige seines Herren Sohn seyn, der sich hier so freue, ihn mit so guten Bissen füttere!
In der Stadt erlangte ich gern, ja mit Seufzen des Mitleids die Erlaubniß, den Vater zu sehn. Der Ort, ein höchst saubrer, freundlicher. Der Mann, ein höchst gutmüthiger, wohlwollender. Und ihm mußte ich sagen, daß ich ihm seinen Sohn Wilhelm bringe!
Der ruhige Mann schlug sich vor den Kopf. Dann saß er mit aufgestemmten Händen, während der Sohn an die Thür pochte vor Ungeduld. Wilhelm aber sollte und wollte dem Vater nicht sagen, daß Mutter und Bruder gestorben seyen.
O Wiedersehn! heiliges Wiedersehn! Wie weinte meine Maria, wie -- um ein aufrichtiger Mann zu seyn -- wie weinte ich! Wie gedrückt war des Vaters Herz, denn in wenigen Stunden hatte er zu sterben. Wie strömten ihm Lehren und Küsse vom Munde! und segnende Blicke und Thränen von den Augen! -- Endlich und endlich, nachdem ihm der Knabe viel erzählen müssen von Mutter und Bruder -- ja als er ihm auch im Eifer, sein kindliches Herz ganz auszuschütten, erzählte, wie sie den Anselm in den Meergarten begraben -- weil sie beide zu ihm gewollt -- weil ja die Mutter gestorben sey -- -- -- da faßte sich der Mann wunderbar, schwieg eine Zeit, schien viel zu fühlen und zu bedenken, und gab mir seinen Sohn dann an der Hand mit den Worten: »Ich habe eine weite Reise vor, mein Kind! Lerne indessen fleißig, lebe gut und fromm und dulde kein Unrecht wie ich! Ich reise gern. Könnte ich nur Alle mitnehmen, die mich dazu nöthigen! Dein Führer hier wird ferner Dein Freund und . . . . Dein Vater seyn.« Dann setzte er sich ruhig hin und sprach nicht mehr. Wie konnte ich anders, als, so schwer sie mir war, eine so heilige Pflicht von dem Vater übernehmen.
Endlich gingen wir fort. Der Knabe ging rückwärts zum Zimmer, rückwärts zur Thür hinaus, um den Vater also noch länger zu sehn -- und als die Thür schon zu war, wünschte er ihm noch »glückliche Reise, fröhliches Wiedersehn!« durchs Schlüsselloch. Da hörten wir drinn einen dumpfen Fall! -- Aber wir gingen! Und noch war hier ein Herz geschont, das Herz des armen Knaben, der nun mein war.
Nach der Hinrichtung des Vaters besuchte ich allein den freien Platz, worauf viele Tausende versammelt waren. Und wohl zwanzig reisende Geistliche benutzten die Gelegenheit zu zwanzig getrennten camp meetings, zu Feldpredigten oder Bergpredigten. Ich urtheile nie über Männer von meinem Fach -- aber die Seele ging mir groß auf, als ich dachte, als ich sah -- Erde und Himmel sind die schönste, die einzige wahre Kirche! Und das Leben ist der einzige, reinste, ächteste Gottesdienst. -- Auch will ich nicht verschweigen, daß der Ankläger Marfolk fast gesteinigt worden wäre, daß ihn Furcht befiel, dann Haß und Lust von dannen zu ziehn. In dieser Noth hätte ich ihn beinahe »Vetter« genannt. Auch Maria zeigt ihm Mitleid. Nach einigen Tagen stellt er sich gleichfalls beinahe an: mich zu bitten, daß er mich Schwiegervater nennen dürfe. Aber nur beinahe. Maria bittet mich dringend von dannen zu reisen. Und hier muß ich doch sagen, wie meine Tochter hätte gesinnt seyn mögen! Und wie ich hätte gesinnt seyn mögen! Jedes ganz verschieden.
Nämlich Josephine und Erwin wußten, daß wir uns länger in Handerson aufhalten würden, um auszuruhen. Wir empfingen also Briefe. Ich einen Brief von meinem Caplan aus der Heimath, der meldete: daß die Baronesse Freysingen bankrot sey! Daß _Erwin_ sie ausgeklagt. (Das bestürzte Marien vollends.) Daß sie im Schlosse zur Miethe wohne, und daß sie nunmehr als armes, geringes, fast verachtetes Mädchen entschlossen sey, ihrem Jugendfreund Marbod, meinem Sohn, ihre Hand zu geben, wenn er nur von seiner tödtlichen Krankheit genese, und sie hoffe grade durch diese Aussicht ihn herzustellen. Daß meine alte Großmutter mit Gewalt sich habe den Staar stechen lassen, weil ihr Sohn kommen würde; daß sie aber von der Vorbereitungscur ganz schwach, und vor Alter ganz kindisch geworden.
Das war Ein Brief.
Dann schrieb mir meine liebe Clöta aus Neu-Orleans nach manchen andern und vielen Eingängen, daß ihre »_schöne_,« ihre »_seelengute_,« ihre »_reiche_,« ihre »_junge_,« ihre »_geliebte und liebenswürdige_« Herrin Josephine -- seit dem Tage, unserer oder meiner Abreise krank sey, recht bedauernswürdig krank. Ihre großen Augen seyen noch größer, noch schmachtender geworden, ihr Mund noch kleiner, ihre Grübchen in den reinen Wangen noch sichtbarer. Sie rede oft im Schlafe -- und von mir! Sie rufe mich! Sie springe im Nachtkleid aus dem Bett und ringe mit ihr matt und flehend, sie hinaus, sie fort zu lassen. Deswegen meine sie (nämlich Clöta), daß ihre Herrin seit _meiner_ Abreise krank geworden, und wohl nicht besser werden möchte, wahrlich nicht _möchte_ -- so gleichgültig sey ihr das Leben, bis ich wiederkäme, oder bis sie mich wiedersähe, bis ich sie wiedersähe, aber mit günstigen Augen. Das läßt Clöta nur durchblicken. Clöta hat von Josephinen ihr kleines Bildniß erhalten -- das schickt Clöta mir. Die kostbare Einfassung habe sie behalten. Als Nachschrift stehen die Worte: »Sie hat ihre Plantagen verkauft.«
Das war der zweite Brief.
Diesen las ich allein! Denn eine erwachsene Tochter ist wie ein Engel, vor welchem der Vater sich selber schämt . . . . geschweige ein schönes und junges Weib zu nehmen -- so nöthig es dem armen Manne ist, so wohl es ihr selber auch thäte, damit sie vermöchte ein Engel zu bleiben, und nicht eine Sclavin zu werden brauchte.
Maria aber beredete mich fortzureisen. Ich war willig und wollte bereit seyn, wenn ich ein herrliches Grundstück, das ich hier gesehen hatte, für die Baronesse . . . . also auch für meinen Sohn gekauft hätte, woran ich jetzt erinnert worden. O, ein Vater ist ein edler Mann! Aber die Kinder machen ihn dazu! Ich fuhr mir unwillig und schnell mit der flachen Hand über die Stirn bis hinauf in die Haare! Es war aber klug und gut.
Kaufte ich nun für die Baronesse eine kleine Grafschaft, -- denn hier sind auch Grafschaften, wie Spinnennetze ohne Spinne, so ohne ihre Hauptzierde: die Grafen -- so war zu Hause Marbods Stelle leer, wenn er mit ihr herzog; oder der Diakonus nahm sie an, und bekam vielleicht wieder einmal am Tage Heirathsgedanken. Das Alles war Vorrath für jede Hoffnung, für jedes pis-aller. Ich hatte mit meinen paar Guineen in der Tasche unermeßliche Lande vom Strom aus gesehen, und die Begier, der Geiz der Ankömmlinge war über mich gefallen. Ich wollte das schönste, fruchtbarste Land, den Morgen für 27 Kreuzer, nicht gern aus der zweiten Hand für ein paar Kreuzer mehr. War es noch ganz mit Wald bewachsen, so schien es nach unseren Preisen wohl 100,000 Thaler mehr werth. Aber leerer Acker gilt hier mehr. So zweifelnd und wählend trieb ich mich müde umher, bis ich vor Verzweiflung am grünen Flusse in Kentucky 5000 Morgen -- Alles kaufte, was mir irgendwo reizend geschienen. Aber als ich das Gold aufgezählt, von meinen paar Dreiern noch zugelegt, da sah ich -- daß die Bergabhänge die Sonne im Rücken hatten -- daß hier kein Wein gedeihen möchte. Gott, kein Wein! Ich war außer mir! Aber ich mußte die Acten zu mir stecken, und empfahl Bäume, Quellen, Wildpret, Truthühner, Vögel, Fische und Schlangen, Alles indessen dem lieben Gott. Mit dem Gelde war mir ein Stein vom Herzen, und zwei darauf. Denn ich fand auch, daß mein Eldorado unter dem 37sten Grade der Breite lag; und höchstens erst unter dem 38sten Grade soll sich ein Deutscher ankaufen, wenn er nicht aqua toffana schwitzen will, wie ich vor Angst schon schwitzte. Und nun sollte ich meinen Committenten zu Hause ihr künftiges Paradies aussuchen! War es schlechter als mein gekauftes, dann schien ich ein Eigennütziger! War es besser, dann war ich ein Narr gewesen -- Volkmar! In _Ohio_ sollte alles gute Stromuferland schon besessen seyn. _Indiana_ erst später bequem; und da es so breit daliegt, wird auch noch später wohl in Europa ein Unglück seyn, welches Unglückliche hier glücklich macht. Ich weiß nicht, wie mir ward; aber ich fuhr, über den Ohio eben nach Indiana hinüber, hinauf nach Clarkesville ganz in dessen Nähe mein Freund oder Feind Erwin den Adligen auf seines Vaters Befehl im Testament ein unschätzbares Grundstück eingeräumt. Und das erste Wort, das ich von dem vorigen Herrn von Habenichts hörte, war: »Rechts und links von White river, oder gar erst droben von Recovery bis Weautenan soll es am schönsten seyn!« -- Wir hatten himmlische Freude, uns wiederzusehen. Ihre Wohnungen waren gut, ihre Gärten und Felder und Wälder wie unvergleichlich. Überall führten mich wenigstens immer funfzig glückliche Menschen herum. Der Nacken that mir weh, die thurmhohen, mit Blüthen wie dunkele große Rosenknospen überschütteten Fichten anzusehn! Die Trompetenbäume, welche, wie die Kinder sagten, Posaunenbäume heißen sollten. Aber wo führte mich der alte Freund auch hin! -- In einen Saal, nicht weit vom Ohio, den schon Tausende, die stromauf oder stromab gefahren, besucht hatten, als ein hiesiges Weltwunder. Ich sahe beim ersten Blick ein Wachsfigurencabinet mit allen Europäischen Potentaten, die hier ganz eigenthümlich in tiefem Schweigen, wie in tiefer Überlegung dasaßen. Ich nahm meinen Hut ab, obgleich nichts gesünder ist, als der Gebrauch der Amerikaner, grade wenn man in's Zimmer kommt, den Hut, selbst vor Damen, aufzubehalten, die ihre noch wunderlichern, man möchte oft sagen unhöflichern Hüte ja auch nicht abnehmen. Aber ich sahe nach langer Wehmuth endlich, daß der Saal ein Klein-Europa, voll seiner besten Erinnerungen, war, alle blos zum Andenken mitgebracht an das theure Vaterland -- Deutschland. Da lagen aus dem Cours der Menschen mit fortgenommene Münzen, mit dem Bilde der verschiedenen souverainen Herren. Da hingen Ellen aus jeder Provinz, länger oder kürzer, keine gleich. Da blecherne Maaße, alle verschieden; Meßviertel und Metzen, alle verschieden. Und so tausend verschiedene Dinge. Dort Censuredicte, Cataloge verbotener Bücher aus jedem Ländchen, die einander meist aufhoben. Verschiedene Strafgesetzbücher, Städterechte, Privilegien, Uniformen, silberne Bischofsmützen, schwarze evangelische Mützen. Da hingen an einer langen Kette von Eisen die abgelegten Orden der Herren, ja der Stifts- und anderer Damen. Da lagen Armenlisten, Klosterlisten und Abbildungen von Sonderbarkeiten, eine Reihe Carrikaturen vom ersten Witz, aber unbeschreiblich. Dort lag schwarzes Bauerbrot nebst einer in Wachs bossirten Bauerfamilie. Da verkaufte ein Herr Salz; da Tabak; da einer Wolle, Holz; da hingen Studentenmützen von allen Farben . . . . da lagen Zeitungen mit den letzten Nachrichten; ich bückte mich -- ich las den Büchertitel: »Von Authenrieth, Kunst aus Holz Brot zu backen.« -- Mein Gott, ich war daheim! Unbezwingliche Wehmuth befiel mich. Heilige Sehnsucht nach alle dem Elend! Das Herz bleibt das Herz. Der Mensch bleibt der Mensch. -- »Laßt uns betrachten« . . . . wollte ich anfangen, aber ich mußte aufhören vor Weinen. Ich ging an den großen Häuptern vorüber, die ohne Kronen und Scepter, nur ein Täfelchen mit ihren Namen an den gedeckten leeren Tischchen, saßen -- bestaubt, blaß, in hundert Jahren alle todt, zerfallen, wie diese Wachsbilder bald zerschmolzen, in das uralte schwarze Element der Erde. Und ich sahe: Sie waren alle Menschen! Ich sahe, sie waren ja alle aus ihrem Volke! Sie thaten alles Mögliche für ihr Volk, in den Ketten und Banden der Zeit, die schleichen muß wie eine Schlange, nicht fliegen . . . . nicht auswandern kann, sondern daheim gebaut ist, wie Ulysses Bett auf den im Boden festgewachsenen Stämmen der uralten Olivenbäume gezimmert; unbeweglich wohl, aber theuer und werth ist, einzig werth; und wie Penelope daran, an diesem Geheimniß ihren lang verkannten Gemahl erkannte, so erkannte ich hier mein Vaterland! Aber ich stand wie ein Ehebrecher dabei -- wie der erschlagene Sohn meiner Großmutter, der seiner Mutter um ein herbes Wort willen auf immer entronnen und umgekommen war, und die arme alte Mutter saß daheim, zwar nicht mehr blind, aber ohne ihn elend, wie er elend ohne sie gewesen. -- »Laßt uns betrachten« -- wollte ich wieder beginnen, aber ich konnte kaum meine Gedanken alle fassen! Mir war auf der Reise die Flasche zerbrochen, welche mir der Wagehals mit dem Schwimmgürtel ausgehändigt. Ich hatte eine Stelle in seinem Lebenslauf, den ich der Welt einmal mittheilen will, noch vor Kurzem nicht verstehen können; jetzt, jetzt klar und gewaltig überkamen mich die Worte, wie Feuer vom Himmel: »Nichts ist feiger als Flucht! Die armen Elenden! Sie ihrem Schicksal zu überlassen und sich allein zu retten -- o Schaam, o Schande! Als wenn eine Mutter oder ein Vater ein krankes Kind, alle seine Kinder krank und gebeugt und hungrig zu Hause wüßte -- und an einer prächtigen Hochzeittafel tafeln wollte, sich allein es wohl seyn lassen wollte, in dem freien, fröhlichen, hellen, sicheren, prachtvollen Hause -- und nicht heimkehren! O Schaam! O Schande! Nicht heimkehren! Oder fortgehen! wenn sie ihm auch nur krank _geschienen_! Wenn er ihnen auch nicht helfen könnte, nur mit ihnen leiden, sie nur trösten, sie nur küssen! Ja, hier in Amerika ist das freie, das fröhliche, helle, das sichere, prachtvolle Haus. Ja, es ist hier so schön -- daß es eine Schande ist, es sich allein wohlgehen zu lassen, und nicht zu Hause zu sorgen, daß das Übel besser werde. Wo der Mensch besser werden kann, wo er am besten, am hülfreichsten, ja wo er nur am edelsten seyn kann, da ist sein Vaterland!«
So sprach ich mir ohngefähr in zitternder Gluth die Worte vor und vergab dem Manne. Ja, wie ich in Bremen gesehen meinen adligen Freund sich küssen an der Wand, so wußte ich es zu machen, daß ich meine Lippen an die Mauer drücken konnte -- denn ich küßte die Welt. _Ich_ war der Schatten hier. Und ich hatte in mir ein Gelöbniß gethan, still, aber fest wie der stille Fels. Nämlich das Gelöbniß: Als ein Deutscher nach Deutschland zu kehren, in ein . . . in mein Vaterland! Damit ich ein Vaterland hätte, und das Vaterland mich; damit ich nicht ehrlos, feig, selbstsüchtig, muthlos, rathlos, hülflos _scheine_, so sehr ich es _wäre_! Oder _war_! O, ich war es nicht mehr, denn ich fühlte mich froh schon daheim! O wie wollt' ich nun wirken . . . und weben und ruhig sitzen an meinem, an unserem großen Webstuhl, der uns Deutschland heißt: O, ich hätte Heiden bekehrt, geschweige deutsche Auswanderer! Jetzt war mir ein schwererer Stein vom Herzen, der Fels, der mich zu Tode gedrückt. Wie der Riese hatte ich wieder die Erde berührt, und alle ihre Kraft hatte mich geladen. Ich hatte aber noch Pflichten. Mein armes Weib war also umsonst gestorben. Die guten, die edlen Weiber haben immer Recht. In jeder Mutter wohnt die Stimme der Natur. Ich schrieb in meiner neuen Stimmung an Clöta, ließ neue Plane durchblicken -- ich legte ihr eine schwarze Locke von meinem Haupte mit in den Brief. Ich fühlte ein neues Leben -- gesund am Leibe war ich so schon geworden, ich fühlte das Leben neu. Sollte ich blind seyn? Herzlos? Undankbar? Denn was ist älter als alle Welt? Welches Gefühl? Und wie Josephine mich eher gesehen, und ich sie eher gesehen hatte, ehe wir Beide wußten, daß _meine Frau_ das Schicksal getroffen -- wie ich Josephinen also noch in eine lebendige Welt, als die letzte, die schönste Gestalt mit aufgenommen, nicht farbenlos, geisterhaft in die darauf erst mir aufgethane farbenlose, geisterhafte Welt der Geraubten, so war Josephine ja nun darinnen lebendig, und regte sich -- o sie regte sich wunderbar! Was ist der Mensch? -- Ein immer neues Wesen in der immer um ihn versinkenden Welt. Oder man sollte im neuen Lenz keine neue Rose brechen und an die alte Brust stecken, ja nur ansehn.
Darauf zog es mich ins Land hinein, links an den Wabasch. Schon der Name »Harmoniten« reizte mich. Ich wanderte mit meiner Tochter, wie in einem langen Traume, im süßesten Sonnenschein. Aber die Flasche konnte ja Unrecht haben, ich konnte nun erst am gewaltigsten irren, nun ich glaubte Recht zu haben! Das Gefühl, Unrecht gethan zu haben, verstimmt mit der Welt und macht blind auch. Und wollte ich billig seyn, ich konnte nicht leugnen: diese Deutschen in alle den Ansiedlungen, die ich nun antraf, schienen mein Heimweh überstanden zu haben! Denn sie schienen nicht nur, sie waren wirklich glücklich. Bei mäßiger, ja nicht der Rede werther Arbeit glückliche, harmlose Landleute. Sie waren keine Städter, keine von der alten Welt gebildete oder verbildete Leute, kurz keine Gelehrte, keine Vornehme gewesen. Und doch sagte mit ein Doctor, der hier zum Bauer geworden: »Welch Unglück ist größer, als eine große Stadt? -- Welche Lüste tauchen dort auf wie aus feuerspeienden Bergen und schwelgen sich satt! Hier im ganzen Lande, den einzelnen Meiereien, ist kaum ein treuloses Weib. Kein Spieler. Ich sage meine ganze Überzeugung: Es ist nichts schöner und menschlicher, als ganz an und mit der Natur zu leben! Versteht sich menschlich! Menschlich mit Blumen, die man tränkt, menschlich mit alten Bäumen, menschlich mit dem Lamme, dem Hunde, ja mit dem Bär im Walde und mit der Schlange. Denn durch Milde des Menschen sind alle Thiere zähmbar, dienstbar zu machen, und alle sind seiner väterlichen Stimme, seinem liebevollen Auge unterthan, denn die Thierseele ist auch noch ein Hauch von der großen Seele, wenn auch nur wie letzter rosiger Hauch an den Wolken in wunderlichen Gestalten, noch heiliges Licht der Sonne. Gartenbau, Feldbau, das ist das erste, mittle und letzte Geschäft selbst des einst ganz klaren, ganz großen Menschen, und im Schooße der Natur wird es am ersten, am schuldlosesten, wenn einmal die Flamme in ihm entbrannt ist -- und sie ist entbrannt! Und hier im Lande werden nur lauter Gärten seyn, lauter Gärtner und Bauern. Aber ein Bauer ist ein ungeheurer Kerl, groß wie Adam,« schloß er lächelnd. Der Doctor begleitete uns auf der Weiterreise, bis nach dem kleinen Flecken Fashionout oder Modelos, welchen Engländer angebaut, um der Mode zu entfliehn.
Mein Gott! wie oft des Tages mußte ich hier im Lande mein kaum gesagtes Wort zurücknehmen! Zu des Doctors Lob des Bauers hatte ich gesagt: In der freien Natur, in einzelnen Pflanzungen hebt das angeborene richtige Gefühl die Menschen über den kleinlichen, schwelgerischen, neidischen, erbärmlichen Verkehr großer Städte. Und hier gilt nur das Herz! Kein Rang, kein adliger Stolz, nicht Schaam einer niedrigen Magd. Man sieht, was in Europa die Seelen bedrückt, das Gefühl der Stände, des eigenen, von Jahrtausenden ausgedrückten Unwerths, das nicht zum Gefühl der _gleichen_ Menschenwürde empor gelassen wird -- nur fort nach Amerika. Ich mußte das Wort sehr bedingen. Denn der Doctor frug mich nun gern: »Warum wandern die so ziemlich freien Engländer aus? -- Um der Sclaverei der Mode zu entfliehn, der Jeder, der reich geworden, erst recht verfällt! Ein ruinirter Fashionable, den ich curiren soll, sagte mir erst gestern: die Mode ist die albernste Gesetzgebung, die kostspieligste; die Mode ist das Ungeheuer, welches Europa's Fleiß, der Männer und Weiber Schätze, Lebenslust und wahres Leben auffrißt. Die Europäer, vor allen die Engländer, sind die wahrsten Sclaven durch die Mode. Die Engländer -- denn ich bin keiner mehr, sagte er -- sind überall frei -- aber im Hause Sclaven! Es wäre besser, sie wären in der Nachtmütze, in Pantoffeln, bei der Suppe, bei Messer und Gabel frei, als frei überall außerdem auf Land und Meer. Alle Künste müssen darüber zu Grunde gehn, alle Künstler, kurz Land und Leute. Die englische Gesellschaft und ein jeder Abdruck derselben umher ist die erbärmlichste auf dem Erdboden, und wenigstens zehntausendmal erbärmlicher als die chinesische, wo doch viel zu merken und viel zu lernen ist; aber Alles auf Zeit Lebens, auf das Leben vom Urgroßvater bis zur Urenkeltochter und immerdar in die selige Ewigkeit. Hier in Fashionout beobachten wir Menschenanstand, und kleiden uns und leben nach Wetter, Bedarf, Vermögen, Gesundheit.«
Ich aber dachte, daß Deutschland 2500 Städte hat und 40 Millionen deutsche Zungen, Seelen, oder _Mäuler_, wie die Chinesen sagen, und Großmäuler, wie die großen Deutschen gern sagen.