Part 8
Aber sie sprach, jetzt ernstlich besorgt: Sie sind hungrig! Ich lebe jetzt auf dem Lande und war gestern nur auf ein Huschchen hereingekommen, doch ist hier Rath. Und schlank und flink, willig und gutmüthig, ja fast gehorsam, als wäre sie selbst eine weiße Sclavin, eilte sie, rief sie, besorgte sie; und athemschöpfend und rosig und heiter kam sie wieder. Mein Gott! mußte ich sprechen und seufzen! Sie hatte mir, ehe sie wiedergekehrt, die mir fehlenden Kleidungsstücke mit einer jungen Sclavin, schwarz wie eine Schnecke, aus dem Wagen geschickt. Dieselbe bediente uns bei Tisch, an welchem wir uns Beide gegenübersaßen, und uns von der überstandenen Angst und der Nacht erzählten. Die kalten Speisen, die Früchte, der Wein, Alles war köstlich, und ein heitres Mahl läßt Alles heitrer betrachten. Und doch kostete sie kaum von Einem oder dem Andern, wie Kinder. Und doch ward ich immer trauriger mit jedem Glase Wein, ob er gleich Amerikaner war. O wie hatte ich mich auf den ersten Bissen Amerikanisches Brot gefreut! auf den ersten Trunk Amerikanisches Wasser! Ich dachte zu Hause an unsre letzte Mahlzeit, ja mein Diakonus stand wieder vor mir, und hielt um Maria an; ich lächelte, und Josephine lächelte hold unbewußt. Darauf nahm sie ein, vielen deutschen Bürgermeistern und Andern noch wohlbekanntes Russisches Instrument, eine Knute von der Wand, aber ländlich zierlich mit schöner bunter Schlangenhaut überzogen und aus Schlangenhaut geflochten. Wir gingen hinab in den Hof, in dessen Mauern vor den Gebäuden die Sclaven standen, die im Glauben, ein Unrecht gestern begangen zu haben, auf ihre Kniee fielen. Sie hatten das Lied gesungen . . . .! Ich sollte es bezeugen! Da knieeten nun die Kinder jener ersten Kinder der frühsten anfänglichen Erde, noch schwarz wie ihre ersten Ältern unter der überall heißen Sonne. Und ihre kleinen Kinder hoben neben den Müttern die kleinen schwarzen Händchen in die Höhe. So weit hatten sie es also in Jahrtausenden gebracht! So weit das weiße Geschlecht! Ich bat für die Armen, die nichts verbrochen, als daß sie die Freiheit wünschten. Ich mußte lange bitten, während ihre Herrin mit von mir abgewandtem Gesicht langsam umherging. Endlich wandte sie sich plötzlich um und sprach: »Ich habe Allen sogleich verziehen, Glauben Sie es! Aber es ist gar so hold, wenn Sie bitten; ich weiß nicht, es macht mir recht innerlich Freude.« Sie rief sechs Mädchen herbei und sagte ihnen: »Ihr habt Euch verheirathen wollen, so macht denn heut Hochzeit, und Alle freuen sich mit Euch!«
Kein Hund, kein Mensch kann sich so bedanken, wie diese von einem guten Worte Glücklichen. Josephine konnte sich nicht ihrer wehren, und sie wies auf mich und sagte: »Danket dem Herrn hier!« -- Nun umkniete mich der Schwarm, und ich sagte ihnen: Danket dem Herrn Jesus Christ! Da tiefen Alle: »Ah, Monsieur Jesus Christ! Monsieur Jesus Christ -- quand viendrat -- il en Amerique?«
Mich frug dann ein alter Neger genauer. Er glaubte: Ihr Freund lebe bei Uns! aber außer seinem Namen wußte er kein Wort von ihm. Die Neger hatten nur jeder einen Namen; von einer Taufe wußten sie nichts, auch nicht, daß ein Pfarrer die jungen Paare trauen werde. Das mußte nun wohl einen Pastor verdrießen, aber nicht grade einen Lehrer und Prediger. Dafür dankte ich meiner gütigen Wirthin für ihre Güte . . . und es mußte gesagt seyn -- ich dankte ihr auch, daß sie mein Weib so gepflegt, und sie, die Unbekannte, so dankenswerth habe begraben lassen! Nun war mir der Stein vom Herzen.
»Aber mein Gott!« . . . rief Josephine, und trat einen Schritt auf mich zu. Sie war blaß, ganz blaß geworden, ihre Arme hingen an ihren Schenkeln herab, und die Hand ließ noch eine wundervolle, tellergroße, rothe Blüthe fallen, und ihr Köpfchen neigte sich auf die Brust. Welche Gedanken sie im Innern überwältigten, wie sollte ich es bedenken, ich, dessen Herz so voll war, dessen Augen sich füllten. Endlich lispelte sie, wie zu sich selbst, ohne mich anzusehen: -- »also der unvergleichlich schöne Knabe, das war seyn Sohn! Und wie erkannt' ich nicht gleich den Vater! Ist er ihm nicht ähnlich, wie der halbgefüllte Mond dem vollen Mond?« Und zu mir gewandt sprach sie mit Thränen in den Augen: »Ich hatte den Knaben so lieb, drum schickt' ich in Zeiten ihn fort!«
Was sollte ich sagen? -- Mein Geschäft hier war zu Ende. Mir blieb nichts als zu scheiden, aber erst Abschied zu nehmen; jedoch bei den ersten Worten dazu fragte sie mich, während ihre großen Gazellenaugen mich treuherzig ansahen: »Und wieder in alle Welt schon wollen Sie hin? Wohin? Habe ich Sie beleidigt? War ich zu heiter -- war ich zu aufrichtigen Herzens? Ach, viel im Leben hängt davon ab, in welcher Reihenfolge wir etwas vernehmen, in welcher Gedankenfolge ein Mensch den andern sieht . . . . o, ich war so heiter! Und alle die Angst!«
Ich bat sie nur Eins: zu verschweigen, daß die Fremde hier gestorben sei, damit es meinem Knaben, damit es meiner Tochter ein ruhiges Geheimniß bleibe . . . .
»Ihrer Tochter!« sprach sie fast betreten. »Sie haben . . . .?«
Ja, sie ist hier; hatte ich kaum gesagt, als meine Maria schon vor mir stand, und hinter ihr Wilberforce. Die Unruhe hatte sie hergetrieben. Josephine stand lange vor ihr mit niedergesenkten Augen, den Mund fein geschlossen; sie getraute sich aus reinster Schaam, ja Beschämung nicht sie anzusehn. Ja, in dieser befangenen Stellung sprach sie zu ihr, begrüßte sie, hieß sie willkommen, ja reichte sie ihr eine langsame Hand, die sie gleich wieder zurückzog. Sie erblickte im offenen Thor die sechs Schwestern, die auch vom Schiffe an's Land gekommen; sie sahe mich fragend an, sie ließ sie einladen; und während Wilberforce ging, und nachdem sie von mir gehört, welche Absicht sie hätten, versprach sie mir schon im Voraus, sie alle bei sich zu behalten, wenn ich auch das erlaube . . . . oder vielleicht auch die Tochter . . . wenn ich gehe, damit sie nicht ganz allein sei. Und den Schwestern entgegen wandelnd, vertraute ich dem treuherzigsten Geschöpf von der Welt, daß sie eine sonderbare Braut sei mit Master Erwin; die Ursache ihrer Scheu vor ihm, als einem so grausamen Mann, der Sclaven halte, und nun seine Scheu vor ihr. Aber zu meiner Verwunderung fand sie sein Anhalten sehr natürlich. O der Mensch ist blind über gute Menschen; dann wie ich hätte Ursache gehabt mich zu freuen.
Nun mußte ich bleiben. Ich ging darauf allein zu Erwin, um meine Sachen alle zu Josephinen tragen zu lassen. Er war das zufrieden; auch daß meine Maria bei ihr bleibe, war er zufrieden, ob er mir gleich mit Achselzucken vertraute, daß Josephine, als Abkömmling von schwarzer Haut, bei keiner ganz weißen Haut in irgend einer menschlichen Achtung stehe; so schön, so seelengut, so achtungswerth, ja so reich sie sei -- denn sie sei die Wittwe seines Bruders, und wahrscheinlich, wie er sich einbilde, sei ich nur durch Namensverwechselung an ihr Haus gewiesen worden. Ohne etwas zu ahnen, hatte er damit nur mein Weib gemeint.
Also ihr Bruder ist todt? wollte ich fragen, aber ich vermied aus eigener Trauer die Frage. Er versprach mir zur Reise den Todtenstrom hinauf alles Erforderliche anzuordnen; er selbst habe Hoffnung zum Senator gewählt zu werden, und dann müsse er mit, oder nach mir -- denn er habe noch Vieles und Schweres zuvor zu besorgen -- nach Philadelphia, nach Washington. Dabei gab er mir wieder die Hand, und schüttelte sie dreimal, wie in Bremen auf der Straße, als er die wohl von Eifersucht ausgepreßte Frage an mich that. Das war mein ganzer Bescheid! Ich mochte verdrossen aussehen, aber er lächelte kaum bemerklich. Das ergrimmte mich noch mehr. Meine Hoffnungen waren zu Wasser! Die Auswanderer waren schon lange in's Land, den Strom auf einem der hundert Dampfschiffe hinauf! Nur den Wilhelm fand ich allein, den ich mit mir nahm. Ich traf zu Hause, so mußte ich schon sagen, aber meine Tochter nicht mehr, Josephinen nicht mehr, sondern nur einen angespannten, auf mich wartenden Wagen, der uns im Fluge hinaus nach dem prächtigen Landsitz brachte.
In den wenigen Tagen, die ich darauf noch hier blieb, hatte sich Josephine an die dritte der sechs Schwestern, an die schöne Clöta gewöhnt, die französisch verstand, sie lieb gewonnen; und gegen meine Maria war Josephine verschämt, aber mild, und so war auch meine Tochter verschämt vor ihr, aber mild. Gegen mich war Josephine gelassen, ernst, düster, so anständig und zart, wie ich kaum je ein so junges Weib, ja nur eine Jungfrau gesehen. Schien ich etwas zu wünschen, so sprang sie in der ersten Zeit noch behend auf wie ein Reh, aber sie kam wieder und hatte nur für sich etwas geholt. Mir war sonderbar zu Muth. Manchmal, wenn wir neben einander am Abend in den schattigen Gängen ihres Gartens wandelten, und die große, hier himmlische Abendsonne durch Lücken der blühenden Akazien und Magnolien ihr Gesicht und Schulter vergoldete, da, um ein aufrichtiger Mann zu seyn -- fiel folgendes Gespräch in mir vor:
-- Mein liebes Weib, Du bist ja doch nun todt einmal, also auf immer! Ich lebe noch -- auf dem Gipfel des Lebens. Der Hinuntergang ist schlimmer als der Hinaufgang. Wie viel Gutes und Schönes würde ich für mich und die Kinder erlangen, mit dieser Gestalt . . . . . wenn ich Muth hätte!
-- -- Unterstehe Dich! und sag' ihr ein Wort! sprach meine Frau, die als Erscheinung der Seele mir klar, sogar sichtbar vor meinen Augen in dem Schattengang schwebte, und uns nicht von der Seite wich, -- und näher mir wiederholte: Unterstehe Dich das! Und jetzt schon! O Du Undankbarer! Denn war ich nicht eine Adlige, die Dir ihre Hand gab? Und ist diese arme Person hier nicht eine Namenlose, eine Unehrliche im Lande? Mucke!
Da schwieg ich eine Weile. Dann fing ich doch leise wieder an: Aber wenn ich sie nach Europa nähme mit alle den Sclaven? Und ehe wir reiseten, könnte ich Dir lassen ein prachtvolles Mausoleum erbauen mit Deinem Wappen; und vor meinem Namen wollte ich lassen ein »Von« einhauen damit ein Jeder hier läse, daß Du keine Mißheirath gethan!
Lügen willst Du sogar? sprach das Luftgebild. Ich sehe schon, wie Du denkst. Ich bin verloren, aber zum Glück bin ich todt!
Nein, sprach ich, Du sollst meine innere, geistige Frau seyn, und diese hier meine äußere, leibliche.
O sie ist schön! sprach meine geistige Frau; um mich in Versuchung zu führen.
Soll ich ihr hier ungesehen zu Füßen fallen? Ach, ich dürfte nur ihre Hand ergreifen -- und ich denke, sie fällt mir zuvor um den Hals.
Da schrie meine Frau auf, und fuhr zwischen mich und Josephine, die sich mit dem Arm an eine Cypresse gelehnt, und der sinkenden Sonne nachsah, aber mit zugeschlossenen Augen. Ich selbst aber hatte den Schrei meiner Frau mit meinem Munde ausgestoßen -- so daß die Vögel erschreckt von den Zweigen flogen -- daß Josephine mich ansah, und erstaunt sah, wie ich zitternd und bebend und ganz blaß vor Schrecken dastand, wie aus dem Himmel gefallen; aber ich war nur aus dem innern Hause des Menschen heraus auf die lebendige Erde getreten. Und ich schämte mich und schwieg. Und sie frug nicht. Und so blieb es. So blieb sie. So blieb ich. Ein Wittwer ist eine besondere Person. Aber ich dachte auch manchmal: auch eine Wittwe ist eine besondere Person; nicht Jungfrau, nicht Weib, nicht Mutter -- denn Josephinen stand dereinst erst dies Glück bevor. -- Ach! es sollte nur Wittwen geben von 70 Jahren, und Wittwer von 80! Der Tod, besonders der frühe Tod stiftet allerhand Unheil.
So ein Gespräch wäre mir, in Allem ehrlichem Manne, wahrlich nicht vorgekommen, wenn ich nicht auf immer aus dieser Gegend nun scheiden mußte; Josephinen auf immer zurücklassen. Und die Trennung ist ein Wurm, der die Früchte zu früh reift -- daß sie abfallen. Es war ein Gedanke gewesen zum Besten meiner Kinder, zum Besten der armen schwarzen Kinder der Erde. Ich schrieb einen ausführlichen, lehrreichen Brief in die Heimath, an mein Volk -- dessen Gesandter ich war; an meinen Sohn. Meine Tochter schrieb an die Baronesse Freysingen, an ihren kleinen Bruder, und -- was ich heimlich mit Thränen sah -- sie schrieb einen langen, herzlichen Brief an ihre Mutter, die aber nicht weit von ihr in der freien Erde lag. Sie versprach ihr, recht oft zu schreiben. Dann besprachen wir, neben Josephinen sitzend, unsere Reise. Meine Tochter wollte mich nicht verlassen und fiel mir um den Hals. Josephine sagte mir am letzten Abend blos gute Nacht wie gewöhnlich. Aber am Morgen war sie schon früh abgereiset . . . . nach der Stadt in ihr Haus. Dafür fand ich in unserem Dampfschiff unsre Karte für mich, für Maria und unsern Wilhelm _Mosburg_ bezahlt; wir fanden Körbe voll köstlicher Speisen, voll Wein, voll Früchte. Aber auch meine Tochter fand nach dem Wirrwarr des Morgens jetzt erst im Schiffe: daß das dreifache Halsband mit den großen Diamanten von Josephinen ihr um den Hals gebunden war. Das deutete auf ewigen Abschied. Das konnte Niemand gethan haben, als sie -- des Nachts -- und wir sahen uns an und weinten fast Beide. Mein Kind wollte wieder an's Land, es zurückstellen, Gewißheit haben, doch danken. Aber das Schiff ging schon sausend den heiligen Todtenstrom hinauf in das heilige Land, einen Urgarten der Erde, das künftige Paradies der schwarzen Kinder, denn hier konnten sie allein arbeiten und gedeihen. Ihnen gehört es also von Natur. Nicht den Weißen, denen es eine Schande geworden, etwas zu thun, weil sie nicht können.
Ich finde in meinem Reisebuche bemerkt: »Hier waren also _alle_ Weiße adlig, oder fühlen sich so; und alle Schwarzen -- Canaille, und fühlen sich nicht so; bei uns sind es doch nur einige berühmte Geschlechter -- gewesen. In den nördlichen Staaten darf sich sogar kein freier Neger niederlassen.«
Unser Dampfschiff ward, nach der neusten Erfindung, selber mit Wasser gefeuert. Und so fuhren wir, auf der größten Silberader, der Saugader des Landes, in welche 40 große Silberadern sich ergießen, auf dem Missisippi, nach und nach in immer höheren Ufern hinauf. Meine Tochter ist niedergeschlagen. Aus Einem Grunde. Ich bin niedergeschlagen. Aus dreifachem Grunde! Unsere Reisegefährten waren nicht heiter, und erheiterten sich und uns wenig. Viele Amerikaner reisen zu ihrem Vergnügen; und da Europa zu unerheblich oder Asien zu weit ist, so reisen sie im Vaterlande und lernen es kennen und schätzen. Denn wahrlich hier ist ein Vaterland! Und wer wollte den Menschen den Stolz darauf verargen! Wer sich darüber ärgern? Ach, eher kümmern! Aber in dem Gesicht des Amerikaners liegt etwas Unerklärliches. Nicht Tiefsinn, nicht Muthlosigkeit, nicht Schüchternheit, nicht Verlegenheit; aber die Stille einer großen Zukunft, und eine bescheidne und doch schmachtende Begierde danach, und eine fast kindische Befangenheit und ein Bangen, wie eines Bräutigams, ruht auf den Gesichtern. Mir kamen sie vor, als wenn sie selber auswandern sollten -- in ferne, ungekannte, schöne Tage! Daher die heimliche Unruh, der eigene gedämpfte Blick, ein fast komischer Ernst und eine heitre Trauer! O wie rührend und schön ist der Jugend Gesicht! Ich seufzete selbst über alte Männer! Und auch die jungen Städte des Landes, groß angelegt aus ungeheurer Hoffnung und doch noch in ihrer Kindheit -- rührten mich. Baton; Francesville; Fort Adam; Natchez; Huntson; Warren. Old-Arkansaw gegenüber, kamen Auswanderer den Arkansaw herab, die sich, nicht Alle, aus einem Überfall der noch nicht weit genug vertriebenen Wilden gerettet. Wir mußten sie aufnehmen; es waren Neu-Griechen, die sogar erst seit dem Frieden ihr königliches Vaterland verlassen; ein _griechischer_ Bischof führte sie. Das zeigte deutlich, welche Furcht sie hinweg getrieben. Nach und nach wußten wir um Namen, Vorhaben und Vermögen fast aller Mitreisenden. Und so ward denn ein junger Mensch von etwa 22 Jahren, so hübsch und anständig er war, von den Meisten zuletzt vermieden. Darum grade suchte ich seine Bekanntschaft. Und nach einigen Tagen konnte er nicht über das Herz bringen, mir nicht sein Schicksal zu klagen. -- »Man hat mir meinen Vater erschlagen,« sprach er betrübt und zornig, und ich habe als Sohn es so weit gebracht, daß sein Mörder nun hingerichtet wird, ein Ansiedler in Kentucky, dem er Landeserzeugnisse verkauft, und ihn dabei vielleicht zu sehr gedrückt hat; denn im Inlande ist kein Geld, und ganz ohne Geld kann Niemand bestehn, weil doch nicht Jeder Alles erzeugt. Mein Vater war ein Aufkäufer, die freilich überall hier so verhaßt als unentbehrlich sind. Auch hätte er längst in seinem Alter von 60 Jahren ausruhen können, da er die schönste Besitzung in Ohio hat. Aber er hoffte noch immer seinen Sohn, meinen älteren Bruder, zu finden, der ihn verlassen hat, weil der Vater wirklich fast unerträglich sich gegen ihn benommen. Aber hier ist es vergebens, einen Menschen zu suchen. Der Zufall allein thut oft Wunder, wie ich schon gesehen, so jung ich bin. Mein Vater stammte aus Deutschland, und er selbst scheint auch seinen Ältern heimlich davon gegangen zu seyn; denn alle Weihnachtsabende hat er zwar nach Hause geschrieben, aber nie die Briefe fortgeschickt, sondern sie alle gesammelt und sorgfältig vor uns verschlossen. Auch hat er nie einen Brief empfangen, so unerhört es ist, daß Einer auf unsern 7000 Postämtern verloren geht. Hier ist Jedermann unbedingter Herr selbst von dem höchst achtbarsten Vermögen; der Vater kann frei Einem Alles, den andern Kindern Nichts vermachen -- mir hatte mein Vater Alles vermacht, und so konnte ich unbesorgt meinen Bruder suchen, und hatte ihn glücklich gefunden. Ich bewege ihn glücklich, mit mir zum Vater zu reisen; er ist nicht daheim; wir reisen ihm nach; -- er ist nicht auf der Meierei, von wo er doch nicht fortgereist war. Unser Neufoundländer Hund findet seyn Geripp in einem Ameisenhaufen der großen Ameisen. So sah der Sohn den Vater wieder. Und nun macht man mir Vorwürfe, daß ich das Gesetz angerufen, und sagt: »Hier wird Niemand hingerichtet! Man bessert! Und unsere Anstalten dazu sind die erfolgreichsten auf Erden. Wir haben nur noch die Todesstrafe auf qualificirten Mord, und sind insofern noch dem alten Judengott zugethan, dem: Auge um Auge, Zahn um Zahn; wenn die Europäer -- welche hier nur die Verwahrloseten heißen -- noch das halbe Judenthum, und das ganze römische Heidenthum in ihrem italiänischen Glauben und römischen Gesetzbuch haben! Statt tausend Straftitel haben wir die Geschworenen, die es so christlich machen können, als sie wollen; auch das ist nicht verboten, und je weniger diese ehrwürdigen Männer von Gesetzgebung und Wesen wissen, je einfacher sie sind, ja wenn sie blos ein Menschenherz im Leibe haben, desto vollkommner sind sie, desto ehrwürdiger. Aber sie sprachen den _Mosburg_ nicht frei, weil sie grade glaubten, einem Mörder müsse es eine Wohlthat seyn, Strafe zu leiden; denn auf Wiedervergeltung beruhe das Weltgericht, und sonst brauche keines zu seyn. Aber das müsse ja seyn, sonst werde die Tugend ja auch nicht belohnt im Himmel, und ewig, ewig.« --
Ich war über ein Wort in der Erzählung erschrocken, und bebte über den Namen _Mosburg_, denn so hieß der Vater des Knaben, seines noch einzigen Kindes, des armen Wilhelms, der neben mir zuhörte, aber zum Glück nicht Englisch verstand. Sein Vater wohnte bei Perkins. Und so frug ich in Gottes Namen, wie der Ort heiße, wo der Mosburg wohne, oder gewohnt.
Er nannte mir unbedenklich den Ort. Es war _Perkins_! --
Meine Tochter ging von uns und weinte. Sie führte den Wilhelm mit fort, und zeigte ihm den schönen Abendhimmel und die grünenden Berge, wie ich von fern an ihrem ausgestreckten Arme bemerkte. Dann setzte sie sich, und hatte ihn vor sich umarmt, und ich sahe, er trocknete ihr die Augen mit ihrem Tuche.
Mosburg lebt doch noch? frug ich weiter.
»Ich reise zur Hinrichtung. Es werden Tausende bei diesem seltnen, fast erloschnen Schauspiel zugegen seyn!« sprach er.
Ich war froh. Ich konnte dem lebenden Vater doch den lebenden Knaben bringen! Und wir beschlossen zusammen zu reisen. Ich, wie ich sagte, blos aus Neugier.
Einige vertheidigten dann auch den braven Sohn mit den Worten: »Wenn wir Amerikaner endlich einmal ein rechtes; Volk, ein Muster- und End-Volk werden sollen, so müssen Alle für Alles solidarisch einstehen, so weit es Menschen möglich ist; für Mord und Brand, Diebstahl und Schaden in aller Art; Jeder muß das Recht, ja den Beruf haben, statt eines Andern zu klagen, der feig oder gefühllos es selbst nicht kann oder will. Dann sind erst die Staaten ein wahrer Rechtsstaat, bis dahin ist Alles nur Pfuscherei! Der Freie muß Alles dürfen und können, was recht und was gut ist.«
Man lobte zum Einwandern besonders mir Indiana, das herrliche; Illinois, ja Einer sagte: »Wer redlich an die Zukunft denkt, der thut wohl, sich ganz im Westen am Meere, am Columbiastrom niederzulassen, auf den Fall, daß es mit Europa aus ist und aus wird, und wir die Kräfte nach Asien wenden. Haltet Ihr die Natur für so kurzsüchtig und albern, daß sie sonst dort nach Abend einen solchen allmächtigen Strom hat fließen lassen, und so lange umsonst. Sie könnte ihr Wasser ja besser brauchen.« --
Und so wäre ich lieber in Indiana gereiset, statt nach Kentucky mit Sclaven, aber das Schicksal trieb mich hin; und ich rathe keinem Menschen, auf Reisen eine Commission anzunehmen -- denn wie bitter war mir die meine! Aber das reichliche Reisegeld von dem guten Prinzen für den Knaben reichte für mich und Maria. Noch zog mich ein Anderes an den jungen Mann. Nicht, daß er reich und wohlerzogen war, und täglich auf die bescheidenste Weise meiner Tochter gefälliger war, die sie selber rührte, ob sie gleich innerlich fest an ihrem sonderbaren Freunde Erwin hing; und ob ich gleich mit zu jener schlimmsten Art der Väter gehörte, nämlich zu denen, die Töchter haben, und Luchsaugen haben möchten, um jungen Männern in die Herzen zu sehen, wem sie das Beste, was sie haben, einmal anhängen können. Das ist die abscheulichste Sorge für einen Töchter-Vater. Ein Sohn- oder Zehn-Söhne-Vater ist glücklich. Denn die versorgen sich selbst, und müssen und können ihr Schicksal machen. Und meine Tochter war mir so gut wie wiederum auf dem Halse, was mir nur schwer fiel, weil ich mir schon eine lange glückliche Zeit diese Bürde eines Tochter-Vaters erleichtert gefühlt. Doch, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, das Alles war es nicht, was mich an den jungen Mann zog, sondern es war die Neugier, die Wißbegier -- für meine alte blinde Großmutter -- es war der _Koffer_ des jungen Mannes, auf dessen vergoldetem Schilde der Name: Marfolk stand. Das bemerkte ich, als er das Schild sich zerbrach, die zwei Stücken verschoben neben einander lagen, so, daß sein Name nun »Folkmar« zu lesen war. Das gab mir einen Stich in meiner Großmutter Herz. Ihr Sohn, ihr August war also erschlagen -- und kam nie wieder? Der Name Volkmar konnte à la Norfolk nur Marfolk englisirt seyn. Denn der Vater war ja ein Deutscher. Der junge Mann bekannte sich zwar zu dem Koffer und zu dem Namen. Aber so fein und plump ich mehr zu wissen versuchte -- er wußte nicht mehr.