Part 7
Das heißt Krieg, sagte Napoleon, sprach ich, und das heißt Seefahren, und man kommt wohin, und wohin? mein Tolera! Denk' Er doch! -- Am Morgen war uns die Küste wieder zu dem heraufdämmernden Streifen eines Traumes geworden. Die Hitze ward unausstehlich, und die dicksten Männer ließen sich an Stricken unter dem Arme und an das Schiff gebunden eine Stunde lang durch die frische Flut nachschwemmen. Unser Schiff ward gewaschen und neu angestrichen, damit wir, wie Garden geputzt, wie von einem bloßen Spaziergang heiter in das heitre Land einzögen.
Endlich erreichten wir die Mobile-Bay, und den Meerteich vor dem Hafen von Neu-Orleans. Hüben und drüben grünende Küsten, flach wie Ägypten, mit Tulpenbäumen, Akajous, Wachsmyrthen, mit Feigenbäumen, Orangenbäumen voll Früchte, ja mit Palmen!
Wir begegneten ein großes Amerikanisches Kriegsschiff. Es war ein Man of War, ein Seeheld vom ersten Rang. In schweigender Majestät. Und Tolera sagte: Columbus sahe nur grüne Zweige treiben und schloß auf das Land. Solche Früchte aber lassen auf einen Riesenbaum schließen. »Es leone unguem!« Die Sonne stand uns im Rücken. Ein Frühlingsgewitter zog segenverstreuend in's Land. Ein breiter, prachtvoller Regenbogen bildete ein himmlisches Thor zu dem herrlichen Lande, hoch und weit geöffnet vor uns, wie von bunten, hellen, dreifarbigen Blumen bekränzt! Vor Entzücken glaubten wir selbst an dem himmlischen Thore die himmlische Überschrift mit Gold geschrieben zu sehen:
FRIEDE. BROT. FREIHEIT.
Die Kanonen hallten. Wir waren da! Wir umarmten uns Alle durcheinander vor Freuden! Wir weinten wieder einmal recht aus Herzens Grund, wie die Kinder. So steuerte uns der Lootse in den Hafen, unter die hundert Schiffe, der Stadt näher, nahe, dicht hinan. Wir hatten nicht Augen genug! Und als der Anker fiel, als die Segel alle nach und nach eingezogen waren, als das Schiff stand, -- als Alle aus tiefer Brust dem glücklichen Capitain das »Hurrah!« riefen, da erwachte ich wie aus einem Traum. Ich rieb mir die nassen Augen. Es überfiel mich mit Todesangst: Du bist fort! Ein tausend Meilen breiter Meerschwall trennt dich . . . . ich wußte nicht von wem? von was? Aber es lag eine Gewalt in dem stillen, unbekannten, verlornen Etwas, daß ich in einen Winkel hinter das große Steuerrad ging und bitterlich weinte. Auswandern -- sterben! Doch auch: Auferstehn! sprach ich wieder zu mir. Steh' also auf aus dem Grabe! Steh' auf in der neuen Welt, mit neuem Leibe und neuer Kinderseele!
Ein Gesundheitsbeamter kam -- er fand uns Alle gesund, und wir durften an's Land! -- Aber bald murmelte es in der verworrenen Menge der an's Land zu steigen Begierigen: »Das gelbe Fieber ist in der Stadt! das gelbe Fieber!« Und vor Schrecken legten die Meisten ihre Bürden wieder hin und sahen sich an. Es ward Abend über uns, und wir hatten uns nicht gerührt. Nur um den großen Todtenstrom, den furchtbar angeschwollenen, fünftausend Fuß breiten Missisippi zu sehn, dessen gewaltiges Rauschen und Tosen wir über den Damm weg hörten, stiegen wir nach einander in den obersten Mastkorb. Große Ströme und große Völker gelangen schwer in den Ocean der Zeit! Sie führen zu viel Ballast mit sich, und verwälzen sich selbst ihr Ende mit Staub der Erde. Nur hohe Dämme führten den gewaltigen Strom noch mühsam durch das Delta, durch die vielen Bayous in's Meer, und nur weil er in Empörung war! Sonst versiegt er wie der Ganges, wie der Nil, wie der Rhein, und wie ihre Völker, und die Pest herrscht in Calcutta, in Ägypten und hier. Dies Ende der Völker und Ströme, diese Lehre der Natur stimmte mich herzhaft! Ich ließ meine Tochter in dem sichern anständigen Schiffe, selber Erwin bat sie darum, und sie folgte doppelt gern. Ich mußte mein gutes Weib aufsuchen! Meinen Knaben! Ich fuhr auf einem kleinen Boot mit einem Führer an die Schiffe, welche in diesen Tagen vor uns schon Auswanderer mitgebracht. Ich fand glücklich den Capitain, der mein Weib und Kind übergeführt. Er nannte mir das Haus, wohin sie mit dem Knaben sich gewendet. Ich bat darauf meinen Freund um seinen Neger Wilberforce; und sauber gekleidet und glühend im Gesicht ging ich in der Abenddämmerung mit ihm dahin. Er trug meinen Mantel und mein rothes Saffian-Kästchen. So drängten wir uns durch ein Gewirr von Menschen, und daß ich auch so schändlich unterscheide -- durch unzählige Sclaven, von welchen sehr viele nur Einen Arm hatten, der ihnen von ihren Herren weggehauen worden, wenn sie ihn auch oft nur zufällig gegen denselben erhoben. Alle wichen mir als einem Weißen aus, schon von Weitem. Aber Alle sahen düster, ja gefährlich aus, und ihre Augen funkelten und desto greller in der sinkenden Dämmerung. Das ersehnte war ein ziemlich einsam stehendes prächtiges Haus mit großem Erker mit Spiegelscheiben, in denen der Abendschein glühte. Der treue Wilberforce meldete mich unter dem Namen eines französischen Obersten. Das sey der geringste Titel, den ich mir geben müsse, meinte er. Ich dachte an das Wiener »Gnaden« und ließ es geschehen. Ich ward angenommen. Alles prachtvoll im Hause! Kostbare Teppiche auf der Treppe. Ein glänzendes Vorzimmer. Ein unbeschreiblich liebliches Zimmer, worin ein Weib auf der Ottomane lag, sich halb aufrichtete, als ich hereintrat; und als ich ihr näher trat, und ihr doch noch zu fern stehen mochte, als daß sie in dem abendroth dämmernden Zimmer, wie sie wünschte, mich sahe -- da stand sie ganz auf, und leise, leise bog sie ihr Köpfchen vor. Es war mein Weib nicht. Aber da ich mit unbeschreiblicher Sehnsucht, mit dem Lächeln, Jemand zu überraschen, mit der Freude: Freude zu machen, mit großen, gewiß leuchtenden Augen nach ihr gesehen, so hatte ich auch gesehen, daß es ein Weib war, schön, wie die Kaiserin Josephine in ihrer blühendsten Jugend gewesen seyn mag; aber solche Augen voll Seele, groß und mild, solch einen Wuchs, solche Glieder hatte ich noch nie gesehen. Es war, ihrem nur wie mit einem Hauch vom lichtesten, fast weißen Braun behauchten Gesicht, dem Hals und Nacken und den Armen nach, eine Quarterone, die, ein Theil Indisch, zu drei Theilen Weiß gemischt, meist zauberisch schön sind. Mit dieser Neugier, dieser Verwunderung, ich will nicht sagen Bewunderung, sah ich sie an. Sie lächelte, wie ich sie so ansah. Wir waren allein. Ich schlug die Augen nieder. Dann glaubte ich Geräusch hinter den Vorhängen ihres Schlafcabinets zu vernehmen -- und ich blickte mit Sehnsucht dahin! Aber es trat Niemand heraus! Nur ein buntgefiederter Ara hatte sich in seinem Ringe geschaukelt und mit der Kette gespielt. Sie hatte sich wieder gesetzt. Und ihr Blick stieg jetzt langsam von meiner Fußspitze an mir herauf und blieb dann an meinen fragenden Augen fest geheftet, bis jetzt _sie_ die Augen niederschlug, und vor sich hinlächelte, wie ich nie gesehen.
Ich ward roth, ich fühlte es, über ein mögliches, wenn auch noch so ehrenwerthes oder holdes Mißverständniß, und so wollte ich, alle Schleier zerreißend, nun, leise jedoch, nach meinem Weibe, meinem Knaben fragen -- denn auch er stürzte dem Vater noch nicht in die Arme . . . . oder hatte sie mich in dem Briefe gutmüthig getäuscht, oder ich mich gutmüthig im Schiff -- aber wie dann doch der Capitain des Schiffes . . . . so überlegte ich noch . . . . aber eben deswegen wollte ich ja fragen, fiel mir, von dem jungen Weibe ganz Verworrenen ein -- da sprang sie plötzlich auf und stieß einen Schrei aus; und wie erschrocken darüber, daß sie so laut geschrieen, hielt sie sich doch gleich selbst mit der kleinen Hand den kleinen Mund zu -- ich blickte im Zimmer umher -- es war hell! ich blickte nach dem Fenster -- ich sah Gluth. Feuer ging auf in der Stadt. Schon schlug eine hohe Lohe empor. Rauch quoll auf Rauch, und die Feuersäule stieg himmelan. --
Die schöne Frau zitterte am ganzen Leibe; ihre Zähnchen klapperten vor Schrecken, und Furcht. -- »Sehen Sie dort! Dort auch!« -- sprach sie auf französisch, mit gedämpfter, hastiger, ängstlicher Stimme, deren Drang und Laut mich innig durchscholl und bewegte. Und als sie einige Schritt auf die Gluth zu gethan, rief sie in höchster Bestürzung: »Und dort! Dort auch!« --
Sie sank auf ein Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen, und ihr volles Haar fiel schwarz und auch wie schrecklich über sie herab, mit den Spitzen bis auf den Teppich. -- »Ich bin verloren!« stöhnte sie. »Wir sind verloren!«
-- Die Feuer sind weit! tröstete ich sie. Sie scheinen freilich angelegt. Denn drei Gehöfte gehen an verschiedenen Orten zu gleicher Zeit mit demselben Stundenschlage auf. Aber man wird es löschen. Das Feuer ist dem Menschen oder doch dem Wasser, unterthan.
»Ach, die Sclaven! die Sclaven! Sie stiften den Brand nur an, um uns zu ermorden, um frei zu seyn!« sprach sie, in höchster Angst aufspringend, irrte im Zimmer umher und rang die Hände. »Mein Mann ist todt; schon ein Jahr. Er war hart. Ich bin gut. Aber sie haben es ihm nicht vergessen. Sclavenrache ist fürchterlich! Die südlichen Staaten zittern vor ihren Millionen Sclaven! Wohl hunderttausend sind hier in der Nähe! Und hier, hier im Gehöft sind 63 Neger! Himmel! Sie singen ihr fürchterlich Lied! Quillt nicht dort Rauch aus dem Dach? -- Ach, wie entflieh' ich? Retten Sie mich! Ach, ich bin noch so jung! Ich lebte so gern, nun wollt' ich erst leben, und soll nun sterben!«
Sie weinte. Und ehe ich nur so was denken konnte, lag das zitternde, glühende, bebende Weib schon an meiner Brust . . . ihre Augen sahen himmlisch bittend mit ihren schwarzen, großen Sternen aus dem großen, reinen, feuchten Milchweiß zu mir auf . . . . ihre Lippen zuckten . . . sie war ein Weib . . . . ich war ein Mensch . . . Lärmen von tausend dumpfen Stimmen scholl her, die Gluth wuchs, als wenn die Wolken anbrennten, Wagen eilten und rasselten, Glocken lauteten grell und ängstlich; »Alle Sclaven bei Todesstrafe in die Häuser!« hörte ich deutlich unten rufen -- -- Schiller trat als Geist vor mich, ich erblickte sein blasses, menschenfreundliches, keckes Gesicht deutlich, und er sprach deutlich.
»-- Vor dem Sclaven, wenn er die Kette bricht -- Vor dem freien Menschen erzittert nicht!«
So etwas hatte ich mir nicht vorgestellt, nirgends, am wenigsten hier; aber ich war mitten hinein geworfen, die junge Wittwe küßte meine Hände, sie gelobte mir ewige Freundschaft, ewige Dankbarkeit, wie ein Weib sich nur irgend bedanken könne, mit Allem, was sie habe und sei, wenn das zulange, mir genug oder nicht genug sei . . . . . nur erretten sollt' ich sie, retten . . . .
-- und ich war bereit.
Aber wie? -- Das war die Frage; und ich that sie mit Trost, aber mit Eifer. Ich weiß nicht wie. Es ist etwas Eigenes um ein gar so schönes Weib! und in Noth und in Thränen! Sie wußte Rath. Das Opfer war nicht gering. Aber es gab nur diesen Weg, sonst keinen. Denn an Vertheidigung war nicht zu denken. -- In meinen Kleidern wollte sie fliehen, mit meinem Mantel und Hut, mit meinem Bündel. Denn so hatten sie mich gewiß hereinkommen gesehn, so ließen sie mich in dem Eifer gewiß wieder hinaus; aber _sie_, statt mich. Ich sollte mich aber in ihr Bett legen -- als Kranker, vom gelben Fieber plötzlich Befallener -- wenn mich die Sclaven suchten und fänden und hervorrissen. Sie würden sehen, ich sei fremd. Selbst in der Wuth würden sie so blind nicht seyn. Am wenigsten könnten sie ahnen, daß wir schon ein Einverständniß hätten!
Bei diesem Wort sah sie mich mit Augen an, von welchen ich nicht mehr geglaubt hätte, daß sie mich angehen, mich anfechten, ja in mich dringen könnten. Ich kam aus dem Erstaunen nicht heraus. In der Welt ist Alles möglich! dacht' ich. Zeit, Ort und Umstände sind die Herren aller Dinge. Sollte ich sie in Stücke zerhauen sehn? Doch, wenn ihre Flucht gelang, wenn sie sicher war, dann war ich erst in der größten Gefahr. Doch das dachte ich nicht. Denn . . . .
Sie war rasch zum Werk. Sie holte mein Ledertäschchen selbst aus dem Vorzimmer, sie warf meine Sachen heraus, meine besten, theuersten Sachen und Papiere, sie schloß eine Commode auf, nahm Papiere heraus, und füllte es dafür damit an; sie band mir das Halstuch ab, nahm die Weste, nahm den Hut, den Mantel, die Stiefeln, sogar; ich mußte mich in ihr weiches zartes Bett legen, sie deckte mich zu, ja, als ich gehorsam wie ein großes Windelkind, überrascht und wie gefangen mit dem Kopf in den weichen Pfühlen lag, neigte sie schnell ihr Gesicht über mich, ihr rechter Arm schlang sich unter meinem Nacken durch, ihre Stirn ruhte einen Augenblick auf meiner, und ihre Lippen küßten meine Lippen im Fluge einen Augenblick, während ich nicht aufblickte, sondern die Augen fest zugeschlossen hatte; und schnell lispelte sie mir noch zu: »Das soll Dir nicht unvergolten bleiben! So Gott will!«
Und so verschwand sie -- wie mein zweites Ich, und ich träumte mit wachenden Augen, und sahe die Gluth des Feuers und hörte das Tosen in der Stadt.
So lag ich voller Erwartung der Dinge. Ich liege eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, eine -- -- zwei Stunden -- -- ich höre keine Uhr mehr; keine Glocke; das Tosen läßt nach, das Feuer brennt lichter am Himmel als auf der Erde. Ich bin halb eingeschlafen. Endlich ganz. Ich weiß nicht wie lange. Aber mit Sorgen. Denn nun höre ich leise Tritte, überall im düstern Zimmer umher! Ich höre rufen! Es kommt zu meinem Bett! Es ruft mich! meinen Namen! Es greift und tappt auf meiner Decke, es ergreift meinen Kopf, meine Hand. Ich fasse zu, als wenn ich einen Löwen festhalten wollte.
»Ich bin's!« spricht die Stimme. Es ist der Neger -- Wilberforce. »Sind Sie hier? Sind Sie es?« frägt er.
Ich muß leider Ja sagen.
»Haben Sie Muth?« frägt er mich. »Wissen Sie schon?«
Ich habe Muth, wie Du siehst, und weiß nichts! antworte ich.
»Wissen Sie nicht ihr Schicksal?«
Ist sie todt? frag ich, und fahre empor.
»Nun Sie es sagen -- ja! Sie ist todt!« spricht er und weint.
Ich falle vor Schreck zurück. Ich denke sie mir todt. In der That, mir stockt das Herz. Ich athme kaum. Weinen kann ich nicht.
»Aber Ihr kleiner Sohn lebt;« spricht er.
Also _meine Frau_ ist todt! ruf' ich und springe aus dem Bett.
»Am gelben Fieber;« sagt er. »Vor vierzehn Tagen. Die reiche, schöne, junge Wittwe hier hat sie redlich pflegen und begraben lassen, und ihr ein gemauertes Kästchen in das Wasser machen, denn hier begräbt man in Wasser.«
Nun kann ich weinen.
Nach langem Schweigen frag' ich zu meinem Troste: aber mein Sohn lebt, warum kommt er nicht?
»Schon Ihre vormalige Frau hat geglaubt, Sie sind voraus nach Ohio -- und so hat, natürlich aus einem Irrthum, das gute liebe Weib hier, ich meine Madame Josephine, ihn in guter Begleitung nach Cincinnati abreisen lassen mit Briefen an dasselbe Haus, an das Sie empfohlen sind. Das weiß ich vom Hausvoigt. Ja, sie hat ihn schon fortgesandt, ehe er auch erkranke, und ehe seine Mutter gestorben ist.«
Aber warum lebe ich noch? Wo sind die Neger gewesen?
»Zufällig eingeschlossen, -- von mir! Sie wären ermordet worden im, Bett. Vielleicht auch nicht. Denn wir sind nur rachsüchtig, nicht blutdürstig. Ich sah Sie forteilen ohne mich -- ich eile nach; da entdeck' ich, es ist Josephine, die sich mir entreißt. Da vermuth' ich mit Recht, daß Sie noch im Hause sind. Da verschloß ich die Sclaven. Im Grunde umsonst; denn der Aufruhr ward in der Stadt gedämpft. Die Neger hörten nichts mehr, und so blieben sie ruhig. Aber alle hatten sich schon mit Waffen versehn! sie sind schuldig. Ach, bitten Sie morgen für meine Brüder, wenn Josephine vom Landhaus wiederkehrt. Die Gefahr ist vorüber. Morgen können Sie gewiß hundert Sclaven sehen die rechte Hand abhauen. Denn wer von uns nur eine Hand gegen seinen Herrn aufhebt, dem wird sie abgehauen. Darum tragen wir sie gern ganz steif an den Schenkeln hinunter. Ach Gott, wer zu Hause wäre, und hätte nur Freiheit im Vaterland! Freiheit und Vaterland, keins ist ohne das andere was werth -- wie nur Ein Bein, Eine Hand! Ach! Ich bin frei! Für treue Begleitung auf seiner Reise hatte mir mein Herr die Freiheit versprochen. Aber was ist das ohne Vaterland! Was ich Jahre gehofft, ist mir nun nichts! Doch nein -- die Freiheit ist mir die Erlaubniß im Vaterlande zu wohnen!«
So verließ er mich weinend.
Es war natürlich, daß mir das Unglück meiner Frau um meiner Tochter willen am tiefsten leid that. Denn weil die Tochter lebte . . . . so war ich jetzt am meisten um die Tochter besorgt. Was würde sie gelitten haben! Und warum? Warum schon jetzt? Warum überhaupt! Ich beschloß also fest, meiner einzigen Tochter den Tod ihrer Mutter zu verschweigen. Meiner Großmutter Sohn war gewiß schon lange todt, und in der alten Frau lebte er immer noch glücklich! Und so schlief ich endlich voll Liebe und Träume ein, mit nassen Augen. Zu Hause saß meine alte Großmutter blind -- ohne ihren liebsten Sohn; mein Sohn Marbod vielleicht noch auf dem Schlosse bei der Baronesse Freysingen Doppelsonaten spielend. Mein Knabe war hier im Land, aber fremd unter Fremden mich suchend! Aber meine Tochter hatte ich nahe, die arme, ungewisse Braut, die sich edel scheute vor einem Mann, der Sclaven hat . . . . und ich lag hier in dem weichen Bett . . . . als Gesandter . . . und wer hatte gestern in diesem Bett geruht . . . . ein Gebild, das ich nie gekannt, das mir wie im Traume Verheißungen gethan, die mir heiß machten . . . . die nun in Erfüllung gehen konnten . . . . und morgen früh im Morgenroth kam sie vielleicht schon . . . . oder kam nicht . . . . Und ich fürchtete mich vor ihr! und auch nicht . . . . .
Mein Gott! Was ist der Mensch! Das Meer murmelte, ich dachte an seine Wüste -- aber auch an seine Blumengärten in der Tiefe. Und ich beschloß neu zu seyn in der neuen Welt. Und ich sah einen mir neuen, hellen, schönen Stern am Himmel, den ich nie gesehn. Und er war doch, und ich war! Ich -- 40 Jahr! In meinen schönsten Jahren!
Was ist der Mensch! Und auf diesen Grundstein baute ich edle Pläne für viele Menschen -- für schwarze und weiße! Das Alles versteht sich -- im Traume!
Ich schlief bis die Sonne schon hoch stand. Ich war todtmüde an Leib und Seele, und die erste Nacht Schlaf auf dem Lande, diese Wonne, dieses Gefühl der Erde, ist allein eine tausend Meilen weite Seereise werth. Das kann man mir glauben, mir, der ich gar nichts auf solche Dinge halte, als da sind: Braten, Wein, gutes Bett und alle die Herrlichkeiten der Herrlichkeiten. Ich sah mir die Sonne an, das heilige Bild, das treu aussehend wie in der Heimath, hier wunderhell am Himmel strahlte und mich anlächelte. Ich war barbarisch hungrig -- in diesem Lande, wo Millionen Fische in den Strömen und Seeen schwimmen, wo alle Früchte der Erde im Überfluß wuchsen, war ich barbarisch hungrig, und im Hause regte sich Niemand, kein Mensch frug nach mir. Ich hätte mir gern ein halbes Dutzend Feigen oder Orangen von den Bäumen am Hause hereingelangt; aber ich wäre bald zum Fenster hinausgestürzt, und schlug mir auf den Magen: Freund, Geduld! -- Ich goß Waschwasser in das Porcellainbecken, ich ließ es eine Zeit auf dem offenen Fenster stehen, während ich meine zerstreuten Sachen zusammenlas, und als ich mich waschen wollte, verbrannte ich mir fast die Hände darin, so heiß war es von der bloßen Sonne geworden, die hier ein ganz anderes Ding war! Und ich erklärte den im Geiste vor mich tretenden Vorstehern unsrer zwanzig Dörfer laut: Laßt uns betrachten! Es ist Unsinn, hierher in die Gluth zu wandern. Wollt Ihr faul werden? -- faul, wie die Italiäner? Zu sinnlichen, unwissenden Menschen? Oder fleißige Deutsche bleiben, die den Tag fleißig arbeiten, oder bis in die Nacht noch fleißig studiren? -- Selber Bienen, die hierher kommen, und den ersten und alle Winter hier Blumen und Nahrung im Überfluß finden, werden faul, das heißt: sie nähren sich blos. Oder, liebe Gemeinden, wollt Ihr in Furcht vor den Sclaven leben? Oder noch schlimmer, wollt Ihr Sclaven halten? Ihr könnt Euch ja denken, wie Sclaven zu Muth ist; denn das kann Jeder. Wollt Ihr Plantagenbesitzer werden, Diener der Kaufleute? Wollt Ihr alle Jahre am gelben Fieber sterben? Das heißt: Jeder der Euren nur einmal. Aber das ist genug für Jeden. Und wenn der Vater oder die Mutter in einem Hause stirbt, zu früh, zu unnöthig, macht das nicht oft ein ganzes Geschlecht bis auf Kind und Kindeskind unglücklich? -- Ihr wollt das Alles Alle nicht! Ich höre es. Also Kinder, vermeidet _die Küste_ von Amerika, von Boston bis Neu-Orleans, wo ich meine Frau verloren. Zieht nicht in die Staaten, wo die Sclaven die heimlichen Herren sind, also nur nach Ohio, wo kein Mensch einen Menschen als Sclaven halten darf, nach Kentucky höchstens, wo sie verlöschen. Lieber nach Indiana, Illinois! Aber nördlicher nicht! Denn alte Menschen müssen in ein wärmeres Clima wandern, das thut ihnen wohl! Nicht in ein kälteres, wo kein Wein wächst, die Milch der Alten, der Wein, der des Menschen Herz erfreut -- und soll sich der Mensch nicht freuen der Erde auf Erden? Bedürft Ihr nicht Freude? Ach, ein Glas Wein Euren Armen und Alten hätte Euch wohl gethan! -- Ich dachte in dieser Rede an die Flasche, die ich an dem Treppengeländer zerschlagen, an das Lachen meines Herrn Sohnes -- und schwieg; Mit diesen Worten, sahe ich, hatte ich mir aber selbst meinen Reiseplan vorgezeichnet -- und ich war nur auf einige Staaten gewiesen, freute mich und rieb mir die Hände. Die Herren Vorsteher mit ihren Hüten in den Händen verschwanden mir aber plötzlich alle; denn ein prachtvoller englischer Wagen mit herrlichen Pferden kam donnernd vor das Haus gefahren und hielt. Ich sah zum Fenster hinab. Und das rückwärts gebeugte Köpfchen, das herauf strahlende Auge, das freundlich lächelnde Gesicht, die wie Perlen blitzenden Zähnchen im rothen, schwellenden Munde -- ich kannte das Alles schon wie aus einem Traume. Ich fuhr in meinen Rock -- ja, um ein aufrichtiger Mann zu seyn -- ich sah in den Spiegel. Die Seereise hatte mich wundervoll hergestellt. Ich konnte kaum öffnen, als sie an ihrer eignen Thür mit schnellem Finger anpochte, und wie eine Erscheinung, rasch und leuchtend, stand Josephine schon im Zimmer; aber wie sorgfältig geschmückt, wie ländlich-lieblich im weißen Kleide mit blauen Bändern um Leib und Brust, und doch wie reich! große Perlen am Ohr; ein unschätzbares Halsband von sehr großen Diamanten um den Hals, dreimal ihn weit umlagernd.
»Nun,« sprach sie doppelt zart und unschuldig klingend auf französisch, und reichte mir ein Händchen und sahe mir in die Augen -- »nun, wie schlief es sich hier . . . in Amerika?« und meinte gewiß nur ihr Bett. Denn sie erröthete zart und unschuldig. Aber plötzlich brach sie in lautes Gelächter aus, denn sie sahe auf meine Füße. Ich war in Strümpfen. Aber um ein aufrichtiger Mann zu seyn, mußte ich gestehen und ihr sagen: »Als Sie gerettet waren, sahe ich nicht ein, warum ich hier bleiben, vielleicht den Tod erleiden und nicht lieber versuchen sollte, desgleichen zu entkommen! Das vergeben Sie mir gewiß auch! Ich malte mir also mit meinem Finger aus ihrem Dintenfaß -- schwarze Schuhe auf die Strümpfe . . . aber da glaubt' ich heraufkommen zu hören, und, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, ich verbrachte ein angenehmes halbes Stündchen in ihrem Camin, -- -- Ich mußte lachen. Es war unmöglich, ich mußte. Sie betrachtete ihr Bett und sagte, lachend bis zu Thränen: »Ja, es ist wahr!« Und wie vor Lachen barg sie ihr Gesicht einen Augenblick in den Kopfkissen.
Ich räusperte mich; ich rieb mir mit der flachen Hand die Brust; ich machte, ärgerlich, ein finstres Gesicht.