Die Probefahrt nach Amerika

Part 6

Chapter 63,711 wordsPublic domain

Tolera berichtete am folgenden Tage, daß sich die Auswanderer alle bereiteten, mit Leuthold zu Grabe zu gehen, der ihnen so manches Gute gethan, wie sich jetzt erst hervorthat. Der Leichenzug wäre merkwürdig gewesen. Besonders wenn die guten Deutschen, wenn Diese noch so genannt werden durften, gewußt hätten, daß er ein Prinz sey, der einmal sich an die Spitze des Volkes zu stellen entschlossen war, um Volkswillen auszuführen, nämlich das Volk, wie Moses aus Ägypten. Wir unter uns glaubten, der Vater werde ihn in dem Bleikeller der hohen Domkirche beisetzen lassen, damit er dort unverweslich und unverwandelt als die größte Merkwürdigkeit ruhe und lehre. Der Vater war aber durch des Sohnes Tod, das Andenken an ihn, das Hineindenken in ihn so zum Sohne geworden, daß er ihn wenigstens in den Freistaaten begraben lassen wollte. Aber Amerika weiset die Todten von sich; kein Schiffer schifft sie hinüber. Das nennt man Aberglauben. Ich hatte die Ehre mit meiner Tochter, den Vater an demselben Abend bei meinem Freunde zu sehen, als Leuthold nach der Gruft seiner Ahnen abgeführt worden. Da ihm als Incognito Niemand besonders krumme Rücken und jämmerlich-unterthänige Redensarten zeigte, so sahe man hier, was Behandlung, die Art des Selbstbenehmens, thut. Er war fast wie wir andern. Es waren an diesem Tage mehrere reiche Auswanderer angekommen, denen keine leiblichen Güter fehlten, also nur die geistigen Güter; denn es waren bekannte hochgebildete Männer, und Frauen darunter!

Der Fürst erzählte, er habe mit ihnen gesprochen -- und solcher Deutschen Auswanderung habe ihn frappirt -- an das Herz geschlagen. Und wie schlugen mir seine Worte an's Herz! »Europa,« sprach er, »Europa ist das Land wo alle Rechtsinstitutionen zuerst im Großen auf Völker angewendet worden sind. Seit einem Jahrtausend hat es sogar versucht, die Religion auf den Staat anzuwenden, in jedes Haus, an jeden Heerd, bis in das Gewissen jedes Menschen eindringend. Das sind denn wohl ungeheure, höchst ehrwürdige Versuche! Daß ihr Gelingen aber nicht möglich war, und seyn wird, daß Europa an dem Widerstreit seiner alten, ersten und nun hinzugekommenen entwickelten Institutionen untergehen wird und muß, deswegen grade sey es glücklicheren, durch keine alten Fesseln gehemmten Völkern desto ehrwürdiger -- weil es rechtlich war! Es hat den Begriff des Rechtes festgehalten, und heilig das Erworbene, Überkommene geehrt; ob es gleich in späterer Zeit nicht neu ertheilt worden wäre, so hat es doch das Bestehende geschützt -- um Keinen zu kränken, und lieber den Anschein haben wollen: als kenne es nicht das Reine, Vollkommene; lieber im Kampf mit Ablösung alter Asiatischer Gebrechen untergehen, als mit dem Schritt zu einem Zustande, wie er den Einsichten der _entwickelten Menschheit_ angemessen wäre, die Verbindlichkeiten seiner Erblasser abschütteln, und groß, frei, herrlich . . . . aber _schuldig_ und verschuldet dastehn. Indeß sichern ihm seine niedergelegten Beweise von Kenntniß des Höchsten: die Achtung des Geistes überall; und sein _Verhalten_: den Adel des Herzens; und sein Schicksal und seine Verlassenschaft: die ewige Dankbarkeit aller spätern Völker. Und seine Grabschrift wird seyn: Es that, was Recht war; darüber ging es zu Grunde, der Welt zum Opfer. Have, anima pia!«

Er schwieg. Er dachte gewiß an seinen Sohn, denn er sprach noch einmal mit feuchten Augen auf Deutsch: »Ruhe sanft, du gute Seele!«

In dieser wehmüthigen Pause zogen grade die Studenten nach Elsfleth vorüber, um sich diese Nacht noch einzuschiffen. Wir hörten die ersten und letzten Verse ihres Liedes nicht, nur diese beiden, die mit Kraft und Jubel gesungen, nicht ohne Eindruck blieben:

Dem Menschen ist nichts angeboren, Als Maul und Nase, Aug' und Ohren Et caetera! Et caetera! Und hat er nicht den Kopf verloren, So steht der Bursch stets neugeboren In Galla da! In Galla da!

Dem Menschen ist viel _ein_geboren -- Ein Leben, frei und unbeschoren Et caetera! Et caetera! Wo guter Wein gut ausgegohren, Da singt der Bursch, wie neugeboren: Halleluja! Halleluja!

»Die guten jungen Menschen!« sagte der Fürst. »Wirklich: junge _Menschen_! Sie kommen mir so unschuldig vor, wie der Lebensbalsam, der nicht in der Retorte bleiben kann, in welcher er bereitet worden, sondern übergeht! Auch keine Blume blüht in der Erde, in der sie gekeimt. Dann ist die ganze Natur treulos, wenn diese jungen Blumen, jungen Menschen treulos sind. Diese alle fliehen den langweiligen unsichern Proceß, das Recht zu gewinnen. Und . . . . sie wollen des Lebens positive Güter. Und wie kommen mir Alle, alle die Auswanderer so fromm vor, gar so fromm! Sie murren nicht, sie tadeln nicht, sie klagen nicht! Sie leiden! Sie meiden! _Sie gehn_! Geht mit Gott! Ruhe fordert der Mensch mit Recht; Ruhe seit uralten Tagen; Ruhe zu eigenem thätigem Leben. Und darum Sicherheit -- heitere Aussicht -- Lämmer am Himmel, nicht Kriegsgestalten. Und hätten wir nicht Alle die Ruhe verdient? Ist es nicht unmenschlich, dem nicht die Ruhe zu gönnen, der sie erlangen kann, der gern arbeiten will, daß ihm das Blut aus den Nägeln dringt, um nur Ruhe zu haben. Die Ruhe ist ein inneres Gut. Und wäre ich so reich, um Jedem sein halbes Brot da drüben zu sichern, und wäre der Mantel des Doctor Faust noch im Gange, daß Jeder gleich drüben erwachen könnte mit allen den Seinen, und früh zu dem Fenster hinaus sehn -- wie viele Ämter würden früh ohne Männer seyn. Pfarrämter, Gerichtsämter, selber mancher Ministerstuhl würde leer stehn. Und nur die, welche vom Wirrwarr, vom Kritisiren leben, die würden, sich dann doppelt breit und groß machen, wie Kinder, die auf dem Kirchhofe den Geist spielen, und das Betttuch auf dem Rechen emporstrecken. Indessen ist das Meer eine Art von Zaubermantel. Die Reichen ziehen fort, um ihres Wohlstandes sich drüben doppelt zu freuen, doppelt reich zu seyn -- leiblich und geistig. Selber die Besten ziehen fort, die da glauben, daß es in Europa gewiß gut werden wird, ja daß die deutschen »Vereinigten Staaten« die Amerikanischen himmelhoch übertreffen werden. Aber da hört' ich ein Lied derselben, das heißt:

Und selber die Leiden Und Wehen vom Neuen -- Die wollen wir meiden; Dort Deiner uns freuen Wie Hirten vom Feld -- _Du geborener Held_!

Und sie glauben also: Wir müssen durch den großen Umschwung in Europa uns viel mehr verwandeln, aus Mangel an Kopf oder Geld von dem in Schwung gebrachten Rade zur Seite geschleudert, als wir uns dort verwandeln müssen, nämlich nur die Augen aufmachen! Die Armen aber, sie finden drüben die oft uns genannten zehn Plagen nicht. In Amerika sind nicht: Europäische Politik; stehende Heere; zu kostspielige Hofhaltung; Aristokratenherrschaft; papistische Umtriebe und Priesterherrschaft; Staatsschulden; Staatspapiere; Handelssperre durch directe und indirecte Abgaben; Ungleichheit der Besteuerung; Ungleichheit vor dem Gesetz. -- _Nichts_ ist _Viel_. Viel ist Nichts. -- So gehen sie denn. Und mit doppeltem Eindruck wiederholte er seine Worte: Sie murren nicht, sie tadeln nicht, sie klagen nicht. -- Sie leiden! Sie meiden. _Sie gehn_. Geht mit Gott! Gott ist gewiß auch über dem Wasser!«

Zu diesem Worte, das uns an den Alten-Weiber-Spruch erinnerte, mußten wir beinahe lachen. Er schloß aber ernst:

»Denn keusche Reinheit, zarter Göttersinn Wohnt in dem armen menschlichen Geschlecht. Im stillen sanft, im Ganzen allverbreitet Laß es das Leben allgemach sich schmücken Auf reinstem Wege, wie dem Menschen ziemt. Die Einzelnen nur mögen Reue fühlen, Dem menschlichen Geschlecht ziemt Reue nicht, Ziemt alles Große, Würdige und Schöne; Und sicher seines Tags, in mildem Stolz, So wandelt's rein zum reinsten Erdenglück.«

Ich führe diese Gesinnungen deswegen an, weil sie darauf einen geheimen Contract zwischen dem Vater des Leuthold und Herrn Erwin zur Folge hatten, worunter ich mich nur als Zeuge mit unterschreiben mußte, ohne jetzt mehr zu erfahren, als daß beide Theile dabei das Beste ihres resp. Vaterlandes besonders im Werke führten. So viel jedoch konnte ich mir abnehmen, daß die Sache einen Austausch von Einwohnern oder Unterthanen betraf, wie sie für jedes Land am zweckmäßigsten wäre! Ich sollte dabei höchlich interessirt seyn, und vorzüglich wirken. Ich! Und somit ward ich in die Welt verwickelt. Wer lebt, kann in Alles gerathen. Ein Kind kann groß wachsen, ein Erwachsener kann Soldat werden, ein Soldat kann -- Nelson erschießen! oder Moreau! die auch einmal Jungen gewesen sind. Denn dieß ganze Geschlecht besteht aus großgewachsenen Jungen und Mädchen, und die Kinder spielen nun Leute. Darum kann ich immer keinen rechten Respect vor allen den Herren bekommen! Und was ich selber thue, kommt mir immer nur wie ein großer Kinderstreich vor! Und wenn mich ein alter Bauer »Hochwürden« nannte, so mußte ich mich recht zusammennehmen, um das Amtsgesicht zu machen! Wie mag das dem Papst erst schwer werden! Nur nicht, wenn er bedenkt, daß alle seine Vorfahren und Pfaffen ja eigentlich auch nur Kinder sind. Im Nebenzimmer, unter vier Augen steckte mir der Fürst den kostbaren Ring an den Finger, den sein Leuthold getragen -- als ein Andenken für meine schöne liebe Tochter an ihn. Die Vornehmen erfahren und vermuthen doch Alles, weil Jeder sie für seinen Beichtvater hält, dem er Alles aus dem Herzen schütten muß, und der alle Sünden vergeben kann. So war auch meine Tochter verrathen -- oder ihr zur Ehre nur der gute Leuthold. Ich kehrte aber die großen funkelnden Steine des Ringes in das Inwendige der Hand -- und mußte noch obendrein mich bedanken. Es kam aber nicht besonders heraus. Mehr Freude machte mir ein Beutelchen Gold zum Abschiedsfest der Auswanderer im Lager, damit sie »Einen guten Tag« in Deutschland, hätten. Und wir Andern, die sich selbst hinauspracticirenden Adligen, die Wohlhabenden, kurz wir Alle feierten das Abschiedsfest mit ihnen, unter ihnen als alle nun: Neue Landsleute! Amerikaner! Das Fest war sehenswerth, mehr aber hörenswerth, am meisten jedoch bedenkenswerth.

Ein weißer weiter Frühlingsnebel bedeckte das Vaterland am Einschiffmorgen. Wir sahen die Sonne nicht mehr. Nur einzelne Stimmen ließen sich vernehmen, und ein gewisser Krüppel sang wieder sein unvergessenes Lied: Frisch auf, Cameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! -- Wir umarmten die bleibenden Freunde am Ufer, empfahlen ihnen die Abschiedsbriefe in die Heimath, und saßen dann wie die alten Helden -- im Pferdebauch. Kanonenschüsse donnerten, so daß wir in der Seele recht hell erwachten und einen Blick in die Welt thaten. Der Lootse, ein Kerl wie ein Bär aus Helgoland, sprang aus dem Nebel auf das Verdeck, der Anker ward eingeladen und wir schwammen! Das nächste Land, das wir sahen, war Amerika, und dazwischen lag nur die Meereswüste, wie vor den Kindern Israel ihre Sandwüste, um in der einsamen heiligen Zeit unsere Sünden abzubüßen und neue gute Entschlüsse zu fassen. O Weltmeer, mit deinem blauen Gewölbe, worin des Tages nur Eine große Lampe vorübergetragen wird, und des Nachts viel tausend goldene Lampen -- welcher Tempel vergleicht sich dir! Wo man den Menschen vergißt, da erscheint Gott! Und Deutschland lag mit seinem Gewimmel, seinen Thürmen und Hütten hinter uns, wie den Nachhauseziehenden eine kleine Stadt mit ihrem verlöschenden Jahrmarkt, wenn es drinnen finster werden will. Nur als draußen auf offener See am Abend der Mond aus der Fluth aufstieg, als ich glaubte zu Hause zu seyn, und nur die Tochter neben mir stand, da wurden die Augen mir feucht, und ich lehnte mich an sie. O was ist ein Kind in der Fremde! Wir sehen uns an -- und wir reisen nicht; wir sind daheim; da wo wir auch zu Hause daheim sind, wenn wir uns ansehn. Nur die Mutter hatte mir das Herz schwer gemacht; denn das Postschiff hatte uns draußen bei Wangerooge noch eingeholt, Briefe nachgebracht -- und meine Frau schrieb mir: »Ich komme! Segle vor dem Zwanzigsten ja nicht ab! Ich bringe unsern Gustav Adolph mit. Es hat sich hier viel verändert!« -- Und das las ich bei vollem Winde den Achten des Monats! Zwölf Tage zu spät! Ich hatte ihr geschrieben, daß Steinbach unsere Tochter zur Frau von mir begehrt, und daß ich sie ihm zugesagt. Das war gewiß Eine von den Veränderungen, die sie bestimmt hatten, mir sogleich nachzufolgen. Und nun war ich fort! Mit einem schweren Seufzer mußte ich auch Das gut seyn lassen, wie tausend Andere in der Heimath! Ich verschwieg aber der Tochter die Nachkunft der Mutter, meine Sorge und die Verwirrung, welche nun entstehen mußte. Die Männer müssen verstehen, das Schwerste allein zu tragen. Darum sind auch noch die Weiber und Kinder so lustig in Deutschland. Dafür wußte ich Einem Vater drüben Freude zu machen, durch die zwei Knaben, den Anselm und Wilhelm, die mir anvertraut waren. Vom Schulmeister Tolera unterstützt, hielt ich Vor- und Nachmittags Schiffsschule mit den Kindern der Auswanderer, und trieb vorzüglich nur Neueweltkunde, Geographie und Naturgeschichte. Die Kinder lernten alle wie Genie's! Denn das Interesse lag vor uns -- nicht rückwärts! Das ist die Ursache, daß so viele Candidaten, besonders der heiligen Theologie, den Repuls bekommen! Die Ältern hier aber erlebten Freude und saßen mit gefalteten Händen an den Borden umher. Bisweilen sangen in der Morgen- und Abendstunde auch die Rothkehlchen dazu, und die Staare schwatzten. Denn ein Freund der Natur hatte eine kleine Arche voll Singvögel mit eingeschifft: Leipziger Lerchen, 50, je ein Männlein und ein Fräulein; Polnische Sprosser, 50, je ein Männlein und ein Fräulein. Bayersche Staare! Und Oberlausitzer Haidelerchen, die Vögel mit dem wehmüthigsten Gesange auf Erden! Und auch den fröhlichsten, liebsten Vogel der Kinder -- den Kukuk! 12, je ein Männlein und ein Fräulein.

War der Mann mehr ein Menschenfreund? Oder ein Freund der Vögel, der diesen da drüben neue unermeßliche Wälder schenken wollte? Ich weinte fast, wenn ich die lieben Sänger ansah, und war voll von tausend Frühlingen. Der Inhaber derselben frug mich lächelnd: »Bin ich der Herr von Habenichts? Ich will durchaus wissen, ob ich drüben der Herr von Kannnichts seyn werde; das will ich wagen und prüfen! Die geheime Macht ist die größte; und das geheime Wissen und Können, was Jedem einwohnt, ohne daß er es weiß -- das ist das Herrlichste. Was für ein Esel hat mein Ahn und Ihr Ahn -- Adam geglaubt zu seyn, als ihn der Engel zur Auswanderung aus dem Paradiese genöthigt; und ward er nicht ein herrlicher Landpfleger in Asia, der Normalbauer, auch Schaafzüchter der Heidenheit! Und o wie schwer mußte dem Herrn von Adam das Leben unter nicht einmal bürgerlichen, sondern thierischen Canaillen werden -- da er das Paradies geschaut hatte und drinnen gelebt! Wie viel tausendmal besser haben es wir -- die wir bei uns nichts vom Paradiese gesehen haben, als Schwarzkittel, Regimenter Engel mit dem Schwerdt, und wenig Freudenhäuser -- als die privilegirten! Und ist jeder Bauer im Schiff hier nicht ein Auserwählter des Herrn, wie Noah in seinem Kasten! Damit wir gesegnet würden, durften Millionen nicht ersaufen, sie durften _auf trockenem Lande_ bleiben! Und was fand Noah, als er ausstieg? -- Recta Nichts! Und was finden wir? -- Recta Alles! Bis auf die Singvögel, und die bringe Ich!«

Zur Ergötzlichkeit der Andern wurden fast alle Gespräche öffentlich gehalten, und ich erstaunte, wie bald sich der Mensch an Redefreiheit gewöhnt. Die alten ertragenen Leiden waren unleugbar überstanden, und wie man von Todten spricht, so redeten hier die Leute von Europäern und Europäischen Dingen: das _waren_ große Schulden -- das _waren_ schwere Zeiten -- das _waren_ schlechte Aussichten. Kurz, der liebe Schiller ist nie zur See gefahren, sonst hätte er wahrer gesungen: »Auf dem _Meere_ ist Freiheit!« -- Uns war es die Freiheitsschule.

Wir waren schon mehrere Wochen gesegelt, und Anselm wußte, wie wir Alle, daß Amerika da sey, wenn die Wache aus dem Mastkorbe riefe: _Land_! Da rief sie nach einem schweren Gewitter einst: Land! Land! -- Es konnten diesmal, da uns der Sturm zur Seite gedrückt, jedoch nur erst die azorischen Inseln seyn. Der Knabe aber stieg in die Strickleitern hinauf -- sahe Land, sah in seiner Meinung das heiß ersehnte Amerika -- er dachte gewiß an seinen Vater, wollte gewiß die Hände ausstrecken, hatte sich also nicht mehr angehalten, und so war der arme, vor Freude taumelnde Knabe herabgestürzt auf die harten Bohlen, und wir hatten einen Halbtodten im Schiff, den der Arzt herzustellen nicht gewiß versprach. Ich bekam eine Nothtaufe; darum schrieb ich zu den andern Regeln für Überfahrer auch die: nur geborene Menschen mitzunehmen. Der Sturm hatte in der Ferne wo ein Schiff zerbrochen, und in der darauf folgenden gänzlichen Windstille erkannten wir endlich einen Menschen, der, mit einem Schwimmgürtel versehen, sein Leben gerettet hatte. Ich fuhr im Boote mit hinaus ihn aufzufischen. Welch ein Mensch! Alle die Seinen waren umgekommen. Er hatte in einer Tasche vor der Brust noch Lebensmittel auf viele Tage. Sein erstes Wort war: »Niemand muß sich allein retten. Das ist schändlich, unausstehlich!« Der Mann sah furchtbar aus. Er trug einen leichten Panzer, über und über mit Stahlstacheln gegen die Angriffe der Seeungeheuer, womit er auch schon zu Lande, in Wäldern und Sümpfen, jeder Schlange, jedem Bäre getrotzt. Er erzählte uns im Schiffe seine Abenteuer. Trotz dem, daß er der größte Wagehals schien, war er doch nur der größte Gottfried Sicher gewesen und nannte sich selbst den größten Feigling. Auch uns Auswanderern wollte er seinen Namen wie einen großen Mantel umwerfen, daß wir ausgewandert wären. Seine Worte waren schneidend. Er gab mir eines Abends seine Lebensbeschreibung in einer Glasbouteille »Leben eines Wagehalses«, und am andern Morgen war er, so sehr wir auch überall suchten, doch nirgends auf dem Schiffe zu finden. Viele hielten ihn für eine Geistererscheinung, die einem von uns den Tod bedeute. Andere konnten über das untergegangene Schiff nur beruhigt werden, daß sie von Seekundigen hörten: »Erst das hundertste Schiff scheitert, und von hundert gescheiterten Schiffen kommt erst die Mannschaft von Einem um. So steht die Seerechnung!«

Ein ander Seegesicht darauf erfreute und bestürzte mich bang! Ein Schiff segelte unter dem Winde an uns vorüber. Nicht fünfhundert Schritt weit. Die helle Morgensonne schien hinein. Ein Schiff ist auf der See eine Merkwürdigkeit. Nach meiner Gewohnheit sahe ich mit dem Fernrohr hinüber in die rosig und saffranfarbig glühenden Segel. Auch die Reisenden sahen nach uns herüber; Frauen, Knaben, die Gesichter nach uns gewandt. Endlich erblicke ich, ein Gesicht -- Gott! es war mein Weib! Ich konnte vor Beben kaum sehen, wie ihr die Augen leuchteten! Wie sie sehnsuchtblaß aussah. Sie hielt die Hand auf den Kopf meines Sohnes. Aber ach! sie vermuthete uns nicht, und sahe sofort herüber in stillem Trübsinn. Das Meer rauschte; der Wind sauste. Ich wollte durch das Sprachrohr dennoch versuchen ihr zuzurufen, mich ihr bemerklich zu machen, sie wenigstens zu grüßen! Ich rief meine Tochter, ich sagte ihr: Kniee nieder! siehe hinüber, da steht ein Weib . . . . wie unsere Mutter. Sie sahe hinüber -- sie hatte eben das Mutterantlitz gefunden, da wendete sich das Schiff und zeigte uns das Steuerruder. Es rauschte mit Flügeln, des Sturmes davon. Maria sah mich an. Und ich faßte mich, ich verrieth ihr nichts; und so wußte sie ruhig die Mutter daheim bei den Brüdern. Ich aber besann mich, daß die Mutter ja wußte, wir segelten nach Neu-Orleans. »Also auf fröhliches Wiedersehen in einer bessern Welt!« sprach ich gedankenlos. Und so hatte ich richtig geahnt. Ich hatte sie zum letztenmale gesehen!

Darauf überfiel uns wieder tagelange Windstille. Unser Schiff schien wie ein Schwan auf dem Wasser zu schlafen. Die Tage waren schon heiß. Anselm ward kränker; Er ließ sich noch von seinem Bruder Wilhelm das Lied von der Schwalbe vorsingen, und die andern Knaben sangen es mit; Und für seinen Vater hörte ich weinend die letzten Verse mit an:

Da laß ich mich ihn fangen; Die Mutter küßt mich sehr! Drauf soll ich wieder fliegen -- Da bin ich schon nicht mehr! Da steht sie tief betroffen, Denkt bang an mich und schwer; Begräbt mich bei dem Weinstock -- Der sagt ihr: daß Ich's wär'! --

Unter diesem Gesange war er gestorben, ohne auch todt noch zu seinem ersehnten Vater zu kommen; Denn wir begruben ihn darauf, wie man auf dem Schiffe begraben kann, in Gottes heilige See! Auf ein Bret gebunden, das mit Steinen beschwert war, um zu Grunde zu gehen, in ein weißes Tuch geschlagen, das Gesicht unverhüllt, versenkten wir ihn in die heilige Tiefe. Es war nicht zu weit mehr von der südlichen Spitze von Ostflorida, dem Eingang in den Meerbusen von Mexiko, oder in das neue mittelländische Meer von Amerika, in einem Clima wie in Ägypten. Die See war nicht zu tief und bei der Klarheit des Himmels und der Klarheit des Wassers glaubten wir den Grund des Meeres zu sehen; oder wie wir mit Erstaunen und Bewunderung wahrnahmen: sie trug ihren Grund oben! Und welchen Grund! Welche Zaubergärten! Gesträuche und Wasserpflanzen mit köstlichen großen Blumen, wie Kindergesichter, blühten und schwankten leis, ob sie gleich alle aus Edelsteinen gemacht schienen! Blätter, breit und gezänkelt, wie aus Rubin! Zweige, wie aus Gold und Rauchtopas! Blüthen und Blumen, wie aus Milch oder Schnee -- aber Alles, Alles mit einem Anhauch von Smaragdgrün überflossen, wie die Pflaume von blauem Hauch. Und im lichten goldnen Sonnenstrahl funkelte der Zaubergarten golden und blau und grün und roth, wie besät mit funkelndem, strahlendem Thau! -- Da hinab -- in dies Paradies, das, hierher in das heilige Meer, verzaubert, so himmlisch und ruhig fortblüht -- da hinab versenkten wir die weiße Gestalt des schönen Knaben; noch einmal so wohlgemuth durch das tröstliche Wunderspiel der Natur. Das Schiff stand in der Windstille, wie angewachsen, und so sahen wir, wie er losgelassen von den Seilen sank und sank und sank! Wie das weiße Gebild gemach und leise grünlich ward vom Scheine des Meeres, und grüner, und endlich kräftig grün, wie sonnedurchschienener Smaragd. Endlich ruhte er, wie ein großes funkelndes schönes Gestirn, auf schwankenden Zweigen, wie eingewiegt von lieblichen Zaubergestalten von guten Geistern, die sich, in große Blumen verwandelt, ihm weich und hold, öffneten, sich reizend über ihn neigten, und über ihm schlossen. Alles war so wunderbar, daß wir uns nicht gewundert hätten, wenn die Zaubergebilde da drunten nun auch mit heiligen zarten Stimmen gesungen hätten! Selbst nicht, wenn sie den Menschenvers gesungen: »Wer will mir nun den Himmel rauben?« Alles schwieg sofort. Er blieb da drunten sofort und die Augen vergingen uns über der Pracht. Da kam ein Lüftchen, kräuselte das Meer -- und Alles war hin! Ein schönes Grab! Ein schöner Tod, der Tod vor Sehnsucht! Aber ich hatte noch einen Knaben für seinen Vater. Und der Knabe war nicht lange begraben, so schrie die Wache vom Mastkorb: Land! Land! Licht! -- Denn es war Nacht. Und in der Nacht fuhren wir um die Spitze von Florida, diesem papstlosen Italien der neuen Welt, dessen Sicilien Cuba heißt.

Die leicht anzulegende Durchfahrt quer durch Florida wäre sehr zu wünschen! Denn im Canal von Bahama wurden wir so von Wind und Wogen gepeinigt, daß der wieder seekranke arme Tolera sich mit den Armen an mich anhielt, mir in die Augen sah und frug: »Mein Herr Pastor! was müßte wohl Einer an Hochwürden bezahlen, wenn er Sie zu Hause auf Ihrem Hofe in einen Kasten sperren und fünf Wochen lang Hochwürden Tag und Nacht dermaßen schütteln und rütteln wollte, daß Sie die Welt für einen Dreier verkauften? Ich glaube, schweres Geld!«