Die Probefahrt nach Amerika

Part 3

Chapter 33,644 wordsPublic domain

Ich hatte in den Zeitungen von meinen entfernten Freunden Abschied genommen, aber die Nahen konnte ich nicht besuchen. Mein Gott, so sollte ich sie denn hier lassen, dahinten auf immer! Sie sollten alt werden, Staub werden, vergessen seyn! Wahrscheinlich, wie bisher, sahe ich -- wenn ich blieb -- etwa nur Einen oder den Andern in Jahren, und noch zufällig irgendwo auf eine Stunde! Aber es war doch möglich, daß ich zu ihnen konnte, sie zu mir! Diese beglückende Möglichkeit schnitt ich mir nun ab. Ach, die Möglichkeit! Die Menschen wissen gar nicht, was sie an der bloßen Möglichkeit haben. Oder vielmehr, sie wissen es wohl, Alle überschätzen sogar die Möglichkeit! Weil alles Gute, Freiheit, Friede, Glück, möglich ist -- darum halten sie aus wie besessen, so lange es möglich ist, ja meist noch länger, noch schändlicher. Diese Betrachtung stärkte mich recht, wenn ich mit meinem Sohne durch die zwanzig Dorfschaften ritt, deren Ambassadeur ich war. Wie sie so still vor den Thüren saßen, wie sie sich um mich versammelten, die Greise, die Männer, die Weiber und Kinder, die Jungfrauen und Junggesellen! Sie waren Alle ausgewurzelt mit dem Geiste, nur leicht in Erde geschlagen, wie Bäume, die versetzt werden sollen. Aber es war auch schon ein Geist über sie gekommen, wie ich ihn diesen Leuten nie zugetraut hätte, sondern überhaupt nur der Welt und dem Gott, von wannen er ihnen gekommen. Ja die Leute trösteten mich und drängten mich! In Frankreich hatten die Pfaffen wieder einmal dem Volke den jüngsten Tag weiß gemacht und angesetzt. Der Wirrwarr soll aus der Maaßen gewesen seyn. So konnte ich auch an jedem Abend sagen: Ich habe heut seltsame Dinge gesehen. Wie vor dem jüngsten Tage ging es auch hier zu -- und wer weiß, wie nahe er ist -- nur alles hier geordneter und zu einem vernünftigen Zwecke, wozu eine besondere Thätigkeit nöthig war, kein Heulen und Zähneklappen und Lippengeplärr. Fast Alles, was die guten Leute hatten, war auf die Bedingung verkauft, verschenkt, ja durch Testamente vermacht an Andere, Bleibende, Herziehende, wenn ich ihnen Nachricht sendete, Freudennachricht: »Ihr Menschen kommt! Ich habe gefunden, was Ihr gesucht, seit Eure Väter aus Indien gezogen, so viel tausend Jahre sie hier sich versessen, und am Teich Bethesda gelegen, den kein Engel bewegt, geschweige ein schwarzer Engel oder mehrere.« Sie betrachteten den Amerikaner, wie ohngefähr die Peruaner einst einen weißen Sohn der Sonne, der zaubern könne. Und so thaten wirklich seine einfachen, graden, wahren Worte, keine Versprechungen. Selber der kleine Landesherr würde keinen solchen Eindruck mehr auf sie gemacht haben, wie Er. Ich seufzte und schwieg. Mein Sohn ging statt rothweltlich nunmehr wiederum schwarzgeistlich; auch den Schnurr- und Schnauzbart hatte ich ihm im Schlafe abrasirt, versteht sich in Eil _nur_ ein Wenig davon, nur die Hälfte auf einer Seite, und die andere Hälfte mußte er Schande halber am Morgen dann selbst cassiren. Alles Volk kam mir auch wie von einem guten Vater jetzt so halb rasirt vor, und die Schande des Halben wird alles Halbe nun selbst rasiren. Wie lange saß ich selber nicht eingeseift! Ich ermahnte die guten Leute zu Geduld, und sie frugen mich fast wehmüthig, ob sie nicht Geduld gelernt hätten, und nun eben erst recht beweisen wollten dadurch, daß sie wegzögen? Ich hatte mich mit den Anordnern von Auswanderungen in vielen andern Gegenden in Verbindung, gesetzt; mit den sehr löblichen Anordnern und Versorgern der Auswanderer aus der Schweiz, aus Würtemberg, aus Rheinbaiern, den Rheinprovinzen, aus Hessen und Sachsen, und manches Gute erfahren, auch Bücher zugesandt erhalten, viele von den Verfassern selbst; denn welcher Deutsche meint es nicht selbst mit dem Teufel gut -- wie Klopstock mit dem bösen Engel -- geschweige mit Deutschen. Diese Bücher vertheilte ich nun in alle die Dörfer so, daß sie wechselten und Jedes in jedem den Gemeinden an den Sonntagen vorgelesen wurde. Als: Kromme's Reise durch die vereinigten Staaten; Klinkhardts Reise nach Nordamerika; das herrliche: »Michigan«, ein Wegweiser für Auswanderer; »Illinois«, ein Wegweiser für _Ein_wanderer; (schön gesagt: _ein_ statt _aus_, denn wer auswandert, thut es eben blos um einzuwandern) »Leben und Sitten in Amerika«; -- »Missouri, ein Wegweiser für Einwanderer«; -- »Doctor August Neanders Richard Boxter«; -- »Kurze Schilderung der Nordamerikanischen Staaten nebst ausführlichen Vorsichtsregeln für Auswanderer, von Witte«; -- »Der Nordamerikanische Rathgeber von Gerke«; -- »Der vollkommene Nordamerikaner, von Dalp aus Bern.« (Das bis jetzt beste Buch von allen). Und so manche andere Bücher und Charten. Auch hatte ich mir selbst eine enorme Charte der vereinigten Staaten zusammengemalt, eine Specialcharte, illuminirt, so groß, wie ein Scheuntenne, und auf ein Tenne ließ ich sie breiten, und mein bester Schulmeister Tolera erklärte sie mit einem Rechenstiele den Zuschauern im leeren Bansen. Abends fand ich gewöhnlich Handwerker mit ihren Weibern bei mir; und selbst ein sonst immer betrunkener Schlosser war so feierlich-nüchtern, so weiß gewaschen, verständig, so wohl gekleidet und artig, voll vom Gefühl, daß sie nach Amerika wollten -- als wenn sie wegen einer edlen That sollten zu einem König zur Tafel gehen, und bei mir Probe äßen, denn ich behielt die guten Leute zu Tische. Meine Tochter Maria hatte ihre Kleider, und Alles, was ich von Weiberhand bedurfte, selbst fleißig gemacht und fertig. Die Mutter hatte keine Hand dabei angelegt. Mein Sohn Marbod war in meine Stelle eingewiesen. Ihr ward noch kein Auge feucht. Erst als ich am Auferstehungstage meine letzte Predigt gehalten, als ich den Leuten das Abendmahl ausgetheilt und es selbst genommen, noch einmal den lieben Ort, die versammelten Menschen, die Apostel über mir im Gewölbe angesehen, und die Altarstufen hinunter gewankt und über die Gräber nach Hause geeilt war, und meiner Frau um den Hals fiel, da glaubte sie mir -- denn sie war in der Kirche gewesen und, aus Wehmuth, vor mir nach Hause geeilt. Als sie sich ausgeweint hatte, stand sie, düster zur Erde blickend, glühend im Gesicht, und sprach zuletzt: »Das hätte ich nicht von Dir geglaubt, daß Du mich verlassen würdest . . . .«

Und ich nicht von Dir, sprach ich gestärkt, und bat und drängte sie, mitzukommen.

»Siehe,« sprach sie aufblickend, »soll ich es denn sagen? Wie elend haben wir Jahre lang uns durchgebracht, wie schwer die Kinder erzogen! Denn was Ältern jetzt auf Kinder wenden wollen, das müssen sie sich abdarben. Ihr Geistlichen seid zumeist auf Korn und Hafer gesetzt -- auf Geld sitzt Ihr nicht; höchstens auf den paar Groschen für Trauen und Taufen; zum Abendmahl gehen Viele nicht, weil sie es bezahlen müssen -- und Korn und Hafer gilt nicht, und von Brot lebt man heut zu Tag nicht -- und so haben wir schändlich genug auf den Tod meiner alten Muhme, der Frau von Gaispitzheim in Breslau, gewartet; aber heute lebt sie noch und sitzt auf ihren drei Tonnen Goldes. Gehe ich nun . . . sterbe ich vielleicht, so bekommen unsere Kinder Nichts! Und die armen drei Kinder müssen sich eben so plagen, so darben und dulden wie wir. In Breslau liegt Amerika für mich! Also weil ich redlich als Mutter denke, darum bleibe ich! -- Sprich nicht, ich bin kein gutes Weib, oder gar: ich scheide mich von Dir. Du scheidest Dich ja auch nicht von mir -- das weiß ich -- Du gehest nur! Ach, darum gehe, und gehe getrost, und laß mich getrost. Nur Eins wäre schlimm, und ein schlimmer Betrug, wenn ich bliebe und doch vor der Erblasserin stürbe. Dann gedenke mein! Ich habe es gut gemeint.«

Darauf gab sie sich mir wieder hin. Ich fühlte ihre Nähe, ihr Glühen, ihre Liebe, Ihren Besitz. Die helle schöne Sonne schien uns Beide an, wir hatten zwei Schatten, aber Ein Herz für die Unsern -- _Wen_ wir jedes denn für die Unsern hielten! _Wie_ wir es Beide denn gut mit ihnen zu meinen glaubten. Und von ihren heißen Worten schmolz mein Verdacht, als bliebe sie nur weil sie eine Adlige war, und sie wußte, daß ein Adliger eben grade viel weniger in den Freistaaten gilt, als ein verständiger Bauer, und alle Europäische Thorheit, wie türkische Pantoffeln vor dem Gotteshause, auf dem Strande von Amerika abgelegt werden muß, wenn Jemand noch so halsstarrig gewesen, sie nicht zu Hause abzulegen, oder auf der tausend Meilen langen Bußreise durch die Meereswüste, und da sie Gott und Menschen, selbst Wallfischen und Gestirnen abzubitten. Mir war also ein Stein _vom_ Herzen, aber ein anderer _darauf_ gewälzt -- mit sehenden Augen, mit Liebe im Herzen, bei lebendigem Leibe und vollem Verstande von meinem Weibe zu scheiden. Denn meine Trennung war einer Scheidung wenigstens gleich! Aber ich hatte mein Wort gegeben, ja meine Seele, das heißt: meine Überzeugung, und so schied ich mich als Geistlicher mit den gebräuchlichen Worten von ihr; aber sie war dazu vor mir niedergeknieet -- und ich knieete zuletzt auch zu ihr, und wir hielten uns an den Händen und sahen uns an einander noch einmal satt. Da hörten wir den Gustav Adolph gelaufen kommen. Wir standen gefaßt auf. Und daß der Knabe bei der Mutter bleiben sollte, -- weil er wollte, war mir nun lieb; denn sie blieb bei unserem Sohne Marbod, und wenn Dieser nun droben über ihr in der Studirstube umher ging, konnte sie denken: Ich bin's. Bis sie weinte und sprach, ach, Er ist es nicht, Der ist geschieden! Aber ich will ihm alle Jahre schreiben zur Christbescherung und er schreibt mir, und wenn die Dörfer nachwandern, wandre ich mit . . . . oder schiffe nach! --

Drauf saßen wir Alle vereint, die Henkersmahlzeit zu essen. Da ereignete sich noch eine kurze Scene. Nun, da meine Mirjam mit weggehen sollte, jetzt war es meinem Diakonus Bierey eingefallen sie zu heirathen. Er kam noch vor Tische und hielt um sie an. Ich überließ die Antwort meiner Tochter, die ihm Ja sagte -- wenn er mitgehen wollte. »In Amerika soll das vortrefflichste Bier seyn,« sprach er, »auch Wein schon. Das lockt mich sehr; aber dort bin ich von der Gemeinde absetzbar, und meine Einkünfte hängen von der Vortrefflichkeit meiner Predigten ab -- und da man sich auspredigt, und alle Jahre schlechter -- schlecht will ich nicht sagen -- so will ich doch in meinem Europäischen schwarzen Talar stecken bleiben -- so leid es mir thut, beste Maria! Nun heirathe ich in meinem Leben nicht, denn es war nur so ein Einfall, aus Neid gewiß nur, denn das Lagerbier ist noch zu jung und bekommt mir nicht. Also ein Einfall aus Neid, aus was Sie wollen, nur machen Sie mich nicht lächerlich, daß ich derber Vierziger habe heirathen wollen. Es würde mir schlecht gegangen seyn!«

Mit den letzten Worten meinte er seine bewährte Antipathie gegen die Mäßigkeitsvereine, nicht gegen die verschiedenen trinkbaren Stoffe, wogegen sie errichtet sind. In Amerika hätte er nun vielleicht gar an die Spitze eines solchen Vereines treten sollen. Er mußte, als Dank von meiner Seite, mein Gast seyn. Die Baronesse schickte mir zur Henkersmahlzeit mit den Meinen sechs Flaschen edlen Wein; und schon bei der zweiten hatte er seine neue Liebschaft über die alte vergessen. Was uns aber traurig überraschte -- sechs sehr artige, liebe, wohlerzogene Jungfrauen, die Töchter des uns bekannten, verarmten und als Wittwer begrabenen Eisengußwerkdirectors Horazius kamen reisefertig, und baten mich, daß sie blos unter meinem Schutze mitreisen dürften. Sie wollten sich ungekannt _drüben_ vermiethen -- hier schämten sie sich. Sie zeigten mir ihre sechs kleinen Beutelchen mit dem Gelde zur Überfahrt. Es ward ein Taufen angesagt; der Diakonus empfahl sich uns allen und seinen lieben sechs Muhmen -- und wünschte uns: glückliche Reise! Es ist kein Zweifel, wer das Sterben erfunden, der hat auch das Abschiednehmen erdacht, es geschieht alle Tage auf der ganzen Erde gewiß tausendfach, aber ich glaube hauptsächlich nur deswegen, daß der Mensch recht empfinden soll, was er besitzt, besessen hat, und in Wahrheit doch behält, sonst würde es bei allen bittern Schmerzen doch nicht zugleich ja gar so selig seyn! »Wir behalten uns!« sprach ich schon immer im Voraus, indem ich in der Stube auf und abging, bald meine -- ach was denn! _meine_ Kupferstiche ja nicht mehr -- an der Wand ansah, bald meine Mirjam, die, auf dem Sofa sitzend, eine Hand der Mutter gegeben hatte, eine Hand ihrer Jugendfreundin, der Baronesse. Darum ist mein zweiter Hauptrath zum Auswandern: _Nehme Jeder alle die Seinen mit!_ Sonst scheidet er nicht, nein, er schneidet sich entzwei, kommt mit dem verdrossenen Leibe drüben an, und hat die Seele zu Hause gelassen. Wo _alle_ die Unsern sind, da ist es zuletzt überall schön oder doch gut genug. Kinder aber scheiden noch leicht und verlieren noch unbekümmert. Denn mein dummer Junge, mein Gustav Adolph, malte lieber Ostereier, als daß er eine Viertelstunde neben mir gesessen hätte, um meine letzten väterlichen Worte anzuhören! Kinder sind Etwas, sind Viel -- und auch Nichts! Unsere Stube war voll vornehmes Abschiedsgesindel, Gevattern, Pathen, Anverwandte. Alles Weltneugierige. Die Menschen können Keinen sterben lassen, er muß ihnen wenigstens noch 12 mal 12 multipliciren; sie müssen ihn trösten, bedauern, vergeben, kränken und zu rechte rücken; sie können Keinen scheiden lassen, sie müssen ihm das Leben schwer und die Zunge leicht machen. Ich ging also indeß auch Abschied, nehmen -- zu meinen Büchern. Hilf Gott! wie überfiel es mich da! Ich weinte bitterlich! Aber sonderbar, wie ein Sterbender that ich einen befreiten Blick über die armen Geister. Viel Freude ist in unsrer Literatur nicht, das Meiste: Bedürfniß, Noth, Hülfe. Es ging mir ein Licht auf; ich möchte sagen, ein bitteres. Kein Mensch schreibt mehr aufrichtig! Höchstens ein Mediciner, ein Bohneneinsalzer. Keine Geographie, keine Geschichte ist aufrichtig, was verdient Aufrichtigkeit genannt zu werden. Und da nun Jeder anders fühlt und denkt, so seufzte ich schwer: Ach, mit der Aufrichtigkeit stirbt die Treue, mit der Treue stirbt der Mensch. --

»Sind wir Menschen?« frug eine höhnische Stimme, wie der Teufel, hinter mir, und ich sahe mich um. Aber nun auch, wie viel war ich los und warf ich ab: zuerst alle Landcharten, Rußland, Türkei, Kirchenstaat, Spanien, Portugal, selber Deutschland! Alle Journale fielen von mir ab, wie angeklebte Bilder von einem als Bildermann maskirten Apotheker. Alle Zeitungen, alle Kirchenzeitungen, denn nur noch eine Teufelszeitung fehlt -- zerfielen in ihren deutschen Staub, Gott sei Dank! Ich war wie neugeboren. Alle Philosophie, die zuletzt nur dem Papst den Pantoffel flickte. Selbst alle Dichter. Und wie im Himmelsfeuer stand mir Göthe auf seinem Tabor verklärt. Denn sonderbar, unser Matador, der manchen Stier erlegt, unser Dichterfürst, was hat er wiederum in seinem besten, schönsten Werk, dem Wilhelm Meister, anders angelegt -- und vollständig in den schwer verkannten Wanderjahren gelehrt -- als _die Auswanderung! Die Auswanderung!_ Derselbe, der Herrmann und Dorothee das einzig hülfreiche Wort zur Zeit sprach: Dächten Alle wie ich, so stände die Macht gegen die Macht auf, und wir erfreuten uns Alle des Friedens. Könnte man sich manche Deutschen so dumm denken, daß ein Mann wie Göthe, genährt mit dem Mark der alten Welt, und in Leib und Herzen und Geist das Mark der Natur, ein Mann, der für sich gar herrlich wußte frei zu seyn, und sich aus Allem los zu ringen, so vernagelt, so neidisch, so niederträchtig gelebt und gedacht, nicht Allen Andern das zu gönnen, was ihm allein nichts helfen konnte? In Amerika will ich ein Büchlein ediren »der Volksfreund von Goethe,« der seine ungeheuren Worte frei machen soll. Ja, ich getraute mich, durch Auszüge und Zusammenstellungen seiner schlagenden und erschlagenden Blitze ihn gradezu auf eine der beliebtesten Vestungen zu bringen, wenn er nicht sicher in der Fürstengruft ruhte. -- Sicher? -- Hat man nicht schon gesagt, er werde wieder hinaus practicirt werden? Weil auch der Staub verschieden sei . . . . weil auch noch die Feder der todten Taube sich vor der Feder des todten Habichts krümme, also krümmen müsse. Fahret hin! sprach ich lachend. Ich fahre auch hin. Aber zur Mitgift auf die Reise stach ich mit dem Finger blind in ein Buch, dachte dabei an Amerika, blickte dann hin und las mit Rührung die schöne tröstliche Stelle in Iphigenia:

»Denken die Himmlischen Einem der Erdgebornen Viele Verwirrungen zu, Und bereiten sie ihm Von der Freude zu Schmerzen Tief-erschütternden Übergang; Dann erziehen sie ihm In der Nähe der Stadt, _Oder an fernem Gestade_ -- Daß in Stunden der Noth Auch die Hülfe bereit sei -- _Einen ruhigen Freund_.«

Ich küßte den Band und ließ ihn wie Honig in einem absterbenden Baume. Die größte Aufgabe der Indier während ihres Lagers im sogenannten Deutschland scheint mir die Läuterung des durch die herrschsüchtigen Neu-Römer verfälschten Christenthums, und so nahm ich als reines Facit nur »D. August Neanders Werke« und »Reinhards Plan Jesu« mit mir. Von weltlichen Büchern aber ein Buch -- wozu ein Volk von Gelehrten gehörte, also die Deutschen, und Jahrtausend alte und reiche Kenntniß es zu schreiben -- eine Bibliothek in Einem Werke, mit einem Wort: die unschätzbare »Encyclopädie von Gruber und Ersch.« Wenn einmal ein auf Welt-Unkosten reisender himmlischer Regierungsrath, oder himmlischer geheimer Consistorial-Assessor käme, und auf der Erde Schulexamen ihrer Kinder vorgehalten haben wollte, oder Adam früge: wie viel wissen denn nun meine Kinder durch die Frucht vom Baume der Erkenntniß; so thäte man füglich am kürzesten, dem Vater Adam oder dem himmlischen Regierungsrath oder himmlischen Ober-Consistorial-Assessor die Encyclopädie von Gruber und Ersch als Scriptum der geistreichen Kinder zur Einsicht und Kenntnißnahme gehorsamst darzureichen. Und der Bericht an die Weltregierung, das große Ministerium des wahren Cultus, würde glänzend ausfallen.

Jetzt Abends brachten mir arme Bürger eine Musik. Ich weiß nicht, ich bin bei allen Dingen standhaft, sie kommen mir alle noch weltlich, oberflächlich, menschlich vor. Aber, so wie Musik erschallt, wie Klänge aus der gewöhnlichen Menschenluft da draußen sich regen und hervorbrechen wie rosige Blitze aus Wolken, und wie Donnergemurr und Gottes Rede aus Wolken -- dann bin ich hin, dann bin ich erweicht, und die Geister machen mit mir was sie wollen, und das Ereigniß erscheint nun geweiht, es geschieht nun im ewigen schönen geheimen Leben; die Geister des Himmels wissen darum, sie loben, sie preisen, sie verherrlichen es mit ihren Engelszungen, und nur mit höchster Überwindung bring' ich's dahin, dazu und darein zu singen, und wenn mir's gelingt, dann lebe ich mit in dem Leben der himmlischen Heerschaaren! Und nun sangen sie gar: »Befiehl du deine Wege!« . . . und mit erhöhter gewaltiger Stimme: »Und ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehn, so wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurücke gehn. Was Er sich fürgenommen, und was Er haben will, das muß doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel!« . . . und das Kraftwort: »Mach' End, o Herr, mach' Ende an aller unser Noth!« -- Da trat der General-Vormund mit meiner lieben Lehrtochter, der Baronesse, zu mir Einsamen herein. Sie wünschten mir Glück, sie empfahlen sich meiner Gunst und Vorsorge. Denn er übergab mir 2000 Guineen als Privateigenthum seiner Mündel, das in der englischen Bank gestanden und den Gläubigern nie mit gehört habe -- nur die Baronie -- und auf den Fall, daß sie den Gläubigern ganz gehören werde, sollte ich dem armen Kinde reicher Ahnen, der jungen Baronesse, drüben wieder ein Stück Amerika kaufen, so groß es für das Geld seyn werde und könne. Kaufen aber sollte ich jedenfalls; »denn,« sprach der General-Vormund, »in Zeiten muß Jeder für seinen Fall besorgt seyn. Vorsorge ist die wahre Sorge. Alles Andere ist Kummer und Noth.« -- Dagegen versprachen sie mir, für meinen Sohn alles Mögliche zu thun, und meiner -- Strohwittwe Freude zu machen, die eigentlich nur um des geliebten Sohnes willen dableibe -- und die Freysingen gab mir ihr Händchen darauf, aber sie zitterte, sie war erröthet und ihre Augen schlug sie schüchtern nieder und ein Lächeln schwebte über ihr Gesicht und -- ich segnete sie . . . . . wenn mein Vaterherz sie recht verstanden hatte, und sie weinte.

»Ja, es ist ein Elend,« stöhnte der General-Vormund; »die alten Burgen wäscht der Regen herunter, und auch alle die Herren _von_ -- »»die Herren von Hab' und Gut«« -- führt der Himmel auch herab unter die Menschenkinder.«

Am schwersten schien mir der Abschied von meiner alten lieben Großmutter, die in dem Alter von 88 Jahren und staarblind in meinem Hause lebte, still und ungemerkt. Aber er ward mir am leichtesten. Denn die gute Alte segnete meinen Gang und sprach: »Du hast wohl einmal gehört, mein Kind, daß mein jüngster Sohn August, um mich als Wittwe zu kränken, von mir gegangen ist nach Amerika. Das hab' ich aus Rotterdam erfahren. Er war kaum Chirurgus. Meine Augen waren immer schwach; er wollte mich heilen und sein Mittel machte mich blind. Da stieß ich harte Worte im ersten Schrecken gegen ihn aus. Er solle aus meinen Augen gehn! Ich wolle ihn nicht mehr sehn! -- Ich will Sie nicht mehr sehen, meine Mutter; ich kann es auch nicht! sprach er und floh. Mein Gesicht kam wieder. Er blieb fort. Nun bin ich blind! Nun kann er kommen! So lange habe ich gelebt, ihn wieder zu sehen! Und gieb Acht, er lebt noch, Du findest ihn! Ja, so lange sterbe ich nicht, bis er kommt. Und Du kommst auch wieder, mein Sohn!«

Nach Allem endlich schliefen wir zum letzten Male im Hause zusammen. O das letzte Lichtauslöschen! Das letzte Gute-Nachtsagen! Und die Glockenschläge der alten Uhr vom alten Thurme! Und das letzte Tagabrufen des Nachtwächters! O die Welt ist entsetzlich tief und schauerlich! Und das Menschenherz ist sehr stark, und unzerreißbar von allen Erdbeben und Stürmen, die unter Gewitterwolken es zittern und klingen lassen von unbegreiflichen, hinreißenden Melodieen des Lebens. Und die Träume kamen; die alten Träume, die weinenden, kamen lachend; und die neuen Träume, die lachenden, kamen weinend! Und ich schlummerte ein wenig, und die Träume weinten viel, aber die Thränen standen am Morgen _mir_ in den Augen. Und ich dachte, so ist schon Hunderttausenden gewesen, in alten Tagen und neuen! So wird noch Millionen seyn, so Gott will. Alle Thüren im Hause standen offen, als ginge es auf einen großen Jahrmarkt . . . . ich jagte noch unser Rothkehlchen hinaus in die Freiheit; ich lies den Zeisig aus dem Gebauer in die Freiheit -- die Katze blieb und der Hund lief mit! Und sonderbar -- ich schied von Nichts und von Niemand schwerer, als von Jemand, den ich doch mit mir nahm -- von meiner Tochter! Wohl weil ich sah, wie sie Mutter und Bruder und Heimath verlor. Man muß die Augen zumachen wie ein Todter, den man hinausträgt, sprach ich zu mir. Mit offenen Augen schiede er selber schwer! --

»_Du kommst wieder!_« sprach mein Weib zum Abschiedswort, und blieb fest in der Hausthür stehen, »Komm' wieder, Vater!« sprach mein Knabe, und kroch mir noch in den Wagen nach, um mich noch einmal zu küssen; -- denn ich hatte Pfefferkuchen bei mir!